Diebstahl

Der FeuerwehrRitterRömerPirat sitzt manchmal zwei Stunden am Stück an seinen Hausaufgaben. 

Luise und ihre Schulkameradinnen treffen sich an zwei schulfreien Nachmittagen und am Samstag, um an einem gemeinsamen Vortrag zu arbeiten. Wie man überhaupt einen Vortrag macht, weiss niemand aus der Gruppe so genau. Die Matheblätter, die Luise auch noch zu lösen hat, müssen dann halt bis Sonntagabend warten. Zwischendurch musste sie noch für einen guten Zweck Schoggitaler verkaufen, wodurch zugleich die Klassenkasse aufgebessert wurde. Ach ja, sie hätte noch einen Aufsatz, den sie fertig schreiben müsste. Das wird sie wohl morgen erledigen, wenn wegen einer Lehrerkonferenz der ganze Tag schulfrei ist. 

Am Elternabend erfährt „Meiner“, dass Luise und ihre Mitschüler noch viel mehr Eigeninitiative an den Tag legen müssten.

Karlsson sucht oft vergeblich nach einem Freund, der nicht den ganzen schulfreien Nachmittag hinter den Büchern verbringen muss. Dann setzt er sich eben auch noch einmal hinter die Bücher, weil einem die Arbeit ja nie ausgeht.

Für vier Fehler im Diktat bekommt Luise eine knapp genügende Note. 

Offenbar haben die Schüler im ganzen Kanton bei einer Vergleichsprüfung katastrophal abgeschnitten. Darum muss man jetzt dringend die Schüler drillen. Und nicht etwa die Prüfung verändern. 

Ich habe das ungute Gefühl, dass von Jahr zu Jahr noch mehr Leistung aus den Kindern herausgepresst werden soll.

Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich Luise zum freiwilligen Kurs in Tastaturschreiben anmeldet. Damit sie es bereits kann, wenn das Fach in zwei Jahren an der Oberstufe unterrichtet wird. 

Karlsson weiss inzwischen sehr genau, welche Noten er sich noch erlauben darf, wenn er sein Berufsziel erreichen will. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss demnächst wieder bei der Therapeutin antraben, weil er unter Bildung etwas anderes versteht als die Bildungsdirektoren. Immerhin hat er jetzt eine Lehrerin, die ihn versteht…

Luise lechzt geradezu nach Sprachunterricht und Naturkunde, verbringt aber den grössten Teil ihrer Schul- und Freizeit damit, Matheblätter zu lösen. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Kinder trotz sehr viel Aufwand und grossem Fleiss sehr wenig lernen. 

In armen Ländern klaut man den Kindern die Kindheit, indem man sie daran hindert, zur Schule zu gehen und zu spielen. Stattdessen beutet man sie als billige Arbeitskräfte aus. So etwas käme uns nie in den Sinn. Wir versuchen, unseren Kindern jedes nur erdenkliche Rüstzeug mitzugeben, damit sie eines Tages einen guten Job bekommen. Um dies zu erreichen, wird das Schulsystem laufend angepasst und angeblich verbessert. Warum werde ich den Eindruck nicht mehr los, dass wir unseren Kindern mit jeder neuen Anforderung ein weiteres Stück Kindheit klauen?

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Diese Glucke mal wieder…

Morgen steht bei Karlsson ein 5-Kilometer-Lauf auf dem Programm. Anfänglich trainierte er noch mir Begeisterung, doch mit der Zeit fiel es ihm etwas schwerer, sich aufzuraffen. Er rannte die Strecke noch ein paar Mal, aber nicht so oft, wie er es vorgehabt hatte. Heute Abend fand er dann aber doch, er müsste sich vielleicht ein letztes Mal auf die Socken machen, ehe es ernst gilt. Damit er es vor dem Eindunkeln nach Hause schafft, beschloss er, die Strecke mit dem Velo abzufahren. Tja, und dann begann es zu regnen, kaum war Karlsson zehn Minuten unterwegs. Augenblicke später schüttete es wie aus Kübeln, heftige Windstösse drückten unsere Balkontüre auf und dadurch wurde die Glucke aufgeschreckt.

