Andere Zeiten

Nach der ersten erfolgreichen Suchaktion in meiner Vergangenheit liessen sie es sich natürlich nicht nehmen, noch ein wenig weiter zu wühlen. Einmal mehr wurden sie fündig: Alte Kindergartenzeichnungen, die noch heute Marineblau auf Beige belegen, wie langweilig dieses erste Jahr meiner Schullaufbahn war. Mein Graduation Cap vom Highschool-Abschluss, feuerrot und inzwischen ohne Quaste, aber immer noch für viel Gelächter gut. Ein Freundschaftsbuch, dessen Inhalt die Diskussion auslöste, ob ich wirklich schon damals Madonna nicht gemocht habe, oder ob ich das jetzt nur behaupte, weil es heutzutage – im Gegensatz zu 1987 – nicht mehr cool ist, Madonna cool zu finden.

Ja, und dann war da auch diese Kassette. Ein Oeuvre von 90 Minuten, das den Titel „Karlsson vor dem Einschlafen, Juli 03“ trägt. Da der im Titel erwähnte Karlsson äusserst nostalgisch veranlagt ist, verfügt unser Haushalt auch im Jahre 2016 noch über ein Kassettengerät, so dass wir uns das Band in voller Länge anhören konnten. Im Hintergrund hört man eine zornig schreiende Luise, knapp vier Monate alt, ansonsten ziemlich viel Rauschen, immer wieder unterbrochen von dem friedlichen Geplapper des noch nicht dreijährigen Karlsson, der seinem Eisbären David die Welt erklärt. Alles, was ihm damals wichtig war – sein grosser Cousin, der begeistert Fussball spielte, die volle Windel, diverse Körperteile, die inzwischen schlafende Luise, die Grossmama und natürlich die Tortenschaufel mit dem orangefarbenen Griff, die er stets mit sich herumschleppte – ist auf diesem Band festgehalten.

Während ich mit verklärtem Blick dem Geplauder aus vergangenen Tagen lauschte, machte sich der inzwischen halbwüchsige Protagonist meines Unterhaltungsprogramms seine Gedanken über das Medium, auf dem sein einst so zartes Stimmchen festgehalten worden war. „Hat man solche Bänder einfach im Laden kaufen können? Waren die teuer? Und was konnte man mit denen alles anstellen, ich meine, abgesehen davon, dass man damit den eigenen Sohn heimlich belauschte?“ 

Also begann ich zu erzählen. Von den Abenden während meiner Teenagerjahre, als ich immer zwischen sieben und acht Radio 24 einschaltete, eine leere Kassette im Gerät, für den Fall, dass ein Hörer eines meiner Lieblingslieder – natürlich nicht von Madonna – wünschen würde, oder vielleicht sogar einen Gruss für mich hätte, was natürlich nie vorkam. Wie schwierig es war, die Aufnahme abzuklemmen, ehe der Moderator wieder mit seinem Geschwätz anfing, wie sauer ich war, wenn nichts Anständiges gewünscht wurde. Ich erklärte, was ein Walkman ist, versuchte auch verständlich zu machen, wie das jeweils klang, wenn die Batterien allmählich den Geist aufgaben, aber ich glaube, da konnten sie mir nicht mehr folgen. Staunen mussten sie natürlich trotzdem und das Staunen wurde grösser, als ich erklärte, wie leicht es war, bei so einem Tonband den Kopierschutz zu umgehen.

Und zum ersten Mal seitdem ich Teenager im Haus habe, hörte ich einen leisen Neid heraus, als Karlsson meinte: „Wahnsinn! Ihr konntet Raubkopien machen, ohne dass euch einer auf die Schliche kommen konnte. Heute fliegt sowas ja sofort auf…“

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Gummitwist & Co.

