In der Discounter-Oase

Discounter sind nicht so mein Ding. Also, eigentlich überhaupt nicht, aber wenn eine Freundin mich darum bittet, sie dorthin zu fahren, wäre es ziemlich doof, im Auto zu warten, bis sie fertig eingekauft hat. Darum fand ich mich heute kurz vor dem Mittagessen inmitten von Dauertiefpreisen und Einführungsangeboten. Weil mir für das Mittagessen noch einige Zutaten fehlten, zwang ich mich dazu, über meinen Schatten zu springen und das zu kaufen, was ich brauchte.

Nun ja, ich versuchte, zu kaufen, was ich brauchte, aber das war gar nicht so einfach denn wie mir scheint, bestimmt im Discounter nicht der Einkaufszettel darüber, was in den Wagen kommt, sondern das Angebot. Und dieses ist zumindest für meinen Geschmack ziemlich dürftig. Oh ja, mit Süssigkeiten, Chips und Beutelsuppe könnte man sich eindecken, zur Not findet man auch Knoblauch, Kokosmilch und Currypaste hingegen sucht man vergeblich, auch im Regal mit den asiatischen Produkten.

Nachdem ich jeden Regalmeter erfolglos nach den gewünschten Zutaten abgesucht hatte, sagte ich meiner Freundin, ich würde mich noch schnell im Discounter gegenüber – die Läden treten ja meist im Rudel auf – umsehen, vielleicht würde ich dort fündig. Wurde ich nicht. Im dritten Geschäft fand ich dann endlich Kokosmilch, Currypaste gab es aber auch dort nicht. Manchmal hätten sie diese schon im Sortiment, erklärte mir einer der Verkäufer. 

Manchmal, aber eben nicht heute, bei meinem hoffentlich einzigen Besuch in dieser Discounter-Oase. Ein Besuch, den ich nur schon deshalb nicht so bald wiederholen werde, weil ich schlicht keine Zeit habe, für eine Handvoll Zutaten dreissig Minuten durch die Läden zu hetzen. Als sich beim Mittagessen auch noch der Knoblauch in den Knoblauchbroten eigenartig grün-violett verfärbte, war klar, dass ich bei meiner bisherigen Haltung bleibe: Solange wir es uns leisten können, kaufe ich dort ein, wo für mich die Qualität stimmt. Auch wenn ich dafür etwas tiefer in die Tasche greifen muss. 

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Vielleicht sollte ich es ihm mal erklären

Neulich entdeckte das Prinzchen in der Migros tiefgekühlte Schinkengipfel. Aufgeregt suchte er mich im Gedränge. „Mama, komm, schau dir diese Gipfeli an!“ Ich warf einen kurzen Blick auf die himmelblauen Riesenschachteln voller Tiefkühl-Apérogebäck und wollte mich Dingen zuwenden, die auf meiner Einkaufsliste standen, doch das Prinzchen hielt mich zurück. „Schau doch, Mama, die sehen aus wie die Gipfeli, die du manchmal bäckst.“ Ich lächelte milde. „Ja, so ähnlich sehen die aus, aber lass uns jetzt weitergehen.“ „Aber Mama, sieh doch, du könntest die Gipfeli auch kaufen, dann müsstest du sie nicht mehr selber machen.“ 

Ich glaube fast, mein Sohn versteht nicht ganz, dass ich nicht backen muss, sondern backen will

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Die können ja, wenn sie wollen

Prinzchen hat heute mit meiner Hilfe seine erste Wähe gebacken. Ein kleines Ding, gerade mal gross genug, um einen kleinen Kindermagen zwischendurch ruhig zu stellen. Natürlich gab es für alle zusammen noch eine Grosse. Wo kämen wir denn hin, wenn einer alleine den ganzen Genuss hätte? Oder jeder nur einen winzigen Bissen abbekäme? Die Grosse war im Nu weggeputzt, einzig Prinzchens Küchlein lag noch auf dem Tisch, als sich beim Zoowärter der Wunsch nach mehr Wähe regte.

