Ist der Ruf erst ruiniert…

Schon von Weitem ist das Geschrei zu hören, als Lusie und ich vom Arztbesuch zurückkommen. Was ist denn mit Karlsson los? Ist er von der Leiter gefallen, hat er sich etwas gebrochen oder ist er gar in ein Auto gerannt? Panisch renne ich die Treppe hoch. Dort treffe ich einen schreienden Karlsson an, der mit weit aufgerissenen Augen auf seinen blutenden Fuss starrt. Mein kleiner Karlsson, der vor einem Jahr zwei Tage lang ohne zu Klagen mit einem geplatzten Blinddarm unterwegs war, brüllt sich die Seele aus dem Leib, weil er auf eine Scherbe getreten ist.

Das Gebrüll ist so laut, dass sogar Karlssons Tante, die zufällig am Haus vorbeigeht, in Panik die Treppe hochgestürmt kommt. Offen gestanden erstaunt es mich, dass nicht auch gleich die Polizei, das Sozialamt und die Kinderschutzgruppe auf der Matte stehen. So ein Geschrei kann doch nur ein Kind machen, das aufs Gröbste misshandelt wird, würde man denken.

Doch bei uns ist es umgekehrt: Karlsson misshandelt uns, tritt nach jedem, der seinen Fuss nur anschauen will und brüllt, dass einem die Ohren gellen. Zuerst gibt die Tante auf. Sie muss ja auch schon längst dafür sorgen, dass ihre Familie etwas zwischen die Zähne bekommt. Dann zieht sich Luise zurück, die bei diesem Lärm nicht mal verkünden kann, dass der Augenarzt mit dem Heilungsprozess ihres Auges ganz zufrieden ist. Schliesslich wissen „Meiner“ und ich uns nicht mehr anders zu helfen, als das störrische Kind zu zweit zu bändigen. Als der Glassplitter nach einem schweisstreibenden Kampf endlich draussen ist, heult der Zoowärter aus Angst, der FeuerwehrRitterRömerPirat vor Wut und das Prinzchen, weil er aus dem Schlaf gerissen worden ist. „Meiner“ und ich sind ebenfalls den Tränen nahe. Nur Karlsson sitzt schweissüberströmt aber vollkommen zufrieden auf dem Sofa. Eigentlich war die „Operation“  ja gar nicht so schlimm, findet er.

Fragt sich bloss, wie wir nach diesem Geschrei unseren guten Ruf in der Nachbarschaft wieder aufbauen können.

Widersprüche

Zugegeben, die Beiträge von gestern und vorgestern stehen schon ein bisschen im Widerspruch zueinander. Vorgestern zeige ich mit dem Finger auf Eltern, die ihren Kindern nichts beibringen und sie vor der Glotze vergammeln lassen. Gestern will ich meine Kinder mit Glotzen vom Schwimmen abhalten, nur weil ich zu faul bin, mich am Sonntagnachmittag zum Fleischmarkt, auch Schwimmbad genannt, zu begeben.

Das ist es doch genau, womit wir Eltern immer wieder zu kämpfen haben. Wir wollen unseren Kindern beibrizungen, alles mit Bedacht anzugehen und sich nicht hetzen zu lassen. Gleichzeitig treiben wir sie den ganzen Tag an. Beeil dich! Mach vorwärts! Wir kommen zu spät. Wir predigen unseren Kindern, dass jedes Lebewesen wertvoll ist. Ist der Küchenboden dann mit Maden übersät, kreischen wir wie Teenager und töten die Biester mit dem Wallholz. Wir moralisieren, dass es immer das Beste sei, die Wahrheit zu sagen und zwei Tage später ertappen uns die Kinder dabei, wie wir die Geschichte, wie der Badezimmerspiegel in die Brüche geganen ist, beschönigen.

