Und noch ein Einkauf

Diesmal mit Karlsson und Luise. Ein Wocheneinkauf, also nichts so Kompliziertes wie gestern. Gerade richtig, um mal wieder Zeit zu haben, um von meinen beiden grössten Kindern die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht gesagt zu bekommen.

„Die Frau X hat gemeint, mich könne nichts aus der Ruhe bringen“, erzähle ich den beiden lachend. „Könnt ihr euch das vorstellen? Ausgerechnet mich soll nichts aus der Ruhe bringen.“ Karlsson und Luise lachen schallend und ich fahre fort: „Ich habe ihr dann gesagt, dass ich auch mal ganz schön laut werden kann. Wenn die wüsste…“ Wieder lautes Gelächter, dann meint Karlsson ganz ohne Vorwurf in der Stimme: „Ja, wenn man dich so mit anderen Leuten erlebt, dann könnte man schon meinen, du seist immer nur freundlich. Mit anderen Kindern schimpfst du nie so wie mit uns.“ Ich zucke zusammen. Bin ich jetzt wirklich geworden, wie ich nie sein wollte. Nett und liebevoll zu fremden Kindern, ungeduldig und unfreundlich zu meinen eigenen? „Ist es wirklich so schlimm?“, frage ich Karlsson und Luise und zittere innerlich vor der Antwort. Was, wenn sie mir genau dies bestätigen? Wenn sie sich fühlen, als würde ich sie nicht lieben, als wünschte ich mir andere Kinder?

Die Antwort der beiden lässt nicht lange auf sich warten. „Nein Mama, du schimpfst gar nicht mehr so viel wie früher. Früher hast du immer geschimpft“, beruhigt mich Luise und Karlsson erklärt: „Weisst du, Mama, bei dir ist das gleich wie bei mir. In der Schule können die sich ja auch nicht vorstellen, dass ich zu Hause motze, die Türe knalle und wild bin. Die glauben ja auch, ich sei immer nur lieb und nett.“

Also alles noch im grünen Bereich. Ich bin nicht anders als die meisten anderen Menschen auch: Die Menschen, die mir wenig bedeuten, müssen sich mit meiner Freundlichkeit begnügen, während diejenigen, die ich am meisten liebe, das Privileg haben, meine der Allgemeinheit verborgenen Fehler immer mal wieder in vollen Zügen geniessen zu dürfen.

Einkauf mit Karlsson

Mama Venditti: „Karlsson, du brauchst eine neue Frühlingsjacke. Es ist zu warm für die Winterjacke. Komm, wir schauen mal in dem Geschäft dort drüben, ob wir etwas finden.“

Karlsson: „Okay, aber ich will einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock? Aber Karlsson, du weisst doch, dass man so etwas bei C&A nicht bekommt.“

Karlsson: „Ich möchte aber trotzdem einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock finden wir hier nicht, aber vielleicht hat’s ja sonst etwas Schönes.“

Karlsson brummt irgend etwas Unverständliches vor sich hin. Es klingt verdächtig nach „Die haben ja keinen Stil mehr heutzutage…“ Mama und Karlsson steuern auf die Ständer mit den Jacken zu, doch plötzlich verschwindet Karlsson hinter einem Regal.

Karlsson: „Mama, komm mal her! Hier haben sie Anzüge! Schau mal, wie schön die sind.“

Mama kämpft sich mit dem Kinderwagen an den Kleiderständern vorbei, um zu Karlsson zu gelangen. Sie findet ihn tatsächlich bei den Anzügen. Ach ja, ist ja bald wieder Zeit für die Konfirmationen. Darum haben die Anzüge hier. Aber natürlich keine Gehröcke, was aber Karlsson ziemlich egal ist.

