Kampfschwimmer

Lange ist’s her, seitdem ich zum letzen Mal Gelegenheit hatte, ungestört zu schwimmen, was mich wirklich störte, denn schwimmen ist der einzige Sport, der mir so etwas wie Freude bereitet. Und übrigens auch der einzige Sport, bei dem ich in der Schule zu den Besten gehörte, trotz meines sehr unorthodoxen Stils – Kopf hochgereckt wie ein Schwan mit zum kurzen Hals, hohles Kreuz und ein rechter Fuss, der stets dem Linken in die Quere kommt -, der daher rührt, dass meine ältere Schwester mich schwimmen lehrte. Und da sie wohl ebenfalls von einem älteren Bruder oder der älteren Schwester die Kunst, sich über Wasser zu halten, erlernt hatte, hatte sie von der richtigen Technik keine Ahnung. Aber was macht das schon? Hauptsache, man ersäuft nicht und wenn man dann noch zu den Schnellsten gehört, umso besser.

Nun, inzwischen gehöre ich nicht mehr zu den Schnellsten. Im Gegenteil: Heute bin ich schon stolz, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, im Schwimmbad kein Buch zu lesen, sondern einen Kilometer zu schwimmen. Wie oft habe ich mich darüber beklagt, ich würde ja schon schwimmen gehen, wenn ich bloss Zeit dazu hätte? Unzählige Male und deswegen bin ich jetzt, wo Karlsson und Luise den Schwimmkurs besuchen und ich das Prinzchen zu Hause lassen kann, dazu verpflichtet, meine 40 Längen zurückzulegen. Was den Kampfschwimmern, mit denen ich die schmale Bahn, die den Schwimmern noch bleibt, teilen muss – rechts die grossen Schwimmschüler, links die kleinen Schwimmschüler und die Mamas, die ihre Sprösslinge beobachten -, gar nicht behagt.

Was will sie bloss hier, die lahme Hausfrau, die nicht mal den Mut hat, den Kopf richtig unterzutauchen? Die trägt ja nicht mal eine Schwimmbrille. Und auch keine aquadynamische – gibt’s das Wort? – Badekappe. Von einem „Speedo“-Schwimmanzug ganz zu schweigen. Die wagt es doch tatsächlich, in einem ausgeleierten Umstands-Tankini aufzukreuzen und die gleiche Bahn in Anspruch zu nehmen, die in ihren Augen einzig für Menschen reserviert ist, die das Schwimmen mit heiligem Ernst betreiben. Menschen, die nicht davor zurückschrecken, mit Ellbogeneinsatz den knappen Platz zu verteidigen. Menschen, die es nicht für nötig halten, aufzupassen, ob sie einen zur Seite drängen. Menschen, die kaltblütig unter dir durchschwimmen, weil sie gerade keine Gelegenheit sehen, dich zu überholen. Und ein paar Sekunden Zeitverlust würden den Tag ruinieren.

Früher liess ich mich durch diese Kampfschwimmer hetzen, ja, ich versuchte gar, gleich schnell zu sein wie sie. Heute aber, wo es schon ein Erfolgserlebnis ist, wenn ich es schaffe, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und ins Wasser zu steigen, kümmere ich mich einen Dreck um sie. Und wenn ich dann, nach viel längerer Zeit als früher, meinen Kilometer ohne einen einzigen Unterbruch geschafft habe, dann bin ich ganz schön stolz auf mich selber. Obschon die Kampfschwimmer hörbar aufatmen, wenn ich endlich die Bahn frei gebe, damit sie eine andere Hausfrau, die sich anmasst, schwimmen zu gehen, in die Enge treiben können.

Hach, wie romantisch!

Gärtnern ist pädagogisch äusserst wertvoll. Das weiss heute jeder, der mal einem Kind beim Wühlen in der Erde zugeschaut hat. Im Garten lernen die Kinder, wie aus fast nichts etwas Wunderbares, etwas Essbares, etwas Duftendes, etwas Buntes oder sonst irgend etwas werden kann. Ein wenig Erde, ein wenig Licht, ein wenig Wasser und schon kann man dem Wunder beim Wachsen zuschauen. Und weil das Wasser Gott sei Dank nicht jeden Tag von selber kommt, lernen die lieben Kinderlein auch gleich, dass man schön brav giessen muss, wenn man im Herbst ernten will. Dazu kommen noch die netten Nebeneffekte wie Zeit an der frischen Luft, Bewegung, helfen und was der erstrebenswerten Dinge sonst noch sind. Gärtnern ist für Eltern, die um das Gedeihen ihrer Kinder besorgt sind, praktisch Pflicht. Ausserdem gibt es wohl kaum einen idyllischeren Anblick als eine Mama und ein Papa, die in der Erde wühlen, während eine Schar kleinerer und grösserer Kinderlein mit Giesskännchen, Schäufelchen und Rechen an ihrer Seite werkeln. Hach, wie  herzerwärmend romantisch!

