Kein Spaziergang

Heute Nachmittag, auf einem sehr ausgedehnten Spaziergang mit allen fünf Kindern und einer Mitarbeiterin, dämmerte mir, dass das, was vor uns liegt kein Spaziergang sein wird. Karlsson, noch keine zwölf Jahre alt, bot mir einen Vorgeschmack auf das, was nun alle unsere Kinder Schlag auf Schlag durchmachen werden. So, wie sie eines nach dem anderen in die Welt gepurzelt kamen und so, wie sie eines nach dem anderen ihre mehr oder weniger heftigen Trotzphasen durchmachten, so werden sie jetzt eines nach dem anderen beweisen müssen, dass sie auch ohne Mama und Papa können. 

Karlsson dreht derzeit für seine Verhältnisse gewaltig auf, allerdings nur, wenn er Publikum hat. Solange er und ich zu zweit sind, verstehen wir uns prächtig. Wir reissen Witze, malen uns die absurdesten Geschichten aus und unterhalten uns über Gott und die Welt. Nervenaufreibend wird es erst, wenn jemand dabei ist, der nicht zur Familie gehört. Heute Nachmittag, zum Beispiel, wurde ich als Lügnerin beschimpft, bloss weil Karlsson nicht verstanden hatte, dass ich meiner Mitarbeiterin einen kindertaugliche Stelle im Wald zeigen wollte, dass ich aber keineswegs gedachte, mich dort mit meiner Familie dauerhaft niederzulassen, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre. „Du hast gesagt, wir gehen in den Wald und das heisst, dass wir dort auch bleiben“, zeterte er. „Da hätte ich ja ebenso gut zu Hause bleiben können.“ Fünf Minuten später das nächste Drama. „Du bist so unfair. Das Prinzchen und der Zoowärter dürfen im Leiterwagen fahren, ich aber muss zu Fuss gehen, obschon du weisst, dass mein Knie weh tut.“ Mein Einwand, dass der Leiterwagen nicht für Kinder seiner Grösse geeignet sind, diente nicht zu seiner Beruhigung sondern einzig als Beweis dafür, dass ich ihn weniger liebe als unsere anderen Kinder. Danach einige Momente entspannten Geplauders, gefolgt von einem weiteren Zwist, weil ich schon wieder etwas Falsches gesagt, oder vielleicht auch nur eine Augenbraue zu viel hochgezogen hatte. Dazwischen wieder einige sonnige Abschnitte, dann wie aus dem Nichts eine Attacke auf eines der jüngeren Geschwister, gefolgt von einem „Ihr seid alle so gemein zu mir!“.

Keine Frage,  die Pubertät steht vor der Tür und Karlsson, der Arme, ist einmal mehr der Erste, der da durch muss. Einmal mehr werden wir Fehler begehen, die wir bei den jüngeren Kindern nicht mehr machen werden, einmal mehr werden mich die Ängste plagen, ob wir das auch richtig hinkriegen. Dennoch wehre ich mich dagegen, in Panik zu geraten, denn genau so wenig wie es half, in der Zeit der durchwachten Nächte und der Trotzanfälle nur noch das Anstrengende und Zermürbende zu sehen, genauso wenig bringt es, mich dagegen aufzulehnen, dass aus kleinen Kindern grosse Kinder und schliesslich Erwachsene werden.

Einfach wird es nicht, das ist mir klar, aber wir haben uns ja nicht der Einfachheit halber dazu entschieden, Kinder zu haben.

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

So geht das nicht, Mama Venditti

Ein paar Tage lang mag es völlig okay sein, dass die Arbeit an erster Stelle steht. In Krisensituationen, oder wenn ein wichtiger Anlass bevorsteht, oder wenn man eine Sache auf einen bestimmten Termin hin abschliessen muss. Irgendwann aber muss wieder Schluss sein damit und die Familie muss wieder oberste Priorität haben. Bei mir dauert es jeweils ziemlich lange, bis mir dämmert, dass es jetzt wieder Zeit zum Umdenken ist. Meist braucht es ein einschneidendes Erlebnis, das mich aufrüttelt. 

