Frau, Kind und Job

Ist frau kinderlos und vollzeitlich berufstätig, dann kommt irgendwann der Tag, an dem sie glaubt, gestresst zu sein. „Vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer nur Arbeit“, seufzt sie „und wenn man abends nach Hause kommt, sollte man auch noch haushalten. Ich glaube, ich werde schwanger, schmeisse meinen Job und geniesse das Glück im trauten Heim.“

Also bekommt frau ein Kind, gibt sich voll und ganz der neuen Aufgabe hin, stillt, so lange sie kann, kocht Bio-Brei, steht nachts zehn mal auf, geht täglich an die frische Luft, hält die Wohnung blitzsauber, damit auch ja keine verschluckbaren Kleinteile in der Wohnung herumliegen, die das Leben des Krabbelkindes gefährden. Rund um die Uhr ist sie im Einsatz und eines Tages, vielleicht schon beim ersten Kind, vielleicht aber auch erst beim Dritten, dämmert ihr, dass sie früher, als sie noch berufstätig war, keine Ahnung davon hatte, was Stress ist. „Wie war ich doch naiv damals“, schimpft sie mit sich selber. „Ich glaubte, gestresst zu sein, dabei war damals alles noch so schön überschaubar. Ich glaube, ich suche mir einen Job. Damit ich hin und wieder ein wenig entspannen kann.“

Wenn frau Glück hat, findet sie tatsächlich einen Job. Wenn sie noch mehr Glück hat, findet sie auch noch einen Krippenplatz dazu. Und wenn sie sehr viel Glück hat, dann hat sie einen Mann, der sein Pensum reduzieren kann, so dass sie ihr sauer verdientes Geld nicht gleich wieder in der Krippe abliefern muss. Frau hat jetzt also beides, ihr geregeltes Leben als Berufstätige mit fixem Einkommen, bezahlten Ferien und geregelten Arbeitszeiten und ihr Leben als Mutter mit fröhlichen Bastelnachmittagen, Ausflügen in den Zoo und gemütlichen Kaffeerunden mit anderen Müttern. So zumindest hat sich das frau vorgestellt, als sie wieder berufstätig geworden ist: Von beiden Welten das Beste. Das perfekte Leben also.

Woran frau nicht gedacht hat: Kinder halten sich selten an geregelte Arbeitszeiten. Ihnen wird nicht erst dann übel, wenn Mamas Sitzung vorbei ist. Chefs nehmen wenig Rücksicht auf Stundenpläne. Sie verschieben die Sitzung nicht, weil das Kind im Kindergartentheater einen Auftritt als Wal hat. Sie hat also nicht nur von beiden Welten das Beste, sondern auch von beiden Welten den Stress. Und endlich begreift frau, dass zwischen 25 und 55 – die Zahlen können je nach Lebensentwurf variieren- ein Leben ohne Stress bloss ein schöner Traum bleiben wird.

Mutlos

Da habe ich doch gestern Abend all meinen Mut zusammengenommen und  habe mich um Viertel vor elf ins Bett verkrümelt, wo ich nur gerade zehn Minuten gelesen habe, bevor mir die Augen zufielen. Eine wahrlich mutige Tat, die aber gewisse Menschen in „Meiner“ Familie nicht mit einer Tapferkeitsmedaille belohnen, sondern damit, dass sie mich daran hindern, die mutige Tat auch zu Ende zu führen. Als ich nämlich meinen müden Kopf auf das Kissen legte, kam nicht der Schlaf, sondern das Prinzchen, das so gar nicht verstehen konnte, dass Mama schon so früh Feierabend machen wollte und gar keine Lust verspürte, mit ihm, der immerhin schon vier Stunden tief und fest geschlafen hatte, ein wenig Spass zu haben. Zuerst tat er ja noch dergleichen, als wolle er einfach neben mir liegen und dösen, aber bald schon wurde ihm dies zu langweilig und er versuchte, mir meine Brille aufzusetzen, das iPad mit den Füssen anzuschalten, mein Kissen zu stehlen, auf meinem Rücken „Joggeli chasch au riite?“ zu spielen und mich davon zu überzeugen, dass ich jetzt gleich das Bett verlasse, um ihm einen Kakao zu machen, wo er doch genau weiss, dass es nachts keinen Kakao gibt.

