Die Nachhilfelehrerin

„Mama, hilfst du mir bitte bei den Mathematik-Hausaufgaben?“

„Besser nicht. Du weisst ja, wie ich es habe mit den Zahlen. Frag lieber den Papa.“

„Aber der Papa ist gerade im Garten und hat keine Zeit und um halb fünf muss ich zur Orchesterprobe. Also hilfst du mir jetzt bitte? Ich schaffe es alleine nicht.“

„Na gut, was musst du denn machen?“

„Diese schrecklichen Zahlendreiecke. Schau mal…“

„Hmmm…wie soll man das denn lösen? Solche Dinge gab es zu meinen Zeiten noch nicht…Also, ich würde mal versuchen, die Zahl hier von der anderen zu subtrahieren und dann…“

„Aber Mama, so geht das nicht. Man muss diese Zahl hier so und dann die andere so und am Schluss die dritte so und dann…“

„Hä? Ich hab kein Wort verstanden. Kannst du mir das bitte noch einmal erklären. Aber nicht so schnell, sonst komme ich nicht mit.“

„Also, noch einmal von vorn: Du beginnst hier, machst dann hier oben weiter und dann, mit dem Resultat löst du die Aufgabe hier unten. Klar?“

„Klar? Von wegen! Ich verstehe das alles überhaupt gar nicht. Komm, mach die Hausaufgaben, wenn der Papa wieder Zeit hat.“

„Aber Mama, das geht wirklich nicht. Ich muss die Aufgaben bis morgen fertig haben und heute Abend bin ich zu müde und wenn ich die Rechnungen nicht gelöst habe, bekomme ich einen grünen Strich und wenn ich zu viele grüne Striche habe, dann gibt’s einen Eintrag im Zeugnis. Du musst mir einfach helfen…“ 

„Wie soll ich dir denn helfen, wenn ich doch überhaupt nicht verstehe, was du hier machen musst? Ich verstehe nicht, weshalb diese Zahl hier mit der hier verrechnet werden soll und warum du addierst, anstatt zu subtrahieren und überhaupt ist das alles ein einziger blöder Mist! Sag doch dem Lehrer, dass nicht mal die Mama diese doofen Hausaufgaben versteht.“

Irgendwann kommt zum Glück der Papa ins Zimmer und erklärt dem Kind die Hausaufgaben, wenn man Glück hat noch bevor Mama und Kind in Tränen aufgelöst sind.

Es geht aber auch anders:

„Mama, diktierst du mir dieses Diktat?“

„Aber klar doch, mein Kind. Reich mir mal den Zettel, wir fangen an. Okay, bist du bereit?“

Kind malt Kringel aufs Blatt, schaut ins Leere und sagt, es sei bereit.

„Gut, dann legen wir los. ‚Die Pausenglocke‘ 

Kind schreibt ‚di pausengloke‘, Mama reisst sich ganz fest zusammen, um nichts zu sagen, diktiert dann aber weiter: „In dem alten Schulhaus…“

Kind schreibt ‚indem alten Sculhaus‘, Mama reisst sich noch etwas mehr zusammen und fährt fort: „hängt eine wunderschöne, alte Pausenglocke…“

Kind schreibt ‚hangt eine Wunder schöne, alte pausengloke‘, Mama seufzt tief, murmelt etwas Unverständliches vor sich hin und fährt fort mit dem Diktat. Das Kind strengt sich an, alles richtig zu machen, verliert aber mehr und mehr die Konzentration, weil es nicht begreifen kann, weshalb es diesen langweiligen Text über die Pausenglocke fehlerfrei schreiben soll.

„Ich schreib jetzt nicht mehr weiter“, protestiert es schliesslich. „All diese ie und h und Grosschreibungen sind mir viel zu schwer, das lerne ich nie.“

„Natürlich lernst du das“, sagt die Mama und sie weiss selber nicht, ob das nun ermutigend oder drohend daherkam.Jetzt schauen wir uns noch einmal jeden einzelnen Fehler genau an und dann diktiere ich dir das Ganze noch einmal.“

„Aber ich hab das Diktat doch erst in drei Tagen. Da bleibt noch so viel Zeit zum Üben. Bitte Mama, können wir jetzt aufhören?“

„Nichts da, wir machen weiter. Mindestens noch zweimal ziehen wir das durch. Also, los geht’s: ‚In dem alten Schulhaus….‘

Zum Glück kommt irgendwann der Papa ins Zimmer und rettet das Kind von der Mama, die so versessen ist auf eine fehlerfreie Rechtschreibung, dass das arme Kind wohl bis Mitternacht üben würde, wenn die Wörter nicht perfekt daherkommen.

