Last Minute

Warum müssen wir bloß immer alles wörtlich nehmen? Klar, Last Minute-Ferien bucht man erst ein paar Tage vor der Abreise, aber mit Packen und Organisieren sollte man nun wirklich nicht bis zum letzen Augenblick warten. Gut, der Fairness halber muss man sagen, dass wir eigentlich gestern Abend hätten anfangen wollen, aber weil die Kinder bockig waren, haben wir die Sache auf heute früh verschoben. Wir konnten ja nicht wissen, dass das Prinzchen die halbe Nacht Radau machen würde und wir uns deswegen verschlafen würden.

Ja, und dann wurde die Sache halt ein wenig chaotisch: Der Wäscheberg, der wegen der Bauarbeiten im Keller liegengeblieben war, musste noch ganz schnell gewaschen werden, der Kühlschrank musste geputzt werden, wo er schon mal leer war, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat brauchten neue Unterwäsche, weshalb noch ein kurzer Abstecher zu H & M nötig wurde, ja, und dann war da noch diese Taufe, zu der wir eingeladen waren, weil „Meiner“ Pate des Kindes ist.

Als dann „Meiner“ auch noch mit drei Kindern den Zug zur Tauffeier verpasste und wir das Auto meiner Mutter organisieren mussten, weil wir aus ökologischen Gründen nur einen Fünfplätzer haben, da wurde ich dann mal kurz hysterisch, aber nachdem wir alle mehr oder weniger rechtzeitig zur Taufe, oder zumindest zum Essen danach erschienen waren, beruhigte ich mich wieder.

Nach der Taufe blieb dann eigentlich nicht mehr viel zu tun: Nur noch sämtliche Kleider für „Meinen“, das Prinzchen und den Zoowärter packen, Brote schmieren, das Auto beladen, Holzpellets besorgen, damit meine Mutter während unserer Abwesenheit nicht frieren muss, Medikamente holen, herausfinden, wie das mit dem Autoverlad am Lötschberg läuft, herausfinden, wo das Wallis überhaupt liegt, den Fahrplan für die mit dem Zug reisende Delegation überprüfen und dann noch kurz die längst überfälligen Bücher in die Bibliothek zurückbringen. Aber da wir noch volle fünfundvierzig Minuten Zeit hatten, war das ja ein Klacks.

Irgendwie schafften wir es, ganze fünf Minuten zu früh auf dem Bahnperron zu stehen und hätten wir uns in Saas Grund nicht in der Postauto-Haltestelle geirrt, wir wären bestimmt pünktlich in unserer Ferienwohnung angekommen. So aber durften wir kurz nach dem Eindunkeln irgendwo zwischen Saas Grund und Saas Fee auf das nächste Postauto warten, das zum Glück ziemlich bald einmal angefahren kam.

Wenn ich mir jetzt, wo wir uns alle in unserer riesigen Ferienwohnung eingenistet haben, dann ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob wir beim nächsten Mal Last Second-Ferien buchen sollen. So langsam fühle ich mich reif für den nächsten Level.

 

 

Heute lachen wir darüber

Da liegt er nun vor mir, der hellblaue Teller, der „Meinem“ vor fünf Jahren als Unterlage für ein Kunstexperiment gedient hatte. Der aber vom Sturm, diesem Kunstbanausen, in die Dachrinne geweht wurde und seither nicht mehr gesehen ward. Zumindest nicht im Inneren der Wohnung, sondern nur vom Badezimmerfenster aus, gut sichtbar, aber leider unerreichbar. Dank der Hilfe des Dachdeckers fand der Teller heute aber den Weg zurück in sein angestammtes Revier, die Küche. Bloss was war es, was da auf diesem Teller lag?  Ein undefinierbares schimmliges Etwas, das unmöglich das Kunstexperiment von „Meinem“ sein konnte. Lange starrte ich auf den Teller, ohne herauszufinden, was da lag. Ein alter Rock von Luise vielleicht? Oder ein Lappen, der aus dem Fenster geflogen und auf dem Teller gelandet war? Irgendwann dämmerte es mir: Es war eine Windel, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vor langer Zeit mal aus dem Fenster geschmissen hatte.

