Zu gerne wüsste ich…

…wie ein Zweitklässler auf die Idee kommt, grössere Schüler anzuspucken und sie als „Opfer“ zu beschimpfen. Nein, dieser Zweitklässler hat keine grossen Geschwister, die a) ihn so behandeln und b) ihm solches Verhalten beibringen könnten.

…wie es soweit kommen kann, dass einem Jungen bereits in der ersten Klasse der Ruf anhaftet, er würde Mädchen bedrängen und von ihnen verlangen, dass sie vor seinen Augen die Unterhose ausziehen. Aufgefallen ist dies übrigens nicht alleine einigen Glucken, die sofort Zetermordio schreien, wenn ihr Töchterchen nur schon angeschaut wird. 

…weshalb es ohne nennenswerte Konsequenzen bleibt, wenn wüsteste Beschimpfungen über eine Schülerin aufs Trottoir geschrieben werden, und zwar so, dass jeder weiss, wer damit gemeint ist. Die Ausrede „Es ist auf dem Schulweg passiert, also geht es die Schule nichts an“ zieht meiner Meinung nach in diesem Fall nicht.

…warum ein Sechstklässler aus anständigem Hause ungestraft Erstklässler drangsalieren und einschüchtern darf, ohne dass je einer einschreitet. Oh nein, den Einwand „Er meint es ja nicht so bös, wie die Kleinen es auffassen“ lasse ich nicht gelten. 

…wie es kommt, dass Meldungen über schikanierendes Verhalten von grösseren Schülern gegenüber kleineren angeblich Ernst genommen werden und dann doch wieder „vergessen“ gehen.

…ob  keiner hellhörig wird, wenn das Flüchtlingskind sich von Klassenkameraden Bemerkungen anhören muss, die nur haarscharf am Rassismus vorbeigehen.

…wie eine Gemeinde es sich leisten kann, ohne Fachperson auszukommen, die sich dieser Missstände annimmt, ehe es schlimmer kommt. Mit zig anderen Aufgaben ausgelastete Lehrer und aufmerksame, aber leider auch stets subjektive Eltern sind hier nämlich überfordert. 

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Was habe ich mir dabei bloss gedacht?

„Bloss nicht wieder dieser elende Kleinkram“, dachte ich mir, als ich mir überlegte, wie wir das diesmal mit den Adventskalendern machen. Ich meine, 120 Kleinigkeiten, die dann doch nur irgendwo herumliegen, sind doch einfach zuviel. Nach einigem Nachdenken hatte ich einen Geistesblitz: Für jedes Kind ein etwas grösseres Geschenk, aufgeteilt auf 5 Päckli. Da bekommt man zwar nur an jedem fünften Tag etwas, dafür ist es auch etwas Rechtes. Und damit die anderen nicht ganz leer ausgehen, dürfen sie an den Tagen, an denen sie nichts bekommen, in den Topf mit Süssigkeiten greifen. Im letzten Moment kam dann noch ein verbilligter Türchen-Adventskalender dazu, bei dem das Kind, das am längsten nicht mehr dran war mit Auspacken, ein Türchen öffnen darf. Okay, das alles klingt jetzt ein wenig kompliziert, doch in meinen Augen grenzt das System an Perfektion.

