Schlaf Töchterlein, schlaf!

Sie war schon als Kleinkind besonders gut darin, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Meist schlief sie abends um sechs innert Minuten ein, erwachte dann so gegen Mitternacht und setzte die Küche unter Wasser, schlafwandelte zur Grossmama ins Parterre oder fütterte ihre Brüder mit Schokolade bis sie morgens gegen sechs Uhr erschöpft einschlief. Um zehn oder elf erwachte sie wieder, war für den Rest des Tages quengelig und ungeduldig und schlief schliesslich meist vor dem Abendessen wieder tief und fest. So ging das zwei Jahre lang, irgendwann sass ich heulend im Sprechzimmer der Kinderärztin, aber auch sie konnte mir nicht weiterhelfen. Dann kam der Zoowärter zur Welt und seit jenem Tag schläft Luise mit wenigen Ausnahmen wie ein Murmeltier.

Na ja, bis vor Kurzem schlief sie, seit einiger Zeit macht sie wieder immer öfter die Nacht zum Tag. Meist fängt es damit an, dass ihr abends irgend eine schlimme Sache in den Sinn kommt, die ihr den Schlaf raubt, irgendwann lässt sie sich dann aber doch ins Land der Träume entführen. Dort findet sie aber offenbar keine Ruhe und deshalb findet sie meist mitten in der Nacht den Weg ins Elternschlafzimmer oder zu einem ihrer Brüder. Ob sie dabei auch wirklich wach ist, oder ob sie erst erwacht, wenn wir aus dem Tiefschlaf hochschrecken und fragen, was denn los sei, ist weder ihr noch uns ganz klar. Auf alle Fälle kommt irgendwann der Moment, wo sie wieder hellwach ist, wenn eigentlich Schlafenszeit wäre. Wie früher eben, ausser dass sie heute keine Überschwemmungen mehr veranstaltet. Manchmal findet sie den Schlaf nicht mehr, dann steht sie frühmorgens in unserem Zimmer und schimpft, wir würden alle immer schlafen, das sei so langweilig. Manchmal schläft sie im Morgengrauen wieder ein und will dann verständlicherweise nicht aus dem Bett kommen, wenn es Zeit wäre. Manchmal wird sie erst am späten Nachmittag vom Schlaf übermannt, was dann natürlich wieder das Einschlafen am Abend erschwert. Mit guter Laune ist da verständlicherweise nicht mehr zu rechnen.

Wir sind derzeit ziemlich ratlos, wie wir die Sache diesmal in den Griff bekommen können, denn die Methode von früher lässt sich heute nicht mehr anwenden. Eines aber weiss ich: Den Gedanken, mit grösseren Kindern würden die Nächte wieder ruhiger, können wir uns allmählich abschminken, denn ist Luises Schlafproblem erst mal gelöst, werden wir schon bald aufbleiben müssen, bis Karlsson nach Hause kommt.

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Meine lieben Ordnungsliebenden

Ich hätte da mal eine Frage: Was ist das Wichtigste, das ihr euren Kindern mitgeben wollt? Natürlich, ich weiss, jetzt kommen die üblichen Begriffe, Liebe, Selbstbewusstsein, Werte, Eigenständigkeit, Toleranz, eine gute Basis fürs Leben und so fort. Den meisten von euch nehme ich das durchaus ab, bei einigen aber scheint mir, dass euch an etwas anderem viel mehr gelegen ist: An Sauberkeit und Ordentlichkeit.

