Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat abends um halb acht fragt, ob er ins Bett gehen dürfe, das Prinzchen den lieben langen Tag in Gummistiefeln und Velohelm herumrennt, der Zoowärter nicht heult, wenn es keinen Blumenkohl mehr hat, Luise ein ganzes Kapitel der „Unendlichen Geschichte“ hört, ohne ein einziges Mal aufzuspringen, „Meiner“ auf dem Sofa einschläft, bevor die Wohnung blitzblank ist, Karlsson ohne Hausaufgaben von der Schule nach Hause kommt und ich dreimal am Herd stehe und darauf warte, bis das Wasser siedet, ohne zu bemerken, dass die Herdplatte ausgeschaltet ist, dann sind dies untrügliche Anzeichen, dass Hitzeferien angesagt wären. Nur macht man sowas heutzutage natürlich nicht mehr. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns von der Natur vorschreiben liessen, wann wir den Fuss vom Gaspedal nehmen sollen?
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Keine Zeit
Für das Prinzchen ist Essen reine Zeitverschwendung. „Wozu Essen, wo man sich den Bauch ebenso gut mit Flüssigem füllen kann?“, scheint er sich zu sagen. „Solange Mama genügend Milch einkauft, kann ich auf diese ganze Esserei verzichten.“ Und so lässt er sich jeweils fünf – oder zehnmal bitten, bevor er zu Tisch kommt, wo er lustlos imTeller herumstochert und bei der erstbesten Gelegenheit wieder nach draussen flüchtet.
Heute Nachmittag verbrachte er Stunden auf seiner Baustelle. Um die Sonntagsruhe scherte er sich einen Dreck und für Nahrungsaufnahme hatte er keine Zeit. Als wir abends alle am Tisch sassen und er noch immer nicht auftauchte, rief ich aus dem Fenster. „Prinzchen, wir essen!“ Er schaute nicht mal auf von seiner Arbeit, brummte „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass es mir nicht schmeckt“ und baute weiter an seiner Hütte. Es half nichts, dass ich beteuerte, Brot, Joghurt und Würstchen hätte er schon immer gemocht, er verzichtete dennoch auf sein Abendessen. Und kippte vor dem Schlafengehen einen Liter Milch in sich hinein.
Nachahmungstäter
Um niemanden blosszustellen, nenne ich ausnahmsweise keine Namen. Angefangen hat die Geschichte damit, dass zwei unserer Kinder zwei Porzellanpuppen geschenkt bekamen. Wunderschön waren sie, mit eleganten Roben, hüftlangen Korkenzieherlocken und sanftem Lächeln. Nun sind bekanntlich die Puppen meist deutlich friedlicher als ihre Besitzer und so kam es, dass eines Tages die Puppenbesitzer in einen heftigen Streit mit einem ihrer Geschwister gerieten. Worum es ging, habe ich natürlich schon längst vergessen. Wo käme ich denn hin, wenn ich mich auch noch an all die Streitauslöser erinnern wollte? Das Resultat des Konflikts habe ich aber noch in lebendiger Erinnerung: Eines Tages standen die Porzellanpuppen mit geschorenem Haupt auf ihren Ständern. Die Lockenpracht war dahin, der Familienfrieden auch und nach stundenlangen Verhören konnte endlich der Frevler ausfindig gemacht werden. Die anderen seien immer so gemein, darum hätten die Puppen eben Haare lassen müssen, das war die nicht sehr logische, aber doch einfache Erklärung.
Porzellanpuppen ohne Locken sind natürlich nur noch halb so schön und deshalb musste Ersatz her. Dieser wurde in Strasbourg gefunden. Zwei neue Prachtsexemplare kamen mit uns nach Hause, um den armen Geschorenen Gesellschaft zu leisten. Ganze zwei Wochen lang dauerte das Glück, dann waren auch die Locken der Neuen weg. Der Verdacht fiel natürlich auf den ersten Missetäter, doch dieser verfügte über ein wasserdichtes Alibi. Blieben noch zwei Verdächtige. Der eine verstand gar nicht, was los war. Der andere wurde bald einmal still und blass und als wir drohten, alle drei müssten den ganzen Tag beim Aufräumen helfen, wenn sich der Schuldige nicht bald einmal melde, gestand er seine Tat. Der Grund? „Ich war böse auf Papa, weil er mich auf mein Zimmer geschickt hatte. Und die anderen sind ja manchmal auch gemein zu mir und da habe ich es eben gemacht,“
Ein klarer Fall von einer Nachahmungstat also und darum bin ich mir gar nicht so sicher, ob wir die Missetäter damit bestrafen sollen, dass sie auf Ricardo Puppen-Schadenersatz besorgen. Was, wenn das Lockenschneiden zum eingeschliffenen Verhaltensmuster bei Familienkonflikten wird? Dann scheren die eines Tages Luise und mich kahl, bloss weil sie gerade keine Porzellanpuppen zur Hand haben.
