Nicht so schnell, mein Prinzchen!

Beim ersten Kind geht ja alles noch unglaublich langsam. Tagelang sitzen die stolzen Eltern da, starren ihr Baby an und warten auf das erste Lächeln. Und wenn sie dieses endlich bekommen haben, warten sie auf das Zweite. Irgendwann wird das Lächeln zur Selbsverständlichkeit, doch das Warten geht weiter. Warten auf die erste Drehung, den ersten Zahn, die ersten Schritte, das erste Wörtchen. Von einem Entwicklungsschritt zum nächsten dauert es eine halbe Ewigkeit.

Beim zweiten Kind geht alles ein bisschen schneller, beim Dritten noch schneller und falls man bis dahin noch nicht aufgegeben hat, rennen die Eltern bei jedem weiteren Kind verzweifelt hinterher, um wenigstens noch ein paar wenige Momente der Babyzeit zu geniessen. Am Abend legst du ein Baby ins Bettchen, am Morgen ist daraus ein Krabbelkind geworden, zwei Tage später kommt es in die Schule und eine Woche später raunzt dich ein pickeliger Teenager an. Da nimmst du dir vor, jeden Tag mit deinem kleinen Prinzchen zu geniessen, ihn so lange wie möglich zu stillen und ihm alle Zeit in der Welt zu lassen mit dem Grosswerden.

Und was macht das Prinzchen? Nimmt er Rücksicht auf seine sentimentale Mama? Aber nicht doch! Warum stillen, wo Mama doch so gut kocht? Ach so, Mama hat Mühe damit, ihren Jüngsten loszulassen? Na dann, soll sie eben noch ein bisschen stillen, aber nur noch einmal am Tag und möglichst dann, wenn es dunkel ist. Sonst könnte es noch jemand sehen und ihn auslachen. Und überhaupt braucht er jetzt viel Energie, denn so langsam möchte er wissen, was es da noch alles zu entdecken gibt. Immer bei  Mama bleiben ist doch einfach langweilig.

Man sieht schon jetzt, auf was das Ganze hinausläuft. Das Prinzchen will gross sein, um mit den Geschwistern mitzuhalten; die Mama will ihn klein behalten, weil er doch ihr Jüngster ist. Und wenn er dereinst, im zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren, von zu Hause ausziehen will, wird sie heulen und jammern, weil ihr Prinzchen sie verlassen will, obschon er doch noch so klein ist.

One-Woman-Show

Morgens um sieben tritt sie auf die grosse Bühne des Familientheaters. Für ein paar Momente wird sie die Rolle der Verschlafenen spielen, doch schon Minuten später wird die Verschlafene verdrängt von der Hellwachen, der Motivatorin, die den beiden grössten Kindern zu einem fröhlichen Start in den Tag verhilft, und sei der Himmel noch so grau.

Während diese beiden Rollen täglich die Gleichen sind, ist alles, was danach folgt, reine Improvisation und zwar auf höchstem Niveau. Aus der Trösterin, die Luise versichert, dass sie auf der Kindergartenreise einen ganzen Tag ohne Mama klarkommen wird, wird blitzschnell die Schiedsrichterin, die dafür sorgt, dass Karlsson und Luise sich ohne Blutvergiessen darüber einigen, wer wo am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen ist das Prinzchen erwacht. Und schon hat sie die Rolle wieder gewechselt. Jetzt steht sie als Futterquelle auf der Bühne, um Augenblicke später als Kammerzofe für des Zoowärters saubere Kleidung zu sorgen. Um schliesslich auch noch dem morgenmuffeligen FeuerwehrRitterRömerPiraten zu einem sonnigen Tagesstart zu verhelfen, mutiert sie mal ganz kurz zur Minnesängerin, worauf sie als Einpeitscherin dafür sorgt, dass Karlsson und Luise nicht zu spät kommen.

