Das wäre doch was für uns

Die Ratte hat die alte Diskussion wieder angefacht: Sollen wir uns doch vielleicht ein Haustier anschaffen, jetzt, wo die Familie nicht mehr weiter wachsen wird? Man kann die Frage ja nicht ewig vor sich herschieben, vor allem, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat heute schon droht, er werde sich dann eines Tages einfach ohne Erlaubnis eine Ratte anschaffen. Da muss man doch vorbeugend eingreifen, indem man das Bedürfnis nach einem Haustier stillt, bevor es ungesunde Züge annimmt. Und so zermarterte ich mir einige Tage lang das Gehirn, was wohl zu tun sei. Gestern dann, als ich zum zehnten Mal in diesem Frühjahr meine Zuckermelonen-Setzlinge, die Nachbars Katze jeweils über Nacht ausgräbt, wieder in die Erde pflanzte, dämmerte mir, was uns fehlt: Eine Katze, die sich voller Selbstbewusstsein unseren Garten zum Revier erklärt und alle anderen Katzen von meinen Setzlingen fern hält. Eine stubenreine Katze natürlich, eine, die sich zu fein ist, um ihr Geschäft im Garten zu verrichten, denn sonst wird das Leben für meine Setzlinge nicht sicherer. 

Das mit der Katze, so überlegte ich, hätte ja den zusätzlichen Vorteil, dass sich die Ratte bei uns nicht mehr so wohl fühlen würde. Habe ich doch neulich gelesen, dass schon der Geruch von gebrauchtem Katzensand genügt, um eine Ratte zu vertreiben. Und so fiel der Entschluss: Vendittis brauchen eine Katze. Natürlich konnte ich die Sache nicht lange für mich behalten und deswegen war schon bald einmal klar, dass Vendittis nicht nur eine Katze haben werden, sondern mindestens zwei. Denn die kleinen Vendittis können sich nicht entscheiden, ob es eine Katze oder ein Kater sein soll. Erstaunlicherweise schien nicht mal „Meiner“ der Sache abgeneigt zu sein, zumindest brachte er nicht allzu viele Einwände, und so brüteten Luise und ich schon bald einmal über der neuesten Ausgabe der „Tierwelt“, um herauszufinden, ob da vielleicht jemand bereit wäre, uns zwei Kätzchen abzugeben. 

Es ist ja wohl kaum verwunderlich, dass es da ein paar ganz interessante Inserate gab. Immerhin haben wir Mai und da wollen bekanntlich alle ihre überzähligen Kätzchen loswerden. Luise hätte schon fast zum Telefon gegriffen, um sich zwei Tierchen zu sichern, doch da meldete sich „Meiner“ dann doch noch zu Worte. Wir hätten viel zu viel Chaos im Haus, es würde sich ja doch keiner um die Tiere kümmern, Katzen zu halten sei ein teurer Spass, den wir uns nicht leisten könnten, die ganze altbekannte Spielverderber-Leier. 

Nun gut, dann müssen wir ihn eben noch ein wenig bearbeiten, ihm noch ein paar kitschige Kätzchenbilder unter die Nase halten, ihm ein paar Statistiken aufbereiten, die belegen, dass Katzenhalter eine weitaus höhere Lebenserwartung haben als Nicht-Katzenhalter. Und wo wir schon dabei sind, ihn zu bearbeiten, können wir ihm ja gleich noch in den Ohren liegen, dass wir jetzt endlich diese umweltunfreundliche Kapselkaffeemaschine – nein, nicht die von George Clooney, so tief sind wir dann doch nicht gesunken – loswerden müssen. Die ist mir nämlich auch schon lange ein Dorn im Auge, aber „Meiner“ findet, ein funktionierendes Gerät loszuwerden sei weder umwelt- noch budgetfreundlich.