An dieser Stelle kann ich ja zugeben, dass es ein Wutanfall war. Und zwar einer von mir. Ach ja,  die zerbrochene Haarbürste geht auch auf mein Konto. Und dass das letzte Tafelservice nur zwei Jahre gehalten hat, liegt auch zu einem grossen Teil an meinem aufbrausenden Temperament. Ich sag’s meinen Kindern ja immer wieder:  Wütendwerden ist okay, in der Wut Gegenstände zerstören ist nicht okay. Warum nur glauben sie mir nicht?

Drückeberger

Gewöhnlich sind es ja die Kinder, die eine Ausrede nach der anderen bringen, wenn wir etwas von ihnen wollen. Räumt bitte das Zimmer auf! Geht nicht. Luise hat nämlich plötzlich so einen Juckreiz am Ohr, Karlsson muss dringend noch etwas im Garten suchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist am Verhungern, obschon wir vor fünf Minuten fertig gegessen haben. Passt mir mal schnell einer fünf Minuten auf das Prinzchen auf? Aber Mama, siehst du denn nicht, dass wir gerade so schön am Spielen sind? Wenn wir jetzt unterbrechen müssen, wissen wir nachher nicht mehr, wer welche Rolle spielt. Aber Pelati aus dem Keller holen könnt ihr mir? Wie bitte? Sind wir denn deine Sklaven?

Heute war es für einmal umgekehrt. Schon um die Mittagszeit begannen die Kinder zu quengeln, weil sie ins Freibad wollten. Ins Freibad bei diesem Wetter? Wissen unsere Kinder denn nicht, dass bei dieser Hitze alles, was zwei Beine hat, sich ins Schwimmbad aufmacht? Es ist ja nicht so, dass wir grundsätzlich etwas gegen Schwimmbäder hätten. Im Gegenteil. Ich sehne mich schon lange danach, mal wieder einen ganzen Kilometer am Stück zu schwimmen. Doch Schwimmbad mit fünf Kindern bedeutet, dass Karlsson vom Sprungbrett springen will, Luise ihre Taucherbrille ausprobieren will, der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich Angst vor dem Wasser bekommt, der Zoowärter sich mit nasser Badewindel im Sandkasten paniert und das Prinzchen brüllt, weil er sich als Herbstkind in dieser Hitze nicht wohlfühlt.

Keine sonderlich verlockenden Aussichten für einen Sonntagnachmittag. Deshalb beginnen „Meiner“ und ich, nach Ausreden zu suchen. Am Anfang ist es ja noch einfach. Nachmittags um drei hat es einfach zu viele Leute im Schwimmbad, also vertrösten wir die Kinder auf später. Doch sie lassen nicht locker. „Wollt ihr denn nicht lieber den Film schauen, den ihr gestern in der Bibliothek ausgeliehen habt?“ Nein, wollen sie nicht. Und überhaupt, für wie blöd halten wir unsere Kinder? Predigen wir doch schon seit Jahren, bei schönem Wetter sitze man nicht vor der Glotze. Und jetzt sollen sie glauben, dass wir ihnen eine Stunde glotzen so ganz ohne Hintergedanken gewähren. Das Gejammer geht weiter und fast werden wir weich. Doch da ziehen Wolken am Himmel auf. „Schaut Kinder, gleich beginnt es zu regnen. Wir bleiben zu Hause.“ Schreckt sie das ab? Nicht im Geringsten. Die paar Regentropfen halten doch keinen kleinen Venditti vom Baden ab. Jetzt fällt uns keine Ausrede mehr ein, die Taschen werden gepackt. Sieg für die Kinder!

Beinahe. Plötzlich kommt Wind auf, es wird wirklich kühl. Laut zugeben wollen es die Kinder zwar nicht, doch die Lust aufs Baden ist ihnen vergangen. Dreimal raten, wer Schuld daran ist, dass das Wetter so plötzlich umgeschlagen hat…

Achtung, Gefahr!

