Familienausflug

Die Ferien im Hotel sind längst vorbei, der Umzug ist bis auf ein paar Kleinigkeiten geschafft, die Kinder beginnen sich zu langweilen und geben einander wegen jeder Bagatelle aufs Dach. „Mama, Karlsson hat mich geschlagen!“, heult Luise. Warum er das getan habe, fragen „Meiner“ und ich im Chor. „Sie ist selber schuld. Sie hat mich so blöd angeschaut und da musste ich sie einfach hauen.“ So tönt es, mit unterschiedlicher Rollenverteilung, von früh bis spät. Manchmal muss gar das Prinzchen als Bösewicht herhalten, obschon er vom Streiten noch keinen blassen Schimmer hat.

Die Streitereien hören erst auf, wenn wir Ausflüge machen, was zur Folge hat, dass die Streitereien zwischen „Meinem“ und mir anfangen. Er will in die Natur, ich ins Museum. Die Natur ist mir zu unbequem, das Museum ihm zu historisch. So diskutieren wir hin und her und irgendwann gibt das Wetter den Ausschlag. Wenn die Sonne scheint, geht man einfach nicht ins Museum, ist doch klar.

Und so stehe ich dann am Aareufer und versuche, meine schlechte Laune zu verbergen, um dem Rest der Familie die Freude nicht zu verderben. Ist ja wirklich wunderbar, wie die vier Grossen fröhlich im Wasser planschen, das Prinzchen vergnügt mit einem Weidenzweig spielt und „Meiner“ sich beim Betrachten der Landschaft sichtlich entspannt. Aber was mache ich derweil? Sobald ich meinen Anteil der Sandwiches vertilgt habe, weiss ich nichts mehr mit mir anzufangen. Das Wasser ist mir zu schmutzig zum Planschen, die Steine sind mir zu hart zum Sitzen, die Sonne brennt mir zu heiss und obendrein plagt mich das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen? Aber klar doch. Darf man denn heutzutage noch offen zugeben, dass man ein bekennender Stubenhocker ist? Wo doch alle Welt nach mehr frischer Luft, mehr Bewegung, mehr Sinneserfahrungen schreit. Nicht dass ich die Natur nicht lieben würde. Nicht dass ich mich nicht freuen könnte an einer verträumten Flusslandschaft, einem Schwarm zarter Libellen, einem frischen Wind, der durch die Blätter streicht. Noch mehr aber freue ich mich über einen gelungenen Satz, den irgend ein kluger Mensch so treffend formuliert hat, dass er mich zu stundenlangem Nachdenken bewegt. Oder an einer tiefschürfenden Ausstellung, die mich derart packt, dass ich mich noch Monate später mit Vergnügen daran erinnere.

Und so frage ich mich: Bin ich ein schlechterer Mensch, bloss weil ich ein gutes Buch einem verglühenden Lagerfeuer vorziehe? Weil ich meinen Drang nach Outdoor-Abenteuern mit jener Jungscharübung vor dreiundzwanzig Jahren, als ich bäuchlings im Schlamm liegen musste, für immer gestillt habe? Weil ich die Natur vor allem dann geniesse, wenn ich alleine durch den Wald streifen und ungestört nachdenken kann? Weil ich nicht den geringsten Drang verspüre, jemals in meinem Leben Campingferien zu machen, obschon das doch zu einer guten Kindheit gehören soll wie die gemeinsamen Mahlzeiten, die packenden Gutenachtgeschichten und die liebevolle Zuwendung?

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, währenddem ich dabei zusehe, wie die Kinder immer dreckiger und „Meiner“ immer zufriedener werden. Nach endlosen zwei Stunden sind alle dreckig und zufrieden genug und wir können aufbrechen, zurück in die gute Stube. Eigentlich könnte ich das Ganze jetzt wieder vegessen. Wenn sich nur meine Familie nicht darin einig wäre, dass wir diesen Ausflug in den nächsten Tagen unbedingt noch mindestens zweimal wiederholen sollten…

Wen wundert’s?