Ein Bild von einem Steckspiel, Gummitwist, Fadenspiele, „Himmel und Hölle“, „Schiffe versenken“, Geduldsspiele oder sonst irgend etwas pädagogisch Wertvolles, womit wir uns als Kinder die Zeit vertrieben haben. Dazu die Aufforderung: „Drück ‚Gefällt mir‘, wenn du es noch kennst.“ Auf Facebook wimmelt es von solchen Bildern. Ganz ähnlich funktioniert es mit unseren Helden aus Kindertagen. Wir sollen mit unseren Likes aller Welt zeigen, dass wir nicht vergessen haben, wie toll sie alle waren, Michel aus Lönneberga, Pipi Langstrumpf, das Sams, TKKG und wie sie auch heissen mögen. Die Botschaft ist klar: Wir hatten damals noch eine richtige Kindheit mit allem, was dazugehört. Die heutigen Kinder hingegen werden mit dem ganzen iSchrott davon abgehalten, ein lebenswertes Leben zu leben. Erinnerungen, wie wir sie in Ehren halten, wird die Generation, die heute am Start steht, nicht mehr haben. Eine hübsche kleine Moralkeule, eingehüllt in eine dicke Watteschicht von Nostalgie.

Wer das teilt, hat das Gefühl, er wisse eben noch, wie eine Kindheit sein sollte. Beweisen tut er aber eigentlich, dass er nur noch in Erinnerungen schwelgt, den Kontakt zur real existierenden Kindern scheint er verloren zu haben. Er glaubt allen Ernstes, heute sei alles ganz anders und natürlich schlechter. Okay, ich geb’s ja zu, da sind ein paar technische Neuerungen hinzugekommen, aber wenn ich mich so umsehe in den Kinderzimmern, auf den Pausenhöfen und in den Bibliotheken, dann begegne ich all den Dingen, die uns damals schon glücklich gemacht haben. Gut, Gummitwist scheint leider tatsächlich in Vergessenheit geraten zu sein, aber die meisten Kinder in meinem Umfeld – und das sind nicht wenige – wissen sehr wohl, wie man mit kleinen Plastiksteckern ein schönes Bild steckt,  manche schaffen den Rubik’s Cube fast mit geschlossenen Augen, „Himmel und Hölle“ hüpfen sie noch mit der gleichen Leidenschaft wie eh und je und „Michel in der Suppenschüssel“ kennen sie in- und auswendig.

Vielleicht sollten Erwachsene etwas weniger oft mit verklärtem Blick auf nostalgische Bilder in ihrer Facebook-Timeline starren und sich stattdessen von einem Kind in ein Fadenspiel verwickeln lassen.

Und wenn das Fadenspiel zu Ende ist, könnten sie das Kind in die hohe Kunst des Gummitwist einführen. Ist doch wirklich eine Schande, dass das heutzutage keiner mehr spielt. 

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Sinnvolle Ferienbeschäftigung

Heute wieder mal so ein unsinniger Termin: Trotz Schulferien früh aus dem Bett, den Zoowärter bei Grossmama, wo er übernachtet hat, abholen, schnell schnell alles bereit machen und ab zur Abklärung. Die Schrift sei ganz fürchterlich, haben Lehrerin und Heilpädagogin gemeint. So schlimm sei die nun auch wieder nicht, wenn man bedenke, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin sei, die in seinem Alter nicht schöner geschrieben hätte, finden „Meiner“ und ich. Ausserdem sei die Schnüerlischrift ja ohnehin ein Auslaufmodell. Aber man möchte ja als Eltern nicht unnötig starrsinnig sein und karrt das Kind eben zur Abklärung.

Siebzig Minuten lang wird gespielt, gefragt, geschrieben, abgezeichnet, gebaut, Zeit gemessen und was sonst noch so alles dazu gehört, dann der Befund: So schlimm ist das nun auch wieder nicht mit dieser Schrift, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin ist, die in seinem Alter auch nicht schöner geschrieben hat. Eine Therapie ist nicht nötig, Lehrerin und Heilpädagogin sollen sich ein wenig entspannen, die Schnüerlischrift ist ja ohnehin ein Auslaufmodell, also soll man den Zoowärter nicht unnötig damit belasten. Man soll die Therapieplätze für die Kinder freihalten, die sowas auch wirklich nötig haben. Wunderbare Einigkeit zwischen Mutter und Therapeutin, die beide schon oft erlebt haben, dass es am hilfreichsten ist, dem Kind einfach Zeit zu lassen. 

Nach neunzig Minuten wieder nach Hause. Ich mit einem leisen Groll, weil man dem Zoowärter mit der ewigen Kritik an seiner Schrift die Freude am Schreiben genommen hat, er mit einem leisen Groll, weil er kein Fall für die Therapeutin ist. Dabei hatte er sich doch so sehr auf die tollen Sachen gefreut, die er dort hätte machen dürfen. 

