Big Mommy is watching you

Was ich noch sagen wollte: Hier könnt ihr meine aktuelle swissmom-Kolumne zum Thema „Big Mommy is watching you“ lesen. 

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Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

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Bleiben wir bitte farbenblind

Da bringst du deinen Kindern von frühester Kindheit an bei, im Bezug auf die Menschheit vollkommen farbenblind zu sein und dann dies:

Karlsson: „Prinzchen, wenn du mal gross bist, könntest du ja deine Freundin aus Nigeria heiraten.“

Prinzchen: „Aber das geht doch nicht. Ein Schweizer kann doch keine Afrikanerin heiraten.“

Karlsson: „Natürlich kann er das. Man kann Menschen von überall auf der Welt heiraten.“

Prinzchen: „Aber nicht Menschen aus Afrika.“

Karlsson: „Aber sicher doch. Das kann man.“

Das Prinzchen glaubt seinem ältesten Bruder noch immer nicht und ruft deshalb nach mir: „Mama, Karlsson sagt, ein Schweizer kann eine Afrikanerin heiraten. Stimmt das wirklich?“

Ich: „Natürlich stimmt das, Prinzchen. Die Menschen sind überall gleich und darum kommt es auch nicht drauf an, woher jemand kommt.“

Prinzchen: „Aber wenn ich in der Schweiz bin und sie in Afrika, dann geht das doch nicht.“

Na ja, in diesem einen kleinen Punkt liegst du vielleicht richtig, mein Prinz, aber über den Rest deiner Einstellung müssen wir uns noch einmal eingehend unterhalten. 

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Kurztherapiesitzung

Der Zoowärter liebt Menschen. Zuallererst mal seine besten Freunde und Freundinnen, aber auch Kinder, die er irgendwo –  an einem Geburtstagsfest zum Beispiel –  trifft, in sein Herz schliesst und nie wieder vergisst. Natürlich liebt er auch seine Geschwister und seine Eltern, auch wenn er das im Alltag manchmal gut zu verbergen weiss. Ja, er liebt sogar die Menschen, die glauben, er möge sie nicht ausstehen, weil er sie mit finsterem Blick anschaut. Aber das tut er nur, weil er schüchtern ist. Zuweilen frage ich mich, ob der Zoowärter überhaupt dazu fähig ist, einen Menschen gar kein bisschen zu mögen. 

Weil der Zoowärter Menschen liebt, erfüllt er ihnen jeden nur erdenklichen Wunsch. Seine Freunde wollen bei ihm spielen, auch wenn er eigentlich lieber zu ihnen nach Hause gehen würde? Kein Problem, der Zoowärter lädt sie zu uns ein – auch wenn ich krank auf dem Sofa liege und ausnahmsweise mal nicht das geringste Bedürfnis verspüre, seine Freunde im Haus zu haben. Luise möchte, dass er bei ihr im Zimmer schläft, auch wenn er eigentlich lieber noch lesen würde? Kein Problem. Luise braucht nur zu erwähnen, sie hätte ihr ganzes Bett mit vielen Kissen ausgepolstert und schon lässt der Zoowärter seine Pläne sausen. Manchmal geht Zoowärters Menschenliebe so weit, dass er dabei zusieht, wie einer seine Freunde unsere Hausmauer mit einem Stück Kohle verunstaltet. Das sind dann die Momente, in denen es mir äusserst schwer fällt, die Menschen zu mögen, die unserem Sohn so ans Herz gewachsen sind. 

In letzter Zeit war der für gewöhnlich äusserst friedliebende, fröhliche Zoowärter ziemlich oft weinerlich und aufbrausend. Immer wieder beklagte er sich, er hätte weniger bekommen als die anderen, nie dürfe er, was die anderen dürften, immer müsse er nachgeben. Erst war mir nicht so recht klar, was da vor sich ging und ich wurde ziemlich ungehalten, denn unser Zweitjüngster bekommt im Allgemeinen mühelos, was er sich wünscht. Mit seinen lieben Augen und seiner sanftmütigen Art bringt er mich einfach allzu leicht zum Schmelzen, ich geb‘ es offen zu. Woher also plötzlich dieses Gefühl, er komme immer zu kurz? Hatten wir ihn etwa zu sehr verwöhnt?