Wo ich gerade so schön in Fahrt bin mit Wettern, kann ich doch gleich noch ein wenig weitermachen. Immer mehr Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert und würden sie deshalb vernachlässigen, lese ich in der heutigen Ausgabe des „Sonntag“. Deshalb komme es immer öfter zu Obhutsentzügen. „Wie können diese Eltern nur?“, fragt sich die Bevölkerung empört und reibt sich erstaunt die Augen. Sind denn nicht alle Eltern so glückllich wie die Federers, Jolie-Pitts und wie sie alle heissen mögen?

Nein, sind sie nicht. Und ich kann mir auch langsam erklären, weshalb nicht. Bevor ich aber zu meinem Rundumschlag aushole, will ich eines klarstellen: Ich will mit keinem Wort die Vernachlässigung schönreden. Ich habe in meiner Zeit als Mutter ziemlich tiefe Tiefpunkte erlebt, doch auch die fieseste Depression gab mir nicht das Recht vollkommen aufzugeben. Einer Pflicht konnte ich mich nie entziehen. Nämlich der Pflicht, so laut um Hilfe zu brüllen dass die Wände wackelten und der Boden zitterte und zwar bevor die Kinder wegen meiner Überforderung vor die Hunde gingen.

Jetzt, wo ich dies klargestellt habe, komme ich zurück zum eigentlichen Thema. Ist es denn wirklich verwunderlich, dass gewisse Eltern überfordert sind? Seien wir doch ehrlich: Worüber macht sich eine junge Frau, die bis jetzt nicht viel mehr als ihr Aussehen und ihren Spass im Sinn hatte, am meisten Gedanken, bevor sie Mutter wird? Über die richtige Ernährung des Babies? Über die Kindersicherheit der Wohnung? Über die Frage, wie sie die Fassung bewahren wird, wenn sie wochen- und monatelang keinen Schlaf mehr bekommt? Nein, sie fragt sich, wie sie ihre Figur vor den unübersehbaren und vollkommen natürlichen Folgen einer Schwangerschaft bewahren kann.

„Alles soll spurlos am Körper vorbeigehen“, sagt die Spezialistin für Essverhaltensstörungen, Bettina Isenschmid, in der neusten Ausgabe des „Beobachters“. Sie erlebe in ihrem Berufsalltag immer wieder junge Frauen, die aus diesem Grund Angst vor einer Schwangerschaft hätten. Während früher die Frauen eine ganze Kindheit lang auf ihre zukünftige Rolle als Mutter vorbereitet wurden (was zugegeben auch nicht das einzig Wahre war), holen sie sich heute ihr ganzes Wissen über die Babypflege aus dem Werbeblock. Wie eine richtige Mama auszusehen hat, zeigt ihnen Heidi Klum bei „Germany’s next Topmodel“. Und dass Mamas immer glücklich, Papas immer gut verdienend und Babies immer süss sind, gehört zum Allgemeinwissen. Dass es Geldsorgen, Ehekräche, Koliken, Trotzanfälle, Übermüdung und Einsamkeit geben wird, sagt ihnen niemand. Und wenn doch einer versuchen sollte, es ihnen zu sagen, glauben sie es nicht.

Wenn Teenager mein Prinzchen sehen, schmachten sie nicht „Ach, wie süüüüüüss!“, sie rufen „Mein Gott, ist der dick!“ Im Ernst. Ist das Prinzchen besonders dick? Mitnichten. Er liegt genau im Schweizerischen Durchschnitt. Aber die Teenager haben gelernt, dass Dünnsein alles ist und deshalb wissen sie auch nicht mehr, dass ein Baby Babyspeck braucht, um überleben zu können. Wenn ich ihnen sage, dass dieser Speck nötig ist, weil sonst schon eine banale Magen-Darm-Grippe gefährlich werden könnte, starren sie mich ungläubig an. Und in ihren Augen lese ich nicht den festen Entschluss, ihr zukünftiges Kind mit allen Mitteln vor Gefahren zu bewahren. Nein, ich lese den festen Entschluss, dass sie dereinst mit allen Mitteln verhindern werden, dass ihr Baby einmal „so dick“ sein wird wie das Prinzchen. Und dass sie sich selber bestimmt nie so gehen lassen werden, wie ich dies tue.

