Und führe mich nicht in Versuchung…

Der Nachmittag in Astrid Lindgrens Värld ist mir in bester Erinnerung geblieben und dies nicht nur, weil die Welt von Michel, Pippi und Nils Karlsson Däumling einfach toll ist. Es war auch diese eine Begebenheit, die mich an jenem warmen – für schwedische Verhältnisse heissen – Tag beeindruck hat: Direkt neben einem der grössten Restaurants im Park gab es einen Badeteich, der an diesem Tag natürlich sämtliche Kinder magisch anzog. Das Problem war nur, dass kaum jemand daran gedacht hatte, Badehosen für die Kinder einzupacken. Wirklich ein Problem? Doch nicht in Schweden. Ohne zu zögern entledigten sich die schwedischen Kinder ihrer Kleider und sprangen ins kühle Wasser. Einige behielten zwar die Unterhosen an, die meisten aber waren splitternackt. Die einzigen, die sich über diese Unbekümmertheit erstaunt zeigten, waren wir. Nicht, weil uns die nackten Kinder gestört hätten, sondern weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass Kinder in der Schweiz so frei sein dürften.

Wie ich heute bei „10 vor 10“ erfahren habe, soll hierzulande gar verboten werden, was in Schweden keinen stört. Die Kinder könnten einem Pädophilen vor die Kamera geraten, also seien sie zu schützen, indem sie beim Baden stets bekleidet seien, fordern einige Politiker. Diese Forderung ärgert mich, obschon ich Kinderpornographie und Pädophilie zutiefst verabscheue. Da sollen kleine, unschuldige Kinder nicht mehr nackt baden dürfen, weil sonst einige kranke Erwachsene auf verwerfliche Gedanken kommen könnten.

Irgendwie erinnert mich das an den alleinstehenden Mann mittleren Alters, der mich einst nach einem Gottesdienst bat, nächstes Mal doch bitte ein anderes Kleid zu tragen, weil er meinetwegen schmutzige Gedanken gehabt habe. Und wenn ich kein anderes Kleid anziehen wolle, solle ich gefälligst heiraten, damit er durch mich nicht zur Sünde verleitet würde. (Äh, nein, das ist nicht achtzig Jahre her, sondern knapp zwanzig.)

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Nein, ich muss nicht…

Kaum bleibe ich mal in einem Gespräch hängen, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, geht das Theater los: „Komm schon, Mama, ich will jetzt endlich nach Hause!“ „Musst du immer so lange reden? Das ist ja sooooooo langweilig.“ Und wenn ich nicht darauf eingehe: „Mamaaaaaaaaaaa! Komm jetzt endlich! Es reicht!!!!! Ich hab‘ Hunger!!!!!!“ Rede ich unbeirrt weiter, haben meine Gesprächspartner bald einmal Mitleid mit den Kindern. „Musst du nicht…?“, fragen sie vorsichtig, aber ich lasse mich nicht unterbrechen. „Nein, ich muss nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil…

  • …ich sie gestern zehn Mal dazu aufgefordert habe, den Tisch zu decken und keiner hat einen Wank getan.“
  • …sie meine Ermahnungen, sich endlich auf den Schulweg zu machen oder die Hausaufgaben zu erledigen Tag für Tag geflissentlich überhören.“
  • …ich meine Knöpfe fast täglich in allen Himmelsrichtungen suchen gehen muss, weil sie nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kommen.“
  • …sie abends partout keine Ruhe geben wollen, auch dann nicht, wenn ich sie ausdrücklich darum gebeten habe, meinen Wunsch nach Feierabend zu respektieren.“
  • …ich immer und immer wieder warten muss, bis sie bereit sind, zu tun, was ich von ihnen erwarte.“

Solange unsere Kinder sich um jede kleinste Handreichung tausendmal bitten lassen, sehe ich keinen Grund, meine Gespräche abzukürzen. Ich fühle mich auch nicht als Rabenmutter, wenn ich ihnen mit meinem Geschwätz mal ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit raube. Sie gehen ja auch nicht gerade rücksichtsvoll mit meiner kostbaren Zeit um. 

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Wo treibt er sich bloss wieder rum?