Mal sehen, wie wir ihn rumkriegen können. Vielleicht finden wir ja jemanden, der uns gerne zwei überzählige Kätzchen andrehen will, aber nur, wenn wir ihm im Gegenzug einen anständigen Kaffee anbieten…

Schlaues Kind

Donnerstags hat Luise Ballettunterricht und weil Donnerstag EinkaufAbholTerminKrimskramserledigenChaosTag ist, halte ich jeweils nur kurz an, um meine Tochter aus dem Auto aussteigen zu lassen und schon bin ich wieder weg. Ab nach Hause, wo Karlsson und der FeuewehrRitterRömerPirat vielleicht gerade dabei sind, alles in Brand zu setzen. Oder vielleicht auch ab in die Migros, um die doppelten Cumuluspunkte einzuheimsen. Oder ab ins Familienzentrum, um das Prinzchen aus der Krippe abzuholen. Völlig egal, was gerade dran ist, Hauptsache, ich bin schnell wieder weg, damit ich auch rechtzeitig wieder da bin, um Luise nach dem Ballettunterricht abzuholen.

Dumm nur, dass heute die Lehrerin krank war, wovon wir nichts wussten, weshalb Luise schon bald einmal alleine im strömenden Regen dastand und nicht wusste, was sie jetzt tun sollte. Zuerst einmal tat sie das naheliegendste: Sie vergoss ein paar Tränen. Dann erinnerte sie sich daran, dass die Mama einer ihrer Freundinnen ihr vor einigen Monaten mal gesagt hatte, sie könne jederzeit bei ihr anklopfen, wenn sie in Not sei. 

Wäre ich Luise gewesen, ich hätte mich an dieses Versprechen erinnert, hätte hin und her überlegt, ob ich der Familie meinen unangemeldeten und tropfnassen Besuch zumuten könne, hätte mich gefragt, ob ich denn den Weg bis zum Haus der Freundin kenne, oder ob ich mich verlaufen würde, hätte mir eingeredet, dass die Mama der Freundin bestimmt nur hatte nett sein wollen und es mit dem Angebot gar nicht so ernst gemeint haben konnte, hätte mich schliesslich schweren Herzens dazu durchgerungen, nicht zum Haus der Freundin zu laufen, weil ich niemandem zur Last fallen will, hätte heulend im strömenden Regen darauf gewartet, bis ich abgeholt worden wäre oder hätte mich traurig und voller Selbstmitleid auf den langen und einsamen Heimweg gemacht.

Aber Gott sei Dank ist Luise sich selber und darum hat sie, nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, keinen Augenblick gezögert und ist zu ihrer Freundin gegangen. Und weil die Mama der Freundin ihr Angebot damals wirklich ernst gemeint hatte, nahm sie Luise mit offenen Armen in Empfang, griff zum Telefon, um mich zu informieren, dass Luise noch bis um sechs mit ihrer Tochter spielen würde und der Tag war gerettet.

So einfach ist es, wenn man ein Kind ist: Ein lieber Mensch bietet dir Hilfe an und du glaubst ihm, dass du dich auf ihn verlassen kannst. Und plötzlich ahnt man, was mit dem berühmten Ausspruch „Werdet wie die Kinder“ gemeint sein könnte.

Motivationsprobleme

Das mit der Vorfreude aufs neue Schuljahr war auch schon einfacher. Damals, bei Karlsson, waren wir noch vollkommen unbeschwert und hatten kein Problem damit, unser Kind für das Neue, das nach den Sommerferien beginnen würde, zu motivieren. Man wusste noch nicht, dass eine nette Lehrerin und ein nettes Kind noch lange keine Garantie waren dafür, dass die zwei sich auch verstehen würden. Im besten Fall kommt es so, wie bei Karlsson, der seine Lehrerin so sehr verehrt, dass er ihr einen Schal zum Geburtstag strickte, wie es im schlechtesten Fall kommt, will ich hier nicht weiter ausführen, aber glaubt mir, es kann ziemlich schlecht kommen. Wir wussten damals auch noch nicht, dass ein vollkommen gesundes Kind zum Problemkind abgestempelt werden kann, bloss weil es auf dem Weg zum Kindergarten mit Mandarinen jongliert. Wir wussten nicht, dass es Schulklassen gibt, in denen es immer und immer wieder zu Zoff kommt, so sehr sich die Lehrerin auch darum bemüht, für Frieden und Ordnung zu sorgen. Und wir hatten noch keine Ahnung davon, dass es Mütter gibt, die gleichgültig mit den Schultern zucken, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass ihr Sohn daran beteiligt war, ein anderes Kind aufs Gröbste zu verspotten und zu piesacken.