Nun, wie immer kriegen „Meiner“ und ich das mit der Idylle nicht so recht hin. Okay, unsere Kinder sind hübsch genug fürs Werbefoto – wessen Kinder sind das nicht? -, unser Garten lässt sich auch sehen und der strahlende Frühlingshimmel und die blühenden Bäume sorgen für die perfekte Kulisse. Nur das Harken-schwingende Prinzchen will nicht so recht ins Bild des trauten Familienglücks passen. Und der Zoowärter, der sich zum dritten Mal hinter die Salatsetzlinge macht und versucht, sie ratzekahl abzufressen. Wer braucht da noch Schnecken, wenn man einen Zoowärter hat, der dafür sorgt, dass die Salatköpfe putzig klein bleiben? Und wenn der Zoowärter endlich die Salatköpfe in Ruhe lässt, giesst er hingebungsvoll die Erdbeeren, die in ihrem Beet zu ertrinken drohen. Da wären auch noch Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die sich einen hitzigen Kampf mit vollen Giesskannen liefern und dafür sorgen, dass der Gang in den Keller, um neues Wasser zu holen, zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Schliesslich kommt noch Karlsson dazu, der zwar mit äusserster Sorgfalt die Pflänzchen pflegt, der aber ausrastet, kaum lässt man ihn wissen, dass die Pflanze, die er bearbeitet, jetzt bestimmt genug Liebe bekommen hat. Dass „Meiner“ und ich uns zwischen diversen pädagogisch nicht besonders ausgefeilten Erziehungspredigten eine hitzige Diskussion liefern, ob Rucola „einfach köstlich“ (ich) oder „abscheulich“ („Meiner“) sei, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Eigentlich erstaunlich, dass uns allen das Gärtnern dennoch unglaublich viel Freude macht. Vielleicht liegt’s daran, dass wir gar nicht erst probieren, eine pädagogisch wertvolle Idylle zu schaffen, sondern dass wir auch im Garten ganz uns selber sind, Macken und Streitigkeiten inbegriffen. Wie, ob es mir nichts ausmacht, dass die Nachbarn alles mitbekommen? Nein, es macht mir nichts aus. Zumindest solange nicht, bis ihr Rasenmäher idyllischer lärmt als unsere Kinder sich streiten.

Das hat man nun davon,…

…. wenn man abends, anstatt zu arbeiten, einen seichten Film schaut: Flausen im Kopf, die einem keine Ruhe mehr lassen. Da schaue ich mir diesen Film an, in dem es darum geht, wer mit wem zusammen ist und wer mit wem zusammen sein sollte und wer wem auf welche Weise das Leben schwer macht, damit er mit dem zusammen sein kann, mit dem er zusammen sein möchte. Alles verstanden? Nein? Macht nichts, ich habe auch nichts verstanden. Das Einzige, was mir von dem Film im Kopf geblieben ist, ist der Typ, der in Schichten schläft. Von vier Uhr nachts bis acht Uhr morgens und dann tagsüber eine zweite Schicht, zu welcher Zeit, habe ich vergessen.

Wie, ihr findet das mit den Schichten eine blöde Idee? Ich absolut nicht. Das wäre doch was: Nachts, wenn man endlich mal Ruhe hat, ungestört arbeiten und am Tag, wenn alles drunter und drüber geht, die zweite Schicht schlafen. Für mich als bekennende Nachteule ein absoluter Traum. Und deshalb zerbreche ich mir jetzt den Kopf, wie ich das in meinem Leben umsetzen könnte: Die erste Schicht Schlaf von drei Uhr morgens bis sieben Uhr morgens, dann Familienleben und Arbeit bis drei Uhr nachmittags, dann wieder schlafen bis sieben Uhr und dann wieder Familienleben und Arbeit bis drei Uhr. Sollte doch eigentlich möglich sein, oder?