Wundert sich noch jemand, dass junge Frauen, die mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf Mütter werden, mit der Realität überfordert sind? Ich nicht.

Schönheitskonkurrenz

Meistens ist es mir ja völlig egal, wie ich aussehe. Solange ich jeden Morgen Zeit für eine Dusche finde, die Kleider zumindest auf den ersten Blick sauber sind und mir die Haare nicht gerade in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstehen, ist für mich alles in bester Ordnung. Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin und das ist mir auch ganz recht so. Wer zu gut aussieht, muss sich zu viel Zeit nehmen, um sein Aussehen zu pflegen. Und diese Zeit kann ich besser gebrauchen. Zum Beispiel zum Bloggen. Oder zum Lesen. Oder zum Schwatzen.

Kurz, an fünfundneunzig von hundert Tagen fühle ich mich trotz meiner offensichtlichen Mängel absolut wohl in meiner Haut. Und dann plötzlich, eines Morgens stehe ich auf und sehe, dass ich nicht bloss ein Doppelkinn habe, sondern ein Drei- Vier- oder Fünffachkinn. Ich sehe Tränensäcke, graue Haare und elf überzählige Kilos, die ich immer noch von der letzten Schwangerschaft mit mir herumschleppe. Und natürlich habe ich auch ganz plötzlich nichts mehr zum Anziehen, weil die eine Hose meine Beine zu kurz macht, der andere Rock meinen Hintern zu dick und das T-Shirt meine Haut käsig erscheinen lässt.

An vier von diesen fünf Tagen löse ich das Problem, indem ich mir ein paar Bücher kaufe und meinen Anblick vergesse, bis ich mich wieder mit anderen Augen anschauen kann. Aber dann gibt es diesen einen Tag, an dem alles nichts hilft. Dann bin ich nämlich gezwungen, mich mit all meinen Mängeln aus dem Haus zu schleppen, weil es sich aus irgend einem Grund nicht vermeiden lässt. Und natürlich treffe ich ausgerechnet dann auf eine der wenigen Personen in meinem Bekanntenkreis, die etwas (oder vielleicht auch sehr viel) auf gutes Aussehen und eine gepflegte Erscheinung geben.

Wieso kann ich solche Leute nicht an den Tagen treffen, an denen mir wohl ist in meiner Haut? Und warum muss ich solche Leute immer dann treffen, wenn mindestens eine meiner Schwestern dabei ist? Meine Schwestern, muss man wissen, sind Frauen, die fünf Minuten nach einer Geburt schon wieder aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen. Frauen, die Nacht für Nacht neben dem Babybett durchwachen können, ohne auch nur einen Anflug von Augenringen zu bekommen. Die Schwangerschaftsstreifen, die Augenringe, das stumpfe Haar und was sonst noch zur Mutterschaft gehört, bleiben an mir hängen.

An normalen Tagen stört mich das kein bisschen. Das sind ja meine Schwestern und ich bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Doch wenn ich mich dann so richtig hässlich fühle und neben einer von ihnen stehe, wir beide mit einem hübschen Baby auf dem Arm, und es kommt jemand daher, um uns beide von Kopf bis Fuss zu mustern, dann wird mir doch etwas mulmig. Ich weiss ja, was jetzt dann gleich kommen wird: „Toll siehst du aus! Man könnte nicht glauben, dass du erst vor ein paar Monaten geboren hast.“ Das gilt natürlich meiner Schwester. „Und du siehst überhaupt nicht müde aus. Dabei hast du doch fünf Kinder.“ Wem das gilt, brauche ich wohl nicht zu sagen…

Mutterliebe

Wie lässt sich Mutterliebe messen? Gar nicht so einfach, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Während die einen finden, die Anzahl Stunden, die man täglich mit dem Kind verbringe, sei der Massstab für Mutterliebe, finden andere, es hänge davon ab, wieviel Geld man für das Kind liegen lasse.