Ihr mögt mich getrost einen Feigling schimpfen, aber heute Abend lasse ich mich nicht noch einmal auf das Abenteuer „Früh schlafen gehen“ ein. Sitze ich um elf noch auf dem Sofa, wenn das Prinzchen seine Nachtrunde dreht, dann mag das Ganze ja noch als herzig durchgehen. Liege ich aber um dieselbe Zeit im Bett und suche den Schlaf, dann nervt es mich nur, dass da ein kleiner Schlafräuber ums Bett schwirrt, über meinen Rücken klettert und an meine Haaren zerrt. Weil ich aber dennoch ganz dringend mehr Schlaf brauche, habe ich beschlossen, mir eine neue Freizeitbeschäftigung zuzulegen: Es lebe der Mittagsschlaf!

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo ich die Freizeit herholen soll, um mein neues Hobby zu pflegen…

Schluchz!

Die ersten Tränen hatte Luise bereits vorgestern vergossen, doch als sie heute den ganzen Vormittag über ziemlich aufgeräumt und glücklich erschien, dachte ich, dass wir den schweren Abschied von unserem Au Pair vielleicht ohne weitere Tränen überstehen würden. Doch dann, etwa fünfzehn Minuten vor der Abfahrt, brach der Damm erneut und Luise sass schluchzend und schniefend auf des Au Pairs Schoss. Wir anderen sassen betreten daneben, hätschelten und trösteten Luise und lenkten uns damit von unserer eigenen Traurigkeit ab.

Doch dann, als das Au Pair ins Auto stieg, Luise noch herzzerreissender schluchzte und uns allen klar war, das es jetzt wirklich ernst galt, konnten auch „Meiner“ und ich nicht mehr anders, als ein paar Tränen zu verdrücken. Karlsson wartete noch, bis das rote Auto ausser Sichtweite war, dann rannte auch er schluchzend nach oben, wo er dem Au Pair einen ersten Brief schrieb. Das Schreiben beruhigte unseren Ältesten, worüber ich sehr froh war, denn inzwischen lag der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Herzschmerz auf dem Sofa. Bei jedem Versuch, ihn zu trösten, kam eine neue Welle der Traurigkeit über ihn, die natürlich auch mich mit sich riss. Einzig das Prinzchen und der Zoowärter heulten nicht, aber die werden auch erst in den kommenden Tagen verstehen, dass das Dachzimmer jetzt leer, der achte Platz am Tisch nicht mehr besetzt ist.

Ich weiss, dass ein Abschied genau so sein muss, wie er heute war: Traurig, aufwühlend, schmerzhaft. Wäre man fröhlich oder gar erleichtert, wäre dies ein schlechtes Zeichen. Die Geschichten von Gasteltern und Au Pairs, die sich zum Schluss nur noch aus dem Weg gehen und die einander keine Träne nachweinen, kennen wir alle und ich bin von Herzen dankbar, dass es bei uns nicht so war. Einen Abschied unter Tränen erlebt man nur nach einer sehr guten Zeit. Doch dieses Wissen macht die Tatsache, dass diese sehr gute Zeit jetzt zu Ende ist, nicht weniger traurig.

 

Im Dienste des Prinzen

Es fragt sich ja schon, weshalb ich mir eigentlich eine berufliche Herausforderung zulegen musste, wo doch die Aufgabe als Leibwache und Kammerzofe des Prinzchens herausfordernd genug ist. Meist fängt es schon in den frühen Morgenstunden an, wenn alle Bediensteten des jungen Herrn noch im Bett liegen, der junge Herr aber wegen einer vollen Windel nicht mehr im Bett liegen mag. Nun würde man ja erwarten, dass so ein kleiner Adliger ein Gebrüll anstimmt, um all sein Personal herbeizurufen. Aber das Prinzchen mag nicht warten, bis jemand kommt und entledigt sich der schmutzigen Windel gleich selbst, entsorgt sie brav im Windeleimer und macht sich dann auf Entdeckungstour in der Wohnung. Dass er dabei Spuren hinterlässt, kann ihm egal sein. Wozu hat man denn Diener, wenn nicht zum Beseitigen der Spuren? Irgendwann möchte das Prinzchen nicht mehr ohne seine Entourage sein und schleicht sich zum Bett seiner Eltern. Diese erwachen nicht wegen des süssen Gebrabbels aus prinzlichem Munde, sondern wegen des widerlichen Gestanks, der von dort kommt, wo eigentlich eine Windel sein sollte. Vielleicht erwachen sie auch, weil es dem Prinzchen nicht gelungen ist, sich eine Hose über den schmutzigen Hintern zu ziehen und er jetzt brüllend mit zwei Beinen in einem Hosenbein feststeckt.

