Sanktionen und dergleichen

Nachvollziehen kann ich es schon, dass das Handy im Schulsack bleiben musste, als die Lehrerin für eine Lektion weg musste und die Schüler alleine liess. Hätte ja wirklich einer ein gemeines Bild schiessen und es mit einem fiesen Kommentar versehen der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Dass Karlsson einen Rüffel kassiert, wenn er trotz dieser Regel das Handy zückt und ein Bild von sich selber schiesst, ist also wenig verwunderlich und in meinen Augen auch okay. Von mir aus können sie auch eine „Konsequenz“ androhen – gestraft wird heutzutage ja nicht mehr -, aber weshalb wir Eltern über die Sache in Kenntnis gesetzt werden müssen, nachdem Karlsson sein „Vergehen“ unumwunden gestanden hat, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Um verstehen zu können, weshalb ich diese Haltung der Schule nicht verstehen kann, muss man das Rad der Zeit um gut sechsundzwanzig Jahre zurückdrehen. Damals war ich in Karlssons Alter und wie es sich für ein Teenager gehört, war mein fader Schulalltag gewürzt mit der einen oder anderen Episode. Da war zum Beispiel die peinliche Prügelei mit einer Klassenkameradin, die uns beide ziemlich doof aussehen liess. Oder der misslungene Versuch, einem Banknachbarn bei der Geographieprüfung zu helfen, der damit endete, dass wir beide unabhängig  voneinander gestanden, ich hätte bei ihm abschreiben wollen, weshalb ich meine Prüfung in einem anderen Zimmer fertig schreiben musste und eine schlechte Note bekam. Oder die Geschichtslektion, in der ein paar Klassenkameraden dem allseits verhassten Lehrer einen Glarner Ziger unter dem Pult versteckten und wir alle uns eine Stunde lang köstlich darüber amüsierten, wie der Mann verzweifelt und erfolglos versuchte, die Quelle des Gestanks ausfindig zu machen. Oder der Tag, an dem ich im Schulhausflur zu einer Freundin sagte, Lehrer B. sei ein Arschloch und dann mit Schrecken feststellen musste, dass er direkt hinter mir stand. Oder die Ballerinas, die mir der Lehrer am Ende der Lektion aus dem obersten Schrankfach angeln musste, weil die Jungs sie dort oben versteckt und sich aus dem Staub gemacht hatten. Oder die grossen Pausen, die wir verbotenerweise im Einkaufszentrum anstatt auf dem Pausenhof verbrachten. Oder die verbotenen Besuche im Zimmer der Jungs im Klassenlager. Oder die Sache mit dem Fahrradkeller… na ja, lassen wir das lieber… Oder später das Tastaturschreiben, das ich regelmässig schwänzte, um „Meinen“ näher kennen zu lernen.

Kein besonders dickes Sündenregister für die damalige Zeit, ich weiss, aber das ist jetzt nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Dinge, die in meinem und im Sündenregister meiner Schulkameraden aufgeführt waren, eine Sache zwischen Lehrern und Schülern waren. Solange es sich um Bagatellen handelte, war es an uns, die Eltern zu informieren oder eben nicht, wenn man wusste, dass schweigen klüger war. Erst wenn eine gravierende Sache vorgefallen war – zum Beispiel, wenn eine Aushilfe fertig gemacht wurde -, gab es einen Brief an die Eltern und natürlich auch eine Strafe. Wie diese jeweils ausfiel, weiss ich nicht, ich war nie betroffen. Auf alle Fälle wurden diese Mittel sparsam angewendet, weshalb sie von Schülern (etwas weniger) und Eltern (etwas mehr) ernst genommen wurden.

Genau an diesem Punkt krankt das heutige System: Wie sollen wir das alles noch ernst nehmen können, wenn bei jedem Mückenschiss die Eltern informiert werden? Wie sollen die Schüler noch erkennen, was zu weit geht, wenn eingeschritten wird, ehe sie nur schon auf die Idee gekommen sind, wirklich Mist zu bauen? Welche Mittel hat man noch zur Verfügung, wenn Einschreiten dringend nötig wäre, wo man doch die ganzen Sanktionen schon zur Ahndung kleiner Misstritte verbraucht hat?

Obendrein stellt sich natürlich die Frage, ob der ganze Zettelkrieg nicht einfach davon ablenken soll, dass man bei echten Problemfällen noch gleich hilflos dasteht wie das bei unseren Lehrern schon der Fall war.

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Tussispiel

Angeblich studieren sie, doch davon bekommt man herzlich wenig mit, denn man kann sie stets nur dabei beobachten, wie sie sich in Pose werfen, von einem noch hübscheren Kleidchen träumen und das Smartphone zücken. Trotzdem bekommen sie regelmässig ein nettes Sümmchen ausbezahlt, wenn sie aufräumen, finden sie haufenweise Geld, Schmuck, Tablets und Kristallgläser, sogar ihre Kätzchen spüren in jedem Winkel des stets grösser werdenden Hauses Geld und Gold auf. Wenn ihr Angebeteter ihnen eine Rose überreicht gibt’s noch ein wenig Taschengeld dazu, doch einen Angebeteten bekommt man nur, wenn man sich richtig verhält: Er gibt das Thema vor, sie muss entsprechend antworten und erobert damit sein Herz. Antwortet sie falsch, verzieht er angewidert sein Gesicht und sie bricht in Tränen aus. Ach ja, natürlich sind sie alle gertenschlank, grossäugig und charmant.

