Wie ausgewechselt

Eben noch hast du dich heiser gebrüllt, weil keiner auf dich hören wollte. Du hast erfolglos mit Dessertenzug gedroht, hast dir den Mund fusselig geredet, um ihnen beizubringen, dass es so nicht weitergehen kann, weil sie dir sonst noch den letzten Nerv ausreissen. Du hast geklagt, geseufzt, nach Ursachen geforscht und manchmal, wenn sie sich ganz quer stellten, warst du den Tränen nahe. Wann ist sie endlich vorbei, diese elende Vorweihnachtszeit, die aus deinen sonst so umgänglichen Kindern quengelnde, ungehorsame kleine Monster macht, die dich in den Wahnsinn treiben?

Und dann, wenn du glaubst, es könne nicht mehr schlimmer kommen, sind sie plötzlich wie ausgewechselt. Du willst wie üblich den Dritten zur Eile antreiben, damit er nicht zu spät zur Schule kommt, aber da steht er schon vor dir, geputzt und gestriegelt, bereit zu gehen und rechtzeitig anzukommen. Du kommst mittags von der Arbeit nach Hause und stellst erstaunt fest, dass der Älteste den Tisch gedeckt hat und allen schon Saft eingeschenkt hat. Keiner hat sich mit Joghurt und Bananen den Appetit verdorben, weil er nicht warten konnte, bis Mama und Papa da sind und nach dem Essen helfen alle widerspruchslos, den Tisch abzuräumen. Abends, als die Wäsche dran ist, noch einmal das gleiche Bild: Alle helfen brav mit, als hätte noch nie eine Diskussion um die Frage „Warum müssen ausgerechnet wir bei der Wäsche helfen? Wir haben sie ja nicht gewaschen“ gegeben. Ja, und dann kommt es doch noch zu einem kleinen Krach, weil deine Tochter den Tisch ganz alleine decken und dekorieren will, was der grosse Bruder nicht einfach so hinnehmen will. Das geht doch nicht, dass jemand die ganze Arbeit an sich reisst. Abends, als bereits um Viertel nach neun himmlische Ruhe herrscht, reibst du dir verwundert die Augen und du fragst dich, ob da jemand heimlich deine widerspenstigen Kinder gegen diese wunderbar netten Geschöpfe aus dem Erziehungsratgeber ausgetauscht hat.

Du fragst dich natürlich auch, ob du selbst vielleicht etwas zu diesem Wandel beigetragen hast. „Hoffentlich habe ich sie mit meinem ewigen Genörgel der letzten Tage nicht eingeschüchtert“, sagst du zu dir selbst. Nun, in einem Punkt kannst du dich beruhigen. Die Mär von „Santa Claus bringt dir keine Weihnachtsgeschenke, wenn du nicht spurst“ kennen deine Kinder nicht. Weihnachtsgeschenke dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden, denn derjenige, der an Weihnachten gefeiert wird, liebt auch bedingungslos. Ein Dessert kann man schon mal verweigern, aber ein Weihnachtsgeschenk? An der Angst, dass sie an Weihnachten leer ausgehen könnten, kann es also nicht liegen, dass die Kinder wie verwandelt sind. Aber was ist es dann? Die Vorfreude? Das gute Gefühl, dass schon bald ganz viele Träume wahr werden? Oder liegt es nur daran, dass der Mond wieder abnimmt?

Du kannst dir den Kopf zerbrechen, soviel du willst, die Antwort wirst du kaum finden und schon gar nicht den Schalter, mit dem du deine Kinder von „Ich stelle mich aus Prinzip quer“ auf „Ich bin ein kooperatives Wesen, das sich aktiv dafür einsetzt, dass in der Familie alles rund läuft“ umschalten kannst. Am besten hörst du so schnell wie möglich auf mit dem Grübeln und freust dich stattdessen an dem völlig unerwarteten Frieden. Die anderen Tage werden auch wieder kommen und dann darfst du dich getrost fragen, was du jetzt schon wieder falsch gemacht hast.