Unaufhaltsam
Nein, ich freue mich nicht auf den 12. August 2013. Ja, ich weiss, ich sollte mich darauf freuen, denn das Prinzchen wird dann seinen ersten Kindergartentag haben, der Zoowärter seinen ersten Schultag. „Stell dir mal vor, wie viele Freiheiten du dann haben wirst“, sagen die Mütter, die schon länger keine kleinen Kinder mehr zu Hause haben. Und ich versuche ernsthaft, mir vorzustellen, wie schön das sein wird. Das Dumme ist nur, dass es mir nicht so richtig gelingen will.
Nein, ich habe keine Angst, ich wüsste nichts mit meiner Zeit anzufangen. Mir wird ganz bestimmt nicht langweilig. Es ist nur so, dass ich die Freiheit mit nur einem Kind im Haus so sehr geniesse. Wie schön, wenn man mal für ein Kind alle Zeit der Welt hat, wenn man ganz spontan in die Stadt fahren kann, weil man nicht eine ganze Herde zusammentreiben muss.
Ich habe übrigens auch kein Problem damit, dass unsere Kinder grösser werden. Nun ja, zumindest kein grosses Problem. Mein Problem ist, dass da keiner mehr nachkommt, wenn alle mal draussen sind. Kein kleiner Mensch mehr, der mich mit Fragen löchert, der voller Stolz den viel zu grossen Kochlöffel schwingt, der mich mit dem Wunsch, eine Geschichte erzählt zu bekommen, von meinen Pflichten abhält.
So wird das sein in einem Jahr und davor graut mir schon heute. Verhindern kann ich es dennoch nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig, als der kleine Rest an Kleinkinderzeit, der mir noch bleibt, zu geniessen. Mal sehen, ob ich das schaffe…
DIY-Romantik
So, wie es aussieht, wird es dieses Jahr nichts mehr aus lauen Sommerabenden zu zweit, schon gar nicht auswärts. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kinder, die wegen der Wärme den Schlaf nicht finden, abendliche Gewitter, ausgerechnet dann, wenn mal etwas früher Ruhe einkehren würde, Termine, die sich einfach so in die zu kurzen Sommermonate geschlichen haben und Käfer, die mich nun schon zum zweiten Mal innert weniger Wochen heimgesucht haben und mich dazu zwingen, den ganzen Tag im Dämmerzustand auf dem Sofa zu verbringen.
Nein, so habe ich mir den Sommer nicht vorgestellt. Was also tun? Mich grün und blau ärgern? Im Selbstmitleid versinken? Das bringt ja doch nichts, Alternativen müssen her. Eine davon wäre, das iPad schnappen, im Garten die Liegestühle aufstellen, die „Meiner“ neulich im Brockenhaus erstanden hat und einen Film reinziehen. Wenn wir nicht zum Open Air-Kino können, muss das Open Air-Kino eben zu uns kommen. Jetzt muss ich nur noch „Meinen“ dazu bringen, mein Krankenlager nach draussen zu transportieren und der romantische Abend ist zumindest halbwegs gerettet…
Gespräch unter Forschern
Zoowärter, Prinzchen und ich sind im Auto unterwegs, das Prinzchen zeigt auf einen Sendeturm, der auf einem Hügel steht:
„Mama, ist dort das Weltall?“
Zoowärter: „Nein, das Weltall ist viel grösser.“
Prinzchen: „Mama, ist hier der Erdkern?“
Zoowärter: „Nein, der Erdkern ist ganz tief in der Erde drin.“
Prinzchen: „Ich will einmal im Sandkasten so tief graben, bis ich zum Erdkern gelange.“
Zoowärter: „Das darf man nicht.“
Prinzchen: „Ich schaue mir den Erdkern nur kurz an, dann mache ich das Loch wieder zu.“
Zoowärter: „Dann grabe ich mit, aber danach müssen wir das Loch ganz schnell wieder zumachen, der Erdkern ist nämlich sehr heiss.“
Aufklärung, Stufe 2
Stufe 1 war noch einfach: Die Kinder fragten, so wie Kinder eben fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Wir antworteten, so wie Eltern eben antworten. Möglichst viel Wahrheit auf möglichst kindergerechte Art verpackt. Klar, hin und wieder mussten wir schmunzeln, wenn eine Frage aus erwachsener Sicht himmelschreiend komisch war – „Iiih, Mama, habt ihr das wirklich fünf Mal getan? Das ist ja eklig!“ -, aber ich glaube, im Grossen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht: offen und unverkrampft über die Dinge reden, welche die Kinder irgendwann eben wissen wollen. Kein Problem, solange das alles für die Kinder noch weit weg und sehr fremd war, etwa gleich fremd wie dasWeltall, die Tierwelt Australiens oder der Alltag der alten Griechen. Faszinierend ja, aber nicht wirklich relevant. Darum konnten sie ja auch so unbefangen fragen.
