Ich will das nicht können müssen

Grundsätzlich bin ich keine  Freundin von klassischen Rollenmustern. Das fing schon in der Ehevorbereitung an, wo  „Meiner“ und ich einander stets fragend anschauten, wenn mal wieder eine Liste mit „typisch er – typisch sie“ gezeigt wurde. Wäre man  nach diesen Listen gegangen, dann wäre in den meisten Fällen er „sie“ und ich „er“ gewesen.  Und so haben wir uns relativ früh dazu entschieden, einfach zu sein,  wer wir sind und uns unseren Alltag so einzurichten, dass jeder das tut, was ihm besser liegt, auch wenn es nicht den Geschlechterklischees entspricht, die man damals in der Ehevorbereitung noch predigte.

Gewöhnlich sind wir damit ganz glücklich, aber hin und wieder überkommt „Meinen“ der Drang, die Dinge auf den Kopf zu stellen, vermutlich um zu verhindern, dass  wir einrosten. Heute Morgen zum Beispiel kam  er auf den irrigen Gedanken, dass ich die  Kinder zum Skikurs fahren könnte, währenddem er sich um den Haushalt kümmert. Mir war sofort klar, dass es in diesem Fall weiser wäre, uns an die klassische  Rollenteilung zu halten und deshalb versuchte ich, meinen Mann davon zu überzeugen, wie viel besser es doch wäre, wenn ich das Frühstücksgeschirr abwaschen, die Wäsche aufhängen und den Fussboden saugen würde. Hätten wir ein Bügeleisen hier, ich hätte ihm sogar vorgeschlagen, dass ich danach noch die Unterwäsche bügle. Ihr seht also, ich war echt verzweifelt.

Aber „Meiner“ blieb hart: „Ich will nicht jeden Morgen der Idiot sein, der in diese elende Kälte hinaus muss und es sind ja nur zehn Minuten Fahrt.“ „Aber ich kenne den Weg nicht“, jammerte ich, worauf „Meiner“ nur meinte, die Kinder wüssten ja, wo es lang ginge und sich dem Abwasch zuwandte. Am liebsten hätte ich laut gebrüllt, dass ich doch eine Frau und deshalb grundsätzlich ungeeignet sei für solche Abenteuer, aber ich wusste ja, dass „Meiner“ so etwas nicht gelten liesse und so schickte ich mich eben grummelnd und schimpfend in das Unvermeidliche.

Aber natürlich stellten sich meine Bedenken als vollkommen berechtigt heraus. Ich kenne ja meine Grenzen. Auf dem Hinweg ging es ja noch, denn da konnten mich die Kinder lotsen. Aber auf dem Rückweg? Na, was wohl? Mein Orientierungssinn liess mich mal wieder im Stich und so fand ich zwar  ganz ungewollt den Weg zu dem Krankenhaus, in welchem Karlsson vor etwas mehr als drei Jahren seinen geplatzten Blinddarm losgeworden ist, ich fand den Laden, in dem ich mir damals Rosinenbrötchen gekauft hatte, weil der Spitalkoch nicht begreifen konnte, dass eine schwangere Vegetarierin mit einer Bratwurst und nichts dazu nicht satt zu bekommen ist. Ich fand auch den Weg zum Bahnhof, hinter welchem irgendwo die Strasse zu unserem Ferienhaus zu finden wäre, aber wie ich die Bahnlinie umgehen sollte, um zu dieser Strasse zu gelangen, das erschloss sich mir bei allem Schimpfen und Klagen nicht. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als den ganzen Weg noch einmal zurückzufahren und irgendwann die richtige Abzweigung zu erwischen.

Als ich nach einer Stunde Irrfahrt endlich dem Ferienhaus nahe war, kam ein besorgter Anruf von „Meinem“. Wo ich denn geblieben sei? Blöde Frage von dem Mann, der seit nunmehr zwanzig Jahren mit mir unterwegs ist. Man sollte doch meinen, er hätte in dieser Zeit so einiges von meinen  Irrfahrten mitbekommen und würde  mich deshalb vor weiteren solchen Situationen bewahren. Gehört doch irgendwie zu einer Ehe, oder? Ich schliesse den armen Mann ja auch nicht mit der Steuererklärung in einem Zimmer ein und mache mich dann aus dem Staub.