„WARNUNG: Flasche nur unter Aufsicht geben. Nie Dauernuckeln. (Gebrauchsanweisung beachten)“.  „Die Zecken treiben wieder ihr Unwesen. Vergessen Sie bitte nicht, Ihr Kind mit Zeckenspray einzusprühen und nur mit langen Hosen in den Wald zu schicken.“ „Achtung! Verschluckbare Kleinteile. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet.“

An jeder Ecke lauert die Gefahr. In den Babyflaschen, im hausgemachten Babybrei, im Verpackungsmaterial des fertig gekauften Babybreis, in der Spielzeugkiste, an der Sonne, in der Sonnencrème, im Unterholz, auf den Bäumen, einfach überall. Wer überhaupt noch den Mut hat, bei all den Warnungen ein Kind auf die Welt zu stellen, soll dieses bitte rund um die Uhr in Watte verpackt halten, damit ihm nichts passieren kann.

Als Folge von all diesen Warnungen haben wir Heerscharen von panischen Müttern. Solche, die Angst haben, ihr Kind in eine Spielgruppe mit Aussenspielplatz zu schicken, weil ihm dort etwas passieren könnte. Solche, die ihr Kind in die Schule chauffieren, damit es nicht entführt wird. Solche, die verhindern, dass ihr Kind je schwimmen lernt, weil es dabei ertrinken  könnte.  Solche, die das Kind keine Glace schlecken lassen, weil es sonst fettleibig werden könnte.

Dass das Kind nur darum fettleibig wird, weil es nicht mehr im Wald herumstrolchen und nicht Velofahren darf, kommt keiner überbesorgten Mama in den Sinn. Forscher vermuten ja jetzt, an der Zunahme der Fettleibigkeit sei Bisphenol A schuld. Und das findet sich ja in Babyflaschen und Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln. Folglich geben wir den Kindern am besten gar nichts mehr zu essen. Parkieren wir sie doch vor dem Computer oder dem Fernseher. Dort sind sie geschützt vor sämtlichen Gefahren, die in der Natur und in der Nahrung lauern.

Das Parkieren vor dem Computer hat ausserdem einen sehr nützlichen Nebeneffekt: Die Kinder können üben, wie man sich in der von allen Gefahren befreiten Welt am besten durchschlägt. Das ist viel wichtiger als Schwimmenlernen und Velofahren. Du musst auf deinem Computer nur das richtige Spiel installierern und schon weiss dein Kind, wie es in Zukunft seinem Gegner, früher Klassenkamerad genannt, begegnen soll. Und sollte dein Kind je auf die Idee kommen, einen seiner Gegner auf dem Schulhof an einem Baum aufzuknüpfen, ist das auch nicht so schlimm. Solch harmlose Bubenstreiche gehören doch einfach zur Kindheit, nicht wahr?

Es gibt ja auch Pessimisten, die behaupten, die Kinder kämen bloss auf solche Ideen, weil sie in den Computerspielen und im Fernsehen mit so viel Gewalt konfrontiert würden. Wie abwegig! Was könnte an diesem harmlosen Vergnügen so schlimm sein? Ist doch das ideale Spielzeug: Keine verschluckbaren Kleinteile. Im gut abgedunkelten Kinderzimmer scheint auch  nicht die ach so gefährliche Sonne und es gibt keine Zecken. Und in den Chips, die das Kind dabei isst, hats bestimmt kein Bisphenol A. Erstaunlich, dass all die Generationen vor uns noch nicht draufgekommen sind, wo die Kinder am sichersten sind.

Und überhaupt: Was kann an einem zünftigen Computerspiel oder einem actiongeladenen Film so gefährlich sein? Papa enstpannt sich ja auch so wunderbar vom täglichen Hahnenkampf im Büro, wenn er am Bildschirm mal so richtig drauflossballern darf, oder zumindest dabei zusehen darf, wie es andere tun. „Meiner“ übrigens nicht. Aber der arbeitet ja nicht im Büro, sondern bemüht sich Tag für Tag darum, in der Schule die in Watte verpackten Kinder auszupacken und ihnen Schwimmen und Velofahren beizubrinen.