Ja, auch ich weiss Ordnung und Sauberkeit zu schätzen, obschon unsere Wohnung nur selten danach aussieht, auch ich bemühe mich nach Kräften darum, dem Chaos Herr zu werden, leider meist mit geringem Erfolg. Wenn aber eines meiner Kinder mir heute peinlich berührt ausrichtet: „Du, Mama, die Eleonora hat in der Pause gesagt, ich solle dir sagen, wie du besser Ordnung halten könntest. Sie findet, du solltest alle Zimmer mal ausräumen und dann fein säuberlich wieder einräumen“, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ein Kind, das andere nur nach ihrer Ordentlichkeit beurteilt, finde ich echt beängstigend und offen gestanden höre ich hier nicht das Kind reden, sondern die Mutter, die dem Kind vor dem Besuch bei uns sagt: „Dass du mir aber auch ganz bestimmt keine schlechten Gewohnheiten mit nach Hause bringst. Du weisst, wie es diese Vendittis mit der Ordnung halten. Eigentlich sind solche Leute ja kein Umgang für dich…“

Nun könnt ihr mir natürlich sagen, ich solle das alles nicht so wichtig nehmen, Kinder seien halt gnadenlos ehrlich. Und ein Stück weit muss ich euch auch Recht geben. Luise hatte ja auch mal eine Phase, während der sie äusserst Einzelkind-feindliche Aussagen machte. „Weisst du, Sven“, hörte ich sie mal beim Spielen im Garten sagen, „du kannst eigentlich nichts dafür, dass du bist, wie du bist. Du bist eben ein Einzelkind.“ Peinlich, ganz klar, und es lässt sich nicht leugnen, dass die damals Vierjährige etwas aufgeschnappt haben musste, was „Meiner“ und ich einmal unüberlegt über ein Einzelkind in unserer Bekanntschaft dahergesagt hatten. Wenn aber eine Fünftklässlerin der Mutter eines Schulkameraden ausrichten lässt, sie solle gefälligst etwas mehr Ordnung halten, dann verletzt mich das und ich frage mich, was man diesem Kind auf den Lebensweg mitgegeben hat. 

Ich weiss, ihr, die ihr so viel Wert auf eine blitzblanke Wohnung legt, könnt nicht verstehen, weshalb mich diese Episode traurig stimmt. Ich versuche, es euch zu erklären: In meinem Leben haben Menschen allererste Priorität, mir ist fast jeder zu fast jeder Zeit willkommen. Für Menschen lasse ich fast alles stehen und liegen, auch Mopp und Besen. Oft brüskiere ich sogar meine Familie, weil ich auch dann die Tür aufreisse, wenn wir eigentlich Ruhe haben möchten  und ich eben noch laut verkündet hatte, ich wolle eine Weile lang gar niemanden sehen, nicht mal meine Liebsten. Wenn nun jemand ins Haus kommt und nur die mangelhafte Ordnung, nicht aber den Teller voller frischem Gebäck sieht, dann schmerzt das. Und weil ich weiss, dass ein Kind irgendwo gelernt haben muss, auf Menschen wie mich herabzusehen, werde ich wohl auch der Mutter dieses Kindes in nächster nicht mehr ganz unbeschwert begegnen können. 

Darum, ihr lieben Ordnungsliebenden, bitte ich euch, euren Kindern beizubringen, dass auch weniger ordentliche Menschen ihre liebenswerten Seiten haben. Im Gegenzug verspreche ich, meinen Kindern zu erklären, wer gerne alles blitzblank habe, sei deswegen noch lange nicht kaltherzig, auch wenn er vielleicht mal sagt, man solle bitte die schmutzigen Schuhe ausziehen, der Boden sei gerade frisch gewischt. Würde ich übrigens auch sagen, wäre der Boden bei uns jemals blitzblank…

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Wer ist hier der Vorstand?

„Welche Ausbildung hat der Haushaltsvorstand zuletzt abgeschlossen?“, wurde ich heute in einer Online-Umfrage gefragt. Der Haushaltsvorstand? Das variiert von Stunde zu Stunde.

Heute Nachmittag um halb vier hätte die Antwort gelautet, der Haushaltsvorstand habe noch nicht mal mit seiner Ausbildung begonnen und bringe es dennoch mit gezielt eingesetzten Trotzanfällen fertig, die ganze Familie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. 

