Wir bleiben dran

Manchmal, wenn das Prinzchen noch ein Schlaflied hören will oder wenn der Zoowärter noch ein Buch erzählt bekommen möchte, findet „Meiner“, es sei doch jetzt genug, ich hätte genug gesungen, genug erzählt. Und ein Stück weit hat er ja Recht: In den vergangenen zehn Jahren habe ich tatsächlich sehr viel Zeit mit singen und erzählen verbracht. Anfangs war „Meiner“, der ohne Schlaflieder und Gutenachtgeschichten gross werden musste, ganz entzückt darüber, doch natürlich ist inzwischen der Zauber von „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ und „Michel aus Lönneberga“ ein wenig verflogen. Er hat sich das Zeug ja unzählige Male anhören müssen.

Was „Meiner“ aber nicht bedenkt und was auch ich mir immer wieder in Erinnerung rufen muss: Der Zoowärter und das Prinzchen haben zusammen wohl nicht die Hälfte der Geschichten gehört, die Karlsson alleine erzählt bekommen hat. Zwar habe ich mich in den vergangenen Jahren schon mehrmals beinahe heiser gesungen, aber wie oft waren die zwei Jüngsten die Zuhörer? Die drei Grossen und ich kennen die dicken Schinken im Bücherregal in- und auswendig, aber die beiden Kleinen haben noch nicht mal das erste Kapitel von „Winnie the Pooh“ gehört. Ja, sie haben noch nicht mal das Buch, das ihre eigene Mama geschrieben hat, erzählt bekommen.

Also singe und erzähle ich weiter und glaubt mir, die Sache wird nie langweilig. Denn auch wenn die Geschichten und Lieder noch immer die Gleichen sind, die Kinder, die zuhören sind es nicht. Und so erfahre ich immer wieder verblüffende Dinge, die ich nie zuvor beachtet hatte. Zum Beispiel weiss ich erst seit einigen Tagen, dass man die allabendliche Angst los wird, indem man Asterix und Obelix aus dem Heft nimmt. Ich habe ja stets geglaubt, die zwei seien nur gezeichnet, aber die kommen tatsächlich ins Kinderzimmer und vertreiben mit ihren übermenschlichen Kräften alles, was einen das Fürchten lehren will. Sagt der Zoowärter und der wird’s wohl wissen, denn eingehender als er hat noch keiner bei uns die gesammelten Abenteuer der beiden Gallier studiert, bevor er des Lesens mächtig war. 

 

Rückeroberung

Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, wie sich in unserem Alltag die Anzeichen mehren, dass ich dabei bin, mein überhöhtes Lebenstempo endlich zu drosseln. Ein gutes Gefühl, hasse ich es doch, wenn ich nur noch auf das, was sich mir in den Weg stellt, reagieren kann, anstatt zu bestimmen, was wann drankommt. Nun ja, mit fünf Kindern sind die Tage, die so ablaufen, wie ich sie in den frühen Morgenstunden plane, äusserst selten, aber zumindest möchte ich halbwegs das Gefühl haben, dass ich den Überblick behalten kann über das, was getan werden muss. Mir scheint, dass ich diesem Zustand wieder näher bin als auch schon. Und je näher ich diesem Zustand komme, umso mehr muss ich der beunruhigenden Tatsache ins Auge sehen, dass ich sehr weit davon entfernt war, mein Leben nur halbwegs im Griff zu haben.