Man sieht, ich tauge eindeutig nicht als Nachhilfelehrerin.

 

Dialog vor dem Spiegel

Luise: „Mama, warum trägst du deine Haare eigentlich nie zusammengebunden. Das würde so hübsch aussehen. Schau mal, wie hübsch du aussehen würdest. Luise windet Mamas Haar zu einem wilden Knoten. Warum machst du das nie?“

Mama, seufzend: „Weil man mein hässliches Mondgesicht besser sieht, wenn mir die Haare nicht ins Gesicht hängen.“

Luise: „Aber Mama,du hast doch kein Mondgesicht. Schau doch mal, wie hübsch…“

Mama: „Ach Quatsch, schau doch mal wie hässlich…“

Luise: „Weisst du Mama, uns sagst du jeweils, wir sollten nicht schlecht über uns selber reden, aber hör‘ dich doch mal an, wie du über dich redest.“

Okay, meine Tochter, ich habe verstanden. Ich werde nicht mehr schlecht über mich selber reden. Nur noch denken…

Ich ghöre es Glöggli…

Zoowärter und Prinzchen können nicht einschlafen. Oder wollen vielleicht auch nicht. Zeit, den Feierabend mit dem guten alten Schlaflied einzuläuten. „Ich ghöre es Glöggli, das lüütet so nett. De Tag isch vergange…“ singe ich, da unterbricht mich das Prinzchen. Wohin denn der Tag gegangen sei, will er wissen. Tja, was soll ich da antworten? Wo ich doch selber nicht weiss, wohin sich die vierundzwanzig Stunden, in denen so viele Dinge hätten Platz finden sollen, schon wieder aus dem Staub gemacht haben. Eben lagen sie noch vor mir, vielversprechend und unverbraucht, und schon sind sie wieder weg, aufgebraucht, verlebt und bereits nahezu vergessen. Die Zeit reichte für weniger, als geplant, Vieles blieb liegen, muss verschoben werden auf die nächsten vierundzwanzig Stunden, die man doch eigentlich mit anderen Dingen hätte füllen wollen. Anderes kam ganz unerwartet hinzu, nicht alles davon willkommen – der Familienkrach beim Mittagessen zum Beispiel, der hätte mir gestohlen bleiben können. Aber auch einige Lichtblicke, die sich nicht planen lassen: Gelächter mit Karlsson und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, ein gemütlicher Schwatz mit „Meinem“, ein gelungenes Gemüsecurry und dann eben „Ich ghöre es Glöggli“ mit unseren beiden Jüngsten.

Und dann diese Prinzchen-Frage: Wohin ist er gegangen der Tag? Ich weiss es nicht, mein Prinzchen. Er ist weg und kommt nicht wieder. Was zwar einerseits schade ist, andererseits aber auch ganz gut, denn ich fürchte, wenn ich ihn wieder zurückholen könnte, ich würde bloss versuchen, all das, was liegengeblieben ist, auch noch reinzustopfen. Aber das sage ich dem Prinzchen nicht. Ich lasse ihn lieber mit der Antwort des Zoowärters ins Bett gehen: „Der Tag ist dorthin gegangen, wo es noch hell ist. Weisst du, dort hinten am Himmel, wo man das Licht sieht.“

Ach, und jetzt hätte ich doch beinahe übersehen, dass ich soeben meinem 1000. Blogpost verfasst habe. Ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich davon ausgegangen war, dass ich die Sache spätestens nach drei Wochen wieder aufgeben würde…

Hallo, hier spricht der Vorzimmerdrachen

Liebe Mütter, die ihr gerne ausserhalb der Schulzeiten den Herrn Lehrer privat sprechen möchtet, hier spricht der Vorzimmerdrachen, der euch jeweils daran hindert, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihm vorzudringen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mein Schweigen brechen soll, denn obschon ich ein Drachen bin, fürchte ich mich ein wenig vor den Damen, denen ich gerne etwas mitteilen möchte. Diese Damen sind immerhin Mütter, meistens solche, die davon ausgehen, dass ihrem Kind Unrecht geschehen ist und man weiss ja, wie gefährlich Mütter sind, die glauben, ihr Kind beschützen zu müssen. Aber nach mehr als dreizehn Jahren des Schweigens muss es jetzt einfach mal raus. Also, hier kommt sie, meine Liste der zu vermeidenden Fehler, die Sie unbedingt beachten sollten, wenn Sie sich die Chancen aufrecht erhalten wollen, den Herrn Lehrer an den Draht zu kriegen:

1. Wenn der Herr Lehrer Ihnen am Anfang des Schuljahres bekannt gibt, wann er telefonisch erreichbar ist, dann gilt das für alle Eltern. Auch für Sie, Madame, die Sie glauben, Sie müssten ihm unbedingt während des Mittagessens mitteilen, dass Ihr Kind morgen einen Arzttermin hat und deswegen eventuell, falls im Wartezimmer viele Leute warten und falls gerade deutlich mehr Verkehr herrscht auf der Strasse, etwas verspätet zum Unterricht kommen wird. Das, meine lieben Mütter, ist kein Grund, den Lehrer, der übrigens auch eine Familie hat, beim Essen zu stören und darum dürfen Sie sich nicht darüber wundern, wenn der Drachen faucht. Ja, ich weiss, der Herr Lehrer hat gesagt, dass man ihn notfalls auch ausserhalb der Telefonzeiten erreichen kann, aber das mit dem Arzttermin, meine Damen, ist kein Notfall.

2. Es gibt gewisse Zeiten, zu denen man unter gar keinen Umständen zum Telefon greift, um den Lehrer anzurufen: frühmorgens um halb sechs kommt nicht in Frage, schon gar nicht, wenn der Herr Lehrer vor Kurzem Vater geworden ist. Auch abends um halb zehn ist nicht besonders nett und bitte haben Sie Verständnis, dass auch Anrufe am Heiligen Abend, am Pfingstmontag oder an einem ganz gewöhnlichen Sonntagnachmittag nicht erwünscht sind. Gewöhnlich werden einem solche Grundregeln des Anstands bereits in der Kinderstube beigebracht, aber wo dies nicht der Fall ist, muss eben der böse Vorzimmerdrachen ran.

3. Okay, Sie haben jetzt verstanden, dass man zu gewissen Zeiten keine Anrufe von Ihnen wünscht. Aber verstehen Sie auch, dass es Ihrem Kind gegenüber ziemlich unfair ist, wenn Sie deshalb zu ihm sagen: „Der Herr Lehrer wünscht jetzt keine Anrufe von mir, also könntest du das bitte für mich tun? Zu dir wird der Drachen bestimmt nett sein, du bist ja noch ein Kind.“? Ja, der Drachen bemüht sich tatsächlich darum, zu Kindern nett zu sein, aber Sie wissen doch, dass Drachen äußerst unberechenbare und launische Geschöpfe sind. Oder haben Sie etwa noch nie ein Märchen gelesen?

4. Sie möchten den Herrn Lehrer sprechen, aber der Vorzimmerdrachen teilt ihnen mit, dass dieser nicht zu sprechen ist, weil er gerade mit einem seiner eigenen Kinder unterwegs zur Notfallsation ist. Welche Reaktion ist Ihrer Meinung nach die Richtige?
a) „Oh, das tut mir aber Leid. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich hoffe doch sehr, dass es Ihrem Kind bald wieder besser geht,“
b) „Wann wird er denn wieder zurück sein? Wissen Sie, ich habe da ein dringendes Anliegen. Sie haben doch bestimmt auch mitgekriegt, dass er meiner Tochter in der Prüfung diesen einen Punkt nicht gegeben hat und jetzt ist sie nicht Klassenbeste. Also sagen Sie ihm bitte, er solle mich sofort zurückrufen, wenn er wieder da ist.“

5. Es macht sich nicht besonders gut, wenn Sie den Herrn Lehrer bei mir schlecht machen wollen. Vergessen Sie nicht, er und ich stecken unter der gleichen Decke. Wenn Sie lästern wollen über ihn, rufen Sie von mir aus Ihre beste Freundin an, denn bei mir besteht die Gefahr, dass ich das Gesagte weiterleite und Sie möchten doch nicht, dass der Herr Lehrer weiss, wie Sie wirklich über ihn denken.

