Ruhigere Zeiten?

Seit Anfang Jahr habe ich in ziemlich hohem Tempo gelebt. Zu hoch, wie ich mir bei der heutigen Bestandesaufnahme in professioneller Begleitung eingestehen musste. Mir scheint aber, dass ich so ganz allmählich meinen Fuss wieder vom Gaspedal nehmen kann. Zwar sehe ich noch nicht allzu viel Freizeitgewinn, dafür aber häufen sich die Anzeichen für ruhigere Zeiten im Verhalten meiner Familienmitglieder. Die untrüglichen Zeichen, dass Mama Venditti so langsam aber sicher wieder auf ein erträgliches Lebenstempo kommt sind:

– Der Zoowärter will keinen Moment mehr ohne Mama sein. Solange ich nicht abkömmlich war, hat er sich zurückgehalten, aber jetzt, wo er spürt, dass wieder mehr Freiraum da ist, bricht das ganze Elend aus ihm heraus. Bin ich bei ihm, klammert er sich an mich, bin ich beschäftigt, liegt er wimmernd auf dem Sofa und mir zerreisst es beinahe das Herz, weil mir erst jetzt dämmert, wie sehr das Kind unter dem ganzen Stress gelitten hat.

– „Meiner“ lässt hin und wieder verlauten, dass er ziemlich müde ist. Solange  meine Tage bis obenhin mit Arbeit angefüllt waren, blieb er stark, aber jetzt kommt ans Licht, dass auch er ziemlich schwer an meiner Überlast getragen hat. Nun, immerhin kann er sich heute mal einen Sauna-Abend gönnen. Um die geleistete Überzeit zu kompensieren, sozusagen.

– Luise verbietet mir, vom Tisch aufzustehen, um mir mein eigenes Essen zu schöpfen. „Bleib jetzt mal sitzen, Mama. Du siehst ja völlig geschafft aus“, ermahnt sie mich bei jeder Gelegenheit. Und ich denke, dass ich solche Sätze eigentlich erst im Altersheim zu hören bekommen sollte.

– Das Prinzchen ruft nachts wieder nach Mama und nicht nur nach Papa, wenn er einen Schoppen will. Beim ersten Mal fragte er mich zwar: „Chasch du Schoppe mache, Mami?“ was soviel heissen soll wie „Bist du überhaupt fähig, mir ein Fläschchen zu  machen?“, aber inzwischen traut er mir das wieder voll und ganz zu. Und so kommt es, dass „Meiner“ hin und wieder eine ganze Nacht lang ungestört durchschlafen kann.

– Karlsson traut sich wieder, sich vorpubertär aufzuführen. Nicht allzu heftig, aber immerhin so, dass ich mich hin und wieder an die Zeiten erinnert fühle, als der heutzutage so nette und angepasste Junge noch ziemlich klein und ziemlich störrisch war.

– Der FeuerwehrRitterRömerPirat lädt wieder Freunde ein. Nun gut, das hätte er auch gerne getan, als mir die Arbeit bis zum Halse stand, aber da konnte er nicht, weil ich immer schon eingeschlafen war, bevor er Zeit gehabt hatte, mich nach der Telefonnummer seiner Freunde zu fragen.

Es zeichnet sich also ganz deutlich ab, dass jetzt, wo es beruflich wieder etwas ruhiger werden sollte, zu Hause ein paar Herausforderungen auf mich zukommen. Ist ja auch gut so, denn sonst würde ich noch auf die Idee kommen, mich um mich selbst zu kümmern und dann würde ich feststellen dass ich a) ganz dringend mal zum Coiffeur gehen müsste, weil meine grauen Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass ich b) mal wieder schlafen sollte und dass ich c) mich hin und wieder ein wenig bewegen könnte. Und das alles kann nun wirklich noch eine Weile warten.