In den Augen meiner Kinder jedoch habe ich kläglich versagt. Vor sieben Tagen schon ging der Streit über die Reihenfolge los und auch sonst liess kein Mitglied dieser verwöhnten Bande ein gutes Haar an meinem absolut durchdachten, gerechten und ethisch halbwegs vertretbaren Adventskalender. „Ich hätte lieber einen Adventskalender der drei Fragezeichen“, motzte der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Muss ich dann meine Geschenke mit den anderen teilen?“, fragte der Zoowärter den Tränen nahe. Luise entdeckte den Inhalt ihrer Adventspakete lange vor dem ersten Advent und wies mich darauf hin, dass ich da noch ein paar Dinge vergessen hätte, weil sonst nichts aus der Sache werden könne. Das Prinzchen war der Verzweiflung nahe, weil er mein System nicht verstehen konnte und fürchtete, er werde am Ende mit Mädchengeschenken abgespeist. Karlsson war sich sicher, dass er „wie immer“ als letzter drankommen würde mit Auspacken, was das Los dann auch tatsächlich so entschied. Obendrein waren die Grossen äusserst unglücklich über meinen Entscheid, den Kleinen endlich auch einmal „Leone & Belladonna“ vorzulesen. Meine Erklärung, es könne doch nicht sein, dass Zoowärter und Prinzchen Mamas erstes Buch nicht kennen, verstanden sie zwar, doof fanden sie das trotzdem. Der Protest war so gross, dass ich mich vor einem Aufstand zu fürchten begann.

Das Gemotze hörte erst auf, als ich irgendwann mi weinerlicher Stimme sagte, ich hätte mir so grosse Mühe gegeben und es sei vollkommen unfair, dass sie auf meinem Adventskalender herumhacken, ehe sie in den Genuss seiner Überraschungen gekommen seien. Das wirkte. Begeisterung vermochten die Kinder zwar weiterhin nicht zu zeigen, aber immerhin sabotierten sie das erste Adventsritual dieser Saison nicht. Und nachdem sie den Inhalt von Prinzchens erstem Päckli gesehen haben, ahnen sie jetzt auch, dass ich wirklich keinen billigen Mist gekauft habe. Glaube – und hoffe – ich zumindest.

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Leseförderung

Manche Mamas standen einst mitten in der Nacht auf, um den neuesten Harry Potter zu erstehen, weil es das einzige Buch war, das ihr lesefaules Kind in den Bann zog.

Manche Mamas lesen ihrem lesefaulen Kind bis ins hohe Teenageralter Bücher vor, damit sie irgendwie doch noch ein wenig Lesestoff in den Kopf bekommen.

Manche Mamas ertragen mit Engelsgeduld über Monate das gleiche Hörbuch, weil ihr lesefaules Kind wenigstens dieses eine mag.

Manche Mamas setzen sich mit ihrem lesefaulen Kind hin, um mit ihm im Wechsel vorzulesen und zuzuhören, damit ihr lesefaules Kind die Klassenlektüre irgendwie schafft. 

Manche Mamas geben die Hoffnung auf, dass ihr lesefaules Kind je zum Buch greifen wird und lassen es deshalb die Klassiker der Kinderliteratur am Fernseher reinziehen. 

Manche Mamas schleppen Woche für Woche stapelweise Kinderliteratur aus der Bibliothek an und bringen das Zeug eine Woche später ungelesen wieder zurück, weil das lesefaule Kind kein Interesse daran zeigte.

Manche Mamas kommen gar nicht auf die Idee, ihr lesefaules Kind zum Lesen zu motivieren, weil sie lesen selber doof finden.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Belohnungen zum Lesen zu motivieren.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Drohen und Bestrafungen zum Lesen zu zwingen. 

Manche Mamas tun selber so, als würden sie gerne lesen, um ihrem lesefaulen Kind ein gutes Vorbild zu sein, denken aber nicht daran, dass eine Modezeitschrift nicht wirklich als Lesestoff zählt. 

Manche Mamas versprechen ihrem lesefaulen Kind, dass es die Verfilmung des Buches sehen darf, sobald es das Buch fertig gelesen hat. 