Und plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an die Zeiten, als der FeuerwehrRitterRömerPirat fast täglich eine Windel aus dem Dachfenster schmiss. Man mochte ihm hundertmal sagen, er dürfe das nicht tun, am nächsten Morgen lag da trotzdem wieder eine Windel im Garten. Oder eben in der Dachrinne. Und das Schlimmste an der Sache war: Man musste noch erleichtert sein, wenn er bloss die Windel rausgeschmissen hatte, hin und wieder kam es nämlich auch vor, dass der feste Inhalt der Windel in der Gegend herumflog. Meistens schafften wir es, diese stinkenden Geschosse wieder aufzuspüren und sachgerecht zu entsorgen, aber einmal übersahen wir eines davon und ausgerechnet, als wir der Italienischen Verwandtschaft voller Stolz unser Zuhause präsentieren wollten, tauchte es wieder auf.

All diese Erinnerungen waren wieder da, als ich diese vergammelte Windel auf dem Teller liegen sah. Und nicht nur die Erinnerungen, auch die Gefühle, die ich damals empfunden hatte, waren wieder da. Wie schämte ich mich doch jeweils, dass unser Dritter mit Windeln und Exkrementen um sich warf. Von anderen Kindern hörte ich nie solche Geschichten. Würde unser Sohn je so vernünftig sein, dass er damit aufhören würde? Und würden wir ihn überhaupt je aus den Windeln bekommen, oder würde ich ihn dereinst kurz bevor er zum Traualtar marschiert, noch einmal wickeln müssen? Waren wir totale Versager, weil unser sonst so schlaues Kind einfach nicht einsehen wollte, dass man nicht ewig in den Windeln bleiben kann und dass Windeln in der Dachrinne nichts zu suchen haben?

Heute können wir zum Glück lachen über jene Zeit, aber damals war die Sache für mich mit ein Grund, weshalb ich mich als Mutter so völlig unfähig fühlte, weshalb ich hin und wieder zum Himmel schrie: „Gott, was hast du meinen Kindern bloss angetan, indem du ihnen eine solche Versagermama zugemutet hast?“

Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, ich hätte die Sache wohl etwas entspannter ansehen können: Sie kommen alle aus den Windeln. Die einen etwas früher, die anderen später. Und je weniger Druck man macht, umso schneller geht’s.

Ach ja, und so sieht es übrigens aus, das Relikt aus der windelrebellischen Phase des FeuwerwehrRitterRömerPiraten:

Es geht auch ganz anders

Nachdem ich gestern voller Freude von den Entwicklungsschritten unserer Kinder berichtet habe, präsentiere ich heute die Kehrseite. Die ist zwar nicht ganz so glänzend, hat aber einen hohen Unterhaltungswert. Zumindest wenn man sich den ganzen Tag im Büro verschanzen kann und nur durch die verschlossene Tür mitkriegt wie

– „Meiner“ den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter dazu verknurrt, zum Mittagessen Nutellabrot, Bonbons und Schokolade zu essen, weil sie sich drei Minuten bevor das vollwertige Mittagessen auf den Tisch gekommen wäre über den Vorratsschrank hergemacht haben. Die beiden um wenigstens ein ganz kleines bisschen Rösti und Salat betteln zu hören, weil sie nicht nur von diesem ekligen süssen Zeug essen wollten, war das reinste Vergnügen.

– die ganze Familie völlig entnervt vom erfolglosen Herbstschuhkauf zurückkommt und man sich glücklich schätzen darf, dass man das Drama um „Ich will aber die rosaroten Schuhe und nicht die hellblauen!“ und „Wenn ich die Schuhe nicht bekomme, laufe ich den ganzen Herbst barfuss“ wenigstens einmal nicht hat miterleben müssen. Dass morgen der zweite –  hoffentlich erfolgreichere – Versuch ansteht und dass man dann nicht mehr wird kneifen können, muss man in solchen Momenten der Schadenfreude einfach ausblenden können.