„Da fallen Tropfen vom Himmel, sehr viele Tropfen“, stellte sie mit Entsetzen fest. „Und diese Tropfen werden meinen armen, kleinen Karlsson treffen, der sich unten am Fluss abstrampelt.“ Mit sorgenvollem Blick schaute die Glucke aus dem Fenster. „Es dunkelt ja bereits“, bemerkte sie beunruhigt. „Was, wenn mein armer, kleiner Karlsson Angst bekommt? Oder wenn er hinfällt, weil ihm der Wind zu stark ins Gesicht bläst? Er hat bestimmt wieder sein Handy zu Hause gelassen…“

An diesem Punkt fiel ich der Glucke ins Wort. „Nun hör mal auf mit deinem Gejammer“, sagte ich streng. „In Karlssons Alter fuhr ich Tag für Tag mit dem Velo zur Schule und zwar bei jedem Wetter, sogar bei Schnee und Eis. Ja, manchmal wurde ich klitschnass, ein paar Mal stürzte ich und oft war es schon längst dunkel, als ich mich auf den Heimweg machte, aber hat es mir etwa geschadet?“

Die Glucke zeigte sich unbeeindruckt. „Du mit fast dreizehn oder Karlsson mit fast dreizehn, das ist nicht das Gleiche“, wandte sie ein. „Er ist viel unerfahrener als du es damals warst und überhaupt hat man sich zu deinen Zeiten einen Dreck um die Sicherheit der Kinder geschert. Ihr musstet euch ja nicht mal angurten im Auto…“ In diesem Moment fegte wieder ein heftiger Windstoss über das Haus hinweg und die Glucke rannte beinahe panisch ins Wohnzimmer. „Du musst Karlsson suchen gehen“, befahl sie „Meinem“, der mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und Luise über den Hausaufgaben brütete. „Warum denn?“, fragte „Meiner“ erstaunt. „Na, weil er draussen unterwegs ist bei diesem Sauwetter. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um ihn und du kennst die Strecke besser als ich“, erklärte die Glucke. „Meiner“ versprach ihr, er werde sich gleich auf den Weg machen.

Ich zog mich derweilen mit dem Prinzchen ins Zimmer zurück, um Schlaflieder zu singen. Mitten im dritten Lied kam die Glucke hereingeplatzt. „Er ist ihn noch immer nicht suchen gegangen“, schimpfte sie. „Sag ihm, er soll Karlsson suchen gehen. Jetzt gleich!“ „Das kannst du ihm doch selber sagen. Hörst du denn nicht, dass ich am Singen bin?“, gab ich zurück. „Wie kannst du nur singen, währenddem der arme, kleine Karlsson schluchzend und halb erfroren im Regen draussen ist?“, schrie sie und rannte wieder ins Wohnzimmer, um „Meinem“ Beine zu machen. „Ach ja, Karlsson… Hatte ich bereits wieder vergessen, aber ich geh ja schon…“, brummte „Meiner“ nur, was die Glucke dazu veranlasste, sehr verärgerte Geräusche von sich zu geben. 

„Meiner“ ging also in den Regen hinaus, ich sang weiter mit dem Prinzchen und die Glucke tigerte ungeduldig durch die Wohnung. Endlich ging im Treppenhaus das Licht an und wenige Augenblicke später stand ein ganz und gar durchnässter und leicht verwunderter Karlsson im Wohnzimmer. „Ich bin doch bloss meine fünf Kilometer gefahren. Was hast du denn?“, fragte er mich erstaunt. „Ich? Ich habe gar nichts“, sagte ich. „Das war mal wieder diese Glucke… “ Karlsson wollte schon aus dem Zimmer gehen, als ich ihm hinterher rief: „Die Sauna ist aufgeheizt. Geh dich doch kurz aufwärmen, ehe du die Hausaufgaben machst.“ „Ja, geh in die Sauna“, pflichtete mir die Glucke bei, „sonst erkältest du dich am Ende noch…“