Karlsson, sehnsüchtig: „Sind die nicht wunderschön?“

Mama Venditti: „Doch Karlsson, natürlich die sind wunderschön. Aber schau mal, so ein Anzug kostet fast zweihundert Franken. Das ist einfach zu viel für etwas, was du kaum je wirst tragen können. Komm, wir suchen jetzt nach einer Frühlingsjacke.“

Karlsson folgt seiner Mama widerwillig und schimpft: „Aber glaub mir, ich nehme nichts Hässliches. Und hier sehe ich nur Hässliches.“

Mama Venditti: „Wie wär’s mit dieser Blauen? Die ist doch nicht schlecht.“

Karlsson: „So etwas willst du mir andrehen? Aber die hat ja überhaupt keinen Stil. Glaub mir, hier finde ich nichts.“

Mama Venditti schaut sich weiter im Laden um. Irgend etwas muss es hier doch haben für ihren Ältesten. Gut, die Schwarze mit dem weissen Aufdruck wird er ganz bestimmt nicht nehmen. Und die Olivgrüne erst recht nicht. Aber vielleicht die Rote? Nein, die will er auch nicht. Da, als sie schon fast die Hoffnung aufgeben will, fällt ihr Blick auf ein Regal in der hintersten Ecke des Geschäfts.

Mama Venditti: „Schau, Karlsson, dort hinten hat es Krawatten! Wenn du dich für eine der Jacken hier entscheidest, kaufe ich dir eine Krawatte, versprochen.“

Karlsson eilt zum nächstbesten Ständer, schnappt sich die rote Windjacke, die er Momente zuvor noch verschmäht hatte und verkündet: „Die nehme ich. Kannst du sie schnell halten für mich, damit ich mir eine Krawatte aussuchen kann?“

Während Karlsson seine Krawatte auswählt, steht Mama Venditti da und erinnert sich an die Karikatur, die sie in ihrer Kindheit stets als irrwitzig empfunden hatte: Die Eltern, zwei Punks mit Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln im Ohr, tadeln ihren Sohn, der in Anzug und Krawatte vor ihnen steht: „So gehst du uns nicht aus dem Haus!“ Gut, Mama Venditti ist zwar kein Punk. Dennoch erkennt sie sich beinahe in den Eltern aus der Karikatur wieder, denn mit der bürgerlichen Bänklerkluft hat sie ihre liebe Mühe. Aber was soll’s? Die jungen Menschen müssen sich eben austoben. Zum Glück weiss Mama Venditti, dass ihr Sohn eher auf Barock denn auf Bänkler steht und darum weiss sie, dass er die Kurve kriegen wird. Auch wenn es vielleicht schmerzhaft sein wird, wenn er dabei den Umweg über Anzug und Krawatte machen muss…


Hast du das denn verdient?

Der letzte Schwimmkurs von Karlsson und Luise neigt sich dem Ende zu und wie immer, wenn ich sehe, wie sehr sich die Kinder bemüht haben – und wenn unser Budget die Kosten für drei Schwimmkurse verdaut hat – werde ich gegen Ende der intensiven Zeit weich und gestatte einen Besuch am Kiosk vor dem Nachhausegehen. Eigentlich sind mir ja diese Süssigkeiten nach dem Schwimmen zutiefst suspekt, aber wenigstens einmal während eines Kurses muss man eine Ausnahme machen. Finde ich. Die Mutter, die mit ihrer Kinderschar hinter uns am Kiosk ansteht, scheint dies ein wenig anders zu sehen. Auf die schüchterne Frage ihrer grössten Tochter, ob sie vielleicht auch eine kleine Süssigkeit haben dürfe, meint die Mutter zwar völlig vorwurfslos, aber dennoch mit bitterem Ernst in der Stimme: „Hast du das denn verdient?“

Als wir uns mit unserem süssen Grosseinkauf – die Kleinen, die zu Hause geblieben sind, sollen auch etwas bekommen – auf den Heimweg machen, sind Karlsson und Luise entsetzt: „Mama, hast du gehört, was die Frau gesagt hat? Findest du das nicht furchtbar, dass das Kind sich die Süssigkeiten verdienen muss?“ Doch, ich finde es furchtbar. Was für ein trauriges Dasein, wenn man sich auch noch die kleinste Freude im Leben zuerst verdienen muss, bevor man sie geniessen darf.

Keine Antwort

Da will man nach einem Grippetag, den man damit verbracht hat, die deprimierenden Nachrichten aus aller Welt in der Sonntagspresse eingehend zu studieren, noch ganz kurz die Nachrichten schauen. Um zu erfahren, ob noch immer so getan wird, als sei die Sache mit den Japanischen AKWs weiter nicht schlimm. Um etwas darüber zu erfahren, ob man hierzulande inzwischen nicht vielleicht doch ein klein wenig daran zweifelt, ob neue AKWs gebaut werden sollen.

