Wie man mir an einem Tag wie heute ein Lächeln aufs Gesicht zaubert

Sechs mal Magen-Darm-Grippe in verschiedenen Stadien von „Ich bin so krank, dass ich nicht mal Zwieback essen mag“ über „Ich bin nicht gesund genug, um zur Schule zu gehen, aber auch nicht krank genug um im Bett zu bleiben“ bis hin zu „Ich fühle mich genau gleich elend wie ihr, aber einer muss ja für Zwieback-Nachschub und saubere Bettwäsche sorgen“ und der einzige Gesunde muss arbeiten. Nicht gerade mein Lieblingstag, ehrlich gesagt. Umso wichtiger sind mir die kleinen Dinge, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:

Luise, die mir erzählt, wie sie gestern in der Bäckerei im reinsten St.Galler-Dialekt ein Brot bestellt hat. Fragt mich nicht, woher sie St.Galler-Dialekt kann, vielleicht hat sie diese Halskrankheit im Blut.

Die alte Frau aus Sri Lanka, die sich mir nach dem Zwieback-Einkauf in den Weg stellt, um mir mit Händen, Füssen und ein paar Brocken Deutsch zu sagen, wie sehr ihr mein „Costume“ gefalle. Genau wie die Frauen aus Sri Lanka, findet sie, einzig das schöne Tuch fehle noch. 

Kater Leone, der als Reaktion auf Henriettas Nachwuchs so anhänglich ist wie in seinen ersten Tagen. Nichts beruhigt so sehr wie ein Kater, der sich nach einem anstrengenden Tag auf deinen Rücken legt und dir ins Ohr schnurrt.

Der Gedanke, dass ich meinem alljährlichen Setzlings-Kaufrausch ein Schnippchen geschlagen habe und deswegen diesen Frühling seelenruhig an den Auslagen vorbeigehen kann. Wie ich das geschafft habe? Indem ich im Februar bereits dem Sämereien-Kaufrausch erlegen bin und deshalb zu Hause vor lauter Setzlingen den bewölkten Himmel nicht mehr sehen kann.

Das Prinzchen, der frühmorgens über Karlssons Teddy aus Kleinkindertagen sagt: „Gell, Karlsson, als Mama und Papa dir David gekauft haben, war er noch kein Schrott.“

Die Tatsache, dass meine Manuskripte das Stadium „Feinschliff“ erreicht haben.

Die Katzenbabies. Ich darf gar nicht anfangen damit, sonst wird’s kitschig hier.

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Armer, kleiner Pjotr

Heute im Zug eine perfekte Mama mit zwei perfekten Kindern – Mädchen und Junge, ganz wie es sich gehört –  in Begleitung der perfekten Oma, die noch so jung aussieht, dass man sie auch für die Tante der perfekten Kinder halten könnte. Alle sauber gekleidet, alle ruhig, alles perfekt organisiert, der Kinderwagen auch beim zweiten Kind noch wie neu. Weil es gerade Zeit dafür ist und nicht etwa, weil die Kinder Hunger hätten, gibt’s etwas zu Essen. Für das Mädchen zuerst Apfelschnitze und dann die Süssigkeiten, welche die Oma mitgebracht hat, für den Jungen, der wohl knapp ein Jahr alt ist, einen gesunden Riegel. Der Junge isst, wie es von einem Jungen in diesem Alter zu erwarten ist: Ab und zu fällt etwas zu Boden, manchmal schmiert er ein wenig. „Aber Pjotr“, weist die Mutter ihn zurecht „so musst du jetzt nicht anfangen. Iss gefälligst anständig.“

Wie oft habe ich mich in der Öffentlichkeit doch dafür geschämt, wenn unsere Kinder sich so gar nicht bilderbuchmässig aufführten. Wenn wir mal wieder nichts dabei hatten, um schokoladenverschmierte Finger sauber zu machen. Wenn die Kleider schon nach einer halben Stunde Zugfahrt nicht mehr sauber waren. Eines aber hat mir nie etwas ausgemacht: Wenn ein Einjähriger sich aufführte wie ein Einjähriger. Und darum tat mir heute der arme Pjotr, der in äusserlich so viel perfekteren Umständen gross wird als unsere Kinder, ganz fürchterlich leid.

