Nichts, einfach nichts

Kein Frühstück im Bett, nicht ein einziges selbst gebasteltes Etwas, das man mit Tränen der Rührung in Empfang nehmen könnte, keine holprigen Gedichte, ja, nicht mal ein Blümchen, das irgend einer in letzter Sekunde im Garten gepflückt hat. Einfach nichts – Muttertag gestrichen. Aber was soll’s? Kein Schwein feiert heute in Frankreich Muttertag, also reibt dir auch keiner unter die Nase, welch grossen Dinge du von diesem Sonntag eigentlich erwarten müsstest, wenn du Kinder geboren hast. Folglich fühlst du dich auch nicht wie der letzte Depp, wenn die Deinen partout nich einsehen wollen, weshalb sie dich für eine Sache feiern sollten, zu der sie nicht das Geringste zu sagen hatten. Herrlich entspannt ist das, so ein Muttertag, den man getrost ignorieren kann. 

Wehe aber, meine Lieben tragen mich in drei Wochen nicht auf Händen. Dann nämlich feiern die Franzosen ihre Mütter und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich auch die hiesigen Werbefritzen die eine oder andere Sache einfallen lassen, um einer Mutter das Gefühl zu vermitteln, sie sei ganz furchtbar ungeliebt und vernachlässigt, wenn sie den 31. Mai ganz ohne überteuerte, industriell gefertigte Liebesbeweise überstehen muss. 

  

Lunch Break 

Eigentlich hätte es ja nur ein kurzes Mittagessen werden sollen, eine kleine Pause für Karlsson und mich, die wir den Samstag mit Arbeiten und Büffeln verbrachten, währenddem der Rest der Familie sich in Arles dem süssen Nichtstun hingab. Kurze Mittagessen aber gibt es in Frankreich nicht. Hast du dich mal am Tisch niedergelassen, verliert alles andere seine Wichtigkeit, einzig das Essen zählt noch, auch dann, wenn man sich die Vospeise teilt und beim Dessert kneift. So sassen wir dann, mein Ältester und ich, in lauter vernünftige Gespräche vertieft, die Küche des Südens geniessend. Fast fühlte es sich an, als wären wir zwei Erwachsene, die tun, was man in Frankreich eben so tut über Mittag. 

Gut, dass Karlsson wenig später, als die Geschwister zurück und alle im Pool waren, sich wieder aufführte, wie ein wahrer Teenager, sonst wäre ich glatt wehmütig geworden. 

  

Heimweh?

Und wie steht’s eigentlich mit dem Heimweh? Na ja, so hin und wieder läuft schon mal eins der Kinder mit etwas niedergeschlagenem Blick rum und will wissen, wie lange es denn noch gehe, bis man die Freunde wieder sehe. Hin und wieder der eigene Wunsch, in der Stadt ein bekanntes Gesicht zu sehen, ein paar Worte mit jemandem zu wechseln, vielleicht auch ein Tässchen Tee zu trinken. Nachts kommen die Katzen in die Träume geschlichen – nicht nur in die Träume der Kinder – und hat tagsüber mal ein Büsi das Pech, uns über den Weg zu laufen, sieht es sich von sieben irren Vendittis verfolgt, die ganz dringend mal wieder weiches Fell spüren und zartes Schnurren hören wollen. Gelegentlich auch Unterhaltungen darüber, was man zu Hause anders machen könnte oder was man als erstes tun wird, wenn wir wieder dort sind, wo wir eigentlich hingehören. Und doch manchmal auch eine gewisse innere Distanz zu dem, was wir Heimat nennen. Die Frage, ob man manche Dinge nicht einfach darum als besser empfindet, weil man es von Kind an so kennt. 

Heimweh? Nicht wirklich, aber allmählich so ein Bewusstsein, dass man hier nicht ewig bleiben wird, auch nicht ewig bleiben will.

