Rosarote Brille

Nun also zu den neugeborenen Müttern. Darüber wollte ich ja schreiben, bevor unser Internetverbindung sich gestern ganz eigenmächtig eine Pause verordnet hatte. Diese Internetverbindungen glauben, sich alles erlauben zu können, aber das ist ein anderes Thema.

Also, diese neugeborenen Mütter erkenne ich auf den ersten Blick und das ohne, dass ich das Baby an ihrer Seite gesehen haben muss. Ich meine die Mamas, die erst ein paar Tage alt sind. Die mit den viel zu grossen, in der Bauchregion ausgebeulten Kleidern. Die mit dieser unglaublich blassen, fast durchscheinenden Haut, mit diesem leicht schwankenden Gang, mit diesem weggetretenen Blick, der sagt: „Eigentlich sollte ich glücklich sein und ich bin es wohl auch, aber ich habe eben erst vor ein paar Tagen das unglaublichste Erlebnis meines Lebens hinter mich gebracht und ich weiss noch nicht, was auf mich zukommt und überhaupt bin ich erst vor ein paar Stunden aus dem Spital entlassen worden und das alles überfordert mich unglaublich.“ Meistens sehe ich diese neugeborenen Mütter im Einkaufszentrum, an ihrer Seite ein neugeborener Vater, den ich daran erkenne, dass er ganze Zehn Minuten darauf verwendet, sich dafür zu entscheiden, ob die blaue oder die weisse Babybadewanne besser zum Stubenwagen passt. Und daran, dass er morgens um halb elf Zeit hat, sich in der Babyabteilung über die perfekte Farbe einer Babybadewanne den Kopf zu zerbrechen.

Wenn mein Auge das alles registriert hat, dann sollte ich eigentlich schleunigst Kehrt machen, denn als Nächstes kommt das Baby in mein Blickfeld und dann ist es um mich geschehen. Dann muss ich mich mit aller Kraft zurücknehmen, um nicht einen laaaaaaangen, sehnsüchtigen Blick in den Maxi Cosi – neugeborene Eltern transportieren ihre Babys beim ersten Einkauf fast immer im Maxi Cosi – zu werfen. Und die Mama zu fragen, wie denn die Geburt verlaufen sei. Und wie schwer das Baby sei. Wie gross. Wie es heisse. Ob es mit dem Stillen gut laufe. Wo sie geboren habe. Ob sie jemanden habe, der ihr zu Hause helfe. Und dann würde ich mich vielleicht sogar dazu erdreisten, das arme Kindchen zu berühren und ich weiss ja, wie neugeborene Eltern das hassen. Und dann würde ich vielleicht mit Tränen in den Augen davon erzählen, wie wundervoll doch diese ersten Tage mit dem Baby immer gewesen seien. Bei meinen fünf Kindern, die ich übrigens alle ohne Kaiserschnitt geboren hätte, die alle immer ganz brav gewesen seien und mich nie, aber auch gar nie, ermüdet und gestresst hätten…

Und dann würde ich dastehen als die erste Mama auf diesem Planeten, die einen nahtlosen Übergang von der Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs zur sentimentalen, besserwisserischen Oma geschafft hat. Und das, bevor sie nur annähernd alt genug ist, Oma zu werden.