Eine halbe Stunde später hätte ich gesagt, der Haushaltsvorstand habe vier Beine, ein schön gemustertes Fell und gerade fünf hinreissende Kinder zur Welt gebracht, die jeder sehen will, weshalb man ständig gezwungen sei, die Zimmer halbwegs in Ordnung zu halten. Dieser Haushaltsvorstand hält es nämlich nicht für nötig, uns im Voraus bekannt zu geben, wann er Audienz hält.

Würde man mich gerade jetzt fragen, lautete die Antwort, die Stelle des Haushaltsvorstands sei vakant, weil gerade keiner von uns beiden, die wir noch wach sind, das geringste Bedürfnis verspürt, sich des Haushalts anzunehmen. 

Morgen früh – zu früh für einen Samstagmorgen – würde ich vermutlich sagen, der Haushaltsvorstand habe lange, blonde Haare, eine durchdringende Stimme und sei gerade mal zehn Jahre alt. Dieser Haushaltsvorstand bestimmt im Alleingang, wann es Zeit ist für die Tagwache, egal, wie sehr man sich gegen diese diktatorische Herrschaftsform auflehnt.

Allzu lange wird es aber nicht dauern, bis der Nächste das Szepter übernimmt. Mit seinen sechs Jahren weiss er schon sehr genau, was morgen auf dem Programm zu stehen hat und Wehe mir, sollte ich keine Lust verspüren, mich unter die Leute zu mischen. Dieser Haushaltsvorstand hat mir nämlich schon am Montag mitgeteilt, dass er am Samstag auf der Hüpfburg zu sein wünscht und er duldet keine faulen Ausreden.

Könnte aber auch sein, dass einer auf passiven Widerstand macht, sich ein Buch schnappt und dem oben genannten Haushaltsvorstand einen Strich durch die Rechnung macht, was natürlich unweigerlich zu Zoff führen wird, so dass nicht mehr klar sein wird, wer von den beiden jetzt wirklich das Sagen hat. Kampf der Haushaltsvorstände, sozusagen. Im schlimmsten Fall wird sich noch einer in die Sache einmischen, er wird verkünden, er hätte keine Lust auf Babykram, dafür sei er jetzt zu gross. Er wird sich ebenfalls ein Buch schnappen und erklären, wer nicht mitgehen wolle, solle sich ruhig ihm anschliessen, er werde schon für Ordnung und Disziplin sorgen zu Hause. Schon wäre die Familie in zwei Lager aufgeteilt und eine Einigung kaum mehr zu erreichen.

Um einen wüsten Kampf um den obersten Posten im Haushalt zu verhindern, werde ich die ganze Macht an mich reissen müssen –  der Co-Haushaltsvorstand ist morgen abwesend – , ich werde mit Machtworten um mich schmeissen müssen, damit alle wieder wissen, wo es langgeht.

Weil es fast immer auf dieses Szenario hinausläuft und es im Fragebogen keinen Platz für Ausführungen hatte, habe ich in der Umfrage frech behauptet, der Haushaltsvorstand sei ich. Worauf ich gefragt wurde „Studieren Sie?“ Äh, nein, nicht mehr, ich führe gerade einen Feldversuch in Konfliktmanagement durch.

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Wie man mir an einem Tag wie heute ein Lächeln aufs Gesicht zaubert

Sechs mal Magen-Darm-Grippe in verschiedenen Stadien von „Ich bin so krank, dass ich nicht mal Zwieback essen mag“ über „Ich bin nicht gesund genug, um zur Schule zu gehen, aber auch nicht krank genug um im Bett zu bleiben“ bis hin zu „Ich fühle mich genau gleich elend wie ihr, aber einer muss ja für Zwieback-Nachschub und saubere Bettwäsche sorgen“ und der einzige Gesunde muss arbeiten. Nicht gerade mein Lieblingstag, ehrlich gesagt. Umso wichtiger sind mir die kleinen Dinge, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:

Luise, die mir erzählt, wie sie gestern in der Bäckerei im reinsten St.Galler-Dialekt ein Brot bestellt hat. Fragt mich nicht, woher sie St.Galler-Dialekt kann, vielleicht hat sie diese Halskrankheit im Blut.

