Ganz nach meinem Geschmack?

Gestern war ein Tag ganz nach meinem Geschmack und das meine ich für einmal nicht ironisch, auch wenn ich zwischendurch aus meiner Haut hätte fahren können. Der Tag fing damit an, dass ich Schokoladenmuffins mit Schlagrahm, Schokostreuseln und kandierten Kirschen dekorierte, gleichzeitig das Frühstück servierte, die Kinder in die Kleider steckte und mir selber einen Latte Macchiato genehmigte. Wie? Es soll nicht möglich sein, so viel auf einmal zu tun? Aber klar ist das möglich, man muss nur laut genug herumbrüllen, wenn die Schlagsahne auf dem Prinzchen landet anstatt auf dem Muffin. So abwechslungsreich wie die erste Stunde des Tages ging es dann weiter: Besprechung, Geschichten erzählen, ein Anruf beim Lebensmittelinspektorat, wo ich äusserst zuvorkommend behandelt wurde, ein Anruf bei der Motorfahrzeugkontrolle, wo ich äusserst herablassend behandelt wurde, Prinzchen und Zoowärter knuddeln, Essen kochen, Luise bei den Hausaufgaben helfen, E-Mails beantworten, Slackline in den Garten schleppen und so tun, als ob ich sie aufbauen würde, ausrasten, weil die Slackline nicht einrasten will und zwischendurch drei wichtige Anrufe entgegennehmen, mit Karlsson quasseln, Dokumente bearbeiten, Windeln wechseln, wieder Essen kochen, noch einen wichtigen Anruf entgegennehmen, eine Besprechung mit „Meinem“, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Lied von den Grenadieren singen, dann noch kurz ein wenig arbeiten und dann Feierabend.

So sieht für mich der perfekte Alltag aus, so liebe ich das Leben: Mal ausgelassenes, leidenschaftliches Leben teilen mit der Familie, dann wieder hochkonzentriertes Arbeiten an wichtigen Projekten, dazwischen ein ganz kleines bisschen Hausarbeit – so wenig wie möglich – und dann wieder Momente des Nachdenkens und Planens. So war mein Leben vor dem grossen Zusammenbruch und so konnte es über lange Zeit nicht mehr sein, weil ich nicht die Kraft dazu hatte. Doch so langsam fühle ich mich wieder fähig, solch turbulente Tage zu leben, ohne dabei auf dem Zahnfleisch zu gehen. Am Abend eines solchen Tages schwirren die Gedanken durch meinen Kopf, ich versuche, die einzelnen Bereiche zu ordnen, noch einmal durchzudenken und abzuschliessen.

Doch genau das mit dem Abschliessen wollte mir gestern Abend nicht gelingen. Immer wieder griff ich ein Thema auf, immer wieder wollte ich zur Ruhe kommen und juckte doch gleich wieder auf, um mir noch eine Notiz auf eines der zahlreichen Post-its die wieder in der Wohnung herumliegen, zu machen. Das Karussell meiner Gedanken drehte sich immer schneller und allmählich wurde mir schwindlig, zumindest in Gedanken. Da war es wieder, das Schwindelgefühl, das mich überfällt, wenn ich mir zu viel auflade, wenn ich so viele Fäden in der Hand halte, dass sie sich ineinander zu verwirren beginnen. Und mir wurde bewusst, dass diese Art von Alltag, so schön er auch ist, nicht wieder zum All-tag werden darf. Es sei denn, ich möchte irgendwann erneut zusammenbrechen.

Das tut weh

In der Schweiz hat mal wieder eine halbwegs prominente Frau ihren gut bezahlten Job geschmissen, weil ihr die Doppelbelastung von Familie und Beruf zu viel wurde und schon sind die Zeitungen voll von Berichten und Kommentaren zum Thema „Mutter & Burnout“. Ist doch gut, dass darüber geredet wird, sollte man denken. Aber was man dann liest, lässt einem die Galle hochkommen: „Jeder will Erfolg. Das aufpolierte Ego ist gefrässig und verlangt nach mehr. … Ändern Sie Ihr Leben. Vielleicht liegt der schnittige BMW nicht mehr drin oder die jährlichen Malediven-Ferien. …. Alle wollen alles haben…. Wer Burnout hat, ist ausgebrannt. Er bezahlt den Preis für das eigene Gehetz….“ Diese verbalen Ohrfeigen teilt nicht etwa ein konservativer Mann aus, nein, eine Journalistin fühlt sich dazu berufen, ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem veränderten Leben aufzurufen.