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Nächtliche Ungerechtigkeit

Okay, ich weiss, dass ich mich allmählich an die Launenhaftigkeit (vor)pubertierender Kinder gewöhnen muss, aber das war nun doch etwas viel: Da schlafe ich tief und fest den gerechten Schlaf der übermüdeten Mutter, die sich unbedingt noch einen Film reinziehen musste, nachdem alle Kinder im Bett waren. Irgendwann, mitten in der Nacht,  kommt das Prinzchen mitsamt Bär und Decke in unser Bett gekrochen, was ich knapp zur Kenntnis nehme, ehe ich wieder in tiefen Schlaf versinke. Wenig später erscheint eine sehr aufgebrachte Luise an unserem Bett. Die Worte, die sie mir an den Kopf schleudert, ergeben nicht viel Sinn, aber mir ist sofort klar, dass ich mal wieder eine abscheuliche Ungerechtigkeit zugelassen habe. Wenn ich meine Tochter richtig verstehe, habe ich irgendwann, in grauer Vorzeit, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erlaubt, was ich ihr jetzt, mitten in der Nacht, vollkommen grundlos verwehre. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht zusammenreimen, auf welche Begebenheit sie sich bezieht, ich weiss auch nicht so recht, was sie von mir erwartet, doch dem Frieden zuliebe – und um nicht richtig wach werden zu müssen – biete ich meiner zornigen Tochter meinen Platz im Bett an und ziehe mich aufs Sofa zurück. Offenbar ist damit die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, denn Luises Gezeter hört schlagartig auf und bald schlafen wieder alle friedlich.

Alle? Nein, nicht ganz. Das Prinzchen hat sofort bemerkt, dass das falsche weibliche Familienmitglied an seiner Seite liegt und so dauert es nicht lange, bis er ins Wohnzimmer tappst. Na ja, immerhin verzichtet er dabei auf lautstarkes Gemotze…

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Montagsgemotze

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist wütend auf mich, weil ich darauf bestehe, dass er seine Hausaufgaben macht.

Der Zoowärter ist wütend auf mich, weil ich dem Prinzchen erlaube, die grosse Kartonschachtel für seine Michel aus Lönneberga-Sammlung zu behalten, obschon der Zoowärter daraus ein Bett für seine Karlsson auf  dem Dach-Puppe hätte machen wollen.

Das Prinzchen ist wütend auf mich, weil er einfach auf irgend einen wütend sein muss, da das Leben als frischgebackener Kindergärtner ganz schön anstrengend ist.

Luise ist wütend auf mich, weil Karlsson mich abends begleiten darf, um den kleinen Gottegris und den grossen Leone vom Kindergarten abzuholen, wo sie den ganzen Tag im Gebüsch auf mich gewartet haben.

Karlsson ist wütend auf mich, weil ich Luise erlaube, ebenfalls mitzukommen, als wir noch einmal zum Kindergarten gehen müssen, weil wir zuerst den zappelnden Gottegris nach Hause bringen mussten, ehe wir uns um Leone kümmern konnten. 

„Meiner“ ärgert sich über mich, weil ich mich mit den beiden auf eine Diskussion einlasse.

Katzenmama Henrietta wirft mir misstrauische Blicke zu, weil ich in ihren Augen zu wenig dagegen unternehme, dass der kleine Gottegris im Dorf herumstreunt.

Die Nacktschnecken-Gemeinschaft hat zum Sturm auf mein Gewächshaus geblasen, weil ich noch immer nicht bereit bin für Friedensverhandlungen.

Unsere zwei Wachtelhähne attackieren mich, wenn ich nach dem Füttern die Eier hole. Warum attackieren die mich und nicht ihre Hennen, die zu faul zum Brüten sind und mich dadurch geradezu zwingen, die Eier zu nehmen?

Die Wespen auf dem Balkon nehmen es mir übel, dass ich den Kompostkübel wespendicht verschliesse und reiten deshalb jedes Mal eine Attacke auf mich, wenn ich die Balkontüre öffne.

