Déja-vu

Wer den Mann oder die Frau des Lebens in sehr jungen Jahren gefunden hat, kennt die Situation: Ihr verbringt einen netten Abend mit Freunden, die Stimmung ist wunderbar und du bist so locker drauf, dass du gerade heraus sagst, was du denkst. „Diese Hose ist potthässlich“, zum Beispiel. Oder: „Der Abend bei deinen Eltern war voll langweilig.“ Oder: „Picknicken finde ich total doof.“ Oder sonst irgend eine Sache, die man halt so sagt, wenn man glaubt, zu allem eine Meinung äussern zu müssen, weil man noch nicht begriffen hat, dass man jetzt einen geliebten, aber ausgesprochen sensiblen Menschen an seiner Seite hat. Und darum ist der Abend von diesem Moment an im Eimer. Solange die anderen noch dabei sind, fällt dir bloss auf, dass der Mann oder die Frau an deiner Seite plötzlich etwas kurz angebunden ist, sobald ihr aber alleine seid, geht es los mit dem ganzen „Du weisst doch, wie sehr es mich verletzt, wenn man mein Äusseres kritisiert und ich bin der einzige Mensch auf diesem Planeten, der meine Eltern nicht mögen darf und wenn du Picknicks nicht liebst, liebst du auch mich nicht.“ Im besten Fall seid ihr euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe ihr endlich wieder so richtig verliebt seid.

Wenn ihr allmählich erwachsen werdet, lernt ihr, miteinander umzugehen. Falsche Bemerkungen geraten nicht mehr so leicht in den falschen Hals, jeder weiss vom anderen, wie die Dinge gemeint sind und irgendwann wird die Zeit zu zweit zu knapp, so dass ihr sie ganz bestimmt nicht mit banalen Streitereien vergeuden wollt. So kommt es, dass du dich allmählich wieder daran gewöhnst, ohne Rücksicht auf die Gefühle deiner Mitmenschen zu sagen, was du denkst. Du lässt dich wieder dazu verleiten, laut zu verkünden, wie hässlich du hellgraue Wände findest, wie doof ein bestimmter Comic deiner Meinung nach ist und was du über den Gebrauch von zu viel Parfum denkst. Tja, und dann sitzt da plötzlich ein Teenager vor dir, der dich mit grossen, traurigen Augen ansieht, weil du mit deiner herzlosen Aussage seine Gefühle verletzt hast und irgendwie kommt dir die Situation sehr bekannt vor. 

Im besten Fall seid der Teenager und du euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe die Luft zwischen euch wieder richtig rein ist. Ob du dich je trauen wirst, wieder ganz entspannt deine Meinung zu äussern, ist fraglich. Der Satz „Meine Mutter hat immer so abschätzig… und darum habe ich es nie geschafft…“ kommt dir ja auch noch von irgendwo bekannt vor…


 

Was ich mir für 2017 wünschen würde

  • Dass Frieden wieder als ein absolut erstrebenswerter Zustand betrachtet wird und nicht als ein vollkommen veraltetes Konzept für Memmen, die es nicht wagen, anderen aufs Dach zu geben.
  • Dass Kinder ihre unheimliche Fähigkeit verlieren, jede Ersatzpackung Zahnbürsten sofort aufzuspüren und aufzureissen. (Selbstverständlich gilt dieser Wunsch für jede beliebige Art von Ersatzpackungen, die man irgendwo versteckt, in der Hoffnung, Ersatz zur Hand zu haben, wenn es mal dringend nötig wäre.)
  • Dass es wieder möglich wird, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, hitzig zu diskutieren und einander trotzdem zu mögen.
  • Dass Pokémonologie zum Pflichtfach an jeder Schule erklärt wird, weil nur so eine gewisse Möglichkeit besteht, dass die Knöpfe endlich ihr Interesse an den Viechern verlieren.
  • Weniger Religiosität und mehr echten Glauben.
  • Dass das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus wieder richtig in Mode kommt.
  • Die Abschaffung von Überraschungseiern, als Kokosnüsse getarnten Aludosen, Wochendendtrips nach New York, in Plastik geschweissten Gurken und anderem Blödsinn.
  • Eine Extraportion Nächstenliebe für jeden Menschen auf diesem Planeten.
  • Regen
  • Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen nicht einer motzt.
  • Dass soziale Medien nicht immer asozialer werden. (Also, ich meine jetzt nicht, weil alle nur noch auf ihre Displays starren…)
  • Dass alle Kinder lernen, Blumenkohl zu lieben (Für den Anfang reichen auch zwei oder drei. Hauptsache, der Zoowärter muss sich nicht immer so unverstanden fühlen, wenn er von seiner Leibspeise schwärmt.)
  • Dass der Wahnsinn, der in letzter Zeit so furchtbar modern ist, ein Ende findet, bevor wir glauben, er sei ganz und gar normal.
  • Dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die mitdenken und mitgestalten, anstatt einfach nur mitzulaufen.
  • Mindestens einen Abstimmungssonntag, an dem ich nicht Trübsal blasen muss.
  • Friede, Freude, Eierkuchen – aber echt jetzt!

