Die Geburtenrate ist nach Jahren des Rückgangs wieder am Steigen; wohin man schaut, sieht man schwangere Frauen, Babys, die gerade gestillt werden, Kleinkinder, die ihre ersten Schritte wagen. Kinder gehören wieder dazu und seit einiger Zeit scheint man gar zu erkennen, dass diese Kinder Raum benötigen, dass sie ernst genommen werden wollen, dass sie einfach dazugehören. Mich freut diese Entwicklung, trotz ihren zum Teil etwas abstrusen Auswüchsen wie zum Beispiel der Tatsache, dass es jetzt auch den „Spiegel“ für Kinder gibt oder dass man inzwischen das Baby auch ins Kino oder in die Disco mitschleppen soll.
Nicht allen aber scheint es zu behagen, dass viele junge Menschen aufs Kind gekommen sind. Meistens geben sie sich nicht in der Öffentlichkeit zu erkennen – mit Ausnahme jener ziemlich durchgeknallten Dame, die mir neulich im Zug vorwarf, ich hätte besser aufs Kinderhaben verzichtet -, dafür aber füllen sie die Leserbriefspalten in den Zeitungen. Von verantwortungslosen Eltern ist da zu lesen, die nicht daran denken, dass sie mit jedem Kind, dem sie das Leben schenken, die Umwelt ein bisschen mehr zugrunde richten. Von Kindern, die einfach nur nervig, laut und ungezogen sind. Von Egoisten, die nur Kinder zeugen, weil sie so selbstverliebt sind, dass sie unbedingt eine kleine Kopie ihrer selbst haben müssen. Und dann, in neun von zehn Fällen, folgt der weise Ratschlag: Wer meine, unbedingt Kinder haben zu müssen, der solle doch bitte seinen Nachwuchs adoptieren und nicht in Eigenproduktion herstellen. Die einzigen selbstlosen Eltern sind solche, die Kinder adoptieren, alle anderen haben bloss ihre Selbstverwirklichung im Sinn. Solches und Ähnliches lese ich immer öfter.
Auf die Tatsache, dass Elternsein nie Selbstverwirklichung sein kann, egal ob mit eigenen oder angenommenen Kindern, muss ich hier nicht weiter eingehen. Jeder, der mit Kindern lebt, weiss, dass sie alles von einem fordern. Aber was glauben denn die lieben Leserbriefschreiber, wie einfach so eine Adoption ist? Denken die wirklich, man könne sich da einfach mal kurz melden und ein paar Tage später halte man ein Kind in den Armen? Wissen die denn nicht, dass Adoptivkinder nicht einfach von den Bäumen fallen und dass schon so mancher erfolglos auf eine Adoption gewartet hat?
Auch ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die unzähligen leidenden Kinder ein kinderwürdiges Leben leben dürften, dass sie Eltern bekommen, die ihnen geben, was sie brauchen. Auch ich sehne mich danach, mehr dazu beitragen zu können, dass die Bilder von Not und Elend weniger werden. Aber ist das ein Grund, alle, die selber Kinder haben können, als Egoisten zu bezeichnen, bloss weil sie sich dafür entscheiden, dieses Wunder in ihrem Leben zuzulassen? Muss man wirklich aufs Kinderhaben verzichten, weil es zu viele leidende Kinder auf dieser Welt gibt? Dann könnte man ja ebenso gut aufs Essen verzichten, weil viele der Menschen hungern. Oder aufs Trinken, weil so viele keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Aber so radikal werden die Leserbriefschreiber wohl kaum sein wollen, nicht wahr?









