Berufswunsch: Hausmann

Dass zweijährige Kinder noch mit Leidenschaft Hausarbeit verrichten, ist mir eigentlich nichts Neues. Aber dass man sich mit so viel Leidenschaft in die Sache stürzen kann wie das Prinzchen, das habe ich noch nie erlebt. Und ich bin ja eigentlich kein Neuling mehr auf dem Gebiet „Zusammenleben mit (fast) Zweijährigen“. Klar hat jedes unserer Kinder hin und wieder versucht, das eine oder andere Wäschestück aufzuhängen oder einen Teller vom Tisch zu räumen. Aber das Prinzchen will nicht alleine den Geschirrspüler ausräumen, nein, er will auch gleich alles Geschirr am richtigen Ort versorgen. Er gibt sich nicht alleine damit zufrieden, Wäsche aufzuhängen, er versucht auch gleich, die Kiste mit der gefalteten Wäsche die Treppe hochzuschleppen. Hat er sich mal wieder heimlich einen Stock tiefer zur Grossmama geschlichen, kommt er nicht eher wieder mit mir hoch, als er sämtliche Autos in die Kiste zurückgelegt hat und danach die Kiste am richtigen Ort versorgt hat. Wie der Junge mit dem Besen hantiert ist schon nahezu beängstigend und sein Verhalten zeigt mir ganz klar: Der Prinz hegt Ambitionen, der Beste Hausmann des Jahres 2035 zu werden.

Meinen potentiellen Schwiegertöchtern rate ich, ihre Bewerbungsunterlagen schon frühzeitig einzureichen. Bei der aktuellen Diskussion um die Frage, ob die Schweiz fünf Bundesrätinnen verkraften würde, oder ob dies nicht etwas zu viel der Weiblichkeit sei, kommen mir so langsam die Zweifel, ob die Emanzipation tatsächlich stattgefunden hat. Wenn mir die Statistik belegt, dass noch immer in acht von zehn Haushalten der Schweiz die Frau die Hauptverantwortung für den Haushalt trägt, dann sehe ich, dass der Mann mit Küchenschürze noch immer ein Exot ist. Und trotz meines grenzenlosen Optimismus beginne ich zu fürchten, dass die Welt in ferner Zukunft, wenn das Prinzchen seinen eigenen Haushalt haben wird, – so ich ihn denn jemals ziehen lasse – noch nicht viel anders aussehen wird.

Also mein Prinzchen, fleissig weiter haushalten, damit deine Chancen auf dem Heiratsmarkt nicht schwinden.

Here we go again

Es ist nicht alleine die Blogstatistik, die mich darauf aufmerksam macht, dass die Leute wieder im Land sind und dass der Alltag auch wieder aus den Ferien zurückgekommen ist. Es gibt da noch ein paar weitere untrügliche Zeichen:

– Die Mails, die ich vor den Ferien geschrieben hatte, werden nun eines nach dem anderen endlich beantwortet. Oder man könnte es auch anders ausdrücken: Die Mailbox quillt wieder über.

– Die überquellende Mailbox führt dazu, dass auch der Terminkalender sich im Halbstundentakt mit neuen Terminen füllt.

– Nach Feierabend, also wenn die Kinder im Bett sind, wird nicht mehr faul auf dem Sofa herumgefläzt, sondern gearbeitet.

– Das Telefon klingelt wieder.

– Wenn das Telefon klingelt, ist nicht jemand aus dem Freundeskreis dran, der fragt, ob wir abends Lust zum Grillieren haben, sondern jemand, der wissen will, ob der Businessplan schon fertig ist oder ob die Traktandenliste für die Sitzung schon steht.

– Wenn Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich auf eine Distanz von einem halben Meter nähern, dann sprühen nicht mehr die Funken, weil sie sich so sehr freuen, dass sie endlich mal wieder Zeit zum Spielen haben. Nein, es fliegen die Fetzen, weil sie das Spielen inzwischen so satt haben, dass sie die Tage bis zum Schulbeginn zählen.