Diese Mama hier kauft ihrer lesefaulen zehnjährigen Tochter einen Liebesroman für Zwölfjährige, damit diese endlich auch mit einem Buch vor dem Gesicht durchs Leben geht, wie es sich für ein anständiges Venditti-Familienmitglied gehört. Gut, immerhin ist die Heldin der Geschichte Assistenzärztin und nicht Model oder Kosmetikerin…

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Es wird politisch

Karlsson: „Mama, wie hast du bei dieser Vorlage gestimmt?“
Ich: „Ich habe ja gesagt.“
Karlsson: „Du hast ja gesagt? Warum? Das kann ich jetzt überhaupt nicht verstehen.“
Ich: „Nun, ich finde dass man dadurch die Leute motivieren kann, es anders zu machen…Klar, ich sehe auch die Nachteile, aber…“
Karlsson: „Du findest also wirklich, dass Leute, die nicht viel haben, jetzt auch noch das ändern sollen. Deine Freundin, zum Beispiel, wie soll die das machen?“
Ich: „Auf sie hat das keinen Einfluss, sie braucht das ja nicht. Aber andere würden sich vielleicht wirklich nach Alternativen umsehen.“
Karlsson: „Aber wie sollen sie sich die Alternative denn leisten können? Das kostet doch eine Menge Geld…“
Ich: „Ja, aber wenn sie dafür auf das andere verzichten, können sie sich dafür die Alternative leisten.“
Karlsson: „Im ersten Jahr vielleicht, ja. Aber was ist danach?“
Ich: „Danach müssen sie eben das Geld dafür übers Jahr ansparen…“
Karlsson: „Tut mir Leid, Mama, aber das geht einfach nicht auf. Du hast einen völligen Mist gestimmt. Wenn die Vorlage angenommen wird…“
Ich: „Die wird ohnehin nicht angenommen, es sind doch alle dagegen. Da macht mein Ja doch keinen Unterschied…“
Karlsson: „Und wenn doch? Dann bist du mitschuldig daran, dass es schief geht. Das finde ich echt daneben….“

Unsere erste echte Diskussion. Bis anhin hat Karlsson immer gefragt und ich habe ihm gesagt, wie der politische Hase meiner Meinung nach laufen sollte. Jetzt aber fängt er an, sich eine eigene Meinung zu bilden, meine Sicht der Dinge in Frage zu stellen, mich herauszufordern. Seit Jahren schon habe ich mich darauf gefreut und jetzt, wo der grosse Moment gekommen ist, stelle ich fest, dass es noch viel mehr Spass macht, als ich mir vorgestellt hatte. Zumindest solange Karlsson trotz unserer unterschiedlichen Meinungen brav auf der linken Seite des politischen Spektrums bleibt…

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Doofe Mama

Es ist fast jeden Tag das gleich Lied: Luise kommt von der Schule nach Hause, findet mich am Computer sitzend und fasst dies als Aufforderung auf, sich ebenfalls einem mit angebissenem Apfel verzierten Gerät zuzuwenden. Drei Minuten später erinnert sie sich daran, dass ihre beste Freundin etwas von einer App erzählt hat, die sie unbedingt auch haben muss. „Mama, darf ich?“, fragt meine Tochter mit bettelndem Blick und hält mir ihr Gerät vor den Bildschirm, obschon ich ihr schon hundertmal gesagt habe, dass ich das nicht ausstehen kann, wenn ich in meine Arbeit vertieft bin. „Sieh doch, die App kostet nichts“, säuselt sie, weil ich nicht gleich reagiere. Sie weiss genau, dass damit 90 % meiner Argumente, die gegen die App sprechen, vom Tisch sind.

Luise denkt, sie hätte mich im Sack und fängt schon mal mit der Installation an. „Mama, Passwort!“, ruft sie siegessicher. Jetzt endlich hat sie meine volle Aufmerksamkeit. „Passwort? Sicher nicht jetzt schon. Zuerst will ich die Altersbeschränkung sehen.“ „Ach was, die brauchst du doch nicht zu sehen. Meine Freundin darf die App auch haben und die Cousine auch. Du willst doch nicht etwa behaupten, die anderen Mütter würden nicht genau genug hinschauen?“, gibt sich Luise empört. „Natürlich will ich das nicht behaupten. Aber die Altersbeschränkung will ich trotzdem sehen. Du erinnerst dich doch noch an dieses doofe Spiel, auf das wir reingefallen sind“, beharre ich. Luise erinnert sich, darum streckt sie mir widerwillig das Gerät entgegen und diesmal macht es mir nichts aus, dass sie es vor meinen Bildschirm hält. Die Arbeit muss jetzt eben warten, ich bin mit Erziehen beschäftigt.

