Was mich das Leben so alles lehrt

  • Heizungen steigen grundsätzlich an dem Tag aus, an dem es draussen zum ersten Mal so kalt ist, dass sogar ich mich mit dem Gedanken trage, Strümpfe anzuziehen.
  • Die Heizung teilt dir immer erst dann mit, dass sie sich diesmal wirklich nur mit Hilfe eines Monteurs wieder in Gang bringen lässt, wenn du bereits einen Nachtzuschlag bezahlen müsstest, um diesen Monteur ins Haus zu bestellen.
  • Wenn die Heizung streikt, kommen Fernsehgeräte, Ladekabel, Handys und dergleichen auf die Idee, es ihr gleichzutun. Wir Hausbewohner würden dann am liebsten auch in Streik treten, aber es wird so furchtbar kalt, wenn man nicht ständig in Bewegung ist.
  • Es gibt nur einen Weg, dich nach der Veröffentlichung deines Buches nicht über Tippfehler zu ärgern: Du musst deine Bücher von Hand schreiben. Dann schreibst du nur das falsch, was du nicht richtig schreiben kannst. Darüber kannst du dich dann  nicht ärgern, weil du gar nicht merkst, dass du einen Fehler gemacht hast. 
  • In der Schweiz gibt es einen neuen Industriezweig: Die Betreuungsindustrie, manchmal auch Krippenindustrie genannt. Ich weiss zwar nicht genau, was diese Industrie produziert und weiterverarbeitet, aber das spielt ja auch keine Rolle. Das Wort macht sich einfach gut in Leserbriefen und wer denkt denn schon über den Sinn von Worten nach, wenn er Leserbriefe liest?
  • Dein jüngstes Kind bleibt immer kleiner als deine anderen Kinder und darum in deinen Augen klein, egal, wie gross es schon ist. 
  • Der Vormittag gehört noch lange nicht dir, bloss weil jetzt alle deine Kinder kindergarten- oder schulpflichtig sind. Irgend einer nimmt sich immer das Recht heraus, sich krank zu melden, wenn du eigentlich etwas anderes vorhättest. Also komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich irgendwo als freiwillige Helferin zu melden, weil du jetzt „so viel freie Zeit“ hast.
  • Man kann Kondensmilch auch selber herstellen. Man sollte sich allerdings während der Zubereitung nie weiter als zwanzig Zentimeter vom Kochherd entfernen, sonst brennt das Zeug an. 
  • Nur weil dein Kind eine ausgeprägte nostalgische Ader hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich zum Geburtstag nicht die allerneusten Gadgets wünscht. Klassische Musik und Bilder von Barockpalästen lassen sich problemlos mit modernster Technik vereinbaren.

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Ich will meine Leidenschaft zurückhaben!

Nie, so habe ich mir geschworen, werde ich eine jener Mütter, die mittags lustlos etwas in die Pfanne schmeissen, weil sie keine Ahnung haben, was sie kochen sollen. Nie werde ich die Freude am alltäglichen Kochen verlieren, einfach nur Futter zubereiten, damit keiner verhungert, so etwas kommt für mich nicht in Frage. Keinen Aufwand werde ich scheuen, um meiner Familie täglich genussvolles und gesundes Essen zu servieren. Und auf gar keinen Fall wird es bei Vendittis nur noch Kinderfutter wie Pasta Bolognese, Pizza und Omeletten geben.

Gut, zumindest im letzten Punkt habe ich meine Grundsätze nicht verraten. Natürlich gibt es bei uns manchmal Pizza, Pasta & Co, doch unsere Kinder haben lernen müssen, dass Mama weder mit unterschiedlichsten Gewürzen noch mit Gemüse aller Art spart, nur weil die Kinder diese vielleicht nicht mögen. Was aber die anderen Punkte anbelangt, bin ich auf bestem Weg, kläglich zu scheitern.