So nimmt das Familientheater seinen Lauf, zwei bis vier Kostümwechsel inbegriffen. Geht sie einkaufen, rangeln die Geizige und die Grosszügige um die Aufmerksamkeit auf der Bühne. Paradoxerweise gibt die Grosszügie meist dann ihre beste Vorstellung, wenn das Budget am knappsten ist. Läutet das Telefon, geht wahlweise die verständnisvolle Freundin, die knallharte Neinsagerin, die jeden Telefonverkäufer das Fürchten lehrt, oder die schnippische Lehrersgattin, die „Ihren“ vor Zusatzarbeit schützt, an den Apparat. Wobei die Rolle der Telefonistin ihre besonderen Tücken hat, muss sie doch immer auch gleichzeitig die strenge Erzieherin sein, die verhindert, dass das Haus während des Telefonats in Schutt und Asche gelegt wird. Beim Mittagessen wird dann von den Kindern oft die Komödiantin verlangt. Je nach Tagesform schafft es diese, dass die Kinder vor Lachen unter dem Tisch liegen. Manchmal aber zaubert sie den Kleinen bloss ein müdes Lächeln aufs Gesicht. Abends dann, wenn die Kinder im Bett sind, wäre die Leidenschaftliche gefragt, die Unterhaltsame, die lebhafte Gesprächsparterin. Doch leider bringt sie es nicht immer fertig, ihr Publikum zu begeistern. So sie es denn überhaupt auf die Bühne schafft.

Im Familientheater wird es ihr nie langweilig und es gibt durchaus Tage, an denen die Rollenwechsel reibungslos klappen und das Ganze ihr unglaublichen Spass bereitet. An anderen Tagen geht es nicht so glatt und dann steht plötzlich die Zornige auf der Bühne, wo eigentlich die Einfühlsame gefragt wäre. Oder die Übermüdete sinkt zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa, wenn doch die besonders Wachsame gerade ihren Auftritt haben sollte. Und manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass diejenigen, die erst viel viel später, so in zwei drei Jahren, dranwären, hinter Vorhang hervorlugen. Die Sehnsüchtige, die Eigensinnige und die Träumerin schaffen es immer wieder, die Vorführung mit ihren unbedachten Auftritten zu stören und alles aus der Bahn zu werfen. An gewissen Tagen drängt sich auch die Verzweifelte ins Rampenlicht, was meistens zu Tränen führt. Des langen Wartens müde, sind die Berufstätige und die Erfolgreiche im Begriff, sich aus der Show zu stehlen und die Regie muss aufpassen, dass nicht irgendwann die frustrierte Hausfrau die Hauptrolle an sich reisst.

Ja, die Regie. Die macht es ihr nicht immer einfach. Allein schon, herauszufinden, wer gerade auf dem Regiestuhl sitzt, ist zuweilen fast unmöglich. Sind es die Kinder, ist es „Meiner“, ist es der Glaube, ist es der Terminplan, ist es der Telefonverkäufer, ist es das Wetter, ist es die Schulleiterin, ist es der leere Kühlschrank?  Oder gar alle miteinander?

Manchmal wäre es hilfreich, sie könnte wiedermal das Theaterstück lesen, um herauszufinden, was das Ganze überhaupt soll. Sie könnte dann ihre verschiedenen Rollen auch mit viel mehr Überzeugung spielen. Es würde ihr auch leichter fallen, unpassende Rollen aus dem Stück zu streichen. Doch leider macht sich die Nachdenkliche immer rarer, das Karussell der Rollen dreht sich immer schneller und manchmal bekommt sie Angst, dass sie eines Tages ihre Auftritte nicht mehr hinkriegt. Wer schaut dann, dass das Familientheater nicht vollkommen aus den Fugen gerät?

Geschichtslektion

„Zwanzig Jahre ist das erst her!“, entfährt es mir bei der Zeitungslektüre, als ich auf einen Bericht über den Mauerfall stosse. Karlsson will wissen, wovon ich rede. Ich beginne zu erzählen, wie das damals war. Wie man uns Kindern von den bösen Russen erzählte, wie eine Familie im Dorf ihre Kinder im Luftschutzkeller übernachten liess, weil die Eltern Angst hatten vor einem Atomkrieg. Ich versuche, ihm zu erklären, warum der Kommunismus nicht funktionieren konnte und weshalb es nicht so einfach war, sich gegen das Regime zu wehren. Um ihm klarzumachen, dass es hier um Menschen ging, male ich ihm vor Augen, wie schlimm es gewesen sein muss, als die Mauer Familien für Jahre trennte.