„Unmöglich ist er, dieser kleine Schlingel“, schimpfte ich, als ich heute im Garten meine Mutter antraf. „Kaum drehst du ihm den Rücken zu, macht er sich aus dem Staub. Neulich ist er doch schon wieder ohne Erlaubnis in die Migros abgehauen. Hat sich einfach seine zwei Franken Taschengeld geschnappt und ist losgezogen, um sich Panini-Bildchen zu kaufen. Dabei hat er mir hoch und heilig versprochen, das nie wieder zu machen. Ich hab‘ ihm gesagt, dass er nie ohne seine grossen Geschwister gehen darf und er hat so getan, als hätte er verstanden. Und jetzt ist er schon wieder spurlos verschwunden. Bei Nachbars ist er nicht, hinter dem Haus ist er nicht, mit dem Zoowärter ist er auch nicht mitgegangen. Ich hoffe einfach, er ist nicht auf dem Sportplatz. Das hat er neulich auch gemacht. Einfach ab, ohne etwas zu sagen und als er wieder zurück war, hat er geheult, weil die Grossen gemein waren zu ihm. Er kann sich doch nicht einfach im Dorf herumtreiben…“ 

Nachdem ich fertig gezetert hatte, zog ich weiter laut rufend ums Haus, um das Prinzchen zu finden. Ich fand ihn dann auch. Tief schlafend in seinem Bett. Manchmal treibt er sich halt auch ganz gern im Land der Träume herum, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. 

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Ein Lob auf die Teenager

Passt ihnen etwas nicht, stemmen sie sich mit aller Macht dagegen. Nicht so ein läppischer, halbherziger Widerstand, sondern echte Opposition, gegen die man mit nichts ankommt, weder mit Bestechungen, noch mit Drohungen und schon gar nicht mit logischen Argumenten. Wer Nachhilfestunden in Sachen Opposition braucht, sollte dringen Hilfe bei einem Teenager suchen. Bei dem lernt man alles, sogar die hohe Kunst, im Affekt Weck-Gläser zu zertrümmern.

Doch damit ist das Repertoire eines Teenagers längst nicht ausgeschöpft. Hat ein Halbwüchsiger nämlich genug getobt, kann es durchaus vorkommen, dass er vollkommen unerwartet einlenkt. Einfach so, aus heiterem Himmel löst sich der Widerstand in Luft aus und auf einmal herrscht wieder eitel Sonnenschein. Das Wesen, das sich eben noch äusserst widerborstig gab, macht plötzlich willig alles mit, was man sich von ihm gewünscht hätte, aber kaum zu fordern gewagt hatte.

Wenn man ganz viel Glück hat, geht der Teenager sogar noch einen Schritt weiter. Freimütig gesteht er dir, dass er eigentlich von Anfang an gewusst hat, dass er einlenken wird, aber dass er halt einfach noch etwas getobt hat, um zu sehen, wie weit er es damit bringt.

Ich liebe Teenager. Meistens.

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Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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Liebe Nachbarn

Es könnte durchaus sein, dass in den kommenden Wochen hin und wieder die drei kleinsten Vendittis bei Ihnen an der Türe klingeln und frisch gebackene Brötchen verkaufen wollen. Die drei werden Ihnen vermutlich sagen, ein Brötchen koste einen Franken, auch wenn wir ihnen eingeschärft haben, sie dürften allerhöchstens fünfzig Rappen verlangen. Damit wissen Sie auch gleich, dass wir Eltern von dem Brötchenverkauf wissen. Wir wissen nicht nur davon, wir haben unsere Söhne regelrecht dazu angestiftet. Nein, nicht weil wir am Hungertuch nagen und deshalb mit unserem letzten Mehl Brötchen backen, um unsere ausgehungerten kleinen Jungs damit zum Betteln auf die Strasse zu schicken. Auch nicht, weil wir glauben, Sie, geschätzte Nachbarn, könnten nicht selber Brot backen und wären deswegen auf den Hauslieferservice unserer Söhne angewiesen.

Nein, wir hatten es schlicht und einfach satt, jeden zweiten Tag um Geld angegangen zu werden, weil FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen noch immer nicht begreifen wollen, dass es am Ende des Taschengeldes von uns nichts mehr gibt. „Wenn ihr mehr Geld wollt, dann müsst ihr es euch verdienen“, sagte ich eines nachmittags, als sie mich wieder mal unablässig angebettelt hatten. „Aber wie denn, Mama“, fragten die Drei verdutzt. „Backt Brötchen und verkauft sie im Quartier“, sagte ich und sie machten sich an die Arbeit. Offensichtlich war die erste Verkaufsaktion ein Erfolg, denn heute waren sie bereits zum zweiten Mal mit ofenfrischen Brötchen unterwegs. Offenbar auch diesmal erfolgreich, denn sie kamen ohne Brötchen, dafür aber mit ziemlich viel Geld zurück. (Dass die zwei Grösseren den naiven kleinen Bruder beim Aufteilen des Geldes übers Ohr gehauen haben, ist eine andere Geschichte.)

