Das beste Spielzeug der Welt

Endlich hat Karlsson mal ein Spielzeug gefunden, das er nicht herumliegen lassen kann.  Eines, das nicht im Regal verstaubt, und vor allem Eines, das ihm keines seiner jüngeren Geschwister kaputt machen kann. Entdeckt haben wir es eher zufällig. Lusie kommt völlig in Tränen aufgelöst angerannt. Auf die Frage, was denn los sei, heult sie: „Der Karlsson will nicht mit mir spielen!“ „Warum denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“ „Nein. Er sagt, er will lieber mit seinem Gehirn spielen als mit mir!“

Ein paar Tage später gehe ich zufällig am Fussbalplatz vorbei, als eine Gruppe von Jungen dem Ball hinterher rennt.  Karlsson sitzt einsam am Rande des Spielfelds. Ein Anblick, der jeder Mutter das Herz bricht. Können die denn meinen Sohn nicht mitspielen lassen? Ist es denn so schlimm, dass er nicht der Schnellste ist. Es geht ja hier nicht um einen Weltmeistertitel. Da muss ich doch einschreiten, oder? „Soll ich den anderen sagen, sie sollen dich auch mitspielen lassen?“, frage ich besorgt. „Nein Mama, auf keinen Fall!“ „Warum denn nicht, hast du Angst, sie würden dich auslachen?“. „Aber nein Mama. Ich will doch nur in Ruhe mit meinem Gehirn spielen und hier stört mich mal endlich niemand.“

Schon verstanden, Karlsson. Ich verschwinde ja gleich wieder.

Qualitätssicherung

Das mit der „Kinderqualität“ will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Sie wissen schon, der Typ, der im „Beobachter“  behauptet hat, es komme auf die „Kinderqualität“ an, ob ein Kind der Gesellschaft Freude bereite oder nicht. Seitdem ich den Artikel gelesen habe, frage ich mich, was genau das gewöhnliche Kind zum Qualitätskind macht? Genügt es schon, wenn es immer schön brav danke und bitte sagt, oder muss es sich auch entschuldigen können? Oder zählen da ganz andere Qualitäten, zum Besipiel, dass das Kind bereits mit drei perfekte Tore schiesst, dass es grösser ist als andere, oder dass es zur richtigen Zeit am richtigen Ort in die richtige Familie geboren wurde? Oder setzt gar jenes zweijährige Mädchen, das bei Mensa aufgenommen wurde, die Messlatte für Kinderqualität?

Heute, wo alles nach Qualitätssicherung schreit, findet sich bestimmt  demnächst ein Irrer, der festlegt, welche Ziele ein Kind erreichen muss, um als Qualitätskind zu gelten. Und schon bald werden wir unsere Kinder zertifizieren lassen können, unsere Häuser mit Labels schmücken und am ersten Schultag der Lehrkraft stolz belegen können, dass unser Nachwuchs Qualität hat und nicht etwa zum gewöhnlichen Pöbel gehört.

Solche Gedanken lassen mich zuweilen fast wahnisinnig werden. Schaue ich dann aber im Morgengrauen nach dem Stillen mein Prinzchen an, kann ich nur staunen, wie perfekt so ein Menschlein ist und ich freue mich, dass auch er sich nicht in ein Schema pressen lassen wird. Und dann denke ich, dass er, und all die anderen Kinder, eigentlich eine bessere Welt verdient hätten, eine Qualitätswelt, sozusagen.

Erfolgserlebnis

So ällmählich, wenn die Kinder älter werden, beginnt sich abzuzeichnen, dass doch das eine oder andere von dem, was wir über die Jahre gepredigt haben, hängengeblieben ist. Zum Beispiel was den Besuch in Fastfood-Buden betrifft. In grauer Vorzeit, als wir noch ohne Kinderwagen und Wickeltasche durchs Land zogen, hatten wir uns geschworen, nie wieder einen Fuss in eine Mc Donald’s Filiale zu setzen. Dann, kurz bevor unser Ältester zu laufen begann, sahen wir den Film „About a Boy“. Der Vorpubertäre, der wegen der Strenge seiner körnchenpickenden Mutter glaubt, Mc Donald’s sei das Paradies, brachte unsere Überzeugung ins Wanken.