Und dann erzähle ich Karlsson von  jenem unvergesslichen Moment, als ich als Fünfzehnjährige am Fernsehen die Bilder vom Mauerfall sah. Plötzlich ist sie wieder da, die Gänsehaut von damals. Das Staunen darüber, dass man plötzlich nach Prag reisen konnte und dass die Russen von einem Tag auf den anderen nicht mehr nur ein Volk von bösen Christenverfolgern waren. Ist doch Wahnsinn, denke ich, ich bin noch so jung und habe schon so viel Geschichte mitbekommen.

Karlsson hört sich mein Geschwätz an und betrachtet dabei eingehend das Bild vom Mauerfall in der Zeitung. Plötzlich fragt er mich: „Mama, warum ist das Bild in Farbe? Farbbilder gab es doch noch gar nicht, als du ein Kind warst.“ „Farbbilder gab es sehr wohl in meiner Kindheit. So alt bin ich noch nicht“, entrüste ich mich. „So alt siehst du aber aus“, gibt er zur Antwort. Und zum Unterstreichen, dass er nicht bloss frech sein will, sondern sich nur um mich sorgt, schiebt er noch nach: „Man sieht schon wieder deine grauen Haare. Du musst zum Coiffeur.“

Hat das Kind denn kein Gespür für grosse historische Momente?

Luise geht ins Kino, Teil II

Ach, was war das doch für ein grossartiger Weibernachmittag! Der ganze Kinosaal voller Mamas mit ihren Töchtern, ein paar vereinzelte Papas und Brüder, die sich dem Willen der Frauen hatten beugen müssen. Und dann erst der Film! Alles rosarot, geblümt und positiv. Ein richtiger Chick-Flick für Kinder. Als Lillifees befliegbarer Kleiderschrank, vollgestopft mit rosaroten Kleidchen zu sehen war, ging ein sehnsüchtiger Seufzer durch die Reihen der Mädchen und ganz bestimmt seufzten auch einige Mamas mit.

Mitten in all dem eine selige Lusie, die aufpassen musste, dass der Kinosessel sie wegen ihres Fliegengewichts nicht in die Höhe katapultierte. Verträumt lächelnd sass sie da, kaute auf ihrem Schokoladen-Popcorn herum und fieberte mit, wie Lillifee ihre rosarote Welt rettete. Vergessen all der Kummer über die nicht vorhandene Schwester, vergessen die Angst, der Film könnte ihr schlimme Träume bescheren. Vergessen auch, dass sie ja eigentlich kein Lillifee-Fan ist. Wenn sie jetzt nur nicht ihre guten Vorsätze vergisst und sich trotzdem eine Lillifee-Bettwäsche wünscht!

Und die Mama? Die sehnte sich für einmal nicht nach ihrer „NZZ am Sonntag“ und einer deftigen politischen Diskussion – mit Gleichgesinnten, natürlich, sonst gibt’s Ärger und davon hat Mama ja schon genug. Kein Drang, die Geschlechterrollen im Film zu hinterfragen, kein Bedürfnis, die Klischees von Sockel zu stürzen. Einfach nur Freude, dass ihr der Himmel neben vier wunderbaren Söhnen auch eine wunderbare Tochter geschenkt hat, mit der sie von Zeit zu Zeit auf der rosaroten Wolke schweben darf.

Nur schade, dass der Film so kurz war. Die Mama wäre gerne noch etwas länger geschwebt, denn zu Hause wartete eine schmutzige Wohnung. Und eine Woche ohne Putzfrau.

Kann man irgendwo Lillifees Zauberstab kaufen? Der Preis spielt keine Rolle.