– das Prinzchen sich in der Bibliothek eine halbe Stunde lang fast die Augen aus dem Kopf heult, weil der Bagger, den er dort gefunden hat, leider einem anderen Kind gehört und sich die Mama dieses anderen Kindes dummerweise daran erinnern konnte, dass der Bagger, den das Prinzchen nun für sich haben will, in der Bibliothek geblieben ist. Gut, ich geb’s zu, ich habe im Büro nicht gehört, wie das Prinzchen in Aarau gebrüllt hat, aber alleine die Erzählung hat mir gereicht um erleichtert zu seufzen: „Gott sei Dank durfte ich heute ein Personalreglement, ein Lohnreglement und ein Pflichtenheft verfassen und musste mich nicht in der Bibliothek mit einem brüllenden Prinzchen rumschlagen.“

– sogar dem sonst so geduldigen Au-Pair irgendwann der Geduldsfaden reisst so dass die Kinder für einmal nicht vor dem „bösen Papa“ in ihre Arme flüchten können. Und schon gar nicht vor der „bösen Mama“, denn die war ja heute im Büro und konnte deswegen gar nicht so böse zu den Kindern sein.

Ja, sie können auch ganz anders, unsere lieben Kinder. Und „Meiner“, das Au-Pair und ich können auch ganz anders, als immer nur geduldig und friedlich sein. Und so kommt es, dass ein Tag, an dem man sich acht Stunden lang pausenlos mit knochentrockenem Papierkram rumschlägt sich schon fast ein wenig anfühlt wie Wellness.

Entwicklungsschritte

Karlsson, der am Sonntagnachmittag einfach mal schnell den perfekten Hefezopf bäckt und zwar ganz ohne elterliche Hilfe.

Luise, die daneben sitzt, eine Bouillon zubereitet und mit Leidenschaft Petersilie für die Suppe schnippelt.

Was spielt es da für eine Rolle, dass die Küche nach der Aktion der beiden ausgesehen hat wie ein Schlachtfeld? Und dass der Enthusiasmus beim Aufräumen nicht mehr ganz der Gleiche war wie beim Kochen und Backen, das verstehen wir natürlich bestens. Wir waren doch auch mal Kinder….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der endlich begreift, dass es ihn nicht umbringt, wenn er von jedem Essen ein ganz kleines bisschen probieren muss. Und der dann die Grösse hat, zuzugeben, dass es eigentlich ganz gut schmeckt, den ganzen Teller leerputzt und dann auch noch um einen Nachschlag bittet.

Der Zoowärter, der beim Anziehen der Schuhe hin und her überlegt, welcher Schuh an welchen Fuss gehört und der es dann meistens schafft, den rechten Schuh am rechten Fuss, den linken Schuh am linken Fuss zu tragen.

Das Prinzchen, das nicht mehr nur Lieder hören will, sondern sie auch selber singt. Zum Beispiel „buuuuhbä pumpedimumpedi!“, was ganz eindeutig eine Kleinkinderversion des Zoowärters Lieblingsliedes „Pooh Bär, wir mögen dich sehr. Rumpedibumpedi kommt er daher“ ist.

Dass das Prinzchen seine Stimmbänder nachts um halb eins in Betrieb nimmt, stört mich nicht im Geringsten. Ich finde es einfach nur hinreissend und schmelze schlaftrunken dahin.

Das Schönste am Ganzen ist, dass hier nicht die Erziehungskünste von „Meinem“ und mir endlich zum Blühen kommen, sondern dass die Kinder sich ganz von selbst zu entfalten beginnen. Einfach, weil die Zeit jetzt reif ist dafür und sie bereit sind, einen Schritt weiterzugehen. So langsam bekomme ich den Eindruck, dass es den Kindern reicht, zu wissen, dass sie diese Schritte gehen dürfen und dass sie, sollte etwas schief gehen, von uns aufgefangen werden.

Und wieder einmal wird mir bewusst, weshalb ich trotz aller Ermüdungserscheinungen, die der Job zwangsläufig mit sich bringt, so unglaublich gerne Mutter von mehreren Kindern bin.

Ach und übrigens: Das Bild, das in meinen Augen so perfekt zum Text passt, hat ausnahmsweise nicht „Meiner“ gemacht, sondern Luise, die so langsam ganz der Papa wird.