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Husch! In die Schublade mit dir!

So schnell also geht das. Da schleppt dich dein Herr Gemahl – der sich von dir zwar schon so einiges gewöhnt ist, aber nicht, dass du mit fiebrigem Blick wirres Zeug erzählst – in die Notfallpraxis und ehe du dich versiehst, landest du in der Schublade mit der Aufschrift „Unterbelichtete Gebärmaschine mit Migrationshintergrund“.

Du liegst im Dämmerzustand auf dem Untersuchungstisch, kriegst durch den Nebel verschwommen mit, wie jemand Blutdruck und Fieber misst, eine Blutprobe nimmt und nach dem Beruf fragt. Irgendwo in deinem Gehirn ist die Antwort auf diese Frage gespeichert, das weisst du, aber diese Stelle ist gerade nur über eine sehr wacklige Leiter zugänglich und so ist, als die Information endlich auf deiner Zunge liegt, das Urteil über dich bereits gefällt: „Ach so, Ihre Frau spricht wohl kein Deutsch.“ Von diesem Moment an wirst du nicht mehr direkt angesprochen, dein Mann redet für dich. (Was wegen des Nebels und der wackligen Leiter für einmal auch in Ordnung ist.)

Minuten später ist die Person weg, dafür steht eine andere da. Auch die nimmst du nur verschwommen wahr, aber du bekommst mit, wie sie sich mit deinem Mann unterhält. „Kinder? Fünf? Ja, aber wer schaut denn zu denen, wenn Ihre Frau krank ist?“* Ein paar Untersuchungen, ein paar Empfehlungen und dann die nur rhetorisch gemeinte Frage: „Braucht sie ein Arztzeugnis? Wohl kaum. Mit fünf Kindern wird sie ja nicht auch noch arbeiten…“

Damit wäre die Sache für die Ärztin erledigt, du bist fertig untersucht und schubladisiert. Doch dein Mann möchte zur Sicherheit noch wissen, ob das ganze wirre Geschwätz, das du von dir gibst, nicht etwas alarmierend sei. Um zu illustrieren, was er meint, gibt er einige deiner Kalauer zum Besten. Die lapidare Antwort: „Sie kennen Ihre Frau besser als ich. Wenn Sie denken, dass dies nicht ihrem üblichen Verhalten entspricht, müssen Sie vielleicht ins Spital gehen mit ihr.“

Sie wird wohl recht haben, die Frau Doktor. So ein gebärfreudiges Weib mit fremdländischem Namen, der auf eine zweifelhafte Herkunft hindeutet, wird auch in gesundem Zustand nicht allzu viel Gescheites über ihre Lippen bringen. Da ist die Grenze zwischen Normalzustand und fiebriger Verwirrtheit nicht so leicht zu erkennen. 

*Der Vater der Kinder kann es auf alle Fälle nicht sein. Der hat doch viel wichtigere Dinge zu tun. Zumal in ein paar Stunden das Wochenende beginnt und da wird man von einem Mann doch nicht etwa erwarten, dass er sich in seiner Freizeit um den ganzen Weiberkram kümmert, bloss weil seine Alte wieder mal meint, sie müsse ein wenig kränkeln. 