Ich weiss, ich müsste über diesem Geschreibsel stehen, doch wenn ich solches lese, dann kommt der ganze Schmerz wieder hoch. Dann sehe ich mich wieder vor mir, wie ich stundenlang heulend aus dem Fenster starrte und in mir keinen Funken Kraft zum Weitergehen mehr fand. Nicht etwa, weil ich mir meinen BMW nicht mehr leisten konnte – welche Mama will denn schon einen BMW? – nein, weil ich mich vor lauter Schlafmangel und Schmerzen kaum mehr auf den Füssen halten konnte und von der Ärztin bloss zu hören bekam, ich sollte mich doch hin und wieder ein wenig hinlegen. Ich erinnere mich an die einsamen Waldspaziergänge, bei denen ich meine Not zum Himmel schrie. Nicht die Not, dass ich nicht auf die Malediven jetten konnte, sondern die Not, dass ich am Ende meiner Kräfte war und keine Hilfe bekommen konnte, weil ich „nicht berufstätig“ war und unser Budget eine bezahlte Hilfe nicht zuliess. Beim Lesen sehe ich auch die verzweifelten Gesichter ausgebrannter Freundinnen vor mir. Frauen, die wie ich, oft nicht wissen, wie sie wenigstens fünf Minuten am Tag entspannen können. Frauen, die sich nicht einfach eine Woche Wellness-Urlaub leisten können, wenn sie übermüdet sind. Frauen, die alles geben und ausser dem Lächeln ihrer Kinder und – wenn sie ganz viel Glück haben –  der Liebe ihres Ehemannes keinen Lohn bekommen. Und so überlebenswichtig die zwei Dinge auch sind, sie reichen nicht, um einen vor dem Ausbrennen zu schützen.

Die Gründe für das Ausbrennen sind bei jeder Frau anders: Finanzielle Engpässe (und zwar nicht, weil man auf die Malediven gereist ist und mit dem BMW herumkurvt), kranke Kinder, Verlust der Stelle, komplizierte Schwangerschaften, Krankheiten, Eheprobleme und was man sich sonst noch nie im Leben wünschen würde. Eines aber haben alle Frauen gemeinsam: Sie wollen nicht zu viel, sie geben zu viel.

Mehrwert

Mit Brummschädel kann man ja eigentlich nichts anderes lesen als Chick-Lit. Sonst ist das Zeug ja unerträglich seicht: Gut aussehende, chaotische, grenzenlos naive und liebenswerte Karrierefrau bringt alles durcheinander, verliebt sich hundertmal in den falschen Typen, verliebt sich auf Seite 356 endlich in den gebildeten, sanften, millionenschweren und gut aussehenden Bauarbeiter (wahlweise auch in den gut aussehenden, millionenschweren, gefühlvollen Banker, was aber seit der Finanzkrise immer weniger der Fall ist), von dem schon auf Seite 3 klar war, dass er der Auserwählte sein wird, schwebt zehn Seiten lang auf Wolke sieben, dann kommt es zum grossen Missverständnis und drei Zeilen vor Schluss fallen sich der gebildete, sanfte, millionenschwere und gut aussehende Bauarbeiter (oder der gut aussehende, millionenschwere, gefühlvolle Banker) und die gut aussehende, chaotische, grenzenlos naive und liebenswerte Karrierefrau in die Arme und alles wird gut. Einfach unerträglich, aber eben, mit Brummschädel erträgt man nichts anderes und so bleiben der angefangene Adrian Plass, die noch nicht angefangene Toni Morrison und der bereits Staub ansammelnde Charles Dickens vorerst ungelesen.

Einen Vorteil haben die seichten Romane aber: In letzter Zeit ist es in Mode gekommen, das Zeug mit Kochrezepten, die der seichten Story etwas mehr … ääähm etwas mehr öööhm, ja was eigentlich verleihen sollen? Egal, es hat jetzt manchmal Kochrezepte drin, die zur Story passen sollen und manchmal sind die Rezepte gar nicht so schlecht und deshalb gehe ich jetzt gleich den „Earl Grey Cake“ von Seite 247 backen.

