Alles nur Egoisten?

Die Geburtenrate ist nach Jahren des Rückgangs wieder am Steigen; wohin man schaut, sieht man schwangere Frauen, Babys, die gerade gestillt werden, Kleinkinder, die ihre ersten Schritte wagen. Kinder gehören wieder dazu und seit einiger Zeit scheint man gar zu erkennen, dass diese Kinder Raum benötigen, dass sie ernst genommen werden wollen, dass sie einfach dazugehören. Mich freut diese Entwicklung, trotz ihren zum Teil etwas abstrusen Auswüchsen wie zum Beispiel der Tatsache, dass es jetzt auch den „Spiegel“ für Kinder gibt oder dass man inzwischen das Baby auch ins Kino oder in die Disco mitschleppen soll.

Nicht allen aber scheint es zu behagen, dass viele junge Menschen aufs Kind gekommen sind. Meistens geben sie sich nicht in der Öffentlichkeit zu erkennen – mit Ausnahme jener ziemlich durchgeknallten Dame, die mir neulich im Zug vorwarf, ich hätte besser aufs Kinderhaben verzichtet -, dafür aber füllen sie die Leserbriefspalten in den Zeitungen. Von verantwortungslosen Eltern ist da zu lesen, die nicht daran denken, dass sie mit jedem Kind, dem sie das Leben schenken, die Umwelt ein bisschen mehr zugrunde richten. Von Kindern, die einfach nur nervig, laut und ungezogen sind. Von Egoisten, die nur Kinder zeugen, weil sie so selbstverliebt sind, dass sie unbedingt eine kleine Kopie ihrer selbst haben müssen. Und dann, in neun von zehn Fällen, folgt der weise Ratschlag: Wer meine, unbedingt Kinder haben zu müssen, der solle doch bitte seinen Nachwuchs adoptieren und nicht in Eigenproduktion herstellen. Die einzigen selbstlosen Eltern sind solche, die Kinder adoptieren, alle anderen haben bloss ihre Selbstverwirklichung im Sinn. Solches und Ähnliches lese ich immer öfter.

Auf die Tatsache, dass Elternsein nie Selbstverwirklichung sein kann, egal ob mit eigenen oder angenommenen Kindern, muss ich hier nicht weiter eingehen. Jeder, der mit Kindern lebt, weiss, dass sie alles von einem fordern. Aber was glauben denn die lieben Leserbriefschreiber, wie einfach so eine Adoption ist? Denken die wirklich, man könne sich da einfach mal kurz melden und ein paar Tage später halte man ein Kind in den Armen? Wissen die denn nicht, dass Adoptivkinder nicht einfach von den Bäumen fallen und dass schon so mancher erfolglos auf eine Adoption gewartet hat?

Auch ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die unzähligen leidenden Kinder ein kinderwürdiges Leben leben dürften, dass sie Eltern bekommen, die ihnen geben, was sie brauchen. Auch ich sehne mich danach, mehr dazu beitragen zu können, dass die Bilder von Not und Elend weniger werden. Aber ist das ein Grund, alle, die selber Kinder haben können, als Egoisten zu bezeichnen, bloss weil sie sich dafür entscheiden, dieses Wunder in ihrem Leben zuzulassen? Muss man wirklich aufs Kinderhaben verzichten, weil es zu viele leidende Kinder auf dieser Welt gibt? Dann könnte man ja ebenso gut aufs Essen verzichten, weil viele der Menschen hungern. Oder aufs Trinken, weil so viele keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Aber so radikal werden die Leserbriefschreiber wohl kaum sein wollen, nicht wahr?

Anschauungsunterricht

Gibt es einen geeigneteren Ort als eine Feriensiedlung,  wenn man den Kindern die Welt und all die verschiedenen Menschen, die sie bevölkern, zeigen möchte? Zumindest dann, wenn Studienreisen zu fremden Kulturen noch nicht möglich sind, weil einer noch in die Windeln macht, ein anderer nicht ohne seinen geliebten Stoffeisbären verreisen will und alle zusammen auch mit Durchfall darniederliegen, wenn sie nicht irgendwo, in einem abgelegenen Winkel dieser Erde unreines Wasser getrunken haben. Wer nicht in die weite Welt hinausziehen mag, muss sich eben in der Nähe einen Ort suchen, an dem sich die Welt trifft. Findet man den richtigen Ort, dann lässt sich ganz bequem vom Balkon aus beobachten, wie unterschiedlich die Menschen sind, die unseren Planeten bevölkern.