 

 

Nicht Discounter-tauglich

Die Discounter und ich, wir haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Okay, gegen die Preise hätte mein Budget nichts einzuwenden, wäre da nicht meine Überzeugung, dass es da mit der Gerechtigkeit nicht weit her sein kann. Auch Sortimment  und Präsentation sagen mir nicht zu und so kommt es, dass ich im gewöhnlichen Leben einen weiten Bogen um Aldi, Lidl & Co. mache. Hier in den Ferien  bleibt mir aber keine andere Wahl, denn etwas anderes als Discount habe ich noch nicht getroffen. Und so kam es, dass ich heute Morgen bei Aldi – Pardon, ich meine natürlich  Hofer – einen Besuch abstattete.

Das erste Problem hatte ich bereits vor dem Laden. Da stand der Verkäufer einer Arbeitslosenzeitung verloren in der Kälte und wurde seine Ware nicht los. Gewöhnlich ist für  mich klar, dass die Zeitung gekauft wird, aber vor  einem Discounter? Hat das nicht einen schalen Beigeschmack von Ablasshandel? Ich beschloss, die Frage erst nach dem Einkauf zu klären und kramte meine Einkaufsliste hervor.

Und dann ging der Horror los. Zuerst einmal geriet  ich einem alten Ehepaar ins Gehege. Die zwei waren offenbar deutlich geübter  als ich im Durchkämmen der unübersichtlichen Warenauslage und so griffen sie immer exakt in dem Moment dazwischen, als ich endlich die ökologisch akzeptablen Karotten oder Äpfel  erspäht hatte. Eine Weile lang lieferten  wir uns einen zermürbenden Kampf um den vordersten Platz am Regal, dann bogen sie glücklicherweise in Richtung Kühltruhe ab.

Die zwei war ich also los, aber einfacher wurde das Einkaufen nicht. Warum müssen diese Ladeneinrichter immer das Wichtige & Gesunde mit  dem Überflüssigen & Ungesunden mischen? Nun gut, ich weiss natürlich schon, weshalb die das tun, aber wie soll ich da innert nützlicher Frist einen Einkauf erledigen, wenn ich mich durch Regale voller Chips und Schokoladenriegel kämpfen muss, bevor ich endlich bei den Freilandeiern lande? Und warum schreiben die ihre Preise so hoch oben an? Denken die nicht an uns Kurzgewachsenen?

Nach unendlicher Sucherei und unter grossem Ellbogeneinsatz – täusche ich mich, oder sind Discounter-Kunden ungeduldiger? – war meine Einkaufsliste endlich abgearbeitet. Es folgte der Kampf mit dem Tempo der Kassierin. Wenn du Glück hast, steht vor dir ein Kunde, der ein Problem hat, wodurch du die Zeit gewinnst, um deine Ware aufs Band zu legen. Steht keiner mit Problem vor dir, musst du aufpassen, dass die Lebensmittel, die du kaufen willst, nicht zerdrückt werden, wenn die Kassierin sie dir aus der Hand reisst. Wie um Himmels Willen stellt die Frau es an, dir mit der einen Hand die Ware aus der Hand zu reissen, mit der anderen die Artikel über den Scanner zu ziehen und mit dem Ellbogen das Gescannte auf  die zu kurz geratene Ablagefläche zu schieben? Und  was, bitte sehr, ist mein Part in diesem irren Tanz? Mir scheint, ich bin immer im Weg, ganz egal, was ich tue.

Ziemlich verschwitzt war ich, als die Ware endlich zurück im Wagen und bezahlt war. Jetzt nur noch der verzweifelte Versuch, all das Zeug  so schnell als möglich in die Einkaufstaschen zu schmeissen, bevor mich jemand unter  Knurren und Zähnefletschen von meinem Platz  am Einpacktisch vertrieb. Endlich draussen, war für mich  klar, dass ich dem armen Kerl, der noch immer fröstelnd im Eingang stand, die Zeitung abkaufen würde. Nicht, um mich von meinem arbeitsrechtlich und ökologisch unkorrekten Einkauf reinzuwaschen, sondern damit ich  eine anständige Lektüre hätte, wenn ich  mich für den Rest des Tages bei Tee und Waffeln von diesem Horror-Einkauf erholen würde.

Well behaved

Die Voraussetzungen waren nicht gerade ideal für eine friedliche Zugfahrt zu dritt: Vierzig Minuten Verspätung und dies noch vor der Abfahrt, der spärliche Proviant bereits aufgegessen, bevor wir die Grenze nach Österreich überquert hatten, das Zugabteil überheizt, rund um uns herum kindelose Menschen, mehrheitlich Amerikaner. „Das kann ja heiter werden“, seufzte ich leise genug, damit meine beiden Jüngsten nicht mitbekommen konnten, was ich auf dieser Fahrt von ihnen erwartete.