Das alles hat mir heute ziemlich zugesetzt, aber ich hätte den Tag locker als misslungenen Montag abgetan, hätte nicht auch noch einer der mir treu ergebenen Kater einen stinkenden Haufen auf neben meiner Seite des Bettes liegen lassen. Wenn die zwei jetzt auch noch anfangen zu motzen, verabschiede ich mich in die Ferien…

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Das Kind ist (nicht) immer im Recht

Gewöhnlich stehe ich ja auf der Seite der Eltern, wenn es irgendwo in der Öffentlichkeit zu einem Konflikt ums Kind kommt. Gewöhnlich ist es ja auch so, dass irgend ein Miesepeter die Lebhaftigkeit eines kleinen Menschen nicht ertragen kann. Heute aber musste ich mich für einmal schwer zusammenreissen, um nicht Partei zu ergreifen für eine Dame, die sich über ein Kleinkind beschwerte und das kam so:

Karlsson, das Prinzchen und ich sassen in einem dieser verrufenen Fast Food-„Restaurants“. Ja, ich weiss, als linksgerichtete, umweltbewusste Mutter hätten meine Kinder und ich dort nichts zu suchen, doch da „Meiner“ und ich ziemlich felsenfest davon überzeugt sind, dass ein absolutes Verbot kontraproduktiv ist, gehen wir eben doch hin und wieder hin. Da sassen wir also und unterhielten uns darüber, warum eine Karriere im Fast Food-Bereich nicht sonderlich erstrebenswert ist, als am Tisch hinter uns ein Mann und eine Frau ziemlich laut wurden. Was sich da abspielte, sah auf den ersten Blick nach der typischen „mittelalterliche, alleinstehende Frau möchte ausgerechnet neben der Kinderecke ihre Ruhe geniessen und staucht deswegen ein armes, unschuldiges Kind zusammen“-Situation aus. Dann aber hörte ich genauer hin.

„Es kann doch nicht sein, dass Ihr Kind sich hinter mir aufs Fensterbrett setzt und mich unablässig gegen den Kopf tritt“, sagte die Frau aufgebracht, aber dennoch um Fassung bemüht. „Sie können froh sein, dass Sie eine Frau sind. Wären Sie ein Mann, würde ich Ihnen eine reinhauen“, fuhr der wütende Vater die Frau an und machte keinerlei Anstalten, sein Kind vom Fenstersims herunterzuholen. Noch einmal versuchte die Frau, dem Vater klarzumachen, dass es nicht sonderlich angenehm sei, pausenlos getreten zu werden, doch es half nichts, sie bekam nur weitere Beleidigungen an den Kopf geworfen. Es kehrte erst wieder Ruhe ein, als der kleine Junge freiwillig von der Frau abliess, vom Fenstersims herunterkletterte und zielstrebig auf ein Baby in der Trageschale zusteuerte.

Wir warten nicht ab, ob es zu einem weiteren Zusammenstoss kommen würde, sondern räumten unseren Abfallberg weg. „Der grosse Bruder des Jungen hat mich auf dem Spielplatz einfach so gehauen. Immer wieder. Da habe ich ihn eben auch gehauen“, sagte das Prinzchen im Hinausgehen. Zum Glück hörte dies der Vater der zwei kleinen Nervensägen nicht. Keine Frage, was das Prinzchen dann zu hören bekommen hätte und glaubt mir, dann hätte dieser Herr Papa mich zu hören bekommen, worauf ich wohl das Gleiche zu hören bekommen hätte wie die Frau, die sich einfach nicht von einem unschuldigen, kleinen Jungen treten lassen wollte.

Bei gewissen Eltern sind die Kinder immer im Recht, auch dann, wenn sie ganz eindeutig im Unrecht sind.

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Worauf es im Leben eines Mädchens – Pardon, eines Girls – wirklich ankommt

Einige Fragen aus dem Freundschaftsbuch, das Luise heute zum Ausfüllen bekommen hat:

1. Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist?
Wer so naiv ist, hier eine ehrliche Antwort hinzuschreiben, kann sich sicher sein, beim nächsten Krach wegen genau dieser ehrlichen Antwort vor allen blossgestellt zu werden.