– Ich muss nicht mehr aufpassen, dass ich nicht zu viele Kalorien zu mir nehme, ich muss aufpassen, dass ich genug zu mir nehme, weil die Zeit zum Essen von Tag zu Tag knapper wird.

– Der Schädel brummt wieder, weil die Tage zwar noch immer spät enden, aber bereits wieder früh beginnen.

– Wenn etwas schief geht, gerät wieder der ganze minutiös geplante Tagesablauf aus den Fugen.

– Das Prinzchen muss seinen Bedarf an Schlafliedern massiv zurückschrauben. Wer hat denn schon mitten im Alltag Zeit, stundenlang neben ihm zu liegen und sich heiser zu singen?

– Der Koffeinkonsum steigt rapide an.

– Mama Venditti brüllt wieder herum.

– Mama Venditti entschuldigt sich wieder bei ihren Kindern.

– Das Handy ist wieder in Betrieb.

– Das Zeiterfassungssystem ebenfalls.

– In der Handtasche hat es wieder Stifte und Notizpapier, dafür aber keine Windeln und Schmusetücher mehr.

– Ich schmiede wieder Ferienpläne.

Wurde auch langsam Zeit….

Zwölf lange Jahre hat „Meiner“ Tag für Tag um sechs Uhr früh das Haus verlassen, hat sich über Mittag mit Resten vom Vortag verköstigt und ist irgendwann, etwa zwölf Stunden nachdem er seine schlafende Familie verlassen hatte, nach Hause gekommen, wo ihn eine Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs erwartete. Nichts Besonderes, ich weiss. Die meisten Paare, bei denen der eine berufstätig ist, die andere sich zu Hause abrackert, erleben Tag für Tag das gleiche Lied: Zu Hause schmeisst einer alleine den Laden, auswärts verdient einer alleine das Geld für die Brötchen und beide wünschen sich, sie könnten sich hin und wieder ein Stück vom Kuchen des anderen abschneiden. „Meinem“ und mir hat diese Situation so langsam zugesetzt, denn warum soll ein Primarlehrer lange Arbeitswege auf sich nehmen, wo doch in jedem Kaff eine Schule steht?

Seit heute ist Schluss mit dem langen Arbeitsweg. „Meiner“ muss nicht mehr im Morgengrauen aus dem Haus gehen, er kann, wenn er will, über Mittag nach Hause kommen und wenn er nach Schulschluss noch eine oder zwei Stunden Arbeitszeit anhängt, ist der dennoch früher zu Hause als bis anhin. Auch nicht Besonderes, ich weiss. Aber für mich ein entscheidender Zugewinn an Lebensqualität: Am Morgen sind zwei da, die Kakao und Toast zubereiten, zwei, die dafür sorgen, dass alle rechtzeitig aus dem Haus kommen. Ich kann über Mittag kurz klönen, wie mühsam der Vormittag wieder war. Ich muss beim Mittagessen nur noch jede zweite Kinderfrage beantworten, weil „Meiner“ die andere übernimmt und habe so mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt antworten will. Und manchmal, wenn es der Alltag ganz besonders gut mit uns meint, liegen vielleicht gar fünf Minuten Entspannung drin, eine Tasse Kaffee oder ein kurzer Schwatz auf dem Balkon, bevor es zurück an die Arbeit geht.

Schon verrückt, wie wenig es braucht, um die langen Tage zu Hause erträglicher zu machen: Man teile den Tag in zwei Hälften und schon ist die Mama entspannter. Verrückt ist aber auch, dass „Meiner“ und ich so lange gebraucht haben, um zu erkennen, wie wenig es gebraucht hätte, um viel Frust zu vermeiden.

