Ade, du kleine heile Welt

Bevor ich hier loslege, muss ich eines klarstellen. Ich gehöre nicht zu jenen Müttern, die an das Prinzip „Kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen“ glauben. In meinen Augen gibt es nichts Gemeineres, als einer übernächtigten, überforderten und vom schlechten Gewissen geplagten Mutter eines Kleinkindes zu sagen, dass das, was ihr so zu schaffen mache, überhaupt nicht schlimm sei, sie werde dann sehen, was ihr blühen werde, wenn die Kinder erst mal gross seien. Das ist nämlich gleich zweifach unfair: Erstens nimmt man die Probleme der Mutter nicht ernst und zweitens nimmt man ihr allen Mut für die Zukunft. Wenn ich jetzt also zu jammern beginne, wie schwer es mir fällt, von der Kleinkinderwelt Abschied zu nehmen, will ich damit keineswegs sagen, die Kleinkinderwelt sei immer nur rosarot und himmelblau.

Jetzt, wo dies klargestellt ist, kann ich ja hemmungslos klagen, dass Karlsson und Luise langsam gross werden und mir neue Probleme ins Haus bringen, von denen ich zwar schon gelesen habe, die ich aber in der Praxis noch nicht habe lösen müssen. Wie soll ich zum Beispiel damit leben können, dass Luise mich plötzlich jedesmal schräg ansieht, wenn ich ihr rosarote Kleider anschleppe? Mein einziges Mädchen fühlt sich zu gross für Rosa! Bald schon wird sie wohl schwarz gekleidet und gepierct vor mir stehen!

Oder nehmen wir die Sonntage. Bis vor zwei Wochen war alles noch so einfach: Sonntag ist Familientag, wir bestimmen gemeinsam, was wir machen und mit Klassenkameraden abgemacht wird am Sonntag grundsätzlich nicht. Ja, und jetzt stehen da plötzlich Luises Freundinnen vor der Tür und wollen, dass sie rauskommt. Uns Eltern bleibt die Wahl zwischen einer übellaunigen Luise, die sehnsüchtig vom Balkon aus ihre Freundinnen beobachtet und nichts mit uns zu tun haben will oder einer Luise, die wir sonntagnachmittags nur noch von Weitem zu sehen bekommen.

Dann wäre da noch die Technik. Bis anhin waren der Computer, das Handy und der Fernseher die Domäne von Mama und Papa. Okay, unsere Kinder haben zum Glück noch immer nicht begriffen, dass man sich am Fernseher rund um die Uhr Mist anschauen könnte, doch beim Handy und dem Computer sind sie kräftig am Aufholen. So weckte mich heute Karlsson mit meinem Handy in der Hand, auf dem Display irgend ein Spiel mit Bomben, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existiert, geschweige denn auf meinem Handy installiert ist. Ein paar Tastendrucke später sieht sich Karlsson mit der Frage konfrontiert, ob er noch weitere Spiele auf mein Handy laden wolle. Spätestens jetzt war ich hellwach und zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, dass ich für die nächsten zwanzig Jahre hellwach werde bleiben müssen, wenn ich nicht will, dass meine Kinder vor die Hunde gehen.

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Wie viel ist zu viel?

Wie viel müssen oder dürfen Geschwister einander helfen und wie oft dürfen sie zu Recht fragen „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Zum Glück habe ich vor langen Jahren einmal diese Diskussion mit einem militanten Einzelkind geführt, sonst wäre ich als Grossfamilienkind wohl nie für dieses wichtige Thema sensibilisiert worden. Wo es für mich doch vollkommen normal war, dass die älteste Schwester nachts um drei mein Erbrochenes aufwischte.

Was ein militantes Einzelkind sein soll, höre ich meine Leser  fragen. Nun, in meiner Erfahrung gibt es drei Sorten von Einzelkindern. Da sind erstens mal die, die mit ihrer Familie vollkommen zufrieden sind. Klar hätten sie gerne mal ab und zu einen grossen Bruder gemietet, aber im Grossen und Ganzen waren sie so glücklich wie alle anderen Kinder auch, mal mehr, mal weniger. Dann gibt es die, die mit ihrer Familie vollkommen unglücklich sind. „Meiner“ gehört zu dieser Kategorie. Noch heute bedauert er zutiefst, dass er ohne Geschwister aufwachsen musste. Darum hat er ja auch mich geheiratet. Andere Männer heiraten ihre Frauen des Geldes wegen, „Meiner“ heiratete mich meines unüberschaubaren Clans wegen. Von dem Moment an, als er die Namen meiner sämtlichen Brüder, Schwestern, Schwägerinnen, Schwager, Neffen und Nichten  auf dem Papier sah, vergötterte er mich.