Und jetzt geht es los. Während der eine sich mit dem Putzlappen in der Wohnung auf Spurensuche macht, versucht die andere, den jungen Herrn zu säubern, ohne dabei den Kinderschutz auf den Plan zu rufen. Denn Prinzchen und Wasser, das passt nicht zusammen. Nicht baden, nicht duschen, schon gar nicht Haare waschen. Wasser ist zum Trinken da. Und zum Herumspritzen am Lavabo. Aber Saubermachen ist das Letzte und das sollen alle wissen, die im Umkreis von zwei Kilometern wohnen. Meist bringt man das Kind mit Mühe und Not sauber, steckt es in saubere Kleider – so man denn etwas findet, was sich der junge Herr ohne Protest und Gezeter überziehen lässt, weil ihm Farbe und Aufdruck für einmal zusagen – und man denkt, man könne jetzt den Tag ruhig und beschaulich angehen.

Kann man aber nicht, denn Beschaulichkeit ist nicht des Prinzen Stärke. Die Beschaulichkeit gehört dem Zoowärter und ein Prinz grast nicht auf fremden Wiesen. Er weiss ja, was sich gehört. Der Prinz im Hause ist zuständig für Abenteuer, Klettertouren und Entdeckungsreisen. Und so verbringt man den Rest des Tages damit, das Kind von der Lehne des Trip Trap herunterzuholen, auf die es geklettert ist, um den Inhalt des Gewürzschranks genauer unter die Lupe zu nehmen und zu testen, wie sich scharfes Paprika und sanfte Prinzenaugen miteinander vertragen. Wenige Momente später muss die Türe bewacht werden, was leider nicht mehr geht, indem man die Türe abschliesst. Musste er vor wenigen Wochen noch mühsam einen Stuhl herbeischleppen, um das lästige Schloss zu öffnen, genügt es heute, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt und schon ist sie da, die grosse Freiheit. Nun mag man sich fragen, weshalb er denn nicht rausdarf. Immerhin stattet er meist einen Besuch bei der Grossmama ab, die einen Stock tiefer wohnt. Und gegen einen Besuch bei ihr wäre tatsächlich nichts einzuwenden, könnte man denn sicher sein, dass er auch wirklich dort ankommt. Hin und wieder schnappt sich der junge Herr nämlich auch die Gummistiefel des grossen Bruders und dann geht’s ab in den Garten, wo das noch viel zu grosse Laufrad getestet werden will. Nun gut, auch dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn denn das Prinzchen eine Hose und eine Jacke tragen würde. Und wenn man sich darauf verlassen könnte, dass das Gartentor für ihn die Grenze ist und er nicht das Territorium ausserhalb seines Reiches erkunden würde. Und dieses Territorium heisst nun mal Strasse und ist vollkommen untauglich für einen kleinen, abenteuerlustigen und unvernünftigen Prinzen.

Irgendwann stellt man sich die Frage, ob der Tag vielleicht einfacher würde, wenn das Prinzchen sich ein wenig aufs Ohr legen würde. Müde ist er ja und man selber könnte man eine Pause auch ganz gut gebrauchen. Aber ist Müdigkeit denn ein Grund, sich schlafen zu legen? Nein, denn wenn man müde ist, kann man für viel mehr Action sorgen. Dann kann man sich mit den grossen Brüdern anlegen – und herzzerreissend heulen, wenn die sich zur Wehr setzen – Orangensaft verschütten, weil man den Becher nicht mehr trifft, über die eigenen müden Beine stolpern und dergleichen. Macht doch unglaublich viel Spass, aber Mama spielt nicht mit und zwingt den jungen Herrn trotzdem ins Bett. Aber wo man schon im Bett liegt und Mama so friedlich nebendran, könnte man ihr ja gleich zeigen, wie geschickt man sich im Schlafsack über das Gitter des Betts schwingen kann. Aber diese humorlose Mama will nichts davon sehen, will nur langweilige Lieder singen und schläft am Ende selber fast ein.

