Genau so, wie zum Familienleben die Sternstunden gehören, gehören auch die Zeiten des totalen Versagens dazu. Zeiten, in denen ich die Art von Mutter bin, die ich nie hätte sein wollen. Eine ungeduldige, herumbrüllende, herzlose, Türen knallende Mutter mit vor Wut verzerrtem Gesicht. Eine, die die Türe nicht nur einmal knallt, sondern gleich zwei, drei, viermal. Und das alles in Anwesenheit meiner Mutter, der Frau, die in ihrem ganzen Leben wohl noch nie das Bedürfnis verspürt hat, eine Tür zu knallen. Der Frau, von der ich zwar die Liebe zu Kindern, nicht aber das ausgeglichene, friedliche Temperament geerbt habe. Wenn ich dann in einem solchen Moment auch noch an die vierfache Mutter denke, die ich gestern im Schwimmbad dabei beobachtet habe, wie sie ganz still, liebevoll und geduldig mit ihren störrischen Kindern sprach, dann fühle ich mich einfach nur noch elend. Als die totale Versagerin eben.
Nicht, dass ich immer nur ausgeglichen und ruhig sein möchte. Ich liebe es, mal laut, mal leise, mal emotional, mal vor Lachen brüllend, mal ganz ernst zu sein. Aber muss es denn gleich so laut, so emotional sein? Ja, ich weiss, dass an der Explosion nicht ich alleine Schuld war. Dass Luise sich vor Wut auf dem Boden gewälzt hat, weil sie ihren zweiten Stiefel nicht finden konnte und sich weigerte, die Gummistiefel zu tragen, war auch nicht gerade erbauend. Auch die Tatsache, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat einmal mehr seine Kindergartentasche im Nirgendwo hat liegen lassen und sich nicht eher vom Fleck bewegte, als dass ich ihm die Tasche hervorgezaubert hätte, trug nicht zu meiner guten Laune bei. Auch nicht, dass ich um Viertel nach neun mit dem Prinzchen beim Kinderarzt sein musste, vorher noch den Zoowärter in der Spielgruppe abliefern musste und mich dazu noch darüber ärgern musste, dass „Meiner“, als er heute früh das Auto in die Garage brachte, alle Kindersitze dort abgeliefert hat. Dass in all dem Chaos noch meine Hormone verrückt spielen, macht es nicht gerade einfacher, die Fassung zu behalten.
Ja, es gibt durchaus Gründe, warum ich heute nicht das Bild der stets geduldigen, stets liebevollen, stets ausgeglichenen Mutter abgeben konnte. Und ich will dieses Bild ja auch gar nicht abgeben, denn es hat mit der Realität der meisten Mütter nur wenig zu tun. Und dennoch weiss ich, dass ich versagt habe, dass ich zu laut war, zu unfair, zu wütend. Und deshalb fühle ich mich miserabel. Das Einzige, was mir in solchen Momenten hilft, ist, mich festzuklammern an der Idee der Gnade, der Idee der zweiten, der dritten, der vierhundertachtzehnten, der tausenddreihundertelften Chance. Allein dieser Glaube bringt mich in solchen Momenten wieder auf die Füsse und hilft mir, es immerhin zu versuchen, das nächste Mal alles besser zu machen, die Hoffnung auf weitere Sternstunden und weniger Zeiten des totalen Versagens nicht zu verlieren.

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