Heute Morgen, als er sich weigerte, aus dem Bett zu kommen, weil Luise ihn angeblich dazu gezwungen hat, bei ihm zu schlafen, weshalb er nicht hatte lesen können, dämmerte mir endlich, wo das Problem liegt, also zitierte ich ihn in Mama Vendittis Kurztherapiesitzung. Ob er seine Mitmenschen liebe, fragte ich ihn. Natürlich, kam die Antwort sofort. Ob er wisse, dass man einem Menschen, den man liebe, auch mal nein sagen dürfe? Keine Antwort. Ob er manchmal ja sage, wenn er eigentlich nein sagen möchte, wollte ich wissen. Ja, das sei so, bestätigte der Zoowärter. Ob er darum in letzter Zeit so wütend sei? Der grosse Jammer brach aus ihm heraus: Immer all anderen, nie er. Immer müsse er nachgeben. Nie dürfe er machen, was er wolle…

Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Wunsch eines anderen nicht Befehl ist. Dass man auch einem Menschen, den man liebt, mal nein sagen dürfe. Dass er, wenn er lesen wolle, anstatt bei Luise zu schlafen, diesen Wunsch ernst nehmen müsse, weil er sonst ganz wütend werde. Dass er Luise ja auch hätte sagen können, er komme zwar zu ihr, wolle aber lesen, anstatt sich von ihr verkleiden zu lassen. Dass es besonders für Menschen wie ihn, die andere so unglaublich gern haben, besonders wichtig sei, auch mal auf sich selbst zu achten, weil man sonst immer nur (nach)gebe. Dass auch seine Wünsche wichtig seien, nicht nur diejenigen der anderen. 

Wie ich da so mit ihm redete, fuhr es mir durch den Kopf: „Mist! Wen predige ich hier eigentlich an? Ihn oder mich?“

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Mama-Trotzphase

Die Szene wiederholt sich fast jeden Mittag: Ich stehe am Herd, die Horde kommt ausgehungert die Treppe hochgerannt und macht sich hinter den Vorratsschrank. Gelegentlich gelingt es mir, vor dem ersten Bissen lauthals „Stop!“ zu brüllen – was meine Kinder erstaunlicherweise unbeeindruckt lässt – , meistens aber bleibt mir nur noch ein frustriertes „Warum hast du dir das genommen? Du weisst doch, dass du das nicht darfst und du siehst auch, dass ich am Kochen bin.“ Die Sache treibt mich in den Wahnsinn.

Okay, ich weiss, es gäbe da ein ganz simples Mittel, um dem ärgerlichen Treiben ein Ende zu setzen. Kurz vor dem Eintreffen der Ausgehungerten ein paar Rüebli, Kohlrabi, Gurken  – oder was auch immer Saison hat – in Stängeli schneiden, auf den Küchentisch stellen und schon könnten sie knabbern, ohne sich den Appetit zu verderben. Und ohne mich auf die Palme zu treiben. Das ist es doch, was jede verständnisvolle, vernünftige Mama tun würde, nicht wahr?

Wenn ich doch bloss Lust hätte, verständnisvoll und vernünftig zu sein. Blöderweise befinde ich mich aber gerade in einer Art Mama-Trotzphase, die mich dazu treibt, meinen Kopf durchsetzten zu wollen. Und mein Kopf sagt mir derzeit, ich solle die verwöhnten Blagen dazu bringen, brav zu warten, bis Mama fertig gekocht hat. Klar, da ist die Stimme der Vernunft, die mir in Erinnerung ruft, wie ausgehungert ich jeweils war, als ich noch im Wachstum war. Sie sagt mir auch, es wäre doch ganz schlau, die Kinder über das frische Gemüse herfallen zu lassen, dann würde sich nämlich am Tisch die Salat-Diskussion erübrigen. Natürlich hat sie recht, die Stimme der Vernunft, aber ich will jetzt einfach nicht nachgeben. Noch nicht sofort, auf jeden Fall. Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich immer und immer wieder entgegenkomme und jetzt einfach mal eine Weile lang auf meinem Standpunkt verharren möchte, wohl wissend, dass es nicht wirklich sinnvoll ist.