Aber die Nachrichten lassen auf sich warten, denn in der Schweiz hat man wichtigere Sorgen: Wer wird das Rennen um den Titel „Das grösste Schweizer Talent“ machen? Man schaut zu, wie Menschen für irgendwelchen Mist bejubelt werden und plötzlich fragt man sich, ob all der Klamauk vielleicht nur da ist, um zu kaschieren, dass man auf die harten Fragen des Lebens keine Antworten weiss.

Ach und übrigens, über die Katastrophe in Japan habe ich den Kindern für einmal nichts erzählt, denn von unserem Küchenfenster aus geniessen wir beste Sicht auf den Kühlturm. Und ich glaube nicht, dass ich eine beruhigende Antwort auf die kindliche Frage „Was wäre wenn…“ aus dem Hut zaubern könnte.

Arrangiert

Da waren wir neulich wieder  mal in jenem unsäglichen Parkhaus, in dem es weder Lift  noch Rampe gibt. Einfach nur enge, steile Treppen. Diesmal waren wir ohne Kinderwagen unterwegs und vielleicht  erinnerte ich mich gerade deswegen besonders lebhaft an die unzähligen Male, die ich mich – meist hochschwanger- diese Treppe hochgekämpft hatte, krampfhaft darum bemüht, den Kinderwagen nicht fallen zu  lassen, schwitzend und schimpfend über das Land, das für alles Geld hat, nur nicht für kinderwagen- und rolsstuhlgängiges Bauen.

Wie  wir so völlig problemlos die Treppe hochgingen, erinnerte ich mich an das böse Erwachen, das ich hatte, als ich  Mutter wurde. Wenn man Eltern wird, macht man sich ja auf alle möglichen Unannehmlichkeiten gefasst, bloss nicht auf die Stolpersteine des Alltags: Die steilen Stufen und die zu engen Durchgänge im Zug, Fussgängerampeln, die so schnell wieder auf rot wechseln, dass ein Kleinkind keine Chance hat, die  Strasse während einer einzigen Grünphase zu überqueren, Warenhäuser, deren Türen so schwer sind, dass Mama oder Papa es kaum schaffen, mit Kinderwagen und Kleinkind lebend in den Laden zu gelangen.

Als neugeborene Mutter ärgerte ich mich masslos über all die kleinen und grossen Hindernisse, die man kleinen Menschen und ihren Eltern so achtlos in den Weg stellt. Und weil ich als neugeborene Mutter gleichzeitig zur arbeitslosen Journalistin wurde, schwor ich mir, so lange auf die kleinen und grossen Missstände aufmerksam zu machen, bis sich etwas ändern würde in unserem ach so kinderfreundlichen Land. Ich würde Beschwerdenbriefe schreiben, Leserbriefe, ich würde mit meiner ganzen Kinderschar antraben, wenn ich etwas zu bemängeln hatte, ich würde wenn nötig auch Unterschriften sammeln. Ich hatte ja jetzt die Zeit dazu und ausserdem keinen Arbeitgeber mehr, der mir vorschreiben konnte, was ich schreiben durfte und was nicht.

Sah ich mich damals noch als Kämpferin, muss ich heute gestehen, dass nicht viel von meinem Eifer übrig geblieben ist. Gut, ich schrieb die eine oder andere Kolumne zum Thema, habe auch hin und wieder mal in meinem Blog auf das eine oder andere Problem hingewiesen. Aber wie ich so diese unsägliche Treppe im Parkhaus erklomm und an meinen Eifer von damals dachte, dämmerte mir, dass ich im Laufe der Jahre getan habe, was ich nie hätte tun wollen: Ich habe mich arrangiert mit der Situation. Zähneknirschend zwar und hin und wieder auch laut schimpfend, aber im Grossen und Ganzen habe ich mich mit all dem Mist abgefunden.

Für meine Nerven ist das vielleicht ganz gut so und für die Nerven meiner Mitmenschen auch. Aber wenn wir Eltern uns immer mit allem abfinden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn noch unsere Kinder sich  damit abmühen werden, schimpfend und schwitzend den Kinderwagen steile, enge Treppen hochzuschleppen.

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.

Kommt er, geht er oder bleibt er?