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Traditionsvergessen

Nein, deswegen wird die Welt nicht untergehen. Sie hätte ja in diesen Tagen wahrlich genügend andere Gründe, sich in den Abgrund zu stürzen, um dem ganzen Elend ein Ende zu setzen, da wird es ihr also herzlich egal sein, was „Meiner“ und die Kinder aus meiner sorgfältig geplanten Guezli-Aktion gemacht haben. 

Ein friedliches gemeinsames Backen zum vierten Advent hätte es werden sollen. Mailänderli, Chräbeli, Zimtsterne und Spitzbuben. Mindestens. Vielleicht auch noch zwei oder drei Sorten mehr, je nachdem, wie lange die Freude anhalten würde. Ein netter Familienanlass, damit wir wenigstens in den eigenen vier Wänden ein paar Stunden heile Welt hätten, wo da draussen doch schon alle am Durchdrehen sind.

Tja, und dann kam am Donnerstag dieser Käfer, der mich so sehr ausser Gefecht gesetzt hat, dass die Familie am Freitagnachmittag besorgt an meinem Bett stand und wissen wollte, was bloss los sei mit mir, ich würde nur noch wirres Zeug von mir geben. Muss also wirklich ziemlich unverständlich gewesen sein, was ich da gebrabbelt habe, denn zumindest die Minderjährigen im Hause sind ja schon längst der Meinung, die Hälfte dessen, was aus meinem Mund komme, ergebe keinen Sinn. Weil ich inzwischen zwar wieder in der Lage bin, klare Gedanken zu fassen, aber noch zu schwach bin, um mit Wallholz und Teigschüssel zu hantieren, musste die Weihnachtsbäckerei ohne mich stattfinden.

Nun ist es leider so, dass „Meiner“, der sonst ein ausgesprochen vielseitiger und talentierter Mensch ist, vom Hochhalten heiliger Familientraditionen keine Ahnung hat. Und so wurde mein Backprogramm erst einmal um die Hälfte gekürzt – von den Suppléments, von denen ich geträumt hatte, wollen wir gar nicht erst zu reden anfangen. Da die Suche nach den Ausstechern, die nach der Küchenrenovation natürlich nicht mehr dort sind, wo sie einmal waren, nicht sogleich von Erfolg gekrönt war, wurde der Mailänderliteig halt mit Messern traktiert. Und weil man von einem vielbeschäftigten Menschen nicht erwarten kann, dass er ein Guezlirezept zu Ende liest, wanderten die Zimtsterne schon heute in den Ofen, wo sie doch eigentlich über Nacht hätten trocknen müssen. Kein schöner Anblick, das Ganze, muss ich leider sagen.

Damit kann ich leben, denn bis ich diesen fiesen Käfer endlich bezwungen habe, werden die missratenen Guezli ohnehin alle schon aufgegessen sein und ich muss sie mir nicht mehr ansehen. Bedenklicher finde ich, dass es denen da draussen vor der Krankenzimmertür einen Heidenspass gemacht hat, eine der schönsten Weihnachtstraditionen mit dem Messer zu taktieren. 

Zum Glück bietet mir die heutige Sonntagspresse wieder genügend Anlass, mir echte Sorgen zu machen. Sonst würde ich mich am Ende noch über meine Lieben ärgern und dann werde ich nie und nimmer rechtzeitig gesund, um wenigstens noch ein paar anständige Anis-Chräbeli zu backen. 

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Auf der anderen Seite…

Neulich geriet ich in eine Diskussion, bei der ich mich ganz unerwartet auf der für mich eher ungewohnten Seite des Arguments wiederfand. Es ging um die Lehrer und ihre Missetaten. Um ihre Rolle als Gefängniswärter, die unseren Kindern die Freiheit rauben. Um ihre Herzlosigkeit, mit der sie ihren Schützlingen begegnen. Um ihre Foltermethoden, mit denen sie den Kleinen das Leben schwer machen.

Ich weiss, ihr denkt jetzt, ich sei bestimmt diejenige gewesen, die all diese Dinge geäussert hat. Immerhin werde ich nicht müde, lauthals über die Schule zu zetern und zu schimpfen. Habe ich nicht gerade vorgestern meinem Ärger wieder einmal Luft verschafft? Aber so hat meine Gesprächspartnerin geredet und ich habe dagegen gehalten und zwar nicht nur, weil ich Tisch und Bett mit einem Lehrer teile, der so gar nicht dem Bild des Schulzimmer-Tyrannen entsprechen will. Dass ich mich plötzlich in der Rolle der glühenden Lehrerverteidigerin wiederfand, hat auch andere Gründe.