Zoowärter beinahe schüchtern zum Prinzchen: „Gibst du mir einen Bissen von deiner Wähe ab?“
Prinzchen: „Nicht jetzt.“
Zoowärter, leicht eingeschnappt: „Hab ja nur gefragt…“
Prinzchen, fällt ihm ins Wort: „Nicht jetzt, habe ich gesagt. Aber wenn ich wieder hochkomme, darfst du sie haben.“
Zoowärter, verwundert: „Die ganze Wähe?“
Prinzchen: „Ja, die Ganze. Aber erst gehe ich jetzt noch ein wenig zu Grossmama. Ach was, iss sie doch jetzt…“

Eine Stunde später, das Prinzchen ist wieder da und die Wähe schon längst in Zoowärters Bauch.
Prinzchen: „Wo ist meine Wähe?“
Zoowärter schaut schuldbewusst zu Boden: „Die habe ich gegessen.“
Prinzchen: „Die Ganze?“
Zoowärter, beschämt aber auch leicht irritiert: „Du hast es doch gesagt…da habe ich eben gedacht…“
Prinzchen: „Kein Problem. Ich habe doch nur gefragt.“

Zum Glück war die Sache damit erledigt. Wenn das Prinzchen den Zoowärter auch noch gefragt hätte, ob ihm die Wähe geschmeckt hat, hätte ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich meine, das geht doch nicht, die Dinge so ganz ohne Tobsuchtanfälle und elterliche Intervention zu regeln.

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Die Prinzessin und der Manitoba-Weizen

Wir hatten erneut die Ehre, eine Küchenmaschine vermacht zu bekommen, eine Dame aus dem edlen Geschlecht der Kitchen Aid, von ihren ersten Besitzern getauft auf den Namen Princess Leia – von mir kann sie diesen Namen nicht haben, ich habe bis heute noch immer kein Star Wars gesehen. Unter anderem um diesem adligen Geschöpf in reinem Weiss ein standesgemässes Zuhause bieten zu können, eroberte ich mir meine Traumküche zurück. Die Prinzessin bekam dort einem Ehrenplatz auf der blitzblank polierten Arbeitsfläche. Ich glaube, sie fühlte sich auf Anhieb wohl dort und als ich meine Mehlvorräte aus der Mühle anschleppte, begann sie vor lauter Vorfreude zu glänzen. Sophie wurde aufs Altenteil geschickt, wo sie hin und wieder Weizen mahlen oder alle Schaltjahre Fleisch durch den Wolf drehen darf und Charlotte hat ihren Dienst in einer anderen Küche nicht weit von hier aufgenommen. Da mich nun die grosse Backwut packte, hatte die Prinzessin beste Aussichten auf ein glückliches Leben bei uns.

Dann aber geschah das Unglück: Herr Hadjiandreou, dessen Buch ich mir selbst zur Einweihung meiner Küche schenkte, erklärte mir, dass nicht das lange Kneten einen guten Teig macht, sondern die Ruhe zwischen zwei kurzen Knetvorgängen. Na ja, kneten ist vielleicht das falsche Wort, man müsste wohl eher von streicheln reden und das beherrsche ich eindeutig besser als die Prinzessin. So kam es, dass die Arme traurig dabei zusah, wie ich mich mit meinem Teig vergnügte und ihr kaum Beachtung schenkte. Gut, hin und wieder tätschelte ich sie liebevoll und versprach ihr, sie bald einmal ganz gross herauskommen zu lassen, doch die Prinzessin schniefte nur verdriesslich und schmiedete im Geheimen wohl Pläne, diesem trostlosen Ort zu entfliehen.