Ein Klacks

Vielleicht hatte ich einfach keine Lust, einen weiteren verregneten Sonntagnachmittag mit der „NZZ am Sonntag“ auf dem Sofa zu verbringen? Vielleicht hatte ich auch das Gefühl, unsere Kinder könnten mal wieder etwas Kultur vertragen? Vielleicht war mir auch einfach langweilig? Vielleicht fand ich, „Meiner“ hätte auch ein wenig Ruhe verdient, nachdem er mich vier Tage alleine hatte ziehen lassen? Oder vielleicht wollte ich mir einfach etwas beweisen? Ich weiss nicht so recht, was es war, aber irgend etwas trieb mich dazu, heute Mittag den wahnwitzigen Entschluss zu fassen, alleine mit Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter nach Basel ins Puppenhausmuseum zu fahren. Mit dem Zug. Ist ja ein Klacks, mit vier Kindern alleine unterwegs zu sein, das sind ja nicht so viele, wie ich theoretisch mit mir mitschleppen könnte. „Meiner“ hat solche Ausflüge ja zig Mal unternommen, als es mir nicht gut ging. Damit die Sache nicht allzu langweilig würde, erlaubte ich jedem Kind, einem Teil seines Taschengeldes mitzunehmen, weil ich weiss, dass sie an keinem Museums-Shop vorbeikommen, ohne Geld zu verschleudern. Aber wenn sie schon Geld verschleudern wollen, dann sollen sie das mit ihrem eigenen tun. Ich verschleudere ja auch mein eigenes, oder zumindest dasjenige, das mir „Meiner“ grosszügigerweise zur Verfügung stellt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir hatten Spass. Die Kinder sehr viel und ich ein bisschen. Nachdem ich auf dem Weg zum Bahnhof etwa fünfmal den Tarif durchgegeben hatte, verhielten sich die Kinder auch mustergültig: Sassen artig im Zug, stiegen brav an meiner Hand ins Tram, staunten sich im Museum fast die Augen aus dem Kopf und Luise fiel beinahe in Ohnmacht ob all der wunderschönen Puppen. Die Kinder stellten tausend Fragen, ich bemühte mich, sie alle wahrheitsgetreu und möglichst fundiert zu beantworten und wir alle zusammen freuten uns an den unzähligen Teddybären, den zierlichen Puppenmöbeln und den witzigen Sujets. Es was einfach traumhaft, genau so, wie ich mir das Muttersein einst vorgestellt hatte.

Und dann kam der Museumshop. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise erledigten ihren Einkauf in Rekordzeit, der Zoowärter am Anfang auch: Er riss kurzerhand das Preisschild von einem Plüschdelfin und damit war das gute Stück gekauft, da kennt man im Puppenhausmuseum kein Pardon. Und dann lag der Zoowärter plötzlich schreiend und mit feuerrotem Kopf auf dem Fussboden, weil er gar keinen Delfin haben wollte sondern einen Löwen. Im Puppenhausmuseum scheint man derartiges noch nie gesehen zu haben. Dies zumindest schliesse ich daraus, dass die Verkäuferinnen sich zwar angestrengt darum bemühten, sich nicht aufzuregen, es dann aber nicht lassen konnten, vor den Augen unserer anderen Kinder entnervt den Kopf zu schütteln. Während ich versuchte, den Zoowärter zu beruhigen und gleichzeitig darauf achtete, dass kein Kunde im Getümmel versehentlich auf meinen lieben kleinen Jungen trat, konnte Karlsson sich einfach nicht entscheiden, was von all den tausend Sachen er denn jetzt kaufen wollte. Irgendwann entschied er sich für eine winzige „St. Edward’s Crown“, echt vergoldet, zu einem Wucherpreis erhältlich. Das ganze Puppenhausmuseum atmete erleichtert auf, als Venditts endlich draussen waren.

Schön für die anderen. Bei mir ging der Stress erst los: Der Zoowärter brüllte weiter, ganz Basel starrte uns entsetzt an. „Das Kind hat Hunger“, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte die Wahl zwischen Sushi-Bar, Asiatischen Nudeln und Mc Donald’s. Ratet mal, wo wir landeten… Und nicht nur wir landeten, sondern auch der halbe Liter Cola Light, den ich mir gegönnt hatte, landete. Auf der Treppe. Aber immerhin hatte der Zoowärter sich inzwischen beruhigt. Irgendwie schaffte ich es, die Raubtiere zu füttern, mich durch die Menschenmassen zu kämpfen, ohne ein Kind zu verlieren – es war inzwischen dunkel geworden – und den Zug nach Hause zu erwischen. Wo eine Horde biertrinkender junger Erwachsener die „Familienzone“ besetzt hatten und sich darüber ärgerten, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat etwas aufgedreht waren. Ich hätte sie ja darauf hinweisen können, dass sie gefälligst unsere Plätze freigeben sollten, doch nachdem ich mich bei Mc Donald’s schon mit zwei Teenagern angelegt hatte, verspürte ich keine Lust mehr auf weitere Kämpfe. Zumal ich nicht wusste, wie viel Bier die jungen Männer bereits intus hatten.