Heute, zum Beispiel, als ich am Vormittag mit dem Prinzchen Griesspudding für die Kinder, die jeweils am öffentlichen Mittagstisch essen, zubereitete. In meiner eigenen Küche, mit Milch, Butter und Eiern aus unserem Kühlschrank, mit Griess, Salz und Zucker aus unserem Vorratsschrank, mit Zitronenschale aus unserer Obstschale – und mit zwei Zimtstangen, die der Arbeitgeber bezahlt hat. Was ja nicht weiter schlimm ist, denn es macht viel mehr Spass, mit dem Prinzchen gemütlich am Herd zu stehen und zu kochen, als an einem freien Tag zur Arbeit zu hetzen und dort in der Küche alle nervös zu machen mit meinem Chaos. Dass die Zutaten aus dem eigenen Vorrat stammen, stört mich auch nicht, denn bei den Mengen, die wir verbrauchen, fällt das nicht ins Gewicht. Was mich aber ernsthaft beunruhigt, sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Ist es okay, wenn ich einen Teil des Puddings unseren eigenen Kindern serviere? Wäre es nicht anständiger, das Überschüssige meinen Arbeitskolleginnen zu überlassen? Und warum erkläre ich schliesslich dem Prinzchen laut und deutlich, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn wir auch von dem Pudding essen, da die Zutaten ja aus unserer Küche stammen? Gerade so, als müsste ich mich gegenüber einem unsichtbaren Beobachter rechtfertigen. 

Nein, so kann das nicht weitergehen, Frau Venditti. Zuallererst bist du Mutter und alles andere kommt nachher. Und wenn du das vergessen hast, dann ist es jetzt höchste Zeit, dich wieder daran zu erinnern. Denn wenn du deinen Kindern den Griesspudding nicht gibst, dann holen sie ihn sich anderswo…

Lauter faule Ausreden

Oh ja, ich weiss, heutzutage ist man verständnisvoll und tolerant. Dagegen habe ich ja grundsätzlich nichts einzuwenden, und doch habe ich es zuweilen gründlich satt, stets alles mit verständnisvollem Blick abzunicken. „Aber natürlich verstehe ich, dass Ihre Tochter kein Vollkornbrot essen kann, wo sie doch als Kleinkind einmal ein traumatisches Erlebnis mit einem Kernenbrötchen hatte.“  Selbstverständlich ist es okay, dass du nicht zu dieser Sitzung kommst, wo du doch nachweislich allergisch bist auf das Material, aus dem die Stühle sind, auf denen wir jeweils sitzen.“ „Ist doch klar, dass du keine schweren Einkaufstaschen mehr schleppen magst. Du hast dich ja jetzt dazu entschieden, schwanger zu werden und da kann man nicht früh genug anfangen, sich zu schonen.“ „Nein, ich nehme es Ihnen bestimmt nicht übel, dass Sie unsere Autotüre eingedrückt haben. Wenn ich ein schwerkranken Meerschweinchen hätte, könnte ich mich auch nicht mehr auf den Strassenverkehr konzentrieren.“ „Aber natürlich war es richtig, deinen Mann vor die Tür zu setzen. Jemand, der so grässlich schmatzt, hat nichts Besseres verdient.“

Meine Beispiele sind natürlich vollkommen aus der Luft gegriffen und haben nicht im Entferntesten mit meinem Erleben im Alltag zu tun. Ich bin ja nicht so blöd, an dieser Stelle jemandem aus meinem Umfeld auf die Zehen zu treten und dann bei der nächsten Gelegenheit zu hören: „Weisst du, dein Blogeintag hat mich so sehr verletzt, dass ich eine panische Angst vor dem Internet entwickelt habe. Darum kann ich jetzt auch keine Mails mehr beantworten. Das verstehst du doch, nicht wahr?“