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Kommt drauf an, wen man fragt

Nehmen wir mal an, ich stünde am Esstisch, hätte die Hände im klebrigen Brotteig und bräuchte dringend Mehl. Je nachdem, welches Familienmitglied gerade in der Nähe wäre, würde meine Bitte nach Mehl auf ganz unterschiedliche Weise aufgenommen.

Karlsson

Ich: „Karlsson, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Karlsson: „Ich muss erst noch dieses Menuett fertig spielen.“

Ich: „Ich brauche aber dringend Mehl. Kannst du nicht kurz unterbrechen?“

Karlsson: „Okaaaaaay…“ (Schlurft widerwillig in die Küche, tut, wie ich ihn gebeten habe und geht zurück aus Klavier.)

Luise

Ich: „Luise, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Luise: „Warum immer ich?“

Ich: „Na ja, du bist gerade zufällig in der Nähe und ich brauche Mehl.“

Luise: „Warum fragst du nicht Karlsson oder den Zoowärter?“

Ich: „Weil die jetzt gerade nicht da sind und ich brauche dringend Mehl.“

Luise: „Immer muss ich! Nie fragst du die anderen! Warum muss immer ich alles machen?“

Ich: „Himmel, ich verlange ja nicht die Welt von dir. Nur ein Schälchen voll Mehl. Du isst ja auch von dem Brot.“

Luise: „Ich esse fast nie Brot.“

Sie macht sich schnaubend am Mehsack zu schaffen und reicht mir widerwillig das Mehl. Vermutlich wird es keine zwanzig Minuten dauern, bis sie sich unaufgefordert bei mir entschuldigen kommt. Und mit ziemlicher Sicherheit wird sie die Erste sein, die sich eine Scheibe Brot abschneidet, wenn es aus dem Ofen kommt.

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Ich: „FeuerwehrRitterRömerPirat, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Kleben sie an der Decke oder an der Schüssel?“

Ich: „Am Teig.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum kleben sie nicht am Mehl?“

Ich: „Weil Mehl nicht klebt.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber Teig ist auch aus Mehl. Warum klebt der dann?“

Ich: „Weil im Teig Wasser ist und dadurch der Weizenkleber… Ach, komm schon, ich erkläre dir das später. Ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Das Zeug wird schwer in meinen Händen.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum wird es denn schwer? Mehl ist doch federleicht.“

Ich: „Ja, Mehl alleine schon, aber…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Mehlsack ist doch schwer. Warum sagst du dann, Mehl sei federleicht?“

Ich: „Da sind ja auch 25 Kilo drin. Und du hast gesagt, Mehl sei federleicht, nicht ich. Aber reich mir jetzt bitte ein wenig von dem Mehl.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Den ganzen Sack oder nur ein einzelnes Mehlstäubchen?“

Ich: „Ein Schüsselchen voll, aber bitte schnell! Mir fault die Hand ab?“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum ist deine Hand nicht schwarz, wenn sie abgefault ist?“

Ich: „M-E-H-L, aber bitte sofort.“

FeuerwehrRitterRömerPirat macht sich endlich am Mehlsack zu schaffen und denkt derweilen laut über die Frage nach, warum Mehl nicht in der Küche herumfliegt, wo es doch so leicht ist.

Zoowärter

Ich: „Zoowärter, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Zoowärter: „Ja, Mama.“ Ich höre, wie es im Küchenbüffet rumort. Nach einer halben Ewigkeit….

Zoowärter: „Sooooo, jetzt brauche ich nur noch….“ Wieder Rumoren, diesmal im Behälter mit den Küchenutensilien, dann nach einer weiteren Ewigkeit…

Zoowärter: „Sooooo, dann wollen wir mal….“

Ich: „Zoowärter, ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Geht’s?“

Zoowärter: „Ja, Mama.“

Es passiert lange nichts, nur das Rascheln des Mehlsacks ist zu hören. Dann…

Zoowärter: „Ich glaube, ich muss das anders machen….“

Ich: „Zoowärter! Ich brauche Mehl!“

Zoowärter: „Ja, Mama. Ich bin gleich soweit. Ich muss nur eine andere Schüssel finden.“

Mir schwant Böses, also begebe ich mich mit dem ganzen Teig an den Händen vom Esszimmer, wo ich knete, in die Küche, wo er hantiert. Der Fussboden ist voller Mehl, eine Schöpfkelle liegt neben dem Mehlsack, der Zoowärter hält eine riesige Schüssel mit mindestens drei Kilo Mehl in den Händen und strahlt mich an. Ich seufze.