Ja, man darf – und muss zuweilen auch – der Schule als Institution kritisch gegenüberstehen. Man soll nicht einfach alles widerspruchslos hinnehmen, was der Lehrplan für unsere Kinder vorsieht. Es gibt Situationen, in denen es angebracht ist, harte Kämpfe mit Lehrpersonen auszufechten, wenn sie nicht das Wohl des Kindes, sondern irgend ein halbgares pädagogisches Hirngespinst im Sinne haben. Es gibt auch viele gute Gründe, die eigenen Kinder der Schule gar nicht mehr anzuvertrauen. Von mir aus darf man sogar eine Lehrperson nicht mögen und alles grundfalsch finden, was sie oder er tut. In meinem Leben gibt es auch zwei oder drei Pädagogen, bei denen es mir ausgesprochen schwer fällt, etwas Gutes zu finden. 

Was man bei all dem aber nicht vergessen darf, ist die Tatsache, dass Lehrer und Lehrerinnen auch nur Menschen sind. Menschen, die in der Regel nicht böswillig handeln – obschon natürlich auch diese Regel ihre Ausnahmen kennt; ich rede da leider aus Erfahrung. Menschen, die sich meistens bei dem, was sie tun, etwas überlegen – obschon uns diese Überlegungen manchmal schleierhaft sind. Menschen, die aus irgend einem Grund sind, wie sie sind. Menschen, die vermutlich nicht selten ebenso laut über uns seufzen, wie wir über sie. Menschen, die einen Job ausüben, in dem ich schon am ersten Tag scheitern würde, weil ich nicht die Nerven dazu hätte. Menschen, die … Ach, was soll ich auch noch weiter aufzählen? Sie sind halt einfach auch nur Menschen. So wie du und ich. Darum lasse ich mich – bei aller Kritik an der Schule meiner Kinder – nicht vor den Karren jener spannen, die in jedem Lehrer ein kinderfressendes Monster sehen.

Mein Positionsbezug hatte aber auch noch andere Gründe. Nämlich die Perlen unter den vielen Lehrerinnen und Lehrer, die meine Kinder schon unterrichtet haben. Die Primarlehrerin, die dafür verantwortlich ist, dass eines unserer Kinder in zwei Jahren nur an einem einzigen Tag keine Lust hatte, zur Schule zu gehen. Der Klassenlehrer, der immer und immer wieder die Geduld aufbringt, unserem Sohn noch eine Chance zu geben. Die Förderlehrerin, die bei den Kindern so beliebt ist, dass sie ihr fast vors Velo springen, um sie zu begrüssen, wenn sie an unserem Haus vorbeifährt. Die Oberstufenlehrerinnen, die es nicht nur fertig bringen, die Herzen der Teenager im Sturm zu erobern, sondern die sogar in der Lage sind, überkritische, zynische Mütter zu begeistern. Die Geschichtslehrerin, die das Kunstwerk zustande bringt, ihre Schüler darüber nachdenken zu lassen, dass Kolumbus vielleicht nicht der Held war, als den die Geschichtsschreibung ihn gerne darstellt. 

Meine Gesprächspartnerin wollte mir natürlich nicht glauben, dass es solche Lehrer und Lehrerinnen gibt. Aber es gibt sie sehr wohl. Und wir sollten sie gefälligst anständig behandeln, denn sie sind es, die dafür sorgen, dass unsere Kinder trotz aller Mängel, die unser Schulsystem leider hat, viel Gutes mitbekommen.