Heute wissen wir all das. Dazu kommt noch, dass wir inzwischen nicht mehr verhindern können, dass Luise hin und wieder lauthals über die Dinge herzieht, die ihr an der Schule nicht passen. Wir können Karlsson nicht den Mund verbieten, wenn er mal wieder findet, Hausaufgaben seien das Letzte und gehörten gefälligst abgeschafft. Und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat es in den letzten Wochen im Kindergarten noch lernen wird, endlich fröhlich singend und rechtzeitig aus dem Haus zu gehen, können wir uns ohnehin abschminken. 

So erstaunt es auch nicht, dass das Interesse des Zoowärters gering war, als ich ihm heute verkündete, in welche Kindergartenklasse er eingeteilt worden ist. „Ich gehe im Sommer in den gleichen Kindergarten wie der FeuerwehrRitterRömerPirat“, sagte er, überlegte einen Moment lang und wollte dann wissen, weshalb ich seinen grossen Bruder eigentlich jeden Tag mit allen möglichen Mitteln dazu zwingen müsse, das Haus zu verlassen. Da ich offen gestanden auch nicht weiss, weshalb das so ist, wusste ich natürlich auch keine schlaue Antwort auf des Zoowärters Frage.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen rosigen Start in den Kindergarten. Aber „Meiner“ und ich haben es ja auch schon fertig gebracht, unseren Kindern Antibiotika-Kuren schmackhaft zu machen, ihnen in schmerzhaften Operationen Splitter aus den Füssen zu ziehen und Schmuckperlen aus der Nase zu angeln. Da sollten wir es eigentlich auch zuwege bringen, die noch fehlende Motivation zu entfachen. 

Gelassener

Spätestens seit Josef mit dem bunten Mantel weiss es die ganze Welt: Die Jüngsten – oder im Falle von Josef die Zweitjüngsten – sind verwöhnte Bengel, die bei ihren Eltern mit allem durchkommen, während die Grossen zum Viehüten verknurrt werden. Die Grossen müssen schuften und werden beim kleinsten Vergehen zusammengestaucht, die Kleinen leisten sich einen Mist nach dem anderen aber die Eltern lächeln nur milde und sagen:“Ach, er ist doch noch so klein und weiss nicht, was er tut.“ Im schlimmsten Fall fügen sie noch verträumt an: „Erinnerst du dich, als unsere Älteste mal genau das Gleiche getan hat? War sie nicht unglaublich süss, wie sie da sass, von Kopf bis Fuss mit Honig verschmiert?“ Und die Älteste erinnert sich lebhaft an die Situation: Wie Mama sie gepackt und unter die Dusche gestellt hat und sie danach für eine halbe Stunde aufs Zimmer geschickt hat, damit sie über den Unfug nachdenken kann. Macht der Jüngste das Gleiche, zückt die Mama verzückt die Kamera, lässt das Bild vergrössern und hängt es an prominenter Stelle auf, damit jeder, der das Haus betritt, sehen kann, wie süss doch der Kleine ist. 

Als jüngstes von sieben Kindern gestehe ich es ja nur ungern, aber als Mutter muss ich dennoch sagen, dass etwas dran ist an der Sache mit der Bevorzugung der Jüngsten. Auch wenn ich zugleich anfügen muss, dass es nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass man das Jüngste mehr liebt als die Älteren. Meiner Meinung nach gibt es drei Hauptgründe, weshalb Eltern nur milde lächeln, wenn der oder die Jüngste mal wieder für Trubel sorgt:

1. Sie können gar nicht mehr anders, als milde lächeln, weil alles andere zu anstrengend wäre. Woher soll man denn bloss noch die Energie zum Rumbrüllen nehmen, wo man doch in den vergangenen zehn Jahren kaum mehr eine ganze Nacht am Stück geschlafen hat? Und zudem haut einen die hundertdritte mit Kreidezeichnungen verzierte Wand nicht mehr sonderlich aus den Socken. Denn inzwischen hat man sich damit abgefunden, dass an dem Tag, an dem der Jüngste das elterliche Nest verlassen haben wird, ohnehin die Bagger auffahren werden, um die Ruinen, die nach der Kinderzeit noch übrig geblieben sind, wegzuräumen. 