Da sieht zum Beispiel Luise eines Tages, dass es Mädchen gibt, die bei grösster Hitze mit langen Hosen und Kopftuch bekleidet neben Mama auf der Parkbank sitzen müssen, während ihre Brüder sich halb nackt auf den Spielgeräten vergnügen dürfen. Später sieht sie eines der Mädchen, wie sie nur mit langen Hosen und T-Shirt ins Wasser gehen darf, was bei Luise zur Frage führt, ob denn das arme Kind nicht ertrinke mit dem vielen nassen Stoff am Leib. Als sie dann auch noch mitbekommt, wie die Mama des Mädchens erst spät abends und noch immer voll verschleiert das Haus verlassen darf, während die Männer der Familie sich den ganzen Tag frei auf dem Gelände bewegen durften, ist der Groschen bei unserer Tochter endgültig gefallen: Das, was Mama und Papa immer predigen, nämlich dass Frauen und Mädchen in vielen Kulturen benachteiligt werden, ist nicht irgend ein Märchen, das sie erzählen, wenn ihr Töchterchen mal wieder nicht einsehen will, dass Schulbesuch ein Privileg und nicht eine Strafe ist. Nein, die Sache ist bitterer Ernst und wenn das Kind jetzt auch noch begreift, dass unter dem Kopftuch ein liebenswerter Mensch steckt, dann hat sich der Ferienaufenthalt mehr als ausbezahlt. Wobei, bis Luise – und auch wir – unsere Vorurteile abgebaut haben, werden wohl noch ein paar Aufenthalte mehr nötig sein.

Ein weiteres Forschungsfeld, das sich hier auftut, sind die Senioren, die sonst ja meistens in einer anderen Welt leben als wir.  Ich meine jetzt nicht die kinderliebenden, sich nach Enkelkindern verzehrenden alten Menschen, die jedes kleine Menschlein am liebsten in die Arme schliessen würden. Nein, ich meine die nach Entspannung lechzenden, gut situierten rüstigen Rentner, die es als ihr erstes Recht ansehen, überall zuerst zu sein. Menschen, die vergessen haben, wie es war, als ihre Kinder noch klein waren, als die Tage noch bis obenhin angefüllt waren mit Haushalten, Erziehen, Arbeiten und Zusammenbrechen. Menschen, die kein Problem damit haben, einer Mutter, die bei grösster Hitze einen Sack Wäsche zur Waschmaschine schleppt, zwei quengelnde Kinder im Schlepptau, den Weg zu versperren und so lange nicht zur Seite zu weichen, bis die Mama einen weiten Umweg gehen muss. Auf all das könnte ich gerne verzichten, aber vermutlich muss es so sein, damit die Kinder lernen, dass nicht jeder, der graue Haare auf dem Kopf trägt, ein netter Mensch ist; dass nicht jeder, der etwas langsamer zu Fuss ist, den ganzen Tag auf den Moment wartet, wo ein kleines Kind vorbeikommt, dem er ein Lächeln und ein Bonbon schenken kann.

Was man hier auch in Natura erlebt und nicht nur am Fernsehen beobachten kann, sind amerikanische Teenager in freier Wildbahn. Man braucht nicht mal einen Feldstecher zur Hand zu nehmen, so nah wagen sie sich zu den Ferienwohnungen der Bekinderten. Es ist ein einmaliges Schauspiel, das sich da beim Eindunkeln bietet, kaum sind die Kleinkinder in ihren Betten verschwunden: Lautes Gekreische, aufdringliches Flirten, verzweifelte Versuche, dazuzugehören und ebenso verzweifelte Versuche, den auszuschliessen, der nicht dazugehören sollte,  ungeniertes sich-in-Szene-Setzen, stilles Schmachten. Auf den ersten Blick nicht anders als bei unseren Teenagern auch, auf den zweiten Blick aber deutlich anders: Kein Alkohol und Tabak, dafür deutlich mehr Gezicke und sexuell aufgeladene Avancen. Nicht ganz jugendfrei, das Spektakel und deshalb zum Glück von unseren Kindern nur am Rande registriert. Für uns Eltern aber ein guter Weiterbildungskurs, der uns auf das vorbereitet, was uns in wenigen Jahren beschäftigen wird.