Möglich schon, aber nur auf dem Papier. Denn ich bin mir sicher, dass das Prinzchen, kaum würde ich mich morgens um drei an den Computer setzen, nach Unterhaltung schreien würde. Wenn Mama Spass hat, will das Prinzchen auch Spass haben. Und ich fürchte auch, dass ich mich regelmässig um sieben Uhr verpennen würde, denn ich bin nicht nur eine Nachteule, sondern auch ein Morgenmuffel. Und schliesslich fürchte ich, dass meine lieben Kinderlein mich nie und nimmer nachmittags schlafen lassen würden. Sie brauchen doch jemanden, bei dem sie sich über „böse“ Lehrerinnen beklagen können, jemanden, der ihnen Erdnussbutterbrote streicht und jemanden, der mit ihnen Liedlein singt. Wird wohl also nichts aus meinen neuen Schlafenszeiten. Zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren und danach wird mich ohnehin die senile Bettflucht im Morgengrauen aus dem Bett treiben.

Dass iss gefährlich! Aber schööön!

Nun ja, vielleicht sind meine Gärtnermethoden etwas unorthodox. Ein wahrer Gartenfreund würde wohl kaum mit spitzen Fingern die Steine aus dem Boden klauben und jedes Mal laut kreischen, wenn eine Schnecke zum Vorschein kommt. Er würde wohl auch keine Kornblumen in Töpfe säen. Und schon gar nicht würde er bei warmem Frühlingsregen 480 Liter Universalerde mit nackten Füssen auf dem Boden verteilen. Macht man einfach nicht. Ein echter Gärtner nimmt dazu einen Rechen oder sonst ein nützliches Gerät, das in der Gartenzeitschrift angepriesen wird. Aber wozu braucht man einen Rechen, wenn man doch beim Wühlen in der weichen frischen Erde so viel Entspannung haben kann?  Entspannung bei der Arbeit. Was will man mehr? Und danach sieht der Garten erst noch wunderbar aus. Und weil die Erde nicht für den ganzen Garten gereicht hat, gibt’s morgen gleich noch einmal Wellness für die Füsse. Ich kann’s kaum erwarten.

Es verderbe mir jetzt bloss keiner den Spass und ermahne mich, ich solle mich nicht wundern, wenn ich mir eine Lungenentzündung hole. Mit nackten Füssen in der kühlen Erde zu wühlen sei gefährlich. Bei derartigen Gefahren halte ich mich an mein grosses Vorbild Obelix: „Dass iss gefährlich! Hicks! Aber schööön!“ (Okay, auf das „Hicks“ verzichte ich lieber. Mama und Besäufnis, das passt in meinen Augen nicht zusammen. Also vielleicht doch kein so grosses Vorbild, dieser Obelix…)

Welcome back

Da seid ihr ja wieder, ihr Schuldgefühle. Eigentlich habe ich euch ja nicht jetzt schon zurück erwartet, aber wie ich euch kenne, ist euch so ziemlich egal, was ich denke. Kaum seht ihr eine Mama, die sich dazu anschickt, fünf Minuten ihrer wertvollen Zeit in eine Berufstätigkeit zu investieren, stürmt ihr die Bude, macht euch breit und beginnt, zu allem und jedem euren Senf dazu zu geben. Bei mir spielt sich das Drama im Moment so ab:

M(ama): „Ich verschwinde dann mal für ein paar Stunden im Büro. Wenn ihr ein Problem habt, geht zu Papa.“
Kaum ist die Bürotür hinter hinter Mama zugefallen, ertönt Geschrei, Papa tröstet, redet gut zu, löst die Probleme und der Alltag nimmt seinen gewohnten Lauf.  Mama stürzt sich in die Arbeit und nimmt schon bald gar nicht mehr wahr, welche Dramen sich vor der Bürotür abspielen. Irgendwann aber steht ein heulendes Kind im Büro.