So ist das eben, wenn man trotzt und warum sollte ich nicht auch mal trotzen dürfen? Nach all den Trotzphasen, die ich mit immer wieder neu erwachender Geduld über mich habe ergehen lassen, sollen die sich mal an meiner Sturheit die Zähne ausbeissen.

Aber nicht zu lange, sonst können sie keine Rüebli mehr knabbern, wenn ich dann endlich zur Vernunft zurückfinde. 

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Des Rätsels Lösung

Der Feierabend naht, doch das Prinzchen zeigt nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit. Damit wir ihn trotzdem zu einer halbwegs vernünftigem Zeit ins Bett schicken können, erlauben wir ihm noch ein paar Sprünge auf dem Trampolin. Zwanzig Minuten später ist er noch gleich aufgedreht wie zuvor, doch wir irgendwann muss einfach Schluss sein. Nach einigen Kapriolen verschwindet unser Jüngster im Bett, doch wenig später steht er wieder im Wohnzimmer, muss uns noch etwas zeigen. Nett, wie wir nun mal zu sein versuchen, schenken wir ihm die Aufmerksamkeit, die er wünscht, dann muss er zurück in sein Zimmer. Wie es weitergeht, kann sich jeder vorstellen, der selber Kinder hat, darum erspare ich euch die Details. Erstaunen dürfte euch allenfalls, dass es bis Mitternacht so weitergeht.

Das erstaunte nämlich auch uns. Abend für Abend fragten wir uns, wie ein kleiner Mensch, der vom frühen Morgen an pausenlos ums Haus herumrennt, bastelt, singt, klettert, streitet, Trottinett fährt, Lego baut,… es fertigbringt, nicht müde zu werden. Wie um alles in der Welt schafft er es, länger wach zu bleiben als wir?

Heute erfuhren wir, wie: Als sie neulich am Nachmittag von der Arbeit nach Hause gekommen sei, erzählte mir die Mama von Prinzchens besten Freund, habe sie die zwei Jungs auf dem Sofa angetroffen, beide tief schlafend. Das sei übrigens nicht das erste Mal vorgekommen, sie hätte das nun schon mehrmals erlebt. „Also doch gedopt“ , dachte ich und fragte das Prinzchen, ob das wirklich wahr sei. Ja, manchmal würden sie schon ein wenig schlafen, gestand er und war ihm ganz offensichtlich peinlich, dass das Geheimnis seiner vermeintlich unerschöpflichen Energie gelüftet ist.

Gut, nun ist die Sache mit den heimlichen Mittagsschläfchen also aufgeflogen. Weshalb er länger durchhält als wir Eltern, bleibt weiterhin ein Geheimnis. Ich meine, wir gönnen uns fast jeden Tag ganz offiziell ein Mittagsschläfchen, doch es hilft nichts, wir sind abends trotzdem vollkommen fertig.

Vielleicht sollten wir auch damit anfangen, heimlich zu schlafen…

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So habe ich das nicht gemeint

Genau das, was ich nie hätte tun wollen, habe ich getan: Ich habe Kleinkind-Eltern entmutigt. Ich habe geschrieben, was sie jetzt durchmachten sei nichts im Vergleich zu dem, was später noch kommt. Gut, genau so habe ich das gar nicht gemeint, aber man kann meinen gestrigen Text sehr wohl so verstehen, wenn man mich nicht näher kennt.