Ich weiss, meine lieben Nachbarn, es ist nicht ganz fair, dass Sie nun das Geld locker machen müssen, welches wir unseren Kindern aus pädagogischen Gründen nicht geben mögen. Nehmen Sie es bitte nicht zu schwer, immerhin bekommen Sie ein Brötchen als Gegenleistung. Gebe ich den Dreien Geld, bekomme ich gar nichts zurück, ausser vielleicht die Frage: „Wie viele Panini-Bildchen kann ich mir damit kaufen?“

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Die Sache mit dem Mutterstolz

Es ist mir ja ein wenig peinlich, dies hier zu gestehen, aber ich sag’s dennoch: Auch ich bin nicht ganz gefeit gegen Mutterstolz. Ich weiss, ich habe herzlich wenig dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und man hat ja auch nie die Garantie, ob es gut weitergeht, aber ins gewissen Momenten klopft auch mein Herz schneller und ich denke „Wahnsinn, das ist mein Kind.“ Okay, ich weiss, Menschen kann man nicht besitzen und spezieller als jeder andere Mensch auf diesem Planeten sind auch meine Kinder nicht, aber von solchen Finessen lässt sich der Mutterstolz nicht abhalten, der überkommt einen einfach manchmal. Zum Beispiel, wenn der Erstgeborene nicht nur körperlich die Mama überragt, sondern auch in gewissen Fähigkeiten. Oder wenn in der einzigen Tochter schemenhaft die zielstrebige junge Frau zu erkennen ist, die sie zu werden anfängt. Oder wenn…ach was, ich höre auf, sonst glaubt ihr noch, ich wollte mit meinem Nachwuchs prahlen. 

Will ich aber nicht und dürfte ich auch nicht, wenn ich es denn wollte. Karlsson ist nämlich sehr besorgt darum, dass ich schön brav auf dem Boden bleibe. Erzähle ich meiner Schwester mit stolzgeschwellter Brust, Karlsson hätte eine sechs in Französisch – ja, meine lieben Leser aus Deutschland, besser als sechs geht bei uns nicht -, weist er mich sofort  in die Schranken: „Wen interessieren schon meine Noten? Du wirst ja richtig peinlich.“ Bekommt er mit, wie ich jemandem von diesem unglaublich tollen Kompliment erzähle, das ihm die Musiklehrerin gemacht hat, lacht er mich aus: „Redest du jetzt schon wieder davon? Dreht sich bei dir eigentlich alles nur noch um deine grossartigen Kinder?“ und sein spöttischer Ton macht unmissverständlich klar, dass er es einfach lächerlich findet, wenn ich nur schon den Anschein erwecke, ich würde meine Kinder für begabter halten als andere es sind.

Weil ich in den Augen meines grossartigen, talentierten, bildhübschen, sprachbegabten, … Erstgeborenen nicht lächerlich erscheinen will, bringe ich in solchen Momenten meinen Mutterstolz ganz schnell zum Schweigen und erzähle stattdessen von einer Begebenheit, bei der mir dieser junge Herr ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Von daher ist es dann gar nicht mehr so weit bis zur Bemerkung: „Mist! Dass ausgerechnet mein Kind auf diese saublöde Idee gekommen ist“ und schon halten sich das Grossartige und das Nervtötende wieder die Waage.