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Fossilien

Ganz klar, wir sind Fossilien. Ja, ich weiss, Leute die älter sind als ich, versuchen stets, mir die Sache auszureden, aber es hilft nichts. Zu gut kann ich mich daran erinnern, wie steinalt meine Eltern waren, als ich anfing, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und jetzt sind wir für unsere Kinder genau in diesem Alter, die Hinweise verdichten sich immer mehr.

Da standen wir neulich zusammen im Kindermuseum, meine Schwester, Luise und ich und betrachteten ein Paar schlichte, dunkelblaue Schnallenschuhe, wie wir sie als Mädchen jeweils trugen. Währenddem mir beim Anblick warm ums Herz wurde und meiner Schwester der gleiche Widerwille wie damals ins Gesicht geschrieben stand – wir hatten schon damals nicht den gleichen Geschmack in Sachen Kleidung -, sagte Luise kein Wort. Sie war wohl zu beschäftigt mit dem Gedanken, wie uralt ihre Mutter und ihre Tante sein müssen, wenn ihre Kinderschuhe es bereits in eine Museumsvitrine geschafft hatten. 

Jetzt, wo allmählich die prägenden Figuren unserer Kindheit das Zeitliche segnen, will vor allem Karlsson von uns Zeitzeugen wissen, wie es damals wirklich war. Ob Maggie Thatcher tatsächlich stets Blau getragen habe, oder ob dies nur im Film so sei, fragte er heute. Wie hätte ich ihm eine für ihn verständliche Antwort geben sollen? Die Farbbilder in den Tageszeitungen liessen sich damals noch an einer Hand abzählen und Fernsehen hatten wir nicht. Und Maggie Thatcher kannte ich ohnehin nur aus den Karikaturen im Satiremagazin, die ich furchtbar lustig fand, obschon ich sie nicht verstand. Anstatt Karlssons Frage zu beantworten, fing ich an, im Schatz meiner Erinnerungen zu kramen. Ich wäre wohl vom Hundertsten ins Tausendste geraten, hätte nicht Karlsson bald einmal den gleichen glasigen Blick in den Augen gehabt, den ich immer hatte, wenn meine Eltern zu lange von einem „Früher“ erzählten, das für sie lebendige Erinnerung war, für mich jedoch nur ein halbwegs interessanter Stummfilm in Schwarzweiss. 

Dank YouTube ist unser „Früher“ für unsere Kinder kein Stummfilm mehr, sondern ein ziemlich dilettantisch gedrehter Streifen in körnigen Farbbildern von Menschen mit lächerlichen Frisuren und schrecklichen Kleidern. Manchmal lachen sie sich halb krank darüber, manchmal haben sie auch nur ein müdes Schulterzucken dafür übrig, zum Beispiel, wenn ich zu erzählen beginne, welche Sensation es war, als 1985 der erste CD-Player im Wohnzimmer stand und mein Vater verkündete, dank dieser neuen Technologie gehörten Kratzer auf der Schallplatte der Vergangenheit an und umdrehen müsse man die Scheiben auch nicht mehr nach der Hälfte der Spielzeit. Natürlich langweilt diese Erzählung unsere Kinder, man muss ja auch so schrecklich viel erklären, damit sie überhaupt verstehen, wie die Geräte damals funktionierten. 