2. Wer ist dein heimlicher Schwarm?
Ein Freundschaftsbuch ist genau der Ort, wo man ein solches Geheimnis preisgeben sollte. So steigt die Chance auf eine öffentliche Abfuhr erheblich. Und davon träumt ja jedes Mädchen…

3. Hast du Angst im Dunkeln?
Wer hier mit Ja antwortet, wird sich bei jeder Übernachtungsparty zum Gespött der anderen machen.

4. Hast du schon mal jemanden aus der Klasse über dir angelächelt?
Wenn ja, dann sollte man ganz dringend einschreiten, denn man weiss ja, wie das geht: Heute ein Lächeln, morgen schwanger.

5. Schminkst du dich?
Natürlich, zehn- bis elfjährige Mädchen haben ja nichts anderes zu tun.

6. Hast du schon mal einen Jungen geküsst?
Nur einen? Wo denkst du hin? Ich bin doch schon zehn Jahre alt, da hat man gewisse Erfahrungen bereits hinter sich.

7. Wärst du gerne ein Superstar?
Was denn sonst? Doch nicht etwa Ärztin, Sozialarbeiterin, Chemieprofessorin oder sonst etwas Doofes.

8. Hast du schon mal gelogen?
Heute zum ersten Mal. Beim Beantworten dieser Fragen.

Damit auch jedes Mädchen weiss, was im Leben wirklich zählt, gibt es hinten die Möglichkeit, anzugeben…

…wie oft man schon beim Coiffeur war.

…wie viele Schmuckstücke man besitzt.

…wie viele verschiedene Farben Nagellack man besitzt.

…wie viele Lieder man auswendig mitsingen kann.

…wie viele Kleider im Schrank hängen. Pardon, das Verb hängen ist etwas zu schwierig, da steht „sind“.

…wie oft man schon geflogen ist.

…wie viele TV-Serien man gesehen hat.

…wie oft man seinen Lieblingsfilm gesehen hat.

…wie viel Geld man gespart hat.

…und ganz besonders wichtig: Wie oft man die Hausaufgaben vergessen und sich verschlafen hat.

Genau so kommt man weiter im Leben, da bin ich mir ganz sicher. Wie weit jedes Mädchen, das sich ins Buch eingetragen hat, kommen wird, lässt sich mithilfe einer Abstimmung ermitteln. Der einführende Text hat mich zutiefst beeindruckt:

„Jedes Girl in eurer Clique ist einzigartig – und ganz besonders. Ist doch klar, dass ihr alle mal berühmt werdet. Wer erobert als Topmodel die Laufstege dieser Welt – und wer rockt die Bühne als Popstar? Hier könnt ihr abstimmen und Sternchen verteilen. Votet die nächsten Stars.“

Etwas traurig darüber, dass Luise gar nicht zur besagten Clique gehört, sondern das Buch eher aus Zufall in die Hand gedrückt bekommen hat, lese ich, was Luise denn werden könnte, wäre sie auch so ein einzigartiges – und ganz besonderes – Girl:

Wer von euch wird ein Topmodel werden?
Wer von euch wird die grösste Modedesignerin?
Wer wird die Charts als Popstar stürmen?
Wer wird die nächste grosse TV-Moderatorin?
Wer von euch wird Filmstar?

Ich bin so dankbar, dass Luise dieses Freundschaftsbuch ausfüllen durfte, denn jetzt hört sie vielleicht endlich damit auf, ihre Hausaufgaben zu machen, sich um kleine Kinder und Tiere zu kümmern und Krankenschwester, Kindergärtnerin oder Hebamme werden zu wollen. Hat ja doch alles keine Zukunft…

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Die Gewissenhaftigkeit in Person

Nein, heute war nicht sein Tag. Zuerst wollten weder Mama noch Kindergärtnerin glauben, dass er es nicht schafft, schon wieder in die Turnhalle zu gehen. Später musste er feststellen, dass der Inhalt seiner Znünibox so gar nicht seinen Wünschen entsprach. Auf dem Heimweg rannte der beste Freund einfach so mit anderen Kindern davon. Da halfen weder Protestgeschrei, noch Schubsen und Zerren. Am Nachmittag fuhr Grossmama ohne ihn in die Migros und abends wollte Papa ihn dazu zwingen, mit allen anderen am Tisch zu essen. Diese letzte Ungerechtigkeit brachte das Fass zum überlaufen, ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als schluchzend auf dem Fussboden einzuschlafen. 