Nun ja, es wurde dann auch mehr oder weniger heiter. Die Kleinen kletterten auf die Armlehnen, mussten immer dann aufs WC, wenn der Zug gerade in einem Bahnhof stand, schnitten Grimassen und brachten damit leider nicht  alle Sitznachbarn zum Lachen, sondern einige humorlosere Exemplare auch dazu, sich im überfüllten Zug einen neuen Sitzplatz zu suchen. Nun ja, ich selber fand, dass die beiden die Fahrt ziemlich gut meisterten,  aber ich bin abgehärtet.

Gegen  Ende der Fahrt, als meine Nerven trotz realtiver Friedlichkeit ziemlich strapaziert waren und ich mich ernsthaft um das Wohlergehen meiner Mitreisenden sorgte, wandte sich plötzlich einer der Amerikaner im vorderen Abteil an mich: „Your boys are  so well behaved. You should see my daughter’s sons when  they have  to be quiet for so long“, bemerkte er bewundernd. Zuerst war mir die Sache ziemlich peinlich, denn immerhin machte  der Mann seine  eigenen Enkel schlecht, um damit meine zappeligen Jungs aufs Podest zu heben. Dann aber dämmerte mir, dass die zwei sich tatsächlich ziemlich gut geschlagen hatten: 5 Stunden in einem überfüllten Zug, einizig mit einem 15-teiligen Puzzle, einem Lego-Katalog, zwei Armlehnen und drei Stofftieren als Spielzeug ausgestattet, 4 heisse Würstchen mit Ketchup und  zwei Flaschen „Almdudler“ als Notration und alles, was ich hin und wieder sagen musste war „Prinzchen, ich bitte dich!“ und „Ach, Zoowärter, das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du doch nicht weinen.“

Ganz eindeutig eine der besseren Zugfahrten mit unseren Kindern. Das Problem lag wohl eher bei mir, denn so ganz ohne Lesestoff und iPad – die Katzen haben das Kabel durchgebissen und ein Neues habe ich noch nicht gekauft – wurde ich ganz schön ungeduldig auf dieser öden Zugfahrt. Vor allem als ich sah, dass die Amis vor mir „Trivial Pursuit“ auf dem iPad spielten und ich so gerne mitgespielt hätte…

Nein, ich suche keinen neuen Mann

Man sollte ja meinen, man könne heutzutage dem Computer alles beibringen. Ich meine, der Kerl ist inzwischen im Stande, auf den Punkt genau anzuzeigen, wo man gerade steht. Er kann dich fotografieren, wenn du ganz dringend ein Bild von dir brauchst und keine Kamera zur Hand hast. Er benimmt sich nach Lust und Laune wie ein CD-Player, ein Buch, ein Fernseher oder eine Schreibmaschine. Warum aber will der Kerl nicht begreifen, dass ich nicht auf Partnersuche bin? Egal, auf welcher Homepage ich mich aufhalte, überall will der Computer mir einen neuen Mann andrehen. Mal einen fürs Leben, dann wieder bloss einen für das kleine Abenteuer zwischendurch. Mal will er mir einen Akademiker aufschwatzen, dann wieder soll ich nur aufs Äussere schauen. Und wenn ich irgendwann aus lauter Frust auf die Frage „Sind Sie auf der Suche nach ihrem Traumpartner“ klar und deutlich „Nein“ anklicke, dann verschwindet die lästige Frage nicht etwa, sondern man macht mich dezent darauf aufmerksam, wo ich einen neuen finden könnte, sollte mein jetziger Traumpartner ganz unverhofft das Weite suchen. Okay, ich weiss, solche Dinge kommen vor und zwar öfter als man denkt, aber muss ich mir deswegen schon mal einen Mann auf Vorrat suchen? Einfach für den Fall, dass es mit „Meinem“ nicht klappen könnte? Nein danke, nicht mit mir. Da investiere ich lieber mehr Zeit in meine sehr reale Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen, als im virtuellen Raum schon mal nach einem Ersatz Ausschau zu halten. 