Doch dann, fast wie im richtigen Märchen, kam ein Retter daher, zwar nicht auf einem Schimmel, sondern in einem gelben Auto, das viele Pakete aus aller Welt geladen hatte. Manitoba-Weizen heisst der edle Herr und ich habe ihn eigens aus Deutschland herbeigerufen, weil mein Panettone beim ersten Versuch nicht richtig aufgehen wollte. Das Internet hat mir dann erklärt, dass der Teig eben nicht anders konnte, als eher flach zu bleiben, weil das Stärkegerüst nicht fest genug gewesen sei, darum müsse beim nächsten Mal der starke Kerl aus Manitoba her.

Zum Glück kam er gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten an, damit der Teig über drei Tage werden kann und weil die ersten Schritte langes Kneten von Hand erforderten, wusste ich zugleich, dass ich den Richtigen gefunden hatte, um die Prinzessin wieder glücklich zu machen. Wer noch nie einen Teig mit einem Anteil von Manitoba-Weizen geknetet hat und auch keine Lust hat, dies je zu tun, kann sich diese Arbeit etwa so vorstellen: Drei Rollen von diesem klebrigen Einmeterkaugummi so lange kauen, bis er weich ist und danach gründlich von Hand durchkneten, etwa zehn Minuten lang. Glaubt mir, ich war von Herzen dankbar, als mir das Rezept bei Schritt 17318 endlich gestattete, die Prinzessin ranzulassen. Die Gute stürzte sich mit Freuden auf die Arbeit und bewies diesem Manitoba-Kerl, wer hier das Sagen hat.

Noch ist der Panettone nicht ganz fertig, doch der Teig zeigt mir, dass sich hier zwei gefunden haben, die zueinander gehören. Und wenn mir nicht irgendwann der Nachschub an Weizen ausgeht oder die Prinzessin den Geist aufgibt, werden sie zusammen noch viele Jahre lang glücklich herzige kleine Panettone, Ciabatte und Baguettes erzeugen.

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Glücksgefühle mit einer Note von Citrus und Kardamom

Vierundzwanzig Jahre lang habe ich experimentiert, habe ihn mal mit Rosinen gebacken, mal nur mit kandierten Früchten, fast immer hatte es auch Mandelstifte im Teig, ein paar Mal versuchte ich es mit Quarkteig, wenn ich welchen zur Hand hatte, durften sich die Früchte zuerst mit Rum vollsaugen, aber meistens verzichtete ich darauf, einzig die dicke Rolle Marzipan in der Mitte gehörte stets dazu, egal, von welchem Rezept ich mich inspirieren liess.

Keine Ahnung, wie viele Weihnachtsstollen ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr schon gebacken habe, aber es waren ziemlich viele. Zufrieden war ich nie mit dem Resultat. Auch nicht vollkommen unzufrieden, das nicht, aber er war eben nie  genau so, wie er meiner Meinung nach sein sollte: Krümelig aber nicht trocken, kompakt aber nicht schwer, butterzart aber nicht triefend vor lauter Fett. Mal roch er zu stark nach Hefe, mal war er staubtrocken, dann wieder wollte der Teig nicht richtig aufgehen. Mein Stollen war nie so schlecht, dass man ihn nicht gern gegessen hätte, aber er war auch nie so gut, wie er sein sollte. 

Jetzt endlich, nach all diesen Jahren, bin ich zum ersten Mal richtig zufrieden. Ach, was untertreibe ich da? Ich schwelge geradezu. Schon als mir dieser himmlische Duft von Kardamom und Citrus in die Nase stieg, ahnte ich es und als ich mir den ersten Bissen auf der Zunge zergehen liess wusste ich es mit Sicherheit: Ich habe mein Ziel erreicht, mein Weihnachtsstollen ist endlich so, wie ich ihn mir stets erträumt habe. So zart, so aromatisch, so krümelig – so weihnächtlich.