M, leicht genervt: „Ach, du Arme(r)! Was ist denn mit dir passiert?“
K(ind): „Die anderen sind so gemein zu mir! Die lassen mich nicht mitspielen!“
M:  „Das ist aber unfair. Aber weisst du, ich bin am Arbeiten. Du musst zu Papa gehen.“
Das Kind verlässt schluchzend das Büro, die Mama versucht, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Zeit für die ungebetenen Gäste, die Bühne zu betreten:

S(chuldgefühle): „Was bist du doch für eine Rabenmama. Siehst du denn nicht, dass dein Kind traurig ist?“
M: „Klar sehe ich das.  Aber ‚Meiner‘ ist heute Nachmittag für die Kinder zuständig…“
S: „Ja, klar ‚Deiner‘. Als ob der in den Schulferien auch noch Kinder hüten müsste. Und du weisst doch: Wenn es einem Kind schlecht geht, dann braucht es die Mama, nicht den Papa.“
M: „Das stimmt doch gar nicht. ‚Meiner‘ kann das ebenso gut wie ich.“
S: „Kann er nicht.“
M: „Kann er doch.“

Mama wendet sich wieder ihrer Arbeit zu, die Schuldgefühle wissen für einen Moment lang nicht, was sie noch sagen sollen. Draussen spielen die Kinder, schreien, lachen, singen. Wo denn die Mama sei, will ein Kind wissen.

S: „Hast du gehört, die suchen dich. Warum musst du auch immer arbeiten, wo deine Kinder dich doch so sehr brauchen.“
M: „Meine Kinder haben mich fast den ganzen Tag. Und wenn sie mich nicht haben, dann haben sie den Papa und der ist genauso wichtig. Und immerhin arbeite ich nicht ausser Hause. Zu den Mahlzeiten bin ich da.“
S: „Und danach verschwindest du wieder im Büro. Glaubst du wirklich, dass deine Kinder das mögen. Die werden sich später, wenn sie mal an ihre Kindheit zurückdenken, nur noch an eine verschlossene Bürotür erinnern. Und an eine Mama, die nie Zeit hat.“
M: „Aber ich habe doch Zeit. Ich bin fast immer da…“
S: „
Fast immer, ja. Aber nicht immer…“
M: „Aber ich muss doch gar nicht immer. ‚Meiner’….“
S: „Ja, ich weiss, ‚Deiner‘. Aber glaubst du nicht auch, die Kinder wären viel besser betreut, wenn ihr
beide jetzt im Garten wäret?“

So geht es weiter, hin und her, immer hitziger, immer giftiger. Und je nach dem, wer den längeren Atem hat, siegen die Schuldgefühle oder die Mama.

Ja, ihr lieben Schuldgefühle, ihr wisst, wie ihr einem das Leben versauern könnt. Aber Eines muss man euch lassen: Ihr piesackt die Mütter ohne Ansehen der Person. Denn ob eine Mama vollzeitlich berufstätig ist, ob sie von zu Hause aus arbeitet, ob sie ehrenamtlich arbeitet oder ob sie krankgeschrieben ist, ihr bringt es immer fertig, ihr einzuflüstern, dass sie es nie und nimmer schafft, die Mama zu sein, die ihre Kinder verdient hätten.

Verkabelt

Zurzeit habe ich öfters mit Teenagern und solchen, die es werden wollen, zu tun. Nein, ich meine nicht meine eigenen Kinder, die sind noch zu klein dafür. Und darum bin ich wohl auch noch nicht blind geworden für die Eigenarten, die heutige Teenager so haben. Besonders auffällig ist diese Verkabelung: Weisse Kabel mit je einem Stöpsel am Ende. Mal baumeln die Stöpsel schlaff herunter, dann wieder steckt einer im Ohr, das andere Kabel ist um die Ohrmuschel gewickelt, damit es nicht in den Weg kommt. Und natürlich auch, damit man das langweilige Gelaber des Erwachsenen, der noch immer nicht begriffen hat, dass der Teenager jetzt lieber Musik hören will, nur auf einem Ohr zu hören braucht. Zuweilen baumeln die weissen Kabel auch einfach in der Gegend herum und man wundert sich, dass sich noch kein Halbwüchsiger so sehr in seiner Verkabelung verfangen hat, dass er ein ähnliches Ende wie Absalom genommen hat: Hängen geblieben, nicht an der eigenen Lockenpracht, sondern an der eigenen Verkabelung.