Wie, ihr möchtet gerne Beispiele hören, weil mein Geschreibsel etwas abgehoben und theoretisch daherkommt? Nun gut, dann werden wir eben ganz praktisch: Im Badezimmer türmt sich ein Wäscheberg, der so langsam zu müffeln beginnt. „Meiner“, der mir in den Monaten, die ich im schwarzen Loch verbracht habe, tatkräftig unter die Arme gegriffen hat, ignoriert den Berg seit Tagen. Nicht, weil er findet, das sei jetzt wieder mein Job, sondern ganz einfach, weil er nun dran ist mit „mir wächst das alles über den Kopf“. Also muss ich ran. Mein erster Gedanke, als ich den Wäscheberg unter die Lupe nehme: „Das schaffe ich nicht!“ Ein Gedanke, der mir im schwarzen Loch zum Motto des Tages geworden war. Aber weil ich weiss, dass ich muss, mache ich mich dran, die Wäsche zu sortieren, etwas, was „Meiner“ übrigens nie tut, was mir ganz schrecklich auf die Nerven fällt. Doch wer nicht wäscht, soll nicht motzen, also habe ich es mir abgewöhnt, ihm deswegen in den Ohren zu liegen. Jetzt aber bin, wie bereits zweimal erwähnt, ich dran (Ihr seht, ich bin inzwischen soweit, dass ich Applaus erwarte für die banalste aller Hausarbeiten.) und so wird die Wäsche wieder nach Farben sortiert, der blaue Berg landet in der einen Waschmaschine, der rote in der anderen, der Grüne und der Graubraunschwarzhässlichemikrofaserlappenberg warten brav vor den Waschmaschinen, bis sie an die Reihe kommen. Wenige Stunden später ist der ganze Wäscheberg verschwunden, es duftet überall nach frisch gewaschener Wäsche, die Kinder helfen beim Aufhängen und ich habe gar die grandiose Idee, einen zusätzlichen Wäscheständer aus dem Keller zu holen, damit wir nicht immer alles über Stuhllehnen und Salontischchen zum Trocknen ausbreiten müssen.

So einfach war das und ich klopfe mir voller Stolz auf die Schulter, weil ich das einfach so nebenbei geschafft habe. Wenn ihr jetzt denkt, dass ich vollkommen übergeschnappt bin, weil ich euch mit derart alltäglichem Mist belästige, dem muss ich leider sagen, dass genau dies für mich nicht mehr alltäglich war. Genauso wenig wie die Küche nach dem Essen wieder in einen halbwegs anständigen Zustand zu bringen, die Grünabfälle zu entsorgen, bevor sie zu leben beginnen und sich von alleine aus dem Staub machen oder diesen lästigen Fleck Vanillepudding im Kühlschrank wegzuwischen. Das Verrückte daran ist, dass ich jedesmal, wenn ich mir wieder einen kleinen Flecken Haushalt zurückerobert habe – nicht, dass ich im Sinne hätte, hier jemals wieder die Alleinherrschaft an mich zu reissen – , das Gefühl habe, ich hätte unglaublich Grosses geleistet. Das, was zum Familienleben einfach so dazugehören würde, erschien mir über Monate so unüberwindbar, dass ich jetzt, wo ich wieder den Mut aufbringen kann, mich der Dinge anzunehmen, so etwas wie Stolz empfinde, wenn ich es geschafft habe, die Arbeit zu Ende zu bringen. Es ist nicht sosehr die erledigte Arbeit, die mich mit Stolz erfuellt, sondern die Tatsache, dass ich es geschafft habe, mir den Ruck zu geben, dass ich die Energie aufgebracht habe, etwas zu tun, was getan werden muss. Ich weiss, das klingt ziemlich durchgedreht, aber so ist das nun mal, wenn eine Hausfrau, die ohnehin nicht mit allzu vielen praktischen Talenten ausgestattet ist, sich aus dem schwarzen Loch zurück in den Alltag kämpfen muss.

Ach ja, und falls sich jemand darüber aufregt, dass ich von zwei Waschmaschinen schreibe, der kann sich beruhigen: Nur eine davon gehört uns, die andere gehört zur Grundausstattung des Hauses und wird nur dann in Betrieb genommen, wenn der Wäscheberg sich langsam aber sicher der Zimmerdecke nähert. 

 

Bremsweg

Es sind die ganz banalen Alltagsdinge, die dir bewusst machen, dass das Lebenstempo langsam wieder etwas erträglicher wird. Ein paar Beispiele gefällig? 