Die alte Frau aus Sri Lanka, die sich mir nach dem Zwieback-Einkauf in den Weg stellt, um mir mit Händen, Füssen und ein paar Brocken Deutsch zu sagen, wie sehr ihr mein „Costume“ gefalle. Genau wie die Frauen aus Sri Lanka, findet sie, einzig das schöne Tuch fehle noch. 

Kater Leone, der als Reaktion auf Henriettas Nachwuchs so anhänglich ist wie in seinen ersten Tagen. Nichts beruhigt so sehr wie ein Kater, der sich nach einem anstrengenden Tag auf deinen Rücken legt und dir ins Ohr schnurrt.

Der Gedanke, dass ich meinem alljährlichen Setzlings-Kaufrausch ein Schnippchen geschlagen habe und deswegen diesen Frühling seelenruhig an den Auslagen vorbeigehen kann. Wie ich das geschafft habe? Indem ich im Februar bereits dem Sämereien-Kaufrausch erlegen bin und deshalb zu Hause vor lauter Setzlingen den bewölkten Himmel nicht mehr sehen kann.

Das Prinzchen, der frühmorgens über Karlssons Teddy aus Kleinkindertagen sagt: „Gell, Karlsson, als Mama und Papa dir David gekauft haben, war er noch kein Schrott.“

Die Tatsache, dass meine Manuskripte das Stadium „Feinschliff“ erreicht haben.

Die Katzenbabies. Ich darf gar nicht anfangen damit, sonst wird’s kitschig hier.

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Wenn ich bitten darf

Meine lieben Kinderlein

Wenn ich mich spätabends ins Bett legen möchte, habe ich keine Lust, zuerst ein halbes hartgekochtes Ei von der Matratze zu klauben. Ich schätze es auch nicht sonderlich, morgens in das Eigelb zu treten, das es nicht bis auf die Matratze geschafft hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn jemand von euch eine nicht ganz verschlossene Eisteeflasche in meiner Handtasche aus Filz verstaut, ohne mir etwas davon zu sagen. Wisst ihr denn nicht, wie eklig es sich anfühlt, in einer feuchten Filztasche wühlen zu müssen. Und wühlen muss ich, denn bei all dem Kram, den ihr sonst noch in meine Tasche schmuggelt, ist es relativ schwierig, den Autoschlüssel auf Anhieb zu finden. A propos Autoschlüssel: Der gehört in meine Tasche und zwar immer, nicht mal auf den Küchentisch, mal in die Badewanne und mal in den Briefkasten. Können wir das hier ein für alle mal so festhalten?

Dann wäre da noch die Sache mit dem Lippenstift. Ja, ich weiss, ihr denkt, ich würde den ohnehin nie brauchen und es stimmt ja auch, meistens liegt er nur herum. Aber auch in meinem Leben gibt es Gelegenheiten, bei denen es ohne Lippenstift fast nicht geht und darum möchte ich euch bitten, ihn in Zukunft nicht mehr für Graffitis an den Zimmerwänden zu missbrauchen. Zumal es nicht ganz einfach ist, Lippenstiftspuren von der Tapete zu entfernen, ohne gleich die ganze Tapete abzureissen. Wo wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Würde es euch etwas ausmachen, meine Kleider in Zukunft nicht mehr in die Verkleidungskiste zu entführen? Und wenn das zuviel verlangt ist, könntet ihr zumindest darauf achten, beim Verkleiden keine Schokoladenflecken auf den zarten Stöffchen zu hinterlassen? 