Bitte nicht neidisch werden!

Was wir am Samstagabend machen? Nun, wir lassen es so richtig krachen. Wie die meisten Eltern. Wir trinken eine Tasse Kaffee (mit Koffein, zur Feier des Wochendes!). Wir essen vielleicht sogar ein paar Chips. Jedoch erst, wenn die Kinder schon tief schlafen. Wir wollen ja kein schlechtes Vorbild abgeben. Zuweilen wagen wir es sogar, die erste Hälfte eines Filmes zu schauen. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es sogar bereits in diesem Jahr, die zweite Hälfte auch noch zu sehen.

Wenn uns mal wieder nach etwas richtig Ausgefallenem ist, dann sorgen wir dafür, dass sich der Zoowärter beim Abendessen so richtig vollstopft und zwei Stunden später das ganze Bett vollkotzt. Denn es gibt doch einfach nichts Schöneres, als samstags um zehn Uhr abends gemeinsam Erbrochenes aufzuwischen, das Kind zu duschen und danach die komplette Bettwäsche zu waschen.

Das ist kein bisschen lustig

Eltern, die in ihrer Kindheit Ablehnung und Gewalt erlebt hätten, würden das freudige Strampeln eines Säuglings als Aggression deuten, lese ich in einem  Artikel über Gewalt an Kindern. In dem Bericht ist die Rede von Drogensüchtigen, sozial isolierten und psychisch kranken Eltern. Sogenannte Risikogruppen eben.

Die Aussagen des Artikels gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich dem Prinzchen dabei zusehe, wie er fröhlich vor sich hinbrabbelt, mit seinen Ärmchen rudert und mit den Beinchen kräftig gegen die Wand tritt. Wie viel muss in einem Leben schief laufen, dass man als Eltern nicht mehr fähig ist, das Schönste, was es gibt, nicht als schön, sondern als bedrohlich wahrzunehmen?

Diese Gedanken beschäftigen mich und plötzlich sehe ich sie wieder vor mir, meine eigenen tiefsten Tiefpunkte in meiner Karriere als Mutter. Zeiten, in denen ich meine Kinder nur noch als Störenfriede wahrnahm, die mich daran hinderten, einen Gedanken fertig zu denken oder eine Nacht durchzuschlafen. Momente, in denen ich nur noch mit Mühe zurückhalten konnte, dem Kind eine Ohrfeige zu verpassen. Nicht, weil mein Nachwuchs sich so daneben benahm, sondern weil ich in meiner Überforderung nicht mehr nachdenken konnte, warum mein Kind ausgerechnet jetzt so störrisch war. Zeiten in denen ich mich völlig alleingelassen fühlte mit meinem Herumschreien, meinen Ängsten und meinem Gefühl, als Mutter komplett zu versagen.

Und dies erlebte ich, die ich in einem gesunden sozialen Netz aufgehoben bin. Ich, die ich auf tatkräftige Hilfe von Familie und Freunden zählen kann. Ich, die ich zu keiner „Risikoggruppe“ gehöre. Wie geht es dann den Eltern, die ohne dieses Netz mit ihrem Versagen fertigwerden müssen? Wie viele Menschen gibt es, mit denen Mama erbarmungslos offen über ihr Versagen reden kann? Und zwar ohne, dass man sie gleich verurteilt und ihr ein paar billige Ratschläge um die Ohren haut. Ohne, dass sie danach wieder zurück in ihr Elend gehen muss, um alleine mit ihren Problemen zu kämpfen.

Es ist so einfach, nach aussen hin das Bild der glücklichen Mutter abzugeben, die alles im Griff hat. Es ist aber so schwierig, zu Hause immer dem absolut realitätsfremden Ideal der stets geduldigen und nie überforderten Mutter nachzuleben.