 

 

Demontiert

Zum letzten Mal habe ich heute zum Schraubenzieher gegriffen, um das Gitterbett, das nun ziemlich genau zehn Jahre lang ohne Unterbruch belegt war, zu demontieren. Klar, es war nicht das erste Mal, dass ich das Ding auseinander genommen habe, denn wir haben es ja hin und wieder vom einen ins andere Zimmer bringen müssen und da das Möbel ziemlich sperrig ist und durch keine Tür passt, mussten wir es eben jeweils zerlegen. Diesmal aber wird es nicht in einem anderen Zimmer wieder zusammengebaut, diesmal landet es in der Müllabfuhr. Einerseits bin ich ja ganz froh, das Ding endlich loszuwerden, denn es ist nicht nur sperrig, es ist auch hässlich. Und ziemlich kaputt obendrein. Also höchste Zeit, dem Prinzchen, der zuletzt darin geschlafen hatte, ein anständiges Bett zu bieten.

Andererseits aber wurde mir auch ziemlich schwer ums Herz, bedeutet doch dieser Abschied vom Gitterbett auch ein erster Schritt in Richtung Abschied von der Kleinkinderzeit, eine Zeit, die ich trotz aller Grenzerfahrungen sehr genossen habe. Während eine Schraube nach der anderen zu Boden fiel, das Bett immer wackliger dastand und schliesslich zusammenkrachte, kam diese unendliche, bittersüsse  Traurigkeit über mich. Bittersüss deshalb, weil diese Traurigkeit durchwoben ist mit unzähligen wunderbaren Erinnerungen an erste Schritte, hinreissend komische Versprecher, zahnloses Lächeln. Am Ende war das Bett kein Bett mehr, sondern nur noch ein Stapel alter, hässlicher Bretter. Und mir wurde klar, dass ich nicht nur ein altes Bett demontiert hatte, sondern auch meinen innigsten Wunsch, vielleicht eines Tages doch noch einmal ein kleines Menschlein in unserer Familie empfangen zu dürfen.

Als ob ich die Nerven dazu noch hätte…

Bad Mummy

Es ist die klassische Filmszene, wenn man ohne weit auszuholen darstellen will, dass Mama eine elende Egoistin, das Kind ein armer, vernachlässigter Tropf ist: Das Kind hat einen wichtigen Auftritt – zum Beispiel als Strohballen im Krippenspiel – und die Mama hat nichts Besseres zu tun, als schwarzbestrumpft und hochhackig in irgend einem Meeting zu sitzen. Vor lauter Angst, dass die Mama es auch diesmal nicht zum grossen Auftritt schaffen wird, ist das Kind den Tränen nahe, aber weil Mama in letzter Sekunde eine himmlische Stimme vernimmt, die ihr sagt, dass dies die einzige Gelegenheit ihres Lebens ist, ihr Kind als Strohballen verkleidet zu sehen, rennt sie aus dem Meeting, lässt Boss und böse Konkurrentin sitzen und schafft es gerade noch im letzten Augenblick, zu sehen, wie der Strohballen vom Esel – im Kostüm steckt das lästige Nachbarskind – verzehrt wird. Von dem Moment an ist Mama ein neuer Mensch und verspricht ihrem Kind, es nie mehr wegen eines Meetings warten zu lassen, sondern es in Zukunft zu jeder Sitzung mitzunehmen.

So ist das in Hollywood und ich selber musste leider schon sehr früh erkennen, dass die Geschichte in der Realität anders ausgeht. In meiner Realität war das so, dass meine Mama sich alle Mühe gab, rechtzeitig zum grossen Auftritt zu kommen, dass dann aber im letzen Moment ein Schaf durchbrannte oder die Konfitüre überkochte oder eine lästige Bekannte sich nicht abschütteln lassen wollte und dann war sie eben spät dran. Und dann geschah es eben, dass sie exakt in dem Moment, als ich das letzte Wort des auswendig gelernten Gedichts – „Dunkel war alles und Nacht, in der Erde tief die Zwiebel schlief, die Braune…“ – gesagt hatte, atemlos zur Tür hereinkam und nur noch das enttäuschte Gesicht ihrer Tochter sehen konnte. Fürchterlich, nicht wahr? Meine arme Mama muss sich schreckliche Vorwürfe gemacht haben.