Der Rest der Heimfahrt verlief ereignislos. Bis auf die Episode am Bahnhof Olten, wo Luise aus lauter Langeweile um die Sitzbank zu rennen begann und ihre jüngeren Brüder dazu verleitete, es ihr nachzutun und den Geleisen gefährlich nahe zu kommen. Ach ja, und dann verschwand auch noch der Zoowärter in der Dunkelheit und wir hätten beinahe den Delfin verloren, den der Zoowärter inzwischen sehr lieb gewonnen hatte. Aber sonst war da wirklich nichts mehr.

Ist doch wirklich  ein Klacks, so ein Sonntagnachmittags-Ausflug.

Wenn Mama & Papa Venditti in den Ausgang gehen….

…. dann entscheiden sie frühestens um halb sieben am Abend, wohin sie denn gehen wollen. Denn vorher kann man nie sicher sein, dass nicht doch noch eines der Kinder sich entschliesst, krank zu werden, nur damit Mama und Papa zu Hause bleiben.

….. dann kocht Mama bis zwanzig vor acht Bitterorangen-Marmelade ein und treibt damit Papa, der die Kinder alleine ins Bett bringen muss, beinahe in den Wahnsinn. Denn Papa mag keine Bitterorangen-Marmelade und deshalb findet er es vollkommen daneben, dass Mama beinahe den Ausgang vermasselt wegen dem (aus seiner Sicht) grässlichen Zeug.

….. dann stellen sie mitten in der Stadt fest, dass sie gar nicht nachgeschaut haben, in welchem Kino der Film läuft, für den sie Plätze reserviert haben.

…… dann wird ihnen an der Kasse klar, dass sie gar keine Plätze hätten reservieren müssen, denn den Film, den sie ausgewählt haben, schauen sich ausser ihnen nur noch ein paar Teenager an, die bei „Avatar“ keinen Platz mehr bekommen konnten.

…… dann platzen sie zehn Sekunden vor Filmbeginn ins Kino und müssen sich somit wenigstens keine Werbung reinziehen.

….. dann stellt Papa im Kinosaal fest, dass seine Hose voller Tomatenflecken ist und outet sich damit als der einzige Hausmann unter den drei oder vier Männern, die ausser ihm im Saal sitzen.

….. dann schauen sich Mama und Papa entsetzt an, als der Film beginnt. Sie, weil sie Angst hat, die laute Musik könnte das Prinzchen wecken, er, weil er auch findet, dass „es ein bisschen laut ist“ hier.

…… dann seufzt das ganze Publikum „Jöööööh, wie herzig“, als das Paar am Ende des Films endlich ein Baby hat. Mama und Papa aber schauen einander an und sagen: „Unsere sind schöner“.

…… dann sparen sie das Geld für den Babysitter, weil der Nachbar, ebenfalls Papa von vier Kindern, so nett ist, die fünf kleinen Vendittis zu hüten. Das gesparte Babysitter-Honorar spenden sie der Stadtpolizei Aarau, weil Papa in der Eile vergessen hat, dass Parkuhren hungrige kleine Biester sind.

Neueste Erkenntnisse

Wie immer, wenn man reist, kehrt man mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause. Die wichtigsten davon möchte ich meinen überaus geschätzten Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten. Hier also sind sie, die Wichtigste zuerst:

Auszeiten sind die grossartigste Erfindung der Menschheit. Und alle Mütter, die behaupten, man solle lieber keine Auszeit nehmen, weil danach die Realität umso schlimmer sei, liegen falsch. Komplett falsch. Und ob man’s glaubt oder nicht: Ein Grossteil der Mütter kämpft sich noch immer nach dem Motto „Augen zu und durch“ durchs Leben, woran sie allerdings längst nicht immer selber Schuld sind.