Ein Zettel? Was für ein Zettel?

Ob sie meinen Zettel nicht gesehen hätte, wollte ich von ihr wissen. „Welchen Zettel denn?“, fragte die Fünftklässlerin. „Da war kein Zettel“. Doch doch, ich hätte ihn um elf Uhr noch an die Tür des Kirchgemeindehauses gehängt. Darauf sei gestanden, der Mittagstisch finde heute bei Vendittis statt. „Nein, da war kein Zettel“, beharrt sie. Und sie ist ziemlich verstimmt. Ist ja auch verständlich. Musste sie doch bei dieser Hitze durch das halbe Dorf rennen, um herauszufinden, wo sie heute ihr Mittagessen bekommt.

Sie beharrt so lange auf ihrer Behauptung, da sei kein Zettel gewesen, dass ich schliesslich an mir selber zu zweifeln beginne. Ich erinnere mich zwar noch genau, wie ich, wiedermal barfuss, zum Kirchgemeindehaus gerannt war. Wie ich den Zoowärter und das Prinzchen volle zwei Minuten alleine zu Hause lassen musste und deswegen furchtbar nervös gewesen war.  Wie dann die beiden anderen Mittagstisch-Kinder zu uns gekommen waren und wissen wollten, wo denn die Fünftklässlerin sei. Ob sie wohl meinen Zettel nicht gesehen hätte?

Bilde ich mir das wirklich alles nur ein? Oder habe ich es hier mit einem jener Kinder zu tun, die nie und nimmer an sich selber zweifeln, auch wenn alle Fakten gegen ihre Darstellung sprechen? Wenn das Zweite der Fall ist, bleibt für mich nur eine Frage: Wie um alles in der Welt verhindert man, dass die eigenen Kinder auch so werden?

Einer ist immer in der Opposition

Ein volles Jahr lang liess sich der FeuerwehrRitterRömerPirat zu nichts bewegen, was wir von ihm wollten. Das vormals lammfromme Büblein schaltete auf stur, egal, ob es darum ging, die Zähne zu putzen, sein Zimmer aufzuräumen oder einen Bissen von seinem Mittagessen zu probieren. Es half kein Flehen, kein Drohen, kein Dessert-Entzug. Der FeuerwehrRitterRömerPirat war in der Opposition. Von seiner Sturheit hätte die SVP noch so Manches lernen können.

Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war alles  anders. Die Mama forderte ihn auf, sich anzuziehen und machte sich innerlich bereit für den gewohnten Kampf. Doch einen Augenblick später stand ein fertig angezogener FeuerwehrRitterRömerPirat da und putzte sich unaufgefordert auch noch die Zähne. Kein Kampf, kein Streit, kein Flehen auf den Knien. Himmlisch!

Dieser Zustand währte genau zwei Tage, dann trat Luise in die Opposition. Ein falsches Wort, ein harmloses Nein und schon knallte sie die Türen und schrie, dass die Wände wackelten. Man wusste nie genau, wann der Vulkan wieder ausbrechen würde, zitterte innerlich vor der nächsten Katastrophe. Doch so langsam scheint sich Luise wieder etwas zu beruhigen.

Zeit, dass Karlsson mal wieder den Aufstand probt. Ausgerechnet Karlsson, der sich in den letzten Monaten zu einem wirklich vernünftigen Kind entwickelt hatte, mit dem man Konflikte ganz zivilisiert durch lange Gespräche lösen konnte. Plötzlich fliegen die Fetzen, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist. Die Mama wird angebrüllt, weil sie es wagt, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass es Zeit sei, in die Schule zu gehen und die Schwester bekommt eins übergebraten, weil sie es wagt, ihn schräg anzusehen.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat beobachtet die Anfälle seiner Geschwister mit totaler Gelassenheit. Wie können die nur so stur sein? Es ist doch viel einfacher, zu tun, was die Eltern von einem wollen. Er, der uns mit seiner Opposition bis vor Kurzem täglich unzählige Male auf die Palme trieb, scheint jetzt das Wörtchen „Nein“ aus seinem Wortschatz gestrichen zu haben.