2. Sie wissen, dass es nur noch schlimmer kommen wird. Ich bin ja eine vehemente Gegnerin der doofen Redewendung „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, denn ich bin mir sicher, dass für neugeborene Eltern das pausenlose Geschrei während der ersten drei Monate ebenso belastend sein kann wie später das pausenlose Diskutieren mit dem rebellischen Teenager. Was ich aber inzwischen weiss: Es ist einfacher, wegzuhören, wenn das Prinzchen eine halbe Stunde schreit, weil er findet, es hätte zu wenig Kakao in seinem Schoppen, als der achtjährigen Luise beizubringen, dass mein Nein noch immer gilt, auch wenn sie sich schon sehr erwachsen fühlt. Nervtötend ist beides, kräftezehrend auch, aber immerhin hat man das Drama mit dem Schoppen schon mehrmals durchgestanden, während man zum ersten Mal erlebt, dass die eigene Autorität ernsthaft in Frage gestellt wird. Deshalb kann man die Sache mit dem Schoppen eben gelassener nehmen. Und deshalb steht man weniger in Gefahr, mit übertriebener Härte zu reagieren.

Diese zwei Gründe spielen eine wichtige Rolle bei der angeblichen Bevorzugung der Jüngsten. Noch wichtiger aber ist meiner Ansicht nach Grund Nummer drei: Im besten Falle lernt man nämlich im Laufe der Jahre, dass Liebe mehr bringt als Strenge. In den ersten Jahren versucht man mit starren Regeln und harten Konsequenzen das Kind zu formen, doch mit der Zeit erkennt man, dass das Ziel meist schneller erreicht wird, wenn man sich auf Augenhöhe mit dem Kind begibt und versucht, die Welt mit den Augen des Kindes zu sehen und so gemeinsam einen Ausweg aus dem ganzen Schlamassel zu finden.

Bevor ihr mich nun als Supermama betrachtet, muss ich gestehen, dass ich noch längst nicht dort bin. Auch das Prinzchen hat immer mal wieder das zweifelhafte Vergnügen, eine äusserst genervte, laute Mama zu erleben, wenn sie auch nicht mehr ganz so konsequent ist wie früher, was durchaus auch mit Grund Nummer 1 zusammenhängt. Dennoch spüre ich, wie sich allmählich eine gewisse Gelassenheit einstellt, die wenig mit Gleichgültigkeit oder Abgestumpftheit zu tun hat, sondern die vielmehr in der im Laufe der Jahre gewachsenen Überzeugung wurzelt, dass es unsere Aufgabe ist, die Kinder dabei zu begleiten, zu werden, was sie tief in ihrem Inneren schon sind. Und das geht nicht mit Zwang, sondern nur mit Liebe. Und ich hoffe doch sehr, dass von dieser veränderten Sicht nicht nur die Jüngsten profitieren, sondern dass auch die Älteren spüren, dass Mama und Papa die Dinge nicht mehr ganz so verbissen sehen wie auch schon. 

Zukunftspläne

Die männlichen Vendittis sind ausgeflogen, Luise und Mama geniessen die Zeit zu zweit. Irgendwann kommt man auf Luises Berufswunsch zu reden. Sie will später mal auf der Wöchnerinnenstation arbeiten. Ich erzähle ihr von einer Bekannten, die früher auch dort gearbeitet hat.

„Warum arbeitet sie denn nicht mehr dort?“, will Luise wissen. „Weil sie Kinder hat und auf der Wöchnerinnenstation muss man ja auch nachts arbeiten. Das ist nicht ganz so einfach, wenn man Mutter ist. Darum arbeitet sie jetzt etwas anderes“, erkläre ich. Luise überlegt einen Moment lang, dann meint sie: „Also wenn ich einmal Kinder habe, arbeite ich weiter. Ich bin doch nicht altmodisch.“ „Und was machst du mit den Kindern, wenn du nachts arbeiten musst?“, frage ich. „Dann passt mein Mann auf die Kinder auf“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Gute Idee. Der Papa soll ruhig mit anpacken. Aber was machst du tagsüber? Dann wirst du schlafen müssen und vielleicht ist dein Mann ja dann bei der Arbeit“, gebe ich zu Bedenken. „Dann zwinge ich meinen Mann eben einfach dazu, seinen Beruf aufzugeben und zu Hause zu bleiben“, sagt meine Tochter selbstbewusst und damit ist das Problem soweit für sie gelöst, dass sie sich konkreter Gedanken darüber machen kann, welcher von all den Jungs aus ihrem Bekanntenkreis in Frage kommen könnte als der Mann am Herd, der sich von seiner Frau verbieten lässt, berufstätig zu sein.