Gegen 23 Uhr wird er wieder wach, er schleppt sich in sein Bett, wo er versucht, den Schlaf wieder zu finden. Plötzlich dieser Gedanke: „Habe ich meine Zähne überhaupt schon geputzt?“ Er fragt seine Eltern. Papa behauptet, die Zähne seien sauber, Mama kann die Frage nicht beantworten, denn sie war mit dem grossen Bruder im Fechttraining. „Nein, Papa, heute Abend habe ich die Zähne nicht geputzt. Das war gestern“, insistiert er, als Papa sagt, er solle sich keine Gedanken machen. Also muss Mama die Zahnbürste ans Bett bringen, denn aufstehen mag er jetzt nicht mehr. Als er fertig geschrubbt hat, zeigt er wie immer sein blitzblankes Gebiss, auch wenn es dunkel ist im Zimmer. Er will wissen, ob seine Zähne jetzt sauber sind. „Sie sind sauber“, bestätigt die Mama und jetzt endlich kann er diesen elenden Tag hinter sich lassen und getrost wieder einschlafen. 

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Zähflüssig

An gewissen Tagen ist es, als hätte jemand über Nacht deine Wohnung mit Honig übergossen und zwar mit dieser billigen, zähflüssigen Sorte, die so unglaublich gut haftet, zuerst am Glas, dann am Löffel und schliesslich überall, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat. An solchen Tagen kommt es dir so vor, als würde die ganze Familie knöcheltief in diesem Honig waten und du hast die mühsame Pflicht, jedem Familienmitglied dabei zu helfen, in dieser klebrigen Masse einen Fuss vor den anderen zu bekommen.

„Trink jetzt deinen Kakao, FeuerwehrRitterRömerPirat. Ja, die Tasse steht zwei Zentimeter neben deiner rechten Hand, eine kleine Bewegung nur und du kannst den Griff fassen. Ja, gut so und jetzt führst du die Tasse zu deinen Lippen. Und jetzt schlucken. Nein, jetzt die Tasse nicht wieder hinstellen, noch ein Schluck und noch einen. So ist gut. Und jetzt erhebst du deinen Hintern vom Hocker, gehst ins Badezimmer und wäschst dir dein Gesicht. Jawohl, dazu nimmt man einen feuchten Waschlappen und mit dem fummelt man dann im Gesicht herum. Und wo du schon mal im Bad bist, empfiehlt es sich, gleich zur Zahnbürste zu greifen. Die Zahnbürste ist dieses Ding mit dem langen Stiel und den Borsten, mit dem man an den Zähnen herum schrubbt. Gut…“

„Weisst du, ‚Meiner‘, ich habe mir überlegt, wir könnten Karlsson stets Znünigeld für eine Woche geben, das er sich dann selber einteilen muss, wenn er sein Znüni unbedingt kaufen will. Ja, ein fixer Betrag und wenn er das Geld zu schnell aufgebraucht hat, muss er eben seine eigenen Brote schmieren. Damit er lernt, das Geld einzuteilen, ja und damit er lernt, dass es billiger ist, den Znüni von zu Hause mitzunehmen. Für den Znünikisok in der Schule, genau den meine ich.  Nein, nicht viel Geld, einfach ein paar Franken, die er selber verwaltet. Genau, und wenn er kein Geld mehr hat, dann muss er eben selber schauen. Ja, so meine ich das. Selbstverständlich können wir heute Abend in Ruhe darüber reden…“