Und wenn ihr jetzt findet, ich trete heute etwas gar oberlehrerhaft auf, dann schreibt das bitte den Käfern zu, die mir das Prinzchen in seiner unendlichen Grosszügigkeit freundlicherweise überlassen hat. Er hat jetzt genug gejammert und gestöhnt. Jetzt darf ich…

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Dampf ablassen

Ich weiss genau, wer ich heute Abend war: Die Mutter mit den vielen Kindern, die schon seit so vielen Jahren mit den gleichen Lehrpersonen unterwegs ist, dass beide Seiten keine Chance mehr haben, ihre schlechten Seiten voreinander zu verbergen. Die Bärenmama, die zu oft erlebt hat, wie man ihrem wehrlosen Jungen Unrecht getan hat, weshalb sie inzwischen schon die Zähne fletscht, wenn nur das Telefon klingelt und auf dem Display das Wort „Schule“ aufleuchtet. Die Desillusionierte, die sehr tief in ihrem mit missratenen Eltern-Schule-Begegnungen vollgestopften Rucksack graben muss, um auch einige positive Erfahrungen ans Tageslicht zu befördern. Die Frustrierte, die man auf gar keinen Fall zu einem dieser Evaluations-Interviews einladen sollte, weil sich bei ihr einfach zu viel angestaut hat, so dass sie nicht mehr in der Lage ist, faire Kritik zu üben. 

Eingeladen werden solche Mütter natürlich trotzdem, denn sie machen ja auch immer bereitwillig ein Kreuz bei der Frage, ob sie bereit wären, all die bösen Dinge, die sie im Fragebogen schon geschrieben haben, auch noch im persönlichen Interview kund zu tun.

Nicht unbedingt so, wie ich sein möchte, aber wenn sie einen schon dazu einladen, mal Dampf abzulassen…

Bin mir einfach nicht ganz sicher, ob dies der Sinn dieser ganzen Evaluations-Geschichte sein soll.

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Männerschnupfen?

Prinzchens Gesundheit ist ausgesprochen robust. So robust, dass ich mich an einen einzigen krankheitsbedingten Besuch bei der Kinderärztin erinnern kann. Das war die Sache mit den Windpocken, die er im zarten Alter von fünf Wochen unbedingt auch haben musste, weil seine zwei grösseren Brüder gerade so begeistert waren von den Dingern. Aber sonst? Ab und zu eine kleine Grippe oder eine Erkältung, aber in der Regel macht er nicht mal bei dem grossen Magen-Darm-Hype mit, dem wir in unsrer Familie so gerne kollektiv verfallen.

Falls das prinzliche Immunsystem doch mal gegen Käfer kämpfen muss, geht der Junge die Sache an wie ein echter Mann: Mit Stöhnen, Jammern, Schluchzen und Klagen. Keiner ist so krank wie er, keiner kann sich vorstellen, was er gerade durchmacht, keiner ist in der Lage, sein Leiden zu lindern. Mit schwachem Stimmchen bittet er um einen honigsüssen Tee, mit leidender Miene schlürft er seinen Fiebersaft. 

Zum Glück leben in unserem Haus auch männliche Wesen, die ihre Erkältungen und Grippen mit mehr Fassung tragen, denn beim Anblick des leidenden Prinzchens könnte man glatt auf die Idee kommen, es gäbe ihn tatsächlich, den Männerschnupfen.

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Wie bitte?

„Meiner“ und ich unterhalten uns beim Anstehen an der Kasse darüber, was wir uns heute Abend, wenn die Kinder im Bett sind, kochen sollen. „Wir könnten Penne alla Vodka machen“, schlage ich vor. „Das können wir sonst nie kochen, wenn die Kinder mitessen.“ Eine ältere Dame dreht sich zu uns um und meint: „Aber warum denn nicht? Je früher man die Kinder an Alkohol gewöhnt, umso besser.“

Jawohl, das war ihr Ernst.

Warum auch nicht? Welchen Schaden kann so ein harmloses Schnäpschen denn schon anrichten?

Doch noch lieber so als anders

Wenn ich wieder einmal kurz vor Mittag schweissgebadet meinen Wocheneinkauf aufs Förderband lade, hinter mir eine lange Schlange von Arbeitern, die nur mal schnell ihr Sandwich bezahlen wollten und sich nun fragen, warum diese blöde Hausfrau ihren Grosseinkauf ausgerechnet jetzt tätigen muss, weil sie mir ja nicht ansehen können, dass ich auch meinen Job habe…