Es könnte aber auch sein, dass Mutterliebe sich darin ausdrückt, dass man noch Jahre nach der Geburt das exakte Geburtsgewicht jedes Kindes im Schlaf herunterbeten kann. Dies zumindest suggeriert eine Frau, die sich nicht vorstellen kann, dass man fünf Kinder gleich gern hat wie eines oder zwei. Es ist ja schon paradox: Da nimmst du es auf dich, mehr als zweimal schwanger zu sein und zu gebären, stellst persönliche Interessen jahrelang in den Hintergrund und gewisse Leute sehen darin den Beweis, dass du ein Kinderfeind bist. Hä?

Gespräche mit Leuten, die so über kinderreiche Familien denken, verlaufen immer gleich. Zuerst verteidigen sie sich dafür, dass sie „nur“ zwei Kinder haben, obschon ich mit keinem Wort gesagt habe, dass alle Menschen fünf Kinder zeugen müssten. Dann beginnen sie, dir Fangfragen zu stellen, um zu testen, ob du als mehrfache Mutter noch Anteil nehmen kannst am Leben deiner Kinder, oder ob die armen Kinder völlig untergehen im Chaos. Die Frage, ob ich das Geburtsgewicht meiner Kinder noch wisse, war genau so eine Fangfrage. Zu dumm für die Fragerin, dass ich die Frage mit Ja beantworten kann. Jetzt hat sie nicht einmal einen Beweis dafür, dass meine Kinder für mich bloss noch anonyme Wesen sind. Und dabei hatte sie doch so gehofft, die Bestätigung zu erhalten, dass die klassische vierköpfinge Familie der einzig wahre Hort der Mutterliebe sei.

Für alle, die noch immer an meiner Liebe zu  meinen Kindern zweifeln: Ich weiss nicht bloss ihr Geburtsgewicht, sondern auch, wie lange sie waren und um welche Zeit sie geboren worden sind.  Karlsson, 3830 g, 51 cm, 23:57 Uhr, Luise, 3560 g, 49 cm, 21:51 Uhr, FeuerwehrRitterRömerPirat, 3210 g, 48 cm, 23:58 Uhr, Zoowärter, 3630 g, 52 cm, 01:37 Uhr, Prinzchen, 4360 g, 53 cm, 06:53 Uhr und nein, ich habe nicht nachgeschaut. Die Geburtsurkunden meiner Kinder schleppe ich nicht mit, wenn ich in die Ferien fahre. Da staunt ihr, wie lieb ich meine Kinder habe… 🙂

Die barfüssige Irre ist wieder da

Heute in der Früh wurde sie wiedermal gesichtet, die barfüssige Irre. Es ist schon eine ganze Weile her, seit man sie zum letzten Mal gesehen hatte, wie sie mit einem Kind im Schlepptau durchs Dorf hastete, ungekämmt, ungeduscht und mit ungeputzten Zähnen, mit irrem Blick und laut zeternd: „Jetzt mach schon mal! Ich kann die Kleinen nicht so lange alleine lassen. Du wärst doch jetzt wirklich gross genug….“ Den Rest versteht man nicht mehr, denn sie ist schon längst um die nächste Hausecke verschwunden.

Heute war sie zumindest geistesgegenwärtig genug gewesen, um sich noch schnell in die Kleider zu stürzen, bevor sie aus dem Haus ging. Auch schon wurde sie im Pyjama gesichtet. Aber eben, das ist ein paar Jahre her. Um genau zu sein vier. Es war in den ersten fünf Kindergartenwochen eines gewissen Karlsson vom Dach. Der kleine Karlsson hatte etwas Mühe damit, morgens sein Elternhaus zu verlassen und deshalb brauchte er etwas Hilfe von seiner Mama. Manchmal hatte seine Mama den Tag im Griff und dann trat sie, frisch geduscht, sauber gekleidet und gut gelaunt vor die Haustür. Im Schlepptau eine blitzsaubere Luise, im Kinderwagen einen friedlich schlafenden FeuerwehrRitterRömerPiraten, an der Hand einen traurigen, aber sauberen Karlsson.