6. In den folgenden Situationen kann Ihnen der Herr Lehrer leider auch nicht weiterhelfen, also lassen Sie das mit dem Telefonieren:
– Ihr Kind braucht ganz dringend medizinische Hilfe. Rufen Sie bitte gleich den Arzt an, mit einem Anruf bei uns verlieren Sie nur wertvolle Zeit.
– Sie haben sich verkracht mit der Mutter eines anderen Schülers. Traurig, ich weiss, aber was, bitte sehr, geht das den Lehrer an?
– Ihr Kind weigert sich, beim Mittagessen das Fleisch zu essen. Äußerst mühsam, ich weiss, aber vermutlich kämpft der Herr Lehrer bei den eigenen Kindern gerade mit dem gleichen Problem und hat beim besten Willen keine Zeit, Sie in dieser Sache zu beraten.
– Sie haben die Nase voll von all den unsinnigen Schulreformen und könnten nur noch heulen, wenn Sie an die Schule denken. Glauben Sie mir, sowohl der Lehrer als auch der Drachen haben volles Verständnis für Ihren Frust, nur sind diese der Situation ebenso ausgeliefert wie Sie. Die ganze Misere haben irgendwelche Schreibtischtäter irgendwo in einem fernen Büro zu verantworten, also rufen Sie bitte dort an, falls es Ihnen gelingt, die Nummer ausfindig zu machen. Ja, und dann dürfen Sie uns nicht anrufen, dann müssen Sie. Um uns die Nummer des Kerls weiterzugeben, damit auch wir ihm gehörig unsere Meinung sagen können.

Von wegen nicht weit vom Stamm

Seit heute Nachmittag hängt an unserer Küchentüre ein Zettel mit der schönen Überschrift „Ordnung muss sein… Ordnung im Überblick“. Darunter ist fein säuberlich aufgeführt, wie die vier kleinen Vendittis, die dazu bereits fähig sein sollten, dafür sorgen können, dass mehr Ordnung herrscht. Keine Kleider auf den Fussboden schmeissen, die Schuhe ins Regal räumen, die Jacke an den richtigen Haken hängen und den Wäschekorb im Zimmer regelmässig leeren. Und damit keiner seine Pflichten so schnell vergisst, hängt das Blatt auch in jedem Kinderzimmer. 

Wer nun hofft, „Meiner“ und ich seien auch endlich auf den Zug derjenigen aufgesprungen, die mehr Disziplin in der Erziehung fordern, den muss ich leider enttäuschen. Das Regelwerk ist nämlich nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern auf demjenigen der Kinder, allen voran Karlsson. Nun ja, die Forderungen sind eigentlich nicht neu, die haben „Meiner“ und ich immer mal wieder gepredigt, aber dass man bei uns zu Hause jetzt an jeder Ecke eine „Zimmerordnung“ – wie Karlsson das nennt – findet, das ist uns schon eher fremd, neigen wir beide doch eher zu spontan, unkompliziert und aus dem Bauch heraus, ich ein bisschen mehr als „Meiner“.

Aber so ist das halt mit der Jugend von heute, die will immer das Gegenteil von dem, was die Eltern für erstrebenswert halten. Das ist für mich eigentlich soweit okay und solange ich nicht die Einzige bin, die dafür sorgen muss, habe ich auch nichts gegen eine gewisse Ordnung einzuwenden. Ich fürchte mich einzig vor den Auswüchsen, welche die Reglementierwut mit sich bringen könnte. Ich ahne bereits, dass ich demnächst auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit dem Titel „Ordnung muss sein… auch im Büro“ finden werde. Darauf wird wohl zu lesen sein: „Keine losen Blätter herumliegen lassen. Stifte und Radiergummis in einem Behälter versorgen. Bearbeitete Unterlagen in einem Ordner ablegen. Ein sinnvolles Ablagesystem für Pendenzen einrichten. Alte Notizzettel gehören ins Altpapier.“ Oder so ähnlich. 

Sollte ich diesen Zettel tatsächlich demnächst unter all den sich türmenden Papieren auf meinem Schreibtisch vorfinden, dann verlange ich einen Mutterschaftstest…

Besserwisserische dumme Kuh

Wann habe ich bloss damit angefangen, diese unglaublich ermutigenden Ratschläge von mir zu geben? Ich sage „Sieh zum, dass du vor der Geburt noch möglichst viel Schlaf kriegst. Du kannst nie wissen, wann du wieder die Gelegenheit zum Durchschlafen kriegst, wenn das Baby erst mal da ist.“ Ich sage auch „Geniess das letzte Jahr, in dem du noch kein Kind im Kindergarten hast. Das, was danach kommt, wird nicht lustig.“ Oder „Ja, in der Ersten und in der Zweiten geht’s ja noch, aber aber der dritten Klasse ziehen sie die Schrauben ganz gewaltig an. Einfach schrecklich, was sie von den armen Kindern fordern.“ 