Dieser elende Käfer soll sich doch endlich mal entscheiden, ob er kommen, gehen oder bleiben will. Mal liegen unsere Knöpfe bleich und abgekämpft da und sehen aus, als würden sie in den nächsten fünf Tagen nicht mehr aus dem Bett kommen und zwei Stunden später hüpfen sie wieder alle putzmunter durch die Gegend und schlagen sich die Bäuche voll. Also schickst du sie zur Schule, weil sie ja gesund sind und tatsächlich sieht es auch eine Weile lang danach aus, als hättest du den richtigen Entscheid gefällt. Aber nach der grossen Pause bekommst du plötzlich einen Anruf der Lehrerin, weil sie dein Kind nach Hause schicken will, da ihm so elend ist. Du schämst dich in Grund und Boden, dass du dein armes, krankes Kind am Morgen aus dem Haus geschickt hast, nimmst es mit einer warmen Decke und einer Tasse Tee in Empfang. Und dann, zwei Stunden später fragst du dich, weshalb du dich von der Lehrerin hast weichklopfen lassen, denn dein Kind tanzt dir frisch und fröhlich auf den Nerven rum, weil es sich ganz plötzlich doch wieder fit und sehr gelangweilt fühlt.

So langsam aber sicher treibt mich dieser Käfer, der momentan sein Unwesen treibt, in den Wahnsinn und ich bin versucht, ihm zu sagen, was unser Vater jeweils zu sagen pflegte, wenn wir zwischen Tür und Angel stehen blieben: „Komm rein, oder geh raus, aber mach dabei die Tür zu!“

Kaufrausch

Samstagvormittag ist für „Meinen“ und die Kinder Brockenstubenzeit. Wann immer sie es sich einrichten können, ziehen sie los, um eine Brockenstube nach der anderen abzuklappern. Bevor ich nun weiter erzähle, muss ich noch kurz erklären, was eine Brockenstube ist. Denn unser ehemaliges Au Pair, das ja bekanntlich aus Deutschland stammt, hat uns gesagt, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Also, eine Brockenstube ist ein Ort, an dem alles verkauft wird, was die Leute nicht mehr brauchen und dennoch nicht wegwerfen wollen: Alte Möbel, Kleider, Bücher, Schallplatten, Spielsachen, Küchenutensilien, Schmuck, Fahrräder, Geschirr, Blumenvasen, Rasierapparate,… einfach alles, was zu schade ist, um wegzuwerfen. Dinge, die neu genug sind, damit man sie noch brauchen kann aber noch nicht alt genug, um zu den Antiquitäten gezählt zu werden. In der Brocki, wie wir das auch nennen, nehmen sie fast alles und verkaufen es dann zu Spottpreisen.

Eigentlich eine gute Sache, nur für mich aus zwei Gründen nicht der Ort meiner Träume. Erstens büsse ich als Asthmatikerin jeden Ausflug ins Reich des alten Krimskrams mit einem heftigen Anfall und zweitens bin ich das jüngste von sieben Kindern und als solches habe ich mit so viel altem Kram gespielt, dass für mich beim Shoppen die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen, fast wichtiger sind als der Gegenstand, den ich erstanden habe. Die Brocki ist also nichts für mich und deshalb bleibe ich zu Hause, wenn die anderen stöbern gehen.

Heute hatte auch der Zoowärter keine Lust, mitzugehen und so blieb ich mit ihm und dem Prinzchen – der in seinem Wahn, jedes Regal auszuräumen, nicht Brocki-tauglich ist – zu Hause. Nach einer Stunde kamen die anderen zurück, schwer beladen mit bemalten Schälchen, einem Buttergeschirr, luftigen Foulards und zwei Afrikanischen Holzspeeren.  Als der Zoowärter die Speere sah, heulte er los. So unfair, dass seine Brüder so etwas Schönes bekommen und er nicht. Als er erfuhr, dass es in der Brocki noch einen dritten Speer hat, wurde das Geheul lauter. Der Zoowärter wollte diesen Speer und zwar jetzt, sofort. Aber jetzt, sofort wollte „Meiner“ nicht noch einmal in die Brocki fahren, also musste ich in den sauren Apfel beissen. Denn in der Brocki, so muss man wissen, muss man sofort zugreifen, da man nie sicher sein kann, ob nicht ein anderer Kunde einem das begehrte Stück wegschnappt.