Der Zeit voraus

Okay, in unserer Wohnung herrscht wie immer das pure Chaos, die Weihnachtsguetzli sind noch immer nicht gebacken und auch die Sommerkleider sind noch längst nicht weggeräumt, aber zumindest in einer Sache habe ich in diesem Jahr die Nase vorn: Die Weihnachtsgeschenke für unsere Kinder sind eingepackt. Gewöhnlich erledige ich dies irgendwann zwischen Tannenbaumschmücken und dem Rühren der Morchelsauce am Weihnachtstag und ich stelle mir die Frage, ob sich das überhaupt noch lohnt, wo das Papier ohnehin in einer halben Stunde zerfetzt wird. In diesem Jahr aber warten alle Geschenke perfekt verpackt auf ihren grossen Tag.

Selbstverständlich gibt es einen guten Grund dafür, denn gewöhnlich renne ich dem Leben hinterher und versuche verzweifelt, es an seinem Rockzipfel zu erwischen. Vorsprung auf die Pflichten des Alltags kommt äußerst selten vor, wie man an unserem Haushalt auf den ersten Blick erkennt. Dass die Geschenke bereits verpackt sind, war reine Notwehr. Das Prinzchen und der Zoowärter spürten nämlich jedes einzelne Geschenklein auf und was nicht weihnächtlich verpackt war, wurde zum Inventar des Spielzimmers erklärt und zum Spielen eingesetzt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als alles so schnell wie möglich zu verpacken und damit auch für einen Dreijährigen unmissverständlich als Weihnachtsgeschenk zu deklarieren. Wenn es mir jetzt noch gelingt, die Katzen von dem verlockend raschelnden Papier fern zu halten, dann kann ich zumindest mal in einem Bereich so tun, als wäre ich bestens auf das Fest der Feste vorbereitet.

Es braucht ja keiner zu wissen, dass die Geschenke für Gotten und Göttis noch nicht mal angefangen sind…

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Schildkröten und damit basta!

Neulich unterhielt ich mich mit einer anderen Mutter über Haustiere. „Das einzige Haustier, das für uns in Frage kommt, ist eine Schildkröte. Die Tiere sind einfach toll. So schön langsam und weil sie die kalte Jahreszeit verschlafen, ist die Freude über das Tier jeden Frühling wieder neu“, erklärte mir die Mutter und ich kam mir vor, ich würde mich selber reden hören. So, wie ich vor wenigen Monaten noch geredet hatte. Bevor die Ratte auf dem Balkon mich dazu getrieben hat, mich auf die Suche nach zwei Kätzchen zu machen. Bevor Leone und Henrietta, die Katzen, die schliesslich den Weg zu uns gefunden haben, unsere Herzen im Sturm eroberten.

„Schildkröten könnt ihr von mir aus haben“, sagte ich jeweils zu den Kindern, wenn sie mir wieder in den Ohren lagen mit „Ich will Kaninchen und Katzen und einen Hund und Hamster und Meerschweinchen und … einen Eisbären oder einen Braunbären und zwar sofort.“ „Wozu wollt ihr überhaupt noch mehr Haustiere haben? Wo ihr euch doch schon um die nicht kümmert, die ihr bereits habt. Wann habt ihr denn zum letzten Mal die Spinnen gefüttert und die Ameisen gestreichelt? Und um die kleinen, braunen Käfer auf dem Fensterbrett kümmert sich auch keiner“, pflegte ich zu sagen. Vor den Katzen fiel es mir noch leicht, bei meinem Nein zu bleiben, doch jetzt, wo wir uns ein Leben ohne die zwei nicht mehr vorstellen können, ist der Damm rissig geworden und ich fürchte, bald wird er vollends brechen.