Computer-Solitaire ist ein doofes Spiel. Aber leider ein doofes Spiel, das süchtig macht, wenn man gerade eine Schreibblockade zu überwinden versucht.

Saunabaden hilft gegen fast jedes kleine Leiden. Einzig gegen Halsschmerzen kommt man damit nicht an. Man verschlimmert sie bloss damit.

Wenn man drei Nächte hintereinander durchgeschlafen hat, ist man ein anderer Mensch. Und zwar ein so anderer, dass man sich selber nicht mehr wieder erkennt, weil man beinahe platzt vor lauter Fröhlichkeit.

Es ist tatsächlich wahr, dass man während einer Zugfahrt im Internet surfen kann. Man sollte es nicht für möglich halten. Und falls das bereits jeder, mit Ausnahme von mir, ausprobiert hat, dann bedenkt bitte, dass ich weit weit hinter dem Mond lebe, wo man von solch neumodischen Dingen nur vom Hörensagen weiss.

Wenn man einen ganzen Tag lang einen Laptop in einer Plastiktüte mit sich herumschleppt, schmerzen am Abend die Handgelenke. Wenn man dazu auch noch zwei Kilos Bitterorangen schleppt, schmerzen die Handgelenke noch mehr.

Tamilen sind Menschen, die ganz eindeutig nicht aus der Schweiz stammen, aber sie können ausgezeichnet kochen. Diese erstaunliche Erkenntnis stammt allerdings nicht von mir, sondern von zwei älteren Damen, die heute mit mir im selben Zug unterwegs waren und die ihr neu erworbenes Wissen unbedingt mit der Welt teilen wollten.

Männer sind durchaus fähig, einen Haushalt zu schmeissen und für fünf Kinder zu sorgen, auch wenn zahlreiche Ländli-Gäste dies zu bezweifeln wagten. Und zwar so gut, dass man nicht gleich wieder rückwärts das Haus verlässt, wenn man über die Schwelle tritt. Man darf sich nur nicht so sehr darüber aufregen, dass der ganze Kühlschrank gefüllt ist mit Migros-Budget-Produkten.

Papa ist der perfekte Hausmann, aber er kann keine Omeletten backen. Auch diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von Luise.

Töchter können noch so laut heulen, dass man wegfährt, wenn man wieder nach Hause kommt,  freuen sie sich dennoch mehr über ihren ersten losen Zahn als über die Rückkehr von Mama.

Und zum Schluss noch ein Bild von meinem hinreissenden Badeanzug, der aufgrund seiner Mängel nie, aber auch gar nie, erleben wird, wie es sich anfühlt, wenn man nass wird. Es sei denn, es erbarme sich eine Leserin des hässlichen Stücks…

Der perfekte Hausmann schlägt zu

Noch bin ich nicht weg, da beginnt „Meiner“ schon, mir zu zeigen, wie man es schafft, nicht im Chaos zu landen. Hüpft morgens um Viertel nach sechs fröhlich aus dem Bett und steht Minuten später frisch geduscht und angezogen da und beginnt, Wäsche wegzuräumen – „Nachher habe ich ja keine Zeit mehr dazu“ – und die Waschmaschine zu entstopfen.

Alles, was ich dazu sagen kann: Streber!

Letzte Vorbereitungen

So langsam mache ich mich bereit, abzureisen. Die Tasche ist zwar noch nicht gepackt, aber immerhin habe ich mich inzwischen damit abgefunden, dass ich keine Ausrede habe, zu Hause zu bleiben. Nun, eigentlich will ich ja gar nicht zu Hause bleiben, ich freue mich ja auf die vier freien Tage. Irgendwie. Und irgendwie freue ich mich eben auch nicht. Aber bis jetzt haben einzig meine Mutter und eine Freundin, die selber Mutter von sechs Kindern ist, verstanden, weshalb meine Gefühle derart gespalten sind.

Nun, wie dem auch sei: Morgen reise ich ab. Vielleicht schon um Viertel nach zehn, vielleicht auch erst eine Stunde später. Oder vielleicht bleibe ich auch bis nach dem Mittagessen. Denn es zerreist mir fast das Herz, wenn ich Luise weinen höre, weil sie mich bereits im Voraus vermisst. Und dann kann ich „Meinen“ doch unmöglich im Montagmorgen-Chaos alleine lassen. Oder kann ich?