Klar, ich könnte das aufdringliche Gehabe der Partnervermittler einfach ignorieren, aber das ist gar nicht so leicht, wenn einem ein Kind über die Schultern schaut und fragt, warum sich dieser nackte Mann da auf dem Laken räkelt. Und das nicht etwa auf einer einschlägigen Seite, sondern als Werbung, die mir gratis zu meinen Mails geliefert wird. Wenn ich dann noch bedenke, dass Karlsson jetzt auch eine E-Mail-Adresse hat und mit dem gleichen Mist, einfach in weiblicher Form, konfrontiert wird, dann kommt mir die Galle hoch. Wann endlich kommt der findige Computerexperte, der den „Stop! Keine Werbung!-Aufkleber für die Mailbox erfindet? Wann endlich kommt der Filter, mit dem ich angeben kann, was ich angepriesen bekommen will und was nicht? So schwer müsste das doch nicht sein, ich kann ja auch einstellen, ob ich meine Korrekturen in Deutsch(Schweiz) oder Deutsch (Deutschland) haben will. 

Und wo ich schon dabei bin, mich aufzuregen: Wann endlich begreift mein iPad, dass ich nicht Tamara heisse?

 

 

Kuchendesaster

Wie viele Stunden meines Lebens habe ich damit vergeudet, den perfekten Geburtstagskuchen herbeizuzaubern? Ich weiss es nicht, aber es waren sehr viele und der Erfolg blieb bescheiden, obschon ich eine leidenschaftliche Kuchenbäckerin bin. Es ging schon an Karlssons erstem Geburtstag in die Hose. Nach stundenlangem Suchen in den zahlreichen Rezeptbüchern meiner Sammlung entschied ich mich für eine Puddingtorte mit Apfelmus, eine wirklich delikate Kombination. Und was tat mein kleiner Junge? Er berührte den Kuchen mit dem Zeigefinger, begann lauthals zu schreien und weigerte sich, auch nur einen einzigen Bissen von seiner allerersten Torte zu probieren. Nun ja, heute liebt er genau diesen Kuchen besonders, aber das tröstet mich nicht über meine damalige Enttäuschung hinweg.

Danach ging es im ähnlichen Stil weiter. Mal klebte der Kuchen an der Form, obschon ich diese perfekt vorbereitet hatte und so gab es anstelle eines Dinosauriers nur eine Ansammlung von Fossilien. Ein anderes Mal verfing sich die Folie, mit der ich die Form ausgekleidet hatte, in der Masse für die Eistorte und so konnte man keinen Bissen geniessen, ohne sich danach die Folienfetzen zwischen den Zähnen herausziehen zu müssen. Dann wieder war der Bienenkorb nicht als Bienenkorb erkennbar und ich musste ihn in aller Eile zum grünen Hügel mit Petterson und Findus, die ich zum Glück noch in irgend einem Küchenschrank fand, umfunktionieren.

Natürlich sind mir nicht sämtliche Geburtstagstorten missraten. So viel Pech kann gar nicht sein, immerhin backe ich doch ziemlich viele davon. Aber auch wenn mir ein Meisterwerk gelungen war, blieb mir der Erfolg verwehrt. Es genügte, dass eines der eingeladenen Kinder fragte: „Hat es in diesem Kuchen Kokosraspel drin?“ und schon ass keiner mehr einen Bissen, weil ich mir die Freiheit herausgenommen habe, dem Teig noch etwas anderes als Mehl, Eier, Butter,  Zucker  und – natürlich – Smarties beizufügen. Einmal wollte eine kleine Rotznase wissen,  ob es in dem Kuchen Zucker hätte und als ich bejahte,  glaubte er doch tatsächlich,  er könne mir weismachen,  dass er keinen Zucker mag. Ein Kind,  das keinen Zucker mag? Für wie doof hielt der mich eigentlich? Aber was soll’s,  auch von diesem Kuchen blieb sehr viel mehr als nur Krümel übrig.

Ja und heute,  als wir mit einer Kinderschar des Zoowärters Geburtstag nachfeierten,  landete ich einen Volltreffer und zwar einen,  der mich in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Da hatte ich keine Zeit und „Meiner“ keine Lust zum Kuchenbacken und so blieb mir nichts anderes übrig,  als Schwiegermamas Weihnachts-Panettone in Scheiben zu schneiden,  so dass daraus vier Sterne wurden. Dann noch Schlagrahm,  bunte Zuckerstreusel und Puderzucker drauf und fertig waren die Schneesterne. Ziemlich billig  für mich,  die ich viel Wert auf Selbstgebackenes lege. Doch was geschah? Die Kinder futterten Kuchen bis ihnen die Schlagsahne aus den Ohren kam,  verlangten ein Stück nach dem anderen und ich heimste Lob ein,  als hätte ich gerade die Erfindung des Jahrhunderts gemacht.  