Einfach himmlisch, diese Brötchen!

Hier das Rezept, für alle, die auch mal schwelgen möchten.

Zutaten:

1 völlig ahnungslose Ehefrau, die nicht eine Sekunde daran denkt, dass man vier Tage vor ihrem 36. Geburtstag eine Überraschungsparty veranstalten und obendrein noch ihr erstes Buch feiern könnte
1 liebender Ehemann, der trotz turbulentem Alltagsleben noch schnell nebenbei eine Party organisiert
5 Kinder, die voller Begeisterung dabei sind und es auch noch schaffen, dicht zu halten
1 Au-Pair, das sich voller Elan in die Sache dreingibt und dann auch noch eine Bayley’s Torte bäckt
1 Mutter, die nicht mehr aufhören kann, eine wunderbare Torte nach der anderen aus dem Ofen zu zaubern

Diese fünf Zutaten gut vermischen und einige Tage lang ziehen lassen, dann die folgenden Zutaten untermengen und alles vier, fünf oder sechs Stunden lang backen:

1 Schwester, die am Samstagmorgen früh aufsteht, um bei den Vorbereitungen zu helfen
liebe Freunde, die Crêpes-Teig und andere Köstlichkeiten mitbringen
möglichst viele liebe Freunde und Verwandte, die einen mit lieben Worten überhäufen (und die einen rabenschwarz anlügen können, wenn sie einen fünf Minuten vor dem Fest in der Stadt über den Weg laufen 😉 )
eine Horde von fröhlichen Kindern, die sich zum Teil noch nie begegnet sind, die aber dennoch den ganzen Nachmittag vergnügt miteinander spielen
anregende Gespräche mit all den lieben Menschen, die einen durchs Leben begleiten

Eigentlich wären die Brötchen auch so schon der perfekte Genuss, noch besser werden sie aber, wenn man sie mit den folgenden Zutaten verfeinert:

ein Tisch voller liebevoll ausgesuchter Geschenke
und als Garnitur obendrauf ein iPad

Das also waren sie, meine Brötchen. Ich habe sie genossen bis zum letzten Krümel. Jetzt bin ich pappsatt und sehr sehr glücklich.

Eine einzige Frage aber quält mich: Wem aus meiner Familie und meinem Freundeskreis kann ich denn in Zukunft noch trauen? Wo diese wunderbaren Menschen mich doch über Wochen an der Nase herumgeführt haben, damit ich ihrer Überraschung nicht auf die Schliche komme.

Paradox

Es ist ja schon paradox: Da habe ich seit ein paar Tagen die Lizenz zum Jammern im Sack und jetzt mache ich nicht mal Gebrauch davon. Oder hat einer meiner geneigten Leser etwa mitgekriegt, dass wir seit Montag weder Heizung noch heisses Wasser im Haus haben und dass ich diese Woche schon dreimal eiskalt geduscht habe, weil ich nicht stinken wollte? Nein, das habe ich euch allen bis heute verschwiegen, denn offenbar bin ich zutiefst in meinem Innern noch immer ein kleines Kind. Kaum darf ich etwas, habe ich keine Lust mehr dazu. Ist doch bei den Kindern auch so: Sie liegen dir in den Ohren, weil sie „nie“ Schokolade essen dürfen und wenn du sie mal überreden willst, doch ein wenig Schokolade zu essen, um den Durchfall zu stoppen, dann wollen sie nicht. Weil ihnen angeblich schlecht wird von schwarzer Schokolade. Oder sie wollen morgens um sieben auf gar keinen Fall aus dem Bett kommen und schimpfen, sie möchten lieber ausschlafen. Aber wenn du sie flehentlich darum bittest, samstags doch bitte nicht so früh Radau zu machen, dann tanzen sie dir schon morgens um sechs auf der Nase rum. Und so ticke ich eben auch: Da beklage ich mich jahrelang, dass keiner mein Gejammer hören will und jetzt, wo der Postbote mir die Lizenz zum Jammern ausgestellt hat, habe ich keine Lust mehr dazu.

