Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.

Halt, nicht so schnell!

Jetzt sind sie also weg, die drei Grossen. Tagsüber fällt mir das kaum auf, denn auch an gewöhnlichen Tagen kommt es immer öfter vor, dass die grösseren Kinder ihre eigenen Wege gehen. Abends aber, wenn der Zoowärter und das Prinzchen schlafen und keiner mehr aus dem Bett kommt, weil er die Hausaufgaben vergessen hat, wenn oben niemand mehr Geige oder Querflöte übt, wenn wir uns vollkommen ungestört einen Film reinziehen können, dann löst die ungewohnte Stille gemischte Gefühle aus bei mir.

Einerseits ist es ganz nett, ausnahmsweise mal in ganz normaler Lautstärke reden zu können, weil man nicht eine ganze Kinderschar zu übertönen hat. Endlich kann auch der Zoowärter einmal zu Wort kommen, was er ungemein schätzt. Glaubt mir, das Kind produziert wahre Monstersätze, wenn es mal nicht andauernd von seinen grossen Geschwistern unterbrochen wird. Wir Eltern haben nicht nur die Ohren frei, sondern auch die Hände und so kommt es, dass der Zoowärter seit heute Nachmittag fast ohne Hilfe Fahrrad fährt. Das Prinzchen bekommt derweilen auf seine Fragen ganz ernsthafte Antworten anstelle der absurden Wahrheitsverdrehungen, welche Karlsson seinem leichtgläubigen kleinen Bruder so gerne auftischt.

Dies ist die eine Seite, die andere ist die leise Melancholie, die mich beschleicht, wenn ich daran denke, wie leer unser Haus in diesen Tagen ist. Es kommen Erinnerungen hoch an einen Sommer vor vielen Jahren, als ich eine ganze Woche lang Einzelkind war, weil alle grossen Geschwister in Ferienlagern oder mit Freunden unterwegs waren. Nun gut, ganz soweit sind wir noch nicht, aber wenn ich bedenke, dass der Zoowärter übernächstes Jahr auch schon mit ins Lager fahren kann, dann kann ich mir schon sehr lebhaft vorstellen, wie „Meiner“ und ich ganz alleine mit dem Prinzchen die Sommertage totschlagen werden. So, wie meine Eltern damals mit mir.

Es sind keine schlechten Erinnerungen, die ich an jene Sommertage habe, aber ein gewisses Unbehagen überkommt mich dennoch, wenn ich daran zurückdenke. Weil ich mich noch sehr genau daran erinnere, wie alt meine Eltern in meinen Augen damals waren. Und weil ich das Gefühl habe, zwischen jenen Sommertagen und dem Tag, an dem ich mein Elternhaus verliess, liege nicht viel mehr als ein Augenblick.

Die Sache mit dem Loslassen geht mir einfach viel zu schnell…

Vergeudeter Optimismus

Irgendwann, im Laufe des Nachmittags überkamen mich Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, dass wir uns im Dezember Karten für La Bohème besorgt hatten. Nein, nicht nur für „Meinen“ und mich, für die ganze Familie. „Solange die Kinder noch nichts kosten und Familienausflügen nicht vollends abgeneigt sind, müssen wir das ausnützen“, sagten wir uns.

Als aber heute Nachmittag zuerst einmal düstere Gewitterwolken aufzogen, Luise, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich alle drei Minuten in die Haare gerieten, das Prinzchen im Auto den Schlaf nicht fand und Karlsson einen vorpubertären Wutanfall hinlegte, da fragte ich mich, ob wir das Geld nicht besser in eine Fahrt zum Europa Park investiert hätten. Nicht, dass ich das Bedürfnis hätte, dorthin zu gehen…

Inzwischen aber ist das Gewitter weitergezogen, das Prinzchen sitzt auf den Stufen des Amphitheaters und schmettert fröhlich Melodien, die er wohl für Arien hält. Die anderen fragen uns Löcher in den Bauch – über die Handlung der Oper, die Cüpli-trinkenden Schickimickis, die Römer, die hier in Avenches mal zu Hause waren. Wenn das so weitergeht, dann war es vielleicht doch nicht so eine schlechte Idee mit den Opernkarten…

Okay, wiedermal zu früh gefreut. Pünktlich zur Türschliessung die ersten Regentropfen, zum geplanten Vorstellungsbeginn die Durchsage, dass es noch ein wenig weiter regnen würde, weshalb man eine halbe Stunde später anfangen würde. Ja, und dann abends um zehn die letzte Durchsage: Vorstellung abgesagt, Sie können Ihre Tickets zurückerstatten lassen, besten Dank für Ihr Verständnis, fünf schluchzende Kinder und eine miesepetrige ältere Dame, die mir auf Französisch klar machen will, dass meine kleine Tochter – das Prinzchen – noch viel zu klein sei, um so lange aufzubleiben.