Bevor sich nun die Antifeministen auf mich stürzen, muss ich betonen, dass Luise diese Meinung nicht von mir hat. Ich bin und bleibe ja der Überzeugung, dass es der Welt am besten ginge, wenn Frau und Mann miteinander statt gegeneinander arbeiten würden.  Eine Haltung, die den Antifeministen zwar nicht besser gefallen wird als diejenige von Luise, aber welche nur halbwegs vernünftige Frau möchte denn denen gefallen?

Geschwister

Der Zoowärter will mit Luise, aber Luise will nicht mit dem Zoowärter, sondern mit dem Prinzchen, aber das Prinzchen will lieber mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und der will auch mit dem Prinzchen, aber es geht trotzdem nicht, weil jetzt der Zoowärter mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will, da ja Luise bekanntlich nicht mit dem Zoowärter will und Karlsson möchte auch irgendwie, aber er kann sich nicht entscheiden, ob er mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will oder doch lieber nur mit Luise alleine, die aber nicht mit Karlsson will, weil sie sich immer noch erhofft, dass das Prinzchen dann vielleicht doch noch mit ihr will, wenn er die Nase voll hat vom FeuerwehrRitterRömerPiraten, aber Luise wartet vergeblich und darum entschliesst sie sich dazu, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eins überzubraten, um ihn so ausser Gefecht zu setzen, damit sie endlich mit dem Prinzchen kann, aber der will jetzt erst recht nicht mit Luise, weil diese ihm das schöne Spiel mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten vermasselt hat und darum brät das Prinzchen dem Zoowärter eins über, warum weiss niemand so richtig, vermutlich lag es nur daran, dass der Zoowärter gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war. Jetzt will der Zoowärter erst recht zu Luise, denn die kann so schön trösten, aber Luise will momentan mit gar keinem mehr, denn sie ist eingeschnappt, dass das Prinzchen nicht mit ihr will. Karlsson entschliesst sich nun endlich dazu, dass er doch am liebsten nur mit Luise will, aber Luise muss zuerst noch eine Runde schmollen, bevor sie sich dazu entschliessen kann, mit Karlsson zu wollen. Und weil Karlsson und Luise plötzlich so viel Spass haben, wollen nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter mit ihnen, was erstaunlicherweise eine ganze Weile lang gut geht, bis der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch mit Karlsson und Luise, nicht aber mit dem Zoowärter will, worauf der Zoowärter eingeschnappt ist und sich von Luise, die nun unbedingt mit ihm will, trösten lässt, was wiederum Karlsson nicht passt, der eigentlich am liebsten nur mit Luise möchte und die andern nur hat mitmachen lassen, damit Luise auch will. Aber jetzt will Luise nicht mehr, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPiraten wollen schon noch, aber nicht mehr miteinander, sondern nur noch einer von beiden, aber sie können sich nicht entscheiden, welcher denn ausscheiden muss, also befiehlt Karlsson, wer noch darf und wer nicht, worauf beide heulen und bald darauf heule alle durcheinander, obschon keiner wirklich zu wissen scheint, weshalb und weil das gemeinsame Geheul so schön ist, stimmt auch das Prinzchen mit ein und bald wollen alle nur noch das Eine: Zu Mama, und zwar bitteschön ohne diese lästigen Geschwister.