Und weil jammern jetzt, wo ich endlich darf, keinen Spass mehr macht, habe ich heute Morgen eben den Zoowärter, das Prinzchen und das Au-Pair zu Starbucks geschleppt, als die Decke unseres momentan sehr kalten Zuhauses auf meinen Kopf zu fallen drohte. Einen Caramel-Macchiato später sah die Sache schon wieder viel besser aus, auch wenn danach sowohl mein Starbucks-skeptisches Gewissen als auch mein Kalorienkonto unter diesem Exzess ein wenig gelitten haben. Derart gestärkt verkroch ich mich zurück in meinen Eispalast, der, so denn alles läuft wie geplant, am Montag wieder warm und gemütlich sein sollte.

Was wird hier eigentlich gespielt?

Irgend etwas führen die im Schilde, „Meiner“, die Kinder und das Au-Pair. Seit Tagen schon schwirren sie grinsend um mich herum, zwinkern sich verschwörerisch zu und machen vieldeutige Bemerkungen. Und wenn ich frage, was denn los sei, schauen sie mich nur erstaunt an und meinen: „Was soll denn schon los sein?“ Schon vor zwei Wochen habe ich geahnt, dass da etwas im Busch ist, aber als ich „Meinen“ fragte, ob er und das Au-Pair irgend etwas ausheckten, da lachte er mich nur aus und behauptete, ich würde ihm nicht vertrauen. Danach vergass ich die Sache wieder, bis Luise vor ein paar Tagen zu Tode betrübt war, dass ich abends nicht mehr zur Gemeindeversammlung gehen mochte, weil sich das Prinzchen nicht wohl fühlte. „Aber Mama, du musst jetzt einfach weggehen. Papa und ich müssen noch unbedingt….“ Was Papa und Luise unbedingt noch mussten, habe ich nicht herausbekommen, weil „Meiner“ unserer einzigen Tochter schnell den Mund zugehalten hat. Aber dass die mir etwas verheimlichen, liess sich jetzt nicht mehr leugnen.

Richtig schlimm wurde es gestern. Da kam „Meiner“ so unglaublich spät von der Schule nach Hause, obschon er wusste, dass ich gleich zum Zahnarzt gehen musste. Als ich ihm an den Kopf warf, er sei doch einfach unmöglich, weil er jedes Mal, wenn ich einen Termin hätte, zu spät nach Hause kommt, grinste er nur und meinte: „Ich bin ja wegen dir zu spät gekommen. Ich musste noch etwas für dich erledigen.“ Was, bitte sehr, gibt es da für mich zu erledigen? Soweit mir bekannt ist, habe ich für einmal keine Befehle erteilt. Aber es wurde noch schlimmer. Schmierte ich Sandwiches, stand meine Familie grinsend daneben und machte dumme Bemerkungen. Stellte ich den Menüplan zusammen, ermahnten sie mich hundertmal für Samstag auf gar keinen Fall ein Mittagessen einzuplanen, weil dann „Karlsson und Luise so Brötchen backen wollen. Sie haben da ein interessantes Rezept gefunden.“ Und wenn ich sagte, hier sei etwas faul, brachen sie alle in lautes Gelächter aus und „Meiner“ versicherte mir, dass „wirklich gar nichts ist, oder zumindest nichts Grosses“.

Fast wäre ich so naiv gewesen, ihm zu glauben. Ja, die werden wohl irgend eine kleine Überraschung im engsten Familienkreis planen, dachte ich mir. Ich habe ja auch schon bald Geburtstag. Aber als ich heute Abend zur Kirche ging, um den neuen Pastor zu wählen, wünschte mir jemand einen wunderschönen Samstag und als ich wissen wollte, weshalb, schaute er mich nur vielsagend an. Als dann auch noch die daneben stehende Person bemerkte, ach ja, das von Samstag habe sie auch schon gehört, aber sie wisse nicht mehr, wer ihr das erzählt hätte, da wurde mir langsam mulmig. Was um Himmels willen läuft da bloss hinter meinem Rücken? Die werden doch nicht etwa die halbe Welt dazu verdonnern, irgend etwas zu tun, was mit mir zu tun hat.