Wenn ich mir so zuhöre, wie ich Müttern und Vätern, die jüngere Kinder haben als ich, den Mut nehme, dann könnte ich mich selbst ohrfeigen. Es kommt noch soweit, dass ich einer vom Schlafentzug geplagten Jungmutter, die mir ihr Herz ausschütten will, dieses elende „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder grosse Sorgen“ an den Kopf werfe. Aber soweit soll es nicht kommen. Wie habe ich es damals gehasst, als ich vor lauter Schlafmanko auf dem Zahnfleisch ging und mir Mütter von grösseren Kindern das Gefühl vermittelten, ich sei bloss ein Jammerlappen, nicht stark genug für die Herausforderungen der Elternschaft. Schon damals wusste ich, was ich eigentlich auch heute noch weiss: Jedes Alter bringt seine eigenen Freuden, aber auch Herausforderungen und jede dieser Herausforderungen kann einen an die Grenzen der eigenen Kräfte treiben. Darum habe ich mir stets geschworen, nie eine besserwisserische dumme Kuh zu werden, die anderen Müttern und Vätern Angst macht vor dem, was noch auf sie wartet. 

Und heute bin ich in Gefahr, genau eine solche besserwisserische dumme Kuh zu werden, ja, vielleicht bin ich bereits eine geworden, oder zumindest ein besserwisserisches dummes Kalb, das auf dem besten Weg dazu ist, eine der grössten und dümmsten Kühe zu werden. Dabei habe ich doch gar keinen Grund dazu, abgelöscht oder frustriert zu sein. Ja, wir zanken uns immer mal wieder, manchmal ist es auch wirklich mühsam, die Kinder für die anstrengenderen Seiten des Lebens zu motivieren und die Momente, in denen ich die Kinder auf den Mond schiessen möchte, gibt es auch. Aber im Grunde genommen bin ich eine glückliche Mutter, die ganz gut damit klarkommt, dass im Familienleben nicht immer nur eitel Sonnenschein herrscht und auch wenn mich zuweilen die Angst vor den Teenager-Jahren beschleicht, eigentlich bin ich ganz gespannt darauf, wie sich die Beziehung zu unseren Kindern entwickelt, wenn sie gross werden. 

Warum also immer öfter diese doofen Aussagen, mit denen ich anderen Eltern den Mut nehme? Ich kann es mir nur damit erklären, dass sich in den vergangenen Monaten eine pessimistische Grundstimmung bei mir eingeschlichen hat, die in allen Bereichen zum Ausdruck kommt, auch dort, wo ich eigentlich eine positive Einstellung hätte. Und diese Haltung passt mir nicht. Ich will nicht eine jener verbitterten Frauen werden, die beim Neugeborenen nur die schmutzige Windel, beim Kleinkind nur den Trotzanfall, beim Teenager nur die Stimmungsschwankungen sehen. Ich will mich nicht damit zufrieden geben, nur noch zu Hause vor dem Fernseher zu vegetieren, bloss weil grössere Kinder nicht mehr bei jedem Vorschlag „Super Mama, tolle Idee!“ jubeln. Ich will, dass Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit wieder überwiegen, nicht Resignation und „Ich bin zu müde, um mit euch in den Wald zu gehen. Wir machen das vielleicht nächste Woche.“ 

Höchste Zeit für eine Verschnaufpause. Damit ich die Energie aufbringen kann, um diese besserwisserische, resignierte, dumme Kuh von hinnen zu jagen.

Warum sind wir Eltern eigentlich so?

Wir wissen ja, dass es bei unseren Kindern diesen roten Knopf, mit dem man sie abstellen könnte, nicht gibt. Und doch tun wir jedes Mal, wenn sie negativ auffallen so, als hätten sie nur eine kleine Funktionsstörung, die wir gleich behoben haben werden. Der Klassiker: Das Kind kriegt im Supermarkt einen Trotzanfall, die anderen Kunden schauen schon langsam missmutig drein, weil das nun schon geschlagene dreissig Sekunden so geht und wir versuchen mit allen Mitteln, das Kind abzulenken und zu beruhigen, dabei wissen wir ganz genau, dass das Geschrei erst aufhören wird, wenn wir den Laden verlassen haben und das Kind seine Niederlage eingestehen muss. Nun ja, es würde sich natürlich auch beruhigen, wenn wir es siegen liessen, aber das ist natürlich unter unserer elterlichen Würde. 