Schuld daran sind nicht alleine die Katzen, auch „Meiner“ hat seinen Teil dazu beigetragen. Ausgerechnet er, der anfangs sogar bei Schildkröten gemauert hatte. Da bemühte ich mich den ganzen Herbst hindurch, Luise davon zu überzeugen, dass sie keine Häschen zu Weihnachten bekommt, weil ihr Zimmer einem Saustall gleicht. Und dann, als ich sie schon fast so weit hatte, sich doch wieder eine Puppe zu wünschen, kommt mein lieber Herr Gemahl daher und setzt unserer Tochter den Floh mit den Wachteln ins Ohr. Die Häschen sind vergessen, die neue Puppe auch, es müssen Wachteln sein und ohne die Unterstützung von „Meinem“ bin ich machtlos gegen diesen Wunsch. Die Tiere sind also reserviert, die Suche nach dem geeigneten Käfig läuft und wenn alles läuft wie geplant, werden sie ihre Körner schon bald bei uns picken. Wie soll ich da noch dem Zoowärter seinen Geburtstagswunsch nach „ganz vielen echten Meerschweinchen“ abschlagen können, wenn Luise ohne Toben und Schreien Wachteln bekommt? Nun ja, der Zoowärter ist noch so klein, dass er sich auch mit einem Playmobil-Zoo zufrieden geben wird, aber was mache ich bloss, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat uns im Sommer um einen Hund bittet?

Das ist also geworden aus meinem Grundsatz „Schildkröten könnt ihr von mir aus haben, aber sonst gibt’s keine Tiere“ und ich habe den leisen Verdacht, dass es der Mutter, mit der ich über das Thema geredet habe, nicht viel anders ergehen wird als uns.

Hach, wie besinnlich

In diesen Tagen reagiere ich mal wieder besonders empfindlich auf tiefe Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen. Zumindest, wenn sie von Kinderlosen kommen. Ja, ich weiss, die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ziemlich hektisch, aber für uns Kinderreichen ist sie mehr als das. Sie ist das, was für den Buchhalter der Jahresabschluss, für das Warenhaus der Sommerausverkauf, für den Magenbrotverkäufer die Herbstmesse und die Verkäuferin am Schwimmbadkiosk der erste Hitzetag nach drei Wochen Regen ist. Und zwar alles miteinander. Hochsaison für gestresste Eltern, sozusagen.

Ich rede hier nicht in erster Linie von den unzähligen Geschenken, die es zu kaufen, zu verstecken und einzupacken gilt. Auch nicht von der Vorweihnachtsbäckerei, die den Kindern genau so lange Spass macht, bis es ans Aufräumen geht. Auch das Geschenkebasteln für Gotte, Götti, Grossmama, Grosspapa, Lehrerin und Lieblingstante ist hier nicht das Thema. Und für einmal will ich auch nicht klagen über die verschiedenen mehr oder weniger romantischen Veranstaltungen – im Wald bei Wind und Regen, vor der Kirche bei klirrender Kälte, in einem überheizten Wohnzimmer bei Kerzenschein -, zu denen wir Eltern in der Vorweihnachtszeit gerne eingeladen werden. Das sind ja eigentlich die schönen Seiten dieser besonderen Zeit und wenn auch nicht immer alles als besonders gelungen bezeichnet werden kann, so verleiht es doch diesen Tagen das ganz besondere Etwas, ohne das es nie so richtig Weihnachten werden könnte.

Nein, was uns in diesen Tagen so sehr zu schaffen macht, ist der Alltag, dem es schnurzegal ist, ob es noch ein halbes Jahr dauert bis Weihnachten oder nur noch zwei Wochen. So widrig die Widrigkeiten des Alltags während des Jahres auch sein mögen, sie sind nie so widrig wie dann, wenn man eigentlich allmählich besinnlich werden möchte. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat am sechsten August das Gipspulver für seine Fossilien, die er giessen will, im Treppenhaus  verschüttet und danach im ganzen Haus Spuren verteilt, dann ist es ein Ärgernis. Geschieht das Malheur aber am siebten Dezember, dann möchte man laut heulen. Denn eigentlich hätte man so gerne eine Kerze angezündet, einen Tee aufgesetzt und mit den Kindern über den Sinn von Weihnachten philosophiert. Bekommen die Kinder an einem gewöhnlichen Dienstag zu viele Hausaufgaben, quittiert man dies mit einem Seufzer. Müssen sie aber am Nikolaustag lange über den Büchern brüten, möchte man sich die Haare raufen und laut schreien. Stattdessen treibt man die Kinder zur Eile an. „Nun mach schon vorwärts, in einer halben Stunde kommt der Samichlaus!“ Hach, wie romantisch!  Versinkt das Haus an einem gewöhnlichen Sonntag im Chaos, findet man das zwar lästig, aber man kann so halbwegs damit leben. Wenn da aber eine, zwei, drei oder gar vier Adventskerzen ihr sanftes Licht verbreiten sollten, sieht das Ganze einfach nur noch schrecklich aus und man kann gar nicht mehr anders, als der Unordnung zu Leibe zu rücken, alleine schon, um die Brandgefahr zu verringern denn Kerzen und Chaos passen nicht nur optisch so gar nicht zusammen. 