An vielen Tagen aber hatte Karlssons Mama die Sache nicht so im Griff. Und dann schickte sie jeweils eine barfüssige Irre, die ihren Erstgeborenen begleiten sollte. Keiner weiss, weshalb eine normalerweise durchaus vernünftige Mama ihr kostbares Kind dieser Irren jeweils anvertraute. Doch während mehrerer Wochen begleitete diese unmögliche Frau den armen kleinen Karlsson fast täglich bis zur Kindergartentür und schwatzte auf ihn ein. Mit der Zeit wurde die sie zum Glück  immer seltener gesichtet, dann verschwand sie ganz. Karlsson ging jetzt selbstbewusst alleine zum Kindergarten und später in die Schule. Man hätte schon fast glauben können, die Irre sei weggezogen.

Doch heute, kurz vor acht hatte sie wiedermal einen Auftritt. Karlssons letzter Schultag in der zweiten Klasse war eine wichtige Angelegenheit. Und wie so oft bei wichtigen Angelegenheiten, verhielt sich Karlsson etwas unkooperativ.  Zwar wollte er auf jeden Fall Nutella, Honig, Halva-Brotaufstrich, Fruchtspiesschen für die ganze Klasse und zwei Bibliotheksbücher mitschleppen. Aber wie die ganze Ladung ins Schulhaus kommen sollte, hatten weder er noch sein Papa, der ihm alles eingepackt hatte, sich im Detail überlegt. Und ohne all die Dinge ging Karlsson nicht. Wenn er schon mal in der Schule frühstücken darf, muss das mit Stil und allem Drum und Dran vonstatten gehen. Zum Schluss, nachdem sie sich den Mund fusselig geredet hatte, blieb der Mama nichts anderes mehr übrig, als wieder mal die barfüssige Irre mit Karlsson auf den Schulweg zu schicken.

Ob das alles wahr ist, weiss allerdings niemand so genau. Die barfüssige Irre wurde nämlich heute nur ganz kurz gesichtet. Schon auf dem Heimweg von der Schule verwandelte sie sich wieder in eine ganz normale Mama, die mit zuckersüssen Anweisungen ihre anderen vier Kinder für den langen Tag bereit machte.

Wie steht’s mit den Falten?

Nein, nicht mit meinen Falten. Die sind mir eigentlich noch ziemlich egal und ich hoffe, dass dies so bleibt. Man weiss zwar nie, wie man reagieren wird, wenn die Falten dann tatsächlich da sind. Aber eben, von meinen (zukünftigen) Falten soll hier nicht die Rede sein. 

Ich meine natürlich jene Hautfalten, die bei Babies so schwer zu reinigen sind, die aber unbedingt sauber sein müssen. Diesen hatte ich eigentlich nie eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich reinigte sie zig mal am Tag, salbte sie, wenn es nötig war und manchmal, wenn das Baby allzu störrisch gegen meinen Bauch trat und sich nach allen Seiten wand, schaffte ich es nicht, den ganzen Dreck zu entfernen. Ja, und dann las ich jenen Artikel über vernachlässigte Kinder. Plötzlich wurden diese Falten für mich zum Test, ob ich als Mutter überhaupt noch etwas taugte.

Es war in den dunkelsten Zeiten meiner Mutterschaft, als ich täglich bereits um neun Uhr morgens vom Gefühl geplagt wurde, total zu versagen. Als ich es nicht mehr schaffte, das Chaos in den Griff zu bekommen und abends meistens heulend ins Bett sank, weil ich es wieder nicht geschafft hatte, meinen Kindern gerecht zu werden. Ich hatte den Eindruck, die schlechteste Mutter auf diesem Erdboden zu sein. Da las ich in jenem Artikel, Mütterberaterinnen und Kinderärzte könnten an der Sauberkeit der Hautfalten erkennen, ob ein Kind vernachlässigt werde oder nicht. Natürlich stand in diesem Text noch viel mehr, doch das mit den Falten brannte sich bei mir im Gerhirn ein.