Es ist ganz klar: Ich werde langsam alt. Kein Verständnis mehr für die technischen Veränderungen der Neuzeit und noch kein Verständnis für die Veränderungen, die unweigerlich noch kommen werden und denen ich mich nicht werde verschliessen können, will ich meine eigenen Kinder dereinst noch verstehen. Rede ich mit einem dieser verkabelten Teenager fühle ich mich stets leicht verunsichert, denn ich weiss nie so recht, ob er mich hören kann oder nicht. Und dann denke ich wehmütig an die alten Zeiten zurück, als die Batterien meines Walkmans gerade mal für zwei oder drei Kassetten reichten. Danach klang die Stimme von Eros Ramazzotti oder von Michael Jackson wie Katzengesang. Okay, böse Zungen behaupteten damals, diese Musik sei auch mit neuen Batterien nichts als Katzengesang, aber ich liess mich nicht beirren und lauschte bis zum bitteren Ende, bis der Walkman keinen Ton mehr von sich gab. Und dann musste man wieder warten, bis man genug Taschengeld hatte, um sich neue Batterien zu kaufen. Genügend Zeit, um für die Umwelt wieder ansprechbar zu sein; eine wundervolle lange Pause ohne Stöpsel im Ohr. Was bin ich froh, dass mein Walkman noch kein Ladegerät hatte.

Um Eines aber beneide ich die verkabelte Jugend: Hat man so viel Übung im Umgang mit sich verheddernden Kabeln, kommt man bestimmt auch besser mit Infusionsschläuchen zurecht, wenn man dereinst alt und gebrechlich ist.

Kleine Kapitalisten

Da paaren sich zwei Idealisten – Lehrer und Ex-Lokaljournalistin und beide zusammen Christen = Idealismus im Quadrat – und was werden die Kinder? Astreine Kapitalisten. Völlig egal, dass die Mama schon als Sechsjährige den Mercedes-Fahrer als Kapitalisten beschimpft hat, völlig gleichgültig, dass die Eltern die Partei wählen, die auch heute noch die Überwindung des Kapitalismus anstrebt,  die Kinder tun dennoch, was ihnen beliebt.

Und so sind seit einigen Tagen Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat fleissig am Geld verdienen. Mal bieten sie den Eltern Massagen zu Wucherpreisen an, dann wieder ziehen sie durchs Quartier und verkaufen Blumensträusse. Und das Geld, das sie dabei verdienen, legen sie zusammen, damit sie sich „dann irgend einmal etwas“ kaufen können. Naiv, wie ich nun mal bin, habe ich an Schleckstengel gedacht, als sie mir dies erzählten. Oder an Bonbons. Oder vielleicht an ein Gesellschaftsspiel. Doch nein, unsere Kinder haben Grösseres im Sinn: „Weisst du Mama, wenn wir genug Geld verdient haben, kaufen wir uns so eine grosse Flasche, mit denen man Ballons füllen kann und dann verkaufen wir Ballons und dann verdienen wir noch viel mehr Geld und dann kaufen wir mit diesem Geld wieder etwas, mit dem man Geld verdienen kann“, berichtete mir Karlsson aufgeregt. Und später hörte ich, wie er zu Luise sagte: „Ich glaube, wir kaufen uns am besten eine Zuckerwattenmaschine. Damit können wir mehr Geld verdienen, als mit Luftballons.“

Woher die Kinder das haben? Nun, ganz bestimmt nicht von ihren idealistischen Eltern. Die haben nämlich heute noch Gewissensbisse, wenn sie für ihre Arbeit, die sie ja aus lauter Menschenliebe machen, auch noch Geld verdienen.

Fussball

Nein, ich werde definitiv nie eine Soccer Mum. Ich schaffe das einfach nicht. Auch wenn Luise und Karlsson im Fussballcamp eine ganze Woche lang dem Ball hinterher gerannt sind. Auch wenn Luise gar im letzten Spiel ein Tor geschossen hat und damit ihrem Team zum Sieg verholfen hat. Auch wenn Karlsson, der im Grunde Fussball hasst, mir gestern Abend voller Begeisterung gezeigt hat, wie hart er den Ball dank der richtigen Technik schiessen kann. Ich weiss, ich sollte jubeln vor lauter Begeisterung. Ich sollte mit vor Stolz geschwellter Brust am Fussballplatz stehen und meinen Sprösslingen zujubeln. Ich sollte in ihnen die Hoffnung schüren, dass sie dereinst ganz grosse Stars auf dem Rasen sein werden, ja, dass sie vielleicht eines Tages für die Schweiz den Weltmeistertitel holen werden.