Schweren Herzens beschlossen wir, von Zeit zu Zeit alle unsere Bedenken über ungesundes Essen und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen zu verdrängen und die Tortur über uns ergehen zu lassen. Lange Zeit sah es ganz danach aus, als würde unsere Strategie nicht aufgehen. Ronald McDonald war der Grösste. Doch letzte Woche konnten wir endlich erste Erfolge sehen. Nach einem kurzen Abendausflug in die Stadt begaben wir uns mit der gesamten Meute zum Abendessen ins Mc Donald’s. Die Kinder verdrückten ihr Happy Meal, wir unsere lauwarmen (Vegi)-Burger. Nach dem „Essen“ schaut mich unser Ältester plötzlich traurig an: „Weisst du, als du gesagt hast, wir würden noch etwas essen, habe ich gemeint, wir gingen in ein richtiges Restaurant und nicht in eines, in dem es jedesmal den gleichen Frass gibt.“ Wunderbar, den ersten haben wir überzeugt. Bleiben nur noch vier zu bearbeiten. Fragt sich bloss, wo wir den Ältesten unterbringen, wenn wir bei den anderen die Überzeugungsarbeit in Angriff nehmen wollen.
Ach und übrigens: Die Erfolge beginnen sich auch in anderen Bereichen abzuzeichnen. „Hast du AKWs gerne?“, wollte unser Ältester neulich von unserer Praktikantin wissen. Er fragte ganz harmlos. Doch als sie antwortete, natürlich möge sie keine AKWs, fragte er spitz: „Warum lässt du dann überall das Licht brennen?“ Wenn wir da nur keinen kleinen Besserwisser heranzüchten…

Gibst du den kleinen Finger…

Jeder Beruf bringt seine eigenen Gebrechen mit sich. Lehrer, Sozialarbeiter und Manager leiden füher oder später an einem Burnoutsyndrom, Sportler müssen irgendwann ihre Karriere abbrechen, weil der Rücken nicht mehr mitmacht und bei Bauarbeitern sind es wahlweise die Knie, der Rücken oder die Schultern. Oder alles miteinander. Bei Müttern von kleinen Prinzen ist es der kleine Finger der linken Hand.

Warum das? Nun, bekanntlich nuckeln die meisten Babies liebend gerne. Dazu einget sich nichts so gut, wie Mamas keliner Finger. Nach ein paar Wochen finden sich die meisten Babies damit ab, dass dieser kleine Finger nicht Tag und Nacht verfügbar ist. Deshalb geben sie sich mit einem Nuggi, einem Schmusetuch oder ihrem eigenen Daumen zufrieden.
Was für die meisten Babies gilt, gilt natürlich für kleine Prinzen nicht. Wie wär’s mit einem Nuggi? Für einen Prinzen? Nicht doch, das löst einen Brechreiz aus. Ein Schmusetuch? So eines braucht doch schon der grosse Bruder zum Einschlafen und kleine Prinzen sind keine Nachäffer. Der eigene Daumen? Ein Prinzendaumen zum Nuckeln? Ich bitte Sie!
Also muss Mamas kleiner Finger her und zwar immer dann, wenn das Prinzchen nicht sofort einschlafen kann. Zum Beispiel auf der Autofahrt. Langsam meldet sich der Hunger, aber die Fahrt wird noch zehn Minuten dauern. Da spielt es doch keine Rolle, welche Verrenkungen Mama anstellen muss, um dem Kleinen den Finger in den Mund zu schieben. Bald schläft das Prinzchen wieder. Der Arm auch und zwar so tief, dass er seinen Dienst versagt und  schlaff herunterfällt, wenn er oben bleiben sollte. Deshalb muss Papa das Prinzchen in die Wohnung tragen, was den Kleinen natürlich weckt. Auf zur nächsten Runde Fingernuckeln!
Auch mitten in der Nacht nach dem Stillen muss der Finger her. Ohne kann man unmöglich schlafen. Nach einer Weile schläft die Mama ein, der kleine Prinz nuckelt noch etwas weiter und schläft dann auch. Süsse Ruhe? Weit gefehlt! Nach einer Weile ist Mama wieder wach. Ist das Prinzchen Schuld, oder eines der grösseren Kinder? Ach nein, es war bloss dieser stechende Schmerz im kleinen Finger…
Es wird Zeit, dass sich der kleine Prinz mit einem Nuggi abfindet.

Wie war das nochmals mit den Genen?

Woher hat er das bloss? Der Papa drückt sich seit frühester Kindheit erfolgreich ums Fussballspielen und dies trotz italiensicher Wurzeln. Die Mama begreift noch immer nicht, was es mit der Offsideregel auf sich hat. Und der Sohn bricht in Tränen aus, wenn Deutschland das EM-Finalspiel verliert. 