Luise geht ins Kino, Teil I

Seit mehr als einem Jahr ist Luise stolze Besitzerin eines Kinogutscheins. Seit etwas mehr als zwei Jahren liegt sie ihrer Mama in den Ohren, sie wolle endlich auch einmal ins Kino gehen. Nicht, dass es keine Gelegenheiten gegeben hätte. Mal wollte die Gotte sie mitnehmen. Doch Wall-E war Luise zu technisch. Und überhaupt wollte sie bei ihrem ersten Kinobesuch lieber die Mama dabei haben und die hatte keine Lust, ihr Geld für einen doofen Roboterfilm auszugeben. Ein ander Mal fragte die Freundin, die an diesem Tag gerade den „beste Freundin“-Titel trug, ob Luise mit ihr „Monsters and Aliens“ schauen wolle. Luise hatte keine Angst. Zumindest nicht davor, der Freundin zu sagen, vor einem Monster-Film habe sie furchtbare Angst und deshalb begleite sie lieber die Mama und den kleinen Bruder zur Kinderärztin.

Jetzt hat das Warten endlich ein Ende. „Prinzessin Lillifee“ ist garantiert frei von Monstern, Robotern und Spannung. Eine rosarote Welt ist genau das Richtige für ein Kind, das schon schlecht schläft, nachdem sie mit ihren Brüdern die Anfangsszene von „Shrek“ auf DVD geschaut hat.

Vor Lillifee hat Luise keine Angst. Dafür aber andere Vorbehalte. „Weisst du, Mama“, sagte sie neulich ganz abgeklärt, „eigentlich bin ich ja kein richtiger Lillifee-Fan.“ Was denn ein richtiger Lillifee-Fan sei, will ich wissen. „Also ich würde mir zum Beispiel niiiieeee eine Lillifee-Bettwäsche wünschen, oder auch keinen Lillifee-Schulsack, oder eine Lillifee-Tasse. Ich möchte nicht einmal ein Lillifee-Buch.“ Ach wie beruhigend! Dann müssen wir also nächste Woche nicht ganz aufs Essen verzichten, um uns all die Fanartikel leisten zu können. Woher allerdings Lusie weiss, was ein „richtiger“ Fan alles haben muss, möchte ich schon wissen. Immerhin hat sie bis heute noch kaum einmal Fernsehwerbung gesehen.

Heute also ist der grosse Tag, an dem Luise zum ersten Mal ins Kino geht. Wobei noch die Frage zu klären wäre, wer eigentlich wen begleitet. Denn nachdem sie mir das mit den Fanartikeln erklärt hatte, bemerkte sie grosszügig: „Weisst du, Mama, ich bin zwar kein richtiger Lillifee-Fan, aber ich komme trotzdem mit dir.“

Freizeit

Seit Jahren schwirren diese Geschichten in meinem Kopf herum. Und weil mein Kopf nach Feierabend zu müde ist, um sie aufs Papier, oder zumindest mal in den Computer zu bringen, habe ich am Donnerstagnachmittag frei. Dann nämlich kommt „Meiner“ bereits am Mittag nach Hause und ich kann loslegen. Theoretisch. Wenn nicht gerade ein Versicherungsvertreter unsere Zeit in Anspruch nehmen will. Wenn Luise nicht ausgerechnet am Donnerstag eine spezielle Ballettprobe hat, oder „Meiner“ eine ausserordentliche Sitzung. Wenn ich es schaffe, die Zügel aus der Hand zu geben und wenn sich nicht gerade lieber Besuch anmeldet, den man seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und für den man gerne den freien Nachmittag opfert.

Heute aber hätte es klappen sollen. Gleich, wenn „Meiner“ nach Hause kommen würde, sollte meine freie Zeit beginnen. Nur der Wocheneinkauf war noch zu erledigen. Den hätte zwar auch „Meiner“ machen können. Doch weil es mich dermassen ärgert, wenn danach wieder der ganze Kühlschrank voll ist mit Budget-Produkten, lasse ich „Meinen“ nur unter Aufsicht in die Migros. Aber so ein kleiner Wocheneinkauf ist ja schnell erledigt, wenn die Liste gemacht ist und man keine Kinder mitnehmen muss. Und vor dem Einkauf  muss ich nur noch mit „Meinem“ eine Tasse Kaffee trinken, ein wenig lästern, dass ein paar Deppen Berlusconi für den Friedensnobelpreis vorschlagen wollen, dem Prinzchen einen Brei kochen, die Einkaufsliste noch einmal durchgehen, den Zoowärter ins Bett bringen, aufs WC gehen und sonst noch ein paar Kleinigkeiten erledigen.