So haben wir es mal wieder geschafft, einen Tag im Wasser zu ersäufen. Morgen werden wir uns dann entscheiden, ob wir mit den Tickets von heute einen zweiten Versuch wagen wollen, oder ob wir das Geld zurückfordern, um es in ein wetterfesteres Programm zu investieren.

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Ob er das kann? Aber klar doch!

Heute Nachmittag der ganz spontane Entscheid, mit der ganzen Familie aufs Riesenrad zu gehen. Einfach so, weil gerade eines in der Stadt ist. Anschliessend dann noch alle zusammen zum Minigolf. Alle? Nein, Karlsson hat keinen Bock. Ich zwar auch nicht, aber sowas darf man ja als Mutter nicht allzu offen zeigen, sonst verdirbt man allen die Laune. Karlsson aber ist in dem Alter, in dem man ungestraft auf Verweigerung machen darf, was er auch ausgiebig tut. Schliesslich spricht „Meiner“ ein Machtwort: „Wenn du nicht mitkommen willst, nimmst du eben den Bus und fährst nach Hause.“ Während Luise, die befürchtet hatte, dass der grosse Bruder allen den Spass verderben könnte, hörbar aufatmet, bleibt mir fast die Luft weg. Mein armer, kleiner Karlsson, der eben erst vor ein paar Tagen laufen gelernt hat, soll ganz alleine vom Rummelplatz zur Bushaltestelle gehen, ein Billett lösen und nach Hause fahren? Der arme Junge ist doch noch viel zu klein für solche Abenteuer.

Meine Einwände bleiben ungehört, wenige Augenblicke später ist unser Ältester mit einem Fünfliber im Sack unterwegs auf dem steilen Fussweg, der zur Bushaltestelle führt. Mit sorgenvollem Blick schaue ich ihm nach. Ob ich ihn nicht doch begleiten soll? Nur mit grosser Mühe kann „Meiner“ mich davon abhalten. Zum Glück aber sind „Meiner“, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit dem Velo gekommen, so brauche ich mit dem Auto nur einen kleinen, unauffälligen Umweg zu machen, auf dem ich mich ganz heimlich vergewissern kann, dass alles glatt läuft. Der Zoowärter und das Prinzchen, die mit mir im Auto sitzen, werden mich bestimmt nich verpetzen. Hach, wie bin ich erleichtert, als ich Karlsson aus sicherer Distanz beobachte, wie er in den richtigen Bus einsteigt.

Zwei Stunden später ist die Minigolf-Runde endlich überstanden. Jetzt nur noch nach Hause, Abendessen kochen und dann so schnell wie möglich Feierabend. Das Gezänke, wer von den Kindern zuerst drankommt, hat mich ziemlich hingenommen und so verwünsche ich für einmal meine konsequente Ablehnung von Fertigprodukten. Wäre doch nett, wenn wir eine Tiefkühlpizza vorrätig hätten, die man nur noch in den Ofen schieben muss. Haben wir aber nicht und der Zoowärter wünscht sich Suppe im Brot, hausgemacht natürlich, denn Beutelsuppe haben wir nicht. Und zu Hause wartet bestimmt ein übellauniger Karlsson auf uns, dem es nicht passt, dass wir so lange weg waren.