Und warum lernen wir Eltern eigentlich nie, dass Kinder die Aufforderung „Nun beeil dich doch!“ nicht verstehen? Wo ist das Kind, das sich schneller bewegt, bloss weil die Mama oder der Papa es dazu aufgefordert hat? Mein Erfahrung sollte mich eigentlich gelehrt haben, dass ein Kind umso langsamer geht, je öfters es zur Eile aufgefordert wird. Folglich sollte man ein Kind nur zur Eile antreiben, wenn man möchte, dass es sein Tempo ein wenig drosselt, also nie, denn wo ist das Kind, das schneller geht, als es sollte?

Ebenfalls ins Kapitel „Absurde Aufforderungen, die nur aus dem Mund von Eltern stammen können“ gehört der Seufzer: „Nun schlaf doch endlich!“. Kennt jemand einen Menschen, der auf Kommando einschlafen kann? Ich nicht. Ich kenne zwar inzwischen (meist sehr kleine) Menschen, die im Sitzen einschlafen können, Menschen, die schon schnarchen, bevor der Kopf auf dem Kissen liegt (zum Beispiel „Meiner“) und Menschen, die in der Badewanne aufpassen müssen, dass sie nicht vom Schlaf übermannt werden (ich). Aber den Menschen, den man mit „Achtung, fertig, schlafen!“ zur Ruhe bringt, muss man wohl erst noch erfinden. Warum also ertappe ich mich trotzdem immer wieder dabei, wie ich genau dies von meinen Kindern erwarte, wenn abends die Stille nicht einkehren will.

Noch so eine Absurdität, auf die nur Eltern kommen können: Zwei Kinder streiten sich, einer wird handgreiflich, der andere heult. Als verantwortungsbewusste Mutter fordert man natürlich das Kind, das geschlagen hat, dazu auf, sich zu entschuldigen. Was dieses auch tut und zwar laut brüllend: „Tschuldigung! Du blöder Affe du!“ Was sagt die verantwortungsvolle Mutter zu einer solchen Entschuldigung? „Noch einmal, aber diesmal anständig.“ Worauf das Kind, noch immer rasend vor Wut, dem anderen ins Ohr brüllt „Anständig!“. Und sich dann wundert, weshalb die Mama noch immer nicht zufrieden ist, wo es doch genau das getan hat, was man von ihm verlangt hat. 

Ja, wir Eltern sind wirklich eigenartige Menschen. Wir geben unseren Kindern Taschengeld, damit sie lernen, mit ihrem eigenen Geld umzugehen und wenn sie ihre ganzen Ersparnisse in eine Kaumgummimaschine investieren wollen, dann schimpfen wir, sie sollten unser sauer verdientes Geld nicht für einen solchen Mist aus dem Fenster schmeissen. Wir brüllen „Ruhe jetzt! Ich kann ja mein eigenes Gebrüll nicht mehr verstehen!“; wir möchten, dass unsere Kinder kreativ sind und wenn sie aus eigenen Antrieb zu Pinsel und Farbe greifen, motzen wir, weil der Fussboden etwas von der Farbe abgekriegt hat; wir sagen „Schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede“ und wenn das Kind uns zehn Minuten später etwas erzählen will, blättern wir geistesabwesend in der Zeitung und hören nur mit einem Ohr zu.

Schon erstaunlich, dass es unsere Kinder mit uns aushalten.

 

 

 

2 x Balsam

Schon wieder Elternabend. Schon wieder die gleichen Ausführungen zum Laufbahnreglement, dem unsere Kinder seit diesem Schuljahr unterworfen sind. Schon wieder die Aussage, dass man sich die Kinder alle in der gelben Spalte wünscht. Schon wieder will bei mir der Frust hochkommen. Wie lange es wohl noch dauert, bis die ersten Schüler wegen Burnout behandelt werden müssen? Düstere Aussichten für unsere Kinder, besonders für Luise, die kein Kopf- sondern ein Herzensmensch ist. Doch dann ein Silberstreifen am Horizont. Einige kritische Fragen aus der Elternschaft, worauf die Klassenlehrerin durchblicken lässt, dass sie ebenso mit den neuen Regeln kämpft, dass sie lieber mit unseren Kindern arbeiten und lernen möchte, anstatt auf einem Formular mit unzähligen Kreuzchen das Verhalten der Schüler zu bewerten. Ein kleiner Hinweis, dass auch sie nicht begeistert ist, dass der Unterricht mittwochs bereits um zwanzig nach sieben beginnt, dass auch sie findet, es sei eine geballte Ladung, welche die Drittklässler zu bewältigen hätten. Natürlich, die Lehrerin wird ebenso mit den Neuerungen leben müssen wie wir, aber immerhin kann ich auf ein gewisses Verständnis hoffen, wenn für Luise alles einfach zu viel wird. Und das ist schon viel in einem Schulsystem, das immer mehr darauf ausgerichtet ist, die Schüler schon möglichst früh fit für die Wirtschaft zu trimmen. 