Also fuhren wir los, der Zoowärter, Luise und ich. Die Kinder begeistert, ich nur widerwillig. Damit wir so bald als möglich wieder aus dem staubigen Loch entfliehen könnten, schickte ich Luise los, um den dritten und letzten Speer zu holen. Währenddem ich auf sie wartete, schaute ich mich um und was erblickte ich da, inmitten des ganzen Krams? Den Tischgrill für mexikanisches Essen, den ich schon oft sehnsüchtig im Katalog angeschaut hatte, ihn aber nie gekauft hatte, weil er mir einfach zu teuer war. Ich schaute mir das Ding näher an, sah, dass es wohl noch nie gebraucht worden war und dass es für gerade mal 29 Franken zu haben war. Was sollte ich bloss tun? Mein Stolz sagte mir, dass ich unmöglich in der Brocki einkaufen könne, wo ich doch seit Jahren verkünde, dass das nichts für mich sei. Wäre es nicht schrecklich peinlich, wenn ich „Meinem“ gestehen müsste, dass ich schwach geworden war? Auf der anderen Seite war das Ding ja tatsächlich noch neu, auch wenn die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen fehlten. So eine Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Schliesslich obsiegte mein Wunsch, das Gerät zu besitzen und ich schnappte es mir.

Und dann gab es kein Halten mehr. Ich holte mir einen Einkaufswagen, der schon bald mit Gratinformen, einer handbemalten Kuchenplatte und  einer fast neuen Eismaschine für nur 9 Franken beladen war. So langsam wurden die Kinder ungeduldig, aber ich wollte „nur noch mal schnell dort hinten in der Ecke beim Geschirr nachsehen“ und dann noch dort drüben bei „diesen wunderschönen alten Spielsachen“ und dann „vielleicht noch kurz bei den Lampen aber dann gehen wir bestimmt nach Hause“. Wo ich schon mal da war, musste ich mich doch umsehen. Man wusste ja nie, ob ich nicht noch auf die eine oder andere Trouvaille stossen würde.

Nun, es blieb bei den Dingen, die im Wagen lagen, denn irgendwann machten der Zoowärter und meine Bronchien nicht mehr mit. Auf dem Heimweg überlegte ich mir krampfhaft, mit welcher Ausrede ich mich zu Hause für meinen Kaufrausch rechtfertigen sollte. Was aber gar nicht nötig war, weil „Meiner“, der bei seinem Besuch weder den Tischgrill noch die Eismaschine gesehen hatte, beinahe erblasste vor Neid, dass ausgerechnet ich mit einer solchen Ausbeute nach Hause kam.

Sei doch nicht so eingeschnappt

Es war einmal ein Junge. Der einzige Sohn einer sehr überbehütenden Italienischen Mama, die nur das Allerbeste für ihren Sohn wollte. Als echte Italienische Mama wusste sie natürlich ganz genau, wie das Allerbeste für ihren Sohn auszusehen hatte: Kommoden, die bis obenhin vollgestopft waren mit Schlafanzügen und Unterwäsche, die noch in der Verpackung war und die auch in der Verpackung bleiben musste bis zu dem Tag, an dem der Sohn vielleicht einmal notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste. Regale, die sich bogen unter der Last von sündhaft teuren Pfannen, Kristallgläsern, Tischtüchern, Satinbettwäsche und Besteckgarnituren. Alles bereit für den Tag, an dem der einzige Sohn eine gross gewachsene, häusliche Italienerin zum Traualtar führen würde. Schubladen, die sich kaum öffnen liessen, weil darin mehr Süssigkeiten lagen, als der Junge je alleine hätte essen können. Ja, die Mama gab wirklich alles für ihr Kind.

Aber war der Sohn etwa dankbar für die Grosszügigkeit seiner Mama? Im Gegenteil. Anstatt seiner Mama freudig um den Hals zu fallen, als sie ihm zum fünfzehnten Geburtstag die Pfannen für seinen zukünftigen Haushalt schenkte, hatte er nur Spott und Hohn übrig für das sündhaft teure Geschenk. Wenn sie jeweils die zu klein gewordenen Schlafanzüge und die Unterwäsche, die noch in der Verpackung war, aussortierte, weil der medizinische Notfall nicht eingetreten war, lachte  er seine Mama aus und meinte, sie hätte das Geld besser für etwas anderes ausgegeben. Zum Eclat kam es, als der Sohn zwanzig wurde: Die Mama wollte ihm auf Biegen und Brechen eine Rado-Uhr schenken, der Sohn wollte davon nichts wissen und verlangte stattdessen eine Staffelei. Also bekam der Sohn nichts. Geschah ihm ganz recht, wo er doch einfach nicht einsehen  wollte, dass eine Italienische Mama immer Recht hat. Natürlich war die Mama zutiefst beleidigt, dass ihr Sohn nicht sehen wollte, was das Allerbeste für ihn war.