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Ganz schön (intensiv)

„Und, wie ist das jetzt so, wenn ihr so viel Zeit miteinander verbringt? Schön, nicht wahr?“, so lauten die Fragen von Freunden. Schön? Aber ja, natürlich. Wenn Teenager ganz offen mit Mama und Papa über die wichtigen Fragen des Lebens reden, weil hier keiner ist, vor dem sie cool sein müssen. Wenn bisher unbekannte Fähigkeiten als Licht kommen, die zu Hause, im Alltag, nicht gefragt sind. Wenn Geschwister einander Mut machen, gemeinsam etwas zu wagen. Wenn alte Spiele hervorgekramt und neue Ideen ausgeheckt werden. Wenn einer, der sonst heikel ist, plötzlich Neues kostet und merkt, dass er schmeckt. Wenn sie uns ohne jeglichen Vorwurf den Spiegel vorhalten, manchmal auch über unsere Macken lachen. Dann ist es tatsächlich schön. Wunderschön.

Und ganz schön intensiv. Denn wenn sie dich mal haben, so voll und ganz für sich, dann geniessen sie dich. Auch dann, wenn du mal einen Moment lang alleine sein möchtest. Auch dann, wenn es deiner Meinung nach längst Zeit für Feierabend wäre. Auch dann, wenn du mal ein wenig deinen eigenen Gedanken nachhängen möchtest.

Für einmal ist das ganz in Ordnung so, denn du weisst, dass diese kurzen Wochen eine einmalige Chance sind, ihnen nahe zu sein. Der Stundenplan und die Freunde werden rasch genug wieder die Macht an sich reissen, wenn das hier vorbei ist.  

Balsam

Wenn der Kellner im Restaurant findet, wir seien so eine nette Familie,…

Wenn er jedem einzelnen Kind seine Aufmerksamkeit schenkt, obschon wir nur Pizza, Wasser und ein kleines bisschen Dessert bestellen,…

Wenn sein Kollege beim Abschied bemerkt, „Meiner“ sehe aus wie Abramowitsch, sei aber mit seinen vielen Kindern viel reicher als der,…

Wenn der Verkäufer am Glacestsand das Eis zum halben Preis gibt, weil er findet, uns eine Freude zu bereiten bereite ihm auch Freude,…

Wenn die Vermieterin sagt, morgen gehe sie zur Polizei, weil es ihr jetzt reiche mit dieser elenden Nachbarin, die unsere Kinder andauernd anschreit,…

Wenn Sie uns dann auch noch bittet, doch so wie geplant hier zu bleiben, weil unsere Kinder vollkommen in Ordnung seien und auch kein Wort mehr von der Treppe sagt,…

Wenn das alles an einem Tag geschieht, den ich so gegen vier Uhr nachmittags für verloren erklärt hatte,…

…dann ist das Balsam auf meine Seele, die in den letzten zwei Tagen Rotz und Wasser geheult hat, weil sie das Gefühl hatte, die Franzosen hätten uns kein bisschen lieb.    

 

So war das gemeint

Okay, mag sein, dass „Massregelungen“ ein etwas starkes Wort war. Vielleicht hätte ich eher sagen müssen, wir fühlten uns gegängelt, mal sanfter, mal gröber. 

Die sanfte Tour läuft so ab:

Ich gehe mit Luise zum Gemüsehändler, bezahle meine Ware, will einen Teil Luise in die Hände drücken, einen Teil selber tragen, weil es bis zum Auto nur ein paar Schritte sind. Ob ich eine Tasche haben möchte, fragt die Frau an der Kasse. Nein danke, möchte ich nicht. Meine Tochter kann beim Tragen helfen und… weiter komme ich nicht. Ohne Tasche gehe das nicht, unterbricht mich die Verkäuferin. Doch, wirklich, kein Problem, es sind nur ein paar Schritte bis zum… Ach, was rede ich mir den Mund fusselig? Die Bananen sind bereits in einem dieser unmöglichen Plastikbeutel verschwunden, den ich eben nicht hätte haben wollen. 

Oder so:

Es ist heiss, alle Vendittis sind müde und durstig, also suchen wir uns ein nettes Strassencafé aus und schieben ein paar Tische zusammen, damit alle Platz finden. Der Keller findet das grundsätzlich gut, nur müssen in seiner Vorstellung die Tische ein paar Zentimeter weiter links stehen. Keine Ahnung warum, der Durchgang für ihn wird dadurch nicht breiter. Aber es muss so sein, also müssen alle Vendittis noch einmal aufstehen und schieben, bis der Kellner zufrieden ist, dann erst dürfen wir unsere Getränke bestellen.