Sie werden sich vermutlich auch langweilen, wenn ich ihnen morgen erzähle, wie traurig mich die Nachricht von Trudi Gersters Tod gestimmt hat, denn sie waren nicht dabei, als wir stundenlang bäuchlings vor dem gelben Kinderplattenspieler lagen und der unvergleichlichen Stimme lauschten, bis wir die Geschichten inklusive Kratzer auswendig kannten. Oh ja, unsere Kinder wissen, wer Trudi Gerster war, sie haben auch schon CDs von ihr gehört, aber wir Fossilien haben eine ganz andere Beziehung zu ihr, denn wir kannten die Märchenerzählerin in einer Zeit, als man noch nicht jederzeit Musik, Informationen und Unterhaltung – ob gewollt oder ungewollt – im Ohr hatte.

Kaum mehr vorstellbar, wie still es damals gewesen sein muss. 

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Nachwuchs

Was bei mir ganze acht Jahre gedauert hat, schafft Katze Henrietta innert einer Stunde einfach so nebenbei: 5 Kinder, währenddem Luise mit ihren Freundinnen ihren Geburtstag nachfeiert, das Prinzchen sich auf den Fussboden erbricht und „Meiner“ ohne es zu wissen den Geburtsvorgang stört, weil er im Gebärzimmer einen Pullover sucht. Aus frühkindlicher Erfahrung weiss ich zwar, dass Katzen die Sache mit dem Gebären ganz souverän meistern, aber seitdem es im Internet nur so wimmelt von Ratschlägen, wie mit einer trächtigen Katze umzugehen sei, hatte ich befürchtet, die heutige Katzengeneration sei nicht mehr ganz so eigenständig.

Nun, wie mir scheint haben die Tiere ihren gesunden Katzenverstand im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nicht verloren. Währenddem ich mich nach der Lektüre einiger grenzwertiger Forumseinträge zum Thema Katzengeburt seelisch darauf vorbereitete, Henrietta während Stunden das Pfötchen zu halten und stellvertretend für den Kater, der für den Geburtsschmerz verantwortlich ist, Schimpf und Schande zu ertragen, lag sie unter unserem Bett und brachte ihre Kinder zur Welt, eins nach dem anderen, ohne das geringste Drama. 

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Wenn ich bitten darf

Meine lieben Kinderlein

Wenn ich mich spätabends ins Bett legen möchte, habe ich keine Lust, zuerst ein halbes hartgekochtes Ei von der Matratze zu klauben. Ich schätze es auch nicht sonderlich, morgens in das Eigelb zu treten, das es nicht bis auf die Matratze geschafft hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn jemand von euch eine nicht ganz verschlossene Eisteeflasche in meiner Handtasche aus Filz verstaut, ohne mir etwas davon zu sagen. Wisst ihr denn nicht, wie eklig es sich anfühlt, in einer feuchten Filztasche wühlen zu müssen. Und wühlen muss ich, denn bei all dem Kram, den ihr sonst noch in meine Tasche schmuggelt, ist es relativ schwierig, den Autoschlüssel auf Anhieb zu finden. A propos Autoschlüssel: Der gehört in meine Tasche und zwar immer, nicht mal auf den Küchentisch, mal in die Badewanne und mal in den Briefkasten. Können wir das hier ein für alle mal so festhalten?

Dann wäre da noch die Sache mit dem Lippenstift. Ja, ich weiss, ihr denkt, ich würde den ohnehin nie brauchen und es stimmt ja auch, meistens liegt er nur herum. Aber auch in meinem Leben gibt es Gelegenheiten, bei denen es ohne Lippenstift fast nicht geht und darum möchte ich euch bitten, ihn in Zukunft nicht mehr für Graffitis an den Zimmerwänden zu missbrauchen. Zumal es nicht ganz einfach ist, Lippenstiftspuren von der Tapete zu entfernen, ohne gleich die ganze Tapete abzureissen. Wo wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Würde es euch etwas ausmachen, meine Kleider in Zukunft nicht mehr in die Verkleidungskiste zu entführen? Und wenn das zuviel verlangt ist, könntet ihr zumindest darauf achten, beim Verkleiden keine Schokoladenflecken auf den zarten Stöffchen zu hinterlassen? 