Meist ergibt sich das Prinzchen dann doch noch dem Schlaf und die Bediensteten atmen auf: Ein paar Momente der Ruhe, in denen man über all die Spässe, die der junge Herr sich wieder erlaubt hat, lauthals lachen kann. Lange dauert die Ruhe nicht, denn bald schon steht er wieder da, mit zerzaustem Haar und schelmischem Blick und verkündet: „Han guet gschlafe!“ („Ich habe gut geschlafen!“) und dann geht’s weiter mit Klettern, Entdecken und Saft verschütten. Bis zum späten Abend, wenn er sich endlich zur Ruhe legt und wir Bediensteten an seinem Bett stehen und zueinander sagen: „Ist er nicht zum Fressen, dieser süsse kleine Tyrann?“

Muss das sein?

Mussten die zwei jungen Frauen ausgerechnet ein Restaurant bei uns in der Region überfallen, um ein paar hundert Franken Bargeld zu erbeuten? Und musste Luise ausgerechnet gestern, als dies am Radio gemeldet wurde, bei den Nachrichten genauer hinhören? Ich weiss nicht, was unsere Tochter mehr schockiert hat: Die Tatsache, dass die Welt auch bei uns nicht immer nur heil und schön ist, oder die Tatsache, dass es Frauen waren, die Gewalt angewendet haben. Junge Frauen, nur ein paar Jahre älter als Luise.

Seit jener Nachrichtensendung von gestern Nachmittag löchert sie uns mit Fragen. War die Waffe echt, oder haben die eine Spielzeugpistole gekauft? Wurde jemand verletzt? Waren das vielleicht die zwei Frauen, die wir vor einigen Monaten am Basler Hauptbahnhof gesehen hatte? Die mit den schwarzen, bodenlangen Mänteln? Was ist, wenn die Frauen zu uns kommen?

Tagsüber schafft es unsere Tochter noch, die aufwühlende Geschichte mit Fragen zu verarbeiten. Aber abends, wenn alles dunkel ist, wenn die Schatten sich bewegen und es knackt im Gebälk, dann helfen all die beruhigenden Antworten, die „Meiner“, das Au Pair und ich tagsüber geben, nichts mehr. Dann sitzt unsere Tochter starr vor Angst im Bett und traut sich nicht, zu uns zu kommen, weil ihr bereits der Weg zum Lichtschalter zu gefährlich erscheint. Erst, wenn zufällig jemand Licht macht im Treppenhaus, wagt sie sich aus dem Bett, zitternd, blass und so aufgewühlt, dass wir sie nur mit grösster Mühe beruhigen können.

So, wie ich unsere Luise kenne, wird es eine ganze Weile dauern, bis sie wieder ruhig schläft, bis sie wieder sorglos und glücklich sein wird. Wenn ich sehe, wie sehr die Geschichte unserer Tochter zusetzt, dann packt mich die Wut und ich wünschte, wir würden in einer Welt leben, in der kleine Mädchen keine Angst vor den Taten grosser Mädchen haben müssten.

Ist das jetzt der Letzte?

Nachdem wir nun ein paar Monate kinderwagenlos unterwegs waren, haben das Au Pair und ich heute die Geduld verloren und wir haben uns aufgemacht, Kinderwagen Nummer 7 zu erstehen. Ja, ich weiss, ich hatte mir geschworen, nie wieder einen zu kaufen, aber wenn ihr mal an einem sonnigen Winternachmittag mit dem Prinzchen im Schlepptau durch Solothurn geschlendert wäret, würdet ihr verstehen, weshalb wir noch einmal Geld ausgegeben haben für so ein Ding. Das Kind kann nämlich nicht – wie es sich für einen Zweijährigen gehört – im Schneckentempo durch die Strassen wandern, hier einen Stein bewundern und da einen Flaschendeckel aufheben. Nein, der Kleine rast durch die Strassen, klettert, wo er nicht klettern sollte, weil es lebensgefährlich ist und entschwindet unseren Blicken, wann immer er kann. Wenn es schon im beschaulichen Solothurn so schwierig ist, das Kind im Auge zu behalten, wie wird das erst im von Touristen überschwemmten Prag sein, wo wir die Sommerferien verbringen werden? Also musste ein Kinderwagen her und zwar sofort.