Wachstumsschmerzen

Da sitze ich und bemitleide mich selber, weil das Erste meiner fünf Kinder so langsam aber sicher gross wird. Sehnsüchtig denke ich zurück an die Zeiten, als er noch ganz winzig war. Ich lache über die Wutanfälle, mit denen er mich damals, als er etwa drei war, beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte, ich grabe alte Anekdoten aus und starre minutenlang auf das erste Ultraschallbild, das mein erster Beweis war, dass aus einer ganz gewöhnlichen Frau schon bald eine jener Mütter werden würde, die im Nachhinein alles rosaroter sehen, als es je war. Und jetzt wird es wohl nur noch ein paar Jährchen dauern, bis ich zum ersten Mal im Brustton der Überzeugung behaupten werde, meine Kinder hätten sich nie gestritten, sie seien immer ganz brav gewesen. Und irgendwann werde ich wohl meinen eigenen Blogposts über das alltägliche Familienchaos nicht mehr glauben….

Aber eigentlich wollte ich ja von etwas ganz anderem reden, nämlich davon, dass ich vor lauter Sentimentalität beinahe übersehen hätte, dass auch für Karlsson die Veränderungen nicht immer einfach sind. Mal wünscht er sich, noch etwas länger klein bleiben zu dürfen, zum Beispiel dann, wenn die Kleinen noch ein Stofftier mitnehmen dürfen, er aber nicht mehr. Dann wieder brüstet er sich stolz damit, dass er als Einziger seiner Geschwister bereits hin und wieder zwei Stunden ganz alleine zu Hause bleiben darf. Mal beneidet er die Kleinen, weil sie noch keine Hausaufgaben erledigen müssen, dann wieder schüttelt er verständnislos den Kopf, wenn der Zoowärter nicht begreifen will, weshalb im Sommer kein Schnee fällt.

Es hat lange gedauert, bis „Meinem“ und mir endlich gedämmert hat, dass dieses ständige Hin und Her zwischen der Sehnsucht nach der sich ihrem Ende zuneigenden Kindheit und der Vorfreude auf das Abenteuer des Grosswerdens unserem Ältesten ganz schön zusetzt. Wir, die wir das Grosswerden schon hinter uns haben, – was sich bei mir in der Vertikalen allerdings stark in Grenzen gehalten hat – haben vergessen, was es heisst, wenn die Leute plötzlich nicht mehr „ach, wie süüüüüssss!“ seufzen, wenn sie einen ansehen. Wir haben übersehen, dass die Veränderung, die vor allem mir nicht immer leicht fällt, für Karlsson noch viel einschneidender ist als für uns. Wir mussten uns erst wieder in Erinnerung rufen, wie schwierig es war, den Schritt vom Kleinkind zum Schulkind, vom Schulkind zum Teenager, vom Teenager zum Erwachsenen  zu machen, bevor uns bewusst wurde, dass unser Sohn nicht viel dafür kann, wenn er zurzeit launisch ist wie das Aprilwetter. Wenn er jede leise Ermahnung als Kritik an seiner Person empfindet, jeden Tadel als tiefe Beleidigung, wenn er ob all der Unsicherheiten so emotional wird, dass er inzwischen öfter die Tür knallt als seine Mama.

Nun denn, ich nehme an, ich werde meine Sentimentalitäten auf später aufschieben müssen, denn jetzt gilt es, unseren Grossen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Bruderliebe

Theoretisch gilt bei Vendittis die Regel, dass man am Esstisch sitzen bleibt, bis alle gegessen haben, es sei denn, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich mal wieder so viel Zeit mit dem Essen, dass selbst „Meiner“ und ich genug Pause gemacht haben. Die Regel gilt allerdings erst theoretisch, da das Prinzchen und der Zoowärter noch nicht so ganz begriffen haben, dass eine Regel nicht zum Brechen da ist und so gestatten wir unseren zwei Jüngsten jeweils eine Ausnahme, worauf sie sich dann jeweils ein paar Dummheiten erlauben, währenddem wir den Rest der Mahlzeit in relativer Ruhe geniessen.