Woher ich das alles weiss? Nun, nach unserem letzten Reinfall lasse ich Luise nicht mehr einfach so Spiele ab 12 spielen, ich will wissen, welches Frauenbild ihr dort vermittelt wird. Damit ich das weiss, muss ich stets eine Nasenlänge voraus sein. So kommt es, dass sie und ich nach dem Mittagessen auf dem Bett liegen und das Tussispiel spielen. Was zu erstaunlich tiefen Gesprächen führt, Gesprächen, die wir ohne das Spiel vielleicht nicht so ungezwungen führen würden.

Meist fängt es damit an, dass wir uns überlegen, welches Kleid in der endlosen Garderobe uns auch noch gefallen könnte. Was uns ganz natürlich zur Frage führt, wo der Unterschied zwischen chic und billig liegt, was wiederum das Thema aufkommen lässt, welcher Rock zu kurz ist, um noch als anständig durchzugehen. Damit  richten wir unseren Fokus auf die unnatürlich langen und dünnen Beine der Tussis, womit wir beim Thema „schön muss nicht schlank sein“ angelangt wären. Und plötzlich befinden wir uns nicht mehr in einem virtuellen Tussispiel, sondern in einem ganz realen, ziemlich fiesen Tussispiel, das sich tagtäglich auf dem Pausenhof abspielt: Wie schwer bist du? Und du? Und du? Wir sind bei den Lügen, die einige Mädchen erfinden, damit sie ihr wahres Gewicht nicht nennen müssen, bei der Frage, wie man dieses ungesunde Spiel endlich unterbinden könnte, ohne in den Augen aller anderen die blöde Kuh zu sein und schliesslich beim grossen Thema, wie Frau es schafft, sich ihrer Schönheit zu freuen, ohne dabei zu verdummen. 

Nein, natürlich ist dies nicht im Sinne der Erfinder des Tussispiels, dennoch bin ich ihnen dankbar, dass sie mir dabei helfen, Luise vor Augen zu führen, worum es im Leben einer Frau nicht geht. 

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Dauerverunsichert

Schwangere rennen wegen geringster Beschwerden zum Gynäkologen. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Die Notaufnahmen für Kinder sind heillos überlastet, weil Mütter und Väter bei jedem Wehwechen das Schlimmste befürchten und ins Spital fahren. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Man traut Kindern nicht mehr zu, den Schulweg alleine zu bewältigen, darum karrt man sie mit dem Elterntaxi hin. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Viele Lehrer klagen nicht über schwierige Schüler, sondern über aufsässige Eltern, die aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Sogar an den Hochschulen hat man es heute mit stänkernden Eltern zu tun. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Mütter und Väter lassen sich durch ihre Kinder tyrannisieren. Es gibt gar Eltern, die von ihren Kindern geschlagen werden. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Kaum ein Kind kommt heutzutage noch ohne Therapie durch die Kindheit. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Manche Mütter holen erst die Meinungen von Fachleuten, Freunden und Verwandten ein, ehe sie die schwerwiegende Entscheidung treffen, ihrem fiebernden Kind ein Fieberzäpfchen zu verabreichen (oder es eben nicht zu verabreichen). – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Okay, wir Eltern werden tatsächlich mit Ratschlägen, Infobroschüren, Fachliteratur, Expertenmeinungen und vielem mehr eingedeckt, sobald der zweite Streifen auf dem Teststäbchen sichtbar geworden ist. Obendrein sind die Medien voll von beängstigenden Geschichten, die einem vor Augen führen, was alles schief gehen kann. Da ist es ganz natürlich, dass man sich immer mal wieder verunsichert fühlt. Aber auf die Dauer ist das doch kein Zustand. Wer will denn schon ein hilfloser Laie bleiben, der sich stets von anderen sagen lassen muss, was jetzt gerade gut ist für das Kind, was man besser bleiben lassen soll und mit welcher Methode der „Erfolg“ garantiert ist? Wer will denn schon abhängig bleiben vom Wissen und der Erfahrung anderer?

Natürlich braucht es Fachleute, die dann helfen, wenn etwas wirklich schief geht. Alltagssorgen, seien sie nun gesundheitlicher, pädagogischer oder praktischer Natur, sollten Mütter und Väter aber ohne Expertenhilfe meistern können, und darum ist es an ihnen, sich das nötige Grundwissen und damit auch eine gewisse Sicherheit anzueignen. Alles andere ist in meinen Augen verantwortungslos. Die Verantwortung für unsere Kinder haben nämlich in allererster Linie nicht die Ärzte, Lehrer, Therapeuten und Berater, sondern wir, die wir die kleinen Menschen gezeugt und geboren haben.