Nun, da wäre zum Beispiel die Mailbox, die nicht mehr so voll ist, weil du endlich mal wieder die Zeit gefunden hast, all die unerwünschten Werbemails zu stoppen. Oder die Tatsache, dass du den Lohn der Putzfrau endlich wieder pünktlich bezahlen kannst, weil du wieder die Zeit findest, dich fünf Minuten hinzusetzen, um den Betrag und die Sozialabzüge auszurechnen. Ach ja, dabei ist es übrigens auch ganz nützlich, zwei volle Druckerpatronen im Drucker zu haben, damit du die Lohnabrechnung ausdrucken kannst. Und siehe da: Es hat Tinte im Drucker. Zum ersten Mal seit etwa drei Monaten wieder. Auch so ein Anzeichen, dass es wieder besser wird, sind die Rechnungen. Wenn die Mahnungen seltener werden, weil du endlich wieder so viel Ordnung halten kannst, dass nicht ständig Einzahlungsscheine verloren gehen, dann weisst du, dass du den Alltag so langsam aber sicher wieder im Griff hast. Natürlich ist es auch beruhigend, dass du den Kühlschrank wieder füllen kannst, ohne auf das ganz praktische, aber sehr abfallintensive Online-Shopping zurückgreifen zu müssen. Schliesslich ist es auch ganz nett, dass du für WC-Papier, Küchenrollen, Paketschnur und Briefmarken einfach nur in den nächsten Schrank greifen kannst und nicht mehr nahezu panisch kurz vor Ladenschluss in die Migros hetzen musst und dabei Kinderwagen überfährst , bloss weil du mal wieder keine Zeit hattest, ans Naheliegendste zu denken. Und das untrüglichste aller Zeichen, dass das Leben wieder etwas beschaulicher wird: Der Terminkalender füllt sich wieder mit Terminen, auf die du dich freust – Gäste, Ausflüge, eine Freundin zum Kaffee, Sommerferien, freie Abende. 

Nun ja, es gibt da natürlich auch noch vereinzelte Anzeichen, die darauf schliessen lassen, dass das Tempo durchaus noch mehr gedrosselt werden sollte. Vergessene Arzttermine zum Beispiel, oder die Tatsache, dass wir schon wieder keine Abfallsäcke mehr im Haus haben, oder das Problem der Wäsche, die inzwischen zwar wieder regelmässig gewaschen wird, die aber den Weg in die Schränke noch immer nicht von selbst findet. Aber davon solltest du dich nicht allzu sehr verunsichern lassen. Der Bremsweg ist nun mal länger, je schneller man unterwegs war.

 

Schlaf-Fragen

Heute Nachmittag tauchte ich mal wieder trotz Mittagsschlaf laut gähnend auf dem Fussballplatz auf, wo ich Luise abholen musste, die sich dummerweise zu diesem Fussballturnier angemeldet hat, obschon sie gar nicht gern Fussball spielt. Eine Bekannte, die mein Gähnen bemerkte,  meinte, es würde wohl einige Monate dauern, bis ich mein über Jahre angehäuftes Schlafmanko wieder abgebaut hätte. Ich gähnte ein weiteres Mal, murmelte etwas von „wird wohl etwas länger als ein paar Monate dauern“, vergass die Sache wieder und ging mit Luise nach Hause, wo ich alsbald wieder einschlief. Und dann, als ich zwei Stunden später das Prinzchen zu Bett brachte, übermannte mich der Schlaf ein weiteres Mal. 

Jetzt, wo ich wieder halbwegs wach bin, treibt mich die Sache mit dem Schlaf, die ich nachmittags so dämmerig zur Seite geschoben habe, wieder um: Kommt zwischen der Kleinkinderzeit und der Zeit der durchwachten Nächte, weil die Teenager noch nicht zu Hause sind, eine Erholungsphase, oder muss ich davon ausgehen, dass es nahtlos so weiter geht mit zu wenig Schlaf? Lässt sich verpasster Schlaf überhaupt je nachholen, oder hatte meine Schulkameradin Recht, die vor Jahren jeweils verkündete, nachschlafen sei unmöglich? Wird in meinem Leben je wieder eine Zeit kommen, in der ich nicht müde bin, oder lässt man den seligen Zustand des Ausgeschlafenseins ein für alle Mal hinter sich, sobald man kein Baby mehr ist, das immer und überall schlafen kann, egal, wie laut und stürmisch es rundherum zugeht? Werde ich am Ende meines Lebens seufzend im Lehnstuhl sitzen und sagen „Hätte ich doch bloss mehr geschlafen“? 

Noch mehr als all die Fragen, treibt mich aber diese um: Darf man samstags um Viertel nach zehn zu Bett gehen, wenn man morgens bis neun in den Federn gelegen hat und sich auf den Tag verteilt drei Nickerchen gegönnt hat, oder ist man ein unersättlicher Gierhals, wenn man einem Tag mit so viel Schlaf so früh ein Ende setzt?