Die sanfte Tour ist natürlich nicht so schlimm, auch wenn sie ganz schön nerven kann, wenn man ihr mehrmals täglich ausgesetzt ist. Mühsamer wird es, wenn ein erzieherischer Unterton dazu kommt. Zum Beispiel so:

„Meiner“ ist mit vier Kindern am See, er sitzt am Ufer, die Kinder klettern ein wenig auf den nahen Felsen. Eine Gruppe von Spaziergängern kommt vorbei und weist „Meinen“ darauf hin, dass sie das Schuhwerk unserer Kinder zum Klettern vollkommen ungeeignet finden, obschon sie selber nicht viel mehr Profil auf den Sohlen haben. Eine zweite Gruppe stänkert, er sei aber etwas gar weit entfernt von seinen Kindern, eine dritte Gruppe will wissen, ob er denn keine Angst um seine Brut hätte. (Nein, hat er nicht, denn er weiss ziemlich genau, was er ihnen zutrauen kann und was nicht.)

Nun, auch damit kann man leben. Richtig mühsam wird es, wenn man sich in den vier Wänden, die man gemietet hat, nicht mehr frei fühlt. Zum Beispiel darum:

Wie wir bei unserer Ankunft erfahren durften, wohnen wir Wand an Wand mit unserem Vermieter. (Nein, davon war in den Reiseunterlagen nichts zu lesen, sonst hätten wir das Haus nicht gemietet.) Ebenfalls bei unserer Ankunft erfuhren wir, dass wir bitteschön auf der Treppe, die in den oberen Stock führt, etwas leise sein sollen. „Kein Problem“, sagten wir und gaben uns alle erdenkliche Mühe. Zwei Wochen lang ging das gut, dann meinte der Vermieter, das mit der Treppe störe halt schon ein wenig, ob wir nicht vielleicht noch etwas leiser sein könnten. „Na ja, wir werden’s versuchen“, murmelten wir in bestem Wissen, dass ein Mensch des Fliegens mächtig sein müsste, um auf diesen andauernd knarrenden Stufen unhörbar zu sein. Wo er schon dabei sei, meinte der Vermieter, möchte er uns noch bitten, die Türen etwas leiser zu schliessen, das störe auch. Natürlich versprachen wir, unser Bestes zu tun, aber irgendwie wurmte uns die Sache doch. Weder die knarrende Treppe noch die hellhörige Bauweise des Hauses sind unsere Schuld und hätten wir davon gewusst, wären wir nicht hier. 

Spätestens in diesem Fall wünschte ich mir innig, man würde hier auch mal über eine Sache hinwegsehen – so wie ich zum Beispiel darüber hinwegsehe, dass der Hund des Vermieters andauernd zu uns in den Garten kommt -, weil man ja nicht für den Rest des Lebens nebeneinander wohnen wird. Aber so läuft das hier offenbar nicht. Im Gegenteil, unsere liebenswerte Nachbarin steht inzwischen schon zeternd da, wenn bei uns drüben an einem sonnigen Nachmittag fünf Minuten lang mittlere Spielplatzlaustärke herrscht. 

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Meine lieben Franzosen

Glaubt mir, inzwischen mag ich euch wirklich ganz gut. Ihr seid ausgesprochen höflich – wenn ihr uns nicht gerade auf der Strasse so dicht auffahrt, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Ihr plaudert liebend gerne mit uns darüber, ob das alles unsere Kinder sind und wie alt wir waren, als wir sie bekommen haben, weil wir noch so furchtbar jung aussehen. Bei Touristenfallen weist ihr artig darauf hin, dass eine Sehenswürdigkeit vielleicht nicht so das Wahre für unsere Kinder ist, obschon ihr euch damit der Gelegenheit beraubt, uns ein teures Kombiticket anzudrehen. Ihr lächelt unser wild gelocktes Prinzchen freundlich an, obschon er das offizielle „Jöööööö“-Alter längst überschritten hat. Ihr erträgt geduldig unsere Stammeleien, wenn uns mal ein Wort entfällt und haltet nichts von der Unsitte, mit jedem Fremden Englisch zu reden, bloss weil er gerade einen Knoten in der Zunge hat. Ihr gebt jedem Schweizer hier das Gefühl, er sei etwas ganz Besonderes, dabei hat jedes zehnte Auto hier ein Schweizer Nummernschild. Ja, ihr schenkt uns sogar regelmässig frische, knackige Salate. 