Eine der rührendsten Lektionen dieser Forschungsreise aber hat unser Zoowärter gelernt. Er, der am Anfang der Ferienwoche noch in jedem fremden Kind einen Feind sah, er, der hemmungslos Grössere angriff und Kleinere von der Schaukel zu stossen versuchte, er, der schon einen anderen Dialekt als Provokation verstand, erkannte im Laufe der Tage, dass Fremde, wenn man sie kennen lernt, gar nicht mehr so fremd sind. Und so fragte er mich auf der Heimfahrt plötzlich: „Mama, wie heisst denn schon wieder mein Bruder?“ „Das weisst du doch“, gab ich erstaunt zurück. „Deine Brüder heissen Karlsson, FeuerwehrRitterRömerPirat und Prinzchen.“ „Nein, ich meine nicht die Brüder. Ich meine den Bruder, mit dem ich heute Morgen auf dem Spielplatz gespielt habe.“

Wenn ein Dreijähriger in so kurzer Zeit lernt, dass ein Fremder innert vierzig Minuten – länger haben die zwei nicht miteinander gespielt – zu einem Bruder werden kann, dann darf man wohl sagen: Die Forschungsreise war ein Erfolg. Wir buchen sogleich die nächste.

Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.

Ich glaube, ich seh‘ nicht recht

Ostersamstag im Getränkemarkt. Vor uns an der Kasse zwei junge Männer, wohl vor gerade mal fünf Minuten volljährig geworden. Sie kaufen eine riesige Flasche „Jack Daniel’s“, die Grösste, die es im Laden zu kaufen gibt. Dazu noch eine riesige Flasche „Ballantine’s“ und dann noch ein paar weitere Flaschen. (Wo nehmen die bloss all das Geld her?) Der jüngere der jungen Männer – er muss noch den Ausweis zeigen, so grün ist er noch hinter den Ohren – bezahlt und bestellt das, was er fürs Osterfest einkauft, auch noch für nächsten Donnerstag. Hinter uns an der Kasse dann der junge Mann, wie er in ein paar Jahren aussehen wird, wenn er so weitersäuft: Ein älterer Mann mit blutunterlaufenen Augen, Bierbauch, wankendem Gang und einen Einkaufswagen voller Bierdosen. Und daneben ein junges Ehepaar mit zwei hübschen kleinen Mädchen und einem Einkaufswagen voll mit kleineren und grösseren Schnapsflaschen. Dazwischen Karlsson und Luise, die es nicht fassen können, dass die Menschen so viel Alkohol kaufen.

Zwei Stunden später im Café neben dem Spielplatz. Da sitzt eine Frau, den schwangeren Bauch so dick, dass ich meine, die Bewegungen des Kindes von Weitem sehen zu können. Genüsslich zieht die werdende Mama an ihrer Zigarette. Zwei Tischchen weiter ein moderner Papa, ebenfalls mit Zigarette und zwar exakt auf Kopfhöhe seines Babys, das neugierig aus dem Wagen schaut. Und ein paar Schritte weiter eine Mama, die ihrem Kind auf dem Spielgerät Schub gibt, auch sie mit Zigarette genau auf Kopfhöhe ihres Kindes.

Ich will ja nicht alles verteufeln – auch wir habe für unsere  Gäste heute Wein gekauft –  aber zuweilen finde ich es schon bedenklich, was Kinder von (Halb)Erwachsenen lernen.