Heute, viele Jahre später, ist aus dem Jungen ein Papa geworden. Kein Papa eines Einzelkindes, Gott bewahre! So etwas wollte er seinen Kindern nie antun und deswegen zeugte er gleich deren fünf. Und weil der Sohn auch sonst nicht viel von den Werten seiner Mama hielt, zeugte er diese Kinder nicht mit einer gross gewachsenen, häuslichen Italienerin, sondern mit einer klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerin. Radikaler kann man sich wohl nicht von seiner Herkunft lossagen und man weiss nicht, ob die Mama diesen Bruch mit dem, was ihm seine Eltern mitgegeben haben, je ganz verzeihen wird.

Nun, ganz gebrochen hat er ja nicht mit seiner Herkunft, der Sohn. Eines hat er beibehalten: Er will das Beste für seine Kinder. Das Beste, das heisst bei ihm viel Liebe, miteinander reden, miteinander die Welt entdecken, Bilder für die Kinder malen, sie ermutigen  – und ihnen hin und wieder einen neuen Pyjama kaufen, wenn gerade etwas im Angebot ist. Man kann ja nie wissen, ob die Kinder nicht demnächst aus der Nachtwäsche herauswachsen werden und dann ist man doch froh, wenn man schon etwas Neues zur Hand hat.

Nun hat dieser Papa einen ältesten Sohn, der sehr stark nach seiner klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerischen Mama geraten ist. Das drückt sich in vielerlei Hinsicht aus, unter anderem auch darin, dass der Sohn keinen Laden so sehr verabscheut wie Aldi. Und ausgerechnet in diesem verabscheuungswürdigen Laden musste der Papa, der ohne es zu wollen einen Charakterzug seiner Mama geerbt hat, heute einen neuen Schlafanzug für seinen Ältesten kaufen. Immerhin hatte er genügend Feingefühl, seinem Sohn zu verschweigen, woher das schöne Stück kam und so schlüpfte der Sohn schnell in den neuen Anzug. Ebenso schnell schlüpfte er wieder raus, nachdem ihm seine Schwester verraten hatte, woher das Ding kam. „Ich trage nichts von Aldi“, verkündete der Sohn trotzig und bot seinem Papa an, er würde ihm den vollen Kaufpreis zurückerstatten, auch wenn er eigentlich sein Geld für die Sommerferien in Prag sparen wolle. Lieber weniger Taschengeld, als etwas aus einen Laden besitzen, in den man keinen Fuss setzen würde.

Und wie reagierte der Papa auf die Rebellion seines Sohnes? Na, wie wohl? Eingeschnappt natürlich. So, wie man das eben macht, wenn das Kind nicht respektieren will, dass der Papa, auch wenn er nicht mehr sonderlich Italienisch ist, dennoch hin und wieder das Gefühl hat, das Beste für sein Kind sei ein neuer Schlafanzug.

Ämtliplan

Glaubt mir, ich war von Anfang an dagegen, dass wir unseren Kindern einen Ämtliplan machen. Ein Ämtliplan, liebe deutsche Leserinnen und Leser, ist ein Plan, in dem eingetragen wird, welches Kind wann welche Hausarbeit erledigen muss. Ich weiss, viele Familien schwören auf solche Pläne. Mir aber waren sie seit jeher suspekt. Schon damals, als ich noch ein Kind war und mir nicht sicher war, ob das nun Äntliplan (Entchenplan) oder Ämtliplan heisst. Später, als ich Mutter wurde, schwand meine Skepsis nicht, denn wenn ich schon selber nicht die Disziplin aufbringen kann, mich in Haushaltsfragen an einen Plan zu halten, wie soll ich erst überwachen, ob die Kinder schön brav tun, was sie tun sollten? Jetzt aber, wo „Meiner“ sich so langsam darauf einstellt, Teilzeit-Hausmann zu werden, musste ich ihn wohl oder übel gewähren lassen, als er beschloss, dass unsere Kinder ab sofort alle zwei Tage eine neue Aufgabe übernehmen sollten: Tisch abräumen, Lavabo und WC putzen, Schuhe aufräumen, Grünabfall heruntertragen, Bilderbücher aufräumen. Versteht mich nicht falsch, auch ich will, dass unsere Kinder bei diesen Dingen mithelfen und auch an den Tagen, an denen ich der Chef im Hause bin, müssen sie mit anpacken. Nur verläuft bei mir nichts nach Plan, sondern nach Aufgaben, die eben gerade erledigt werden müssen. Deshalb wurde mir, als ich den Plan sah, ein wenig mulmig und mein Gefühl sollte mich nicht täuschen: Der erste Tag mit Ämtliplan war ein Debakel.