Doch weit gefehlt. Als ich die Wohnungstüre öffne, strömt und himmlischer Pizzaduft entgegen, am Herd steht ein bestens gelaunter Karlsson, der verkündet, er müsse nur noch schnell die Pasta fertig kochen, dann sei das Essen bereit. „Ich habe zu viel Pizzasauce gemacht, da dachte ich mir, ich könnte ja gleich noch Pasta kochen“, erklärt er fröhlich. Auf dem Esstisch steht schon der Salat, Wasser und Cola sind eisgekühlt, der Tisch ist gedeckt und wenig später sind wir alle bei Karlsson zu Gast. „Weisst du eigentlich, wie viele Erwachsene keine Ahnung davon haben, wie man Pizzateig macht? Und du schüttelst das einfach so aus dem Ärmel“, sagt „Meiner“ anerkennend zu Karlsson. „Ach weisst du“, wehrt dieser ganz bescheiden ab, „die müssten nur das Kochbuch von Marianne Kaltenbach hervorholen, dort drin steht nämlich, wie man einen Pizzateig macht.“

Könnte es sein, dass Karlsson doch nicht mehr ganz so klein und hilflos ist, wie ich dies gerne hätte – äääähm, ich meine natürlich, wie ich zuweilen das Gefühl habe?

Zweikindfamilie

Übernächste Woche steht uns ein Abenteuer der besonderen Art bevor: Sieben Tage als Zweikindfamilie. Nur der Zoowärter und das Prinzchen, die uns auf Trab halten, währenddem die drei Grossen im Jungscharlager sind. Da eröffnen sich seit Jahren nicht mehr da gewesene Möglichkeiten.

Man könnte sich zum Beispiel morgens ganz spontan dazu entscheiden, in die Westschweiz zu fahren, weil alle problemlos Platz finden werden in unserem Fünfplätzer. Oder man könnte an einem verregneten Sommertag aus einer Laune heraus ins Thermalbad fahren, ohne vorher drei Monate von Wasser und Brot leben zu müssen, damit man sich den Eintritt leisten kann. Vielleicht könnte man sogar in ein richtiges Restaurant gehen und weil die zwei Kleinen so süss und artig wären, würden sie vom Kellner ein kleines Spielzeug geschenkt bekommen. So wie früher, als das Servicepersonal sich noch nicht entsetzt hinter dem Tresen verkroch, wenn Vendittis im Anmarsch waren. Oder man könnte Bergbahn fahren, ganz spontan irgendwo übernachten, im Garten ein Planschbecken aufstellen und den ganzen Tag faulenzen, einen zufällig zu Hause gebliebenen Babysitter aufspüren und ruhigen Gewissens in den Ausgang gehen – spätestens um halb neun würden die zwei bestimmt schlafen, so dass wir bei der Heimkehr für einmal nicht fünf überdrehte Rabauken und einen zu Tode erschöpften Babysitter antreffen würden.

Die Woche könnte also durchaus spannend werden. Jetzt bloss nicht krank werden, auf gar keinen Fall zulassen, dass sich jemand ein Bein bricht und schon gar keine Versprechen im Sinne von „aber natürlich werden wir eure drei Kinder hüten und wollt ihr uns nicht gleich noch die Goldfische, den Hund und die Pflege eurer Bonsais anvertrauen, damit ihr endlich mal wieder ausspannen könnt?“ abgeben.

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Nur eine stinknormale überforderte Mama

Nun ja, vielleicht habe ich ein paar Kinder mehr als der Durchschnitt und dadurch liegt meine Schmerzgrenze ein winziges bisschen höher. Ja, ich habe mich dazu entschieden, berufstätig zu sein, auch wenn mein Leben ohne Job herausfordernd genug wäre. Und ja, ich schreibe über das, was mein Alltag mit sich bringt und darum sieht es vielleicht manchmal so aus, als hätte ich die Dinge im Griff. Im Gunde genommen bin ich aber auch nur eine stinknormale, überforderte Mama.

Wenn also der Zoowärter im Krankenhaus liegt, „Meiner“ im kombinierten Stress von Schuljahresende und Stellenwechsel steckt, der FeuerwehrRitterRömerPirat trotz allem seine Geburtstagsparty feiern dürfen soll, mein sorgsam geplanter Arbeitsmorgen nur Unvorhergesehenes bringt, wenn ich vor lauter Chaos nicht dazu komme, die Rechnungen zu bezahlen da ich zu Hause keine Zeit und im Spital zwar Zeit, aber kein Büro habe, wenn ich vergesse, Luise früher zur Schule und später in die Querflötenstunde zu schicken, wenn unser vierzehnter Hochzeitstag ins Wasser fällt, weil wir a) uns um unser krankes Kind kümmern wollen und müssen und weil wir b) keine Zeit hatten, einen Babysitter zu suchen, wenn das Auto bei jeder Ampel den Geist aufgibt, wenn das Prinzchen nachts nicht zur Ruhe kommt, wenn ich nicht mal in Ruhe fünf Minuten unter der Dusche stehen kann, weil andauernd das Telefon klingelt, wenn einfach alles kreuz und quer ist, dann überläuft auch mein Fass.