Ich glaube, das mit den Küchengegenständen brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, ihr glaubt es mir ja doch nicht. Darf ich euch aber zumindest bitten, in Zukunft die Finger von meinem Lieblingsschneebesen zu lassen? Ich teile dafür alles andere, inklusive Spritzbeutel-Tüllen, mit euch. Auch mit Shampoos und Duschgels will ich nicht kleinlich sein; was ich eigentlich für mich kaufe, dürft ihr selbstverständlich ebenfalls nehmen. Es wäre einfach nett, ihr würdet jeweils einen ganz kleinen Rest für mich aufbewahren, denn wenn ich mir die Haare mit gewöhnlicher Seife waschen muss, weil alle anderen Flaschen leer sind, sehe ich aus wie eine Vogelscheuche und das passt euch dann ja auch wieder nicht. 

Mir ist klar, meine lieben Kinderlein, dass euch diese Bitten ziemlich viel Selbstbeherrschung abverlangen, aber versucht es doch einmal so zu sehen: Ich lege euch auch kein nasses Teekraut aufs Kopfkissen, ich vergreife mich weder an euren Legos noch an eurer Knetmasse und meines Wissens habt ihr mich auch noch nie dabei erwischt, wie ich unter euren Betten ein Picknick abgehalten habe, ohne danach aufzuräumen, ja, ich leihe mir nicht mal eure Kleider aus, wenn sich in meinem Schrank nichts mehr findet.

Ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Aber der Papa hat neulich mein Sylvanian Families-Eichhörnchen in den Tiefkühler gelegt.“ „Und aus meinem Lieblingshemd hat er Putzlappen gerissen.“ „Mir hat er die ganze Papierflieger-Sammlung ins Altpapier geschmissen.“ Mag sein, dass der Papa all dies gemacht hat, ich aber habe damit nichts zu tun. Also legt das hartgekochte Ei beim nächsten Mal gefälligst auf seine Seite des Bettes, wenn ihr es unbedingt in unserem Zimmer liegenlassen müsst. 

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Wir können auch so

Nach den Kapriolen der vergangenen Monate hatte ich es selber nicht mehr für möglich gehalten, aber „Meiner“ und ich bringen es tatsächlich fertig, einen unbeschwerten Tag zu zweit nicht nur im Kalender einzutragen, sondern auch durchzuziehen. Alle Lehrkräfte gesund, Kinder komplett käferfrei, Prinzchen für einmal ohne sein sonst übliches montägliches „Staatskinder“-Gehabe -„Ich will nicht in die Krippe, ich will bei dir bleiben Mama!!!“ -, die Gutscheine für die Wellness-Oase noch längst nicht abgelaufen und diesmal sogar ohne hektische Suchaktion auffindbar, keine Anrufer, die einen mit einem ganz dringenden Anliegen zu einer spontanen Hilfsaktion zwingen, das Auto fahrtüchtig und mit halb vollem Tank. Weder unsere hochschwangere Katze, die kaum mehr von meiner Seite weicht, noch die Programmänderung, zu der „Meiner“ mich in letzter Minute überredete, konnten uns daran hindern, in schönster Eintracht morgens vor halb neun das Familienleben für ein paar Stunden hinter uns zu lassen.  

Es gab viel zu geniessen in diesen Stunden – ein Frühstück, das so süss und ungesund war, dass unsere Kinder nie davon erfahren dürfen, eine ziemlich menschenleere Saunalandschaft voller Überraschungen, vollkommen ungestörte Gespräche im Wechsel mit himmlischer Stille, ein Mittagessen, nach dem andere unseren Dreck wegräumen mussten. Was mich an diesem rundum gelungenen Tag zu zweit am meisten freut: Egal, wie sehr wir uns im Familienalltag zuweilen auf die Nerven fallen und egal, wie oft wir in der Hektik aneinander vorbeireden und zuweilen auch -leben, wenn wir mal Zeit haben, dann sind „Meiner“ und ich sofort wieder siebzehn. Dann quatschen wir, schmieden Pläne, grinsen über Menschen, die einfach nur peinlich sind und freuen uns daran, dass wir einander haben. 