Schliesslich ist es halb vier, als ich endlich meinen freien Nachmittag in Angriff nehmen kann. Zum Schreiben ist es jetzt  zu spät, aber ein Waldspaziergang ist immer gut. Und zwar ein zügiger. Damit ich am Abend dem E-Balance Coach, der mir helfen soll, den Babyspeck loszuwerden, beweisen kann, dass ich nicht immer nur faul herumsitze. Der Kerl stänkert nämlich schon seit Tagen, ich solle mich mehr bewegen. Klar, der Coach ist bloss virtuell, aber sein ewiges Gemotze geht mir trotzdem auf den Geist. Gna gna gna!

Nun, irgendwie schaffe ich es, trotz meiner Verspätung in die Gänge zu kommen. Und nachdem ich auch einen Schwatz am Wegrand so kurz wie mög lich gehalten habe, kann ich meine freie Zeit wenigstens dazu nützen, mir den Kopf zu zerbrechen, wann, wenn nicht am Donnerstagnachmittag, meine Geschichten den Weg aufs Papier finden könnten.

Das ist kein bisschen lustig

Eltern, die in ihrer Kindheit Ablehnung und Gewalt erlebt hätten, würden das freudige Strampeln eines Säuglings als Aggression deuten, lese ich in einem  Artikel über Gewalt an Kindern. In dem Bericht ist die Rede von Drogensüchtigen, sozial isolierten und psychisch kranken Eltern. Sogenannte Risikogruppen eben.

Die Aussagen des Artikels gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich dem Prinzchen dabei zusehe, wie er fröhlich vor sich hinbrabbelt, mit seinen Ärmchen rudert und mit den Beinchen kräftig gegen die Wand tritt. Wie viel muss in einem Leben schief laufen, dass man als Eltern nicht mehr fähig ist, das Schönste, was es gibt, nicht als schön, sondern als bedrohlich wahrzunehmen?

Diese Gedanken beschäftigen mich und plötzlich sehe ich sie wieder vor mir, meine eigenen tiefsten Tiefpunkte in meiner Karriere als Mutter. Zeiten, in denen ich meine Kinder nur noch als Störenfriede wahrnahm, die mich daran hinderten, einen Gedanken fertig zu denken oder eine Nacht durchzuschlafen. Momente, in denen ich nur noch mit Mühe zurückhalten konnte, dem Kind eine Ohrfeige zu verpassen. Nicht, weil mein Nachwuchs sich so daneben benahm, sondern weil ich in meiner Überforderung nicht mehr nachdenken konnte, warum mein Kind ausgerechnet jetzt so störrisch war. Zeiten in denen ich mich völlig alleingelassen fühlte mit meinem Herumschreien, meinen Ängsten und meinem Gefühl, als Mutter komplett zu versagen.

Und dies erlebte ich, die ich in einem gesunden sozialen Netz aufgehoben bin. Ich, die ich auf tatkräftige Hilfe von Familie und Freunden zählen kann. Ich, die ich zu keiner „Risikoggruppe“ gehöre. Wie geht es dann den Eltern, die ohne dieses Netz mit ihrem Versagen fertigwerden müssen? Wie viele Menschen gibt es, mit denen Mama erbarmungslos offen über ihr Versagen reden kann? Und zwar ohne, dass man sie gleich verurteilt und ihr ein paar billige Ratschläge um die Ohren haut. Ohne, dass sie danach wieder zurück in ihr Elend gehen muss, um alleine mit ihren Problemen zu kämpfen.

Es ist so einfach, nach aussen hin das Bild der glücklichen Mutter abzugeben, die alles im Griff hat. Es ist aber so schwierig, zu Hause immer dem absolut realitätsfremden Ideal der stets geduldigen und nie überforderten Mutter nachzuleben.