So langsam kommt ein altbekanntes Gefühl in mir hoch: Ich fühle mich mal wieder wie Obelix, der nicht mitkriegt, was gespielt wird. Alle sind eingeweiht und lachen sich halb krank. Nur ich laufe nichts ahnend durch die Gegend und kann nicht begreifen, was die alle so lustig finden.

Nun ja, vielleicht bekomme ich ja am Samstag einen Haufen Römer, die ich vermöbeln darf….

Gesetzestreu

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz für Kleinkinder zu geben, das da heisst: Du darfst den ganzen Tag über quengelig und ungeduldig sein, aber pausenlos schreien, bis sich deine Eltern und das Au-Pair ernsthafte Sorgen machen, darfst du erst fünf Minuten nach Ladenschluss der örtlichen Apotheke. Oder drei Minuten nachdem in der Kinderarztpraxis keine Anrufe mehr entgegengenommen werden. Oder in der Nacht von Samstag auf Sonntag.

Ich weiss nicht, wie andere Kinder es damit halten, aber unsere legen in diesem Bereich eine Gesetzestreue an den Tag, die jeden Gesetzeshüter zum Strahlen bringen würde. So zum Beispiel heute das Prinzchen. Den ganzen Tag sabberte er sich die Kleider nass und wer ihm zu nahe kam, wurde mit einem entrüsteten „Hööö uff!“ angeraunzt. Nichts Aussergewöhnliches also, das Kind wird wohl am Zahnen sein, dachten das Au-Pair und ich. Dann aber, pünktlich zum Ladenschluss der Apotheke, fing er an zu heulen. Und „Aua! Weh!“ zu brüllen. Und sich immer wieder an den Hals zu greifen. So lange, bis wir alle, Zoowärter eingeschlossen, anfingen, uns Sorgen zu machen um ihn.

In solchen Momenten weiss man ja nie so recht, wie man reagieren soll. Rennt man zur Notfallapotheke, werfen sie einem vor, man hätte schon längst zum Arzt gehen sollen. Geht man zum Notarzt meint er nur, wegen dieser Kleinigkeit hätte man nicht kommen müssen. Begibt man sich gar ins Spital, hört das Kind, kaum liegt es nach Stunden des Wartens auf dem Behandlungstisch, mit dem Geheul auf und ist wieder quietschfidel. Nach langem Hin und Her entschlossen wir uns dazu, es mit der neuen Bahnhofapotheke im Nachbarort zu versuchen. Die hat abends bis zehn Uhr offen, also würden wir ganz bestimmt niemanden ausserhalb seiner gewohnten Arbeitszeit stören. Und sollte sich das Problem als schwerwiegender herausstellen, würde man uns dort schon befehlen, sofort zum Arzt zu gehen.

Die Bahnhofapotheke stellte sich dann fürs Erste auch als die richtige Lösung heraus. Das Prinzchen weigerte sich zwar standhaft, weiter zu brüllen, damit wir in seinen Mund hätten schauen können, aber kleine Bläschen an der Zungenspitze und im Mundwinkel liessen die Apothekerin darauf schliessen, dass da wohl schmerzstillendes Zahngel und etwas Entzündungshemmendes angebracht wären. Womit das Prinzchen ziemlich zufrieden war und bald schon friedlich einschlief.

Doch wenn ich sein erneutes Gebrüll vor ein paar Minuten richtig interpretiere, scheint er zu spüren, dass der Ladenschluss der Bahnhofapotheke naht. Mal schauen, wie lang die heutige Nacht wird…

Ätsch! Ich darf halt!

Da treffe ich doch immer wieder auf Mütter, deren Kinder schon deutlich grösser sind als meine, die mir mitleidig versichern, sie würden nicht mit mir tauschen wollen.  „Du Arme!“, sagen sie jeweils „Du musst nachts immer noch aufstehen. Du musst noch immer Windeln wechseln. Und du hast nie einen kinderfreien Vormittag.“ Es lässt sich nicht leugnen, dass mein Leben wohl etwas beschaulicher wäre, hätte ich nicht noch drei Vorschulkinder. Dafür darf ich etwas, was Mütter von grösseren Kindern nicht mehr dürfen: Ich darf jammern soviel ich will. Hat mir unser Postbote heute Morgen offiziell bestätigt.