Einen Nachteil haben die Kochrezepte alleridngs auch: Man kann die Bücher jetzt nicht mehr ins Altpapier schmeissen, wenn man sie fertig gelesen hat. Lose herumliegende Kochrezepte leben nämlich ein kurzes Leben in meinem Haushalt und deshalb muss ich das ganze Buch behalten, wenn ich das Rezept in drei Jahren wieder hervorkramen will. Was vielleicht wiederum gar nicht so schlecht ist, denn dann habe ich bei der nächsten Grippe, die bestimmt kommen wird, schon die geeignete Lektüre zur Hand. Da das Zeug immer gleich gestrickt ist, werde ich mit Brummschädel ohnehin nicht merken, dass ich es bereits gelesen habe.

Schluss jetzt damit!

Da sich meine Halsschmerzen partout nicht entscheiden können, ob sie schlimmer oder besser werden wollen, habe ich auch keinen Grund, zum Arzt zu gehen – ich will ja nicht wieder meine Hypochonder-Nummer abziehen – und deshalb habe ich heute früh folgenden Entschluss gefasst: Ich bin wieder gesund! Basta! Klar, mein Schädel brummt noch immer, mir tut noch immer jeder Knochen weh, mein Appetit ist noch immer gleich null und mein Hals…, ach, ich wiederhole mich. Aber weil Luise am Sonntag Geburtstag hat und ich unbedingt mit Kuchenbacken beginnen sollte und weil es draussen Frühling ist, habe ich jetzt genug vom Kranksein und deshalb tue ich jetzt einfach so, als wäre ich wieder gesund. Ich kann ja dann wieder zusammenbrechen, wenn Luises Geburtstag vorbei ist…

Sonderbar

Heute Nachmittag waren das Prinzchen und ich alleine zu Hause. Das Prinzchen im Bett und ich mit tausend Ideen im Kopf, wie ich meine drei freien Stunden verbringen könnte ohne nur eine Sekunde daran zu denken, dass da noch Wäsche aufzuhängen wäre, ein Schlafzimmer auf- und ein Geschirrspüler leerzuräumen ist. Ich könnte zum Beispiel meine Hausaufgaben für den Weiterbildungskurs machen und gleich einreichen. Oder ich könnte meinen unglaublich oberflächlichen Roman fertig lesen und danach bei Amazon nach tiefgründigerem Lesestoff stöbern. Ich könnte, wenn das Prinzchen erwacht, einen Spaziergang machen mit ihm. Oder ich könnte ein paar Zeilen schreiben. Vielleicht könnte ich auch von allem ein wenig tun. Drei freie Stunden sind ja eine halbe Ewigkeit, nicht wahr?

Ja, ich hätte ganz schön viel mit meinem freien Nachmittag anfangen können, wäre nicht plötzlich ein mir wildfremder Mensch mit seinen zwei Kindern vor der Haustüre gestanden. Ein Mensch, mit dem ich lediglich zwei Gemeinsamkeiten habe: Wir gehören zur gleichen Partei und sind gegen AKWs. Nun ja, immerhin zwei Gemeinsamkeiten. Aber genügt das, damit man mir ungefragt von politischen Ideen, Ehekrisen und Stress am Arbeitsplatz erzählen kann und mir damit den freien Nachmittag stiehlt? War ja alles ganz interessant, aber irgendwie auch sehr –  wie soll ich bloss sagen? – befremdlich vielleicht? Etwa so wie in einem Film, wo man sich fragt, wie der Regisseur auf diese hirnverbrannte Idee gekommen ist, ausgerechnet diese zwei Charaktere miteinander ins Gespräch zu bringen.

Manchmal ist das Leben doch einfach nur sonderbar. Spannend, ja, aber auch sehr sehr sonderbar…

Warum bloss?

Alles ist friedlich. Die Kinder spielen vergnügt, die Wohnung ist mehr oder weniger aufgeräumt und ich bin in bester Stimmung. Dann fällt die Tür hinter „Meinem“, Karlsson und Luise ins Schloss und ich freue mich auf einen ruhigen Tagesabschluss mit „nur“ drei Kindern. Keine fünf Minuten später heult das Prinzchen, auf dem Küchenfussboden breitet sich eine Lache aus Apfelsaft aus, die der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat aufzulecken versuchen. Und schon bin ich nicht mehr in bester Stimmung, sondern schreie herum, weil der Apfelsaft nicht mehr in der Flasche ist. Und weil ich – nennt mich ruhig konservativ – nicht will, dass meine Kinder Saft vom Boden auflecken. Und weil jetzt die ganze Idylle verflogen ist.

Nach einer Weile hat sich der Sturm wieder gelegt, die Apfelsaft-Lache ist beseitigt, die Kinder stecken im Bett. Und ich frage mich einmal mehr: Warum passieren solche Sachen immer nur dann, wenn es a) Freitagabend ist, b) „Meiner“ ausnahmsweise abends arbeiten muss und c) ich mich darüber gefreut habe, wie idyllisch unser Familienleben sein kann, wenn es denn nur will?