Das Schlimmste sind nicht mal die erbärmlichen Begründungen, die da für jede Unpässlichkeit, Unlust und Unmoral aufgetischt werden. Nein, das Schlimmste ist, dass ich tatsächlich jedes Mal nett und verständnisvoll nicke, anstatt klipp und klar zu sagen, wie sehr es mich nervt, wenn die Leute bei jeder Gelegenheit eine Allergie, ein Trauma, eine Krise oder weiss ich was aus dem Hut zaubern, um sich aus der Verantwortung stehlen. Dann doch lieber so, wie mal ein ehemaliges Au Pair zu mir sagte: „Weisst du, ich habe absolut keinen Bock auf Arbeit morgen. Kannst du mir nicht frei geben?“ Da konnte ich wenigsten rundheraus zur Antwort geben: „Mädchen, mit dieser Einstellung findest du nie einen anständig bezahlten Job, also reiss dich gefälligst zusammen. Du hast übermorgen noch genügend Zeit zum Shoppen.“

Gedanken

Etwas mehr als fünf Jahre noch und Karlsson ist gleich jung wie „Meiner“ und ich waren, als wir uns kennen lernten.

Noch ein paar Monate und ich bin gleich alt, wie meine Mutter war, als ich zur Welt kam. Glaubt mir, in meinen Augen war meine Mutter sehr alt, als ich noch klein war.

Es ist durchaus vorstellbar, dass ich Grosstante sein werde, bevor mein erstes Kind volljährig ist.

Luise lacht nicht mehr über die Witze, die „Meiner“ zu ihren Freundinnen macht.

Ich ertrage keine Zugluft mehr. Und hochhackige Schuhe waren auch schon mal bequemer.

An manchen Tagen höre ich meine biologische Uhr ticken, obschon das Thema für mich offiziell abgeschlossen ist.

In der Gegenwart von gewissen überdurchschnittlich selbstbewussten jungen Menschen fühle ich mich sehr alt, ääähm, ich meine natürlich weise.

Manchmal, wenn die Kinder voller Begeisterung von der Zukunft reden, muss ich aufpassen, dass ich keine pessimistischen Bemerkungen mache.

Wäre ich nicht Mutter, ich würde vor sehr vielen Zeiterscheinungen die Augen verschliessen, weil sie mir so etwas wie Angst einflössen.

Hach, wie war das doch schön früher, wenn man im Mai endlich keine Strumpfhosen mehr tragen musste, sondern zu den Kniestrümpfen wechseln durfte. Und waren sie nicht herrlich, diese doppelten Glace-Lutscher mit dem Schokoladenüberzug? Schade, dass es die heute nicht mehr gibt. Stellt euch vor, damals bekam man für fünfzig Rappen ziemlich viele Süssigkeiten. War das ein Spass, als wir jeweils abends zur Käserei gingen, um frische Milch zu holen. Damals gab es noch in jedem Dorf eine Käserei, wisst ihr…

Nein, ich bin nicht alt, aber…

Lasst uns Eltern doch (nicht) in Ruhe!

Jetzt ist mir endlich klar, weshalb aus mir nichts Rechtes hat werden können. Als jüngstes von sieben Kindern sehr selten im Kontakt mit Kindern, die nicht meine Geschwister waren, keine Spielgruppen – erst recht keine Krippenerfahrung, fast ausschliesslich von meiner Mutter betreut, erst mit sechs in den Kindergarten und das auch nur ein Jahr lang. Das konnte ja nicht gut kommen. Eine „psychosoziale Versorgungslücke“ entsteht so offenbar, wie ich heute in einer Sonntagszeitung lese. Weil die Kinder hierzulande so viel später als in anderen Ländern dem Bildungssystem zugeführt werden und somit viel zu spät in Kontakt mit Fremdbetreuung, Erwachsenen ausserhalb ihrer Familie und anderen Kindern kommen. Dadurch entstünden Lücken „die während der ganzen Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden“ könnten. Aha, darum also meine unterdurchschnittlichen Mathe-Ergebnisse. Fragt sich bloss, wie ich dann trotzdem die Matura geschafft habe…

Nun gibt es zum Glück wohlmeinende Menschen in der Schweiz, die diesen Missstand zu beheben gedenken, indem man Dreijährige an mindestens vier Halbtagen pro Woche auf den Kindergarten vorbereiten will. Das soll zwar freiwillig sein, zielt aber klar auch auf Kinder ab, die mit Geschwistern aufwachsen. Die Kleinen würden eben lieber mit den Kindern aus der Kita zusammensein als mit der kleinen Schwester. Was gut sein mag, denn die Kinder in der Kita muss man ja auch nicht Tag und Nacht ertragen, die kleine Schwester hingegen…Na ja, was weiss ich schon, ich hatte ja keine, ich war sie… Also ab in die Kita mit den Dreijährigen, damit wir „das EU-Bildungsniveau einholen“, wie es weiter in dem Artikel heisst.