Heute stand ein Ausflug ins Badezimmer auf dem Programm. Zuerst einmal hörte man nicht viel, dann Wasserrauschen, schliesslich ein dumpfes Geräusch und danach lautes Prinzchen-Gebrüll. „Meiner“ und ich brachen natürlich sofort die Tischregel, und stürzten ins Badezimmer, wo wir ein aus dem Mund blutendes Prinzchen und einen verschämt dreinblickenden Zoowärter vorfanden. Da zuerst das Prinzchen zu trösten und zu verarzten war, verschoben wir die Zoowärter-Standpauke auf später.

Nachdem unser Jüngster sich beruhigt hatte und vor lauter Erschöpfung gar ohne das momentan übliche Schlaflieder-Konzert in tiefen Schlaf gefallen war, fand ich endlich Zeit für das Verhör unseres Zweitjüngsten. „Was hast du denn mit dem Prinzchen gemacht?“, fragte ich streng. „Ich habe ihn geschubst“, gestand der Zoowärter unumwunden und mir schien, dass er sich für seine Untat nicht im Geringsten schuldig fühlte. „Warum hast du ihn denn geschubst?“, fragte ich noch eine Spur strenger, denn mangelndes Schuldbewusstsein bringt mich in Rage. Bei der doch ziemlich unerwarteten Begründung für die Gewaltanwendung mit blutigen Folgen war es allerdings sehr schwer, ernst zu blieben:  „Ach Mama, ich wollte dem Prinzchen doch ‚Heile heile Segen‘ singen und da musste ich ihn eben zuerst umschubsen, damit er weint.“

Glucken-Test negativ!

Karlsson ist wieder da und ich bin erleichtert. Erleichtert, dass der Glucken-Test negativ ausgefallen ist. Nachdem ich nämlich letzten Sonntag beim Abschied ganz eindeutige Glucken-Symptome gezeigt hatte, beschloss ich, mich während Karlssons Abwesenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Bin ich tatsächlich eine Glucke, oder neige ich nur in Extremsituationen wie Abschied nehmen zu Gluckentum? Liege ich nachts stundenlang wach, weil ich mich um mein Kind sorge? Muss ich mich mit aller Macht davon abhalten, zum Telefon zu greifen? Gehe ich in der Gegend des Ferienhauses einkaufen, nur  damit ich, weil ich gerade „zufällig in der Gegend bin“ meinem Sohn einen ganz kurzen Kontrollbesuch abstatten kann? Nein, nichts dergleichen. Alles völlig normal, wie an anderen Tagen auch.

Klar, hin und wieder habe ich schon an meinen Ältesten gedacht, habe mich gefragt, ob es ihm wohl gut gehe. Aber als ich gestern Abend erfuhr, dass mein armer kleiner Karlsson im Lager krank geworden war, rief ich nicht wutentbrannt den Leiter an und entriss meinen Sohn augenblicklich den Klauen der Lagerleitung. Nein, ich war mir sicher, dass es nichts allzu Schlimmes sein konnte, denn sonst hätte man uns bestimmt angerufen. Mit dieser doch ziemlich abgeklärten Reaktion bin ich in den Augen gewisser Mütter wohl schon eher den Rabenmüttern zuzuordnen und ganz bestimmt nicht den Glucken. Aber ich kann alle beruhigen, die sich darum sorgen, ob meine Kinder auch genügend Liebe bekommen: Gegen Ende der Woche begann ich mich riesig auf das Wiedersehen mit Karlsson zu freuen und als er heute auf der Bühne stand, da konnte ich den Moment, in dem ich meinen Sohn in die Arme schliessen konnte, kaum mehr erwarten. Also keine Rabenmutter.

Aber auch ganz eindeutig keine Glucke. Denn wäre ich eine, dann wäre ich nach Karlssons ersten Sätzen bei der Begrüssung in Tränen ausgebrochen: „Ich will nicht nach Hause kommen“, meinte mein Ältester, kaum konnte er wieder reden, nachdem ich ihn an mich gedrückt hatte. „Und ich will mich sofort wieder für das Lager im nächsten Sommer anmelden.“ Eine Glucke wäre jetzt wohl am Boden zerstört, weil ihr Kind auch ohne sie zurecht kommt. Ich aber freue mich, dass mein Sohn die Zeit ohne uns genossen hat, dass er zwar einmal eine kurze Heimwehattacke hatte, sonst aber so glücklich war, dass er kaum mehr aufhören kann mit Erzählen.