Zu verdanken habe ich dies nicht etwa meinem Talent, sondern Emanuel Hadjiandreou, der in seinem Buch Dinge lehrt, die ich so weder zu Hause noch in der Kochschule noch in irgend einem anderen Backbuch gelernt habe. Das Resultat überzeugt, nicht nur beim Stollen, sondern auch beim Sauerteig-Vollkornbrot oder bei den Croissants. Ziemlich sicher trägt auch das Mehl aus der Mühle das Seine zum Gelingen bei. Endlich ist Selbstgebackenes so, wie es sein sollte: Besser als das Gekaufte, damit sich der Aufwand auch wirklich lohnt. Wenn die Küche wieder sauber ist und das Gebäck seinen Duft verströmt, bin ich jedes Mal Neue erstaunt, wie glücklich mich solche Dinge machen. 

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Rührend? Wie man’s nimmt…

Der Zoowärter kommt von einem Besuch bei seiner besten Freundin nach Hause, in der Hand ein Säcklein mit hausgemachtem Caramel. „Mama, schau, was Bestefreundins Mama mir mitgegeben hat!“, sagt er strahlend und setzt sich zu mir. „Willst du auch eins?“, fragt er, nachdem er etwa drei Stück vertilgt hat. Ich nehme dankend an, ziemlich erstaunt, dass ich etwas abbekomme, ehe dem Zoowärter schlecht geworden ist vom Naschen. Momente später streckt mir mein Sohn erneut einen süssen Würfel entgegen. „Magst du noch einen?“ Tief gerührt über diese grosszügige Geste nehme ich auch diese Gabe an. Ich habe noch nicht den den ganzen gegessen, als der Zoowärter mir einen dritten Würfel aufdrängt. „Nimm, Mama, es hat genug davon!“

Mir wird ganz warm ums Herz. Kann es sein, dass meine ewigen Predigten über das Teilen etwas gefruchtet haben? Erlebe ich hier, in diesem heiligen Moment, dass aufgeht, was wir zu säen versucht haben? Darf ich Empfängerin sein von einer Grosszügigkeit, die der Zoowärter gewöhnlich gegenüber seinen Freunden und Freundinnen zeigt? 

Heute früh sitzen der Zoowärter und ich zusammen am Frühstückstisch. „Mama…“, beginnt mein Sohn zwischen zwei Löffeln Joghurt. „Erinnerst du dich noch an die Süssigkeiten, die ich gestern mit nach Hause gebracht habe? Die hat mir Bestefreundins Mama eigentlich für dich mitgegeben.“ 

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Aber natürlich braucht es das

Vor vielen Jahren diskutierte ich einmal mit einer befreundeten Mutter darüber, ob es überhaupt sinnvoll sei, wenn Eltern sich Auszeiten nehmen. „Aber natürlich ist es sinnvoll“, sagte ich. „Da wäre ich mir nicht so sicher“, meinte die andere Mutter. „Wenn du dir drei Tage lang Luxus und Entspannung gönnst, fällt dir der Alltag danach umso schwerer. Besser, man beisst auf die Zähne und verzichtet auf Auszeiten, sonst ist man nachher nur noch frustrierter.“ „Aber man kann doch nicht jahrelang auf die Zähne beissen! Wie soll man bloss den Familienalltag überstehen, wenn man nie ausspannt?“, protestierte ich, doch meine Mitmutter blieb bei ihrer Meinung. Und ich bei meiner. 

Heute früh stand ich lustlos in der Küche, betrachtete den mit Brosamen übersäten Fussboden und dachte an diese Diskussion zurück. Noch keine vierundzwanzig Stunden vorher hatte man mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen, aber es kam mir vor, als lägen Jahre zwischen gestern und heute. Alles, was ich gewöhnlich mehr oder weniger nebenbei erledige, kostete mich eine gewaltige Überwindung, die alltäglichen Streitereien fielen mir noch mehr auf die Nerven als gewöhnlich. Ob sie doch Recht gehabt hatte, die andere Mutter? Wäre es vielleicht doch besser, sich mit Volldampf durch den Alltag zu kämpfen und sich dann auszuruhen, wenn die Kinder aus dem Haus sind?