Diese Haltung nervt. Als ob ein Kind nicht auch auf dem Spielplatz, im Wohnquartier oder beim Muki-Turnen den Umgang mit anderen Kindern lernen könnte. Als ob wir Eltern uns mit unserem Nachwuchs abschotten und keine Kontakte zur Aussenwelt pflegen würden. Als ob wir bei jedem Schritt unserer Kinder nur die Ergebnisse der nächsten Pisa-Studie vor Augen hätten. Als ob Mütter und Väter, Grosseltern und Tanten nicht auch sehr viel Wertvolles an die Kinder weiterzugeben hätten.

Mich nervt aber nicht alleine diese Sicht, sondern auch die reflexartige Ablehnung des Vorschlags auf der anderen Seite des politischen Spektrums. „Ich bin der Meinung, dass man Kinder bis zum obligatorischen Schulbeginn Kinder sein lassen soll“, tönt es aus dem bürgerlichen Lager sogleich zurück, gerade so, als würden die Kleinen in der Kita den Satz des Pythagoras und das Periodensystem der chemischen Elemente pauken. Gerade so, als gäbe es keine Familien, in denen den Kindern das Kindsein verwehrt bleibt, weil die Mama sie mit ihren psychischen Problemen belastet und der Papa säuft. Gerade so, als gäbe es keine Einwandererfamilien, die in ihrem eigenen Mikrokosmos leben, wodurch die Kinder tatsächlich den Anschluss verlieren, weil sie die Landessprache nicht beherrschen.

Ich wünschte mir, dass man endlich aufhörte, mit „entweder/oder“, „alle oder niemand“ zu argumentieren. Was für das eine Kind dringend nötig wäre, ist für das andere schlicht verschwendetes Geld, weil es das, was man ihm bieten will, in der eigenen Familie gratis bekommt. Wie habe ich sie doch satt, diese Politiker, die sich mit dem Thema eine ideologische Schlammschlacht liefern, um Wählerstimmen zu gewinnen. Wie sehr gehen mir jene Eltern auf die Nerven, die aufgrund ihrer eigenen – meist günstigen – familiären Situation darauf schliessen, dass es bei allen anderen doch auch reibungslos klappen sollte. Setzt euch doch endlich mal an einen Tisch und überlegt euch, wie man bestehende Problemen löst, ohne neue Zwänge für alle zu schaffen.

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Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.

Abgekühlt

Ich muss zugeben, dass unsere Beziehung zur Volksschule auch schon bessere Tage gesehen hat. Anfangs waren wir ja geradezu begeistert voneinander, wir wollten nur das Beste für die Kinder und die Gelegenheiten, bei denen wir uns begegneten, waren die reinste Freude. Viele nette Worte, gegenseitiges Bekräftigen, dass wir am gleichen Strick ziehen und geduldiges Nachsehen von kleinen Ausrutschern.

In letzter Zeit aber zeichnet sich ab, dass wir uns auseinanderleben. Das liegt wohl vor allem daran, dass „Meiner“ und ich inzwischen alte Hasen sind, wenn es um Sachen Einschulung und Prüfungen geht. Und das hat dazu geführt, dass wir gewisse Dinge einfach nicht mehr so eng sehen. Karlsson hat seine Hausaufgaben zwar gewissenhaft erledigt, hat aber dummerweise die letzte Rechnung übersehen? So what? Dann löst er sie eben heute Nachmittag. Luise hat am ersten Tag nach den Ferien das Turnzeug noch nicht dabei? Ist doch nicht so schlimm, sie hat ja erst am Mittwoch Turnen und somit noch zwei Tage Zeit, es zu bringen. Wir sind eindeutig gelassener geworden, was die Schule anbelangt, auch wenn es uns natürlich nach wie vor wichtig ist, dass unsere Kinder sich anständig benehmen und etwas lernen.