Während Luise aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpft, scrolle ich durch den ganzen Werbekram, bis ich endlich bei der Altersbeschränkung angelangt bin. „Hier steht 17+. Die App kannst du vergessen“, sage ich und fühle mich ziemlich mies, weil meine Tochter schon wieder nicht dazugehören darf, auch nicht bei denen, die wirklich nett und brav sind. „Aber Mama, meine beste Freundin…und meine Cousine…“, protestiert Luise. „Ja, Luise, ich weiss, aber hier steht 17+ und du bist gerade mal 10+“, insistiere ich und finde mich gerade ziemlich unsympathisch. Luise auch. „Immer diese sturen Eltern…“ brummt sie und stapft davon.

Fünf Minuten später streckt sie mir schon wieder das Gerät entgegen. „Schau mal, Mama, diese App ist bestimmt auch ganz cool. Und gratis ist sie auch.“ Wieder Werbekram überfliegen, wieder scrollen, dann die erlösende Botschaft: „Ja, Luise, diese App kannst du runterladen, die ist ab 6 freigegeben.“ Luise zieht sich zurück, fängt an zu spielen. Drei Minuten später ruft sie aus dem Wohnzimmer: „Mama, die App können wir gleich wieder löschen. Die ist ja so was von langweilig…“ Ich seufze tief, denn ich weiss, dass ich in den Augen meiner Tochter so lange die doofe Mama sein werde, bis wir eine coole App gefunden haben, die ab 10 Jahren freigegeben ist und die alle anderen Mädchen auch cool finden. Oder bis Luise den Kampf zwischen „Alle anderen dürfen aber…“ und „Wir sind aber nicht die anderen…“ für sich entschieden hat. 

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Geschwisterallergie

Die Geschwisterallergie kann das ganze Jahr über auftreten, in den Wintermonaten wird sie jedoch besonders häufig beobachtet. Vermutlich liegt dies an der Tatsache, dass es in der kalten Jahreszeit schwieriger ist, einem allergieauslösenden Geschwisterkind aus dem Weg zu gehen. In grösseren Familien soll die Geschwisterallergie gehäuft vorkommen. Leider ist noch zu wenig erforscht, wie es zur meist plötzlich auftretenden allergischen Reaktion auf ein Geschwisterkind kommt, die häufigsten Auslöser eines akuten Allergieschubs hingegen sind allgemein bekannt:

  • Laute Geräusche, manchmal reicht auch schon hörbarer Atem
  • Provokatives Sitzen auf dem falschen Stuhl
  • Schläge, die von neutralen Beobachtern jedoch bloss als zufällige, ungeschickte Bewegungen wahrgenommen werden
  • Worte, die je nach Ohr, von dem sie gehört werden, ganz unterschiedliche Bedeutungen haben
  • Körpergerüche
  • Ungleich verteilter Besitz, wobei auch dies von neutralen Beobachtern gewöhnlich nicht festgestellt werden kann
  • Unterschiedliche Vorstellungen über das Leben im Allgemeinen

Eine allergische Reaktion wird jeweils nur durch das Verhalten des allergieauslösenden Geschwisterkindes hervorgerufen, andere Familienmitglieder können tun und lassen, was sie wollen, ohne dem allergischen Kind im Geringsten zu schaden. Die allergische Reaktion äussert sich in den folgenden Symptomen:

  • Zufällige, ungeschickte Bewegungen, die vom Geschwisterkind und neutralen Beobachtern gewöhnlich als Schläge wahrgenommen werden
  • Sehr laute Geräusche, von Umstehenden gewöhnlich als Brüllen und Beleidigungen verstanden
  • Hektische Aktivität, die zur Folge hat, dass gewisse Gegenstände, die dem allergieauslösenden Geschwisterkind gehören, in die Brüche gehen
  • Angeblich harmlose Handlungen, die man durchaus als gezielte Provokationen verstehen könnte und die vom allergieauslösenden Geschwisterkind auch als solche verstanden werden
  • Selbstmitleid

Gewöhnlich lösen diese Symptome ganz ähnliche Symptome beim allergieauslösenden Geschwisterkind aus, was wiederum die Symptome des allergischen Kindes verstärkt. Für Aussenstehende ist deshalb nicht zu erkennen, welches das allergische und welches das allergieauslösende Kind ist. Leider gibt es bis anhin keine wirkungsvolle Therapie gegen die Geschwisterallergie. Die Versuche, die beiden Geschwisterkinder zu gemeinsamen Arbeitseinsätzen zu verdonnern garantieren ebenso wenig Erfolg wie die strikte räumliche Trennung auf Zeit. Experten raten deshalb dazu, sich mit viel Geduld zu wappnen und abzuwarten, bis die Geschwisterallergie wieder abflaut und sich auf andere Geschwisterkinder verlagert. In den meisten Fällen wächst sich die Krankheit spätestens beim Eintritt ins Erwachsenenalter aus, man hört aber gelegentlich von Familien, in denen die Geschwisterallergie bei Erbfällen wieder aufflackert. 

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Was mich das Leben so alles lehrt

  • Heizungen steigen grundsätzlich an dem Tag aus, an dem es draussen zum ersten Mal so kalt ist, dass sogar ich mich mit dem Gedanken trage, Strümpfe anzuziehen.
  • Die Heizung teilt dir immer erst dann mit, dass sie sich diesmal wirklich nur mit Hilfe eines Monteurs wieder in Gang bringen lässt, wenn du bereits einen Nachtzuschlag bezahlen müsstest, um diesen Monteur ins Haus zu bestellen.
  • Wenn die Heizung streikt, kommen Fernsehgeräte, Ladekabel, Handys und dergleichen auf die Idee, es ihr gleichzutun. Wir Hausbewohner würden dann am liebsten auch in Streik treten, aber es wird so furchtbar kalt, wenn man nicht ständig in Bewegung ist.
  • Es gibt nur einen Weg, dich nach der Veröffentlichung deines Buches nicht über Tippfehler zu ärgern: Du musst deine Bücher von Hand schreiben. Dann schreibst du nur das falsch, was du nicht richtig schreiben kannst. Darüber kannst du dich dann  nicht ärgern, weil du gar nicht merkst, dass du einen Fehler gemacht hast. 
  • In der Schweiz gibt es einen neuen Industriezweig: Die Betreuungsindustrie, manchmal auch Krippenindustrie genannt. Ich weiss zwar nicht genau, was diese Industrie produziert und weiterverarbeitet, aber das spielt ja auch keine Rolle. Das Wort macht sich einfach gut in Leserbriefen und wer denkt denn schon über den Sinn von Worten nach, wenn er Leserbriefe liest?
  • Dein jüngstes Kind bleibt immer kleiner als deine anderen Kinder und darum in deinen Augen klein, egal, wie gross es schon ist. 
  • Der Vormittag gehört noch lange nicht dir, bloss weil jetzt alle deine Kinder kindergarten- oder schulpflichtig sind. Irgend einer nimmt sich immer das Recht heraus, sich krank zu melden, wenn du eigentlich etwas anderes vorhättest. Also komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich irgendwo als freiwillige Helferin zu melden, weil du jetzt „so viel freie Zeit“ hast.
  • Man kann Kondensmilch auch selber herstellen. Man sollte sich allerdings während der Zubereitung nie weiter als zwanzig Zentimeter vom Kochherd entfernen, sonst brennt das Zeug an. 
  • Nur weil dein Kind eine ausgeprägte nostalgische Ader hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich zum Geburtstag nicht die allerneusten Gadgets wünscht. Klassische Musik und Bilder von Barockpalästen lassen sich problemlos mit modernster Technik vereinbaren.