Das alles freut uns sehr. Aber wäre es euch vielleicht möglich, nicht andauernd jede Kritik zu äussern, die euch auf der Zunge liegt? Mag sein, dass wir uns in euren Augen sonderbar aufführen, aber könnten wir uns nicht darauf einigen, dass ihr uns gewähren lässt, solange wir uns im Grossen und Ganzen nach euren Gepflogenheiten richten und euer wunderschönes Land mit der ihm gebührenden Bewunderung und Respekt bereisen? So viele Massregelungen habe ich seit meinem letzten – und einzigen – Hausarrest mit fünfzehn nicht mehr über mich ergehen lassen müssen. Dabei führe ich mich inzwischen weitaus gesitteter auf als damals. 

  

Awards und so…

Kleinwirdgross und Opa haben mich nominiert und zwar für zwei verschiedene Awards. Nun ist das bei mir mit den Awards so eine ähnliche Sache wie bei den Stöckchen: Ich freue mich, dass andere Blogger mein Geschriebenes toll genug finden, um mich zu nominieren, meistens finde ich auch die Fragen spannend, aber wenn’s dann darum geht, mir eigene Fragen auszudenken und weitere Blogger zu nominieren, dann ist das irgendwie nicht so mein Ding. Darum mache ich es wieder so:

a) Ich bedanke mich ganz herzliche bei Kleinwirdgross und bei Opa. So lieb von euch. 

b) Ich beantworte eure Fragen wahrheitsgetreu.

c) Ich empfehle meiner Leserschaft ein paar Blogs, die mir gefallen. 

Gut so? Okay, dann kümmern wir uns mal um den „Lovely Blog Award“ von Kleinwirdgross. Hier sind offenbar sieben Fakten über mich gefragt. Na dann, lege ich mal los:

1. Manchmal denke ich, ich sollte mit bloggen aufhören, aber dann halte ich doch nicht länger als zwei Tage durch, bis ich wieder irgend etwas loswerden muss.

2. Wenn ich keine Kinder hätte, wäre ich so ordentlich, dass ich mich selbst unsympathisch fände.  

3. Wenn ich viel Zeit habe – wie zum Beispiel jetzt -, lese ich so lange Kommentare zu Zeitungsartikeln, Blogposts und auf Facebook bis ich mich frage, ob es wirklich eine gute Idee war, den Menschen flächendeckend das Schreiben beizubringen. 

4. Manchmal überkommt mich der unbändige Drang, die Welt zu verändern. Wenn ich bloss wüsste, wo anfangen…

5.  Ich quatsche jede Katze an, die mir begegnet und wenn ein Mensch mit Hund meinen Weg kreuzt, grüsse ich beide, obschon ich Hunde (bis auf wenige Ausnahmen) überhaupt nicht mag. 

6. In letzter Zeit habe ich mich öfters mal auf meine Pensionierung gefreut und dann gedacht, dass man das in meinem Alter eigentlich noch nicht sollte.

7. Meistens weiss ich nicht, ob ich das mit dem Muttersein richtig gemacht habe, aber wenn wir alle zusammen am Tisch sitzen und ganz ungezwungen miteinander reden, dann ist mir das egal und ich bin einfach glücklich. 

So, und nun zu Opas Fragen für den „Liebster Award“:

1. Meine grösste Stärke ist…

Hmmmm, schwierig. Vielleicht, dass ich auch in miesesten Zeiten meinen Humor nicht ganz verliere und immer irgend eine Absurdität finde, über die sich lachen oder zumindest lästern lässt.

2. Meine grösste Schwäche ist…

Ich bin ganz schrecklich launisch.

3. Am meisten Angst habe ich vor…

Aktuell gerade, dass ich hier in Südfrankreich einer Schlange oder einem Skorpion begegnen könnte.

4. Familie bedeutet für mich…

Die Kurzfassung: Dort, wo meine Familie ist, bin ich zu Hause. Die lange Fassung erspare ich euch, denn das könnte dauern.

5. Kinder sind für mich…

Wunder (Okay, ich geb’s ja zu: Manchmal auch einfach wunderbare Nervensägen.)

6. Mit…würde ich gern mal…

Mit einigen dieser grossmäuligen, hartherzigen, überheblichen Politiker würde ich gerne mal ein Wörtchen reden.