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Und wenn wir nicht mehr mitspielten?

Irgendwo habe ich neulich sinngemäss gelesen, wir Eltern sollten uns gefälligst aus der Bildungsdiskussion raushalten, wir seien ja keine Experten. „Von wegen keine Experten“, brummte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Wir, die wir Tag für Tag miterleben, was Reformen, Pisa-Resultate und Sparübungen mit unseren Kindern anstellen, sollen uns aus der Angelegenheit raushalten? Ich wollte mir überlegen, ob es einen Weg gäbe, auf dem wir uns konstruktiv einbringen könnten, doch leider hatte ich keine Zeit, um mich weiter mit der Sache auseinanderzusetzen, also schob ich meine Gedanken unausgereift zur Seite. 

Einige Tage später stiess ich auf einen Zeitungsartikel zur Kritik am Lehrplan 21. Man sprach von den Bedenken der Wirtschaft, von den Änderungswünschen der Lehrerschaft, von den kritischen Fragen der Parteien, Politiker und Schulleiter. Aber kein Wort von der Elternseite, als ginge uns die Sache nichts an, als gehörten wir nicht auch zu jenen, die im Alltag ausbaden müssen, was an Schreibtischen zurechtgezimmert wird. „Was wäre, wenn wir uns so penetrant in die Diskussion einbrächten, dass man unsere Stimme nicht überhören könnte?“, fragte ich mich, doch wieder forderten andere Dinge meine Aufmerksamkeit.

Ein Essay von Hauke Goos in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ brachte mich erneut ins Grübeln. Unter dem Titel „Du sollst keine Fehler machen!“ beschreibt der Autor, wie unsern Kindern die Kindheit geraubt wird, wie wenig Spielraum für Individualität noch bleibt und wie viele von uns „bildungsnahen“ Eltern unseren Teil zum Druck beitragen, indem wir uns eine Schule wünschen, die unsere Kinder optimal auf den Übertritt ans Gymnasium vorbereitet. Die Aufforderung, wir Eltern sollten uns häufiger auf die Seite unserer Kinder stellen und zwar „bei dem grossen Projekt, das darin besteht, so viel Schule wie nötig zu ermöglichen und so viel Kindheit wie möglich“ zwang mich dazu, mich dem Thema endlich zu stellen. 

Ich las, überlegte und plötzlich war er da, der Gedanke: Was, wenn wir nicht mehr mitspielten? Wenn wir nicht mehr mit lautem Wehklagen dabei zusähen, wie unsere Kinder mehr und mehr von einem Schulsystem vereinnahmt werden, das kaum mehr Luft zum Atmen lässt? Wenn wir die Diskussion um eine gute Schule nicht mehr kampflos den „Experten“ überliessen, die in erster Linie den internationalen Wettbewerb und die Wirtschaftstauglichkeit der Schüler im Blick haben? Wenn wir unsere Kinder nicht irgendwann resigniert von der Volksschule ab- und in der Privatschule anmeldeten, weil die Knöpfe unter der Last der (Haus)aufgaben beinahe zusammenbrechen? Wenn wir nicht mehr schulterzuckend zuhörten, wie die Lehrer darüber klagen, dass das Bildungssystem ihnen keinen Spielraum mehr lässt und sie halt einfach durchziehen müssen, was man ihnen vorgibt? Wenn wir uns stattdessen mit den Lehrern verbündeten und gemeinsam für eine Schule einstünden, die nahe am Kind ist? 

Wenn wir Eltern werden, sagt man uns, wir trügen jetzt die Verantwortung für diesen kleinen Menschen, doch spätestens mit dem Eintritt in die Schule treten wir einen grossen Teil dieser Verantwortung ab. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, denn die allgemeine Schulpflicht ist ja eigentlich eine gute Sache. Was aber, wenn wir merken, dass die Schule – und ich meine jetzt nicht die lokale Schule, sondern das Schulsystem als Ganzes – zu viel von unseren Kindern erwartet? Wenn man unseren Kindern die hirnrissigsten Ziele steckt? Wenn sie therapiert werden sollen, weil sie nicht ins System passen und nicht, weil ihnen etwas fehlt? Wäre es dann nicht unsere Verantwortung, laut vernehmlich Stop zu rufen und nicht mehr mitzumachen? 

Nein, ich weiss nicht genau, wie das gehen soll, denn wir Eltern haben zwei grosse Nachteile: Wir schaffen es nicht, uns darüber zu einigen, was wir vom Bildungssystem erwarten und wir neigen dazu, unseren eigenen Nachwuchs verklärt zu sehen. Darum fehlt es uns an Schlagkraft und Sachlichkeit. Aber deswegen können wir doch nicht einfach schweigen, wenn wir sehen, wie schief die Dinge derzeit laufen. Es muss doch einen Weg geben, wie wir uns so in die Diskussion einbringen können, dass man unsere Anliegen ernst nehmen muss und man nicht mehr einfach behaupten kann, wir Eltern dürften nicht mitreden, weil wir eben keine Experten seien. 