Die armen Männer müssten immer arbeiten, bemerkte er, als er hörte, wie ich dem Prinzchen erklärte, der Papa könne jetzt nicht kommen, weil er am Arbeiten sei. Ich machte den Postboten freundlich darauf aufmerksam, dass ich ja auch nicht auf der faulen Haut liegen würde, worauf er meinte: „Stimmt, Sie arbeiten wirklich viel. Sie haben ja auch noch ganz viele kleine Kinder und darum dürfen Sie auch jammern. Aber all die Hausfrauen, deren Kinder schon gross sind, die sollen endlich mal aufhören zu jammern und sich an die Arbeit machen. Aber Sie dürfen natürlich jammern soviel Sie wollen.“

Somit verfüge ich also ab sofort über eine Lizenz zum Jammern, von der ich ausgiebig Gebrauch machen werde, wann immer mir der Sinn nach Jammern steht. Und falls ihr Mütter von grösseren Kindern findet, das sei ganz und gar unfair, dann denkt dran: Eben noch habt ihr mich wegen meiner schlaflosen Nächte, wegen der vollen Windeln und dem Mangel an Freizeit bemitleidet.

Grosse Worte, II

Dass kleine Kinder gerne mit grossen Worten um sich werfen, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war noch nicht im Kindergarten, als eines Tages ein älterer Herr im weissen Mercedes vor unserem Haus anhielt, um mich zu fragen, wo es denn nach Lenzburg gehe. Ich, die ich sonst eher schüchtern war, erkannte am Stern auf dem Auto einen Klassenfeind und meinte frech: „Das sag‘ ich dir nicht, du Kapitalist!“. Worauf der ältere Herr ziemlich verdutzt von dannen fuhr und vielleicht heute noch den Weg nach Lenzburg sucht.

Wie die Mutter, so die Kinder, könnte man denken, wenn man in diesen Tagen unseren Kindern zuhört. Da warteten wir zum Beispiel gestern etwas länger als gewöhnlich auf den Bus, den Kindern wurde langweilig und sie begannen, rund ums Wartehäuschen zu rennen. Irgendwann erweiterte der Zoowärter seinen Radius und rannte eine Treppe hoch, die zu einem Haus gehört, von dem in den vergangenen Wochen ruchbar geworden ist, dass hinter der harmlos wirkenden rosaroten Fassade nicht ganz so harmlose Dinge getrieben werden. Luise, die im Moment alles mitkriegt, was sie nicht mitkriegen sollte, zerrte ihren kleinen Bruder entsetzt von der Treppe und schrie: „Komm sofort weg von hier, Zoowärter! Das ist ein Puff! Da hast du nichts zu suchen.“

Während dem Zoowärter nach dieser Episode die Worte fehlten, weiss er ganz genau, welches Wort passt, wenn „Meiner“ und ich uns mal wieder darüber zanken, wie viel Geld man ausgeben darf, wenn alle vier Monate mal der Vertreter für Bouillon, Eistee, Gewürze und dergleichen  kommt. „Meiner“ findet, man dürfe gar nichts ausgeben, ich hingegen bin der Meinung, dass ein kleines bisschen doch nicht schaden kann, zumal wir den Vertreter schon seit einer halben Ewigkeit kennen. Wobei sich das „kleine bisschen“ meist zu einem ordentlichen Sümmchen anhäuft. Weil wir eben den Vertreter seit einer halben Ewigkeit kennen und man doch nicht so sein kann, wo doch das Los der Vertreter so unglaublich hart ist. Wir erklären gerade unserem Au-Pair, dass diese Vertreterbesuche bei uns einer der wenigen Streitpunkte unserer Ehe seien – was das Au-Pair mit einem mir vollkommen unverständlichen Grinsen auf den Stockzähnen quittiert – als der Zoowärter trocken hinter dem Trip Trap hervor bemerkt: „Ehekrise!“

Nun frage ich mich natürlich, woher um alles in der Welt der kleine, noch nicht vierjährige Zoowärter dieses unverschämte Wort kennt….