Davon haben wir doch geträumt

Davon haben wir doch alle geträumt, als wir zum ersten Mal dieses unbeschreibliche Flattern in unserem Bauch verspürten, das uns unmisserverständlich klar machte, dass da tatsächlich etwas Lebendiges in uns heranwächst. „Hach, wird das himmlisch sein, wenn das kleine Wesen erst auf der Welt ist und damit anfangen wird, sich mit seinem grossen Bruder zu zanken“, haben wir geseufzt und uns liebevoll über den Bauch gestreichelt. „Ich kann es kaum erwarten, bis das Kleine gross genug ist, damit ich es beim Mittagessen anbrüllen kann, es solle gefälligst die Füsse vom Tisch nehmen, ich hätte ihm das jetzt schon hundertmal gesagt. Und wenn dann erst mal der Tag kommt, an dem ich es aufs Zimmer verbannen darf, weil es zuerst mit Absicht einen Teller zerschlagen, mich angemotzt und dann auch noch die Tür geknallt hat. Und ich will doch hoffen, dass es bereits am ersten Schultag sein Schulheft zerreisst vor lauter Wut über die Schule. Wäre doch schade, wenn es damit warten würde bis zur Pubertät…“ Verträumt haben wir ins Leere gestarrt und uns ausgemalt, wie schön es doch mal werden würde, wenn die Kleinen erst gross genug wären, ihren ersten Trotzanfall zu kriegen, wenn sie endlich stark genug wären, den kleinen Bruder zu verdreschen, wenn sie damit aufhören würden, das Köpfchen schief zu legen um uns zuckersüss anzulächeln und uns stattdessen endlich hinter dem Rücken die Zunge herausstrecken würden.

Aber wie es so ist mit dem Elternsein, wir mussten zuerst das gewöhnliche Weichspülprogramm von klebrigen Küssen, sehnsüchtigen „Mamaaaaa ich liiiiieeeebe dich!“-Rufen und zärtlichen Kuschelrunden durchstehen, bevor wir endlich bekommen konnten, wovon wir in unseren schönsten Träumen nicht zu träumen wagten. Auch bei uns hat es länger gedauert als erhofft. Heute, nach einem Tag voller „Willst du jetzt endlich mal zuhören!“, „Jetzt hörst du sofort auf damit oder ich schicke dich auf dein Zimmer!“ und „Wisch das augenblicklich wieder auf, bevor sich einer den Fuss verletzt an den Scherben!“ bin ich aber zuversichtlich, dass sich mein Leben so ganz allmählich meinem Wunschtraum von damals nähert.

Vandalen

Okay, als Mutter von fünf Kinder bin ich mir ja einiges an Zerstörungswut gewöhnt. Eingeschlagene Fensterscheiben, einarmige Playmobil-Figuren, enthauptete Barbies, Rutschautos, die auf den Felgen fahren, Bilderbücher mit zerfetzten Seiten, zerkratzte CDs…  Alles nichts Neues. Aber wie ein Zweijähriger und ein Vierjähriger es zustande bringen, mit brachialer Gewalt einem Klavier fünf Tasten auszureissen – und ich meine damit wirklich ausreissen – dafür fehlt mir die Vorstellungskraft. Offen gestanden fehlt mir dafür auch das Verständnis und Karlsson, der eben erst mit Klavierspielen angefangen hat, ebenso.

Wo wir schon beim Vandalismus sind, muss ich euch aber auch gestehen, dass ich es doch tatsächlich geschafft habe, Kinderwagen Nummer 7, den ich eigentlich noch für meine Enkelkinder hätte brauchen wollen, zu überfahren. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe das Ding tatsächlich mit unserem allerliebsten himmelblauen Auto überfahren und einige Meter mitgeschleppt, bevor ich realisierte, dass es nicht an der angezogenen Handbremse liegen konnte, dass das Auto einfach nicht vom Fleck kommen wollte. Die Sache ist ebenso ärgerlich wie die Sache mit dem Klavier, aber immerhin gibt es einen Grund dafür: Hausfrauenstress. Und wenn das kein Grund ist für Vandalismus – beabsichtigten und unbeabsichtigten – was denn sonst? 