Und was tue ich stattdessen? Ich lächle verkrampft, wenn Luise mir vorschwärmt, wie toll diese Woche doch gewesen sei. Ich murmle etwas von „Wir werden dann sehen…“, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat, der in diesem Jahr noch nicht mitmachen durfte, davon träumt, wie er nächstes Jahr nicht nur ins Fussballcamp gehen wird, sondern auch zum wöchentlichen Fussballtraining. Ich klopfe Karlsson anerkennend auf die Schulter, wenn er mir seine neuesten Balltricks vorführt und sage dann schnell: „Hast du schon gesehen? Ich habe euch ein Geolino-Lexikon gekauft. Möchtest du nicht noch ein wenig darin lesen?“ Und heute – Schande über mich! – habe ich doch tatsächlich den grossen Fototermin zum Ende des Fussabllcamps verpasst. Während alle anderen Eltern stolz die Kamera zückten, um die zukünftigen Fussballstars abzulichten, lag ich zu Hause und hielt einen ausgedehnten Mittagsschlaf. In Vendittis Wohnzimmer wird so bald kein Bild von Karlsson und Luise im Fussballdress hängen.

Nachdem ich meine beiden grossen Kinder vom Fussballplatz abgeholt hatte, war ich nur noch erleichtert, dass ich das Thema abhaken kann. Zumindest bis zum nächsten Fussballcamp. Frohgemut ging ich einkaufen. Und was musste ich entdecken, als ich an der Kasse wartete? Die ersten Panini-Bildchen!

Ich will nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Die hohe Kunst der Schlaflosigkeit

Es gibt ja verschiedene Gründe für Schlaflosigkeit und somit auch verschiedene Niveaus, die es zu erreichen gibt. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie im Judo, wo man den 10. Dan ja auch nicht einfach so auf Anhieb verliehen bekommt. Nun möchte ich ja nicht unbescheiden sein, aber ich habe den Eindruck, dass „Meiner“ und ich in der Kunst der Schlaflosigkeit schon ziemlich weit fortgeschritten sind, aber wenn ich auf die vergangene Nacht zurückblicke, wird mir bewusst, dass es noch so viele Variationen gibt, die wir noch nie erlebt haben. So viel zu lernen und unsere Kinder sind schon so gross! Allmählich müssen wir uns beeilen, wenn wir noch wahre Meister der Schlaflosigkeit werden wollen.

Obschon: Die vergangene Nacht wäre nichts für Anfänger gewesen und wir sind ziemlich stolz auf uns selber, dass wir sie ohne namhafte Wutausbrüche und ohne herumfliegende Schoppenflaschen hinter uns gebracht haben. Mir scheint, wir haben ein höheres Niveau erreicht. Dass die Nacht eine echte Herausforderung werden würde, war bereits am späten Abend klar, als ein übermüdeter Zoowärter um Asyl im elterlichen Bett bat. Was wir ihm ohne Prüfung seines Gesuchs gewährten. Wir wissen ja, dass er nur dann zu uns gekrochen kommt, wenn in seinem Heimatbett unhaltbare Zustände herrschen, also zum Beispiel, wenn er vom FeuerwehrRitterRömerPiraten gebissen worden ist, oder wenn er den Kampf um die Bettdecke endgültig verloren hat und er den grossen Bruder nicht mehr wach bekommt, damit er weiter mit ihm streiten kann. Bald schon schlummerte der Zoowärter selig auf meiner Seite des Bettes, was für mich zur Folge hatte, dass ich einmal mehr nahe am Abgrund einschlief.

Aber lange schlief ich ohnehin nicht, denn das Prinzchen hatte mal wieder Lust auf ein mächtiges Gebrüll. Anfangs glaubte ich ja noch, der Wunde Po sei Schuld am ganzen Übel, aber nachdem der wunde Po gesalbt war und das Prinzchen weiter brüllte, war Ursachenforschung angesagt. Und wie das bei der Forschung so ist: Man kommt nicht immer auf einen grünen Zweig. Nichts half, weder Wiegen, Streicheln, Milch noch gutes Zureden, er solle doch jetzt endlich schlafen. Das Prinzchen wurde erst ruhig, als eine brüllende Luise auftauchte. Vor lauter Staunen, dass da jemand mitten in der Nacht noch lauter sein konnte als er, schwieg das Prinzchen und stellte sich schlafend. „Meiner“ und ich übrigens auch. Wenn wir nur lange genug so täten, als würden wir schlafen, würde sich Luise vielleicht selber helfen. Sie ist ja so selbständig.