Ausgang

Irgend einer findet sich immer, der etwas dagegen hat, dass Mama in den Ausgang geht. Mal sind es die Babysitter, die in letzter Minute absagen, mal machen die Kinder ein Geschrei, als begebe man sich für drei Jahre auf eine Weltreise, mal kommt ein unerwarteter Termin dazwischen. Und heute? Lange Zeit sah es wirklich gut aus für den gemütlichen Besuch beim Griechen um die Ecke. Ein netter Abend in angenehmer Gesellschaft. Wer könnte da etwas dagegen haben?

Mein Magen. Genau wie letztes Jahr, als mit den gleichen Leuten ein Besuch beim gleichen Griechen auf dem Programm stand. Wohl aus lauter Gewohnheit fand mein Magen, griechisches Essen sei nicht nach seinem Geschmack und deshalb rebellierte er schon am frühen Morgen. Als nach einem Liter ekligen Orangenjus-Backpulver-Gesöffs, einem Glas Cola und ein paar Schlucken Artischockengebräu der Magen noch immer nicht nachgeben wollte, hätte ich beinahe aufgegeben. Doch dann beschloss ich, mich zu widersetzen. Hat ein rebellisches Organ  das Recht, mir einen freien Abend zu vermiesen, auf den ich mich wochenlang gefreut habe? Nicht mit mir, dachte ich und ging trotz allem zum Griechen.

Hätte ich das bloss nicht getan. Am Anfang ging alles noch gut. Doch als beim dritten Gang der Wirt bemerkte, dass ich eine einzige Kartoffel im Teller hatte, während alle anderen ihr Fleisch genossen, wurde es brenzlig. Sollte ich mich jetzt als wählerische Zicke geben, der nichts gut genug ist? Zu sagen, mir sei schlecht, wäre eine Beleidigung gewesen. Also gestand ich dem Wirt, dass ich Vegetarierin bin. Was tat der Wirt? Offerierte er Lamm, weil das kein Fleisch ist? Warf er mich aus dem Restaurant? Aber nicht doch! Er servierte mir Erbsen und mit Käse gefüllte Auberginen und zwar eine riesige Portion. Eigentlich hätte mir die Kartoffel vollauf genügt. Aber weil das Essen wunderbar war und man als Vegetarierin dankbar sein muss, wenn man überhaupt etwas zu essen bekommt, ass ich brav fast alles alleine auf. Die anderen waren ja auch schon pappsatt vom vielen Fleisch.

Eines ist sicher: Beim nächsten Mal wird mein Magen härteres Geschütz auffahren, um mich an einem Besuch beim Griechen zu hindern. Mal sehen, wer dann der Stärkere ist.

Ich soll gestresst sein?

Man wird schon ein wenig weltfremd, wenn man nur noch selten mit dem Auto unterwegs ist. So vergisst man zum Beispiel, dass es so etwas wie ein Parkplatzproblem gibt. Und so kommt es, dass man am Dienstag zum Mutter-Kind-Morgen fahren will und nicht darauf vorbereitet ist, dass das am nächsten gelegene Parkhaus an einem gewöhnlichen Wektag voll sein könnte. Es gibt also tatsächlich noch Menschen, die trotz Wirtschaftskrise eine Arbeit haben. Könnte man gar nicht denken, bei all den schlechten Schlagzeilen. Es gibt sogar welche, die mit dem Auto zur Arbeit fahren. Also nichts gewesen mit einem Parkplatz in bequemer Nähe zur Kirche. Zurück zum Stadtausgang.

Dort findet man zwar einen Parkplatz, dafür stellt man mit Schrecken fest, dass man den Kinderwagen zu Hause gelassen hat. Man hat ja auch nicht mit einem zehnminütigen Fussmarsch gerechnet, als man zu Hause losgefahren ist. Schon gar nicht mit einem Fussmarsch auf zu hohen Absätzen (Diese elenden Tussi-Schuhe! Wer hat mir die bloss aufgeschwatzt?), mit zwei Kleinkindern im Schlepptau und einem frisch geimpften, fast acht Kilo schweren Prinzchen auf dem Arm.