Wie habe ich es doch gehasst, wenn man mir damals, als ich völlig übernächtigt und am Rande meiner Kräfte war, zu verstehen gab, dass das noch gar nichts sei. „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, sagten gewisse Mütter mit vielsagendem Blick und ich konnte mich nur mit Mühe davon zurückhalten, ihnen an die Gurgel zu springen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich es nicht getan habe, in meinem übernächtigten Zustand hätte ich vor Gericht bestimmt auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können…

Nun, ich mag den Spruch heute noch nicht ausstehen, denn mir wird je länger je mehr bewusst, dass jeder Wegabschnitt, den wir mit unseren Kindern gehen, seine eigenen Herausforderungen, aber auch seine eigenen Freuden mit sich bringt. Darum möchte ich allen, die sich durch meinen gestrigen Text entmutigt gefühlt haben, sagen: Es wird weder besser noch schlimmer, es wird einfach anders und wenn ihr bis jetzt einen Weg gefunden habt, euer Elternleben zu meistern, dann werdet ihr ihn auch in der nächsten Phase wieder finden. Und in der übernächsten auch…

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Im Alter geirrt

Wenn…

  • …. im Morgengrauen ein heftiger Streit um  zwei verkohlte Toastscheiben entbrennt…
  • ….der Zoowärter aus der Haut fährt, weil das Prinzchen sich anmasst, seinen ehemaligen Lieblingspullover, aus dem er herausgewachsen ist, anzuziehen…
  • ….der Zoowärter sich auch nicht besänftigen lässt, als ich ihn darauf hinweise, dass er selber Karlssons ehemaligen Lieblingspulli trägt….
  • ….der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil ich ihm verbiete, nachmittags die Schule zu schwänzen….
  • …. Karlsson und Luise einander piesacken wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren und auch nicht damit aufhören, als ich anfange herumzubrüllen wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren….
  • …..es wieder einmal „der andere“ war, der Karlssons Süssigkeiten aus seinem Zimmer entwendet und aufgegessen hat….
  • ….Luise die Krise schiebt, weil sie die Tiere nicht nur füttern, sondern ihnen auch noch frisches Wasser hinstellen muss….
  • ….Töchterchen nach dem Abendessen auf unserem Bett einschläft….
  • ….wir wiedermal eine mit Tinte verschmierte Wand entdecken….
  • .…sie wie die Irren über die Strasse hetzen….
  • ….ich andauernd die armen Katzen vor übermütigen Kindern schützen muss….
  • ….man in jedem Zimmer angebissene Äpfel und halb volle Joghurtbecher findet….
  • ….ich das Gefühl habe, ich dürfte die Fünf keinen Moment aus den Augen lassen, weil sie sonst wieder etwas anstellen….

….dann frage ich mich, ob ich mich vielleicht im Alter unserer Kinder geirrt habe. In diesen Tagen kommt es mir so vor, als wären sie alle etwa drei Jahre alt.

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Ein- oder ausgeladen?

Auf dem Papier ist es unmissverständlich: Am Donnerstag, 27. und Freitag, 28. März sind die „Tage der offenen Volksschule“. Das Bildungsdepartement, der Verband der Schulleiter, der Lehrerverband und der Verband Solothurner Einwohnergemeinde – sie alle wünschen, dass wir kommen und sehen, wie die Schule heute ist. „Wir freuen uns auf Sie, denn Sie sind unsere wichtigsten Partnerinnen und Partner im Zusammenhang mit unserem Bildungsauftrag“, steht auf der Einladung, die mir das Prinzchen überreicht, als er vom Kindergarten nach Hause kommt.

Ich lese und fange an, mir Gedanken zu machen, wie ich es diesmal schaffen soll, mich fünfzuteilen, um jedem Kind die ihm zustehende Aufmerksamkeit zu schenken. Und dies nur am Donnerstag, denn am Freitag habe ich einen Termin, den ich nicht schon wieder absagen kann.“Am Morgen muss ich Karlsson, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter schaffen, denn die haben am Nachmittag frei. Luise und das Prinzchen kann ich auf nach dem Mittagessen verschieben“, überlege ich noch, als ich den grünen Zettel bemerke, den die Kindergärtnerinnen dem Einladungsbrief beigelegt haben.