7. Eine Stunde im Wald spazieren gehen ist für mich…

Himmlisch. Vor allem, wenn Schnee liegt.

8. Essen ist für mich…

Eine ganz wunderbare Sache. 

9. Kochen ist für mich…

Für mich persönlich: Eine Leidenschaft, die ich mir nicht nehmen lassen will durch die alltägliche Pflicht, auch im grössten Stress etwas halbwegs Anständiges auf den Tisch bringen zu müssen. 
Ganz allgemein: Eine hohe Kunst, egal, wie einfach die Zutaten auch sein mögen.

10. Mein Lieblingsgericht ist…

Ein eigentliches Lieblingsgericht habe ich nicht, da es auf dieser Welt zu viele köstliche Gerichte gibt. Ich liebe vegetarische Curries, knuspriges Brot, Gewürze, frische Pasta, Salzbutter, Basilikum, Käse, Joghurt, einfache Gerichte, bis ins letzte Detail durchdachte Menüs, Gnocchi, frisch zubereitete Suppen, hausgemachte Marmelade und einmal hätte ich über einer „Insalata Caprese“ aus sonnenwarmen Tomaten beinahe Freudentränen vergossen. 

11. Bloggen ist für mich…

Eine Möglichkeit, meine Gedanken in Worte zu fassen und mit anderen Menschen zu teilen, oftmals aber auch einfach ein Mittel, im ganzen Alltagschaos nicht durchzudrehen. 

Und das hier wären die Blogs, die ich euch allen ans Herz legen möchte:

Feminism – OMG! 

Vater da sein

Eulenkling 

Madame Gaianna 

Signora Pinella   

Die Schreibschaukel

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Alles Käse

Die Aufgabe wäre eigentlich ein Klacks: Ein paar verschiedene Käsesorten auftreiben, damit wir die Gschwellti – Deutsche würden von Pellkartoffeln reden – nicht ohne Begleitung essen müssen. Zu Hause würde so ein Einkauf fünf, maximal zehn Minuten dauern. Rein in die Migros, das Altbewährte aus dem Regal schnappen, vielleicht noch eine interessante Neuheit dazu, bezahlen und wieder raus. Hier in Frankreich dauert das etwas länger.

Gut, den Supermarkt finde ich inzwischen ohne nur ein einziges Mal wenden zu müssen, weil ich zwar immer noch andauernd falsche Abzweigungen erwische, die Strassen aber bereits gut genug kenne, um irgendwie doch noch zum Ziel zu kommen. Und ich komme jetzt auch schon ganz schnell vom Parkplatz im Laden, da ich nach nur zwei erfolglosen Versuchen bereits begriffen habe, dass man zwar in der Schweiz den 1-Franken-Einkaufswagen mit einer Euromünze von der Kette lösen kann, nicht aber in Frankreich den 1-Euro-Einkaufswagen mit einem Einfränkler.

Dann aber wird es kompliziert. Die Käsetheke für den Offenverkauf finde ich zwar schon ziemlich zielsicher, aber weil französische Senioren männlichen Geschlechts wenig Geduld aufbringen für verwirrte Mittelalterliche aus der Schweiz, drängen sie mich andauernd zur Seite. Folglich ist es mir bis anhin noch nicht gelungen, die Auslage eingehend genug zu studieren, um auch zu wissen, was ich denn überhaupt bestellen würde, sollte ich je an die Reihe kommen. Na ja, seit heute weiss ich wenigstens, an welchem Ende sich der Ziegenkäse befindet und weil den ausser Karlsson keiner von uns mag, kann ich beim nächsten Besuch vielleicht die Blauschimmel-Sektion inspizieren, ehe mir ein Senior in die Quere kommt. Bis zum Ende unseres Aufenthalts schaffe ich so vielleicht drei Viertel der Theke, mit etwas Glück sogar die ganze. 