Überbewertet

Glaubt mir, so ein Mittagsschlaf ist eine vollkommen überbewertete Sache. Ich meine jetzt nicht den kindlichen Mittagsschlaf. Der ist eine segensreiche Erfindung, zumindest solange das Kind die tagsüber verschlafene Zeit nicht abends nachholt. Nein, ich meine den elterlichen Mittagsschlaf. Da sinkst du nach dem Mittagessen nichts Böses ahnend in einen tiefen Schlaf, neben dir das Prinzchen und „Deiner“, die es dir gleichtun und wenn du wieder aufwachst, ist der Tag im Eimer. Die Küche versinkt im Chaos, die Kaulquappen, die schon seit zwei Wochen fröhlich im Becken schwimmen schweben in Lebensgefahr, weil jemand einen Haufen Erde ins Becken geschüttet hat, die Vorratskammer ist geplündert und dir platzt der Kragen. Du greifst zum Besen, um die schlimmste Unordnung zu beseitigen, räumst die Vorratskammer notdürftig auf, knallst wütend die Tür zu – und stellst fest, dass der Schlüssel der Vorratskammer nicht im Schloss steckt, sondern ganz offensichtlich in der Kammer. Zusammen mit ganz vielen Lebensmitteln, darunter einigen überlebenswichtigen Dingen, ohne die das Wochenende ganz schön schwierig werden dürfte: Wasser, Kakao, lactosefreie Milch, Apfelsaft, Kartoffeln, Cola und Honig. 

Was tun? Nun, zuerst mal den Schuldigen finden, aber das war mal wieder „der andere“ und somit bekommen alle das mütterliche Donnerwetter zu hören. Dann geht’s los mit der Befreiungsaktion für die eingeschlossenen Nahrungsmittel. Zuerst wird das Schloss mit Küchenmessern und Schraubenziehern traktiert, dann mit Schlüsseln anderer Wandschränke, was „Deiner“ aber bald einmal aufgibt, weil einer der Versuchsschlüssel zerbricht und es einen Moment lang ganz danach aussieht, als  müssten Vendittis in Zukunft nicht nur ohne Kakao und Apfelsaft, sondern auch ohne Bettwäsche leben. Doch der Wäscheschrank hat zum Glück einen Ersatzschlüssel. Was deine Kinder auf die Idee bringt, dass der Schlüssel von Grossmamas Vorratskammer vielleicht auch in unser Schloss passen könnte. Zu dumm nur, dass die Grossmama übers Wochenende verreist ist und die Wohnung abgeschlossen hat. Also klettern Karlsson und Luise über das Balkongeländer in Grossmamas Küche, bringen den Schlüssel nach oben, wo du leider feststellen musst, dass er nicht passt. Und morgen darfst du dann deiner Mutter erklären, weshalb ihre Wohnung nicht mehr abgeschlossen ist…

Weil er keinen Weg mehr sieht, die Befreiungsaktion vor Montag durchzuführen, gibt „Deiner“ an diesem Punkt auf, du hingegen mühst dich eine weitere Stunde mit der verschlossenen Türe ab. Aber egal, womit du es versuchst – ob mit der Eisensäge oder mit dem Suppenlöffel – die Tür macht keinen Wank und so musst du zwei zerbrochene Küchenmesser und einen epochalen Familienstreit später schweren Herzens erkennen, dass alle deine Bemühungen aussichtslos sind. Und du fragst dich, was dich dabei mehr nervt, die Tatsache, dass „Deiner“, den du in diesem Moment auf den Mond schiessen könntest, Recht hatte, oder der Umstand, dass das Cola, das du nach all dem Ärger eigentlich verdient hättest,  eingeschlossen ist.

Zwei Dinge aber sind dir sonnenklar, nämlich a) dass „Deiner“ und du noch immer ziemlich ausrasten könnt, auch wenn ihr mit zunehmendem Alter etwas ruhiger geworden seid und b) dass ein elterlicher Mittagsschlaf zwar angenehm entspannend sein kann, dass das bisschen Entspannung aber durch all den Ärger, der darauf folgt, wieder aufgefressen wird. 

Romantiker

Ob wir es gesehen haben? Aber klar doch. Ihr habt doch nicht im Ernst geglaubt, dass wir das verpassen würden. Obschon, wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich ganz gerne darauf verzichtet. Nicht mal das kleine Mädchen tief in mir drinnen meldete das Bedürfnis an, nachzuholen was es damals, vor dreissig Jahren, verpasst hatte. Das kleine Mädchen und ich hätten eigentlich ganz gerne in Ruhe unser Mittagessen genossen und wenn mich nicht alles täuscht, verspürte auch Luise keinen unbändigen Drang, den Fernseher einzuschalten.