Nachdem nun also der Glucken-Test ganz eindeutig negativ ausgefallen ist, gehe ich davon aus, dass ich einfach eine ganz normale Mutter bin.

So macht man das also….

Also, es ist so: Der (sic!) Angst ist eine Frau mit so Krallen und der kommt auf einen zu und wenn man will, dass der Angst weggeht, muss man kämpfen und zwar mit einem Legostein und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, dann muss man beten und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, muss man mit einem Römerschwert gegen ihn kämpfen so zack! und wusch! und wenn der Angst immer noch da ist, dann muss man sagen: „Angst, geh weg, du blöde Frau!“ und dann hat man endlich Ruhe.

Warum bloss erfahre ich solche Sachen erst jetzt, im reifen Alter von fünfunddreissig Jahren? Vor dreissig Jahren, als mein Bett noch Nacht für Nacht von Krokodilen umzingelt war, als am Fussende des Bettes riesige schwarze Schlangen lagen und vor dem Fenster böse Riesen mit Säbeln lauerten, da hätte ich diese Strategie besser gebrauchen können. Aber damals hatte ich eben noch keinen Zoowärter, der mich über die wichtigen Dinge im Leben aufklärt….

Im Luxemburgerli-Himmel

Samstagmorgen vor zwei Wochen. Mama Venditti sitzt mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Zug nach Zürich. Man ist unterwegs in die Ferien, die Stimmung ist bestens und Mama Venditti, naiv wie sie auch nach Jahren der Mutterschaft noch immer ist, stellt sich auf eine friedliche Zugfahrt ein und ist dankbar, dass „Ihrer“ mit den zwei Kleinen und dem Gepäck im Auto sitzt und nicht sie. Dann, völlig unerwartet, schlägt die Stimmung um: Der Zug fährt bei der Firma „Sprüngli“ vorbei, wo die Lastwagen mit riesigen, unwiderstehlichen Luxemburgerli verziert sind. Was Karlsson daran erinnert, dass am Vorabend, als er zu Bett ging, noch nicht alle Luxemburgerli, welche die Gäste mitgebracht hatten, aufgegessen waren. „Was habt ihr mit den restlichen Luxemburgerli gemacht?“, fragt er streng und als er erfährt, dass Mama und Papa diese einfach aufgegessen haben, weil sie der Meinung waren, das delikate Dessert werde mit der Zeit auch nicht besser – immerhin steht auf der Packung „Bitte sofort geniessen“ -,  ist es vorbei mit dem Frieden. Karlsson tobt, findet, seine Eltern seien ganz furchtbar gemein und er wolle jetzt gleich neue Luxemburgerli haben.

Mama Venditti, die weiss, dass in solchen Momenten Erklärungen sinnlos sind, geht gar nicht gross auf das Drama ein. Was einer  Zugpassagierin nicht passt. Ob das Kind denn nicht endlich Ruhe geben könne, mault sie. Mama Venditti erklärt ihr, dass sie mit ihrem Gemaule die ohnehin nicht ganz einfach Situation unnötig erschwere, weshalb sie ich froh wäre, wenn sie sich aus der Sache raushalten würde. Was sie zur Bemerkung veranlasst, Kinder seien ohnehin das Letzte, sie hätte sich als Kind nie so aufgeführt und Mama Venditti  hätte nie und nimmer so viele Kinder haben sollen. Wenn die wüsste, wie viele kleine Vendittis es in Wirklichkeit sind….  Irgendwann platzt Mama Venditti der Kragen, weil sie jetzt mit zwei Unzufriedenen im Kampf steht, und so wird sie ziemlich unhöflich mit der Dame. So unhöflich, dass Karlsson darob seine Luxemburgerli vergisst und Mama erschreckt anstarrt. So unhöflich auch, dass die Dame sich plötzlich auf die Seite der eben noch so verabscheuten Kinder schlägt und findet, die armen Kinder könnten einem ja Leid tun mit einer solchen Mutter.