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Danke, ich liebe euch auch

So sehr ich meine Familie vergöttere, an Tagen wie heute könnte ich sie alle auf den Mond schiessen. Nicht für immer natürlich. Nein, nur gerade so lange, bis sie spüren, wie öde ihr Leben ohne mich wäre. Da komme ich heute Mittag gut gelaunt von der Arbeit nach Hause und wen treffe ich an? Einen jammernden Zoowärter, der eben erst voller Stolz sein Kindergartentäschchen ausgepackt hat und sich schon wieder lautstark darüber beklagt, er würde nie etwas geschenkt bekommen. Eine genervte Luise, die keine Lust hat, Tomaten-Orangen-Suppe zu essen und die eingeschnappt ist, dass ich nicht sogleich mit ihr zum Einkaufszentrum fahre, um einen Schlafsack für die Schulreise nächste Woche zu kaufen. Das Kind schiebt doch allen Ernstes mir die Schuld am Regen in die Schuhe. Dieser böse Regen, der „Meinen“ dazu zwingt, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, weshalb Luise nicht ins Einkaufszentrum kutschiert werden kann.

Mit einer mies gelaunten Luise und einem klagenden Zoowärter könnte man ja zur Not noch klarkommen. Dazu kommt aber noch ein lautstarkes Prinzen- Gezeter  – worum es ging, habe ich vergessen, ich weiss nur noch, dass auch diesmal ich die Schuldige war – ein kranker FeuerwehrRitterRömerPirat, der zwar allen Grund hatte zum Jammern, dessen Gejammer aber vom Gemotze der anderen übertönt wird, so dass er schreien und toben muss, bis ich ihn endlich höre. Irgendwie bringe ich es auch noch fertig, Karlsson wütend zu machen, „Meiner“, der momentan nicht gerade fit ist, sagt kaum ein Wort und die Laune des Au Pairs ist auch eher auf der düsteren Seite.

Da sitze ich also, einsam und gut gelaunt und frage mich, ob denn in dem ganten Haufen von Menschen nicht wenigstens einer ist, der mit mir lachen mag. So ähnlich wie an jenen Festen, an denen alle anderen betrunken sind, du selber aber stocknüchtern. Einfach umgekehrt natürlich. Dieses ganze mies gelaunte Gehabe meiner Familie treibt mich dazu, sie auf den Mond schicken zu wollen, was aber bekanntlich nicht geht. Also kommt nur noch die zweitbeste Lösung in Frage: Mitschmollen. Denn alleine gut gelaunt sein macht einfach keinen Spass.

Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.

Kinderwagen Nummer 8

Ganz ehrlich, das Kapitel Kinderwagen hatte ich abgeschlossen. Klar, ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie wir das im Sommer in Prag machen würden und wäre das Prinzchen am Sonntag mit uns geströmt, als wir auszogen, die Atomenergie zu vertreiben, ich hätte mir einen Wagen aus dem Familienzentrum ausleihen müssen. Aber noch einmal einen kaufen? Nein, das wäre nicht in Frage gekommen. Jetzt sind andere Dinge dran: Die Kaffeemaschine zum Beispiel, oder mal wieder ein Coiffeurbesuch, oder ein Velo für den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Man kann doch nicht immer alles Geld für neue Kinderwägen ausgeben. 

Dennoch wird morgen früh das Prinzchen mit Kinderwagen Nummer 8 in die Krippe fahren, anstatt auf meinen Schultern zu thronen. Meine Mutter hatte Erbarmen mit dem Prinzchen – oder vielleicht auch mit mir, weiss sie doch, wie schwer sich der Körper nach ein paar Schwangerschaften damit tut, kleine Kinder zu schleppen – und so kaufte sie heute kurz entschlossen Kinderwagen Nummer 8 für uns. Und das Schönste daran ist: Ich brauche nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben deswegen, denn zwei Franken sind wahrlich kein überrissener Preis für den Kinderwagen, der dereinst auch unseren Enkelkindern als Kutsche dienen wird.

Vorausgesetzt, ich überfahre das Ding nicht…

Das Prinzchen im Interview

Sag‘ mal, Prinzchen, wie findest du es eigentlich, dass deine Mama fast jeden Morgen zur Arbeit geht?