Konsequenzen

Heute sei der Internationale Tag der Frau, erinnerte mich eine E-Mail heute früh, als ich zum ersten Mal den Computer aufstartete. Ich solle doch meinen Freundinnen zu diesem besonderen Tag gratulieren. Nun, weil für mich –  und wohl die meisten Frauen auf diesem Planeten – heute ein Montag war wie jeder andere, habe ich das mit den Gratulationen bleiben lassen. Ich habe ja eigentlich noch immer nicht begriffen, wie dieser Gedenktag das Schicksal der Frauen ändern soll… Doch als pflichtbewusste Frau habe ich mir natürlich dennoch ein paar Gedanken gemacht zum heutigen Tag der Frau. Das gehört sich ja wohl, wenn man zwei X-Chromosomen hat, nicht wahr?

Früher habe ich darüber allerdings noch ganz anders gedacht. Mir steigt heute noch die Schamröte ins Gesicht, wenn ich mich daran erinnere, wie ich mich als Achtzehnjährige darüber echauffiert hatte, dass die Forderungen nach Bundesrätinnen immer lauter wurden. Mir ist es heute noch peinlich, dass ich allen Ernstes die Meinung vertreten hatte, die Frauen hätten in unserer Gesellschaft eigentlich genügend Rechte, es sei auf diesem Gebiet alles erreicht, was es zu erreichen gebe. Dass ich sogar ein paar Momente lang geglaubt hatte, wenn frau Kinder habe, gehöre sie in jedem Fall an den Herd, würde ich eigentlich lieber unerwähnt lassen…

Zu meiner Verteidigung muss ich anfügen, dass ich in ziemlich konservativen evangelikalen Kreisen gross geworden bin, wo man noch traditionelle Rollenbilder vorschrieb und wo Frauen, die ihren eigenen Weg suchten, rar waren. Dennoch finde ich es rückblickend bedenklich, wie ich damals gedankenlos Meinungen übernommen und mit Eifer vertreten habe. Nun könnte man einwenden, es sei ja vollkommen normal, dass Achtzehnjährige die Welt noch nicht sehr differenziert betrachten würden. Während ich diesem Einwand zustimmen kann, fällt es mir dennoch schwer, mir selber meine damalige Ignoranz zu verzeihen. Denn ich war nicht nur ignorant, ich glaubte damals auch, dass ich ein Thema, wenn ich mal eine Meinung dazu gefasst hatte, ad Acta legen könne. Und so konnten Gedanken, deren Präsenz ich mir gar nicht mehr bewusst war, ihre eigene Dynamik entwickeln und mich dazu treiben, eine traditionelle Frauenrolle zu übernehmen, obschon diese mir gar nicht entspricht. Und so trage ich heute noch die Konsequenzen meiner Gedankenlosigkeit von früher.

Deshalb ist der achte März, so gerne ich ihn ignorieren möchte,  für mich ein Tag, an dem ich mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde. Mit einer Geschichte, die ich wohl mit ziemlich vielen Frauen aus unseren Breitengraden teile.

Privatsache?

Am Wochenende stimmen wir mal wieder ab. Unter anderem über die Frage, ob es einen Tieranwalt geben soll. Ich habe zwar meinen Stimmzettel noch nicht ausgefüllt, (Notiz an mich selber: DRINGEND Stimmzettel ausfüllen!) aber den Kopf zerbreche ich mir dennoch über die Frage. Das heisst, eigentlich habe ich mich noch nicht so sehr mit der Frage befasst, ob es einen Tieranwalt braucht, sondern vielmehr mit der Frage, weshalb man sich in der Schweiz (zu Recht) für den Tierschutz einsetzt, sich aber um den Schutz der Kinder einen Dreck schert.

Da legt man fest, dass ein Meerschweinchen nicht alleine leben darf, hat aber kein Problem damit, dass es Kinder gibt, die sich den lieben langen Tag alleine durchschlagen müssen, weil keiner Zeit hat für sie. Da misst man auf den Millimeter genau, wie viel Platz ein Kaninchen zur Verfügung haben muss, aber wenn Kinder in einer Betonwüste in engen Wohnungen ihr Dasein fristen müssen findet man das vollkommen normal. Man legt fest, wie viel Auslauf eine glückliche Kuh braucht, aber dass es Kinder gibt, die sich nicht vors Haus wagen dürfen, weil ihnen sonst der Tod unter dem Lastwagenrad droht, ist kein Thema. Da macht man sich Gedanken über die richtige Ernährung von Schweinen, dass es aber zig Kinder gibt, die mit Fertigfutter von miesester Qualität abgespeist werden, kümmert kaum jemanden.