Nun mögt ihr euch vielleicht fragen, wie man bloss auf die hirnverbrannte Idee kommt, mit fünf Kindern eine Ferienwoche in Prag zu buchen. Nun, ich werde euch erklären, weshalb wir zum Schluss gekommen sind, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist. Vor ein paar Jahren noch wäre es nicht möglich gewesen, denn mit mehreren Wickelkindern, vielleicht noch einem Baby, das gestillt werden muss und ein oder zwei Kleinkindern im besten Trotzalter verbringt man nun mal keine Ferien in einer Stadt. In ein paar Jahren, wenn Karlsson und Luise in der Pubertät sein werden und über alles, was mit Geschichte, Kunst oder Kultur zu tun hat, nur schnöden werden, können wir das auch nicht mehr machen. Dann werden wir nämlich irgendwo am Strand liegen müssen, weil dies für unsere Kinder das höchste der Gefühle – und für mich der Albtraum schlechthin – sein wird.

Jetzt aber, wo Karlsson für Barock, klassische Musik und Antiquitäten schwärmt, Luise sich von Ballett, hübschem Krimskrams und köstlichen Torten verzaubern lässt, der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Begeisterung in der Zeit der Ritter, Kaiser und alten Astronomen wühlt und der Zoowärter sich so sehr mit dem kleinen Maulwurf identifiziert, dass er demnächst einen unterirdischen Gang im Garten graben wird, ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um unseren Kindern die Stadt zu zeigen, die all das, was sie lieben, bietet.

Aber eben, das Prinzchen ist noch etwas klein, um all die Schönheit ohne Kinderwagen zu sehen. Wir wollen doch nicht, dass er sich im Gedränge einer Italienischen Reisegruppe anschliesst und am Ende nur Pizza und Pasta, anstelle von Knödeln und Palatschinken isst. Also haben das Au Pair und ich uns auf die Suche nach einem erschwinglichen Kinderwagen gemacht, der trotzdem stabil genug ist, um mindestens bis zum Sommer durchzuhalten. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach, aber am Ende wurden wir im Fachgeschäft fündig. Allerdings mussten wir sehr lange warten, bis wir das Wägelchen bezahlen und mitnehmen konnten, den die einzige Bedienung in dem riesigen Geschäft war gerade dabei, werdenden Eltern zu erklären, worauf man beim Kinderwagenkauf zu achten hätte. Ich hatte ganz vergessen, wie unsinnig die Fragen sind, die werdende Eltern in einem Baby-Fachgeschäft stellen können. Waren „Meiner“ und ich auch mal so unwissend?

Nun, irgendwann tauchte dann doch noch eine zweite Verkäuferin auf und die wollte sogleich damit anfangen, zu erklären, was Kinderwagenkäufer gewöhnlich wissen wollen: Wie man das Gefährt zusammenlegt, welche Vorzüge es hat, was man damit alles machen kann. Weit liess ich sie allerdings nicht kommen mit ihren Erläuterungen. Dies sei Kinderwagen Nummer 7, liess ich sie wissen, deshalb brauche man mir nichts mehr zu erzählen. Man hat ja schliesslich seinen Stolz, nicht wahr? Oder sehe ich etwa so aus, als sei ich eine Anfängerin in Sachen Kinderwagen?

Nun ja, offen gestanden war es nicht nur der Stolz, der mich daran hinderte, der Verkäuferin zuzuhören. Vor allem wollte ich einfach nur so schnell als möglich aus diesem Laden herauskommen. Irgendwie wurde mir nämlich etwas weh ums Herz, als ich diesen werdenden Eltern zuhörte und mir klar wurde, dass ich nie wieder einer Verkäuferin unsinnige Fragen zu Kinderwagen stellen werde. Und als mir bewusst wurde, dass dies wohl tatsächlich der allerletzte Kinderwagen war, den ich gekauft habe. Obschon ich dies ja schon öfters gesagt habe…

Träume ich?