Tja, uns jetzt ist mein Selbstbewusstsein mal wieder im Keller. Alles was es in diesen Tagen dazu dazu braucht, sind ein Panettone, Schlagrahm und ein paar Streusel. 

Kindersorgen – Mamasorgen

Luise fiebert vor sich hin und sorgt sich. Ob sie die Hausaufgaben noch vor den Ferien schafft. Wo ihr Zahlenbuch hingekomen ist. Ob sie bei der nächsten Prüfung eine sechs schafft (Ja, ihr lieben Deutschen, bei uns wollen die Kinder Sechsen schreiben, weil eine Eins eine Katastrophe wäre). Und schliesslich sorgt sie sich, ob sie am Freitag wieder gesund ist, damit sie den Film in der Schule nicht verpasst.

Armes kleines Mädchen, sorgt sich um die Schule,  wo sie doch nur gesund werden sollte. Ich mache das ja ganz anders, wenn ich krank bin. Ich ziehe mir seichte Schnulzen rein, lese den Spiegel, blogge ein paar  Kleinigkeiten und verschwende keinen Gedanken an meinen Alltag. Und dazwischen  döse ich ein, träume von der unerledigten Arbeit auf meinem Schreibtisch, von der gähnenden Leere auf dem Konto, von dem Schmutz auf dem Küchenfussboden, von verstopften Strassen, die mich daran hindern, rechtzeitig an mein Ziel zu kommen und davon, dass wir die Kindergeburtstagsparty des Zoowärters vergessen. Aber das zählt nicht als Sorgen. Ist ja alles nur ein Traum. Nicht wahr?

Einige Fragen

Trotz langjähriger Mutterschaft gibt es da einige Fragen, auf die ich noch immer keine Antworten gefunden habe. Da ich mir nun lange genug erfolglos den Kopf zerbrochen habe, stelle ich diese Fragen der Leserschaft:

Nun bitte ich euch, diese Fragen mit äusserster Sorgfalt zu beantworten, denn in Zukunft werde ich mich bei der Erziehung unserer Kinder strikte an die Resultate dieser Umfrage halten.

Weshalb tun wir uns das bloss an? Vierter und letzter Teil

Nach nur gerade drei Wochen sind wir wieder voll und ganz mit der Aussenwelt verbunden. Das Telefon schellt wieder wie in alten Zeiten, der Fernseher verfügt über noch mehr Sender, die uns nicht interessieren und – am Allerwichtigsten – wir haben wieder Internet im Haus. Das bedeutet, dass beautifulvenditti nun wieder in Farbe daherkommt. Nach unzähligen Minuten in der Warteschleife und stundenlangem Kopfzerbrechen, weshalb meine Mutter auf einmal unter unserem Namen telefoniert,  wir dafür „keine Anrufsberechtigung unter diesem Anschluss“ hatten,  komme ich zum Schluss, dass es heutzutage wohl einfacher ist, den Ehepartner loszuwerden, als die Telefongesellschaft zu wechseln. Nicht, dass ich diese These beweisen möchte. Ich werde „Meinen“ behalten, auch wenn es im Alltag hin und wieder zu Störungen in der Leitung kommt.

Mein geliebtes Leben

Ich hätte da mal eine kleine Bitte an dich und zwar wünsche ich mir, dass du mir mal eine Verschnaufpause gewährst. Nein, ich meine jetzt nicht ein paar Tage im Ländli oder eine Woche Erholungsferien mit der ganzen Familie. Das alles ist ja ganz nett, aber was hilft es denn, wenn ich, kaum zu Hause angekommen, wieder im selben Schlamassel stecke?

Nein, was ich mir wünsche ist, dass das Karussell mal wieder etwas langsamer dreht. Zum Beispiel, indem das ewige Gezanke in den frühen Morgenstunden aufhört. Ich träume davon, dass wir sieben Vendittis unsere Tage friedlicher beginnen können, denn so allmählich bin ich des ewigen Kämpfens um jede Bagatelle müde.

Ich wünsche mir, dass die Arbeitszeit reicht, um zu erledigen, was getan werden muss. Dass die Pendenzenliste kürzer und nicht stetig länger wird.