Wir Eltern sollten doch bitte nicht an diesen zwei Tagen in den Kindergarten kommen, steht da. Wir könnten ja jederzeit zu Besuch kommen und da wäre es ungünstig, wenn alle gleichzeitig in den nicht allzu grossen Räumen herumstünden. „Mir soll’s recht sein“, sage ich, fühle mich aber trotzdem leicht düpiert, weil man mich, kaum eingeladen, gleich wieder ausgeladen hat. „Hoffentlich ist das Prinzchen nicht traurig, wenn ich zu allen gehe ausser zu ihm“, denke ich, als Luise nach Hause kommt. Sie würden am 28. mit der Klasse einen Ausflug machen. „Einen Ausflug? Am 28.? Bist du dir ganz sicher? Dann ist doch Besuchstag“, frage ich und Luise lässt sich von mir verunsichern. Vielleicht habe sie tatsächlich nicht so recht aufgepasst, meint sie. Doch zwei Tage später ist sie sich ganz sicher: Sie gehen am Freitag., mit dem Velo und zwar dann, wenn eigentlich Werken auf dem Stundenplan stünde. Also schon wieder eine Art Ausladung, wenn auch keine, die mich betrifft. Am Freitag kann ich ja bekanntlich nicht…

Drei Stunden später erfahre ich, dass ich am Donnerstag noch weniger muss, als ich erwartet hätte. Bei Karlsson stehen die Schulhaustüren nämlich schon am Mittwoch – dafür aber nicht am Freitag, was mir immer noch egal sein kann – offen. Ich kann ihn also bereits am 25. abhaken, allerdings in Begleitung des Prinzchens, der mittwochs zu Hause ist. Karlsson möchte aber gar nicht unbedingt abgehakt werden. Wenn es nach ihm ginge, dürfte ich getrost zu Hause bleiben, lässt er mich wissen. Also noch einmal eine Ausladung. Eine, die ich auf gar keinen Fall akzeptieren werde. Der Junge glaubt doch nicht im Ernst, ich würde ihm die Peinlichkeit ersparen, dass seine zerzauste Mama mit dem Jüngsten im Schlepptau sieben Minuten nach Unterrichtsbeginn ins Zimmer platzt? Ich lasse mir doch von einem Halbwüchsigen nicht vorschreiben, wie peinlich ich sein darf. 

Mein derzeitiger Plan für die anstehenden Besuchstage sieht also jetzt folgendermassen aus:

Mittwoch um sieben nach neun bei Karlsson in die Mathematikstunde platzen, ihm beim Zimmerwechsel ein paar dumme Fragen stellen, eine halbe Stunde im Französisch sitzen und dann mitten drin mit Getöse abrauschen, weil ich Mittagessen kochen muss. Am Donnerstagvormittag werde ich so pünktlich wie nur immer möglich beim FeuerwehrRitterRömerPiraten auf der Matte stehen, damit seine Lehrerin sieht, dass er das mit dem Zuspätkommen nicht von mir hat. Danach werde ich dem Zoowärter beim Schulbankträumen zuschauen und wieder mittendrin abrauschen, weil das Mittagessen… ach, ich wiederhole mich. Am Donnerstagnachmittag schliesslich werde ich bei Luise überprüfen, ob der Frühenglisch-Unterricht mehr taugt als der Frühfranzösisch-Unterricht, den sie letztes Jahr hatte.

Dann werde ich mir vornehmen, bald einmal das Prinzchen im Kindergarten zu besuchen, doch das werde ich immer wieder vergessen und wenn ich endlich daran denke, werden sie im Kindergarten Muttertagsgeschenke basteln, weshalb mein Besuch wieder nicht erwünscht sein wird und dann wird das Schuljahr um sein und im kommenden Schuljahr werde ich mir wieder vornehmen, endlich diesen Besuch zu machen, aber es werden mir wieder zig Dinge dazwischen kommen und weil ich am Besuchstag nicht willkommen sein werde, werde ich es noch weiter aufschieben müssen und dann werden schon wieder die Muttertagsgeschenke dran sein und dann wird das Prinzchen in die Schule kommen und mir vorwerfen, ich sei nicht ein einziges Mal zu einem richtigen Besuch in den Kindergarten gekommen.