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Meine lieben Miteltern

Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…

Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.

Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.

Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.

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Wunsch erfüllt

Wie sehr habe ich mir doch immer ein ordnungsliebendes Kind gewünscht. Kein Pedant, das natürlich nicht, aber ein Kind, das zu seinen Sachen Sorge trägt, nicht immer alles überall herumliegen lässt und sein Zimmer halbwegs in Ordnung hält. Meinem sehnlichen Wunsch wurde entsprochen, vor fünf Jahren wurde mir nach einer ziemlich kurzen Geburt ein ordnungsliebendes Kind in den Arm gelegt. Das wussten wir damals natürlich noch nicht, doch je älter das Kind wird, umso deutlicher tritt die Liebe zur Ordnung zutage. Wäre ich keine liebende Mutter, sondern eine psychologisch geschulte Fachfrau, müsste ich sagen, dass dieses Kind – gemeint ist übrigens das Prinzchen – einen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus hat. Noch versuche ich, die Dinge schönzureden und das Ganze als Phase abzutun, doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, ich hätte den Wunsch nach einem ordnungsliebenden Kind etwas zu oft geäussert.

Ich meine, es ist ja nett, wenn ein kleiner Mensch seine Schätze abends so versorgt, dass er sie am Morgen gleich wieder zur Hand hat, ohne lange nach Einzelteilen suchen zu müssen und Mama, Papa, Geschwister und Katzen des Diebstahls zu bezichtigen, weil er die Dinge nicht mehr finden kann. Aber muss denn gleich jedes winzige Teilchen an seinem Ort sein? Das Körpermodell, welches sich das Prinzchen zum Geburtstag gewünscht und auch bekommen hat, hätte die Nacht bestimmt auch ohne Leber, Herz und linken Lungenflügel überstanden. Es sollte doch wohl reichen, dass die Teile auf dem selben Tisch liegen, damit man sie morgens wieder einsetzen kann. Aber nein, das darf nicht sein. Erst als der arme Kerl mit dem offenen Bauch dank meiner Hilfe sein Herz wieder auf dem rechten Fleck hatte, war das Prinzchen zufrieden. Mit dem Körpermodell zumindest, danach mussten noch das Augenmodell und der Schädel wieder tadellos in Stand gesetzt sein, die Michel-Müsse musste den richtigen Platz am Kopfende von Prinzchens Bett finden, für die Legoschachtel musste der perfekte Ort her, ein Ort, wo sie nahtlos hineinpasst, der Arztkittel brauchte einen Kleiderbügel und… Irgendwann liess ich das Prinzchen alleine perfektionieren, denn im Wohnzimmer waren noch Gäste, mit denen ich mich zu gerne unterhalten hätte (währenddem ich Prinzchens Lego-Ambulanz zusammenbaute, damit diese auch noch an den richtigen Ort gestellt werden konnte). Noch lange nachdem ich unseren Jüngsten offiziell ins Bett gebracht hatte, hörte man ihn im dunklen Zimmer rumoren.

Heute Morgen musste alles für den Tag eingerichtet werden, ehe das Prinzchen in den Kindergarten gehen konnte. Also Legoschachtel ans Kopfende des Bettes, rotes Stethoskop in die Tasche, Müsse auf den Kopf, schwarzes Stethoskop auf den Tisch, Fiebermesser etwas weiter nach rechts… Alles perfekt eben, als stünde demnächst eine wichtige OP an. Ziemlich nervenaufreibend für eine Mutter, die ihr Kind abends rechtzeitig im Bett und morgens rechtzeitig im Kindergarten sehen möchte. Aber die Ordnung, das könnt ihr mir glauben, die Ordnung ist wirklich perfekt.