Jetzt aber, wo Stufe 2 kommt, wird es deutlich anspruchsvoller. Klar, wir sind weiterhin darum bemüht, offen und ehrlich zu sein, wir achten darauf, respektvoll mit dem Thema umzugehen und dennoch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten, wir signalisieren Gesprächsbereitschaft und doch spüren wir, wie da allmählich eine gewisse Zurückhaltung aufkommt. Da geschehen auf einmal Dinge, welche die Kinder nicht richtig einordnen können. Ja, Mama und Papa haben das erklärt, und sie erklären auch jetzt, wenn man fragt. Aber dass da wirklich etwas geschieht, dass der Körper sich wirklich allmählich verändert, darauf war man nicht vorbereitet. Darauf kann man wohl nicht vorbereitet sein, egal, wie viel man theoretisch schon weiss. Wenn man auf einmal fühlt, riecht, sieht, vielleicht auch leidet, dann wird einem die Sache peinlich, auch wenn die Eltern noch so sehr beteuern, dass man sich nicht zu schämen braucht, dass es vollkommen normal ist, was da geschieht, dass sie das Ganze auch einmal durchgemacht haben.
Mag sein, dass es für unsere Generation schwieriger war, die Eltern dazu zu bringen, mit uns über die diese Veränderungen zu reden. Mag sein, dass viele von uns dadurch noch verwirrter waren, als man es ohnehin ist in dem Alter. Allmählich aber dämmert mir, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen nie schmerzfrei sein wird, auch dann nicht, wenn die Eltern gesprächsbereit, verständnisvoll und offen sind. Es käme uns nicht in den Sinn, die Kinder in der Sache allein zu lassen, aber gehen müssen sie den Weg selbst.
Ochsengespann
Mit mehr als einem Monat Verspätung haben „Meiner“ und ich es heute endlich geschafft, unseren vierzehnten Hochzeitstag zu feiern. Zuerst kam uns ja Zoowärters Spitalaufenthalt dazwischen, dann der Schuljahresabschluss, anschliessend die Ferienanwesenheit sämtlicher potentieller Babysitter, danach eine Phase, in der wir uns andauernd in die Haare gerieten und das Interesse an Zeit zu zweit sehr gering war und schliesslich auch noch meine Magen-Darm-Seuche.
Heute endlich fanden wir die Zeit, einen kinderfreien Nachmittag in der Sauna zu verbringen. Und wieder einmal wird mir klar, dass ich diesen Mann auch heute noch heiraten würde, dass wir zwei uns noch immer sehr viel zu sagen haben, dass wir noch immer viele gemeinsame Träume haben – und dass uns unser Alltag so oft die Energie raubt, mehr zu sein als ein Ochsengespann, das darum bemüht ist, den Karren über einen steinigen Feldweg zu ziehen.
Bilanz nach vier Tagen Strasbourg
- Strasbourg ist wunderschön.
- In Frankreich gibt es eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen, schönen und sinnvollen Küchengadgets.
- Auch wenn mir der Konsumwahn immer mehr zu schaffen macht, wenn ich eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen, schönen und sinnvollen Küchengadgets vor mir habe, bringe ich es nicht fertig, zu widerstehen.
- Wenn der Euro für uns Schweizer so billig zu haben ist, ist das seeeeeehr gefährlich für unser Familienbudget.
- Unsere Kinder mögen kein Pain au Chocolat. Als ich in ihrem Alter war, hätte ich für einen Bissen Pain au Chocolat mein letztes Hemd hergegeben.
- Die Franzosen mögen unsere Kinder nicht. Ob das damit zusammenhängt, dass unsere Kinder kein Pain au Chocolat mögen, oder ob es für diese Abneigung einen anderen Grund gibt, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass unsere Kinder noch nie so oft vollkommen grundlos von wildfremden Personen ermahnt worden sind. Für grundlose Ermahnungen sind gewöhnlich wir Eltern zuständig und ich bin zutiefst beleidigt, wenn ein anderer meine Aufgabe an sich reisst. Zumal die Ermahnungen wirklich grundlos waren.