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Flüster-Panik

Natürlich ist mal wieder die Schule Schuld, genauer gesagt eine Lehrerin, die den Kindern vor einiger Zeit völlig zu Recht erklärt hat, flüstern sei für die Stimmbänder äusserst ungesund. Kann ich voll und ganz verstehen, das ewige Geflüster würde mir auch auf die Nerven fallen, stünde ich Tag für Tag vor einer Klasse. Nun nimmt aber Luise ihre Lehrerin immer dann besonders ernst, wenn sie nicht gerade Hausaufgaben aufgibt oder sie zu mehr Fleiss in der Mathematik ermahnt und darum hat sie sich die Sache mit dem Flüstern sehr zu Herzen genommen.

Als wir nun gestern Abend allen Kindern mit Ausnahme von Karlsson, der lieber seine Ruhe haben wollte, erlaubten, gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen, stellten wir irgendwann die Bedingung, dass nur noch geflüstert wird, weil sonst einfach nie Ruhe einkehren würde. Eine Weile lang hielten sie sich daran, dann kam Luise ins Wohnzimmer geschlichen: „Aber Mama, die Lehrerin hat gesagt, flüstern sei nicht gut für die Stimme. Wenn wir jetzt den ganzen Abend flüstern müssen, machen wir unsere Stimme kaputt.“ „Ja, meine liebe Luise, da hatte deine Lehrerin natürlich vollkommen Recht, aber wenn ihr eine halbe Stunde flüstert, werdet ihr nicht gleich vollends verstummen. Und ihr könnt ja auch einfach leise reden, wichtig ist einfach, dass es endlich ruhiger wird.“

Mit dieser frohen Nachricht ging Luise ins Zimmer zurück, aber dort hatte sich die Flüster-Panik bereits breit gemacht. Was die grosse Schwester einmal gesagt hat, hat einfach mehr Gewicht als das, was die Mama entgegnet. „Ich will aber meine Stimme nicht verlieren“, klagte das Prinzchen. „Wir dürfen nie flüstern, Luises Lehrerin hat es gesagt“, mahnte der Zoowärter den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Immer aufgeregter und lauter wurde die Diskussion um die Gefahr des stimmlosen Redens und wir mussten mehrmals mit ziemlich viel Stimmeinsatz zur Ruhe mahnen. Als endlich alle schliefen, dachten wir, das Problem habe sich von selbst erledigt, doch heute Morgen wurden wir durch lautes Heulen geweckt. „Was ist denn mit dem Zoowärter los?“, fragten wir Luise, weil unser Zweitjüngster trotz mehrmaligen Nachfragens nichts als laute Schluchzer herausbrachte. „Er hat geflüstert“, erklärte Luise, „und jetzt fürchtet er, er habe seine Stimme verloren.“

Nach einigem Zureden brachten wir den Zoowärter endlich dazu, uns zu glauben; das Schluchzen hörte auf und er redete wieder, ein wenig heiser zwar, was nach dem langen Geschrei wenig verwunderlich war. Erstaunlich, dass der Zoowärter Luise und ihrer Lehrerin mehr Glauben schenkt als seiner eigenen Stimme, die schon am frühen Morgen durch Mark und Bein dringen kann, wenn ihr Besitzer fürchtet, sie verloren zu haben.

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Das Drama mit dem Schwan

Manchmal frage ich mich, ob wir einen Tag ohne Drama überhaupt noch hinkriegen. Heute war es ein Schwan, der für Aufregung sorgte. Hätten „Meiner“, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf mich gehört, wäre die Sache natürlich nicht passiert, denn ich hätte schon zu verhindern gewusst, dass Karlsson und Luise jetzt schon im See baden gehen. Aber auf mich hört ja keiner und da ich zu Hause Zoowärter, Prinzchen und Freundeskreis zu beaufsichtigen hatte, konnte ich unsere zwei Ältesten nicht daran hindern, ins kalte Wasser zu steigen. Tja, und dann griff eben dieser Schwan aus dem Hinterhalt an. Karlsson stieg offenbar blutüberströmt aus dem Wasser und musste danach am Kopf genäht werden, Luise kam mit einem grossen Schrecken davon.