Vorbereitet habe ich ja alles. Am Küchenschrank hängt eine Liste mit allen wichtigen Dingen, die es in den nächsten Tagen zu beachten gibt. Wer zu welcher Zeit womit ausgerüstet an welchem Ort sein muss, welches Tageskind wann zum Mittagessen kommt und was diese auf keinen Fall essen, wann die leere Biokiste raus und die volle rein muss und dergleichen. Alles bis ins kleinste Detail aufgeschrieben. Und das alles hat Platz auf einer mickrigen A4-Seite.  Leiste ich wirklich so wenig, dass mein Alltag auf einer A4-Seite Platz hat? Die paar wenigen Fixpunkte am Tag kann sich jeder, der einigermassen zuverlässig ist, merken. Also muss es an dem, was zwischen den Fixpunkten sattfindet liegen, dass ich abends jeweils auf dem Zahnfleisch gehe. Das Unvorhersehbare, das Überraschende, das sich Überschneidende wird es also sein, was mich immer wieder dazu bringt, den Überblick zu verlieren und lauthals zu brüllen vor lauter Frust.

Oder bilde ich mir am Ende das alles bloss ein? Ist mein Alltag tatsächlich nicht komplizierter als er auf dem Papier aussieht? Bin vielleicht ich das Problem? Ich weiss es nicht. Noch nicht. In vier Tagen wird mir „Meiner“ sagen können, ob es für ihn auch so war, wie es für mich ist. Und somit habe ich eine neue Angst, die ich hegen und pflegen kann: Was, wenn „Meiner“ am Donnerstag findet, die vier Tage seien ein Spaziergang gewesen und er könne nicht verstehen, weshalb ich jeweils so laut jammere über mein Dasein als Hausfrau?

Ja, was dann? Na, ist doch klar: Dann kann er für die nächsten zehn Jahre den Laden schmeissen. Bloss wie ich ihn dazu bringe, in dieser Zeit auch noch fünfmal schwanger zu sein, weiss ich noch nicht. Denn ohne die Schwangerschaften erlebt er das wahre Hausfraundmutter-Feeling nie. Aber ich habe ja vier Tage Zeit zum darüber nachdenken…

Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Luise, Mama und die Zahlen

Mama mag keine Zahlen. Hat sie noch nie gemocht. Zwar hat sie schon seit frühester Kindheit alles, was es zu zählen gab, beinahe zwanghaft gezählt. Aber sobald es darum ging, kleine Zahlen von grossen Zahlen abzuziehen oder grosse Zahlen durch kleine Zahlen zu teilen oder herauszufinden, was a plus b minus c gibt, sass Mama, die damals natürlich noch nicht Mama hiess, verzweifelt da und kämpfte mit den Aufgaben – und mit den Tränen. Gab es eine Prüfung zu schreiben, schrieb sie oben ihren Namen und das Datum hin und gab das Blatt leer ab. So leer wie das Blatt war auch ihr Kopf, zumindest, wenn es um Zahlen ging. Wenn es um historische Zusammenhänge, grammatikalische Strukturen, komplizierte Sätze und fremdsprachige Vokabeln ging, dann war ihr Kopf voll, aber bei den Zahlen war nichts als lauter Leere. Es gab Lehrer, die attestierten ihr Dummheit, andere empfahlen ihr einen Besuch beim Psychiater und Jahre später, als die Schule längst Vergangenheit war, erfuhr sie, dass man die „Dummheit“ auch Dyskalkulie hätte nennen können, aber dafür war es jetzt zu spät. Die Matur hatte sie ja trotzdem geschafft, weil sie nicht nur unterdurchschnittliche Begabungen hatte, sondern auch überdurchschnittliche. Und beides zusammen ergab ein mehr oder weniger durchschnittliches Resultat.