Ich: „Eine kleinere Schüssel hätte auch gereicht, aber danke.“

Zoowärter: „Gern geschehen, Mama.“

Prinzchen

Ich: „Prinzchen, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Prinzchen: „Ja, sofort. Und darf ich nachher gleich noch die Hefe in den Teig geben?“

Ich: „Das habe ich leider schon gemacht.“

Prinzchen (Zieht eine Schnute): „Aber das Salz darf ich schon noch zufügen?“

Ich: „Das habe ich leider auch schon gemacht. Aber das Mehl darfst du mir reichen.“

Prinzchens Gesicht wird länger. Er schaut mir dabei zu, wie ich mit dem klebrigen Teig ringe.

Ich: „Kannst du mir jetzt bitte Mehl holen?“

Prinzchen: „Von mir aus. Aber nachher backen wir noch Guetzli. Ich will nicht immer nur Mehl holen, ich will auch etwas Richtiges machen.“

„Meiner“

Ich: „‚Meiner‘, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

„Meiner“: „Einen Moment. Ich muss nur noch schnell den Abfallsack zuschnüren und die Hände waschen.“

Er erledigt, was er gesagt hat und kommt ins Esszimmer, wo ich mit dem Teig kämpfe.

„Meiner“: „Wahnsinn, das sieht genial aus. Lass mich nur schnell ein Foto machen. Das wird der Hammer.“

Bevor ich etwas sagen kann, ist er wieder weg, um die Kamera zu holen.

„Meiner“: „Stell dich mal so hin. Nein, etwas mehr Richtung Fenster. Und den Teig etwas höher. Ja, genau so…“

Ich: „Himmel, das Zeug ist schwer. Kannst du mir jetzt bitte das Mehl holen?“

„Meiner“ knipst ungerührt weiter.

„Meiner“: „Gleich. Nur noch ein paar Bilder. Etwas mehr nach links, wenn es geht. Nein, halt, nicht so weit. Noch etwas nach rechts…“

Ich: „Ich brauche Mehl! Jetzt gleich! Meine Hände fallen mir sonst ab…“

„Meiner“: „Gleich. Nur noch dieses eine Bild. Nein, lass den Teig nicht zurück in die Schüssel fallen! Du ruinierst das Bild! Wohin gehst du denn jetzt?“

Ich: „In die Küche. Ich brauche Mehl. Aber zuerst muss ich mir die Hände waschen. Sonst ist nachher alles verklebt.“

„Meiner“: „Ich hätte dir das Mehl doch gleich gebracht. Immer bist du so ungeduldig…“

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Begegnung mit einem früheren Ich

Neulich beim Aufräumen traf ich zufällig eines meiner früheren Ich. Nicht eines von ganz früher, so ein unbeschwertes Ding, frei von jeglicher Verpflichtung, sondern ein abgekämpftes mit tiefschwarzen Augenringen. Natürlich kamen wir sogleich miteinander ins Gespräch:

Früheres Ich (FI): Wie siehst du denn aus?

Ich (I): Wie soll ich schon aussehen? So wie eine fünffache Mutter, die zu wenig schläft, zu wenig für ihre Figur tut und kaum einen Moment zur Ruhe kommt, halt aussieht.

FI: Du schläfst zu wenig? Das ich nicht lache! Jetzt, wo die Kinder alle gross sind, gibt es doch keine durchwachten Nächte mehr.

I: Du hast ja keine Ahnung. Luise schläft so schlecht wie eh und je…

FI (unterbricht mich): Das glaube ich dir nicht. So schlecht, wie damals, als ich mit dem Zoowärter schwanger war und auf dem Zahnfleisch ging, kann es nie und nimmer sein.