Und wer ist Schuld daran? Ich ganz alleine, weil ich so blöd bin, mich ausladen zu lassen, wo ich mir doch so schön zurechtgelegt habe, wie ich jedem meiner Kinder am „Tag der offenen Volksschule“ einen Besuch abstatten werde. Und wo ich doch diese hoch offizielle Einladung vom Bildungsdepartement, dem Schulleiterverband, dem… ach was, ihr wisst schon. Und falls ihr nicht mehr wisst, müsst ihr eben oben noch einmal nachlesen. 

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Was mich ermüdet

Ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen, was mir grundsätzlich sehr gut gefiel. Einzig die fehlende Privatsphäre fiel mir auf die Nerven. Ein Badezimmer für neun Personen, mehr brauche ich dazu ja wohl nicht sagen. Meine Mittelgrossfamilie – so richtig gross ist sie in meinen Augen nicht – sollte es einmal besser haben, das schwor ich mir. Darum wohnen wir heute ziemlich weitläufig – zu weitläufig in den Augen einer Bekannten, die schon angedeutet hat, sie würde gerne mit ihren zwei Kindern bei uns einziehen, wir hätten ja viel zu viel Platz. Weil ich jedoch sehr viel Wert darauf lege, dass jeder seinen Raum für sich hat, habe ich ihr gesagt, wir hätten nicht genügend freie Zimmer. Ihr seht also, ich gehe so weit, andere Menschen vor den Kopf zu stossen, um die Privatsphäre jedes einzelnen Familienmitglieds – auch meine eigene – zu garantieren. 

Und was machen die lieben Familienmitglieder mit dieser hart erkämpften Privatsphäre? Halten sie sie heilig und erbieten ihr die Ehre? Von wegen! Sie treten sie mit Füssen. Sie dringen in Zimmer ein, deren Türen ganz offensichtlich geschlossen sind und ich muss dann wieder den Streit schlichten. Sie vergreifen sich an fremden Musikinstrumenten, obschon sie schon hundertmal gehört haben, dass sich das nicht gehört. Sie toben sich heimlich in meiner Küche aus, obschon ich diese offiziell zu meinem Territorium erklärt habe. Das Putzen bleibt natürlich an mir hängen; ist ja meine Küche, nicht ihre. Sie durchwühlen Schubladen, die sie ganz eindeutig nicht durchwühlen dürften und stellen nachher indiskrete Fragen, die nicht mal ich, die ich doch eigentlich ziemlich offen bin, beantworten möchte. Sie vergreifen sich am Inhalt des väterlichen Kleiderschranks und empören sich, wenn der Herr Papa verlangt, dass die Kleider zurück an ihren angestammten Ort wandern. Sie stören unzählige Male den elterlichen Mittagsschlaf, obschon der Zeitrahmen klar abgesteckt und die Zimmertür geschlossen ist. Sie poltern unablässig an die verschlossene WC-Tür, auch wenn man schon zehnmal gebrüllt hat, man sei gleich soweit, sie sollten sich noch ein wenig gedulden, oder eines der anderen WCs aufsuchen, weil wir ja nicht bloss eines hätten. 

Als sie noch klein waren, konnte ich mit diesen ewigen Grenzüberschreitungen ziemlich gut leben. Sie wussten es halt einfach nicht besser. Jetzt aber wären sie eigentlich gross genug, um den Unterschied zwischen mein und dein nicht bloss zu erkennen, sondern auch zu respektieren. Aber sie tun es nicht und darum predigen „Meiner“ und ich unablässig die gleiche Predigt: Anklopfen. Ein Nein respektieren. Die Finger von fremden Angelegenheiten halten. Fragen, bevor man sich im Zimmer eines anderen breit macht. Nicht einfach nehmen, was einem nicht gehört. Die anderen so behandeln, wie man selber auch behandelt werden möchte… Wir reden, sie tun so, als hätten sie verstanden – und überschreiten drei Minuten später die nächste Grenze.

Ach, wenn sie doch nur endlich begreifen würden, wie viel netter und geduldiger ihre Mama wäre, wenn sie endlich damit aufhörten, der armen Privatsphäre so viel Gewalt anzutun. 

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