Die Schule aber hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Drückte man vor einigen Jahren bei einem braven Schüler noch eher mal ein Auge zu, so muss heute für jedes zu Hause vergessene Blatt eine Unterschrift der Eltern her. Fehlt auf dem Blatt der Name des Kindes, zerreist die Lehrerin das Blatt vor den Augen des Kindes. Auch dann, wenn das Kind ein Erstklässler ist, der seine Aufgaben fehlerfrei gelöst hat. Wenn der Name fehlt, ist alles nichts Wert.

Kein Wunder, dass ich heute nicht mehr allzu fröhlich gestimmt war, als mal wieder Schulbesuchstag auf dem Programm stand. Meine Erwartungen wurden leider nicht enttäuscht: Ziemlich farbloser Unterricht, viel Zurechtweisung, kein Lob – mal abgesehen von der Kindergärtnerin, die vom Zoowärter schwärmte – und kaum einmal ein Lächeln.

Oh ja, ich weiss, die Lehrer haben es heute nicht einfach. Ich erlebe das ja hautnah bei „Meinem“ und ich muss gestehen, dass ich selber nicht die Nerven dazu hätte, eine Klasse zu führen. Genau darum bin ich ja auch nicht Lehrerin geworden. Aber ist es denn zu viel erwartet, wenn man sich von einer Person, die diesen Beruf ergriffen hat, einen sanften Hauch von Begeisterung für die Arbeit mit den kleinen Menschen wünscht? Muss man gleich im Kasernenhofton losdonnern, bloss weil ein Kind die Aufgabe nicht beim ersten Mal begriffen hat? Versteht mich nicht falsch, auch ich beherrsche den Kasernenhofton bestens und machnmal mag er sogar angebracht sein, auch im Klassenzimmer. Nur kommen bei mir dazwischen auch mal Sätze wie „Das hast du toll gemacht“ oder „Wisst ihr was, Kinder? Ihr seid einfach grossartig“. Das dürfte doch auch mal gesagt sein, nicht wahr?

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Okay, aber doch nicht so

Es war mir von Anfang an klar, dass die Kinder eines Tages bemerken würden, dass es zweierlei Menschen gibt. Kein Problem, wirklich. Mir macht es nichts aus, wenn meine Söhne im kleinen Kindergarten zum ersten Mal bis über beide Ohren verliebt sind und dass Luise bei den Jungs gut ankommt, stört mich nicht. Im Gegenteil, ich finde es geradezu rührend, wie sie ihre ersten Gehversuche in Sachen Verliebtsein machen. Liebesbriefe, unschuldige Küsschen auf die Wangen, den Namen der Liebsten an die Zimmerwand schreiben – alles vollkommen in Ordnung für mich.

Rasend macht mich hingegen, wie früh das Ganze sexuell aufgeladen wird. Drittklässler, die Spiele spielen, die wir mit fünfzehn gespielt hatten. Mädchen, die noch vor dem zehnten Geburtstag ihr erstes „Date“ haben und sich dazu aufreizend anziehen. Anzügliche Bemerkungen von grösseren Mitschülern bevor die Mädchen überhaupt richtig aufgeklärt sind. Primarschülerinnen, die in der Schulstunde den neuesten Tanz vorführen und zwar mit solch eindeutigen Posen, dass mir schon von Luises Erzählung beinahe übel wird. Zum Heulen finde ich das.

Okay, es war uns von Anfang an klar, dass unsere Kinder in keine heile Welt hineingeboren worden sind. Wir ahnten, dass das Thema schon in der Primarschule aufkommen würde, darum haben wir mit der Aufklärung begonnen, sobald die Knöpfe ihre ersten Fragen stellten. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass es hier um etwas sehr Kostbares und Zerbrechliches geht, etwas, was weder lächerlich noch schmutzig ist. Darum stimmt es mich traurig, dass wir jetzt schon Gegensteuer geben müssen gegen eine Vorstellung von Sexualität, die geprägt ist von Anzüglichkeiten, billiger Anmache und einem himmeltraurigen Frauenbild.