Es waren tatsächlich echte Tränen, die der Vierjährige am frühen Morgen vergoss, als er erfuhr, dass die Spanier den Pokal mit nach Hause nehmen. Ja, es schüttelte ihn regelrecht durch. Während der Rest der Familie die EM als mehr oder weniger notwendiges Übel betrachtet hatte, entschied sich unser Dritter gleich zu Beginn dafür, die Deutschen zu unterstützen. Und dabei blieb er bis zum bitteren Ende. 
Wie sehr er sich die Sache zu Herzen genommen hatte, merkten wir aber erst heute Morgen. Wie er da betrübt auf dem Sofa sass und sich nur noch mit einem ganz süssen Kakao und einer langen Umarmung trösten liess, konnte er einem richtig Leid tun. 
Das kann ja heiter werden, wenn er erst mal grösser ist. Wenn er einer jener Männer wird, die bei jeder Niederlage „ihres“ Vereins in eine mittelschwere Depression verfallen. Nun, er wird in bester Gesellschaft sein mit unzähligen Männern auf diesem Planeten. Woher er das hat, wird jedoch für immer ein Rätsel bleiben. 

Sonnenstich

Das von den Kindern ersehnte Jugendfest ist endlich da. Und für einmal sind die Eltern perfekt vorbereitet. Die Jungs haben neue T-Shirts, die weissen Kleider der Tochter liegen frisch gewaschen bereit, keiner der unzähligen Zettel, die den Tagesablauf im Detail vorgeben, ist verloren gegangen und die Blumen für die Krone des Zweitjüngsten sind gepflückt. Ausserdem hat die Tochter genau festgelegt, wer wann abgeholt werden muss, so dass keiner lange warten muss. Ist also alles perfekt. 

Alles? Fast alles. Im ganzen Haushalt lässt sich keine einzige Schirmmütze für den Ältesten finden. Letzte Woche lagen sie noch haufenweise herum, doch heute lassen sich nur noch Wollmützen finden. Und ob die bei 28 Grad vor einem Sonnestich schützen, ist fraglich. Das Ganze ist aber auch zu dumm. Wer hätte denn für heute mit schönem Wetter gerechnet? Nun, zugegeben, die Damen von der Vereinssitzung hatten schon vor zwei Monaten einen Hitzetag prophezeit. Doch wie soll man jemandem glauben, der zu Zeiten des Klimawandels mit dem Argument "Das Wetter wird schön. Das war noch jedes Jahr so" auf die Ausarbeitung eines Schlechtwetterprogramms verzichtet? 
Nun, die Damen hatten Recht. Ein Sonnenschutz muss her und zwar sofort. Doch die einzigen Schirmmützen, die es zu kaufen gibt, sind Fussballmützen. Und zwar von der Schweiz, Frankreich und Portugal. Müssen wir unseren Sohn unbedingt als Loser ans Jugendfest schicken? Wir müssen, denn einen Sonnestich würde uns unser Sohn noch weniger verzeihen, als die lächerliche Mütze mit Schweizerkreuz drauf. Doch Kinder wissen sich immer zu helfen. Unser Sohn verbrachte fast den ganzen Tag am Schatten.  

Ave Caesar

Papa ist im Klassenlager und heute ist Tag drei. Das bedeutet, dass die Nerven inzwischen ziemlich blank liegen. Besonders jetzt, abends um 10, wenn die Abfallsäcke sich irgendwie vom dritten Stock aufs Trottoir bewegen sollten, ohne die Nachbarn aufzuwecken. Wenn sich die trockene Wäsche noch von selbst zusammenfalten müsste, um wieder Platz für die nasse Wäsche zu schaffen. Wenn zwei von vier Kindern noch immer nicht schlafen und einen im Minutentakt davon abhalten, endlich zur Ruhe zu kommen. Gibt es Mütter, die in einer solchen Situation nicht ausrasten? Doch das Schreien macht das Ganze nur noch schlimmer.

Nun, die Kinder wissen inzwischen, wie sie eine solche Situation entschärfen müssen. Plötzlich steht er da, der fast Vierjährige, grinst und sagt in fehlerfreiem Latein: „Ave Caesar. Morituri te salutant!“. Sieg für die Kinder: Die Mutter lacht! Für heute können wir sie getrost in Ruhe lassen, sie hat das Lachen noch nicht verlernt.

Drei Minuten später herrscht in den Kinderzimmern absolute Ruhe.