Ich glaube, das mit den Küchengegenständen brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, ihr glaubt es mir ja doch nicht. Darf ich euch aber zumindest bitten, in Zukunft die Finger von meinem Lieblingsschneebesen zu lassen? Ich teile dafür alles andere, inklusive Spritzbeutel-Tüllen, mit euch. Auch mit Shampoos und Duschgels will ich nicht kleinlich sein; was ich eigentlich für mich kaufe, dürft ihr selbstverständlich ebenfalls nehmen. Es wäre einfach nett, ihr würdet jeweils einen ganz kleinen Rest für mich aufbewahren, denn wenn ich mir die Haare mit gewöhnlicher Seife waschen muss, weil alle anderen Flaschen leer sind, sehe ich aus wie eine Vogelscheuche und das passt euch dann ja auch wieder nicht. 

Mir ist klar, meine lieben Kinderlein, dass euch diese Bitten ziemlich viel Selbstbeherrschung abverlangen, aber versucht es doch einmal so zu sehen: Ich lege euch auch kein nasses Teekraut aufs Kopfkissen, ich vergreife mich weder an euren Legos noch an eurer Knetmasse und meines Wissens habt ihr mich auch noch nie dabei erwischt, wie ich unter euren Betten ein Picknick abgehalten habe, ohne danach aufzuräumen, ja, ich leihe mir nicht mal eure Kleider aus, wenn sich in meinem Schrank nichts mehr findet.

Ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Aber der Papa hat neulich mein Sylvanian Families-Eichhörnchen in den Tiefkühler gelegt.“ „Und aus meinem Lieblingshemd hat er Putzlappen gerissen.“ „Mir hat er die ganze Papierflieger-Sammlung ins Altpapier geschmissen.“ Mag sein, dass der Papa all dies gemacht hat, ich aber habe damit nichts zu tun. Also legt das hartgekochte Ei beim nächsten Mal gefälligst auf seine Seite des Bettes, wenn ihr es unbedingt in unserem Zimmer liegenlassen müsst. 

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Busgespräch

Neulich sass ich im Bus hinter zwei jungen Frauen, die – wie man aus ihrem Gespräch erfahren konnte – zusammen zur Schule gegangen waren und nun in einem Praktikum ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben sammelten.

„Mann ey“, klagte die eine „ich muss immer so früh raus am Morgen. Musst du auch so früh anfangen?“

„Na ja, es geht“, antwortete die andere. „Ich kann anfangen, wann ich will, ich muss einfach spätestens um halb neun dort sein, aber meistens fange ich schon um acht an.“

„So gut möchte ich es auch haben. Bei mir motzen sie immer, wenn ich nur ein kleines bisschen zu spät bin. Und dann muss ich auch immer so blöde Arbeiten machen, dabei reicht mein Lohn kaum für die Miete.“

„Wie viel bekommst du denn?“

„Siebenhundert und dann bekomme ich noch etwas von den Eltern, aber das geht alles für Miete, Krankenkasse und Essen drauf. Ich kann fast nicht mehr in den Ausgang.“

„Ich bekomme auch siebenhundert.“

„Was musst du denn so machen im Betrieb?“

„Na ja, anfangs vor allem Briefe abtippen und einpacken und so, aber jetzt lassen die mich manchmal auch den Empfang machen. Ist voll cool…“

„Wahnsinn! Ich muss ja immer nur diese doofen Sachen machen, Boden wischen und so. Du hast es voll easy und mir sagen sie, vielleicht werde ich die Probezeit nicht bestehen.“

„Dann bau jetzt bloss keinen Mist.“

„Ja, Mann, ich weiss. Aber mich kotzt das halt so an, immer so lange arbeiten und dann dieser kleine Lohn. Darfst du die Leute dort duzen?“

„Anfangs habe ich alle gesiezt, aber da hat die Chefin gesagt, ich dürfte alle duzen, ausser den Personalchef natürlich. Erst habe ich mich fast nicht getraut, aber jetzt ist es voll cool…“