Dann brauche ich keinen, der zu mir sagt „Äääähm, habe ich vergessen. Könntest nicht du stattdessen?“ Dann ertrage ich kein „Ich wäre ja so froh, wenn du für mich würdest…“ Dann raunze ich jeden an, der auch nur so dreinschaut, als wollte er etwas von mir. Alles, was ich in solchen Momenten brauche, ist eine Schulter, an der ich mich ausheulen kann, eine seichte Schnulze und ein ermutigendes „das kriegen wir schon hin“.

Wenn das aber nicht zu haben ist? Dann bin ich auch schon ganz glücklich, dass zwei rotzfreche aber unglaublich liebenswürdige Teenies mir anbieten, mit dem Zoowärter sein am Kiosk erbetteltes Plastikspielzeug zusammenzubauen.

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Planen zwecklos – hier bestimmt das Leben

Und wieder einmal sagt das Leben, dass es jetzt reicht mit Rasen auf der Überholspur. Alles, was es dazu braucht, ist eine winzige, stark entzündete Dellwarze am Bein des Zoowärters und schon weisst du, dass es zwecklos ist, die Tage im Voraus zu planen. Heute also eine Nacht im Spital mit einem überglücklichen Zoowärter, der nun endlich auch mitreden kann, wenn die Grossen von ihren Krankenhaus-Abenteuern berichten. Morgen dann der verzweifelte Versuch, das Familienleben vom Spitalzimmer aus zu managen, aber auch der Genuss, dass das Leben hier drinnen für unsereinen weit beschaulicher ist als draussen. (Ich habe wohl am Wochenende ein bisschen zu laut geseufzt, dass ich gerne mal wieder dabei zusehen möchte, wie andere für mich die Arbeit machen.) Obendrein natürlich das bange Hoffen, dass alles ohne Komplikationen verheilt, gemischt mit der Dankbarkeit, dass wir gerade noch rechtzeitig erkannt haben, dass unser Kind medizinische Hilfe braucht.

Gesangsentzug

Seit Jahren schon singe ich das Prinzchen in Schlaf und irgendwann hat der Zoowärter festgestellt, dass er Schlaflieder der Gutenachtgeschichte vorzieht und so singe ich eben für beide. Und geniesse es, denn das allabendliche Singen beruhigt nicht nur unsere zwei Jüngsten, sondern auch mich. Nach zwei bis drei Liedern bin ich so entspannt, dass ich den Zoff mit den Kindern, den Stress bei der Arbeit und den Schmutz in der Küche mit ganz anderen Augen sehen kann. Hin und wieder geschieht es gar, dass den zwei Strolchen beim Singen die Augen zufallen und dann ist mein Glück perfekt. Gibt es einen schöneren Anblick, als ein friedlich schlafendes Kind? Für mich nicht und darum graut mir vor dem Abend, an dem Zoowärter und Prinzchen ohne meinen Gesang einschlafen wollen. Wem soll ich dann noch singen?

Nun scheint der Zoowärter gespürt zu haben, dass das gemeinsame Singen für mich ebenso wichtig ist wie für ihn und seinen kleinen Bruder. Beinahe zur gleichen Zeit hat er ausserdem erkannt, dass seine Mama zuweilen ein sehr unfaires, stures Weib ist, das einfach nicht ja sagen will zu einem zweiten Eis, einer weiteren Fahrt auf dem Karussell oder zu einem kurzen Film. Da nützen weder trotzen noch schreien und so fährt der Zoowärter eben das härteste Geschütz auf, das er zur Verfügung hat: „Wenn du nicht ja sagst, dann darfst du am Abend nie mehr bei mir aufs Bett sitzen und Lieder singen!“
Ich gebe trotzdem nicht nach, denn ich weiss sehr genau, dass er am Abend wieder betteln wird, ich möchte ihm „nur noch ein einziges Mal und dann schlafe ich“ das Lied vom Nilpferd singen.

Bloss wie lange noch, das ist die Frage, die mich quält, wenn er mir wieder mit Gesangsentzug droht.