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Weihnachtsüberraschung

Versteht mich bitte in den folgenden Zeilen nicht falsch. Ich zähle mich nicht zu den Christen, die jedes Mal wutschnaubend im Kindergarten antraben, wenn von Hexen oder Feen die Rede ist. Ich beschwöre auch nicht gleich die Apokalypse herauf, wenn die Kinder ein „Zaubersprüchlein“ lernen. Schon gar nicht erwarte ich, dass der Kindergarten- und Schulunterricht konfessionell ausgerichtet sind. Wünschte ich dies, dann hätte ich unsere Kinder schon längst an einer christlichen Schule angemeldet, was mir persönlich aber zu einseitig wäre. Womit ich natürlich wiederum niemanden kritisieren möchte, der für seine eigenen Kinder anders entscheidet… Ich sehe schon, ich bewege mich auf dünnem Eis, obschon ich gar nichts Provokatives schreiben will. Vielleicht sollte ich einfach mit meiner Erklärung aufhören und erzählen, was mich heute so überrascht hat.

Da kommt das Prinzchen vom Kindergarten nach Hause – seit einigen Tagen schafft er das jetzt alleine – und präsentiert mir seine Weihnachtsbasteleien. Ein kleines Geschenkpaket, das „Meiner“ und ich natürlich erst am Heiligen Abend auspacken dürfen, einen Schutzengel mit Kerze im Heiligenschein und ein längliches Etwas, das in einer Art Schüssel liegt, die mit blauer Wolle ausgepolstert ist. Was das sei, fragte ich. „Das ist Jesus in seinem Bett“, erklärte das Prinzchen. „Jesus in seinem Bett?“, fragte ich ungläubig, aber nicht etwa, weil das Prinzchen so schlecht gebastelt hätte, dass man das längliche Etwas nicht mit ein wenig Fantasie als Baby hätte erkennen können. „Ja, das ist wirklich Jesus in seinem Bett und daneben ist ein Schutzengel“, beharrte unser Jüngster.

Ich war vollkommen baff. Zum ersten Mal in den acht Jahren, in denen wir nun kindergarten- und schulpflichtige Kinder haben, brachte eines unserer Kinder ein Kind in der Krippe nach Hause. Schutzengel haben wir schon haufenweise, Samichläuse und Sterne ebenfalls, ein paar Rentiere befinden sich auch in unserer Sammlung und wenn ich mich nicht irre, gab’s auch schon irgendwelche Wichtel. Alles mit viel Liebe gebastelt und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, die Sujetwahl der Lehrerinnen zu kritisieren, obschon mir das rotnasige Rentier offen gestanden ziemlich auf die Nerven fällt mit seinem ewigen Geblinke. Dass heute, nach all den Jahren zum ersten Mal ein Jesuskind dabei war, stimmt mich aber doch irgendwie nachdenklich. Zu Weihnachten überhaupt nicht über die Weihnachtsgeschichte zu reden ist doch irgendwie ähnlich extrem, wie sie jedem ungefragt um die Ohren zu hauen. 

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Sehr geehrter Herr Winterhoff

Keine Angst, was hier folgt, ist keine pauschale Verurteilung Ihrer Werke. Auch keine vertiefte Auseinandersetzung damit, denn dazu müsste ich sie alle gelesen und verstanden haben. Da ich aber jeweils nur Auszüge und Kritiken gelesen habe, kann und will ich dies nicht bieten. Es folgt auch keine weinerliche Verteidigungsrede einer beleidigten Mutter, die mit tränenerstickter Stimme sagt, ihre Kleinen seien doch ganz brav und sie verstünde deshalb nicht, was der Winterhoff nun wieder an ihnen auszusetzen habe. Nein, das einzige was ich zu bieten habe, ist eine Anmerkung zu einer Aussage, die Sie in gewohnt provokativer Manier im Tages Anzeiger gemacht haben. Sie sagen dort, 1995 hätte es pro Schulklasse zwei verhaltensauffällige Kinder gegeben, heute gebe es pro Klasse zwei unauffällige.

Sehen Sie, Herr Winterhoff, ich habe fünf Kinder, und von diesen fünf Kindern hat jedes gut und gerne siebzehn bis zwanzig Klassenkameraden. Dazu kommen noch Freundinnen und Freunde aus ausserschulischen Aktivitäten, zahlreiche Cousins und Cousinen und mehrere Nachbarskinder. In unserem Umfeld gibt es zudem rund 220 Kinder, die mein Mann in den vergangenen 16 Jahren unterrichtet hat, drei oder vier Tageskinder die bei uns ein- und ausgegangen sind sowie andere kleine Menschen, mit denen wir beruflich oder privat zu tun hatten. Zugegeben, in dieser ziemlich grossen Kinderschar gibt es einige sehr auffällige Exemplare, die man durchaus mal mit ihren Eltern bei Ihnen vorbei schicken sollte. Ich gebe auch unumwunden zu, dass es vermutlich deutlich mehr schräge Vögel darunter hat, als dies zu unserer Zeit der Fall gewesen wäre. Und auch diejenigen, die ganz nett sind, sind anders, als wir es damals waren, was auch verständlich ist, denn sie werden in einer anderen Zeit gross. Wären aber gerade mal zwei von sagen wir mal zwanzig unauffällig, hätte „Meiner“ als Lehrer schon längst den Löffel abgegeben und ich als seine Frau und Mutter seiner Kinder wohl auch.