Nun macht der Alltag natürlich auch bei Menschen, die keine Kinder haben, keinen weiten Bogen um die Vorweihnachtszeit. Auch wer keine Kinder hat, ringt oftmals verzweifelt um ein paar stille Momente. Aber sie müssen nicht zuerst all die Erdnussschalen, die sich nach dem Samichlausbesuch im ganzen Haus verteilen, vom Sofa klauben, bevor sie sich zu einem gemütlichen Tässchen Tee hinsetzen. Und darum ertrage ich auch die Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen so schlecht. Vor allem, wenn ich gerade auf einer Erdnussschale sitze. Oder Gips vom Fussboden aufwische.

 

Sündenregister

Alle paar Wochen muss mir Karlsson sein Sündenregister vorlegen und ich oder „Meiner“ haben die Pflicht, jeden einzelnen Eintrag zu unterschreiben. Am 15. 9. zum Beispiel hat der Junge vergessen, ein Blatt abzugeben, einige Wochen später hat er nicht daran gedacht, uns eine Prüfung zum Unterschreiben vorzulegen und am 28. 11. – man mag es kaum fassen – waren seine Hausaufgaben doch tatsächlich nicht bis zum letzten Punkt und Komma fertig gelöst. Ich meine mich daran zu erinnern, dem Lehrer damals ein Brieflein geschrieben zu haben mit einer Begründung für dieses Vergehen, aber vielleicht irre ich mich ja.

Schrecklich, was ich da über meinen Sohn erfahren muss, nicht wahr? Da wagt es mein Kind doch tatsächlich, so zu sein wie wir damals. Durchaus bestrebt, alles richtig zu machen, aber halt doch mit dem einen oder anderen kleinen Ausrutscher, weil man eben nicht immer an alles denken kann, wenn man Kind ist. Aber was schreibe ich da „wenn man Kind ist“? Man zeige mir den Erwachsenen, der nicht hin und wieder ein Formular einen oder zwei Tage zu spät abgibt oder der gar – oh Schreck – beim Wocheneinkauf nicht daran denkt, den Windelvorrat aufzustocken. 

Ja, ich weiss, Ordnung muss sein und ein Kind muss lernen, selbständig an seine Aufgaben zu denken. Und ich habe ja auch nicht grundsätzlich etwas dagegen einzuwenden, wenn auf Pünktlichkeit, Sorgfalt und Zuverlässigkeit Wert gelegt wird. Aber ist es wirklich nötig, einem pflichtbewussten Kind das Leben noch anstrengender zu machen, indem man ihm regelmässig ein Sündenregister vorlegt und ihm androht, dass es einen Eintrag im Zeugnis geben wird, wenn es sich noch mehrere solcher schwerer Vergehen erlaubt? Braucht es wirklich für jedes vergessene Blatt eine elterliche Unterschrift, so wie man zu unseren Zeiten für eingeschlagene Fensterscheiben und aufgestochene Velopneus einen gelben – oder wenn es ganz schlimm kam einen roten – Zettel zum Unterschreiben mit nach Hause bekam? Nicht, dass ich Erfahrungen gemacht hätte damit, meine Verfehlungen bewegten sich im gleichen Rahmen wie diejenigen von Karlsson, aber ich habe grosse Brüder und so sind mir die Strafmassnahmen von damals nicht ganz fremd.