Wenn das so weiter geht mit ihm, wird er mal ein erfolgreicher Politiker.

Unschuldig

Ich schwör’s, ich habe ihm nichts getan. Und auch „Meiner“ nicht. Wir sind nicht laut geworden, haben nicht geschimpft und sind erst recht nicht handgreiflich geworden. Im Gegenteil, wir haben ihm frische Milch gebracht, haben ihn gefragt, was ihm fehle und ihm übers Haar gestrichen. Warum müssen wir uns dann bei ihm entschuldigen?

Laut brüllend liegt der Zoowärter im Bett, schreit „Ich well brüele!“ und wenn wir ihm helfen wollen, beruhigt er sich nicht eher, als dass wir uns bei ihm entschuldigt haben. Fast müsste man eingeschnappt sein. Aber nur fast. Denn plötzlich ruft er uns zurück ans Bett, schaut uns treuherzig an und brummt: „Scholdigong, Mami! Scholdigong Papa!“

Wer hat jetzt wem was angetan und wer muss sich bei wem wofür entschuldigen? Keine Ahnung, aber offenbar ist alles wieder gut.  Der Zoowärter will nicht mehr brüllen. Stattdessen singt er sich lauthals in den Schlaf des Gerechten, der weiss, dass er wieder mit allen im Frieden lebt.

Schlechter Einfluss

So langsam müssen wir uns darüber Gedanken machen, ob wir nicht sämtliche Asterix-Bände auf den familieninternen Index setzen müssen. Der schlechte Einfluss ist einfach bedenklich. Zum Glück sind bis jetzt noch keine Römer durch die Luft geflogen, doch das ist bald das Einzige, was unsere Bande noch nicht ausprobiert hat.

So zelebrierten die drei Älteren am Samstagnachmittag, als die Eltern mal wieder im Garten am Graben waren, eine Heisswasserstunde wie sie im Buche steht. Dass dazu auch „ein Tropfen von Milch“ ins heisse Wasser gehörte, versteht sich von selbst. Zum Glück konnte man im Nachhinein nicht mehr genau eruieren, wie viele Tropfen von teurer Bio-Milch bei der Fete draufgegangen waren. Die riesige Lache auf dem Fussboden liess aber auf eine ziemliche Menge schliessen.

Oder nehmen wir die Fische. Jeder weiss, dass man Forellen nicht schuppt, wenn man sie blaukochen will. Aber Verleihnix schuppt seine Fische, Fische schuppen sieht cool aus, folglich müssen die Forellen auch geschuppt werden. Alle Einwände, Verleihnix verstehe nichts von Fischen, sind zwecklos. Noch Tage später kleben überall winzige Schüppchen, die sich kaum mehr wegkratzen lassen.

Und dann erst der Zaubertrank! Was da alles schon verschwendet wurde! Ekliges Gebräu aus Ketchup, Schwarztee, Orangenjus und Salz. Mist, jetzt habe ich das Rezept verraten. Aber hätten die Gallier dieses Zeug gesoffen, wären ihre Abenteuer schon nach der ersten Seite zu Ende gewesen.

Was aber an der ganzen Asterix-Euphorie am ungerechtesten ist, ist dass sie mich nicht mitmachen lassen.  Als ich am Muttertag frühmorgens an den gedeckten Frühstückstisch geschlurft kam und brummte „Schalut schuschammen! Gibtsch hier wasch schu Trinken?“, starrten mich alle entgeistert an. Die wollen mich also nur, weil ich so dekorativ bin und deshalb halte ich jetzt die Luft an, bis sie mich auch mitspielen lassen. Sonst fliegen die Abenteuer von Asterix dem Gallier aus dem Fenster.