Ich will nicht den Tierschutz gegen den Kinderschutz ausspielen. Tierschutz ist eine wichtige Sache und ich bin voll und ganz dafür, dass man sich für das Wohl der Tiere einsetzt. Doch warum stimmen wir über Tieranwälte ab, nicht aber über Kinderanwälte? Warum darf man in  unserem Land noch immer ungestraft behaupten, Kinder seien Privatsache und deshalb habe sich die Öffentlichkeit nicht darum zu kümmern, dass sie „artgerecht“ gehalten seien? Kinder sind keine Privatsache, Kinder sind Gesellschaft und wenn es den Kindern mies geht, dann geht es bald einmal der ganzen Gesellschaft mies.

So, jetzt habe ich mir meinen Frust wiedermal von der Seele geschrieben. Ich geh dann mal meinen Stimmzettel ausfüllen…

Schweizer Qualitätskinder?

Luise und Karlsson schlafen auswärts, was bedeutet, dass wir „nur“ drei Kinder hatten heute Nachmittag. Ausserdem hatten wir noch einen Ikea-Gutschein und ein wenig Schwiegermama-Weihnachtsgeld und somit war klar, wo Vendittis den beinahe kinderfreien Tag verbringen würden. Es wurde eine vollkommen entspannte Sache. Der Zoowärter hatte keine Fieberkrämpfe wie beim letzten Ikea-Besuch, das Prinzchen setzte sich einer wildfremden Frau auf den Schoss und begann, ihre Pommes Frites aufzuessen und der FeuerwehrRitterRömerPirat spielte Marienkäfer. Als wir unsere Einkäufe erledigt hatten, kam eine ältere Dame auf uns zu: „Ach, sind die süss, die drei Jungen!“, schwärmte sie. „Das ist aber schön, dass sie so eine grosse Familie haben.“ Wir hätten noch zwei weitere von diesen süssen kleinen Dingern erzählte ich ihr, worauf sie meinte: „Fünf Kinder! Das ist aber eine Leistung. Und Sie sind wirklich Schweizer?“ Nun ja, wenn man mal von den italienischen Wurzeln von „Meinem“ absieht, dann könnte man uns durchaus als Schweizer bezeichnen. Wie schön es doch sei, wenn Schweizer bereit seien, diese grosse Arbeit auf  sich zu nehmen, um fünf Kinder grosszuziehen; sonst sehe man ja fast nur noch Ausländer, die viele Kinder hätten, meinte die Frau.

Und jetzt bin ich ganz verwirrt. Wären unser Kinder weniger „süss“, wenn sie keinen Schweizerpass hätten? Wäre unsere Arbeit weniger Wert, wenn „Meiner“ nicht eingebürgert und ich keine Schweizerin wäre? Hätten wir vielleicht gar weniger Arbeit mit den Kindern, wenn wir Ausländer wären? Wäre letzteres der Fall, dann würde ich mich nämlich sofort ausbürgern lassen.

Hurra! Wir werden reich!

„Meiner“ und ich haben beschlossen, eine neue Einnahmequelle zu erschliessen. Wer uns anstarrt, weil wir mit fünf Kindern unterwegs sind, zahlt. Und zwar ab sofort.  Bis Ende Jahr gilt für alle der gleiche Einführungspreis: Fünf Franken für fünf Minuten starren. Nächstes Jahr werden wir dann abgestufte Preise verlangen, je nachdem, wer auf welche Weise starrt. Hier die Preisliste, gültig ab 1. 1. 2010:

Menschen, die nur hin und wieder einen verstohlene Blick riskieren, bezahlen 50 Rappen pro Blick.

Menschen, die uns anschauen und dabei freundlich lachen bezahlen 2 Franken pro fünf Minuten, für eine nette Bemerkung gibt’s einen Franken Rabatt.