Ja, es waren andere Zeiten damals, vielleicht etwas antiautoritärer als heute, was bestimmt nicht nur positive Auswirkungen auf meine Generation hatte. Und doch zweifle ich daran, dass es jetzt, wo das Pendel immer heftiger ins andere Extrem schwingt, viel besser herauskommt. 

 

 

Sind sie nicht süss, die Kleinen?

„Mama, das Prinzchen hat zwei meiner Adventspäckchen ausgepackt und die Schokolade aufgegessen!“

„Zoowärter, Prinzchen! Seid ihr wahnsinnig geworden? Ihr malt einfach mein Mathebuch voll und dann erst noch mit Filzstift!“

„Papa! Komm sofort her! Das Prinzchen und der Zoowärter haben alle Kleider aus meinem Schrank geräumt!“

„Nein, Zoowärter! Lass die arme Katze am Leben. Und überhaupt: Ich hatte sie zuerst. Immer nimmst du mir die Katze weg.“

„Mama, Papa, die Kleinen habe alle Nüsse aus dem Vorratsschrank geholt und auf dem Fussboden verteilt. Sagt ihnen, dass sie sie wieder einsammeln sollen.“

„Zoowärter, pass doch auf! Du hast schon wieder meinen Apfelsaft verschüttet.“

„Nein, Prinzchen! Nicht das ganze Papier ins WC stopfen, sonst muss der Papa wieder entsopfen und du weisst, wie wütend er dann wird…“

„PRINZCHEN!!! ZOOWÄRTER!!!“

Und das alles im Viertelstundentakt. So allmählich beginne ich zu verstehen, weshalb grosse Geschwister ihre kleinen Geschwister nicht immer von Herzen lieben. Aber bitte, sagt das nicht meinen grossen Geschwistern…

Was haben wir jetzt wieder falsch gemacht?

Die Idee war doch eigentlich brillant: Um das ewige Gezanke beim samstäglichen Putzen und Aufräumen zu umgehen, erklärten „Meiner“ und ich die zu putzende Etage zur kinderfreien Zone. „Nach dem Frühstück wollen wir euch zwei Stunden lang nicht mehr hier unten sehen“, verkündete ich. „Ihr habt absolutes Aufräumverbot, zumindest hier unten und eure Zimmer müssen einfach bis am Abend fertig sein, es ist mir egal, wann ihr euch an die Arbeit macht.“ Ist doch unglaublich nett und grosszügig, so ein Vorschlag, nicht wahr? Das Sahnehäubchen obendrauf war, dass ich Lieblingsessen kochte und Lieblingsessen heisst bei uns nicht Dosenravioli mit Ofenfrites, sondern Gemüsecurry mit frischem Naan, also ziemlich aufwändig. Damit hatten „Meiner“ und ich unser Möglichstes an Entgegenkommen gezeigt.

Und trotzdem gab es Zoff. Der Zoowärter wollte die kinderfreie Zone partout nicht verlassen, mochten wir noch so oft mit dem Staubsauger um ihn herumkurven. Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schlugen sich oben die Köpfe ein – man munkelt von einer Klobürste, die dabei zum Einsatz kam – und standen alle paar Minuten heulend in der Küche. Das Prinzchen wollte nach langer Zeit wieder einmal freiwillig baden, was natürlich nicht zu meinem Plan, die Badewanne gründlich zu putzen, passte. Und ausserdem befand er sich ebenfalls in der kinderfreien Zone, was der arme Kleine natürlich überhaupt nicht verstehen konnte. Einzig Karlsson hielt sich an unsere Abmachung und liess sich kaum einmal blicken. Doch leider stellte sich später heraus, dass er massgeblich an dem Gezanke zwischen Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten beteiligt gewesen war. Also war auch er mit Schuld daran, dass aus unserer Vorstellung vom fröhlichen Haushalten nichts wurde. Als dann auch noch das Lieblingsessen von einigen unserer lieben Kinderlein mit Verachtung gestraft wurde, da konnte ich nicht mehr anders als sehr tief zu seufzen und zu fragen: „Wie weit muss man euch denn noch entgegenkommen, damit so ein Samstag endlich einmal halbwegs erträglich wird?“

Natürlich bekam ich keine Antwort auf meine verzweifelte Frage, aber immerhin murmelten alle betreten ihr“ Tschuldigung, Mama“. Na, dann freue ich mich doch schon auf den kommenden Samstag. Mal sehen, mit welchem Versuch wir dann scheitern werden.