Ja, ich weiss welcher Einwand jetzt kommt: Ich bin selber eine dieser Mütter, die Sie so scharf kritisieren und darum zu einer objektiven Meinungsbildung gar nicht in der Lage. Aber sehen Sie, Herr Winterhoff, Sie können selber auch nicht objektiv sein. Sie bekommen tagtäglich die schlimmsten Fälle vorgeführt, wer aber unauffällig ist, schafft es gar nicht in Ihr Sprechzimmer. Nie würde ich es wagen, in Frage zu stellen, dass Sie in Ihrer Arbeit tatsächlich sehr viele sehr auffällige Kinder kennen lernen. Aber sagen Sie, sehen Sie auch noch die anderen, diejenigen die zwar einen anderen Weg gehen als den, den wir damals gegangen sind, die aber trotzdem ganz gut herauskommen? Sehen Sie überhaupt noch die Eltern, die mit ihren Kindern in den Wald gehen, sie zur Mithilfe im Haushalt anhalten und Ihnen das Leben so gut als möglich zu erklären versuchen? Es gibt sie noch, die Kinder, die sich stundenlang in eine Sache vertiefen, die zu zehnt ums Haus rennen und Räuber und Gendarm spielen, die sich entschuldigen, wenn sie jemandem auf die Füsse getreten sind und die eine Lebensfreude versprühen, wie dies nur Kinder können.

Im Grunde genommen könnte es mir egal sein, was Sie denken Herr Winterhoff. Wir müssen die Dinge nicht alle gleich sehen. Was mir aber zu denken gibt, ist die Tatsache, dass viele Eltern und Lehrer Ihnen ohne gross nachzudenken kräftig applaudieren. Würde Ihr Rechenbeispiel aber aufgehen, dann müssten zumindest die Eltern schlagartig mit Applaudieren aufhören, damit sie die Hände frei hätten, um sich an ihrer eigenen Nase zu nehmen. Das tun sie aber nicht, denn die zwei unauffälligen Kinder, das sind natürlich die eigenen.

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Wie wir’s auch machen, ist es falsch

Da zog ich heute Morgen frohen Mutes und ganz zufrieden mit mir und meiner – heute äusserst kooperativen – Familie die Tageszeitung aus dem Briefkasten, überflog die ersten Zeilen und fing ohne die geringste Vorwarnung eine saftige Ohrfeige ein. „Privatsphäre vieler Heranwachsender wird verletzt“, „Das Manko heutiger Eltern“, „In der Schweiz lesen 43 Prozent der Eltern von 9- bis 10-jährigen Kindern die Mails und Facebook-Nachrichten, die ihre Kinder erhalten.“, „…überprüft fast die Hälfte der Eltern, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat“ und später, als ich den Artikel in Ruhe durchlese noch dies hier: „39 Prozent aller Eltern nutzen Software zum Filtern oder Blockieren bestimmter Websites.“ Böse, böse Eltern!

Eben noch hat man uns pauschal vorgeworfen, wir würden unsere Kinder im virtuellen Raum alleine lassen, wir hätten keine Ahnung, was dort alles abgeht und wir interessierten uns auch nicht dafür. Zwar kenne ich persönlich keine Eltern, die diese Laisser-faire Haltung an den Tag legen, aber wenn die Medien der Meinung sind, wir würden unsere Brut den Bösewichten im Internet zum Frass vorwerfen, dann stimmt dies. Punkt. 

Jetzt aber hat der Wind gedreht, wir Eltern kümmern uns. Aber falsch. Wir verletzen die Privatsphäre unserer Neun bis Zehnjährigen, wenn wir ihre Nachrichten lesen. Nun, ich war ja bis anhin der Meinung, dass ich meine Erziehungspflichten verletze, wenn ich meinen Neun- bis Zehnjährigen erlaube, sich bei Facebook & Co. zu tummeln, aber das stimmt offenbar nicht mehr. Wir filtern gewisse Inhalte raus, weil wir einem Sechsjährigen, der nichts Böses ahnend nach einem harmlosen Spiel sucht, gewisse Anblicke noch ersparen wollen. Also nichts anderes, als wenn ich abends mit einem Kind durch eine Stadt spazierte und das Rotlichtviertel  grossräumig umginge, um ihm Anblicke zu ersparen, die es auch mit sorgfältigsten Erklärungen meinerseits noch nicht einordnen könnte. Die Filtersoftware erspart mir nicht das Nebendransitzen wenn das Kind im Netz ist, auch nicht das Reden über Inhalte, sie verhindert auch nicht, dass mein Kind irgendwann doch die Bilder sehen wird, aber sie verhindert immerhin bis zu einem gewissen Grad, dass es immer und überall Gefahr läuft, bei einer barbusigen Blonden anstatt bei Bob dem Baumeister zu landen. Aber eben, auch diese Überlegungen sind offenbar falsch.