Ja, am Wochenende probiere noch immer gerne die verrücktesten Rezepte aus, aber zwischen Montag und Freitag ertappe ich mich allzu oft beim Gedanken, dass ich jetzt lieber Pizza bestellen als kochen würde. Die Kinder können nichts dafür, sie essen ganz gerne abwechslungsreich und würde ich ihnen auch nur einmal pro Woche Fertigprodukte auftischen, käme es zur Revolution. Mein Problem ist die Routinearbeit. Kaum ist der Frühstückstisch abgeräumt, muss das Essen auf den Herd, kaum sind Mittagessen und Zvieri verdaut, sollte auch schon wieder das Abendessen auf dem Tisch stehen. Zwar gibt es unzählige Möglichkeiten, Nahrungsmittel zuzubereiten und doch habe ich beim Durchblättern meiner Kochbücher immer öfter das Gefühl, es sei alles irgendwie das Gleiche, von Montag bis Sonntag, zweimal am Tag. Wer jetzt glaubt, ich hätte halt einfach nicht genug Kochbücher, dem zeige ich gerne mal meine Kochbuchsammlung. Und meine bevorzugten Kochapps. Und meine ausgeklügelten Menüpläne.

Ihr seht also, Kochen steht weit oben auf meiner Prioritätenliste und doch stehe ich immer öfter am Herd und suche vergeblich nach meiner Leidenschaft. Ich will nicht zulassen, dass der Alltagstrott mir meine Freude am Kochen raubt und doch gelingt es ihm immer öfter. Ich habe kein Lust, immer und immer wieder  Pasta mit Gemüsesauce in allen Variationen zu kochen, nur weil mir gerade nichts besseres einfällt. Ich will meine Leidenschaft zurückhaben und zwar jetzt. Nicht, weil ich ohne sie keine gute Mutter wäre, sondern weil ich ohne sie nicht wirklich ich bin. Und wenn ich nicht ich bin, dann kann ich auch nicht die Mutter sein, die ich sein möchte.

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Ihr Nachbarskinderlein kommet…

Spielt mit unseren Kindern, klettert auf unsere Bäume, streichelt Kaninchen und Katzen, macht Hausaufgaben mit unseren Kindern, pflückt Beeren, rennt ums Haus, bringt eure Freunde mit, fragt mir ein Loch in den Bauch, spielt Karten, esst Brot, Joghurt, Obst…, denkt euch abenteuerliche Geschichten aus, bleibt zum Abendessen, wenn ihr wollt, könnt ihr auch bei uns übernachten. Unser Haus und mein Herz stehen euch offen, ehrlich. Nur meine Nerven machen nach ein paar Stunden Dauerbetrieb leider schlapp und darum muss ich euch trotz aller Zuneigung bitten, hin und wieder für eine oder zwei Stunden bei euren Eltern zu Hause Radau zu machen. Nur, damit ihr Mama Venditti nicht von ihrer genervten Seite kennen lernen müsst…

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Einem geschenkten Gaul, oder Kamel, oder Papagei, oder was auch immer…

Was hätte ich denn tun sollen? Das Geschenk ausschlagen? Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man uns da einfach so geschenkt hat, weil der Zoowärter bei einem Wettbewerb mitgemacht hat. Klar wollen die, dass wir im Gegenzug zu ihrer Krankenkasse wechseln, aber die werden uns ohnehin nicht nehmen, mit all unseren Asthmatikern. Also doch ein Geschenk, auch wenn es eigentlich eine Bestechung hätte sein sollen.

Und die Kinder hatten uns ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen. „Wir wollen auch mal in diesen Zirkus. Alle anderen waren schon dort…“ Sie meinten den Grössten, den Teuersten, den mit den Tieren und den Akrobaten aus China. „Irgendwann werden wir dann schon gehen. Wenn das Geld reicht…“, antworteten „Meiner“ und ich und hofften, dass sie bald dem Zirkusalter entwachsen würden. Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man liegen lässt, um mit fünf Kindern die Vorstellung zu besuchen, Popcorn und Zuckerwatte nicht inbegriffen. Als wir dann diese Gutscheine zugeschickt bekamen, war klar, dass wir gehen müssen. Ja, wir hätten sie verfallen lassen können, aber ihr glaubt doch nicht etwa, dass unsere Kinder uns das je verziehen hätten. Noch wenn wir im Altersheim unser Püriertes löffeln, würden sie uns vorwerfen, dass wir nicht ein einziges Mal mit ihnen in diesem Zirkus waren, im Grössten, Teuersten mit den vielen Tieren und den Akrobaten aus China. „Und dabei hättet ihr die Tickets gratis haben können“, würden sie sagen. „Was wart ihr doch für miese Eltern. Geizig und vollkommen versessen auf eure engstirnigen Prinzipien…“