Könnte mich mal bitte jemand in den Arm kneifen, damit ich endlich weiss, ob ich wach bin oder träume? Ich kann einfach immer noch nicht glauben, dass wir heute alle zusammen – sieben Vendittis, ein Au Pair und ein Tageskind – für weniger als hundert Franken einen Tag im Zürcher Zoo verbracht haben. Das Ganze ohne irgendwelche Vergünstigungen vom Grossverteiler oder von der Bahn, ohne an der Kasse frech zu behaupten, „Meiner“ sei erst sechzehn, schliesse im nächsten Sommer die Schule ab und dürfe deswegen noch zum Schülertarif rein. Nein, wir kamen, sahen die Preise und rieben uns die Augen: Wie bitte, die lassen uns für schlappe 76 Fränklein rein? Jahrelang hatten wir ausschliesslich die Tiere im Basler Zolli besucht, weil die Zürcher unser Budget zu sehr strapaziert hatten und jetzt dies: Kinder bis sechs bezahlen nichts, für den Rest der Familie gibt es ein günstiges Familienticket (und es steht an keinem Ort der diskriminierende Zusatz „Gültig für zwei Erwachsene und maximal zwei eigene Kinder“) und ausserdem kann man die Knöpfe noch in eine dieser ungemein hässlichen aber auch ungemein praktischen Karren setzen. Hat sich tatsächlich zu meinen Lebzeiten etwas getan in Sachen Familienfreundlichkeit?

Ich weiss nicht, ob euch die ganze Tragweite dieser Veränderung bewusst wird, wenn ihr das hier lest. Es geht hier nämlich um sehr viel mehr, als um die Frage, wie viel Geld Vendittis nach dem Zoobesuch noch im Portemonnaie haben. Die eigentliche Sensation ist nämlich, dass es hier eine Institution – und zwar nicht die Unbedeutendste- geschafft hat, tatsächlich familienfreundlich zu werden. Nicht nur mit tollen Spielplätzen, interessanten Denkanstössen  für die Kinder und kinderwagentauglichen Wegen. Nein, für einmal fängt die Familienfreundlichkeit schon an der Kasse an und das ist ja bekanntlich der Ort, an dem die meisten tollen Familienausflüge hierzulande scheitern.

Während ich mich über diese Veränderung freue, muss ich unweigerlich an meinen ersten Besuch mit eigenen Kindern im Zürcher zurückdenken. Damals war der Zoo nicht nur schrecklich teuer, sondern auch sonst nicht ganz auf Augenhöhe mit den Jüngsten. Als Karlsson, der damals noch Windeln trug, einmal eine frische Windel brauchte, konnte ich nicht gleich einen Wickeltisch finden. Also wandte ich mich an einen Mitarbeiter im Zoorestaurant. Wo sie denn hier einen Wickeltisch hätten, fragte ich. Der Mann schaute mich verwirrt an, warf einen prüfenden Blick in den Speisesaal und fragte dann zurück: „Einen Wickeltisch? Für Sie, oder für das Kind?“ Dann, als ich ihm sagte, dass ich den Wickeltisch natürlich nicht für mich bräuchte, schüttelte er nur den Kopf und murmelte, so etwas hätten sie hier nicht.

Ist doch schön, dass es nur gerade zehn Jahre gedauert hat, bis die Dinge so ganz anders aussehen…

Es gibt sie noch…

… die Tage, an denen wir bis kurz vor neun in den Federn liegen und erst nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück – das Karlsson für uns in der Bäckerei besorgt hat – in die Gänge kommen.

… die Tage, an denen ich mit Kindern und Au Pair zum Bio-Hof im Nachbarort fahre, um frische Schwarzwurzeln, Topinambur und Roggenkörner zu kaufen.

… die Tage, an denen das, was am Morgen eingekauft wurde, am Mittag bereits wunderbar duftend auf dem Tisch steht.

… die Tage, an denen der Zoowärter und ich uns eine halbe Stunde zurückziehen, um ein Bilderbuch nach dem anderen anzuschauen.

… die Tage, an denen „Meiner“ und ich alles stehen und liegen lassen, um unserem Prinzchen dabei zuzusehen, wie er sich ohne etwas zu verschütten einen Becher Wasser füllt.