Ja, und dann verbiete ich natürlich auch meiner noch nicht Elfjährigen den Zugang zu sozialen Netzwerken, mit der Begründung, dass a) die noch nicht für ihr Alter freigegeben sind und b)  sie noch zu wenig vertraut ist mit dem Internet, als dass sie bereits abschätzen könnte, welche Konsequenzen ein unbedachter Post nach sich ziehen könnte. Doch auch in diesem Bereich liege ich vermutlich falsch, denn „Kontrollen oder Verbote bringen gar nichts.“ Okay, im Grunde genommen bin ich einverstanden mit dieser Aussage, zumindest, wenn die Kontrollen durch Misstrauen begründet und die Verbote voll und ganz unbegründet sind. Also zum Beispiel, wenn ich einem Fünfzehnjährigen verbieten würde, ein Facebook-Profil zu haben, oder wenn ich ihm nachspionieren würde, obschon er mir glaubhaft versichert hat, dass er sich mit einem Freund zum Musizieren verabredet hat und nicht mit einem Dealer zum Austausch von Geld gegen Drogen. Aber kann eine Kontrolle nicht auch so aussehen: „Kind, du hast gestern dieses Bild auf deinem öffentlichen Profil geteilt und ich denke, du solltest dir das nochmals überlegen. Einem Freund kannst du das schon schicken, von mir aus auch mir, aber ein zukünftiger Arbeitgeber bekommt einen ziemlich schlechten Eindruck von dir, wenn er das sieht.“? 

Natürlich käme es mir nicht im Traum in den Sinn, Karlssons Mails heimlich zu checken und spätestens wenn ich den Drang verspürte, ihm nachzuspionieren, müsste ich erkennen, dass etwas gewaltig schief gelaufen ist in unserer Beziehung. Aber von ihm verlangen, dass er mir ab und zu Einblick gewährt in sein virtuelles Leben, genau so, wie ich ihm Einblicke gewähre in mein virtuelles Leben – indem ich ihn zum Beispiel frage, ob ich über etwas, was ihn betrifft, bloggen darf – sollte meiner Meinung nach in einer Familie selbstverständlich sein. Nur weil sich das Leben der Teenager nicht mehr am Dorfbrunnen abspielt, sondern in irgendwelchen Netzwerken, heisst das noch lange nicht, dass wir wegschauen dürfen –  oder gar müssen, weil wir sonst „die Privatsphäre unserer Kinder verletzen“. Wenn früher einer am Dorfbrunnen geraucht hat, musste er ja auch bei Mama und Papa antraben…

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Zu gerne wüsste ich…

…wie ein Zweitklässler auf die Idee kommt, grössere Schüler anzuspucken und sie als „Opfer“ zu beschimpfen. Nein, dieser Zweitklässler hat keine grossen Geschwister, die a) ihn so behandeln und b) ihm solches Verhalten beibringen könnten.

…wie es soweit kommen kann, dass einem Jungen bereits in der ersten Klasse der Ruf anhaftet, er würde Mädchen bedrängen und von ihnen verlangen, dass sie vor seinen Augen die Unterhose ausziehen. Aufgefallen ist dies übrigens nicht alleine einigen Glucken, die sofort Zetermordio schreien, wenn ihr Töchterchen nur schon angeschaut wird. 

…weshalb es ohne nennenswerte Konsequenzen bleibt, wenn wüsteste Beschimpfungen über eine Schülerin aufs Trottoir geschrieben werden, und zwar so, dass jeder weiss, wer damit gemeint ist. Die Ausrede „Es ist auf dem Schulweg passiert, also geht es die Schule nichts an“ zieht meiner Meinung nach in diesem Fall nicht.

…warum ein Sechstklässler aus anständigem Hause ungestraft Erstklässler drangsalieren und einschüchtern darf, ohne dass je einer einschreitet. Oh nein, den Einwand „Er meint es ja nicht so bös, wie die Kleinen es auffassen“ lasse ich nicht gelten. 

…wie es kommt, dass Meldungen über schikanierendes Verhalten von grösseren Schülern gegenüber kleineren angeblich Ernst genommen werden und dann doch wieder „vergessen“ gehen.

…ob  keiner hellhörig wird, wenn das Flüchtlingskind sich von Klassenkameraden Bemerkungen anhören muss, die nur haarscharf am Rassismus vorbeigehen.

…wie eine Gemeinde es sich leisten kann, ohne Fachperson auszukommen, die sich dieser Missstände annimmt, ehe es schlimmer kommt. Mit zig anderen Aufgaben ausgelastete Lehrer und aufmerksame, aber leider auch stets subjektive Eltern sind hier nämlich überfordert. 