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Sechs unverzichtbare Weisheiten

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich heute dazu entschieden, meinen Miteltern ein paar Weisheiten weiterzugeben:

  • Panini-Bildchen gefährden nicht nur das Familienbudget, sondern auch den Familienfrieden. Insbesondere, wenn sich die Eltern weigern, jedem der vier sammelwütigen Kinder ein volles Album zu finanzieren und stattdessen auf gemeinsames Sammeln bestehen. Gut, ich geb’s zu, eigentlich hätten wir das Sammeln gerne gänzlich verboten, aber wie um Himmels Willen soll man das schaffen, wenn die Kinder in der Bäckerei mit Gratis-Sammelalben angefixt werden?
  • Egal, wie skeptisch man dem ganzen Therapiezeugs gegenüber steht, manchmal kann ein Testresultat ganz hilfreich sein, um zu verstehen, weshalb man bei einem bestimmten Kind immer und immer wieder ins Leere läuft. Okay, das Problem ist damit nicht gelöst, aber immerhin weiss man jetzt, dass das Kind (noch) nicht anders kann. 
  • Ist dein Kind älter als zwölf, wirst du mit ihm Filme schauen, bei denen du alle paar Minuten denkst: „Darf er sich das wirklich schon ansehen? Mist, wenn ich gewusst hätte, wie die in diesem Film reden und welche Szenen er zu sehen bekommt, hätte ich ihm den Film verboten.“ Dennoch ist es wohl eine grosse Ehre, dass er kein Problem dabei sieht, sich den Film mit dir anzuschauen. Und: Besser mit dir, als mit einem Gleichaltrigen, der ihn auf die Idee bringt, das nachzuspielen, was im Film passiert.
  • Kleine Kinder sind oft krank. Grössere Kinder noch öfter. (Oder können die einfach besser krank spielen?)
  • Fragt mich bitte nicht, wie man auf die Idee kommen kann, ein so wandelbares Lebensmittel wie die Kartoffel nicht zu mögen, aber es gibt tatsächlich Kinder, die mit Erdäpfeln nichts anfangen können. Na ja, bei der in Stäbchen geschnittenen und im Öl gebadeten Version machen auch diese Kinder eine Ausnahme, aber ansonsten bleiben sie konsequent bei ihrer Abneigung. 
  • Die Aufforderung „Seid bitte leiser!“ bedeutet in Kindersprache übersetzt: „Du darfst gerne so laut weitermachen wie bisher, aber alle anderen sollen gefälligst still sein, damit man dich besser hört.“ Weil alle Kinder sich treu an diese Übersetzung halten, wird es nicht leiser im Zimmer, sondern lauter, denn um gehört zu werden, musst du lauter sein als alle anderen.

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Zur Kenntnisnahme

Früher Morgen, die Kontaktlinse will auch beim zwanzigsten Anlauf nicht in Karlssons rechtes Auge und allmählich wird der Junge nervös, weil gleich die Schule beginnt. Damit er keinen Rüffel kassiert, wenn er ein paar Minuten zu spät kommt, gebe ich ihm ein Brieflein für den Lehrer mit, als die Linse endlich im Auge ist. „Problem mit Kontaktlinse, darum zu spät, bitte entschuldigen Sie, bla bla bla…“

Naiv, wie ich bin, glaube ich, die Sache sei damit erledigt, doch ich irre mal wieder. Karlsson bringt nämlich einen Zettel nach Hause, den wir Eltern gefälligst unterzeichnen sollen. Als Zeichen, dass wir das verspätete Erscheinen unseres Sohnes zur Kenntnis genommen haben. Dieser Zettel wird in Karlssons Sündenregister abgelegt, nachdem auch die Klassenlehrerin über das Vergehen unseres Sohnes ins Bild gesetzt worden ist. 

Obwohl selber auch Lehrer, will „Meiner“ nicht einsehen, weshalb wir Eltern unterzeichnen müssen, was wir bereits begründet haben. Er will auch nicht verstehen, weshalb es einen Eintrag ins Sündenregister gibt, wenn es eine plausible – wenn auch sehr banale – Erklärung für die sieben Minuten Verspätung gibt. Weil ich die Meinung meines Herrn Gemahl teile, entschliessen wir uns, den Fackel zwar zu unterschreiben, gleichzeitig aber nachzufragen, weshalb das Entschuldigungsbrieflein, das ich in meiner schönsten Handschrift am frühen Morgen zwischen Kakaotassen, Hausaufgabenblättern und Einzelsocken verfasst habe, nichts gilt. Karlsson überbringt uns die Antwort mündlich. Irgend etwas mit „Wenn ich wegen dieser Verspätung einen Zeugniseintrag bekäme, würde der Zettel gelöscht, aber sonst bleibt er, weil man ja wissen muss, wie oft ich zu spät gekommen bin.“

Nun gut, es mag sein, dass Karlsson die Antwort des Lehrers nicht ganz wortgetreu übermittelt hat, eins aber steht unmissverständlich fest: Als Mittel zur Lehrerbesänftigung hat das elterliche Entschuldigungsbrieflein ausgedient.