… die Tage, an denen der Mittagsschlaf bis in den späten Nachmittag dauert.

… die Tage, an denen ich gedankenverloren am Herd stehe und der Bitterorangen-Marmelade dabei zusehe, wie sie leise vor sich hin blubbert.

… die Tage, an denen ich eins ums andere Mal wiederhole, wie sehr ich es geniesse, einmal im Jahr meine eigene Bitterorangen-Marmelade einzukochen, weil der ganze Prozess so langsam, gemütlich und entspannend ist.

… die Tage, an denen die Kinder so früh einschlafen, dass „Meiner“, das Au Pair und ich es tatsächlich schaffen, einen Film in voller Länge und ohne Unterbrechungen zu schauen.

… die Tage, an denen die Arbeit ruht und das Familienleben seinen ganz gewöhnlichen Lauf nimmt, mit Umarmungen, schimpfen, Witze erzählen, zuhören, trösten, sich ärgern und sich freuen.

… die Tage, an denen ich nicht nur weiss, dass das Leben schön ist, sondern es auch spüre.

 

Superhelden

Zum fünften Mal schon sitzen wir so am Tisch, Karlsson, „Meiner“, die Lehrerin und ich. Einmal mehr bekommen wir zu hören, was wir so gerne hören: Sehr guter Schüler, fantasievoll und brav. Wir bekommen aber auch zu hören, was uns schon seit Jahren beschäftigt: So ein schüchternes Kind, muss unbedingt selbstbewusster werden. Seit dem Kindergarten schon sagt man uns dies, seit dem Kindergarten schon versuchen wir, unserem Ältesten den Rücken zu stärken, ihm zu zeigen, was er draufhat und dass er durchaus dazu stehen darf. Seit dem Kindergarten schon beschäftigt mich aber auch die Frage, weshalb Schüchternheit heute schon fast als Handicap gilt. Sorgte man sich während meiner Schulzeit vor allem um die Vorlauten, um diejenigen, die nicht davor zurückschreckten, lauthals und selbstbewusst falsche Antworten zu verkünden, so fragt man sich heute bei den Zurückhaltenden, ob wohl etwas nicht stimme mit ihnen. Generation Music Star kennt keine Scheu, wenn es darum geht, sich zu präsentieren, egal, ob das Präsentierte gut oder schlecht ist. Wer sich scheut, mit dem stimmt etwas nicht.

Gut, man hat uns noch nie eine Therapie nahe gelegt, aber regelmässig nach dem Beurteilungsgespräch zerbrachen „Meiner“ und ich uns den Kopf darüber, weshalb unser Ältester sich regelmässig deutlich schlechter einstuft als er ist, weshalb er ernsthaft daran zweifelt, ob er es in die nächste Klasse schafft, weshalb er so grosse Mühe hat, Komplimente anzunehmen. Und wie wir Eltern so sind, fragten wir uns, was wir denn falsch gemacht hätten. Sagten wir dem Kind nicht immer und immer wieder, wie sehr wir es liebten? Wiesen wir nicht regelmässig auf seine Stärken hin? Unterstützten wir ihn nicht in dem, was ihm am meisten Freude bereitete?

Über lange Zeit sah es so aus, als würde sich gar nichts ändern. Doch heute, als wir mal wieder mit der Lehrerin am Tisch sassen, kam sie zum Vorschein, die Veränderung, die sich beinahe unbemerkt in unserem Sohn zu vollziehen scheint. Ja, auch heute beurteilte er seine Leistungen schlechter als sie in Wirklichkeit sind, aber immerhin lag er nur noch leicht daneben. Auch heute antwortete er nur leise, wenn die Lehrerin etwas fragte. Aber in seinen Antworten hörte man zum ersten Mal eine Spur von „Ich kann das und ich weiss es“. Es war wirklich nur eine Spur, aber immerhin. Am deutlichsten aber war die Veränderung in Karlssons Augen zu sehen. Hatte er bei den vorangehenden Gesprächen die Lehrerin nur zweifelnd angesehen, wenn sie ihn gelobt hatte, so leuchtete diesmal die Freude förmlich aus ihm heraus. Man spürte, dass er endlich annehmen konnte, was da an Gutem gesagt wurde.