„Voll doof bei mir, ich muss alle siezen. Und dann reden die auch nie mit mir…“

„Wir haben es voll lustig miteinander. In der Pause quatschen wir immer endlos.“

„Ey Mann, voll unfair, ich will auch. Ich muss immer arbeiten, voll anstrengend und dabei verdiene ich fast nichts. Ich glaub‘ ich mach das nicht mehr lange mit.“

„Komm, bau keinen Mist. Ist ja nicht lang, dieses Praktikum.“

„Ja, aber du hast es voll easy und bei mir ist alles so streng. Und die Miete kann ich mir auch fast nicht leisten.“

„Bist ja auch früh ausgezogen.“

„Ja, Mann, die Wohnung ist eben echt der Hammer. Sechseinhalb Zimmer zu zweit, alles neu und ein riesiger Balkon…“

„Wie viel bezahlt ihr denn?“

„Zweitausend, aber mit meinem Lohn bleibt da fast nichts mehr übrig für den Ausgang. Mann, wenn ich es doch so easy hätte wie du…“

Nur mit Mühe gelang es mir, mich aus diesem Gespräch herauszuhalten. Zum Glück für die arme Praktikantin war die Busfahrt hier aber zu Ende, sonst hätte ich sie vielleicht irgendwann am Kragen gepackt und tüchtig durchgeschüttelt, in der Hoffnung, sie dadurch aus ihrem Traum von der ach so ungerechten Welt, die sich gegen sie verschworen hatte, aufzuwecken.

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Von wegen „grüner Daumen“

Früher habe ich das Märchen vom grünen Daumen auch noch geglaubt, ja, ich habe es gar weitererzählt. Als unwiderlegbaren Beweis für seine Existenz führte ich die Jericho-Rose an, die unter meiner Aufsicht zu schimmeln begann. Klagten andere über ihren farblosen Daumen, nickte ich verständnisvoll und tröstete, mir ginge es genau gleich. Heute nicke ich nicht mehr, ich spreche auch keinen Trost mehr aus, ich denke nur noch „bla, bla, bla“.

Es ist nämlich so: Den Pflanzen ist es vollkommen egal, ob der Daumen grün ist oder nicht, solange sie deine volle Hingabe haben, gedeihen sie prächtig. Wasser, wenn ihnen danach steht, weder zuviel noch zu wenig, Sonne, aber bitte auch davon nicht zuviel, den richtigen Boden, nur die Tierchen, die ihnen nicht schaden und dann dulden sie noch nicht mal jeden beliebigen pflanzlichen Nachbarn. Da reicht irgend so ein magischer grüner Daumen nicht aus, ohne leidenschaftliche Liebe zu den kleinen, rätselhaften Wundern wird nichts aus der Sache. Liebe und ziemlich viel Einsatz, Tag für Tag, damit ihnen die Schädlinge nicht zu nahe treten, das Wetter nicht die Laune verdirbt und die unerwünschten Nachbarn ihnen nicht den Lebensraum streitig machen. 

Nachdem ich nun über Jahre geübt habe, kleinen, anspruchsvollen Wesen meine ganze Liebe und Hingabe zu schenken, damit sie gedeihen können, ist es plötzlich gar nicht mehr so schwierig, mit den zarten Pflänzchen ähnlich umzugehen. Darum gedeihen sie wohl auch, obschon ich noch immer keinen grünen Daumen habe.