Nun, diese Mutter ist tatsächlich nicht immer das beste Vorbild, aber zumindest schafft sie es jetzt endlich, ihren Ältesten zu beruhigen: „Karlsson, ich verspreche dir, dass es wieder einmal Luxemburgerli geben wird. Ganz bestimmt.“ Und innerlich fügt sie hinzu: „Spätestens dann, wenn das Konto diesen Ferienaufenthalt verdaut hat, die Rechnung der Musikschule, die Steuerrechnung, die nächsten Monsterwocheneinkäufe, die Kinderschuhe für den Herbst, das E-Bike, das „Meiner“ für den Arbeitsweg braucht…“ Also irgendwann, in zehn Jahren vielleicht, gibt’s wieder Luxemburgerli bei uns.“An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Luxemburgerli ein halbes Vermögen kosten – und Luxemburgerli für eine Grossfamilie ein Ganzes.

Zwei Wochen später, wieder ein Samstagmorgen, diesmal aber zu Hause. Alle sind schon wach, nur Mama Venditti schläft noch tief und fest auf dem Sofa, wohin sie sich nachts zurückgezogen hat, weil sie keinen Platz mehr fand im Bett, da Karlsson noch einmal im Elternbett übernachten wollte, bevor er endgültig zu gross ist. Zu irgend einer unchristlichen Zeit  – Mama Venditti würde sagen, es sei etwa um vier Uhr morgens gewesen, aber in Wirklichkeit war es wohl so gegen halb acht – klingelt es an der Haustüre. Schlaftrunken macht sie sich auf zur Haustüre, denn obschon alle anderen schon längst wach sind, ist offenbar keiner wach genug, um sich aus dem Bett zu quälen. Vor der Haustüre steht der Postbote mit einer Eilsendung. Was kann das bloss sein? Ausnahmsweise hat Mama Venditti nun wirklich keine offenen Bestellungen, auf deren Lieferung sie wartet. Bald schon ist klar, was da morgens in aller Frühe seinen Weg zu Vendittis gefunden hat: Die einzige Sache, die einem nicht die Laune verdirbt, sondern schlagartig verbessert, wenn man ihretwegen am Samstag aus den Federn geholt wird, nämlich eine Riesenpackung Luxemburgerli.

Wäre ich katholisch, ich würde sagen, dass Linders sich mit dieser guten Tat soeben die Eintrittskarte für den Himmel erstanden haben….

Allein seligmachend

Noch so eine Sache, die mich auf die Palme treibt: Wenn man eine gute Sache zur allein seligmachenden, einzig richtigen Methode erhebt. Zum Beispiel in jenem Artikel, den ich neulich gelesen habe, in dem es darum ging, dass Kinder im Stehen zu wickeln seien, sobald sie in der Lage seien, sich selber aufzurichten. Klar, dem im Artikel genannten Grundsatz „Säuglingspflege ist Erziehung“ stimme auch ich voll und ganz zu und zwar ohne, dass ich eigens eine Weiterbildung dazu hätte absolvieren müssen. Klar, auch meine Kinder wurden und werden im Stehen gewickelt, wenn ihnen gerade darum ist. Warum sollte ich auch ein Kleinkind mit aller Macht dazu zwingen, sich hinzulegen, wenn ich es ebenso gut im Stehen reinigen kann? Klar, auch ich rede mit meinen Kindern, wenn ich sie wickle, sie anziehe, sie kämme. Auch ich erkläre ihnen, was gerade vor sich geht. Aber dazu brauche ich keine spezielle Methode zu befolgen. Das liegt mir und wohl den meisten Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, einfach so im Blut. Und sollte ich einmal zu müde sein zum Reden, dann zwingt mich das Kind mit seinen Fragen und Beobachtungen einfach dazu, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Was mir an der Sache sauer aufstösst, ist der Anspruch, dies sei die einzige richtige Methode: Alle Kinder werden immer im Stehen gewickelt und zwar immer zur gleichen Zeit. Und was, wenn das Kind gerade Fieber hat und so matt ist, dass es lieber liegen möchte? Muss es dann auch stehen, weil allein im Stehen seine Menschenwürde geachtet wird, wie es in dem Text so schön heisst? Was, wenn das Kind so verkackt ist, dass ich es ausnahmsweise in der Dusche saubermachen muss? Oder sind am Ende nur meine Kinder so missraten, dass sie zuweilen nur noch mit einem warmen Wasserstrahl sauber zu kriegen sind? Was, wenn das Kind mitten in der Nacht gewickelt werden muss und sich müde von mir abwendet, wenn ich ihm beruhigend zureden will? Muss ich dann trotzdem mit ihm reden?