Ich liess mir die Geschehnisse der vergangenen Tage noch einmal durch den Kopf gehen, dachte an die ungestörten, tiefschürfenden  Gespräche mit unseren Freunden zurück, an das intensive Empfinden von Hitze und Kälte in der Sauna, an die unzähligen Geschmackserlebnisse, die ich wieder einmal ganz bewusst hatte geniessen dürfen, an den tiefen, erholsamen Schlaf. Dann erinnerte ich mich an das pure Glück, das ich empfand, als wir bei unserer Heimkehr unsere Kinder in die Arme schliessen durften, an die tiefe Freude, als mir Luise gestern seit sehr langer Zeit wieder einmal sagte, dass sie mich lieb hat, an die besondere Nähe als ich gestern Abend an Prinzchens Bett sass und Schlaflieder sang. 

Ja, es fiel mir schwer, heute wieder in den Alltag einsteigen zu müssen und ich war auch ziemlich frustriert darüber, dass „Meiner“ und ich trotz guter Vorsätze so schnell wieder im alten Trott landen. Dennoch bin ich dankbar für jeden Augenblick unserer kostbaren Auszeit. Und auch für den Moment, als wir alle sieben wieder gemeinsam am Tisch sassen. Darum würde ich meiner Mitmutter heute noch das Gleiche sagen wie damals.

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Was mich das Leben so alles lehrt

  • Heizungen steigen grundsätzlich an dem Tag aus, an dem es draussen zum ersten Mal so kalt ist, dass sogar ich mich mit dem Gedanken trage, Strümpfe anzuziehen.
  • Die Heizung teilt dir immer erst dann mit, dass sie sich diesmal wirklich nur mit Hilfe eines Monteurs wieder in Gang bringen lässt, wenn du bereits einen Nachtzuschlag bezahlen müsstest, um diesen Monteur ins Haus zu bestellen.
  • Wenn die Heizung streikt, kommen Fernsehgeräte, Ladekabel, Handys und dergleichen auf die Idee, es ihr gleichzutun. Wir Hausbewohner würden dann am liebsten auch in Streik treten, aber es wird so furchtbar kalt, wenn man nicht ständig in Bewegung ist.
  • Es gibt nur einen Weg, dich nach der Veröffentlichung deines Buches nicht über Tippfehler zu ärgern: Du musst deine Bücher von Hand schreiben. Dann schreibst du nur das falsch, was du nicht richtig schreiben kannst. Darüber kannst du dich dann  nicht ärgern, weil du gar nicht merkst, dass du einen Fehler gemacht hast. 
  • In der Schweiz gibt es einen neuen Industriezweig: Die Betreuungsindustrie, manchmal auch Krippenindustrie genannt. Ich weiss zwar nicht genau, was diese Industrie produziert und weiterverarbeitet, aber das spielt ja auch keine Rolle. Das Wort macht sich einfach gut in Leserbriefen und wer denkt denn schon über den Sinn von Worten nach, wenn er Leserbriefe liest?
  • Dein jüngstes Kind bleibt immer kleiner als deine anderen Kinder und darum in deinen Augen klein, egal, wie gross es schon ist. 
  • Der Vormittag gehört noch lange nicht dir, bloss weil jetzt alle deine Kinder kindergarten- oder schulpflichtig sind. Irgend einer nimmt sich immer das Recht heraus, sich krank zu melden, wenn du eigentlich etwas anderes vorhättest. Also komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich irgendwo als freiwillige Helferin zu melden, weil du jetzt „so viel freie Zeit“ hast.
  • Man kann Kondensmilch auch selber herstellen. Man sollte sich allerdings während der Zubereitung nie weiter als zwanzig Zentimeter vom Kochherd entfernen, sonst brennt das Zeug an. 
  • Nur weil dein Kind eine ausgeprägte nostalgische Ader hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich zum Geburtstag nicht die allerneusten Gadgets wünscht. Klassische Musik und Bilder von Barockpalästen lassen sich problemlos mit modernster Technik vereinbaren.