Wieder nicht geschafft…

Nur einmal möchte man so sein wie die anderen. Die Muffins perfekt, keines, bei dem die Glasur heruntertropft, keines, das deformiert ist. Die letzten Vorbereitungen laufen glatt. Es braucht kein Antreiben, kein Ermahnen, schon gar kein Anschreien, damit die Kinder sich bereit machen. Sie sind alle sauber angezogen, Gesichter gewaschen. Alle rechtzeitig bereit, für den grossen Auftritt. Dann pünktlich raus aus dem Haus und ohne Hetze auf in den Kindergarten zur Geburtstagsfeier, auf die sich die Tochter seit Wochen schon freut.
Stattdessen das Gleiche wie immer: Der eine weiss nicht, was er zum Znüni will, der andere weigert sich, sich anzuziehen, die Haare der Tochter sind verklebt und lassen sich kaum kämmen, die Muffins kleben auf dem Blech, der Jüngste ist krank und brüllt, wenn man ihn aus dem Bett holt. Knapp zehn Minuten vor Kindergartenbeginn sind endlich alle auf der Strasse. Die Muffins rutschen gefährlich auf dem Tablett, während man verzweifelt versucht, gleichzeitig den Kinderwagen zu schieben, das Tablett zu balancieren, den Kleinen zur Eile anzutreiben und die Begeisterung des Geburtstagskindes zu teilen. Nach zehn Minuten, die einem vorkommen wie eine halbe Stunde, kommt man nassgeschwitzt und mit den Nerven am Ende im Kindergarten an.
Wieder hat man es nicht geschafft, dem Kind einen Moment der ungetrübten Freude zu bieten. Wieder stand der Stress im Weg, das Unvorhersehbare, die eigene Beschränktheit. Wie schaffen das bloss die anderen Mütter? Schaffen sie es überhaupt?
Zumindest die Kindergärtnerin sieht keinen Unterschied: „Das ist mal wieder perfekt. Wie immer bei dir“, ist ihre Reaktion, als sie die Muffins entgegennimmt. Perfekt? Das sind doch die anderen. Oder sieht in den Augen der anderen alles ein wenig anders aus?

Das ist aber unfair…

Die Ausgangslage war von Anfang an komplett unfair. Er mit roten Pausebacken, treuherzigem Blick aus Kulleraugen und einem gewinnenden Lächeln. Sie mit schwarzen Schatten unter den Augen, blass, übernächtigt und nicht mehr ganz taufrisch. Es war von Anfang an klar, auf wessen Seite sich das Publikum schlagen würde.
Zuerst geht noch alles gut. Er sitzt im Einkaufswagen, zeigt auf Peperoni, Käse, Ostereier und will wissen „dit da?“, was soviel heissen soll wie „Was ist das?“ Sie erklärt geduldig, weist ihn auf Dinge hin, die er noch nicht gesehen hat und füllt dabei den Einkaufswagen. Das Publikum ist entzückt: So ein schönes Paar!
Mit der Zeit fängt er an, nach den Artikeln zu greifen. Zuerst ist das kein Problem, doch als er nach dem Eierkarton greift, wird die Lage kritisch. Ein erstes scharfes Nein, ein zutiefst beleidigter Blick aus den Kulleraugen, ein erstes mitleidiges Seufzen aus dem Publikum.
Der Wagen füllt sich, die Ware droht herunterzufallen. Warum nur können die keine familientauglichen Einkaufswagen herstellen? Währenddem sie versucht, die Einkäufe so in den Wagen zu schichten, dass nichts zerquetscht wird, beginnt er sich zu langweilen. Er greift nach dem Salami, schmeisst ihn auf den Boden. Sie hebt ihn auf, legt ihn zurück. Da fliegen schon die Pouletschnitzel. Dann wieder der Salami, das Popcorn, die Teigwaren, wieder die Pouletschnitzel.
Dann greift er zu härterer Munition: Das erste Joghurt fliegt. Das erste fängt sie noch auf, das zweite auch, das dritte landet auf dem Boden. Das Publikum grinst. Ihr reisst der Geduldsfaden. Sie weist ihn zurecht, hält seine Händchen fest, damit er nichts mehr packen kann. Da holt er zum vernichtenden Schlag aus: Die ersten dicken Tränen kullern, er zieht die Mundwinkel nach unten und heult los.
Das Publikum schüttelt angewidert den Kopf. Armer kleiner Kerl, er hatte doch so viel Spass. Wie kann sie nur so gemein sein mit ihm?