I: Noch einmal: Du hast ja keine Ahnung. Mag ja sein, dass sie nachts nicht mehr ganz so lange wach ist wie damals, aber in meinem Alter steckt man das auch nicht mehr so leicht weg, wenn das Kind regelmässig mitten in der Nacht neben dem Bett steht und über Schlaflosigkeit klagt. Du warst damals ja noch blutjung und unverbraucht.

FI: Unverbraucht? So fühlte ich mich aber ganz und gar nicht.

I: Ich hab neulich Bilder gesehen. Du sahst eindeutig besser aus als ich.

FI: Finde ich auch und ich frage mich, was du falsch machst. Ich meine, du hast ja jetzt jeden Vormittag ganz für dich alleine, kannst tun und lassen, was du willst, die Kinder sind eigenständig und du kannst mit „Deinem“ in den Ausgang, so oft du Lust hast.

I (mit einem zynischen Lachen): Ich weiss ja gar nicht, bei welchem Punkt ich anfangen soll, dich zu korrigieren…“

FI (erstaunt): Warum willst du mich korrigieren? Genau so habe ich mir die Zukunft in meinen süssesten Träumen vorgestellt. Du willst mir jetzt nicht etwa sagen, es sei anders gekommen?

I (seufzend): Tja, ich muss dir leider sagen, dass du die Zukunft etwas gar zu rosig ausgemalt hast. Das mit den freien Vormittagen zum Beispiel ist bei Weitem nicht so toll, wie du immer gedacht hast. An guten Tagen hast du die ganzen vier Stunden, um ungestört deinem Broterwerb nachzugehen, an komplizierten Tagen versuchst du, kranke Kinder, Haushalt und Job irgendwie parallel laufen zu lassen und an schlechten Tagen rennen ein kranker Lehrer, eine kaputte Waschmaschine, ein zu lange dauernder Arzttermin und eine verschobene Trompetenstunde alle deine Pläne über den Haufen…

FI: Das klingt ja ganz ähnlich wie bei mir damals…

I: So ist es auch, mit dem Unterschied, dass ich den Kindern jetzt erklären kann, weshalb ich explodiert bin. Du musstest ja jeweils damit klarkommen, dass sie dich mit traurigen Augen verständnislos ansahen, wenn du wie eine Furie durchs Haus gewetzt bist.

FI: Das war tatsächlich schlimm. Aber sag mal, mit „Deinem“ ist es jetzt bestimmt schon wieder fast wie vor meiner Zeit, als noch keine Kinder da waren.

I: Schon mal davon gehört, dass Teenager nicht um acht Uhr ins Bett gehen? Und von Hausaufgaben, die nach dem Abendessen erledigt sein wollen? Und von Prüfungsängsten, die sich immer dann bemerkbar machen, wenn die Eltern es sich mit einem Tässchen Tee gemütlich gemacht haben?

FI: Sooo schlimm wird das auch wieder nicht sein. Und ihr könnt ja jetzt auch so problemlos in den Ausgang gehen. Karlsson schmeisst den Laden doch bestimmt schon ganz alleine.

I: Karlsson macht das tatsächlich ganz gut, aber der Junge hat ja inzwischen auch seine eigenen Termine. Der ist nicht einfach auf Abruf verfügbar.

FI: Ach so, daran habe ich damals nicht gedacht. Aber im Sommer gehen sie jetzt doch bestimmt schon alle gleichzeitig ins Jungscharlager und ihr habt eine ganze Woche für euch.

I: Okay, wo soll ich anfangen? Bei Karlsson, der Luxus liebt und schlammige Zeltplätze verabscheut? Bei Luise, die sich jetzt auch schon zu erwachsen fühlt für die Jungschar? Beim Prinzchen, der erst übernächstes Jahr gross genug ist, um mit ins Lager zu fahren? Wo auch immer ich anfange, das Resultat bleibt das gleiche: Die Sache mit der freien Woche, weil alle gleichzeitig im Lager sind, war ein Luftschloss, das sich aufzulösen begann, bevor der Jüngste aus den Windeln war. Du hättest also ahnen können, dass es so kommt.

FI (betrübt): Dann ist also nichts so geworden, wie ich es mir erträumt habe…

I (tätschle ihr tröstend die Hand): Na ja, zumindest einer deiner Träume ist in Erfüllung gegangen. Ich kann jetzt wieder ganze Nächte lang dicke Schmöker lesen. Auf die eine schlaflose Nacht mehr oder weniger kommt es nach all den Jahren auch nicht mehr an.