Ich wünsche mir mein altes Gedächtnis zurück, denn um so oft am Tag gestehen zu müssen „Mist, das habe ich vergessen!“ bin ich eindeutig noch zu jung.

Ich wünsche mir, dass die Legosteine und Playmobil-Helme, die meinen Weg vom Bad ins Schlafzimmer zum Büsserweg machen, sich von selbst in die Spielkiste begeben.

Ich wünsche mir, dass die nächste Tortenplatte, die ich erstehe, länger als zwei Wochen ganz bleibt.

Ich wünsche mir, dass ich wieder Zeit und Nerven habe, einen Menüplan zu machen. Und vor allem, dass ich mich dann auch an den Plan zu halten, anstatt immer mal wieder Brot und Käse aufzutischen, währenddem die Schwarzwurzeln, auf die wir uns alle so gefreut haben, in der Vorratskammer vergammeln.

Ich wünsche mir, dass das Prinzchen endlich damit aufhört, das Duschgel gleich flaschenweise in die Badewanne zu schütten. Und überhaupt, wenn wir schon beim Baden sind, mein liebes Leben: Könntest du nicht bitte dafür sorgen, dass unsere Söhne endlich begreifen, dass das Wasser in die Wanne gehört und nicht daneben?

Ich wünsche mir, dass ich endlich wieder wie eine ganz normale Frau – eine mit Kindern, Job etc. – unterwegs sein darf und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn, das sich den Mantel falsch zugeknöpft hat.

Ich wünsche mir, dass meine Energie am Ende des Tages für mehr reicht als nur für einige Levels „My kingdom for the Princess“. Die ich übrigens nicht mal in meinem eigenen Namen spiele, sondern im Namen der Kinder, die es trotz aller Anstrengungen nicht schaffen, das Schloss zu erweitern.

Dies alles und noch ein paar Dinge mehr wünsche ich mir, mein geliebtes Leben. Glaubst du, du kriegst das vor meiner Pensionierung hin, oder soll ich mir da erst mal keine Hoffnungen machen?

Doch kein Märchen

Pädagogen beklagen sich ja gerne über die heutigen Kinder. Sie wüssten sich nicht mehr zu bewegen, sie könnten nicht mehr mit der Schere hantieren, sie hätten keine Ahnung davon, wie man spielt. Alles Schwarzmalerei, pflegte ich zu denken, denn die Kinder, mit denen unsere Kinder spielen, sind nicht so. Klar, hin und wieder trifft man schon eines, das am liebsten nur fernsehen möchte, aber die meisten klettern mit Vergnügen und grossem Geschick auf Bäume, spielen mit Leidenschaft Theater und wissen, wie man Kuchenteig macht.

Hin und wieder aber begegne ich Kindern, für die es eine echte Herausforderung ist, zehn Minuten lang einer Geschichte zuzuhören. Ihre Kiefer sind nicht mehr stark genug, um ein frisches, knuspriges Brötchen zu kauen, denn etwas anderes als weiches Weissbrot haben sie noch selten zwischen die Zähne bekommen. Ein leeres Blatt und ein paar Farbstifte empfinden sie als Überforderung, denn wo bitte sehr sind da die vorgezeichneten Figuren, die man nur noch ausmalen muss? Es sind Kinder, die sich daran gewöhnt haben, alles pfannenfertig vorgesetzt zu bekommen. Mit ihren eigenen Werken sind sie nie zufrieden, weil sie nicht so grell und perfekt sind wie all das, was sich am Computer herbeizaubern lässt.

Wenn ich solchen Kindern begegne, wird mir jeweils bewusst, dass es doch keine Märchen sind, welche die Pädagogen jeweils über die Kinder von heute erzählen. Und doch erzählen sie nicht die ganze Wahrheit. Denn mit welcher Begeisterung diese Kinder den Teig kneten, wenn sie mal die Gelegenheit dazu bekommen, wie glücklich sie sind, wenn sie einfach mal ohne grosse Vorgaben drauflos malen können, mit welchem Genuss sie „mal etwas anderes als Pommes und Würstchen“ verspeisen, davon hört man selten. Gut, zuerst ist da meist eine gewisse Furcht vor dem Unbekannten, die es zu überwinden gilt, aber wenn sie mal Mut gefasst haben und etwas Neues gewagt haben, sind sie mit mindestens so viel Begeisterung dabei wie die Kinder, für die Kreativität und Herumtollen zum Alltag gehören. Vielleicht sogar mit mehr.