Natürlich muss ich all dies nicht. Wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass die meisten Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, sehr genau spüren, was ihr Kind gerade braucht. Und das ist es ja am Ende auch, was mich so wütend macht: Dieses „Immer“, dieses „Alle“, dieses „einzig Richtige“. Führt nicht gerade diese Haltung am Ende dazu, dass man dem Kind etwas aufzwingt, was im Moment vielleicht gerade das Falsche ist? Steht man am Ende nicht mit einer Art Gebrauchsanweisung da, die einem sagt, wie das Kind –  und zwar jedes Kind in jedem Fall – zu behandeln sei? Verliert man da vor lauter Rücksicht auf die „richtige“ Methode nicht am Ende das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen?

Und wo, so frage ich mich, bleibt dann noch die Menschenwürde?

Anschauungsunterricht

Gibt es einen geeigneteren Ort als eine Feriensiedlung,  wenn man den Kindern die Welt und all die verschiedenen Menschen, die sie bevölkern, zeigen möchte? Zumindest dann, wenn Studienreisen zu fremden Kulturen noch nicht möglich sind, weil einer noch in die Windeln macht, ein anderer nicht ohne seinen geliebten Stoffeisbären verreisen will und alle zusammen auch mit Durchfall darniederliegen, wenn sie nicht irgendwo, in einem abgelegenen Winkel dieser Erde unreines Wasser getrunken haben. Wer nicht in die weite Welt hinausziehen mag, muss sich eben in der Nähe einen Ort suchen, an dem sich die Welt trifft. Findet man den richtigen Ort, dann lässt sich ganz bequem vom Balkon aus beobachten, wie unterschiedlich die Menschen sind, die unseren Planeten bevölkern.

Da sieht zum Beispiel Luise eines Tages, dass es Mädchen gibt, die bei grösster Hitze mit langen Hosen und Kopftuch bekleidet neben Mama auf der Parkbank sitzen müssen, während ihre Brüder sich halb nackt auf den Spielgeräten vergnügen dürfen. Später sieht sie eines der Mädchen, wie sie nur mit langen Hosen und T-Shirt ins Wasser gehen darf, was bei Luise zur Frage führt, ob denn das arme Kind nicht ertrinke mit dem vielen nassen Stoff am Leib. Als sie dann auch noch mitbekommt, wie die Mama des Mädchens erst spät abends und noch immer voll verschleiert das Haus verlassen darf, während die Männer der Familie sich den ganzen Tag frei auf dem Gelände bewegen durften, ist der Groschen bei unserer Tochter endgültig gefallen: Das, was Mama und Papa immer predigen, nämlich dass Frauen und Mädchen in vielen Kulturen benachteiligt werden, ist nicht irgend ein Märchen, das sie erzählen, wenn ihr Töchterchen mal wieder nicht einsehen will, dass Schulbesuch ein Privileg und nicht eine Strafe ist. Nein, die Sache ist bitterer Ernst und wenn das Kind jetzt auch noch begreift, dass unter dem Kopftuch ein liebenswerter Mensch steckt, dann hat sich der Ferienaufenthalt mehr als ausbezahlt. Wobei, bis Luise – und auch wir – unsere Vorurteile abgebaut haben, werden wohl noch ein paar Aufenthalte mehr nötig sein.