Warme Luft

Hat man mal ein paar Jahre ein Dasein als Hausfrau gefristet, verliert man ziemlich schnell den Draht zur Geschäftswelt. Hat man sich vor seinem Dasein als Hausfrau als Lokaljournalistin betätigt, dann hat man zwar ein breites Allgemeinwissen, aber einen Draht zur Geschäftswelt hat man gar nicht erst aufgebaut. Hat man vor dem Dasein als Hausfrau und vor dem Dasein als Lokaljournalistin dazu noch Geisteswissenschaften studiert, dann hat man von Tuten und Blasen keine Ahnung. Und dann schwirren grosse Fragezeichen um den Kopf, wenn man Sätze wie diese liest: „Ein weiterer Wissensbaustein sind die Anforderungen der Prozessschritte an eine softwaretechnische Umsetzung. Werden sie der Umsetzung angepasst, liegt eine Dokumentation der Programmabläufe vor“.

Es ist nicht etwa so, dass die Ex-(beinahe)Geisteswissenschafterin, Ex-Lokaljournalistin und derzeitige Hausfrau nicht die intellektuellen Kapazitäten hätte, solche Sätze zu verstehen. Aber sie hat sich in derart anderen Kreisen bewegt, dass in ihrem Gehirn keine Verknüpfungen zustande kommen zu irgend etwas, was sich in ihrer Realität abspielt. Und deswegen fühlt sie sich ganz und gar unfähig, den Lernstoff zu erfassen. Dennoch beschliesst sie, ihre Aufgaben gewissenhaft zu erledigen und greift hie und da, wenn nach Beispielen aus dem Berufsalltag gefragt wird, auf Begebenheiten zurück, die sich im Kinderzimmer, an der Vorstandssitzung irgend eines Vereins oder auf der Redaktion abgespielt haben. Und während sie die Frage beantwortet, denkt sie bei sich: „So banal! Ich mache mich ja vollkommen lächerlich, wenn ich das aufschreibe. Aber ich habe nun mal kein besseres Beispiel.“ Verschämt sendet  sie die Aufgabe ein und ist froh, dass sie das Gesicht des Dozenten nicht sehen kann, wenn er ihre Arbeit korrigiert.

Ein paar Tage später schaut sie auf dem Online-Campus nach, ob die Aufgabe schon korrigiert und bewertet ist. Und sie stellt mit Erstaunen fest, dass sie eine 6 bekommen hat. Eine 6, muss man wissen, ist in der Schweiz nicht die schlechteste, sondern die beste Note. Und deshalb dämmert es der Ex-(beinahe)Geisteswissenschafterin, der Ex-Lokaljournalistin und derzeitigen Hausfrau, dass ganz viel von dem, was da so hochgestochen und knochentrocken daherkommt, nichts weiter ist als in gewundene Sätze verpackte warme Luft.

Auch nicht komplizierter, als herauszufinden, wer von den fünf Kindern derjenige war, der die Badewanne mit Schokolade vollgeschmiert hat. Und nie und nimmer so kompliziert, wie einem brüllenden, zappelnden und tretenden Kind mit Durchfall die Windeln zu wechseln…

Ketzerisch

Als ich neulich meine Leserinnen und Leser an meinen Gedanken zur „Privatsache Kind“ teilhaben liess, warnte mich eine Freundin, dass ich mich auf gefährliches Terrain begeben würde, womit sie wohl Recht hatte. Heute nun begebe ich mich auf noch gefährlicheres Terrain, ja, ich riskiere gar, unter den Eltern als Ketzerin zu gelten. Ich stelle nämlich die Frage, ob es denn wirklich so wichtig sei, dass ein Kind immer esse, was auf den Tisch kommt. Ich bin neulich hin und wieder auf Ratschläge gestossen, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich lese von Müttern, die ihre Kinder hemmungslos anlügen, um sie dazu zu bringen, Gemüse zu essen. Ich sehe Fotos von belegten Brötchen mit Smiley-Gesichtern. Ich bekomme Tipps, wie dafür gesorgt werden kann, dass ein Kind, das Fleisch verabscheut, dennoch Fleisch isst. Jede Familie kämpft mit dem Problem, wie sie ihre Kinder dazu bringt, alles zu essen, was auf den Tisch kommt; viele sind gestresst wegen der Sache. Doch keiner fragt: Ist es das ganze Theater überhaupt Wert?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich finde ausgewogene Ernährung eine sehr wichtige Sache. Aber ist es denn wirklich ein Problem, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat seine fünf Portionen Grünzeug am Tag in Form von zwei Äpfeln, einer Banane und zwei rohen Karotten zu sich nimmt, anstatt zu gekochtem Fenchel, gefüllten Peperoni und grünem Salat zu greifen? Ist es denn eine Tragödie, wenn Karlsson sich auch nach dem zwanzigsten Mal Probieren noch immer nicht dazu durchringen kann, Champignons zu mögen? Ich muss doch nicht jedes Mal mit dem Kind kämpfen, wenn das Zeug auf den Tisch kommt. Solange er Steinpilze, Pfifferlinge und Morcheln – die Morcheln natürlich am allerliebsten – isst, darf er doch ungeniert dazu stehen, dass er keine Champignons mag.