Bis zu diesem Zeitpunkt liegt also noch kein einziges Stück Käse in meinem 1-Euro-Einkaufswagen, aber noch bin ich guten Mutes, denn gleich um die Ecke stehen die Kühlschränke mit dem abgepackten Käse, zuerst natürlich wieder das ganze Ziegen-Zeugs. Himmel, wie viele unterschiedliche Wege gibt es denn, aus übel schmeckender Ziegenmilch übel schmeckenden Ziegenkäse zu machen? (Ich weiss, es gibt Menschen, die Ziegenmilch und Ziegenkäse mögen. Ich gehöre nicht zu ihnen. Vielleicht ist euch das schon aufgefallen.) Dann also weiter zum Hartkäse. Da ich mir nicht sicher bin, ob unsere Kinder den „Gruyère de la France“ ebenso mögen wie den echten „Gruyère“ und ich unbekannten Hartkäse lieber erst probieren möchte, ehe ich ein riesiges Stück kaufe, landet schliesslich echt schweizerischer „Tête de Moine“ im Wagen. Den mögen sie alle, das weiss ich mit Sicherheit, und günstiger als zu Hause ist er obendrein (Ein Umstand, der mir zu denken gäbe, wäre ich heute nicht zu faul dazu). 

Na dann, gehen wir eben weiter zu… aber halt, war’s das schon? Etwas Reibkäse* noch und dann stehe ich bei der Butter. Etwas trübselig lege ich meine Salzbutter in den Wagen und überlege mir, ob ich es doch noch einmal bei der Theke versuchen soll, denn für Geschwellti ist die Ausbeute allzu mager. Dann aber wandert mein Blick etwas weiter und ich sehe sie alle: Weichkäse, Frischkäse, Halbhartkäse, Streichkäse, Scheibenkäse, Käse mit Früchten, Käse mit Nüssen, Käse mit Nüssen und Früchten, Käse mit Kräutern, Käsewürfel, italienischen Käse, holländischen Käse, englischen Käse… Scheinbar endlos geht das so und ich fühle mich wie „Wallace & Gromit“, die ihr Käseparadies gefunden haben. Die Senioren von der Käsetheke sind längst aus dem Laden raus, doch ich stehe noch immer da, vergleiche, wähle, verwerfe, wähle erneut, staune, rufe mich zur Vernunft, weil irgendwer auch essen sollte, was ich kaufe. 

Nach einer halben Ewigkeit ziehe ich weiter, mit einem Bruchteil dessen, was mich interessiert hätte. Aber die Zeit drängt, zu Hause warten die Kinder, die nach einem Schulmorgen mit Papa dringend etwas zwischen die Zähne bekommen müssen. Als ich den Einkaufswagen zurückgebe und meine Euromünze zu meinem tief beleidigten Einfränkler ins Portemonnaie lege, bin ich irgendwie bedrückt. Weil es mir nie im Leben gelingen wird, all das zu kosten, was ich gerade gesehen habe, nicht mal, wenn ich nie wieder nach Hause zurückkehre. Aber auch, weil es irgendwie krank ist, dass mich eine solche Auswahl derart glücklich macht. 

(Irgendwann später, als ich mir eine heisse Kartoffel mit Käse in den Mund schiebe, fällt mir dann noch glühend heiss ein, dass ich bei der ganzen Herrlichkeit komplett vergessen habe, das Kleingedruckte auf den Käseschachteln zu lesen. Das Kleingedruckte? Ihr wisst schon, die klitzekleinen Hinweise, die einem sagen, ob das Geld, das man ausgegeben hat, einer halbwegs anständigen Firma zugute kommt, oder ob man mal wieder die Kassen von Nestlé  & Co. zum Klingeln gebracht hat.)

* Kann mir einer erklären, was die Franzosen an unserem schrecklichen „Emmentaler“ so toll finden, dass sie ihn nicht nur imitieren, sondern auch in riesigen Beuteln als Reibkäse verkaufen? 

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Am Wasser

Da liegt es also vor uns, tiefblau und friedlich. Eine kleine, saubere Bucht, Muscheln, kreischende Möwen und nette kleine Wellen. Sandburgen bauen, Muscheln sammeln, planschen, bis man so nass ist, dass man auch ein Bad im noch zu kühlen Wasser wagen kann. Familienfrieden pur, zumindest so lange, bis einer etwas mehr Wasser abbekommen hat, als ihm lieb gewesen wäre. 

Kann das wirklich das gleiche Wasser sein? Das Wasser, von dem sie wieder andauernd reden, in den Nachrichten, in Diskussionsrunden, in Parlamenten? Das Wasser, das den einen Vergnügen bereitet, den anderen den Tod? Dort ihr Elend, hier unser Glück.

Ein Urteil ist so leicht gesprochen, wenn man am sicheren Ufer sitzt. 

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