Natürlich stellten wir uns die Frage, was denn geschehen ist mit unserem Kind. Haben wir lange genug auf ihn eingeredet, so, dass er endlich glauben kann, was er hört? Haben ihn seine guten Noten überzeugt? Oder liegt es daran, dass er einfach ein Stück reifer geworden ist? Vielleicht mag das alles mit eine Rolle spielen, aber ich glaube, es ist nicht das Entscheidende. Nein, ich glaube, wir haben die Veränderung einigen Herren zu verdanken, die schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilen, die aber in Karlsson eine so grosse Leidenschaft geweckt haben, dass er gar nicht mehr anders kann, als selbstbewusster zu werden. Denn ohne Selbstbewusstsein kann er nicht von ihnen reden und von ihnen reden will er, weil er sonst seine Mitmenschen nicht davon überzeugen kann, dass sie sich diese wunderbare Musik unbedingt auch einmal anhören müssen, welche die Herren Bach, Vivaldi, Händel und wie sie alle heissen geschrieben haben.  Nun gut, ich vermute, dass nicht allein diese Herren und ihre Musik daran Schuld sind, dass Karlsson mutiger geworden ist. Dass sein bester Freund seine Leidenschaft teilt und mit ihm während Stunden fachsimpeln kann, mag auch einen Teil zum aufkeimenden Selbstbewusstsein beigetragen haben.

Testsieger

Es tut mir ja wirklich leid, aber euch allen, die ihr glaubt, gestresst zu sein, muss ich leider verkünden, dass wir Testsieger geworden sind. Seit heute tragen wir ohne nur einen Funken von Stolz die Auszeichnung „gestressteste Familie aller Zeiten“. Nun, offen gestanden habe ich gar nicht gewusst, dass wir im Rennen sind und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte der heutige Tag genau das Gegenteil beweisen sollen, nämlich, dass ich durchaus in der Lage bin, dem Stress einen Riegel zu schieben, wenn ich denn nur mit genug Einsatz kämpfe. Aber ausgerechnet heute, als die Expertin zu Besuch war, musste mal wieder alles anders laufen als geplant: Ich kam erst von der Arbeit nach Hause, als die anderen das Mittagessen schon hinter sich hatten, „Meiner“ musste gleich wieder los, um der Putzfrau zu zeigen, wie sie die Teppiche im Familienzentrum reinigen muss und blieb hängen, weil die alten Sicherungen mit dem modernen Reinigungsgerät nicht klarkamen, schliesslich musste ich wieder los, um Unterlagen abzugeben und das bevor „Meiner“ wieder zurück war.

Als ich wieder nach Hause kam, war die Expertin bereits wieder weg, aber das Gehetze ging weiter, weil Luise zum Arzt musste, wo wir uns bestätigen liessen, was ich gestern schon geahnt hatte: Das Kind hat Scharlach. Kaum zu Hause angekommen ein Kontrollanruf der Expertin, der ich leider gestehen musste, dass ich soeben erst zur Tür rein gekommen sei und tatsächlich den ganzen Tag nur herumgerannt sei. Am Abend dann beim Abendessen das Urteil, das die Expertin dem Au Pair auf auf der Fahrt zum Bahnhof mitgeteilt hat: Es gibt viele Familien, die gestresst sind, aber keine ist so gestresst wie Vendittis. Diejenige, die das Urteil gefällt hat, dürfte wohl selbst am meisten darüber gestaunt haben, denn über Jahre wollte sie uns nicht glauben, dass „Meiner“ und ich momentan tatsächlich nicht das beschaulichste Leben führen. Sie glaubte wohl immer, es seien alles nur faule Ausreden, wenn wir behaupteten, ein Restaurantbesuch mit unserer Familie sei zurzeit nicht besonders gemütlich und auf einen Ausflug ins Shoppingcenter würden wir in der Vorweihnachtszeit jeweils auch ganz gerne verzichten.

Jetzt aber musste sie es wohl oder übel einsehen, dass das Leben in unserem Haus ganz schön anstrengend sein kann und ich nehme an, sie wird nicht so schnell wieder an einem ganz gewöhnlichen Montag bei uns zu Besuch kommen, meine Schwiegermutter.