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Prinzchen-Logik

Der Kindergarten beginnt um Viertel nach acht, der Fussweg dorthin dauert gut fünf Minuten. Damit er genügend Zeit hat, um im neuen Tag anzukommen und sich einzurichten, wecken wir das Prinzchen etwa um sieben Uhr, manchmal auch erst um Viertel nach. Die Zeit sollte also reichen, um alles zu tun, was getan werden muss, damit ein Fünfjähriger aus dem Haus gehen kann. Auch dann, wenn man den Tag so gemächlich angehen lässt wie das Prinzchen. Prinzchens Morgenroutine sieht nämlich etwa so aus:

  • Erst einmal werden die Augenlider auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet. Nur wenn er ganz sicher ist, dass sie sich einwandfrei öffnen und schliessen lassen, behält unser Jüngster die Augen offen. 
  • Nach der Augenlidkontrolle wird die Raumtemperatur gefühlt. Ist diese einigermassen erträglich, schafft es das Prinzchen durchaus, innerhalb von fünf Minuten aus dem Bett gekrochen zu kommen, natürlich nur, wenn er die Decke mitnehmen darf und seinen „Bä!“, der ihn noch immer begleitet. Ist es zu kalt im Zimmer, müssen Kleider her und zwar sofort. Und die richtige Auswahl. Und bitte schön unter die warme Decke geliefert, sonst müsste man am Ende noch einen grossen Zeh an die Luft strecken. 
  • Egal ob mit Decke oder bereits in den Kleidern, irgendwann wird es Zeit, sich an den Frühstückstisch zu begeben. Bis die richtige Sitzposition gefunden ist dauert es eine Weile, aber nur, weil diese unvernünftigen Eltern diese doofen Hocker angeschafft haben, auf denen man zusammen mit dem „Bä!“ nicht richtig sitzen kann. 
  • Natürlich dauert es auch eine Weile, bis drei oder vier Deziliter Kakao in einem Prinzchen-Magen verschwunden sind, vor allem, wenn Mama oder Papa das Zeug mal wieder zu heiss serviert haben, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist auch dieser Punkt abgehakt.
  • Alles, was nachher folgt, lässt sich nicht mehr so strukturiert nacherzählen, sondern nur noch in Stichworten andeuten: Zähne putzen; aufs WC gehen; dringend benötigte Spielsachen suchen; Kätzchen streicheln; Socken anziehen; Schuhe suchen; der Mama zeigen, wie gut man vom Spieltisch springen kann; mit dem Zoowärter spielen, oder es zumindest versuchen, was aber der Mama, dieser elenden Spielverderberin, nicht passt; über den Inhalt der Znüni-Tasche debattieren; Jacke anziehen; Mamas Ermahnungen, er solle sich bitte beeilen, geflissentlich überhören;  die Farbspuren zwischen den Augen wegwaschen (Farbspuren zwischen den Augen? Fragt lieber nicht.); noch eimal Mamas Ermahnungen überhören; das „Panini“-Album suchen und lauthals klagen, dass man sich von Luise dazu hat überreden lassen, ein gemeinsames Album zu füllen, weshalb das Eigene, das man gratis in der Bäckerei bekommen hat, noch leer ist; noch einmal aufs WC gehen; das Treppengeländer herunterrutschen; schon wieder Mamas Ermahnungen überhören; den Zoowärter anbrüllen; längst veraltete Elternbriefe abliefern…

Ein ziemlich volles Programm, ich geb’s ja zu. Dennoch beharre ich stur auf meiner Meinung, dass eine gute Stunde reichen sollte, um zumindest die wichtigsten Punkte auf der Liste abzuhaken. Zumal der Junge während der ganzen Zeit eine gestrenge Mama auf den Fersen hat, die ihn daran erinnert, welche Punkte in den frühen Morgenstunden Priorität haben und welche man getrost auf den Nachmittag verschieben kann. 

Warum also kommt unser Jüngster trotzdem regelmässig zu spät in den Kindergarten? Ist doch klar: Weil der Weg zum Kindergarten ein paar Schritte länger ist als derjenige zur Schule. Und darum soll ich ihn bitte schön mit dem Auto hinfahren.

Vergiss es, mein Lieber! 

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