Woher ich das weiss? Nun, inzwischen bin ich selber eine Mama und zwar eine, die nicht wegen entlaufener Schafe oder überkochender Konfitüre den Auftritt ihres Sohnes verpasst, sondern einfach nur deshalb, weil sie einen Termin zugesagt hat, ohne zu wissen, dass an genau diesem Abend Schülerkonzert sein würde. Gut, eigentlich wären die beiden Termine ja ganz glatt aneinander vorbeigegangen, denn das Konzert begann um sieben, der Termin war um acht. Aber wer schon mal bei einem Schülerkonzert gewesen ist, der weiss, dass allein der Applaus nach jeder Ansage – kann mir mal einer verraten, weshalb man nach einer Ansage applaudiert? – eine halbe Stunde füllt. Wenn also Mama eine knappe Stunde Zeit hat, Karlssons Auftritt aber auf Position 11 im Konzertprogramm steht, dann ist klar, dass es unmöglich ist, dass Mama dabei sein wird, wenn Karlsson spielt.

Menschen, die keine Kinder haben, mögen nun denken, es sei doch nicht so schlimm, einen Auftritt am Schülerkonzert zu verpassen. Sind ja nicht die Berliner Philharmoniker, die da auftreten. Nein, sind es nicht, aber es ist Karlsson, der mich gestern ganz aufgeregt daran erinnert hatte, heute sei dann „der grosse Abend“. Es ist Karlsson, der zum ersten Mal gemeinsam mit viel grösseren Schülern auftreten darf. Es ist Karlsson, der miterleben muss, dass seine Mama zwar noch den Auftritt des FeuerwehrRitterRömerPiraten mitbekommt, bei seinem aber schon längst wieder abgerauscht ist, weil sie dummerweise schon wieder beruflich eingespannt ist. Ich weiss, wie elend sich Karlsson fühlt. Genau so elend, wie ich mich damals gefühlt hatte, als meine Mama nicht dabei war, als ich das Gedicht von der Tulpenzwiebel aufsagte.

Was Karlsson jetzt noch nicht weiss, vielleicht aber später einmal wissen wird: Für die Mama oder den Papa ist so eine Situation genauso schlimm wie für das Kind. Denn Mamas und Papas wollen nichts lieber als dabei sein, wenn ihr Kind auf der Bühne steht. Weil sie wissen, wie wichtig so eine Sache für ihr Kind ist. Weil sie jeden Moment lang mit ihrem Kind mitfiebern wollen. Weil sie heulen könnten vor lauter Rührung, dass ihr kleines grosses Kind schon so viel kann. Und weil sie nach dem Auftritt aufrichtig sagen wollen: „Du warst der Beste!“ und nicht „Ich bin sicher, dass du der Beste warst, aber leider habe ich das nicht mehr mitgekriegt, weil ich schon wieder woanders war, als du endlich dran warst.“

Wie viel Anderssein liegt drin?

Bislang beschäftigte uns die Frage nur in der Theorie, doch je grösser unsere Kinder werden, umso praktischer müssen wir uns damit befassen, wie anders unsere Kinder sein dürfen, vielleicht auch sein müssen, ohne dass sie unter den Folgen allzu sehr leiden müssen. Da wäre zum Beispiel Karlsson, der in ziemlich allem gegen den Strom schwimmt, oder zumindest schwimmen wollte, wenn man ihn denn liesse. Gut, wir lassen ihn schon, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn ihm ein Plattenspieler lieber ist als ein iPod, dann schenken wir ihm eben einen Plattenspieler. Wenn er lieber Bach und Vivaldi hört als Lady Gaga und Jusitn Bieber, ist uns das auch recht, auch wenn wir ihn nie und nimmer davon abhalten würden, zu hören, was die anderen in seinem Alter hören wollen.