So kommt man ziemlich erschöpft beim Mutter-Kind-Morgen an. Wenigstens glauben mir so alle, dass ich tatsächlich fünf Kinder habe. Und so ist man schon bald mitten im Gespräch mit lauter Frauen, mit denen man sich schon lange einmal etwas eingehender unterhalten hätte. Keine „Petit-Beurre und volle Windeln Probleme“ heute (Siehe Beitrag „Sorgen“ vom 7. 5. ), sondern ein lebhafter Austausch zwischen Müttern in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Ein richtig gemütlicher Vormittag also.

Etwas zu gemütlich, leider. Denn so bleibt man länger sitzen als vorgesehen. Natürlich denkt man nicht mehr dran, dass man wieder den ganzen Weg zum Auto zurücklaufen muss, diesmal mit einem Prinzchen, das nicht nur frisch geimpft, sondern auch müde und hungrig ist. Dazu auch noch mit einem nicht mehr ganz taufrischen Zoowärter und einem überdrehten FeuerwehrRitterRömerPirat. Und mit einer gestressten Mama, die schon vor sich sieht,  wie ein besorgter Karlsson und eine weinende Luise vor verschlossener Türe warten.

Natürlich kommt es genau so, wie man befürchtet hat. Aber es ist ja nicht die erste stressige Situation, die man erlebt. Und so schafft man es irgendwie, Essen zu kochen, die Grossen zu beruhigen, das Prinzchen zu füttern und die  wichtigsten Ereignisse des Morgens zu erfahren. Eine Stunde später ist alles wieder ruhig und schon beinahe vergessen.  Hoffentlich vergesse ich nicht, das nächste Mal den Bus zu nehmen.

Sorgen

Als Mutter von mehreren Kindern lernt man immer wieder neue Mütter kennen. Viele davon stehen noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Meist sind dies sehr angenehme Begegnungen, denn die meisten Mütter sind ja auch sehr vernünftige Wesen. Es ist also fast immer eine wahre Freude, einen Haufen interessanter Frauen kennenzuklernen, die man nicht kennen würde, hätte man keine kleinen Kinder mehr.

Leider nur fast immer, denn zuweilen kommt es zu Begegnungen, auf die man gerne verzichten könnte. „Weisst du, mein Kleiner ist so sensibel. Ich weiss gar nicht, wie ich ihm beibringen soll, dass ich nicht immer Lust habe, mit ihm zu spielen.“, erzählt die Eine. Dass ihr ach so sensibler Kleiner gerade dabei ist, mit Bauklötzen um sich zu schmeissen und damit nur um ein Haar den  Kopf eines Babys verfehlt, kümmert sie einen Dreck. „Meine Kleine will partout keine Petit-Beurres mehr essen. Ich weiss gar nicht, was ich noch machen soll. Sie hat sie immer so gerne gemocht.“, seufzt die andere. Darauf beklagt sich die Erste, dass ihr Kind seine Windel nicht mehr zur gewohnten Zeit voll hat, worauf die Zweite jammert, sie wisse manchmal nicht, wie sie es schaffen solle, ihr Kind bereits um 11 Uhr in den Kleidern zu haben, wenn sie einen Arzttermin habe. 

Meistens beteilige ich mich nicht an solchen Gesprächen. Das Zuhören reicht mir vollauf. Und ausserdem ist mir vollkommen bewusst, dass schon ein einziges Kind es fertigbringt, einen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu treiben. Doch wenn sie mich dann belehren wollen, weil sie glauben, ich hätte von Tuten und Blasen keine Ahnung, kann ich es mir nicht mehr verkneifen, zu bemerken, mit meinen fünf Kindern verlaufe der Tag auch nicht immer in Minne. Was darauf folgt, ist immer das Gleiche: Zuerst starren sie mich ungläubig an, dann quietschen sie: „Du hast fünf Kinder! Wie schaffst du das nur?“ Dann mustern sie mich von Kopf bis Fuss und murmeln „Respekt!“

Ich will keinen Respekt! Ich will bloss, dass ihr aufhört, über Probleme zu jammern, die keine sind!