Nein, so etwas wollten wir auf gar keinen Fall riskieren, also holten wir endlich die Tickets für die Vorstellung in Thun. Natürlich hatte der Zirkus auch bei uns in der Gegend gastiert, aber da waren wir gerade nicht in der Gegend und darum mussten wir eben warten, bis er wieder halbwegs in der Nähe ist. Na ja, so nah ist Thun auch  nicht, darum lärmten unsere Kinder ja gestern Abend um Viertel vor zehn noch im Familienwaggon, aber immerhin nah genug, damit man ohne grosse Umstände hinfahren kann. 

Den Kindern hat es natürlich gefallen, keine Frage. Okay, Luise empfand ziemlich viel Mitleid mit den Pferden und den Elefanten, der Zoowärter brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der Komiker der Clown war und das Prinzchen wäre auch mit der ersten Halbzeit zufrieden gewesen, aber alles in allem war es das, was Zirkus für Kinder sein sollte: Staunen, Nervenkitzel, Gelächter, Träumerei. Der Stoff, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen gemacht sind. 

Und ich? Ich war glücklich, dass wir den Kindern diese Erinnerung schenken konnten, ohne Geld auszugeben. Natürlich staunte ich auch, lachte, bangte und applaudierte. Die Fragen, ob Zirkuselefanten glücklich sein können, ob den Papageien die überlaute Musik nicht zusetzt, ob das, was ich in diesem schlimmen Dokumentarfilm über Artisten aus China gesehen habe, auch wirklich stimmt, ob das Kamel die Verachtung, die in seinem Blick liegt, auch tatsächlich empfindet, diese Fragen konnte ich nicht ganz aus meinem Kopf verbannen, obschon ich es versuchte. Ich bin nun mal kein Kind mehr, das vorbehaltlos geniessen kann, was es präsentiert bekommt. Immerhin aber bin ich anständig genug, einem geschenkten Gaul – oder Kamel oder was auch immer – nicht vor allen anderen ins Maul zu schauen und darum habe ich meine kritischen Gedanken für mich behalten. Zumindest solange mich die Kinder nicht fragten, ob mir die Tiere nicht auch ein wenig Leid getan hätten…

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Keine Rücksicht

Wir leben in einem Land, in dem es dir abends um Viertel vor zehn passieren kann, dass du grob angefahren wirst, weil deine übermüdeten Kinder nach einem Ausflug, der ausnahmsweise etwas länger gedauert hat, im Familienwaggon des Zuges laut sind. Oh ja, sie waren wirklich laut, „Meiner“ und ich haben sie mehrmals darum gebeten, etwas leiser zu sein. Aber sie waren die einzigen Kinder, die Rutschbahn und Holzboot in Anspruch nahmen, es hatte genügend freie Plätze im Zug, so dass man unseren Kindern aus dem Weg gehen konnte, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen tobten nur dort herum, wo herumtoben ausdrücklich erlaubt ist und wir sassen gerade mal fünfundzwanzig Minuten lang in diesem Zug.

Darum antwortete ich, als ein junger Schnösel gehässig fragte, ob ich denn meinen Kindern nicht endlich sagen könne, sie sollten ruhig sein, dass ich dies weder tun könne noch wolle, weil wir hier im Familienwaggon seien. Wenn ihm der Kinderlärm nicht passe, solle er sich eben anderswo hinsetzen. Es sei ihm egal, ob das hier der Familienwaggon sei, es sei jetzt schliesslich abends um zehn und meine Kinder gehörten ins Bett, nicht in den Familienwaggon, schnauzte er mich an, doch für einmal weigerte ich mich, Rücksicht zu nehmen.