„Klar kannst du eine Tasse Tee haben, Zoowärter, aber zieh dich doch in der Zwischenzeit schon mal an. Ja, die Hose, die du gestern bekommen hast. Jawohl, auch eine Unterhose und ein T-Shirt. Das findest du im Schrank, genau….Dein Tee ist fertig, Zoowärter. Aber warum bist du noch nicht angezogen? Hier ist deine Unterhose. Vielleicht musst du zuerst die von gestern ausziehen. Gut, und jetzt die Hose. Nein, die Unterhose von gestern bitte in den Wäschekorb, nicht auf den Fussboden…So, jetzt musst du aber wirklich gehen. Wie, dein Tee? Die Tasse steht seit zwanzig Minuten auf dem Tisch und du sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch, aber trinken müsstest du schon noch selber. Nein, der Tee ist jetzt nicht mehr heiss… Und jetzt die Schuhe. Ja, die Sandalen, die Sonne scheint…“

„Ja, Luise, dein neues T-Shirt gefällt mir sehr gut und ja, die Katzen sind wirklich unheimlich lieb und herzig, ja, du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet, ja, deine neue Hose ist auch toll, ja, ich kann dich kämmen, aber du solltest dir heute unbedingt die Haare waschen, ja, du darfst dir meine Schuhe ausleihen, ja, irgendwann darfst du dir einen zweiten Ohrring stechen lassen, nein, ich weiss noch nicht wann, nein, heute ganz bestimmt nicht, du brauchst jetzt nicht zu motzen, ich hab gesagt, wir machen das, aber ich weiss noch nicht wann, nein, ich habe dein Matheblatt nicht gesehen, nein, ich kann nichts dafür, dass du so viele Hausaufgaben machen musstest, nein ich habe auch dein Englischblatt nicht gesehen…Du willst doch nicht etwa sagen, dass du jetzt noch zwanzig Aufgaben lösen musst, die du gestern Abend hättest lösen müssen?“

„Du kannst den Computer selber einschalten Karlsson. Ja, der Drucker sollte genügend Tinte haben. Selbstverständlich hast du dein Titelblatt schön gestaltet. Kannst du bitte das Papier selber suchen, ich muss jetzt…Doch, gestern ging der Drucker noch. Nein, ich weiss nicht, welcher Trottel wieder diese Abdeckung weggenommen hat. Geht noch immer nicht? Dann mailst du das Titelblatt halt an die Lehrerin. Das möchte sie nicht? Aber wenn unser Drucker streikt…Okay, ich komme gleich, muss nur noch…Ja, Karlsson, ich habe gesagt, ich komme gleich, einen Augenblick bitte. Kannst du das hier mal halten, ich versuche den Drucker zu kippen. Gut, jetzt sollte es klappen. Ist wirklich schön geworden, dein Titelblatt, aber jetzt musst du dich beeilen. Nein, ich weiss auch nicht, wo dein zweiter Hallenschuh ist…“

Ein Wunder, dass du keinem sagen musst, wie das mit dem Atmen funktioniert: „Einfach immer schön ein und aus, nicht zu schnell und nicht zu langsam, ja, der Brustkorb hebt und senkt sich, schön….“

Wenn dann endlich alle bereit sind und du denkst, das Schwierigste sei überstanden, dann setzt sich dein Erstklässler auf die Treppe und heult, weil er nicht zur Schule gehen will, weil es dort so laaaaaaaangweilig ist. Und du weisst, dass die Morgenroutine zumindest beim Zoowärter mit dem Beginn dieser Krise nur noch zähflüssiger sein wird…

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Laufen lernen

Keine Angst, das wird schon gut gehen. Auf dem Hinweg hast du ja noch die kleine, leicht feuchte Hand, an der du dich festklammern kannst. Und der Heimweg? Kein Problem, einfach immer schön einen Fuss vor den anderen setzen. Nein, nicht so schnell, du darfst dir getrost Zeit lassen. Ja, es gibt tausend Dinge zu erledigen, aber nichts, das nicht auch noch zwei oder drei Minuten länger warten könnte. 