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Man darf doch wohl träumen…

Es war mal wieder der Klassiker: In einem der unzähligen Online-Adventskalender wurde ein Familieneintritt für den Europa Park verlost. Familieneintritt, das bedeutet zwei Erwachsene und zwei Kinder, oder ein Erwachsener und drei Kinder. Natürlich dauerte es nicht lange, bis jemand kommentierte, das sei aber nicht sehr fair gegenüber grösseren Familien, die wären ja auch mal froh um Gratiseintritte für alle. Ja, und dann kam eben, was kommen muss: „Selber Schuld, wenn man viele Kinder hat“, „Wenn man sie sich nicht leisten kann, soll man eben keine bekommen“, „Hat euch ja niemand befohlen, ihr müsstet mehr als zwei haben“. Die übliche Leier eben.

Im ersten Moment stand ich in Versuchung, den gehässigen Kommentatorinnen – ja, es waren alles Frauen; Mütter, denen es besonders schwer fällt, andere Lebensentwürfe zu akzeptieren – ein Stück weit Recht zu geben. „Einem geschenkten Gaul schaut man nun mal nicht ins Maul. Immerhin hätte man einen Teil der Eintritte gratis“, dachte ich. Und das stimmt ja irgendwie auch, aber die Sache hat eben doch einen Haken, einen ziemlich grossen sogar, nur weiss ich nicht, ob es mir gelingt, diesen Haken so in Worte zu fassen, dass ich auch verstanden werde. Ich versuch’s mal:

In unserer Gesellschaft gilt es als vollkommen legitim, Preisvergünstigungen ausfindig zu machen und sie für sich in Anspruch zu nehmen. Keiner käme auf die Idee, einem anderen einen Vorwurf daraus zu machen, dass er seine Ferien dann bucht, wenn er das Arrangement zum halben Preis haben kann und nicht zwei Wochen später, wenn er den vollen Preis bezahlen müsste. Nicht mal den Leuten, die wahrlich nicht auf Vergünstigungen angewiesen wären, dreht man einen Strick daraus, wenn sie von einem Sonderangebot profitieren. Im Gegenteil, gewöhnlich wird jedem, der es geschafft hat, eine fette Preisreduktion zu bekommen, eine Bewunderung zuteil, die lediglich von einer Spur Neid getrübt ist. Und wenn jemandem aus irgend einem fadenscheinigen Grund die Vergünstigung verwehrt wurde, ist ihm das Mitgefühl seiner Mitmenschen wenigstens ein kleiner Trost.

Nun ist es aber leider so, dass  die Grosszügigkeit der Anbieter sehr bald einmal aufhört. Ein Kind liegt fast immer drin, zwei gewöhnlich auch noch, aber ab dem dritten ist Schluss. Ob es sich nun um Pauschalangebote im Hotel, Familieneintritte, Wettbewerbe oder vergünstigte Seilbahnfahrten handelt, ab dem dritten Kind wird es – abgesehen von einigen wenigen löblichen Ausnahmen – meist teuer. Klar, man könnte nun argumentieren, dass man ja nur für die „überschüssigen“ Kinder Eintritt bezahlen muss. Aber ist es denn fair, dass die kleine Familie von der vollen Vergünstigung profitieren kann, die grössere aber nur von einem Teil? Nein, ist es nicht, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass die grössere Familie, nachdem sie mal die Eingangsschranke passiert hat, auch mehr Geld für Popcorn, Eis, Pommes Frites und anderen Kram liegen lässt.

Manchmal geht es sogar noch weiter: „Ach so, sie wollen zu den zwei Kindern noch ein Stillkind im eigenen Reisebett mitnehmen? Tja, das kostet dann aber 700 Franken zusätzlich pro Woche.“ „Ja, aber das Baby braucht kein Essen, nimmt keinerlei Dienstleistungen in Anspruch und schläft im eigenen Bettzeug…“ „Egal, die 700 Franken müssen Sie trotzdem bezahlen.“ Ist nicht erfunden, haben wir erlebt. Und dann natürlich nicht gebucht, weil uns so das „sagenhaft günstige Familienangebot“ teurer zu stehen gekommen wäre als ein normales Angebot.

Wagen nun Eltern von mehreren Kindern auf diese und ähnliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen, wird dies gleich als Gejammer abgetan. „Selber Schuld!“, „Man muss sich eben nicht vermehren wie die Karnickel“, „Wenn ihr euch die Brut nicht leisten könnt…“ Wie? Hat einer von uns je behauptet, wir könnten uns nichts leisten? Haben wir gejammert? Haben wir um Almosen gebettelt? Nein, wir haben nur darauf hingewiesen, dass wir uns manchmal ungerecht behandelt fühlen, weil wir, obwohl wir Familien sind, von vielen „familienfreundlichen“ Vergünstigungen nicht profitieren können, nicht mal dann, wenn die zusätzlichen Kinder keine zusätzlichen Leistungen beanspruchen.

Okay, vielleicht äussert ab und zu mal eine Mama oder ein Papa von mehreren Kindern den leisen Wunsch, auch einmal das unglaublich tolle Gefühl geniessen zu können, etwas deutlich günstiger oder gar ganz umsonst zu bekommen. Warum soll sie oder er sich dies nicht wünschen dürfen? Alle anderen dürfen es ja auch, ohne dass man ihnen gleich beleidigende Kommentare an den Kopf wirft. 