Luise mag ebenfalls keine Zahlen. Vielleicht mag sie die Zahlen noch weniger als Mama sie gemocht hatte. Luise will nicht zählen, schon gar nicht will sie eins und eins zusammenzählen. Sie will auch keine Zahlenhäuser bauen und  keine Zahlemauern. Doch weil Luise all dies trotzdem tun muss, kommt es regelmässig zum lautstarken Krach, wenn die Lehrerin will, dass Luise zu Hause rechnet. Zwar bemüht sich Mama nach Kräften, die schlechten Erfahrungen mit den Zahlen nicht an die Tochter weiterzugeben, aber kaum sieht sie das aufgeschlagene Zahlenbuch vor sich, schrumpft Mama auf die Grösse von Luise und auf einmal sitzen da zwei quengelnde kleine Mädchen am Tisch, die nicht rechnen wollen. Die kleine Luise tobt, weil ihr Kopf nicht erfassen kann, was er erfassen müsste; die kleine Mama tobt, weil sie in ihrem Kopf keine Erklärungen findet, mit denen sie der Tochter das Unverständliche verständlicher machen könnte. Und so werden die beiden immer nervöser, immer ungeduldiger, immer lauter. Bis der Papa die Szene betritt, das Heft in die Hand nimmt und die Sache so erklärt, dass nicht nur Luise den Knopf auftut, sondern auch Mama. Vielleicht lernt auf diese Weise nicht nur Luise die Zahlen lieben.

Wobei: Der Papa, der damals noch nicht Papa hiess, hat in Mama, die damals noch nicht Mama hiess, die Liebe zu den Zahlen schon im Gymnasium zu wecken versucht. Während die Liebe zu den Zahlen ausblieb, wurde die Liebe zum zukünftigen Papa umso grösser. Und so lernte Mama wenigstens, dass eins und eins unter gewissen Bedingungen fünf Kinder gibt.

Aber doch nicht so

Es war einmal eine junge Frau, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Diese junge Frau hütete gerne mal die Kinder ihres grossen Bruders. Jedesmal, wenn sie die Kinder hütete, schaute sie sich in der Wohnung des Bruders um und fragte sich: „Wie kann man bloss in diesem Chaos leben?“ In der Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe. „Wenn ich einmal eine Familie habe“, schwor sich die junge Frau, „wird es bei mir nicht so aussehen.“

Ein paar Jahre später war die junge Frau Mutter eines Babys geworden. In der Wohnung unter ihr wohnte ihre grosse Schwester. Manchmal war die grosse Schwester so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kam ihr Sohn zu spät zur Schule. Manchmal vergass die grosse Schwester, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihre Tochter in Alltagskleidern aus dem Haus. Die junge Frau schüttelte insgeheim den Kopf. Wie konnte man bloss die Dinge derart schleifen lassen? „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen“, sagte sie zu sich selber.

Noch ein paar Jahre später war die inzwischen nicht mehr so junge Frau Mutter von fünf Kindern. In ihrer Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe, der Kübel mit den Speiseresten und den Rüstabfällen war am Überquellen, die Fussböden waren klebrig, die Kühlschränke schmutzig. Manchmal war die nicht mehr so junge Frau so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kamen ihr Sohn und ihre Tochter zu spät zur Schule. Manchmal vergass die nicht mehr so junge Frau, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihren Sohn in Alltagskleidern aus dem Haus. Manchmal dachte sie nicht mehr daran, die Kindergartentasche des Sohnes vor den Ferien leerzuräumen und deshalb fand sie am ersten Tag nach den Ferien ein verschimmeltes Sandwich und eine Kolonie von Fruchtfliegen in der Kindergartentasche.

Die nicht mehr ganz junge Frau lässt die Dinge also tatsächlich nicht so schleifen wie ihre Geschwister, sonder noch viel mehr.

Vielleicht hat die nicht mehr ganz junge Frau Leserinnen, die beim Lesen hin und wieder den Kopf schütteln und denken „Wenn ich einmal eine Familie habe, wird es bei mir nicht so aussehen.“ oder „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen.“ Die nicht mehr ganz junge Frau hofft, dass es ihren Leserinnen nicht gleich gehen wird wie ihr selbst.