Nein, nicht zurückschauen, da ist niemand, auf den du warten musst. Schau einfach nur geradeaus, oder vielleicht nach links, zu diesem stolzen Kater, der gemütlich über die Wiese spaziert. Ja, geh ruhig zu ihm, streichle ihn, da ist kein kleines Kind, das du daran hindern müsstest, kopflos über die Strasse zu rennen. Willst du nicht noch schnell einen Blick in den Garten dort drüben werfen? Die haben wunderschönen Federkohl angepflanzt. 

Ist dir eigentlich schon aufgefallen, wie hilflos du deine Hände ins Leere baumeln lässt? Allmählich solltest du dich daran gewöhnen, dass sie nichts mehr haben, an dem sie sich festhalten können. Den Kinderwagengriff hast du dir auch abgewöhnen können, also wirst du auch das noch hinkriegen. Findest du es nicht unglaublich befreiend, nichts mit dir schleppen zu müssen, keinen Teddy, keine Einkaufstasche, ja, nicht mal deine Handtasche? Wie? Du weisst nicht, wohin mit deinen leeren Händen? Na, warum streichst du nicht mit den Fingern über diese Mauer hier? Das hast du seit Ewigkeiten nicht mehr getan.

Ja, jetzt machst du es richtig gut, nicht zu schnell, nicht zu langsam und schön aufrecht. Toll, wie du deinen Blick wandern lässt. Wenn du jetzt noch die Sache mit deinen Händen….Nein, halt! Lass dich von diesem Babygeschrei nicht ablenken, es geht dich nichts an. Oh sieh mal, jetzt bist du dann gleich zu Hause. Das hast du ja schon ganz gut hingekriegt. Nur noch ein paar Mal üben und dann schaffst du es ganz ohne Prinzchens Hilfe.

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Prinzchen-Facetten

Die Zahnärztin kennt das Prinzchen als einen tapferen Jungen, der Untersuchungen, Röntgen und Zähneziehen ohne die geringste Regung über sich ergehen lässt.

Die Kinderärztin kennt das Prinzchen als einen äusserst gesprächigen Jungen, der bereitwillig jede Frage beantwortet, wenn er nicht gerade zu krank ist.

Der beste Freund kennt das Prinzchen als einen Jungen, der stets zum Spielen aufgelegt ist und der vor fast nichts zurückschreckt.

Meine Mutter kennt das Prinzchen als einen Jungen, der ohne Punkt und Komma redet und dabei alles entdecken und ausprobieren will.

Unser Neffe kennt das Prinzchen als einen Jungen, der pausenlos singt.

Unsere grösseren Kinder kennen das Prinzchen als einen Jungen, der mit aller Macht seinen Kopf durchsetzen kann.

Die Kindergärtnerin kennt das Prinzchen als einen Jungen, der zwar zu Beginn jeweils etwas ängstlich ist und manchmal auch weint, dann aber mit Begeisterung mitmacht.

Die anderen Mütter kennen das Prinzchen als einen Jungen, der fast ohne Unterbruch in Bewegung ist.

Die Coiffeuse kennt das Prinzchen als einen Jungen, der sich auf gar keinen Fall die Haare schneiden lassen will.

Die Verkäuferinnen kennen das Prinzchen als einen Jungen, der starrköpfig die Lippen zupresst, wenn er etwas zu ihnen sagen sollte. 

Die Passanten kennen das Prinzchen als einen Jungen mit wuscheliger Mähne und einem riesigen Teddy.

„Meiner“ und ich kennen das Prinzchen auch auf all diese und viele weitere Arten.

Seit einigen Tagen lerne ich das Prinzchen aber auch als einen Jungen kennen, der seine Sache besser als gut machen will, der sehr viel von sich selber erwartet und sich deshalb voll und ganz verausgabt.

Wenn er dann sein Bestes gegeben hat,  lerne ich das Prinzchen als einen Jungen kennen, der sich schluchzend an mich klammert und irgendwann erschöpft in meinen Armen einschläft.

Ich bin froh, auch dieses Prinzchen zu kennen und hoffe, dass er weiss, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal schwach und hilflos zu sein. 

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