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Geldsorgen der anderen Art

20. Januar 2016: Zoowärters neunter Geburtstag, viele wunderbare Geschenke, einige davon heiss ersehnt, andere mit freudiger Überraschung in Empfang genommen, obendrein noch ziemlich viel Geburtstagsgeld.

21. Januar 2016: Das Geburtstagsgeld ist noch immer im Portemonnaie. Zoowärter macht sich allmählich Sorgen, ob die Banknoten wirklich so lange haltbar sind, oder oder ob er sie ausgeben muss, bevor sie schlecht werden.

22. Januar 2016: Noch immer kein Geburtstagsgeld ausgegeben, die Unruhe steigt.

23. Januar 2016: Zoowärter packt die Gelegenheit, zumindest einen Teil seines Geldes loszuwerden, als ich in die Stadt muss, um einige Dinge zu besorgen. Ich sage ihm, er solle lieber sparen, er habe doch jetzt so viele schöne Sachen bekommen. Natürlich hört er nicht auf mich und kauft. Dennoch bleibt ein ansehnlicher Betrag in seinem Portemonnaie zurück. 

24. Januar 2016: Ein neuer grosser Wunsch nimmt in Zoowärters Herzen Gestalt an. Er zählt sein verbliebenes Geld. Es sollte knapp reichen, um den Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.

25. Januar 2016: Zoowärter möchte jetzt wirklich endlich seinen Wunsch verwirklichen, sonst werden die Banknoten doch noch schimmlig. Ich finde aber, er solle sich die Sache noch ein wenig durch den Kopf gehen lassen. (Und ich habe nicht die geringste Lust, bei ricardo nach dem Zeug zu stöbern…)

26. Januar 2016: Zoowärter ist der Verzweiflung nahe. Wenn er nicht endlich seinen Wunsch erfüllen kann, wird er nie wieder lachen können.

27. Januar 2016: Ich erbarme mich meines Sohnes, werde schneller als erwartet fündig und ersteigere Zoowärters Herzenswunsch. Das Geburtstagsgeld ist somit bis auf den letzten Rappen verbraucht. Zoowärter ist zufrieden.

28. Januar 2016: Zoowärter ist noch immer zufrieden, es fällt ihm aber ein, dass sein Herzenswunsch noch Zubehör braucht. Ich soll also noch einmal bei ricardo vorbeischauen, was ich aber erst mal aufschiebe. Immerhin ist der Herzenswunsch noch nicht mal bei uns eingetroffen.

29. Januar 2016: Zoowärter ist am Boden zerstört. Wir haben gestöbert und erkannt, dass das Zubehör teurer ist als erwartet. Also heisst es warten und sparen. Ich weise meinen Sohn darauf hin, dass das Geld für das Zubehör gereicht hätte, wenn er am 23. auf mich gehört hätte und jetzt bricht es aus ihm heraus: Er halte das einfach nicht mehr aus, immer würden die Spielzeughersteller so viele coole Dinge auf den Markt bringen. Er wolle ja gar nicht immer gleich sein ganzes Geld ausgeben, aber wenn die immer wieder etwas Neues im Sortiment hätten, kaufe er sich am Ende sogar Sachen, die er eigentlich gar nicht so toll finde.
Ich bin sauer. Ein bisschen auf den Zoowärter, weil er trotz aller schönen Geschenke so ein Drama macht. Viel mehr aber auf die Spielzeugindustrie, die mit allen Regeln der Kunst kleine Kinder umgarnt, um ihnen vorzugaukeln, sie könnten nur glücklich sein, wenn sie mehr und noch mehr kaufen. 