Als ich noch nicht lange Mutter war, machte ich mir einen grossen Stress aus der Sache mit dem Essen. Nicht, weil ich der Meinung war, dass man das müsse, sondern einfach darum, weil andere Familien einen grossen Stress daraus machten. Wenn bei Freunden die Regel galt, dass die Kinder alles essen mussten, was auf den Tisch kam, fühlte ich mich elend, weil ich nicht den Nerv hatte, das durchzuziehen. Wenn eine Familie darauf bestand, dass jedes Kind nur zwei Nahrungsmittel auswählen durfte, die es nicht essen muss, glaubte ich, dies auch tun zu müssen. Wenn Freunde mir sagten, dass ihre Kinder immer den Teller leer essen müssen, fühlte ich mich als Versagerin, weil ich es nicht schaffte, so konsequent zu sein.

Bis ich merkte, dass das alles gar nicht zu uns passt. Bis ich erkannte, dass das Ganze eigentlich ein Luxusproblem ist. Wie viele Menschen auf unserem Planeten können sich denn überhaupt Gedanken machen darüber, wie sie ihre Kinder dazu bringen sollen, aus der Fülle von Lebensmitteln, die ihnen zur Verfügung stehen,  von allem zu essen?  Und weil es ein Luxusproblem ist, habe ich für mich und meine Familie beschlossen, dass ich mir deswegen nicht weiter das Leben erschweren will. Und deshalb gelten bei uns nur noch diese fünf „Regeln“:

1. Der Überfluss, den wir haben, ist ein unglaubliches Privileg, als sei dankbar für das, was du essen darfst.
2. Es wird nicht gemotzt. Irgend jemand auf der Welt würde das, was ich nicht mag, mit Freuden essen. Und irgend jemand – meistens ich – hat sich viel Mühe gegeben, das Essen zuzubereiten. Also wird nicht herumgemäkelt.
3. Es wird von allem probiert, was aber nicht heisst, dass man auch alles ausessen muss. Man darf Dinge nicht mögen. Ich esse ja auch keine Fleisch.
4. Die Ernährung muss ausgewogen sein, doch wie diese Ausgewogenheit zustande kommt, ist mir eigentlich egal.
5. Essen ist eine wunderschöne Sache, also versaut mir nicht den Genuss!

Das Verrückte an der Sache ist: Je weniger Stress ich aus der Sache mache, umso experimentierfreudiger werden unsere Kinder. Und weil er nicht mehr unbedingt muss,  isst der FeuerwehrRitterRömerPirat inzwischen sogar Randensalat…

Konkurrenzkampf

Man sollte eigentlich davon ausgehen können, dass es zu Zeiten von GPS und Google Earth eine Lösung für das Problem gäbe. Doch noch immer grasen die Kinder einander gegenseitig das Revier ab, wenn sie von der Schule ausgesendet werden, um Spenden für wohltätige Organisationen einzutreiben. Bis anhin konnte mir das mehr oder weniger egal sein. Klar, es war zuweilen etwas entnervend, wenn an ein und demselben Tag drei oder vier Kindergruppen mit flehendem Blick vor unserer Haustüre standen und mir Schokoladentaler, Anstecknadeln und dergleichen zum Kauf anboten. Aber kinderliebend wie ich nun mal bin, habe ich klaglos allen etwas abgekauft.