„Meiner“, wir müssen reden

Okay, vielleicht spricht es ja für unsere vertrauensvolle Beziehung, dass „Meiner“ keinen Moment lang daran denkt, mich zu informieren, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht im Leichtathletiktraining, sondern mit ihm unterwegs ist und deshalb später als erwartet zu Hause eintreffen wird. Vielleicht spricht es für meine Gelassenheit, dass mein Gehirn, das offenbar registriert hat, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat unter Papas Obhut ist, erst sehr spät Alarm schlägt. Dann dafür aber umso heftiger. Etwa so: „Kind noch nicht aufgetaucht, Papa geht nicht ans Telefon, Autoreifen komplett durchgewetzt, Straßen sind nass, sofort Polizei alarmieren!“

Gott sei Dank sind die Vermissten kurz darauf wieder aufgetaucht, sonst hätte ich mich wohl einmal mehr vollkommen lächerlich gemacht. So aber war die Aufregung rasch wieder vergessen und ich konnte bald einmal sagen: „‚Meiner‘, wir müssen reden. Zum Beispiel darüber, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mit dir unterwegs ist und später nach Hause kommen wird. Und nicht immer nur darüber, welche Projekte wir verwirklichen wollen, wenn die Kinder mal gross sind und wo wir die Stärken in unserer Beziehung sehen. Es gibt da so eine Sache, die nennt sich Alltag und diese Sache läuft derzeit etwas aus dem Ruder.“

Nun ja, weiter als bis zum zweiten Satz kam ich nicht, denn dann fielen „Meinem“ die Augen zu. Über Alltagsbanalitäten lässt er nicht mit sich reden.Zumindest dann nicht, wenn sein Alltag so anstrengend ist, dass die Energie fehlt, um die Banalitäten zu regeln.

Advent, Advent, aber schnell!

Zum Glück haben mir der Zoowärter und das Prinzchen dieses Jahr so lange in den Ohren gelegen, dass sie sich einen fertig befüllten Playmobil-Adventskalender wollen. Und zum Glück habe ich diesem Wunsch nachgegeben, auch wenn ich es doch ach so romantisch finde, wenn Mama und Papa liebevoll für jedes Kind kleine, süsse Päcken vorbereiten, die das Warten auf Weihnachten verkürzen. Aber was rede ich da von „Mama und Papa“? „Meiner“, sonst ein sehr engagierter Vater und Hausmann, hält sich aus dem ganzen Geschenke-Theater raus, bis auf die eine oder andere Bemerkung, dass ich es mal wieder vollkommen übertreiben würde, dass man das Geld auch ebenso gut aus dem Fenster schmeissen könnte und dass die Kinder das Zeug ohnehin nur rumliegen liessen. Nun ja, das mit den „kleinen, süssen Päckchen“ haut bei mir auch nicht so richtig hin, bin ich doch mit zwei linken Händen gesegnet. Aber Adventskalender müssen einfach sein und  irgendwann zwischen Mitternacht und Morgengrauen war ich fertig – mit den Päckchen und den Nerven. 

Nun ja, so ganz taufrisch war ich nicht, als ich heute früh mit den Kindern das Adventsritual feierte. Noch weniger frisch war ich nachmittags, als zu den Strapazen der Nacht auch noch ein anstrengender Vormittag bei der Arbeit gekommen war. Und so mag man mir verzeihen, dass ich einmal mehr eindöste und nicht mitkriegte, wie der Zoowärter und das Prinzchen dafür sorgten, dass zumindest für sie etwas schneller Weihnachten wird. Sämtliche 48 Türchen sind offen, der Inhalt längst im ganzen Haus verstreut und ich beglückwünsche mich zu meinem äusserst weitsichtigen Entscheid, bei den beiden Jüngsten auf kleine, süsse Adventspäckchen zu verzichten und stattdessen diesen unpersönlichen, fertig befüllten Kram zu kaufen.