Menschen, die mit dem Finger auf uns zeigen bezahlen 10 Franken für jeden Fingerzeig.

Menschen, die uns unentwegt und mit gehässigem Blick anstarren, bezahlen 15 Franken pro fünf Minuten.

Menschen, die uns unentwegt und mit gehässigem Blick anstarren und dazu auch noch giftige Bemerkungen fallen lassen, wenn eines unserer Kinder einen Pieps von sich gibt, bezahlen 25 Franken pro Bemerkung, zuzüglich zu den 15 Franken .

Man unterstelle mir wegen der hohen Preise in den zwei letzten Kategorien bitte keine Seniorenfeindlichkeit. Die älteren Damen und Herren, die noch immer glauben, wer mehr als zwei Kinder habe, wisse nicht, dass es die Pille gibt, sind selber Schuld, dass wir sie zur Kasse bitten müssen. Mit ihrer Gehässigkeit haben sie uns schon so manchen Ausflug versaut, dass wir Schadenersatz verlangen müssen.

Wenn wir uns jetzt auch noch dazu aufraffen können, uns täglich mit unserer Rasselbande unters Volk zu mischen, dann gehören finanzielle Engpässe der Vergangenheit an. Wird zwar anstrengend, ständig unterwegs zu sein, aber Geld verdienen war noch nie einfach.

Kann man wirklich nicht?

Das Prinzchen hat Ohrenweh. Auch das noch! Als ob wir nicht schon lange genug krank gewesen wären. Der kleine Mensch tut mir so leid. Wie er schreit, sich verzweifelt an mich klammert, hofft, dass ich seinen Schmerz wegzaubern kann. Weil ich doch die Mama bin und alles kann. Da taucht plötzlich vor meinem inneren Auge das Bild eines anderen Kindes auf. Auch ein kleiner Junge, nur etwas älter als das Prinzchen. Das Gesichtchen verzerrt vor Schmerz,  Verzweiflung in seinem Blick, keine Kraft mehr  zum Weinen. Ich kenne den kleinen Jungen nicht, ich habe ihn nur in der Tagesschau gesehen. Er lebt irgendwo, weit weg von hier. Dort, wo die Kinder Hunger haben und die Mütter nicht helfen können, weil sie selber nichts haben.

Wie ich da so sitze mit meinem Prinzchen auf dem Schoss und mich frage, ob ich mit ihm zum Arzt gehen soll, wird mir auf einmal bewusst, dass ich nicht weiss, was wirkliche Sorgen sind. Gott sei Dank weiss ich es nicht. Warum aber gibt es noch immer Mütter auf dieser Welt, die es nur zu gut wissen? Warum haben wir Menschen es geschafft, auf den Mond zu fliegen? Waffen zu entwickeln die aus einer Entfernung von tausenden von Kilometern ferngesteuert werden können? Warum wissen wir auf die Sekunde genau, wann die nächste Sonnenfinsternis sein wird? Warum trauern die Menschen jetzt noch Michael Jackson nach und nehmen es gleichzeitig schulterzuckend zur Kenntnis, dass alle sechs Sekunden ein Kind stirbt? Warum wissen wir so viel und haben doch vom Wichtigsten keine Ahnung?

Alte Fragen, ich weiss. Fragen, die man schon so oft gehört hat. Fragen, die einen langsam nerven. Fragen, die man nicht beantworten kann. Kann man wirklich nicht? Oder will man nicht?

Ja, spinnen die denn?

„Das Atomkraftwerk Beznau I wird 40. Ein Grund zum Feiern“, lese ich heute auf der Frontseite der Tageszeitung. Was, bitte schön, gibt es hier zu feiern? Etwa, dass wir noch immer nicht weiter sind? Oder dass die Schweiz es verschlafen hat, die erneuerbaren Energien zu fördern? Oder vielleicht sogar, dass man sich hierzulande nichts sehnlicher wünscht, als neue AKWs bauen zu dürfen? Einen Grund zum Feiern sehe ich hier weit und breit nicht, Gründe zum Heulen hingegen, so weit das Auge reicht.

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