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Ich will meine Leidenschaft zurückhaben!

Nie, so habe ich mir geschworen, werde ich eine jener Mütter, die mittags lustlos etwas in die Pfanne schmeissen, weil sie keine Ahnung haben, was sie kochen sollen. Nie werde ich die Freude am alltäglichen Kochen verlieren, einfach nur Futter zubereiten, damit keiner verhungert, so etwas kommt für mich nicht in Frage. Keinen Aufwand werde ich scheuen, um meiner Familie täglich genussvolles und gesundes Essen zu servieren. Und auf gar keinen Fall wird es bei Vendittis nur noch Kinderfutter wie Pasta Bolognese, Pizza und Omeletten geben.

Gut, zumindest im letzten Punkt habe ich meine Grundsätze nicht verraten. Natürlich gibt es bei uns manchmal Pizza, Pasta & Co, doch unsere Kinder haben lernen müssen, dass Mama weder mit unterschiedlichsten Gewürzen noch mit Gemüse aller Art spart, nur weil die Kinder diese vielleicht nicht mögen. Was aber die anderen Punkte anbelangt, bin ich auf bestem Weg, kläglich zu scheitern.

Ja, am Wochenende probiere noch immer gerne die verrücktesten Rezepte aus, aber zwischen Montag und Freitag ertappe ich mich allzu oft beim Gedanken, dass ich jetzt lieber Pizza bestellen als kochen würde. Die Kinder können nichts dafür, sie essen ganz gerne abwechslungsreich und würde ich ihnen auch nur einmal pro Woche Fertigprodukte auftischen, käme es zur Revolution. Mein Problem ist die Routinearbeit. Kaum ist der Frühstückstisch abgeräumt, muss das Essen auf den Herd, kaum sind Mittagessen und Zvieri verdaut, sollte auch schon wieder das Abendessen auf dem Tisch stehen. Zwar gibt es unzählige Möglichkeiten, Nahrungsmittel zuzubereiten und doch habe ich beim Durchblättern meiner Kochbücher immer öfter das Gefühl, es sei alles irgendwie das Gleiche, von Montag bis Sonntag, zweimal am Tag. Wer jetzt glaubt, ich hätte halt einfach nicht genug Kochbücher, dem zeige ich gerne mal meine Kochbuchsammlung. Und meine bevorzugten Kochapps. Und meine ausgeklügelten Menüpläne.

Ihr seht also, Kochen steht weit oben auf meiner Prioritätenliste und doch stehe ich immer öfter am Herd und suche vergeblich nach meiner Leidenschaft. Ich will nicht zulassen, dass der Alltagstrott mir meine Freude am Kochen raubt und doch gelingt es ihm immer öfter. Ich habe kein Lust, immer und immer wieder  Pasta mit Gemüsesauce in allen Variationen zu kochen, nur weil mir gerade nichts besseres einfällt. Ich will meine Leidenschaft zurückhaben und zwar jetzt. Nicht, weil ich ohne sie keine gute Mutter wäre, sondern weil ich ohne sie nicht wirklich ich bin. Und wenn ich nicht ich bin, dann kann ich auch nicht die Mutter sein, die ich sein möchte.

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Mama Venditti bereitet sich auf eine Lesung vor

08:15 Der Wecker klingelt, ich stelle fest, dass Prinzchen und Herr Gemahl mich mal wieder an die äusserste Bettkante gedrängt haben. Doch was heisst hier „an“? Auf die Bettkante haben die Herren mich gedrängt, darum rapple ich mich mit ziemlich müden Knochen auf, um den Tag in Angriff zu nehmen.

08:25: Ein Glas Wasser runterkippen und dann auf zum Markt, Kürbisse kaufen.