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Wir können auch so

Nach den Kapriolen der vergangenen Monate hatte ich es selber nicht mehr für möglich gehalten, aber „Meiner“ und ich bringen es tatsächlich fertig, einen unbeschwerten Tag zu zweit nicht nur im Kalender einzutragen, sondern auch durchzuziehen. Alle Lehrkräfte gesund, Kinder komplett käferfrei, Prinzchen für einmal ohne sein sonst übliches montägliches „Staatskinder“-Gehabe -„Ich will nicht in die Krippe, ich will bei dir bleiben Mama!!!“ -, die Gutscheine für die Wellness-Oase noch längst nicht abgelaufen und diesmal sogar ohne hektische Suchaktion auffindbar, keine Anrufer, die einen mit einem ganz dringenden Anliegen zu einer spontanen Hilfsaktion zwingen, das Auto fahrtüchtig und mit halb vollem Tank. Weder unsere hochschwangere Katze, die kaum mehr von meiner Seite weicht, noch die Programmänderung, zu der „Meiner“ mich in letzter Minute überredete, konnten uns daran hindern, in schönster Eintracht morgens vor halb neun das Familienleben für ein paar Stunden hinter uns zu lassen.  

Es gab viel zu geniessen in diesen Stunden – ein Frühstück, das so süss und ungesund war, dass unsere Kinder nie davon erfahren dürfen, eine ziemlich menschenleere Saunalandschaft voller Überraschungen, vollkommen ungestörte Gespräche im Wechsel mit himmlischer Stille, ein Mittagessen, nach dem andere unseren Dreck wegräumen mussten. Was mich an diesem rundum gelungenen Tag zu zweit am meisten freut: Egal, wie sehr wir uns im Familienalltag zuweilen auf die Nerven fallen und egal, wie oft wir in der Hektik aneinander vorbeireden und zuweilen auch -leben, wenn wir mal Zeit haben, dann sind „Meiner“ und ich sofort wieder siebzehn. Dann quatschen wir, schmieden Pläne, grinsen über Menschen, die einfach nur peinlich sind und freuen uns daran, dass wir einander haben. 

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Verzweifeln oder…?

Du liest im „Spiegel“, die Deutschen Kinder würden immer stärker unter Schulstress leiden und aus deinem Familienalltag weisst du, dass es in der Realität noch viel schlimmer ist als es auf dem Papier daherkommt. In den Medien – ob gedruckt oder elektronisch – präsentieren die Parteien von links nach rechts ihre Ideen, wie den Familien am besten geholfen sei und du ärgerst dich grün und blau, weil du genau weisst, wie wenig das Geschwätz mit der Realität zu tun hat. Sie könnten ebenso gut alle den Mund halten, weil das, was am Ende rauskommt, doch wieder nur ein halbherziger Kompromiss sein wird, der zwar keinem schadet, aber auch keinem hilft. Wo immer dein Blick auch hinfällt – ob es nun um Familie, Umwelt, Atomausstieg, Schule oder sonst etwas, was dir am Herzen liegt geht -, siehst du Halbherzigkeit, viel Gerede und wenig Wirkung. Einzig in der Asylpolitik werden klare Worte gesprochen, aber es sind nicht die Worte, die du hören willst, sondern die Worte, die dir kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. 

Zuweilen überkommt dich die blinde Wut, dann wieder tiefe Traurigkeit, immer mal wieder auch Resignation. Ganz selten meldet sich auch diese innere Stimme zu Wort, die dir sagt, wenn du schon weder Zeit noch Kraft zum Mitgestalten aufbringen könnest, solltest du doch zumindest zur Feder greifen und gegen den ganzen Wahnsinn anschreiben. Bloss, wie soll das gehen, wo sich der Wahnsinn doch schneller ausbreitet als die Magen-Darm-Seuche?

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Mütter-Chat

Die Elternzeitschrift „Glückliche Eltern – wunderbare Kinder“ stellt ihrer Leserschaft im Facebook eine Frage: „Weltreise mit Kleinkind – würden Sie es wagen?“ Wenige Sekunden später treffen die ersten Antworten ein.