Jetzt aber zieht mein eigener Sohn mit seinem besten Freund von Haus zu Haus und bietet in Indien gefertigte Holzvögel zum Kauf an. Und da bekomme ich natürlich hautnah mit, wenn andere sich erfrechen, an unserer Haustüre zu klingeln, wo diese doch ganz eindeutig zu Karlssons Revier gehört. Und tatsächlich: Beim ersten Klingeln stehen nicht die beiden Jungs vor der Türe sondern zwei Mädchen aus ihrer Klasse. Obschon ich natürlich weiss, dass sie die Konkurrenz meines Sohnes sind, lasse ich Luise einen Vogel von ihnen abkaufen. Karlsson braucht das ja nicht zu erfahren…

Abends aber höre ich, wie Karlsson sich bei Luise beschwert, die beiden Mädchen und zwei weitere Jungen hätten ihnen die Geschäfte gehörig vermiest. An einem Ort seien sie gar weggeschickt worden. Karlsson ist bitter enttäuscht und dies, obschon schon fast alle Vögel aus seiner Schachtel verkauft sind – Karlssons Geschwister haben grosszügigerweise tief in ihre Sparschweinchen gegriffen, als ihr grosser Bruder ihnen die bunten Vögel unter die Nase hielt – und das Portemonnaie vor lauter Geld und Süssigkeiten beinahe platzt. Karlsson findet es einfach hundsgemein, dass seine Klassenkameraden den Ortsplan nicht richtig lesen können. Luise will ihren Bruder trösten und sagt: „Mama und ich haben von den Mädchen nur einen Vogel abgekauft, von dir aber gleich drei.“ Worauf Karlsson in ein Wutgeheul ausbricht, weil seine eigene geliebte Familie ihm auf derart perfide Art in den Rücken gefallen ist. So eine Gemeinheit hätte er von uns nie und nimmer erwartet.

Zum Glück war ich gerade im Badezimmer eingeschlossen, als Karlsson von unserem Verrat erfuhr, sonst wäre er mir bestimmt an die Gurgel gesprungen. Und glaubt mir, ich bin so lange im Bad geblieben, bis Karlssons Zorn verraucht war…

Acht Sätze, die man nicht zu mir sagen sollte,…

… wenn man unter zwanzig Jahre alt ist und bei mir in Lohn und Brot steht:

1. „Ich habe heute Nacht nur sieben Stunden geschlafen. Ich bin soooooooo müde“  – Und ich habe heute nacht nur sieben Minuten geschlafen oder zumindest fühlt es sich so an, also hör auf zu jammern!

2. „Ich habe heute Nacht nur sieben Stunden geschlafen, weil ich bis vier Uhr morgens gechattet habe und mich meine Mutter schon um elf Uhr geweckt hat.“ – Ich habe heute Nacht auch bis vier Uhr morgens gechattet, mit meinem Prinzchen, das nicht schlafen wollte. Und morgens um sieben musste ich wieder aus den Federn. Und Mütter haben immer Recht, die dürfen einen wecken, wann immer sie Lust dazu haben!

3. „Schau mal, die ist soooooooooo fett. Die trägt Grösse 38. Echt!“ „Ich trage auch Grösse 38.“ „Ach, bei dir ist das etwas anderes. Du hast ja fünf Kinder geboren und da darf man alt und hässlich sein.“

4. „Deine Kinder waren heute unmöglich. Die haben mich so fürchterlich genervt.“ – Ja, meine Kinder sind manchmal nervig, und zwar furchtbar. Aber das darf nur ich sagen und vielleicht noch „Meiner“. Und sonst niemand! Verstanden?

5. (belehrender Unterton): „Ich habe dir das mal in Ordnung gebracht. Willst du das nicht immer so machen wie ich?“ – Nein, will ich nicht und wenn du noch so sehr Recht hättest! Irgendwo muss auch ich noch das Sagen haben, wo mir doch so schon alle auf der Nase herumtanzen.

6. „Iiiiih! Bei euch stinkt’s!“ – Danke, ich weiss, aber würdest du mir mal bitte dabei helfen, die zwei vollgekackten Kinder zu säubern?

7. „Heute Nachmittag verputze ich meinen ganzen Lohn für Kosmetik und neue Schuhe.“ – Das kannst du von mir aus machen, ist ja dein Geld. Aber reibe  bitte nicht mir unter die Nase, was du mit meinem sauer verdienten Geld machst.

8. „Schau mal, die bezahlen viel mehr Lohn als du.“ – Ich habe dir ja gesagt, dass du bei mir nicht fürstlich entlöhnt wirst. Aber immerhin hast du einen Lohn…

Das alles darf man getrost sagen. Zu jedem. Ausser zu mir!