Nur ein Viertelstündchen

„Nur ein Viertelstündchen“, seufzte ich, als ich mich heute nach dem allmorgendlichen „Nun zieht euch doch endlich die Schuhe an und macht, dass ihr rechtzeitig zur Schule kommt“-Ritual aufs Sofa legte. Aus dem Viertelstündchen wurden zwei, dann drei und schliesslich, als die Kirchturmuhr elf schlug, musste ich mit Schrecken feststellen, dass ich den ganzen Vormittag verschlafen hatte, währenddem das Prinzchen friedlich an meiner Seite spielte. „Mist, so etwas darf doch einfach nicht vorkommen“, meldete sich sogleich mein Gewissen zu Wort. „Dein armer Herr Gemahl rackert sich in der Schule ab, deine Kinder brüten über Rechenaufgaben, im Küchentrog stapelt sich das Frühstücksgeschirr und was tust du? Du pennst, als hättest du nichts Besseres zu tun.“ Zerknirscht wollte ich vom Sofa aufspringen und mich sogleich in der Küche zu schaffen machen, da meldete sich eine andere Stimme zu Wort: „Hör mal, mein gutes altes Gewissen“, sagte die Stimme, „ich bin von der Gewerkschaft und ich muss dir leider sagen, dass das, was die gute Frau heute Morgen getan hat, schon längst überfällig war. Endlich macht sie sich daran, die Überstunden abzubauen, die sie in den vergangenen Jahren angehäuft hat.“ „Welche Überstunden denn?“, fragte ich verdutzt und mein Gewissen lachte höhnisch: „Überstunden? Wir sind doch hier nicht in einem Betrieb. Die Frau hat Kinder gewollt, sie hat sich dazu bereit erklärt, einen Haushalt zu führen, also ist das, was sie hier zu tun hat, nichts weiter als ihre heilige Pflicht, ihre Berufung sozusagen. Wo kämen wir denn hin, wenn all die Mütter nun auch noch anfangen würden mit dem Geschwätz von fairen Arbeitsbedingungen, dreizehntem Monatslohn und Kompensation von Überstunden?“ „Nun, ich würde sagen, wir kämen ein ganzes Stück weiter. Überleg dir doch mal, wie oft so eine Mutter anstelle der vorgesehenen acht Stunden am Tag geschlagene sechzehn Stunden im Einsatz ist, oft gänzlich ohne Pause und selbstverständlich ohne Lohn. Es ist also höchste Zeit, dass wir die Kompensation der Überstunden in Angriff nehmen, sonst streikt die gute Frau eines Tages und was machen wir dann?“ „Ha! Als ob sie nicht schon längst streiken würde!“, ereiferte sich mein Gewissen. „Eben erst war sie im Ländli, den Sonntagnachmittag hat sie auch schon verpennt und glaub mir, wenn sie nicht ins Schwimmbad gefahren wäre mit den Kindern, sie hätte auch gestern Nachmittag nichts Anständiges zustande gebracht. Wenn diese Frau sich nicht endlich wieder aufrafft, dann laufen hier die Dinge noch ganz aus dem Ruder.“ 

Ob diesem Gekeife wurde ich allmählich wieder wach genug, um die zwei zum Schweigen zu bringen. „Hört mal“, sagte ich, „ihr habt ja beide ein Stück weit Recht. Klar muss ich mich wieder etwas mehr am Riemen reissen, denn immerhin bin ich noch Teilzeit-Hausfrau und kann nicht einfach den ganzen Kram auf ‚Meinen‘ und die Putzfrau abwälzen. Aber ich wage zu behaupten, dass nach all den durchwachten Nächten ein paar zusätzliche Stunden Schlaf noch nicht als Todsünde gelten.“ Und zu mir selber sagte ich: „Zm Glück hast du viele Kinder. Bei Kind Nummer eins hättest du es noch nie und nimmer fertiggebracht, einfach so einen Vormittag zu verschlafen, egal wie kurz die Nacht zuvor war. Jetzt hingegen kannst du das nicht bloss, du musst es. Zumindest hin und wieder…“