- Muss das Prinzchen ein paar Tage ohne seine Milch auskommen, isst er plötzlich mit grossem Genuss Chicken Korma, Madras Reis, Samosas, Mint Raita und sogar rohe Tomaten. Ich Rabenmutter hatte stets behauptet, das Kind sei heikel, dabei war es einfach pappsatt von der vielen Milch, die es gewöhnlich in sich hineinschüttet.
- Luise gefällt es in Prag besser als in Strasbourg. Hat sie mir nur ca. 127 mal gesagt in diesen vier Tagen.
- Babybel gibt es in verschiedenen Farben, die für verschiedene Geschmacksrichtungen stehen. Während der Farbunterschied relativ einfach festzustellen ist, versuche ich weiterhin herauszufinden, wo sich der Geschmacksunterschied versteckt hat.
- Während es die Franzosen problemlos fertigbringen, bequeme Zugabteile für acht Personen zu bauen, bringt die Deutsche Bahn auf einer ähnlich grossen Fläche gerade mal sechs Personen unter.
- Der Zoowärter scheint ein Ohr für die Französische Sprache zu haben.
- Karlsson und Luise scheinen derzeit ein Ohr für all jene Wörter zu haben, die in ihrem Wortschatz nichts verloren haben.
- Egal wie perfekt ein Hotel sein mag, auf TripAdvisor findet sich immer einer, der eine schlechte Bewertung abgibt. Vielleicht, weil ihm die Farbe des Teppichs nicht gepasst hat, oder weil die Blumen an der Reception etwas welk waren. Hauptsache, man kann sich über etwas beklagen.
- Wenn ich „Meinem“ lange genug nichts schenke, dann freut er sich auch, wenn er von mir einen Regenschirm bekommt. Nun gut, der Regenschirm war ein Designstück…
- Wenn man mit einer Europa-Fahne im Gepäck in die Schweiz reist, lassen sie einen dennoch über die Grenze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat’s getestet. Es gibt keinen Detektor, der das Reisegepäck nach Europäischer Propaganda durchleuchtet.
- Egal, ob man lange oder kurz weg war, wieder nach Hause zu kommen ist jedes Mal gleich schwierig.
Strasbourg
Nun haben wir es doch nicht ausgehalten, fünf geschlagene Wochen in der Schweiz zu verbringen, währenddem alle anderen verreisen. Wir haben uns für Strasbourg entschieden, vier Tage nur, aber es reicht, um den Kopf frei zu bekommen und zu tun, was man sonst selten tut: Velos mieten und durch die Touristenmenge kurven – und mit dem Prinzchen im Kindersitz hinfallen, weil zwei Japaner mit ihren Kameras im Wege stehen -, mit dem Touristenboot die Kanäle der Stadt abfahren, Ganita schlürfen, den Flohmarkt durchstöbern, Toiletten suchen, mit Luise bei Pylones überteuerten Schnickschnack bewundern, bei „Paul“ den köstlichsten Joghurt aller Zeiten geniessen, das Münster bewundern – einfach alles, was nicht Alltag ist.
Vor lauter Touristenprogramm kommt es zuweilen vor, dass wir das Essen vergessen und so ist plötzlich weit und breit nichts Essbares zu haben, wenn sich bei sieben Vendittis gleichzeitig der Hunger meldet. Nur so kann ich es mir erklären, dass wir gestern ausgehungert und übermüdet in einem Kebab-Laden gelandet sind. Dort kam mir ein äusserst interessantes Gespräch zu Ohren. Ein Gast – vermutlich ein nach Deutschland ausgewanderter Italiener – und der Türkische Restaurantbesitzer unterhielten sich in einer Mischung aus Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch über die alten Währungen Europas. „Eine D-Mark, ça c’est quatre Französische Francs…“ „Yes, and un millione di Lire era how much?“ „Un million, c’était one Deutsche Mark, et une Deutsche Mark, c’était cobmien de Swiss Francs?“
So ging das Gespräch nahezu endlos weiter und später, als ich schlaflos im Bett lag und versuchte, die billige Pizza Margherita zu verdauen, überlegte ich mir, ob der Wirt und sein Gast hoffnungslose Nostalgiker waren, oder ob sie der Zeit vielleicht einfach ein paar Schritte voraus sind.