Das ist jeden Tag ein wenig anders. Am Donnerstag zum Beispiel, da finde ich das völlig okay, denn dann nimmt sie mich mit und liefert mich in der Krippe ab. 

Und an den anderen Tagen?

Na ja, das kommt darauf an, ob der Zoowärter schon wach ist, wenn ich aus dem Bett komme. Schläft er noch und die Mama geht weg, dann finde ich das ganz schrecklich. Ist er schon wach und so gut aufgelegt, dass er bereit ist, bei jedem Mist, den ich mir ausdenke, mitzumachen, bin ich ganz froh, wenn die Mama endlich geht und uns mit dem Au Pair alleine lässt. Au Pairs sind im Allgemeinen weniger streng als Mamas und deshalb kann man ihnen viel besser auf der Nase herumtanzen.

Vorhin hast du erwähnt, dass du es an manchen Tagen ganz schrecklich findest, dass die Mama geht. Was tust du denn, um sie zurückzuhalten?

Zuerst einmal stelle ich mich ihr in den Weg und jammere, dass ich auch mitgehen will. Geht sie darauf nicht ein, klammere ich mich an ihrem Bein fest. Gelingt es ihr, mich sanft von ihrem Bein zu lösen – abschütteln würde sie mich nie – renne ich ihr hinterher und heule was das Zeug hält. Meist kommt sie dann noch einmal zurück und umarmt mich, doch dann geht sie trotzdem ohne mich. Meist allerdings erst, nachdem das Au Pair ihr gesagt hat, sie solle gehen, ich würde mich dann schon wieder beruhigen. Ich glaube, wenn das Au Pair nicht wäre, hätte die Mama aus lauter Mitleid mit mir ihren Job schon längst wieder geschmissen.

Was tust du denn in der Zeit, in der die Mama nicht zu Hause ist?

Nun, das ist ganz unterschiedlich. Meistens versuche ich, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich teste, wie leicht sich die Tasten aus dem Klavier reissen lassen, probiere aus, wie sich blaue Kreide auf braunem Holzboden macht oder schmeisse Blumentöpfe vom Balkon, um herauszufinden, was mit ihnen geschieht, wenn sie landen.

Ich bin mir sicher, dass deine Mama unglaublich stolz auf ihren kleinen Jungen ist, der schon so viel mit seiner Zeit anzufangen weiss.

Tja, meine Mama sieht das leider etwas anders als du. Gewöhnlich ist sie nicht gerade erfreut über meine Leistungen. Noch schlimmer ist übrigens der Papa. Der liegt mir drei Wochen nach dem Vorfall mit dem Klavier noch immer mit seinem Gejammer in den Ohren, er sei sehr traurig, dass das Instrument nicht mehr alle Tasten hat. Also ich merke ja keinen Unterschied beim Klavierspielen, für mich lässt sich genau gleich herrlich in die Tasten hauen wie vorher. 

Zurück zu deiner Mama: Ich habe gehört, du hättest dir einen neuen Trick einfallen lassen, um ihr schlechtes Gewissen, dass sie morgens jeweils zur Arbeit geht, noch etwas zu verstärken…

Davon hast du schon gehört? Die Gerüchte verbreiten sich aber schnell hierzulande. Nun, mein Trick ist eigentlich ganz simpel: Ich lege mich abends wie gewohnt schlafen und beginne irgendwann leise zu wimmern. Irgendwann steigere ich das Wimmern zu einem lauten Weinen und dann, wenn Mama und Papa angerannt kommen, heule ich unablässig „Ich will auch mit!“. Um dem Ganzen etwas mehr Dramatik zu verleihen, mache ich das alles im Halbschlaf, so dass Mama und Papa spüren, dass mein Schmerz aus tiefster Seele kommt. 

Und, wie wirkt das auf deine Mama?

Sensationell! Als ich wieder in den Schlaf zurückdriften wollte, hörte ich, wie die Mama zum Papa gesagt hat, ich würde wohl sehr leiden darunter, dass sie viermal die Woche morgens zur Arbeit geht. Was sie zwar gehört hat, aber ihrem Gewissen nicht weitergeleitet hat: Dass ich im Halbschlaf noch gemurmelt habe, ich möchte mit dem Papa mitgehen. Grundsätzlich habe  ich nämlich gar kein Problem damit, dass sie zur Arbeit geht. Hin und wieder heule ich zwar, aber ich weiss ja auch, dass sie jeweils bald wieder zurückkommt und mich dann noch mehr hätschelt als gewöhnlich. Aber ich glaube, sie hat ein Problem damit, mich zurückzulassen und darum reichen ein paar Tränen von mir aus, um sie wieder in tiefste Zweifel zu stürzen, ob sie mir das zumuten kann. 