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Einem geschenkten Gaul, oder Kamel, oder Papagei, oder was auch immer…

Was hätte ich denn tun sollen? Das Geschenk ausschlagen? Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man uns da einfach so geschenkt hat, weil der Zoowärter bei einem Wettbewerb mitgemacht hat. Klar wollen die, dass wir im Gegenzug zu ihrer Krankenkasse wechseln, aber die werden uns ohnehin nicht nehmen, mit all unseren Asthmatikern. Also doch ein Geschenk, auch wenn es eigentlich eine Bestechung hätte sein sollen.

Und die Kinder hatten uns ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen. „Wir wollen auch mal in diesen Zirkus. Alle anderen waren schon dort…“ Sie meinten den Grössten, den Teuersten, den mit den Tieren und den Akrobaten aus China. „Irgendwann werden wir dann schon gehen. Wenn das Geld reicht…“, antworteten „Meiner“ und ich und hofften, dass sie bald dem Zirkusalter entwachsen würden. Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man liegen lässt, um mit fünf Kindern die Vorstellung zu besuchen, Popcorn und Zuckerwatte nicht inbegriffen. Als wir dann diese Gutscheine zugeschickt bekamen, war klar, dass wir gehen müssen. Ja, wir hätten sie verfallen lassen können, aber ihr glaubt doch nicht etwa, dass unsere Kinder uns das je verziehen hätten. Noch wenn wir im Altersheim unser Püriertes löffeln, würden sie uns vorwerfen, dass wir nicht ein einziges Mal mit ihnen in diesem Zirkus waren, im Grössten, Teuersten mit den vielen Tieren und den Akrobaten aus China. „Und dabei hättet ihr die Tickets gratis haben können“, würden sie sagen. „Was wart ihr doch für miese Eltern. Geizig und vollkommen versessen auf eure engstirnigen Prinzipien…“

Nein, so etwas wollten wir auf gar keinen Fall riskieren, also holten wir endlich die Tickets für die Vorstellung in Thun. Natürlich hatte der Zirkus auch bei uns in der Gegend gastiert, aber da waren wir gerade nicht in der Gegend und darum mussten wir eben warten, bis er wieder halbwegs in der Nähe ist. Na ja, so nah ist Thun auch  nicht, darum lärmten unsere Kinder ja gestern Abend um Viertel vor zehn noch im Familienwaggon, aber immerhin nah genug, damit man ohne grosse Umstände hinfahren kann. 

Den Kindern hat es natürlich gefallen, keine Frage. Okay, Luise empfand ziemlich viel Mitleid mit den Pferden und den Elefanten, der Zoowärter brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der Komiker der Clown war und das Prinzchen wäre auch mit der ersten Halbzeit zufrieden gewesen, aber alles in allem war es das, was Zirkus für Kinder sein sollte: Staunen, Nervenkitzel, Gelächter, Träumerei. Der Stoff, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen gemacht sind. 

Und ich? Ich war glücklich, dass wir den Kindern diese Erinnerung schenken konnten, ohne Geld auszugeben. Natürlich staunte ich auch, lachte, bangte und applaudierte. Die Fragen, ob Zirkuselefanten glücklich sein können, ob den Papageien die überlaute Musik nicht zusetzt, ob das, was ich in diesem schlimmen Dokumentarfilm über Artisten aus China gesehen habe, auch wirklich stimmt, ob das Kamel die Verachtung, die in seinem Blick liegt, auch tatsächlich empfindet, diese Fragen konnte ich nicht ganz aus meinem Kopf verbannen, obschon ich es versuchte. Ich bin nun mal kein Kind mehr, das vorbehaltlos geniessen kann, was es präsentiert bekommt. Immerhin aber bin ich anständig genug, einem geschenkten Gaul – oder Kamel oder was auch immer – nicht vor allen anderen ins Maul zu schauen und darum habe ich meine kritischen Gedanken für mich behalten. Zumindest solange mich die Kinder nicht fragten, ob mir die Tiere nicht auch ein wenig Leid getan hätten…

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