Und noch einmal Balsam an diesem Elternabend, dem vierten und zweitletzten dieser Saison. Ein kleines Gedicht, ein sogenanntes Elfchen, das die Kinder für uns Eltern verfasst haben. Luises Elfchen – das übrigens nur zehn Worte enthält – über uns:

liebevoll
die Eltern
sie lieben mich
ich liebe sie
schön 

Was mich daran besonders berührt: Luise hätte irgend etwas über uns schreiben dürfen, zum Beispiel, dass wir gerne lesen, oder dass es stets reichlich zu Essen gibt, oder dass wir samstags so gerne alle zusammen im Bett kuscheln. Das alles wäre natürlich auch nett gewesen. Aber sie hat sich nicht ablenken lassen durch die schönen Dinge wie zum Beispiel die Katzen, die wir vor allem ihr zuliebe angeschafft haben, oder durch die kleinen Überraschungen, die wir hin und wieder machen. Sie hat sich den Blick aber auch nicht durch das Negative verstellen lassen, nicht durch die Streitereien, nicht durch die Versprechen, deren Erfüllung manchmal so lange auf sich warten lässt. Nein, sie hat ihren Blick geradeaus auf das gerichtet,  worauf es wirklich ankommt: Wir lieben sie, sie liebt uns. Schön.

Wer macht hier die Sauerei?

Heute waren wir ganz spontan bei Nachbars zum Mittagessen eingeladen. Nachbars sind sehr nette Menschen und wir haben die Zeit bei ihnen sehr genossen. Die Leute haben nur einen einzigen Fehler: Ihre Wohnung ist aufgeräumt. Damit könnte ich ja halbwegs leben, das Dumme ist nur, dass Nachbars nicht nur eine aufgeräumte Wohnung haben, sondern auch vier Kinder. Und damit gerate ich in Erklärungsnot. Es kommt ja öfters vor, dass wir bei Menschen mit aufgeräumtem Zuhause zu Besuch sind, aber wenn „Meiner“ dann über unser Chaos jammert, dann kann ich sein Gejammer schnell abstellen. „Die haben ja erst ein Kind und das krabbelt noch nicht mal“, kann ich zum Beispiel als Argument anführen. Oder: „Kein Wunder, dass es bei denen aufgeräumt ist. Die haben ja auch schon erwachsene Kinder und sie ist nicht berufstätig.“ Oder: „Die sind beide voll berufstätig und die Kinder sind den ganzen Tag in der Krippe. Die sind so selten zu Hause, dass gar niemand Unordnung machen kann.“ Was aber hätte ich heute sagen sollen? Nachbars haben nur ein Kind weniger als, die meisten ihrer Kinder sind so alt wie unsere, die Eltern sind beide ähnlich beschäftigt wie wir und doch stapeln sich bei ihnen keine ungelesenen Zeitungen und halbfertige Wäscheberge. Für einmal hatte ich rein gar nichts anzubringen zur Verteidigung unserer alltäglichen Unordnung, der wir uns übrigens sehr wohl entgegenstemmen, auch wenn man kaum etwas sieht von unseren Anstrengungen.