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Illustre Kreise

Seit einiger Zeit führe ich ja dieses furchtbar aufregende Sozialleben. Alle paar Tage treffe ich mich mit diesen unglaublich gebildeten, kultivierten Menschen, um mit ihnen tiefschürfende Gespräche zu führen. Mit einigen komme ich regelmässig zusammen, andere sehe ich etwas seltener, gelegentlich lässt auch mal jemand seine Beziehungen spielen, um mich mit weiteren äusserst interessanten Menschen bekannt zu machen. So gewandt bewege ich mich inzwischen in diesen Kreisen, dass ich sehr oft, wenn furchtbar kluge Dinge gesagt werden, wissend nicken kann, obschon ich eigentlich nicht ganz so gebildet bin wie meine Gesprächspartner. Und das Schöne an der Sache ist ja, dass sich diese Leute alle auf mein Niveau runterlassen und sich angeregt mit mir über meinen Nachwuchs unterhalten. Wie geehrt darf ich mich doch fühlen, dass es ihnen nichts ausmacht, sich die profanen Sorgen und Nöte meiner Kinder anzuhören. Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten finden sie ganz besonders interessant, aber manchmal reden wir auch über Karlsson, den Zoowärter und das Prinzchen. 

Würde ein mir fremder Mensch sich meinen Terminkalender anschauen, wäre er tief beeindruckt ob der vielen Kontakte die ich pflege. Und das, was im Terminkalender steht, ist nicht mal alles, manchmal ergibt sich auch ganz spontan ein zusätzliches Plauderstündchen. So nett ist das, dass ich hin und wieder Gefahr laufe, die Zeit zu vergessen und den ganzen Vormittag zu verquatschen. Wobei meine Gesprächspartner mich dann schon sanft vor die Türe weisen, wenn ich ihre kostbare Zeit zu lange in Anspruch nehme. 

Draussen im Wartezimmer sitzen ja noch andere, die sich mit meinen illustren Bekannten unterhalten möchten.

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Kram

Es gibt Mütter – und ich meine jetzt nicht nur mich selber, ich kenne auch viele andere, die so sind -, die weder Zeit noch Lust haben, ihren Kindern alles hinterherzutragen. Klar, wenn sie merken, dass ein Kind überfordert ist, helfen sie, aber im Grossen und Ganzen erwarten sie von ihrem Nachwuchs, dass sie wissen, wann sie was brauchen und auch dran denken, die Dinge mitzunehmen. An manchen Tagen klappt das perfekt, dann schlägt das Kind frühmorgens die Augen auf und sagt: „Ich muss heute noch meine Schwimmsachen mitnehmen. Ich hol sie mir gleich aus der Waschküche.“ An anderen Tagen klappt das weniger gut, dann muss Mama sagen: „Denk dran, du hast heute Schwimmen. Hol dir noch die Sachen aus der Waschküche, ehe du aus dem Haus gehst.“ An gewissen Tagen klappt das ganz und gar nicht, da denken weder Kind noch Mama an den Schwimmunterricht, was die Lehrerin verständlicherweise nervt. Und darum heisst es bei Kindern, die so aufwachsen, beim Standortgespräch in schöner Regelmässigkeit: „Du musst unbedingt den Kopf besser bei der Sache haben. Wenn das so weitergeht mit dir, wirst du Schwierigkeiten haben, einen anständigen Job zu bekommen.“ Den Mamas, die beim Gespräch dabei sitzen, ist das dann meist ziemlich peinlich, denn sie wissen genau, dass der Vorwurf eigentlich ihnen gilt.

Dann gibt es auch Mütter, die bringen ihrem Kind das Turnzeug in die Schule, wenn es zu Hause liegen geblieben ist, obschon auf dem Stundenplan Turnen steht. Bevor das Kind aus dem Haus geht, wird noch schnell geprüft, ob es auch wirklich alles eingepackt hat. Kommt das Kind nach Hause, räumt Mama den Schulsack aus, damit kein vergessenes Pausenbrot darin schimmlig werden kann. An manchen Tagen kommt sie auch um zehn Uhr auf den Pausenhof gerannt, weil das Znüni auf dem Küchentisch liegen geblieben ist. Das alles nicht nur im Kindergarten oder in der ersten Klasse, sondern auch noch am Ende der Primarschule, manchmal sogar noch in der Oberstufe. Kinder solcher Mütter bekommen beim Standortgespräch nie zu hören, sie müssten den Kopf besser bei der Sache haben, wenn das so weitergehe, würden sie später, wenn sie einen Job suchen, einen furchtbar schlechten Eindruck machen. Diese Mamas müssen nie mit schamrotem Gesicht dabei sitzen, denn sie tun alles dafür, dass ihr Kind gut dasteht.