Immerhin wissen wir jetzt nicht nur theoretisch, dass Schwäne ziemlich aggressiv werden können, wir haben jetzt auch zwei, die äusserst lebhaft von dieser Aggressivität zu berichten wissen. Ach, und übrigens, ein Schwanenflügel ist durchaus in der Lage, ein Opfer grün und blau zu schlagen, also haltet euch gefälligst fern…

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Ohne Worte

Eine Auftragsarbeit fertig geschrieben, in einem wahren Schreibrausch acht Kurzkapitel verfasst, zwischendurch an der Haustüre ein wenig gequatscht, in Gedanken schon mal die Kolumne, die morgen entstehen soll, entworfen, mir zwei- oder dreimal den Mund fusselig geredet, eingehend die Zeitungsberichte zu den gestrigen Wahlen studiert, dem Zoowärter zugehört, wie er mir in einem Endlos-Redeschwall von den Abenteuern seiner Lego-Figuren berichtete, ein Formular ausgefüllt, einer nervigen Werbeanruferin viel zu lange zugehört, weil sie mir einfach keine Gelegenheit bot, ihr das Wort abzuschneiden und „Meinem“ des Langen und Breiten erklärt, weshalb Bundespräsident Maurer auf gar keinen Fall Recht haben kann, auch wenn er im Radiointerview noch so volksnah daher quasselt. Kurz, ein Tag voller Worte, geschrieben, gesprochen, gelesen und gehört. So viele Worte, dass heute fürs Bloggen nicht mehr allzu viele übrig geblieben sind.

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Schadenersatz

Okay, es ist nicht nett, wenn die Leute mich während der Frühlingsferien unserer Kinder mit frühmorgendlichen Anrufen aus dem Bett schmeissen. Da aber die wenigsten wissen, was für ein Morgenmuffel ich bin, werde ich es niemandem verübeln dürfen, wenn er es dennoch tut. Immerhin geht die Mehrheit der Menschheit davon aus, eine fünffache Mutter sei jeden Tag vor dem ersten Hahnenschrei aus dem Bett, was vermutlich auch für die meisten fünf- und mehrfach-Mütter auf diesem Planeten zutrifft. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als den Menschen, die auf meine Morgenmuffeligkeit keine Rücksicht nehmen, grossherzig zu verzeihen.

„Meiner“ aber, der nun seit mehr als 22 Jahren mit mir unterwegs und seit bald 15 Jahren mit mir verheiratet ist, der schon meine miesesten frühmorgendlichen Gefühlsausbrüche über sich ergehen lassen musste und der Tag für Tag miterlebt, wie schwer ich morgens aus dem Bett komme, soll gefälligst darauf verzichten, mich morgens um fünf vor acht aus dem Tiefschlaf zu reissen, weil er zu Hause etwas vergessen hat, was er in der Schule braucht. Und das an einem Tag, an dem ausnahmsweise mal keines der Kinder um halb sieben ins Zimmer gestürmt war mit der dringenden Nachricht, das Erdnussbutterglas sei leer und das nur, weil der grosse Bruder, dieser Gierhals, den letzten Rest alleine gegessen habe.

Gut, natürlich habe ich auch „Meinem“ inzwischen verziehen, dass er meinem Tiefschlaf ein vorzeitiges Ende bereitet hat. Musste ich ja, wo er mir als Entschuldigung dieses traumhafte, weiche Kissen geschenkt hat. Vielleicht sollte ich bei den anderen Leuten, die mich frühmorgens aus dem Bett klingeln, auch auf Schadenersatz bestehen. Dann hätte ich bald einen Haufen wunderschöner Kissen. Oder zumindest endlich Ruhe am Morgen, weil keiner mehr auf die Idee käme, mich anzurufen, ehe ich richtig wach bin.

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