Nun, auch wenn ich meiner eigenen Unordnung überdrüssig bin, ich hätte mich wohl damit abfinden können, dass es bei Nachbars ordentlicher aussieht als bei uns. Klar, auch mir gefällt es besser, wenn sich nicht alles stapelt,  aber wir sind nun mal nicht alle gleich. Dass Dumme ist nur, dass „Meiner“ sich von den aufgeräumten Zimmern sogleich hat inspirieren lassen. Kaum waren wir zu Hause, begann er, das Bücherregal auszumisten, Möbel zu verschieben und Vorträge zu halten, wie einfach es doch wäre, ein bisschen mehr Ordnung zu halten, wir hätten das ja jetzt mit eigenen Augen gesehen. Die Kinder, die sonst selten mit „Meinem“ einig gehen, wenn das Thema Ordnung zur Sprache kommt, pflichteten ihm artig bei. Und somit ist klar, wer an all der Unordnung Schuld ist: Ausgerechnet ich, die ich noch immer die Hauptverantwortung für den Haushalt innehabe. Oder innehätte, wenn ich mich denn nach all den Jahren relativ erfolglosen Haushaltens noch dazu aufraffen könnte, einen neuen Anlauf in Sachen Ordentlichkeit zu nehmen. 

Ich habe eine Weile lang darüber nachgedacht, wie ich mit dem neu erwachten Ordnungsfanatismus meiner Familie umgehen soll. Muss ich mich einfach wieder mehr anstrengen? Oder soll ich vollends resignieren, weil der Kampf ohnehin aussichtslos ist? Ich bin dann zu dem folgenden Schluss gelangt: Sie dürfen liebend gern mehr Ordnung haben, wenn sie das so sehr wünschen. Ich stehe ihnen nicht im Weg, ich verlange nur, dass sie sich aktiver daran beteiligen. Denn so sehr sie nach mehr Ordnung schreien, den grössten Teil der Sauerei mache nicht ich, sondern sie. Und der Postbote, der jeden Tag so viel Papier ins Haus bringt.

Nein? Nein!

Das muss ich jetzt einfach mal klarstellen: Ich liebe Kinder. Meine eigenen natürlich am meisten, aber im Grunde genommen sind mir alle Kinder sympathisch, sogar die unsympathischen, wenn auch ein bisschen weniger. Ich mag auch Mütter und grundsätzlich bin ich sehr gerne bereit, einer Mutter in einer Notlage auszuhelfen. Ich weiss doch, wie mühsam es ist, wenn es eine Planänderung gibt und Mama deshalb nicht mehr weiss, wohin mit dem Nachwuchs. Also habe ich auch kein Problem damit, wenn man mich anfragt, ob ich kurzfristig einspringen kann. Solange man mir die Wahl lässt, nein zu sagen, wenn es wirklich nicht geht, helfe ich liebend gerne. Ganz ehrlich. 

Wenn mir aber am Kindergarten-Elternabend jemand so ganz beiläufig eröffnet, dass nächste Woche ein Kind, das ich kaum kenne und das noch nie bei uns zu Besuch war, zweimal bei mir übernachten „muss“ und dass man mich dann noch anrufen wird, um mir genau Bescheid zu geben, wann das Kind vor meiner Haustüre stehen wird, dann sage ich nein. Nun ja, ich würde nein sagen, wenn ich nicht derart baff wäre ob dieser Dreistigkeit, dass mir die Worte fehlen. Ja, ich helfe gern,  ja, es hat bei uns genügend Platz für zusätzliche Kinder und ja, wir alle machen gerne Platz für einen weiteren Esser am Tisch. Aber heisst das denn, dass man einfach so frei über uns verfügen kann? Nach dem Motto „Die haben ja schon so viele Kinder, da kommt’s denen auch nicht darauf an, ob sie auch noch auf meines aufpassen müssen. Und dann sind sie auch noch fromm, da dürfen sie gar nicht nein sagen…“ Und wenn das Kind einen Schock erleidet, weil es bei einer nahezu fremden und sehr lauten Familie übernachten muss, wer ist dann Schuld? 

Natürlich macht es mir zu schaffen, in einem solchen Fall dann doch nein zu sagen. Natürlich zerbreche ich mir den Kopf, was denn jetzt die Mutter mit ihrem Kind tut. Und dennoch bleibe ich beim nein. Im Interesse des Kindes, dem ich nicht so gänzlich ohne Vorbereitung eine geballte Ladung Venditti-Chaos zumuten will. Im Interesse unserer Kinder, die sich durch solche Hauruck-Aktionen trotz grundsätzlicher Aufgeschlossenheit ziemlich gestresst fühlen. In meinem eigenen Interesse, weil ich mir die Freiheit, ohne Groll ja sagen zu können, erhalten will. Aber auch im Interesse der Mutter, denn welchen Dienst erweise ich ihr, wenn ich es ihr ermögliche, ihr Kind nach Belieben bei nahezu Fremden abzugeben?