Wenn ich mir währenddessen den Kopf zermartere, wie ich es in den nächsten 24 Stunden schaffen soll, regelmässig eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, die Wohnung zu putzen, ungestört zu arbeiten, rechtzeitig zur Sitzung zu kommen, den Wäscheberg zu verkleinern, Luises Medikamente in der Apotheke abzuholen, den Kühlschrank sauber zu machen, zu Karlssons Schulbesuchstag zu gehen und bei all dem noch ein halbwegs freundlicher Mensch zu bleiben,…

wenn ich wenig später schimpfend und zeternd die Einkaufstaschen in den zweiten Stock schleppe, zwischendurch ein paar Essensreste auf den Herd stelle, die Kinder in Empfang nehme und mich frage, weshalb andere Menschen es für nötig halten, Sport zu treiben, wo doch das ganz gewöhnliche Leben sich oftmals anfühlt wie ein endloses Ausdauerprogramm,…

und mir dann noch einfällt, dass ich mir diesen Stress zumindest teilweise hätte ersparen können, wenn ich mir am Morgen nicht in einem Anflug von grenzenlosem Optimismus diese zwanzigminütige Pause gegönnt hätte,…

dann werde ich einen Augenblick lang empfänglich für diese leise Stimme, die mir honigsüss ins Ohr flüstert: „Stell dir vor, wie angenehm dein Leben sein könnte, wenn du nichts weiter zu tun hättest, als dich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Wäre das nicht ein traumhaftes Leben? Morgens um acht, wenn das Prinzchen aus dem Haus ist, könntest du in aller Ruhe frühstücken und Zeitung lesen. Dann könntest du darüber nachdenken, was du heute erledigen willst und was getrost noch bis morgen warten kann. Wenn du Lust hättest, könntest du dich mit einer Freundin zum Kaffee treffen, oder für einige Stunden mit einem Buch verschwinden, um kurz vor Mittag vollkommen entspannt wieder zu Hause aufzutauchen, wo du deine Kinder wenig später mit einem liebevoll zubereiteten Mittagessen und einem offenen Ohr in Empfang nehmen würdest. Und stell dir erst mal vor, wie perfekt dein Garten dann nach einiger Zeit aussehen würde…“

So flüstert sie, diese Stimme und einen Moment lang bin ich geneigt, ihr zu glauben. Ich male mir aus, wie entspannt ich in den Tag starten würde, wenn ich nicht schon am frühen Morgen diese endlose Lite der zu erledigenden Dinge im Kopf hätte. Ich stelle mir vor, wie ordentlich es bei uns sein könnte, wenn sich endlich mal jemand richtig um diesen Haushalt kümmern würde. Ich fange an zu phantasieren, was ich alles Gutes kochen und backen könnte, wenn nicht immer alles auf den letzten Drücker geschehen müsste. 

Ein paar solche Tage wären ganz nett, denke ich. Aber auf Dauer? Nein danke! Dass ich nicht geschaffen bin für ein Leben, das sich ausschliesslich um Kind und Haushalt dreht, habe ich mir mehr als einmal bewiesen. Meine Familie kann ein Liedchen davon singen, wie unausstehlich ich dann werde. Noch unausstehlicher, als ich es heute Vormittag war… 

Und darum wird es auch weiterhin Tage geben, an denen ich mich schimpfend und schnaubend durchs Tagesprogramm pflüge, weil ich einfach nicht alles schaffe, was ich schaffen sollte  und ich werde dabei tief in meinem Inneren dennoch zufriedener sein, als ich es wäre, wenn ich irgendwann zu töpfern anfangen müsste, um irgendwie diese vielen kinderfreien Stunden hinter mich zu bringen. 

Schlechte Nacht?

Heute wieder mal einer für die Rubrik „peinliche Anrufe aus dem Lehrerzimmer“:

„Frau Venditti, hatte ihr Kind eine schlechte Nacht?“

„Äääääh, ich weiss nicht so recht. Ich habe da schon so ein Rumoren gehört…“

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das Kind macht mir einen ganz zufriedenen Eindruck und es sagt auch, es gehe ihm gut. Aber es ist jetzt … na ja, wie soll ich sagen?… also… es ist zweimal hintereinander regelrecht eingepennt. Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich es nach Hause schicke?“

„…“

Wo, um Himmels Willen, sind diese Erdlöcher zum Verkriechen, wenn man sie mal dringend braucht?

Und nein, ich verrate nicht, wer es war…

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