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Meine sehr verehrten Bildungsdirektoren

Zuerst einmal ziehe ich meinen Hut vor Ihnen, weil Sie den gewagten Versuch unternehmen, zumindest für Schüler und Lehrer in der Deutschschweiz einheitliche Grundlagen zu schaffen. Der revolutionäre Gedanke, dass ein Kind nicht noch einmal bei Adam und Eva anfangen muss, wenn es mit seinen Eltern von Zürich nach Bern umzieht, gefällt mir. Wäre wirklich nett, wenn die Kinder am neuen Ort ihre alten Schulbücher weiterhin brauchen könnten und wenn in unserem kleinen Land überall mehr oder weniger dasselbe gelehrt und gelernt würde. Also, Chapeau!

So, nun ist mein Hut vom Kopf und jetzt sage ich Ihnen, was ich wirklich von Ihrem Papier halte. Ja, ich weiss, meine Meinung ist nicht gefragt, ich bin ja bloss eine Mutter und als solche gehöre ich nicht zu den „Adressaten der Konsultation auf sprachregionaler Ebene“, wie Sie Ihre Meinungsumfrage nennen. Die „Elterndachorganisation“ soll für uns alle sprechen, aber da ich nicht weiss, ob diese Dachorganisation sich mit ähnlich widerspenstigen Geschöpfen herumschlagen muss wie ich, spreche ich lieber selber.

Also, kommen wir zu meiner Meinung, die – ich gebe es offen zu – weder wissenschaftlich fundiert noch repräsentativ ist: Ihnen ist die Bodenhaftung abhanden gekommen. Okay, ich habe nicht den ganzen Entwurf gelesen, aber was ich bisher überflogen habe reicht mir für mein Urteil. Ich meine, nur schon die Tatsache, dass es Ihnen gelingt, unsere Kinder mit Kreismodellen – „Personale Kompetenzen, Soziale Kompetenzen, Methodische Kompetenzen“ – darzustellen, finde ich leicht beunruhigend. Und dann diese Sätze: „Die Schülerinnen und Schüler können ihr Persönlichkeitsprofil beschreiben und nutzen.“, „Die Schülerinnen und Schüler können beim Vortragen Texte gestalten und über die ästhetische Wirkung nachdenken.“, „Die Schülerinnen und Schüler können Rolle und Wirkungen von Religionen und Religionsgemeinschaften in gesellschaftlichen Zusammenhängen einschätzen.“ Oder – mein bisheriger Favorit – „Die Schülerinnen und Schüler können den eigenen Alltag gesundheitsförderlich gestalten.“ Seitenweise geht das so, über alle Fächer des Lehrplans hinweg, unterteilt in Teilbereiche von Teilbereichen, ausgeklügelt und ausformuliert bis ins kleinste Detail.

Zugegeben, inhaltlich liegen Sie oft gar nicht so daneben. Es wäre ja wirklich wünschenswert, dass Kinder irgendwann „im Alltag Gestaltungsspielräume für einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln“ oder „verschiedene Lebenslagen und Lebenswelten erkunden und respektieren“ können. Aber finden Sie nicht auch, dass Sie von den Kindern Dinge erwarten, die auch uns Erwachsenen nur bedingt gelingen? Denken Sie überhaupt noch daran, dass Sie es hier mit Kindern zu tun haben und nicht mit Computern, die man nur richtig programmieren muss, damit sie sich erwartungsgemäss verhalten? Wissen Sie eigentlich noch, was Kinder sind, diese neugierigen, trotzigen, eigensinnigen, verspielten, wissbegierigen, ängstlichen, energiegeladenen, zornigen, drolligen, fröhlichen… Wesen, die auf dieser Welt sind, um ihren eigenen Weg im Leben zu finden? Oder haben Sie nur noch die Wirtschaftstauglichkeit der zukünftigen Berufstätigen und vielleicht noch die nächste PISA-Studie vor Augen?

Sollten Sie tatsächlich vergessen haben, was Kinder sind, lade ich Sie gerne dazu ein, sich mal mit unseren fünf Knöpfen und ihren Freunden zu unterhalten. Sie kämen dabei mit Durchschnittsschülern ins Gespräch, mit Migrantenkindern, die eben erst Deutsch gelernt haben, mit sehr begabten Kindern, mit solchen, die um jeden korrekten Satz kämpfen müssen, mit begeisterten Strebern und mit solchen, die nach kurzer Zeit schon den Schulverleider haben. Glauben Sie mir, diese Kinder könnten Ihnen einiges darüber erzählen, wie die Schule aussehen müsste, damit sie auch nur annähernd das wäre, was Sie sich in Ihrem schönen Papier ausmalen.

So, und jetzt ziehe ich meinen Hut wieder an. Damit ich ihn wieder vor Ihnen ziehen kann, wenn Sie einen Weg gefunden haben, den Lehrplan auf die Kinder masszuschneidern und nicht die Kinder auf den Lehrplan.

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