08:45: Die ersten zwei Kürbisse sind gekauft, Schwatz mit der Marktfrau über Wachtelhaltung. Wie sind wir überhaupt von Kürbissen zu Wachteln gekommen? Keine Ahnung mehr, aber die Frau freut sich, dass ich durch so viele Fehler gelernt habe und ihr jetzt ziemlich genau sagen kann, wie sie es nicht machen soll, wenn sie sich dann mal Wachteln zulegt.

08:50: Der nächste Kürbis ist gekauft. Dazu frisch gepressten Apfelsaft. Kurzer Schwatz, dann weiter zum nächsten Stand.

08:53: Bewundern der Kürbis-Auslage am Stand mit dem Pro Specie Rara-Gemüse. Eine Kundin neben mir erzählt mir, wie sie Kürbisse zubereitet und will mir einen Schutzengel verkaufen. Als ich ihr sage, dass ich fünf Kinder und gerade nicht allzu viel Geld für Krimskrams übrig habe, bedauert sie, dass sie gerade kein Gemüse dabei habe, das sie mir schenken könne. Ob ich Selbstgestricktes brauchen könne. Ich erkläre ihr, dass wir ganz gut über die Runden kommen, aber ihre fürsorgliche Art wärmt mir trotzdem das Herz.

09:00: Der letzte Kürbis, den ich kaufe, bringt satte 10 Kilo auf die Waage und weil ich den Ganzen nehme, bekomme ich ihn günstiger. Grossmäulig behaupte ich, ich würde es schon schaffen, all die Kürbisse und den Apfelsaft zum Auto zu schleppen, ich hätte ja auf dem Frauenparkplatz parkiert, das sei ja nicht weit…

09:12: Schwer atmend stehe ich im Durchgang und überlege mir, wie ich meine Bagage besser verteilen kann. Noch 150 Meter bis zum Auto und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich das hinkriegen soll. Eine Verkäuferin, die ihren Schmuckstand ganz in der Nähe hat, bietet mir ihren Transportwagen an. Die nette Geste rührt mich fast zu Tränen. Ob ich allmählich ein wenig nervös werde? So sentimental bin ich doch nun auch wieder nicht…

10:05: Nach einem kurzen Zwischenstopp zu Hause – Kürbisse aus- und Kinder einladen – bin ich bereit zu neuen Taten. Drei Kinder sind für den Tag am Spielturnier versorgt, die anderen zwei helfen zu Hause. Vielleicht. Jetzt also noch Getränke besorgen, mehr Mehl, Kerzen, Rahm, Wacholderlatwerge,… Ein erster Anflug von Panik…

10:20: Getränke sind gekauft, Rahm und Kerzen auch. Panik wächst. Oder ist es der Hunger. Für Frühstück war ich zu aufgeregt heute Morgen. Ich erinnere mich daran, dass ich noch den winzigen Gummi-Hamburger habe, den mir der Mann, der heute neben dem Markt Handzettel für die 1:12 Initiative verteilte, geschenkt hat. Das Ding ist wirklich winzig, aber es ist essbar, also runter damit.

11:00: Alles eingekauft, jetzt schnell nach Hause. Panik sehr gross. Was, wenn keiner kommt? Was, wenn zu viele kommen? Wenn die Suppe nicht reicht? Wenn sie anbrennt? Wenn ich meine Stimme verliere? Keine Ahnung, wie das geschehen sollte, aber man kann nie wissen…

11:30: Zu Hause. Das Prinzchen schenkt mir ein Bild, das er nach dem Vorbild seines Papas gemalt hat. Ich könnte schon wieder heulen…Einkäufe hoch schleppen, Sauna einschalten, Vorteig mit Mehl, Hefe und Zucker füttern, nachdenklich das Chaos in der Küche betrachten, Beruhigungsbloggen, geschäumte Milch schlürfen und ab in die Sauna.

Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn ich meine Nerven in den Griff bekomme…

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