„Sind die Hautfalten des Babys heute sauber?“ wurde zur überlebenswichtigen Frage. Da konnte ich mich noch so sehr in Selbstzweifeln zerfleischen, solange die Falten sauber waren, hatte ich noch nicht vollkommen versagt, die Kinder waren noch nicht vernachlässigt. Sind die Falten noch sauber, ist noch nicht alles im Eimer. Heute ist diese Frage zum Glück wieder weit in den Hintergrund gerückt. Heute weiss ich wieder, dass ein Kind, das lacht und sich prächtig entwickelt keinen Mangel leidet.

Doch hin und wieder, wenn ich das Prinzchen wickle, erinnere ich mich, wie das damals war, als eine saubere Hautfalte das Einzige war, was mir noch Sicherheit gab. Und dann vergiesse ich innerlich eine Träne für all die unzähligen Mamas auf der Welt, die sich als die totalen Versagerinnen fühlen, weil sie in ihrer Überforderung nicht mehr sehen können, wie gut sie ihre Sache in Wirklichkeit machen.

Lesetherapie

Tage wie heute übersteht man nur lesend. Der Himmel ist grau in grau, es ist zu kalt, um mit den Kindern nach draussen zu gehen. Ausserdem ist Dienstag. Das bedeutet, dass morgens drei, nachmittags fünf Kinder von mir unterhalten werden wollen und „Meiner“ erst spät nach Hause kommt. Mal ist Karlsson für eine Stunde weg, dann muss Luise zur Freundin begleitet und nach knapp zwei Stunden wieder abgeholt werden, dann bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat Besuch. Keine Chance für Mama, eine anständige Arbeit in Angriff zu nehmen.

Also schleiche ich den ganzen Tag mit einem Buch vor der Nase herum. Zum Glück habe ich gerade ein Neues. Das Oeuvre ist zwar nicht gerade nobelpreiswürdig, doch immerhin spannend genug, dass ich noch heute erfahren will, wer wen heiratet. Ausserdem ist der Plot seicht genung, dass man das Buch mitten im Satz in die Ecke schmeissen kann, wenn das Prinzchen im Begriff ist, in ein Kabel zu beissen. So ganz nebenbei gefragt: Kann mir mal jemand verraten, was an einem Kabel so spannend sein soll? Da liegen haufenweise babytaugliche Spielsachen herum, doch das Prinzchen steuert stets zielstrebig auf die Kabel los.

Jetzt aber zurück zum Buch. Zwei Dinge erschweren es mir, endlich zur letzten Seite zu gelangen. Erstens: Wie kann man lesend Fussböden putzen? Und an solchen Tagen muss man lesen beim Putzen, sonst wird’s frustrierend. Wann endlich erfindet ein kluger Kopf den Besen mit integrierter Buchhalterung? Ja, ich weiss, inzwischen gibt es Hörbücher. Doch wie soll man sich bei diesem Krach Hörbücher anhören? Das zweite Problem: Karlsson hat mich durchschaut. „Mama, du kannst nicht schon wieder Pause machen“, weist er mich zurecht, als ich mich wiedermal für fünf Minuten mit meinem Buch zurückziehe. Also schliesse ich mich ins WC ein. Dann sieht er nicht, dass ich am Lesen bin. Karlsson ahnt, dass ich lesen will: „Was machst du, wenn du mal dein Buch nicht findetst, wenn du aufs WC gehst? Du kannst ja nicht einfach in die Hose machen, bloss weil du dein Buch verlegt hast?“ Ein paar Momente später brüllt er: „Mama, du bist wieder am Lesen! Es ist jetzt fünf Minuten her, seit du die Toilette gespült hast und du bist immer noch im Badezimmer.“ Karlsson betrügen heisst, die Götter betrügen. Und was tut er, währenddem er mich zurechtweist? Sitzt auf dem Sofa und steckt seine Nase in ein Buch!

Nach so einem Nachmittag bietet sogar ein Elternabend eine willkommene Abwechslung. Zu dumm nur, dass ausschliesslich alte Hasen anwesend sind. Keine einfältigen Fragen, keine endlosen Diskussionen. Um halb acht bin ich schon wieder zu Hause. Zum Glück hat „Meiner“ die Kinder trotzdem schon alle im Bett, so kann ich wenigstens jetzt mein Buch fertig lesen.