Weil wir an allen anderen Orten Rücksicht nehmen, oder es zumindest versuchen. Im Bus, im Laden, im gewöhnlichen Zugabteil, im Museum, beim Öffnen einer schweren Tür,an der Bushaltestelle, im Schuhgeschäft, auf dem Trottoir, auf dem Waldweg, im Café, im Schwimmbad, ja, sogar auf dem Spielplatz, wenn andere Kinder dort spielen – überall sind wir pausenlos damit beschäftigt, unsere Kinder zur Rücksichtnahme aufzufordern. „Geh zur Seite, da möchte jemand mit seinem Pferd durch“, tönt es auf dem Waldweg. „Nein, du kannst diese Türe nicht alleine öffnen, die Leute hinter uns werden schon ungeduldig“, erklären wir, wenn ein kleiner Mensch beweisen möchte, wie stark er ist. „Spring nicht ins Wasser! Die Frau dort drüben möchte nicht, dass ihr Haar beim Schwimmen nass wird“, ermahnen wir im Schwimmbad. Und wehe, wir weisen unsere Kinder nicht rechtzeitig in die Schranken!

Obschon es mich zuweilen gewaltig nervt, die Kinder pausenlos an der kurzen Leine halten zu müssen, so akzeptiere ich doch, dass es in einem kleinen, dicht besiedelten Land oft nicht anders geht. Wenn unsere Kinder sich aber an einem eigens für Kinder eingerichteten Ort wie Kinder aufführen, fühle ich mich nicht zur Rücksichtnahme verpflichtet. Auch dann nicht, wenn einer, der vor wenigen Jahren selber noch Kind war, felsenfest davon überzeugt ist, dass der Familienwaggon nur ein Familienwaggon ist, solange es draussen noch hell ist.

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Nur eine kleine Erklärung. Bitte, bitte, bitte!

Es ärgert mich ja selber, dass es mich noch immer ärgert, aber es ist wohl das Los von uns Mehrfachmüttern, uns alle paar Jahre über den gleichen Mist zu ärgern. Da nimmst du dir fest vor, deinen Jüngsten nach den Herbstferien allmählich in die Selbständigkeit zu entlassen, instruierst die grossen Kinder in den Prinzchen-Abholdienst und schärfst dem Prinzchen auf dem Weg ein, dass er heute nach dem Kindergarten nicht auf dich warten muss, sondern auf Luise, die heute dran ist mit Abholen. Dann kommst zum Strassenübergang Primarschulhaus – Kindergarten und stellst fest, dass die mal wieder exakt auf das Ende der Herbstferien eine Baustelle so platziert haben, dass die kleinen Kindergärtner unmöglich die Strasse überqueren können, wie es der Verkehrspolizist vorgezeigt hat.

Ja, und dann kannst du einfach nicht anders, als dich zu ärgern. Weil es beileibe nicht das erste Mal ist, dass sie exakt zum Ende der Schulferien die Baumaschinen auffahren. Weil sie während der Herbstferien vor allem beim Oberstufenschulhaus gearbeitet haben, so dass die Teenager, die ja halbwegs eigenständig sind, jetzt ganz gefahrlos zu ihrem Schulhaus kommen. Weil sie noch immer nicht begriffen haben, dass kleine Kinder und grosse Baumaschinen nicht miteinander klarkommen und man deshalb wenn möglich die Schulferien dazu nutzen sollte, dort zu baggern, wo die Kleinen gewöhnlich vorbei müssen. Weil sie nicht einsehen wollen, dass man ein Kind unmöglich alleine gehen lassen kann, denn wie soll es auch sicher über die Strasse kommen, wenn der Zebrastreifen, auf den Fünfjährige nun mal fixiert sind, nicht begehbar ist. 

Ja, natürlich bin ich dankbar, dass die jetzt endlich etwas unternehmen, um die Strasse für Fussgänger sicherer zu machen. Aber warum, warum, warum, warum, warum müssen die immer exakt auf das Ferienende dort arbeiten, wo die Kleinsten durchmüssen? Wäre es denn so schwierig, andersrum zu planen, so dass bei den Grossen gearbeitet wird, wenn die Schule wieder anfängt?

Ich meine, vielleicht gibt es ja eine plausible Antwort auf diese Fragen. Eine Antwort, die eine aufgebrachte Glucke wie mich zufrieden stellen würde. Vielleicht gibt es ja wirklich einen Grund für dieses Vorgehen und wüsste ich den Grund, würde ich meine Klappe halten und den anderen Müttern, die sich beklagen, altklug erklären, dass es eben nicht anders geht, weil….

 Ja, weil? Sagt mir doch warum es nicht anders geht! Dann kann ich vielleicht endlich aufhören, mich aufzuregen.