Wenn er aber sein „Barockhemd“ zur Schule tragen will, dann sagen wir nein. Nicht, weil wir ein Problem damit hätten, dass ihm der Stil aus vergangenen Zeiten besser gefällt – wir sind ja selber auch der Ansicht, dass Mode für Jungs zum Gähnen ist – sondern weil wir, im Gegensatz zu Karlsson, wissen, wie bösartig Schulkameraden sein können. Weil wir uns nur zu gut daran erinnern, wie schmerzhaft es war, am Rande zu stehen, bloss weil man noch nicht gelernt hatte, dass nicht alle reif genug sind, einen auch dann zu akzeptieren, wenn man sich selbst ist. Wir als Eltern haben diese unglaublich schwierige Aufgabe, ein Kind einerseits darin zu bestärken, zu sich selbst zu stehen und es andererseits davor zu schützen, in seiner ganzen Verletzlichkeit dem Spott anderer ausgesetzt zu sein. Wie schafft man die Gratwanderung, das Kind in all seinen Besonderheiten zu bejahen und es gleichzeitig davor zu warnen, dass zu sich selbst stehen zuweilen zu schmerzhaft sein kann, als dass sie eine Kinderseele es ertragen könnte.

Die gleiche Frage aber mit umgekehrten Vorzeichen treibt uns bei der Erziehung des FeuerwehrRitterRömerPiraten um. „Meiner“ und ich scheinen weit und breit die einzigen Eltern zu sein, die der Meinung sind, dass Star Wars und Nintendo DS nichts für Sechsjährige sind. Und so kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nach jedem Besuch bei seinen Kindergartenfreunden mit glänzenden Augen von all den tollen Sachen erzählt, mit denen er hat spielen dürfen. Wie gehen wir damit um? Lehnen wir alle Wünsche kategorisch ab und riskieren damit, dass unser Sohn sein Glück auswärts sucht? Geben wir ein kleines bisschen nach und lassen ihm einen Teil der Freude, in der Hoffnung, dass er von selber erkennt, dass das alles gar nicht so  toll ist? Versuchen wir, ihn für andere Dinge zu begeistern? Lassen wir all unsere Überzeugungen fahren, nur damit wir unseren Frieden haben? Gar nicht so einfach, hier die Balance zu finden zwischen dem Abwürgen jedes Kinderwunsches und dem Verrat an sämtlichen elterlichen Überzeugungen.

Ich vermute, „Meiner“ und ich stehen erst am Anfang eines langen Weges und offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor der Wegstrecke, die vor uns liegt. Wie wir sie überstehen werden? Ich weiss es nicht. Ich ahne aber bereits, dass weder die Kinder noch wir Eltern uns mit einfachen Argumenten wie „Wir sind nicht die anderen“ oder „Aber die anderen dürfen auch…“ zufrieden geben werden.

Happy Birthday, Luise

Meine liebste Luise

Der Tag, an dem du geboren wurdest, war ein Tag ganz ähnlich wie heute: Wunderbares Frühlingswetter, der Himmel so blau wie deine Augen, die Gärten übersät mit blühenden Narzissen. Ein wunderbarer Tag, genau richtig, um einen wunderbaren Menschen wie dich in Empfang zu nehmen. Ich weiss nicht, ob du je erahnen wirst, wie viel es mir bedeutet, dass du uns an jenem Tag geschenkt wurdest. An einem Tag übrigens, an dem die Welt –  ganz ähnlich wie heute – in Aufruhr war.  Mir selber fällt es schwer, in Worte zu fassen, was es mir damals bedeutete und was es heute für mich heisst, denn ich fühle es mehr, als dass ich es verstehe. Ganz banal lässt es sich so ausdrücken: Du und deine vier Brüder, ihr seid das Allerbeste, was der Himmel uns je geschenkt hat. Anders kann ich es nicht sagen, denn die Liebe, die in diesen Worten steckt, kann ich nicht umschreiben, ich kann höchstens auf meine fehlerhafte Art versuchen, sie euch alle immer und immer wieder erleben zu lassen.

Die Welt verändern mit Mama Venditti

Es war schon in der Finanzkrise so und jetzt, wo wir uns endlich ernsthaft überlegen müssen, ob es auch ohne Atomstrom geht, geht das Gejammer wieder los: Wir können doch nicht einfach so unsere Ansprüche runterschrauben. Wir haben uns an einen bestimmten Standard gewöhnt und unsere Lebensqualität würde sich massiv verschlechtern, wenn wir plötzlich mit weniger Strom, weniger Rohstoffen, weniger CO2-Verbrauch, etc. auskommen müssten.