Neue Freiheiten

Abends, wenn die Jüngsten schlafen, wenn es in der oberen Etage allmählich stiller wird und es draussen noch hell ist, dann packt uns dieser unbändige Freiheitsdrang. So viele Dinge, die man anstellen könnte. Ein zweites Eis essen, obschon offiziell nur eines pro Tag erlaubt ist. Einen Kaffee mit Sahnehäubchen trinken. Vielleicht einen Film schauen, der erst ab zwölf Jahren freigegeben ist. Oder gar an einem Glas Kamillenwein nippen.

Wenn die Kinder erst mal wegschauen, sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt und heute haben wir mal etwas ganz Grosses gewagt: Einen Abendspaziergang. Natürlich haben wir zuerst die Kinder, die noch wach waren, um Erlaubnis gefragt – notfalls wäre ja noch die Grossmama im Haus-, dann aber haben wir so richtig die Sau rausgelassen. Wir überquerten die Strasse zehn Meter neben dem Fussgängerstreifen, besorgten an der Tankstelle Chips und „Meiner“ rief den Schwänen im Park eine wüste Beleidigung zu, weil er diese Tiere aus mir vollkommen unverständlichen Gründen nicht ausstehen kann. Am Ende – und jetzt haltet euch bitte fest – wagten wir es gar, Händchen zu halten. Wenn das unsere Kinder gesehen hätten. Die hätten sich sofort dazwischen gedrängt.

Wie so oft, wenn man die ganz grosse Freiheit geniesst, vergassen „Meiner“ und ich die Zeit und so kamen wir nicht wie vorgesehen nach dreissig Minuten nach Hause, sondern erst nach sechzig. Und so, wie einen früher eine erboste Mutter in Empfang nahm, wenn man mal über die Stränge gehauen hatte, so stand heute Karlsson an der Tür und hielt uns eine Standpauke. So richtig frei ist man eben nie in diesem Leben.

Auf zur zweiten Runde

Das Prinzchen ist noch nie mit einer Seilbahn auf einen Berg gefahren, der Zoowärter schon, aber er kann sich nicht mehr daran erinnern. Familienhotels, Restaurantbesuche, spontane Ausflüge ins Wellness-Bad, das alles kennen sie nicht, denn mit fünf Kindern gehen solche Dinge ganz schön ins Geld. Die Schlösser und Burgen in der Region kennen sie nur vom Hörensagen, im Zirkus waren sie noch nie und ein Zoobesuch ist noch ein Attraktion, weil sie so selten dort waren. Sie wissen nur ansatzweise, woher die kleinen Kinder kommen, weil sie keine Erklärung brauchten, weshalb Mamas Bauch plötzlich so rund ist. Die grossen Fragen des Lebens bekommen sie oft von den grossen Geschwistern beantwortet und das klingt dann so: „Ja, wisst ihr denn nicht, dass euch der Storch gebracht hat? Mama und Papa mögen euch zwar etwas anderes erzählt haben, aber das stimmt nicht. Wir waren dabei, es war alles ganz anders…“

Keine Frage, unsere zwei Jüngsten wachsen anders auf als unsere drei älteren Kinder. Für gewisse Dinge sind wir Eltern zu bequem geworden, einiges erklären wir nicht mehr, weil wir unbewusst denken, was die Grossen wissen, wüssten auch die Kleinen, anderes haben wir schon so oft getan, dass uns gar nicht mehr auffällt, dass die beiden Jüngsten noch nie dabei waren und manchmal wissen wir schlicht nicht, woher wir das Geld nehmen sollten, wollten wir allen Kindern das bieten, was wir uns noch leisten konnten, als unsere Familie noch kleiner war.

Wir machen das nicht bewusst so, es geschieht wohl einfach, wenn man mehrere Kinder hat. Dennoch haben wir uns fest vorgenommen, dass wir in diesem Sommer, wenn die drei Grossen im Ferienlager sind, einige der Lücken schliessen wollen. Wir müssen dem Zoowärter und dem Prinzchen nur noch einbleuen, dass sie ihren grossen Geschwistern nichts davon erzählen. Bekommen die drei nämlich Wind von der Sache, dann wird der Protest gross sein. „Mit uns habt ihr sowas nie gemacht. Wir mussten immer nur aufräumen!“, werden sie jammern. Denn natürlich haben sie schon längst vergessen, was wir alles mit ihnen unternommen haben. Sie waren ja noch so klein damals…