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Die Kohl-Affäre

„Ein Weisskohl wird ja wohl reichen. Ausser mir und dem Zoowärter wird kaum einer essen davon“, sagte ich zu mir selber, als ich heute Abend zum Gemüsemesser griff, um eine Beilage zu den Ofenkartoffeln zuzubereiten. Das Rezept aus meinem neuen Schweden-Kochbuch war so simpel, dass ich nichts Besonderes davon erwartete: Weisskohl in Bouillon weich dämpfen, in Butter anbraten, Doppelrahm, Salz und Pfeffer hinzu und dann alles kurz köcheln lassen. So einfach, aber das Resultat war köstlich.

„Zoowärter, das musst du probieren“, rief ich unseren Gemüseliebhaber herbei. Der Zoowärter probierte, verdrehte genüsslich die Augen und versprach, wenn er ganz viel von diesem Kohl essen dürfe, würde er ohne Widerstand sein Zimmer aufräumen und brav zu Bett gehen. Drei Portionen später war der Zoowärter halbwegs satt, die Pfanne nahezu leer. „Probiert doch auch noch ein bisschen“, sagte ich zu den anderen Kindern. Erst rümpften sie die Nase, doch dann liessen sie sich einen Löffel voll aufschwatzen.

Augenblicke später brach ein Tumult los: „Warum hast du nicht mehr davon gekocht?“, wollte Karlsson wissen. „Das musst du morgen noch einmal machen“, forderte Luise. „Kann ich noch mehr haben?“, bat die Cousine unserer Kinder, die mit uns ass. „Wenn ich keinen ganzen Teller voll davon kriegen kann, esse ich überhaupt nichts heute Abend“, protestierte das Prinzchen. Ja, genau, das gleiche Prinzchen, das gewöhnlich nur Verachtung übrig hat für Kohl und anderes Gemüse. Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat blieb stumm, aber wohl nur, weil er gerade wegen irgend einer Sache sehr eingeschnappt war und unter dem Esstisch schmollte. Sonst hätte er bestimmt gejammert, der Zoowärter hätte viel mehr Kohl bekommen als er und das sei ganz schrecklich unfair. Erst als ich versprach, ich würde morgen noch einmal genau das Gleiche kochen und dann so viel, dass es für alle reicht, beruhigte sich die aufgebrachte Meute wieder. 

Was bin ich froh, dass die Kohl-Affäre zwei Stunden später wieder vergessen war. Sonst wäre bestimmt erneut ein Tumult ausgebrochen, als der von mir in Sachen Kohl schamlos bevorzugte Zoowärter sein ganzes Abendessen wieder von sich gab. 

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Arbeitsferien

Mit viel Gemotze und Gelächter, einigen kleinen Schrunden, heftigem Muskelkater, einigem Improvisationstalent, Schaufeln, Putzeimern, einer Spielzeugschubkarre und anderen äusserst geeigneten Werkzeugen haben wir in den vergangenen Tagen Bäume geschnitten, das Schaukelgerüst abgerissen, den morschen Holzschopf zertrümmert, einen Gartenteich gegraben, eine Volière (halbwegs) zusammengebaut, Gartenbeete geräumt, ein Hochbeet aufgebaut, gejätet, Löcher zugeschüttet, Kompost umgeschichtet und die Wachtelkäfige verschoben. Noch gilt es zu schaufeln, zu pflanzen, zu schrauben und die Nyphensittiche im Büro einzufangen, um sie zu ihrem neuen Glück zu zwingen. Einige Dinge kann ich jedoch bereits jetzt voraussagen:

Wir werden sehr viele Worte brauchen, um Karlsson und Luise zur Arbeit motivieren zu können.
Der FeuerwehrRitterRömerPirat wird weiterhin viel Lob einheimsen, weil er wie ein Vergifteter arbeitet.
Der Zoowärter wird noch eine Weile brauchen, um zu erkennen, wann wir spielen und wann wir arbeiten.
Das Prinzchen wird trotz seiner Begeisterung fürs Schaufeln nie ein Bauarbeiter, weil die Männer auf dem Bau fluchen und er nicht.
Am Ende der Woche werde ich meine Flip Flops entsorgen müssen, weil ihnen die Gartenarbeit nicht so gut bekommt.
„Meiner“ wird mich davon abhalten wollen, ein weiteres Blumenbeet anzulegen.
Die Sache den Enten wird noch für einige Diskussionen sorgen.
Nächstes Jahr pflanze ich Schwarzwurzeln.
Die Erinnerungen, die jedes Familienmitglied an diese Ferien behält, werden sehr unterschiedlich sein. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass es uns allen mehr Spass macht, als wir erwartet hätten.

