Lange ist’s her, seitdem ich zum letzen Mal Gelegenheit hatte, ungestört zu schwimmen, was mich wirklich störte, denn schwimmen ist der einzige Sport, der mir so etwas wie Freude bereitet. Und übrigens auch der einzige Sport, bei dem ich in der Schule zu den Besten gehörte, trotz meines sehr unorthodoxen Stils – Kopf hochgereckt wie ein Schwan mit zum kurzen Hals, hohles Kreuz und ein rechter Fuss, der stets dem Linken in die Quere kommt -, der daher rührt, dass meine ältere Schwester mich schwimmen lehrte. Und da sie wohl ebenfalls von einem älteren Bruder oder der älteren Schwester die Kunst, sich über Wasser zu halten, erlernt hatte, hatte sie von der richtigen Technik keine Ahnung. Aber was macht das schon? Hauptsache, man ersäuft nicht und wenn man dann noch zu den Schnellsten gehört, umso besser.
Nun, inzwischen gehöre ich nicht mehr zu den Schnellsten. Im Gegenteil: Heute bin ich schon stolz, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, im Schwimmbad kein Buch zu lesen, sondern einen Kilometer zu schwimmen. Wie oft habe ich mich darüber beklagt, ich würde ja schon schwimmen gehen, wenn ich bloss Zeit dazu hätte? Unzählige Male und deswegen bin ich jetzt, wo Karlsson und Luise den Schwimmkurs besuchen und ich das Prinzchen zu Hause lassen kann, dazu verpflichtet, meine 40 Längen zurückzulegen. Was den Kampfschwimmern, mit denen ich die schmale Bahn, die den Schwimmern noch bleibt, teilen muss – rechts die grossen Schwimmschüler, links die kleinen Schwimmschüler und die Mamas, die ihre Sprösslinge beobachten -, gar nicht behagt.
Was will sie bloss hier, die lahme Hausfrau, die nicht mal den Mut hat, den Kopf richtig unterzutauchen? Die trägt ja nicht mal eine Schwimmbrille. Und auch keine aquadynamische – gibt’s das Wort? – Badekappe. Von einem „Speedo“-Schwimmanzug ganz zu schweigen. Die wagt es doch tatsächlich, in einem ausgeleierten Umstands-Tankini aufzukreuzen und die gleiche Bahn in Anspruch zu nehmen, die in ihren Augen einzig für Menschen reserviert ist, die das Schwimmen mit heiligem Ernst betreiben. Menschen, die nicht davor zurückschrecken, mit Ellbogeneinsatz den knappen Platz zu verteidigen. Menschen, die es nicht für nötig halten, aufzupassen, ob sie einen zur Seite drängen. Menschen, die kaltblütig unter dir durchschwimmen, weil sie gerade keine Gelegenheit sehen, dich zu überholen. Und ein paar Sekunden Zeitverlust würden den Tag ruinieren.
Früher liess ich mich durch diese Kampfschwimmer hetzen, ja, ich versuchte gar, gleich schnell zu sein wie sie. Heute aber, wo es schon ein Erfolgserlebnis ist, wenn ich es schaffe, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und ins Wasser zu steigen, kümmere ich mich einen Dreck um sie. Und wenn ich dann, nach viel längerer Zeit als früher, meinen Kilometer ohne einen einzigen Unterbruch geschafft habe, dann bin ich ganz schön stolz auf mich selber. Obschon die Kampfschwimmer hörbar aufatmen, wenn ich endlich die Bahn frei gebe, damit sie eine andere Hausfrau, die sich anmasst, schwimmen zu gehen, in die Enge treiben können.