Ein weiteres Forschungsfeld, das sich hier auftut, sind die Senioren, die sonst ja meistens in einer anderen Welt leben als wir.  Ich meine jetzt nicht die kinderliebenden, sich nach Enkelkindern verzehrenden alten Menschen, die jedes kleine Menschlein am liebsten in die Arme schliessen würden. Nein, ich meine die nach Entspannung lechzenden, gut situierten rüstigen Rentner, die es als ihr erstes Recht ansehen, überall zuerst zu sein. Menschen, die vergessen haben, wie es war, als ihre Kinder noch klein waren, als die Tage noch bis obenhin angefüllt waren mit Haushalten, Erziehen, Arbeiten und Zusammenbrechen. Menschen, die kein Problem damit haben, einer Mutter, die bei grösster Hitze einen Sack Wäsche zur Waschmaschine schleppt, zwei quengelnde Kinder im Schlepptau, den Weg zu versperren und so lange nicht zur Seite zu weichen, bis die Mama einen weiten Umweg gehen muss. Auf all das könnte ich gerne verzichten, aber vermutlich muss es so sein, damit die Kinder lernen, dass nicht jeder, der graue Haare auf dem Kopf trägt, ein netter Mensch ist; dass nicht jeder, der etwas langsamer zu Fuss ist, den ganzen Tag auf den Moment wartet, wo ein kleines Kind vorbeikommt, dem er ein Lächeln und ein Bonbon schenken kann.

Was man hier auch in Natura erlebt und nicht nur am Fernsehen beobachten kann, sind amerikanische Teenager in freier Wildbahn. Man braucht nicht mal einen Feldstecher zur Hand zu nehmen, so nah wagen sie sich zu den Ferienwohnungen der Bekinderten. Es ist ein einmaliges Schauspiel, das sich da beim Eindunkeln bietet, kaum sind die Kleinkinder in ihren Betten verschwunden: Lautes Gekreische, aufdringliches Flirten, verzweifelte Versuche, dazuzugehören und ebenso verzweifelte Versuche, den auszuschliessen, der nicht dazugehören sollte,  ungeniertes sich-in-Szene-Setzen, stilles Schmachten. Auf den ersten Blick nicht anders als bei unseren Teenagern auch, auf den zweiten Blick aber deutlich anders: Kein Alkohol und Tabak, dafür deutlich mehr Gezicke und sexuell aufgeladene Avancen. Nicht ganz jugendfrei, das Spektakel und deshalb zum Glück von unseren Kindern nur am Rande registriert. Für uns Eltern aber ein guter Weiterbildungskurs, der uns auf das vorbereitet, was uns in wenigen Jahren beschäftigen wird.

Eine der rührendsten Lektionen dieser Forschungsreise aber hat unser Zoowärter gelernt. Er, der am Anfang der Ferienwoche noch in jedem fremden Kind einen Feind sah, er, der hemmungslos Grössere angriff und Kleinere von der Schaukel zu stossen versuchte, er, der schon einen anderen Dialekt als Provokation verstand, erkannte im Laufe der Tage, dass Fremde, wenn man sie kennen lernt, gar nicht mehr so fremd sind. Und so fragte er mich auf der Heimfahrt plötzlich: „Mama, wie heisst denn schon wieder mein Bruder?“ „Das weisst du doch“, gab ich erstaunt zurück. „Deine Brüder heissen Karlsson, FeuerwehrRitterRömerPirat und Prinzchen.“ „Nein, ich meine nicht die Brüder. Ich meine den Bruder, mit dem ich heute Morgen auf dem Spielplatz gespielt habe.“

Wenn ein Dreijähriger in so kurzer Zeit lernt, dass ein Fremder innert vierzig Minuten – länger haben die zwei nicht miteinander gespielt – zu einem Bruder werden kann, dann darf man wohl sagen: Die Forschungsreise war ein Erfolg. Wir buchen sogleich die nächste.