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Zwei Reaktionen

Unser ehemaliges Au-Pair lebt seit einiger Zeit in Konstanz und da sie noch immer einen festen Platz in unseren Herzen hat, fuhren wir gestern über die Grenze, um sie zu besuchen. Natürlich war uns bewusst, dass wir damit Gefahr liefen, im gleichen Topf zu landen wie die Horden von Schweizern, die in Deutschland die Geschäfte stürmen, als herrschte in unseren Ladenregalen gähnende Leere, doch damit muss man leben können. (Nebenbei bemerkt: Ist meinen Landsleuten eigentlich bewusst, dass sie mit ihren Ausfuhrscheinen die Deutschen ebenso nerven, wie die Deutschen uns, wenn sie uns mit einem gekünstelten „Grüzi“ begrüssen?) Nun, ich weiss nicht, ob wir in diesem Topf gelandet sind, dafür weiss ich, dass man ganz unterschiedlich darauf reagieren kann, wenn Vendittis ein Geschäft mit ihrem Besuch beglücken. 

Zuerst war da mal dieses Teegeschäft – ziemlich esoterisch, aber wunderschön und einladend. Obschon „Meiner“ versuchte, unsere Horde draussen zu behalten, stürmten sie alle den Laden, als bekäme man dort für jeden Einkauf zehnfache Minimania-Säcklein geschenkt. Als die Verkäuferinnen sahen, wie das Prinzchen fröhlich um die Regale kurvte, reagierten sie blitzschnell: „Lass mich überlegen, was machen wir mit dir“, sagte die eine zum Prinzchen. „Möchtest du gerne ein Gläschen Tee probieren?“ Das Prinzchen wollte natürlich, die anderen wollten auch und bald schlürften fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis wertvollen Grüntee aus hübschen Gläschen. „Mama, den musst du kaufen“, sagten sie zu mir und verliessen dann ohne weitere Umstände den Laden, um mich in Ruhe stöbern zu lasen. Als ich bezahlte, meinte die Verkäuferin: „Auf dieses Prinzchen müssen Sie achtgeben. Der ist ein ganz besonderes Kind, ein Luftwesen, so frei und wild. Gehen Sie viel in die Natur mit ihm, das braucht er. 
Diese Reaktion berührte mich zutiefst, denn auch wenn ich nicht glaube, dass das Prinzchen ein Luftwesen ist, so weiss ich es doch sehr zu schätzen, wenn jemand den kleinen, wilden Bengel in sein Herz schliesst, obschon er doch gar nicht in einen feinen Teeladen passt. 

Eine Stunde später betraten wir eine Pizzeria, um unsere Kinder zu füttern, bevor sie zu quengeln anfingen. Ich hätte zwar lieber Indisch oder Griechisch gegessen, aber um die Gefahr zu bannen, dass unsere Söhne vor lauter Hunger den Kellner angreifen, sagte ich zum erstbesten Lokal ja. Es sah ja auch ganz nett aus. Als wir über die Schwelle gingen, stöhnte eine Frau, die auf ihr Essen wartete, laut vernehmlich auf, was mich ziemlich ärgerte, um des lieben Friedens Willen jedoch ignorierte. Wir setzten uns und „Meiner“ bestellte Mineralwasser für alle. (Erstes Stirnerunzeln des Kellners). Das Wasser kam und wir gaben unsere Bestellung auf. Karlsson verzichtete ganz vernünftig auf eine Vorspeise, um sich dafür Ravioli mit Crevetten und Trüffelöl zu gönnen. Er bekam „Ravioli Primavera“ und als wir freundlich darauf hinwiesen, das hätten wir aber nicht bestellt, antwortete der Kellner gehässig, er sei sich zu 100% sicher, dass ich Primavera gesagt habe. Habe ich nicht und das sagte ich ihm auch, aber er wusste es besser und der enttäuschte Karlsson musste sich mit Primavera zufrieden geben – und danach Luises halbe Pizza verschlingen, die sie nicht essen mochte. Von da an kreiste der Kellner wie ein Aasgeier um unseren Tisch, um uns die Teller zu entreissen, kaum hatten wir den letzten Bissen in den Mund gestopft. Unser ehemaliges Au-Pair hatte noch ziemlich viele letzte Bissen vor sich, als er ihr den Teller wegnehmen wollte, was sie aber nicht zuliess. Er gab ihr deutlich zu spüren, dass er den Teller lieber jetzt schon genommen hätte, denn diese lästigen Vendittis mit ihrer Brut – die sich übrigens ganz anständig aufführte – sollten jetzt endlich aus seiner Pizzeria verschwinden. Das taten wir dann auch bald einmal, aber erst, nachdem „Meiner“ ganz untypisch darauf beharrt hatte, 96.40 zu bezahlen und nicht 100, wie der Kellner gehofft – und offensichtlich auch erwartet – hatte. 