Annemarie K: „Weltreise mit Kleinkind? Seid ihr denn alle bescheuert?“

Shenice L: „Bescheuert? Sicher nicht. Ich habe mein erstes Kind in einem Buschspital in Afrika geboren, mein zweites auf einer Nordpol-Expedition. Derzeit wandern wir gerade mit zwei Kleinkindern von Tijuana nach Feuerland, ich bin im siebten Monat schwanger mit Zwillingen, die – wenn alles wie geplant läuft – in einem Einbaum auf dem Amazonas zur Welt kommen werden.“

Denise M.-Q: „Shenice, du hast sie ja wohl nicht alle! Man sollte dir die Kinder wegnehmen!“

Annemarie K: „Da kann ich dir nur beipflichten, Denise. Wer so verantwortungslos ist, gehört bestraft.“

Mandy S: „meine kleinen brauchen das aussland nicht, is eh alles scheise dort, wir haben tv und internett, meer braucht man nicht“

Julia J: „Wow, Mandy, tolle Ansichten hast du! Sag mal, sind deine Kinder schon mit einem Brett vor dem Kopf auf die Welt gekommen, oder musstest du es ihnen noch annageln?“

Mandy S: „halt’s maul, du schlampe!“  (Eingriff durch Redaktion)

Irina Z: „Wenn’s all-inclusive auf einem Kreuzfahrtschiff ist, bin ich sofort dabei.“

 Yvette P: „Ich finde es wirklich bedenklich, wie tief das Niveau dieser Diskussion gesunken ist. Meiner Meinung nach soll jede Familie ihren eigenen Weg finden. Ich persönlich finde, Kinder sollten während der ersten drei Lebensjahre den Strapazen einer Auslandreise nicht ausgesetzt werden, danach sind kurze Reisen ins benachbarte Ausland zu empfehlen. Mehr als vier Stunden Autofahrt sollte man den Kindern aber vor dem zehnten Altersjahr auf gar keinen Fall zumuten.“

Marietta L: „Vier Stunden? Das ich nicht lache! Da kommen wir in Kanada gerade mal zur nächsten Ortschaft.“

Olivia M.-T.: „Wegen solchen Besserwisserinnen, wie du eine bist, Yvette, geraten wir Mütter einander immer in die Haare. Das ganze Geschwätz von ‚jeder muss seinen eigenen Weg finden‘ und dann doch wieder Vorschriften machen. Das ist doch zum K…..!“

Julia J: „Yvette, danke für deinen Mut. Jemand muss diesen verantwortungslosen Tussis doch mal sagen, wo es langgeht.“

Shenice L: „Sagt mal, habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun? Brecht mal aus eurer kleinkarierten Welt aus. Wisst ihr, wie es sich anfühlt, hochschwanger von Malaria heimgesucht zu werden? Das ist das wahre Leben…“

Annemarie K: „Wie kommst du dort draussen in der Pampa überhaupt zu einem Internetzugang, Shenice?“

Yvette P: „Ja, und wie willst du hochschwanger und mit Malaria überhaupt Kommentare verfassen?“

Shenice L: „Hab ich etwa behauptet, ich hätte jetzt Malaria? Das war in Afrika…“ 

Britta N: „Ladies, seid ihr denn alle übergeschnappt? Die Frage war doch, ob man mit einem Kleinkind eine Weltreise wagen soll und ich finde, dass es durchaus möglich ist, wenn es für Mama, Papa und Kleinkind stimmt.“

Amanda B: „Und wenn es für das Kind nicht stimmt? Es kann seine Meinung ja noch nicht sagen. Ich finde es eh unverschämt, wie wir Eltern uns einbilden, wir könnten über unsere Kinder bestimmen. Die haben doch auch ihren Willen.“

Julia J: „Und darum sollen wir alle zu Hause versauern?“

Amanda B: „Kinder sind das grösste Glück der Erde. Wer bei dieser Aufgabe versauert, sollte keine Kinder haben.“

So geht es weiter, bis die Redaktion den bissigen Müttern die nächste Frage zuwirft. Namen und Diskussionsinhalt sind frei erfunden, der Tonfall leider nicht.

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