Zumindest aus meiner Sicht, die Kinder machten nämlich erstaunlich motiviert mit. Nur scheint es, dass sie das Ganze auf etwas eigenwillige Art und Weise interpretieren. Der Zoowärter, zum Beispiel, hat heute und morgen die Pflicht, nach jeder Mahlzeit beim Abräumen des Esstischs zu helfen. Er sei heute und morgen der Küchenchef, verkündete er voller Stolz und dann erklärte er uns auch sogleich, was er unter seinem Amt versteht: „Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise am Tisch streiten, dann sage ich ihnen, dass sie aufhören müssen. Und wenn die anderen zu laut sind, dann sage ich, dass sie ruhig sein müssen.“ Während seiner Ausführungen sass er seelenruhig am Tisch und sah dabei zu, wie „Meiner“ und ich seine Arbeit erledigten. Unsere Ermahnungen, dass zum Amt des Küchenchefs auch das Abräumen des Tisches gehöre, überhörte er geflissentlich.

Während der Zoowärter – ähnlich wie seine Mutter übrigens – lieber über Hausarbeit redet, als sie zu erledigen, stürzten sich Lusie und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit so viel Eifer in ihre neue Aufgabe, dass bald schon die Fetzen flogen. Luise, die eigentlich nur schnell mit einem feuchten Lappen das Lavabo hätte abwischen müssen, bestand darauf, dass sie auch noch das WC und sämtliche Spiegel mit Putzmittel und Haushaltpapier reinigen wolle. Gleichzeitig entdeckte der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Aufräumen der Bilderbücher, dass die Salontischchen und die Wohnzimmerfenster nicht ganz blitzblank waren, was er unmöglich so sein lassen konnte. Ich meine, immerhin hatte er eine wichtige Aufgabe zugeteilt bekommen, die er nun auch seriös erledigen wollte. Dumm war nur, dass Luise weder Putzmittel noch Haushaltpapier hergeben wollte und dass Mama, die miserable Hausfrau, keine zweite Garnitur zur Hand hatte. Und so zankten sich die zwei um die letzten Fetzen der Küchenrolle und um die Sprühflasche, die keiner von beiden aus der Hand geben wollte, wenn er sie mal geschnappt hatte. Dass diese zwei so karriereversessen sind, hätte ich wohl ohne diesen Ämtliplan nie herausgefunden, aber ich versichere euch, dass ich nach einem anstrengenden Arbeits- und Familientag, an dem ich auch noch die Kinder alleine ins Bett bringen musste, ganz gerne darauf verzichtet hätte, kurz vor acht Uhr abends diesen Charakterzug in meinem zweiten und meinem dritten Kind zu entdecken.

Nun mögt ihr ja vielleicht denken, das mit dem Ämtliplan sei doch ein durchschlagender Erfolg, denn Kinder, die mehr tun wollen, als man von ihnen verlangt, seien doch viel besser als Kinder, die sich weigern, einen Finger krumm zu machen. Und bis zu einem gewissen Grad teile ich diese Meinung ja auch. Aber mir wurde heute zum ersten Mal bewusst, dass meine Tage als halbherzige Hausfrau wohl gezählt sind. Bald wird es nämlich heissen: „Los, Mama, pack mal mit an. In diesem Haus sieht’s ja aus wie in einem Schweinestall. Und glaub bloss nicht, wir würden all die Arbeit alleine machen. Du lebst hier doch nicht im Hotel…“