Bitte recht freundlich

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind aus unseren Identitätskarten herausgewachsen, das Prinzchen braucht seine Erste. Lange liess sich die Sache herauszögern, doch langsam drängt die Zeit. Sonst wird nichts aus den Sommerferien. Also ab zum nächsten Fotografen. Doch der will nichts wissen von Passfotos. Die Maschine sei kaputt. Dann eben zum Nächsten.

Damit das Prinzchen nicht allzu lange still sitzen muss, kommt er zuerst dran. Anfangs läuft alles bestens. Bis die Fotografin wissen will, ob wir nicht dafür sorgen könnten, dass das Prinzchen seinen Mund geschlossen hält. Selbstverständlich können wir das. Wenn sie uns eine Rolle Klebeband zur Verfügung stellt. Bloss sind wir nicht sicher, ob das Bild dann noch durchgeht, oder ob unser Prinzchen zum Terroristen abgestempelt wird, bevor er laufen kann.

Schliesslich lässt die Fotografin die Bilder auch mit offenem Mund gelten und bittet den FeuerwehrRitterRömerPiraten auf den Stuhl. Mit finsterer Miene sitzt er da, was aber niemand sehen kann, weil er unverwandt auf seine Schuhspitzen starrt. All unser Drohen, wenn er nicht mitmache, könnten wir nicht in die Ferien fahren, hilft nichts. Stur starrt er vor sich hin. Also kommt Mama dran. Vielleicht merkt dann der FeuerwehrRitterRömerPirat, dass Fotografieren nicht weh tut.

Ich habe keine Angst vor der Kamera. Dafür aber vor den Bildern. Ist die Frau auf dem Bild tatsächlich die Gleiche wie die auf der alten Identitätskarte? Auf dem alten Foto war noch nichts von diesem neckischen Doppelkinn zu sehen. Und auch die Augenringe waren damals noch nicht da. Nun, zwischen den beiden Bildern liegen elf Jahre, fünf Schwangerschaften, zahllose schlaflose Nächte und ein paar klitzekleine Enttäuschungen. Aber dass man dies alles einem Passbild ansieht, ist erschreckend. Wahrscheinlich hat Ephraim Kishon recht: Wenn man beginnt, seinem Passbild zu ähneln,  ist es höchste Zeit wegzufahren. Vielleicht hätten wir die Bilder erst nach den Ferien machen lassen sollen. Aber ohne neue Identitätskarte keine Reise und ohne neues Bild keine neue Identitätskarte.

Als „Meiner“ die Fotos sieht, meint er, ich sollte vielleicht noch einmal posieren. Doch leider wird der Kopf auf einem neuen Bild immer noch der Gleiche sein, also kann man die Bilder lassen, wie sie sind. Obschon natürlich immer die nagende Ungewissheit bleibt, ob der Chef der Einwohnerkontrolle diese akzeptieren wird. Normalerweise schaut er sich die Fotos mit ernster Miene an und brummt: „Da bin ich mir aber nicht sicher, ob diese Bilder durchkommen.“ Wenn man ihm dann versichert, dass die Fotografin aber alles nach Vorschrift gemacht habe, runzelt er die Stirn und meint, man könne es ja einmal probieren, wir sollten uns aber nicht wundern, wenn wir nochmals zum Fotografen müssten. Bloss das nicht!

Irgendwann haben wir alle Fotos, auf der Einwohnerkontrolle wird man für einmal sogar freundlich empfangen und schliesslich sind die Karten  bestellt und bezahlt. (Macht insgesamt 125 Franken plus dreimal fünf Franken Gebühr fürs Einschreiben, damit jede Karte separat an die gleiche Adresse zugestellt werden kann. Es lebe die Bürokratie!)

Zu Hause wird feierlich ein oranges Post-it entsorgt. Jetzt bleiben bloss noch etwas 498. Das muss gefeiert werden!