Nun, ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber in meinen Augen gibt es ganz viele Dinge, ohne die wir auskommen könnten, ohne dass unsere Lebensqualität unter dem Verlust leiden würde. Im Gegenteil, sie würde sich sogar erheblich verbessern. Hier sind einige Dinge – zugegebenermassen  vor allem kleine Dinge, aber irgendwo muss man anfangen – die mir so ganz spontan einfallen:

Kinder-Überraschungseier: Habt ihr schon je ein Kind gesehen, das dank dieser unsäglichen Kleinstspielzeuge ein glücklicheres Leben hatte? Ich nicht. Im Gegenteil. Meine Kinder sind danach meist bedeutend unglücklicher als zuvor. Entweder, weil der Bruder das viel bessere Spielzeug drin hatte oder aber, weil das Ding innert Minuten kaputt war. Warum nicht Rohstoffe, Energie und zugleich elterliche Nerven sparen und das Zeug abschaffen?

Das Spielzeug zum Happy Meal: Der gleiche Grund wie oben, nur dass man hier noch weiter gehen könnte und nicht nur das Spielzeug, sondern den ganzen Laden rund ums Spielzeug abschaffen könnte. Glaubt mir, die Kinder früherer Generationen waren nicht unglücklicher, bloss weil sie nicht nach Lust und Laune Müll in sich reinstopfen konnten. Wozu man einen Betrieb aufrecht erhalten muss, der rund um den Globus rund um die Uhr gesunde Nahrungsmittel in ungesunden Mist verwandelt, der all den Mist in unnötige Verpackungen steckt und dann auch noch Tag und Nacht die Leuchtreklame eingeschaltet haben muss, damit er nicht in Vergessenheit gerät, leuchtet zumindest mir nicht ein.

Musikberieselung allüberall: Kann mir mal einer erklären, weshalb in einem vollbesetzten Café, in dem sich unzählige Menschen angeregt unterhalten, auch noch Musik laufen muss? Wozu es gut sein soll, dass mir beim Bummel durch eine beliebige Altstadt dieses Landes aus jedem Laden andere Musik entgegen dröhnt? Wie es mein Leben bereichern soll, dass im Parkhaus Musik läuft und zwar auch sonntags? Weshalb ich selbst dann, wenn ich mit meinem Kind auf der Notfallstation auf den Bescheid des Arztes warte, ungefragt mit seichter Radiomusik beschallt werden muss? Konservenmusik wohin man geht und keiner fragt sich, wie das Leben klänge, wenn man auf diese Lärmverschmutzung, die ganz nebenbei auch noch ziemlich viel Strom fressen dürfte, verzichten würde.

Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit: Die Strassenlampen brennen auch tagsüber? Ist doch nicht weiter schlimm, wir haben ja ein Kraftwerk gleich um die Ecke, das uns den Strom dazu liefert. Nächtliche Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten? Aber klar doch. Wie soll sonst die Menschheit je erfahren, dass hier ein imposantes Schloss, dort eine schöne Stadtkirche steht? Lichtshows am Nachthimmel? Aber natürlich. Die Menschen haben doch einen hohen Eintrittspreis bezahlt, also muss der Partyveranstalter auch etwas Spektakuläres bieten. Dass die Vögel dabei fast durchdrehen und die Nachbarn einen Vogel kriegen, kümmert doch keinen.

Erdbeeren aus Spanien: Seien wir doch ehrlich, die Dinger schmecken scheusslich. Es sei denn, man befinde sich gerade zufällig in Spanien und habe die Zeit, darauf zu warten, bis sie reif sind. Ach, und wo wir schon bei den Erdbeeren sind: Hat mir jemand einen Tipp, wie ich Luise davon überzeugen soll, dass es am Montag keine Geburtstagstorte mit Erdbeeren geben soll? Das Argument „Erdbeeren, die so lange gereist sind, sind unglücklich und schmecken deshalb nach gar nichts“, hat sie noch nicht vollends überzeugt.