Mitgeströmt

Zwei Gründe haben mich heute, an diesem drückend heissen Sonntag, dazu bewogen, mich mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten auf die Socken zu machen, um zusammen mit 19996 anderen am Menschenstrom gegen Atom mitzuströmen. Erstens gehört das für mich einfach dazu, war ich doch schon gegen AKWs bevor ich überhaupt wusste, was das ist. Klar, zuerst einmal habe ich einfach die Meinung meiner Eltern nachgeplappert, aber je älter ich wurde, umso klarer wurde mir, dass jedes Kind zum Schluss kommen muss, dass dieses Atom-Spielzeug viel zu gefährlich ist und dass nur Erwachsene so naiv sein können, sich einzureden, dass am Ende schon alles gut kommen wird, auch wenn man momentan noch nicht weiss, wohin mit all dem Mist. Klar also, dass ich dabei bin, wenn sich nach 25 Jahren endlich wieder Tausende dazu aufmachen, ihre Meinung kundzutun. 

Der zweite Grund, weshalb wir heute dabei waren: Politik gehört für mich auch zur Erziehung und so ein bunter, fröhlicher Demonstrationszug mit Musik und Fahnen ist doch perfekt, um den Kindern zu zeigen, dass Politisches nicht einfach trocken und langweilig sein muss. Nun, wie ich rückblickend einsehen muss, ist meine Rechnung nur halbwegs aufgegangen. Ich glaube, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten ist es mir gelungen, ein Feuer zu entfachen, obschon ich den Eindruck habe, dass seine Begeisterung mehr dem Fahnenschwingen denn dem Atomausstieg gilt. Die Fahne war es auch, die beinahe dafür gesorgt hätte, dass es an der gewaltfreien Demo doch noch zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre. Denn nachdem er ihrer habhaft geworden war, wollte unser Dritter sie nicht mehr aus der Hand geben, auch wenn ich klipp und klar gesagt hatte, dass die Kinder sich abwechseln müssten. Zum Glück zeigten sich Luise und Karlsson ziemlich pazifistisch, so dass die Polizisten, die diskret am Strassenrand stationiert waren, nicht in den Konflikt eingreifen mussten. 

Während der FeuerwehrRitterRömerPirat aus lauter Begeisterung abends mit der Fahne schlafen ging, scheint der Grossanlass bei Luise genau die gegenteiligen Gefühle ausgelöst zu haben. Zuerst war es ihr zu heiss, dann zu langweilig, dann schmerzten die Füsse und schliesslich geriet sie beim Einsteigen in den Sonderzug in die Nähe von drängelnden Senioren, was verständlicherweise eine ziemlich beängstigende Erfahrung war. Nun gut, ihr grosser Wunsch heute Abend war, dass die AKWs bald abgeschaltet werden. Vielleicht, weil sie hofft, dass sie dann nicht mehr zu solchen Veranstaltungen mitgeschleppt wird.

Ein wenig ratlos bin ich bei Karlsson. Er, der schon seit frühester Kindheit gegen den Kühlturm wettert, auf den wir von unserem Küchenfenster beste Aussicht geniessen, zeigte sich erstaunlich teilnahmslos, ja, vielleicht sogar leicht rebellisch. Kaum waren wir auf dem Gelände angelangt, zückte er das iPad, um sich den „Karneval der Tiere“ anzuhören. Gerade so, als wüsste er nicht, dass man zum Aufladen des iPads Strom benötigt. Und auf dem Rückweg motzte er, dass es doch eigentlich sinnlos sei, eine solche Veranstaltung durchzuführen, wo man doch jede Menge Atomstrom gebraucht habe, damit das alles reibungslos ablaufe. Ich fürchtete schon, unser Ältester wolle aus Rebellion gegen seine Eltern das politische Lager wechseln. Aufgeatmet habe ich erst wieder, als er auf dem Heimweg den Vorschlag machte, wir könnten doch noch einen kurzen Abstecher zum Nachbardorf machen, um der Demo gleich Taten folgen zu lassen: „Komm wir gehen und schalten das AKW in Gösgen ab“, schlug er vor und hätte ich gewusst, welchen Knopf man drücken muss, wir hätten es wohl getan…