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Und sie lieben sich doch…

Oh ja, sie wissen, wie man sich streitet, unsere fünf. Ein schräger Blick, ein falsches Wort und schon fliegen die Fäuste, oder es fliessen die Tränen, je nach Temperament und Tagesform. Ziemlich nervenaufreibend das Ganze, vor allem, weil sich das Spiel Tag für Tag in unterschiedlicher Besetzung und in variierender Heftigkeit wiederholt. Doch dann gibt es diese Tage, die so ganz anders sind. Tage, an denen die fünf zusammenhalten wie Pech und Schwefel.

Zum Beispiel heute, als für Luise so ziemlich alles schief ging. Es begann am frühen Morgen damit, dass ihr heiss geliebter Wachtel-Hahn namens Waldemar Leopold seine vier Hennen verliess und das Weite suchte. Schuld daran war Karlsson, der das Türchen einen Augenblick zu lange offen gelassen hatte. An normalen Tagen hätte Luise versucht, ihrem grossen Bruder den Hals umzudrehen und er hätte die Schuld an der Flucht weit von sich gewiesen. Aber heute war kein normaler Tag und darum machten sich die zwei sofort auf die Suche nach dem flüchtigen Waldemar Leopold. Nun ist es leider so, dass es auf dieser Welt Erwachsene gibt, die der festen Überzeugung sind, dass freilaufende Kinder immer Böses im Schilde führen. Einem solchen Erwachsenen begegneten unsere Kinder bei der Suche. Luise, für die dieser Erwachsene nur unter dem Titel „der böse Mann“ läuft, suchte entsetzt das Weite, als sie ihn sah, Karlsson aber stellte sich ihm tapfer entgegen und erklärte, dass sie nur einen entlaufenen Wachtel-Hahn suchen würden. Es nützte nichts, der Mann machte die Kinder trotzdem zur Schnecke, was zur Folge hatte, dass nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter sich in die Suche einschalteten. Soll doch kein Erwachsener glauben, er könne die Jungs daran hindern, ihrer Schwester zu helfen…

Nun, die Suche war leider erfolglos, Waldemar Leopold blieb verschwunden und hätte sich kein Unfall ereignet, so wäre Luise wohl doch noch auf den Gedanken gekommen, Karlsson mit Vorwürfen zu überschütten. Aber es ist  hinlänglich bekannt, dass ein Unglück nicht gerne alleine bleibt und so war es eigentlich nicht erstaunlich, dass die Nachbarin nach dem Abendessen mit einer weinenden Luise, welcher das Blut über die linke Wange strömte, in der Küche stand. Das arme Kind hatte beim Velofahren nicht mehr bremsen können, ausgerechnet heute, wo sie keinen Helm trug. Luises Gehirn war erschüttert, ihre Brüder ebenso. Der FeuerwehrRitterRömerPirat griff sogleich zu Papier und Bleistift, um den Unfall bildlich festzuhalten, danach streichelte er seine weinende Schwester liebevoll und holte ihr ohne Murren alles, was sie von ihm brauchte. Der Zoowärter erinnerte sich indessen an das Bibelwort, dass man mit den Weinenden weinen solle und das Prinzchen berichtete ganz verstört dass „meine Schwester ganz fest blutet“. Am schlimmsten aber erwischte es Karlsson, der es kaum ertragen konnte, dass Luise, die er an gewöhnlichen Tagen so gerne piesackt, heute so viel einstecken musste. Wieder und wieder entschuldigte er sich unter Tränen für seine Unachtsamkeit, wieder und wieder beruhigte ihn Luise, die vor lauter Schmerzen kaum reden konnte. 

Als abends später als gewöhnlich endlich Ruhe eingekehrt war, hätte man eigentlich erwarten können, dass „Meiner“ und ich ziemlich geschafft wären. Waren wir auch, aber nicht ganz so schlimm wie sonst, denn wenn die fünf zusammenhalten ist das Leben eindeutig leichter, als wenn man alle drei Minuten den Schiedsrichter machen muss.