Strombetriebene Mini-Ferraris für Kleinkinder: In so einem Gefährt sieht auch das intelligenteste, aufgeweckteste und glücklichste Kind nur noch gelangweilt, dumm und verzogen aus. Da verschwendet man wertvolle Ressourcen, nur um ein Kind derart zu degradieren. Weg damit!

Arbeiten bis Mitternacht und darüber hinaus: Früher war spätestens nach dem Abbrennen der letzten Kerze Schluss und die Arbeit musste bis zum nächsten Tag warten. Heute ist dank Glühbirne, Computer und Drucker erst Schluss, wenn die Arbeit beendet ist. Ich kenne mindestens einen Menschen auf diesem Planeten, der ein glücklicheres Leben führen würde, wenn sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, die Arbeitszeit nicht beliebig ausdehnen liesse.

Mike Shiva & Co: Kann mir mal einer erklären, inwiefern sich unsere Lebensqualität verbessert, wenn das Fernsehen rund um die Uhr jedem Deppen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, auch noch einen Sendeplatz anbietet? Und wenn kein Sendeplatz mehr frei ist, der Deppen aber noch immer genug da sind, gründet man eben einen neuen Sender, auf dass wir nie in Gefahr geraten, uns einmal ein paar Momente lang mit Nachdenken abgeben zu müssen. Würde man das Fernsehprogramm auf die wirklich sinnvollen, informativen und unverzichtbaren Sendungen begrenzen, wir könnten wohl morgen aus der Atomenergie aussteigen.

Beautifulvenditti: Ja, dieser Blog bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darüber, dass er für eine Handvoll Menschen zur täglichen Unterhaltung beiträgt. Aber glaubt mir, ich bin mir mehr als bewusst, dass die Menschheit sich auch ohne meinen Beitrag früher oder später zugrunde richten wird auch ohne meinen stromfressenden Beitrag auskommen könnte.

 

 

Wechselbad

Die ersten warmen Sonnenstrahlen beim Picknick im Garten, ein allerliebster Zoowärter schenkt mir rosarote Blüten, der FeuerwehrRitterRömerPirat macht ein romantisches Arrangement für die Bienen, erste Blüten am Aprikosenbaum, Karlsson spielt Bach auf der Geige und kümmert sich einen Dreck darum,  dass einige, die am Haus vorbeigehen, es sonderbar finden, dass ein Junge im Garten musiziert, der erste Schmetterling des Jahres und ein staunendes Prinzchen, der das zarte Wesen bewundert, Luise voller Vorfreude auf ihren Geburtstag, die Nachbarn, die man seit Monaten nicht mehr gesehen hat, grüssen freundlich, fröhliches Geplauder mit den Kindern, hin und wieder eine Ermahnung, doch bitte die noch ganz jungen Bäumchen nicht zu entwurzeln, die Velos werden aus der Garage geholt, Vogelgezwitscher überall.

Für einige Stunden gelingt es der Seele, das schwarze Loch zu verlassen, die Kinder zu geniessen, sich an der Natur zu freuen. Doch dann, beim Betrachten der zarten Aprikosenblüten ein Gedanke: Atomkatastrophe. Und schon droht die Seele wieder abzurutschen ins Bodenlose, dorthin, wo keine Hoffnung ist. Das Bild des im Kinderwagen friedlich dösenden Prinzchens tröstet. Und mahnt zugleich, dass die Welt, in die das friedliche kleine Menschlein geboren worden ist, zwar noch immer berauschend schön, aber sehr gefährdet ist.

Arrangiert

Da waren wir neulich wieder  mal in jenem unsäglichen Parkhaus, in dem es weder Lift  noch Rampe gibt. Einfach nur enge, steile Treppen. Diesmal waren wir ohne Kinderwagen unterwegs und vielleicht  erinnerte ich mich gerade deswegen besonders lebhaft an die unzähligen Male, die ich mich – meist hochschwanger- diese Treppe hochgekämpft hatte, krampfhaft darum bemüht, den Kinderwagen nicht fallen zu  lassen, schwitzend und schimpfend über das Land, das für alles Geld hat, nur nicht für kinderwagen- und rolsstuhlgängiges Bauen.