Das wäre doch was für uns

Die Ratte hat die alte Diskussion wieder angefacht: Sollen wir uns doch vielleicht ein Haustier anschaffen, jetzt, wo die Familie nicht mehr weiter wachsen wird? Man kann die Frage ja nicht ewig vor sich herschieben, vor allem, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat heute schon droht, er werde sich dann eines Tages einfach ohne Erlaubnis eine Ratte anschaffen. Da muss man doch vorbeugend eingreifen, indem man das Bedürfnis nach einem Haustier stillt, bevor es ungesunde Züge annimmt. Und so zermarterte ich mir einige Tage lang das Gehirn, was wohl zu tun sei. Gestern dann, als ich zum zehnten Mal in diesem Frühjahr meine Zuckermelonen-Setzlinge, die Nachbars Katze jeweils über Nacht ausgräbt, wieder in die Erde pflanzte, dämmerte mir, was uns fehlt: Eine Katze, die sich voller Selbstbewusstsein unseren Garten zum Revier erklärt und alle anderen Katzen von meinen Setzlingen fern hält. Eine stubenreine Katze natürlich, eine, die sich zu fein ist, um ihr Geschäft im Garten zu verrichten, denn sonst wird das Leben für meine Setzlinge nicht sicherer. 

Das mit der Katze, so überlegte ich, hätte ja den zusätzlichen Vorteil, dass sich die Ratte bei uns nicht mehr so wohl fühlen würde. Habe ich doch neulich gelesen, dass schon der Geruch von gebrauchtem Katzensand genügt, um eine Ratte zu vertreiben. Und so fiel der Entschluss: Vendittis brauchen eine Katze. Natürlich konnte ich die Sache nicht lange für mich behalten und deswegen war schon bald einmal klar, dass Vendittis nicht nur eine Katze haben werden, sondern mindestens zwei. Denn die kleinen Vendittis können sich nicht entscheiden, ob es eine Katze oder ein Kater sein soll. Erstaunlicherweise schien nicht mal „Meiner“ der Sache abgeneigt zu sein, zumindest brachte er nicht allzu viele Einwände, und so brüteten Luise und ich schon bald einmal über der neuesten Ausgabe der „Tierwelt“, um herauszufinden, ob da vielleicht jemand bereit wäre, uns zwei Kätzchen abzugeben. 

Es ist ja wohl kaum verwunderlich, dass es da ein paar ganz interessante Inserate gab. Immerhin haben wir Mai und da wollen bekanntlich alle ihre überzähligen Kätzchen loswerden. Luise hätte schon fast zum Telefon gegriffen, um sich zwei Tierchen zu sichern, doch da meldete sich „Meiner“ dann doch noch zu Worte. Wir hätten viel zu viel Chaos im Haus, es würde sich ja doch keiner um die Tiere kümmern, Katzen zu halten sei ein teurer Spass, den wir uns nicht leisten könnten, die ganze altbekannte Spielverderber-Leier. 

Nun gut, dann müssen wir ihn eben noch ein wenig bearbeiten, ihm noch ein paar kitschige Kätzchenbilder unter die Nase halten, ihm ein paar Statistiken aufbereiten, die belegen, dass Katzenhalter eine weitaus höhere Lebenserwartung haben als Nicht-Katzenhalter. Und wo wir schon dabei sind, ihn zu bearbeiten, können wir ihm ja gleich noch in den Ohren liegen, dass wir jetzt endlich diese umweltunfreundliche Kapselkaffeemaschine – nein, nicht die von George Clooney, so tief sind wir dann doch nicht gesunken – loswerden müssen. Die ist mir nämlich auch schon lange ein Dorn im Auge, aber „Meiner“ findet, ein funktionierendes Gerät loszuwerden sei weder umwelt- noch budgetfreundlich.

Mal sehen, wie wir ihn rumkriegen können. Vielleicht finden wir ja jemanden, der uns gerne zwei überzählige Kätzchen andrehen will, aber nur, wenn wir ihm im Gegenzug einen anständigen Kaffee anbieten…