Nein, es war „Meiner“ der, kaum hatte er den letzten Bissen heruntergeschluckt, zum Fernseher rannte, mit der fadenscheinigen Ausrede, der Zoowärter und das Prinzchen seien heute so unausstehlich, er werde sie jetzt mal vor der Glotze parkieren. Ganz so, als ob es bei uns Brauch sei, die Kinder mit dem Fernseher ruhig zu stellen. Weil man ja als Eltern beim Fernsehen dabei sein muss, für den Fall, dass eine gefährliche Szene kommt und man den Kleinen die Augen zudecken muss, setzte sich „Meiner“ ein wenig zu ihnen. Er konnte ja nicht wissen, dass gerade die für Kinder völlig unbedenkliche Direktübertragung der Traumhochzeit des Jahrhunderts laufen würde und dass seine Anwesenheit vollkommen überflüssig war. Wusste ja keiner etwas von dieser Hochzeit…

Nun, es dauerte nicht lange, bis alle vor der Glotze versammelt waren. Alle, ausser ich. Ich wollte ja, wie bereits erwähnt, zuerst in Ruhe fertig essen, bevor ich mich zu den anderen gesellte. Und so wurde ich Zeuge davon, wie meine sonst ganz vernünftige Familie sich in einen Haufen romantischer Royalisten verwandelte. Angefangen beim Prinzchen, der sich bei all den Blaublütigen wohl ganz zu Hause fühlte und immer und immer wieder „den König“ sehen wollte, über Luise, die auf allen nur erdenklichen Wegen herauszukriegen versuchte, ob ihre Brüder auch unbedingt den Kuss sehen wollten, oder ob sie das vielleicht doch etwas doof finden würden, über Karlsson, der Prunk und Pomp nie abgeneigt ist und deshalb fast nicht mehr zur Schule gehen wollte bis hin zum FeuerwehrRitterRömerPiraten, der in Tränen ausbrach, als wir dann den Fernseher irgendwann doch ausschalteten, weil es abgesehen von winkenden Massen nichts mehr zu sehen gab. Nun ja, einer blieb von dem Ganzen mehr oder weniger unbeeindruckt: Der Zoowärter. Er beklagte sich bald einmal, dass er eigentlich lieber etwas Spannenderes sehen wollte, aber natürlich hörte niemand auf ihn, schon gar nicht „Meiner“, der sich ganz und gar seiner – auch an gewöhnlichen Tagen nur mangelhaft kaschierten – Leidenschaft für Klatsch und Tratsch hingab.

Nun wollt ihr natürlich wissen, ob es mir bei der Geschichte auch noch den Ärmel reingenommen hat. Immerhin hatte ich gestern ja noch von einem kleinen Mädchen berichtet, das dem grossen Ereignis nicht vollkommen ablehnend gegenüberstand. Nun, offen gestanden hat mich die Sache ziemlich kalt gelassen, kleines Mädchen hin oder her. Ich habe mir überlegt, woran das liegen könnte, bin ich doch im Allgemeinen Kitsch und Romantik gegenüber nicht abgeneigt. Aber ich glaube, genau das war es, was mir gefehlt hat: der Zuckerguss, die Gefühle, das Abgehobene. Wäre die Sache kitschiger und märchenhafter gewesen, ich hätte mich wohl mitreissen lassen, aber irgendwie war mir das Ganze zu realitätsnah und so wandte ich mich bald einmal wieder dem schmutzigen Geschirr zu. Wenn schon Realität, dann richtig.

Den Kindern ging es offenbar anders. Kaum war er aus der Schule zurück, wollte Karlsson auch schon wissen, ob er während seiner Abwesenheit etwas verpasst hätte und ob er die wichtigsten Szenen noch einmal sehen könnte. Abends vor dem Schlafengehen brauchten dann alle zusammen noch einmal eine kräftige Dosis Prinzenhochzeit. Was wir ihnen zur Feier des Tages auch gewährten. Und dabei stellte sich heraus, wer von uns allen der grösste Romantiker ist. Wie wir so auf dem Sofa sassen und den Blaublütigen beim Winken zusahen, seufzte einer tief und innig und meinte, wenn er doch bloss durch den Bildschirm kriechen könnte, um dort bei Kate und William auf dem Balkon zu stehen.

Es war der FeuerwehrRitterRömerPirat.