Die Versuchung ist natürlich gross, nur den kinderhassenden Kellner in Erinnerung zu behalten, aber ich habe beschlossen, auch die kinderliebende Verkäuferin aus dem Teeladen nicht zu vergessen und darum soll das Prinzchen heute den ganzen Tag draussen spielen. An der frischen Luft, wie es sich für ein Luftwesen gehört…

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Gesprächskultur

Schon öfters habe ich mich gefragt, wie sich ein Abendessen im Hause Venditti für einen anhören würde, der sich von uns unbemerkt ins Esszimmer schleicht und sich unter dem Esstisch versteckt. Ja, ich weiss, völlig absurd, aber mit solchen Gedankenspielereien schlage ich mich schon seit frühester Kindheit herum und mich dünkt, es werde mit zunehmendem Alter nicht besser. Selten nur geschieht es, dass ich ganz unerwartet eine Antwort auf eine meiner unsinnigen Fragen bekomme und dann erfüllt mich eine tiefe Zufriedenheit, die ich unbedingt mit jemandem teilen muss. 

Heute also bekam ich eine Antwort auf die Frage, wie einer, der unter unserem Tisch sitzt und lauscht, sich fühlen muss. Die Antwort verdanke ich keinem Geringeren als dem lieben Herrn Berlusconi. Okay, ich weiss, jetzt denkt ihr, ich sei vollkommen durchgedreht. Was, bitte schön, soll der Herr Berlusconi mit unserer Gesprächskultur bei Tisch zu tun haben? Nun, wie man heute auf allen Kanälen sehen und hören konnte, kassierte der Herr Berlusconi heute eine tüchtige Ohrfeige. Diese Ohrfeige war so laut vernehmbar, dass „Meiner“, der nach dem Abendessen erschöpft auf dem Sofa zusammengesunken war, aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Weil es „Meinen“ so sehr beglückte, einen niedergeschlagenen Berlusconi zu sehen, reichte ihm die Berichterstattung am Schweizer Fernsehen nicht, weshalb er zum Italienischen Sender wechselte, wo gerade eine Diskussionssendung zum Thema lief.

Anfangs versuchte ich noch, dem Gespräch zu folgen, was auch ganz gut ging, solange die Diskussionsteilnehmer noch nicht richtig in Fahrt waren. Dann aber gerieten eine aus dem Ei gepellte Dame und ein nicht ganz aus dem Ei gepellter Herr aneinander und weil die zwei sich nicht einigen konnten, wer Recht hatte, versuchte ein Herr im weit aufgeknöpften Hemd zu schlichten. Dabei wartete aber keiner darauf, bis der andere seinen Satz beendet hatte. Jeder redete unbeirrt weiter,  keiner hörte dem anderen zu und weil es so viel Spass machte, endlich einmal auszureden, mischten sich bald auch die anderen Gesprächsteilnehmer ein. Es herrschte ein Geschnatter wie an einem Ententeich. „Komplett durchgedreht, diese Italiener“, sagte ich zu „Meinem“. Dann aber hielt ich ganz schnell den Mund, denn mir dämmerte, dass einer, der unter unserem Esstisch sässe, genau dies über uns denken würde. 

Nun gut, immerhin brüllt bei uns ab und zu einer „Etwas mehr Ruhe bitte!“ 

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