Aber nichts da: Luise wollte Salbe. Und eine Decke. Und ihre Schmusehäschen, die sie im Bett vergessen hatte. Und weil Luise bei jedem Nein noch lauter brüllte, mussten „Meiner“ und ich alles für sie anschleppen. Irgendwie mussten wir dem Gebrüll ja ein Ende setzen, sonst würden bald auch noch Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Matte stehen, ja, am Ende vielleicht noch meine Mutter, die uns armen geplagten Eltern zu Hilfe eilen würde. Nun, soweit kam es nicht, denn  irgendwann hatte sich Luise in den Schlaf gebrüllt, worauf das Prinzchen, das durch die plötzliche Ruhe aufgeschreckt war, wieder zu brüllen anfing. Aber auch er schlief später erschöpft ein und „Meiner“ und ich hatten für den Rest der Nachts nichts weiteres zu tun, als zu verhindern, dass sich der Zoowärter vollkommen quer legte im Bett und damit beide Elternteile aus dem Bett drängte. Fast ein wenig langweilig für uns alte Hasen, dieser zweite Teil der schlaflosen Nacht.

Aber natürlich wurden wir für die mangelnde Herausforderung fürstlich entschädigt: Am Morgen hatten wir gleich drei wunderbar schlecht gelaunte und unausgeschlafene Kinder, die ihr Bestes dazu taten, ihren wunderbar unausgeschlafenen Eltern den Start in den Tag zu vermiesen. So langsam rückt der Meistertitel vielleicht doch in greifbare Nähe…

Darum also?

Warum musste ich als Zehnjährige mit Übergewicht kämpfen? Also jetzt mal abgesehen davon, dass ich jedes Mal, wenn die Kinder aus Bullerbü Butterbrote assen – und sie essen viele Butterbrote, die Kinder aus Bullerbü und ich las das Buch immer und immer wieder -, in die Küche rannte, um mir zwei oder drei Scheiben Brot in sehr viel Butter zu rösten. Aber war dies vielleicht nicht der einzige Grund? Musste ich auch deshalb mit meinem unbändigen Appetit kämpfen, damit ich heute meine Kinder besser verstehe, wenn es ihnen schwer fällt, sich nicht noch einen Teller voll zu schöpfen?

Warum musste „Meiner“ als Teenager Tag für Tag mit seiner Mutter streiten? So richtig heftig, nicht das übliche Gezänke zwischen Mutter und halbwüchsigem Sohn. Nun ja, die beiden lebten auf völlig verschiedenen Planeten und deshalb war eine Verständigung beinahe unmöglich. Aber musste er vielleicht diese Konflikte auch deshalb durchstehen, weil er heute immer und immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen? Oder zieht er solche Kinder und Jugendliche regelrecht an, weil sie spüren, dass da einer ist, der sie versteht?

Warum musste ich als Mutter so sehr an meine Grenzen kommen? Also jetzt mal abgesehen davon, dass ich zu viel wollte, zu hohe Ideale hatte, das Falsche wollte, mir von Menschen dreinreden liess, die mir nichts zu sagen haben, zu viel von mir selbst forderte. Musste ich vielleicht auch deshalb tief fallen, damit ich Frauen, die Ähnliches durchmachen  – Glaubt mir, es gibt viele davon -, verstehen kann? Dass ich mit ihnen weinen kann und ihnen Mut machen kann, dass wieder andere Zeiten kommen? Oder habe ich einfach durch die eigenen Erfahrungen gelernt, den traurigen Blick einer Mutter richtig zu interpretieren?

Ich möchte nicht behaupten, dass alles und jedes im Leben einen Sinn ergibt. Zu oft steht da ein dickes fettes WARUM. Aber ich liebe diese seltenen Momente, in denen man spürt, dass man dem anderen das, was er erzählt, nachfühlen kann, weil man selber schon am genau gleichen Ort gewesen ist. Dass man ganz genau weiss, wovon das Gegenüber redet. Dass man hin und wieder gar einen Lichtblick – und keinen Ratschlag –  weitergeben kann. Und auf einmal ist das eigene Erleben nicht mehr so schmerzhaft. Und nicht mehr ganz so sinnlos.