Wie  wir so völlig problemlos die Treppe hochgingen, erinnerte ich mich an das böse Erwachen, das ich hatte, als ich  Mutter wurde. Wenn man Eltern wird, macht man sich ja auf alle möglichen Unannehmlichkeiten gefasst, bloss nicht auf die Stolpersteine des Alltags: Die steilen Stufen und die zu engen Durchgänge im Zug, Fussgängerampeln, die so schnell wieder auf rot wechseln, dass ein Kleinkind keine Chance hat, die  Strasse während einer einzigen Grünphase zu überqueren, Warenhäuser, deren Türen so schwer sind, dass Mama oder Papa es kaum schaffen, mit Kinderwagen und Kleinkind lebend in den Laden zu gelangen.

Als neugeborene Mutter ärgerte ich mich masslos über all die kleinen und grossen Hindernisse, die man kleinen Menschen und ihren Eltern so achtlos in den Weg stellt. Und weil ich als neugeborene Mutter gleichzeitig zur arbeitslosen Journalistin wurde, schwor ich mir, so lange auf die kleinen und grossen Missstände aufmerksam zu machen, bis sich etwas ändern würde in unserem ach so kinderfreundlichen Land. Ich würde Beschwerdenbriefe schreiben, Leserbriefe, ich würde mit meiner ganzen Kinderschar antraben, wenn ich etwas zu bemängeln hatte, ich würde wenn nötig auch Unterschriften sammeln. Ich hatte ja jetzt die Zeit dazu und ausserdem keinen Arbeitgeber mehr, der mir vorschreiben konnte, was ich schreiben durfte und was nicht.

Sah ich mich damals noch als Kämpferin, muss ich heute gestehen, dass nicht viel von meinem Eifer übrig geblieben ist. Gut, ich schrieb die eine oder andere Kolumne zum Thema, habe auch hin und wieder mal in meinem Blog auf das eine oder andere Problem hingewiesen. Aber wie ich so diese unsägliche Treppe im Parkhaus erklomm und an meinen Eifer von damals dachte, dämmerte mir, dass ich im Laufe der Jahre getan habe, was ich nie hätte tun wollen: Ich habe mich arrangiert mit der Situation. Zähneknirschend zwar und hin und wieder auch laut schimpfend, aber im Grossen und Ganzen habe ich mich mit all dem Mist abgefunden.

Für meine Nerven ist das vielleicht ganz gut so und für die Nerven meiner Mitmenschen auch. Aber wenn wir Eltern uns immer mit allem abfinden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn noch unsere Kinder sich  damit abmühen werden, schimpfend und schwitzend den Kinderwagen steile, enge Treppen hochzuschleppen.

Hingebungsvoll

Ja, mein Prinzchen, deine Grossmama ist wirklich eine wunderbare Frau. Geduldig, herzensgut, grosszügig, liebevoll und obendrein eine (Gross)mama, die in jedem Kind das Besondere sieht. Ich kann also wirklich gut verstehen, dass du gerne zu ihr gehst. Am liebsten dann, wenn ich dir sage, du solltest hier bleiben.

Mein Prinzchen, ich kann auch sehr gut verstehen, dass es  nicht ganz einfach ist, die Grossmama mit zwanzig anderen Enkelkindern zu teilen. Ich kenne das Gefühl. Ich selber musste sie ja auch mit  sechs anderen teilen. Damals, als sie erst Mama war. Glaub mir, ich weiss, wie du dich fühlst.

Dennoch muss  ich dir sagen, dass du es inzwischen leicht übertreibst mit deiner Grossmutterverehrung. Vor ihrer verschlossenen Türe auf dem kalten Fussboden zu schlafen, damit du auch ganz bestimmt der Erste bist, wenn sie nach Hause kommt, ist nun wirklich nicht nötig.

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.