Widersprüche

Zugegeben, die Beiträge von gestern und vorgestern stehen schon ein bisschen im Widerspruch zueinander. Vorgestern zeige ich mit dem Finger auf Eltern, die ihren Kindern nichts beibringen und sie vor der Glotze vergammeln lassen. Gestern will ich meine Kinder mit Glotzen vom Schwimmen abhalten, nur weil ich zu faul bin, mich am Sonntagnachmittag zum Fleischmarkt, auch Schwimmbad genannt, zu begeben.

Das ist es doch genau, womit wir Eltern immer wieder zu kämpfen haben. Wir wollen unseren Kindern beibrizungen, alles mit Bedacht anzugehen und sich nicht hetzen zu lassen. Gleichzeitig treiben wir sie den ganzen Tag an. Beeil dich! Mach vorwärts! Wir kommen zu spät. Wir predigen unseren Kindern, dass jedes Lebewesen wertvoll ist. Ist der Küchenboden dann mit Maden übersät, kreischen wir wie Teenager und töten die Biester mit dem Wallholz. Wir moralisieren, dass es immer das Beste sei, die Wahrheit zu sagen und zwei Tage später ertappen uns die Kinder dabei, wie wir die Geschichte, wie der Badezimmerspiegel in die Brüche geganen ist, beschönigen.

An dieser Stelle kann ich ja zugeben, dass es ein Wutanfall war. Und zwar einer von mir. Ach ja,  die zerbrochene Haarbürste geht auch auf mein Konto. Und dass das letzte Tafelservice nur zwei Jahre gehalten hat, liegt auch zu einem grossen Teil an meinem aufbrausenden Temperament. Ich sag’s meinen Kindern ja immer wieder:  Wütendwerden ist okay, in der Wut Gegenstände zerstören ist nicht okay. Warum nur glauben sie mir nicht?

Tag der frustrierten Hausfrau

Heute war der Tag der frustrierten Hausfrau. Das ist der Tag, an dem sich die Vollzeithausfrau einmal mehr bewusst wird, dass eine glückliche Mutter nicht automatisch auch eine glückliche Hausfrau ist. Der Tag, an dem sie ihrer Fähigkeiten gedenkt, die sie früher einmal einsetzen konnte, die ihr heute aber keiner mehr zutraut. Der Tag, an dem sie sich hundertmal sagt, dass die Kinder nicht Schuld sind daran, dass ihr manchmal einfach alles zuviel wird und sie diese trotzdem anschnauzt, weil sie mit ihrer Fröhlichkeit vom Trübsalblasen ablenken.

Ich weiss nicht, wie andere frustrierte Hausfrauen diesen Tag begehen. Bei mir beginnt er für gewöhnlich damit, dass Karlsson morgens um Viertel vor sieben brüllt, er wolle jetzt endlich aufstehen und mir mit seinem Gebrüll dreissig Minuten wertvollster Schlafenszeit raubt. Weiter geht so ein Tag mit einem Arzttermin, bei dem festgestellt wird, dass Luise auf dem rechten Auge nur halb so viel sieht wie auf dem Linken, weil sie am Montag einen Stecken ins Auge bekommen hat. Nächste Station ist der Schuhladen, wo wiedermal eine Umtauschaktion vorgenommen werden muss. Luises „Qualitätsschuh“ (Siehe „Immer diese Schuhe“) hat nun, nach bloss zwei Wochen, ebenfalls das Zeitliche gesegnet. Mit neuen „Qualitätsschuhen“ und einer Verspätung von vierzig Minuten hetzt man nach Hause, um ein versalzenes Mittagessen auf den Tisch zu zaubern.

Zur Feier des Tages gibt es am Nachmittag eine freie Stunde. Zeit, um sich in einen frustrierenden Roman zu vertiefen. Darin dreht sich alles um ein Frau, die noch keine frustrierte Hausfrau ist, die aber alles daran setzt, so schnell als möglich eine zu werden. Für das Sahnehäubchen sorgt schliesslich die Tageszeitung. Einmal mehr wird einem bei der Lektüre bewusst, dass man bei dieser Wirtschaftslage wohl noch länger die frustrierte Hausfrau bleiben wird.