Fragt sich einfach, wie das Kind dereinst dastehen wird, wenn es eigentlich schon längst kein Kind mehr wäre und noch immer nicht gelernt hat, dass es selber für seinen Kram verantwortlich ist.

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Haushaltehre

Heute war ich mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, dem Zoowärter und dem Prinzchen alleine und da habe ich gedacht, ich könnte sie ja mal in die Geheimnisse der korrekten Mithilfe im Haushalt einführen, da sie in dieser Hinsicht ein wenig, na ja, wie soll ich sagen…unkooperativ? bequem? denkfaul? sind. Also habe ich…

…ihnen erklärt, welche Funktion der Deckel einer Zahnpasta-Tube hat und warum ich darauf bestehe, dass der immer brav zurück auf die Tube kommt, wenn man sich Zahnpaste rausgedrückt hat.

…ihnen gezeigt, wie man „Kinetic Sand“ wieder wegräumt, nachdem man ihn sich genüsslich durch die Finger hat rieseln lassen.

…ihnen klare Anweisungen gegeben, wie ich den Tisch abgeräumt haben will, nämlich so: Teller sauber in der Küche aufstapeln, noch einmal zurück ins Esszimmer, um Pfannen und Getränke abzuräumen, Gläser leer trinken und ebenfalls in die Küche bringen.

…ihnen klargemacht, dass ich nach Feierabend keine herumliegenden Schuhe, Jacken, Legos und Schalen von Clementinen mehr dulde. 

…ihnen vorgeschrieben, die abgebrannten Zündhölzer, die sie zum Anzünden der Duftlampe verwenden haben, zu entsorgen. 

…ihnen die Unterschiede zwischen Staubsauger und Besen aufgezeigt. 

…ihnen gesagt, sie dürften ein Bad nehmen, wenn sie das Badezimmer danach wieder in Ordnung bringen. 

…ihnen auch sonst noch zwei oder drei Dinge zu vermitteln versucht und da ich irgendwo mal gelernt habe, man solle beim Unterrichten unterschiedliche Methoden wählen, habe ich mal sanft gesäuselt, mal unfreundlich geknurrt, mal laut gebrüllt, mal vorgezeigt, mal vormachen lassen, mal einen Dialog geführt, mal den Zeigefinger erhoben und mal einen auf Kumpel gemacht. Und was hat das alles gebracht? Nichts, ausser der Erkenntnis, dass Söhne im Alter von sieben bis elf Jahren offenbar nicht in der Lage sind, mütterliche Anweisungen zu verstehen, egal in welcher Form sie vorgetragen werden. 

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Nichts für Kinder

„Saukalt mit diesem Schnee“, sagen wir Erwachsenen gern, „und dann auch dieser Matsch, sobald es etwas wärmer wird. Schrecklich. Aber für die Kinder ist es halt schon toll.“ Und genau in diesem letzten Punkt irren wir gewaltig. Ein elender Stress ist er für unsere Kinder, dieser Schnee. Erst mal ist da die Panik, dass er schon wieder weg sein könnte, bevor man es geschafft hat, den Schlitten aus der Garage zu holen. Und dann jeden Tag dieses Affentheater auf dem Pausenhof. Eissplitter in den Schneebällen, Fieslinge, die trotz ausdrücklichem Verbot auf den Kopf zielen, hinterhältige Attacken in der schneeballfreien Zone. Dazu natürlich eiskalte Finger und die ewigen Schimpftiraden, weil man vergessen hat, die Schuhe zu säubern, bevor man zurück ins Haus gegangen ist. Nicht mal die Kinder, die sich aus den Kämpfen raushalten und stattdessen einen Schneemann bauen, können die Sache geniessen. Mal sind die Handschuhe durchnässt, dann wieder ist der Schnee zu pulverig und falls doch mal alles stimmt, hat Mama ganz bestimmt kein Rüebli mehr im Kühlschrank, das als Nase herhalten könnte.

Nein, Schnee ist definitiv nichts für Kinder. Dafür aber für erwachsene Romantiker, die vergessen haben, wie es wirklich ist dort draussen in der Kälte und darum aus der warmen Stube mit verklärtem Blick den Flocken beim Tanzen zuschauen. 

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