Ja, und dann gibt es die dritte Kategorie, die militanten Einzelkinder, die zutiefst davon überzeugt sind, dass jede andere Familienform menschenunwürdig ist. So ähnlich wie gewisse zwanzigfache Mütter jedem predigen, er müsse sich grenzenlos vermehren, predigen sie, es sei verantwortungslos, mehr als ein Kind grosszuziehen. Mit eben so einem Einzelkind diskutierte ich vor Jahren die Frage, wie viel Verantwortung Geschwister füreinander tragen sollen. Dass sie sich auf diesem Gebiet für eine Expertin hielt, spricht für sich…

Seither also beschäftigt mich diese Frage. Auf dem Papier ist ja alles ganz einfach: Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch in der Praxis gibt es Fälle, die sonnenklar sind. Dass zum Beispiel Luise „Meinem“ und mir das Sorgerecht für das Prinzchen entziehen und alleine für ihn sorgen will, geht nun mal einfach nicht. Und dass Karlsson ohne Gebrüll ein Papierfetzchen aufheben kann, auch wenn es der FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Boden geschmissen hat, sollte eigentlich keine Frage sein. Aber schon diese glasklaren Fälle lösen, je nach Laune der Kinder, heftige Diskussionen aus.

Je weiter wir uns in die Grauzone wagen, umso ausgedehnter werden die Verhandlungen. Muss Luise ihr Zimmer selber aufräumen, auch wenn eigentlich der Zoowärter, der das Konzept von  Ordnung noch nicht verinnerlicht hat, das Chaos angerichtet hat? Ist es zumutbar, dass Karlsson für zehn Minuten seine Hausaufgaben unterbricht, um auf den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufzupassen? Damit Mama nicht die ganze Horde mitschleppen muss, wenn sie Luise zur Ballettstunde fährt. Kann man vom Zoowärter  verlangen, dass er seine Schokolade mit den Grossen teilt, auch wenn er noch nicht ganz versteht warum? Kann man umgekehrt von Luise erwarten, dass sie dem Zoowärter etwas von ihrem Schleckstengel abgibt, den sie von der Geburtstagsparty mitgebracht hat?

Für meine Diskussionspartnerin vor vielen Jahren wäre die Antwort auf alle Fragen dieselbe gewesen: Nein, nein und nochmals nein. Für mich hingegen ist es ein tägliches Abwägen, wie ich es schaffe, keinem zu viel Verantwortung aufzubürden, keinen zu bevorzugen, jedem seinen Freiraum einzugestehen, jedem zu zeigen, dass er zwar wichtig und einzigartig,  nicht aber der Nabel der Welt ist.  Dies alles mit dem Ziel, die fünf zu mehr oder weniger gesellschaftsfähigen Menschen zu erziehen (die ihre Geschwister auch als Erwachsene noch lieben…).

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Zehn fragen, die ich nicht mehr hören will

„Haben Sie noch etwas für mich dagelassen, oder haben Sie den ganzen Laden leergekauft?“ – Ach, wie originell! Jeder denkt, er sie der Erste, der diesen Witz bringt, dabei höre ich ihn jedesmal, wenn ich donnerstags meine Einkäufe zum Auto karre. Und ja, natürlich habe ich den ganzen Laden leergekauft.

„Bist du müde?“ – Müde? Ich? Wie kommst du denn darauf? Wo ich doch jede Nacht neun Stunden schlafe, morgens in aller Ruhe frühstücke, die Zeitung lese, zur Massage gehe, mit der Freundin Kaffee trinke, auswärts zu Mittag esse, einen zweistündigen Mittagsschlaf halte und den Rest des Tages mit Shopping verbringe.

„Warum habt ihr denn einen solchen Stress zu Hause?“ Nun ja, das wissen wir auch nicht so genau. Aber es könnte eventuell etwas damit zu tun haben, dass wir fünf Kinder haben. Obschon es auch daran liegen könnte, dass wir jeden Monat einmal den Rasen mähen müssen.

„Sind das alles eure Kinder?“ – Welche Kinder denn? Ach so, die fünf, die mir und „Meinem“ wie aus dem Gesicht geschnitten sind und die stets hinter uns herlaufen? Kein Ahnung, woher die kommen und warum die mich immer Mama nennen.

„Frau Venditti, ich wollte nur mal nachfragen, ob Sie den Krankenkassenantrag schon ausgefüllt haben?“ – Welchen Krankenkassenantrag? Ach so, denjenigen, den Sie mir vor sechs Monaten geschickt haben? Ich muss Sie doch bitten! Wie soll ich in so kurzer Zeit einen Krankenkassenantrag ausfüllen? Und dann auch noch zurückschicken? Wissen Sie überhaupt, wie lange ein Zweieinhalbjähriger braucht, um bis zur Post zu gelangen? Und ohne meinen Zweieinhalbjährigen gehe ich nicht aus dem Haus.

„Darf ich Ihnen etwas zum Lesen bringen?“ – Nein, dürfen Sie nicht, es sei denn, Sie haben etwas Intelligenteres als „Frau im Spiegel“. Und überhaupt: Ich hasse Coiffeurbesuche.

„Habt ihr diesen Film schon gesehen?“ – Leider sind wir noch nicht dazu gekommen in den zwei Tagen, die er bereits im Kino läuft. Aber wir sind sicher, dass wir ihn uns ansehen werden, wenn er in fünf Jahren als Free-TV-Premiere schlecht synchronisiert im Fernsehen gezeigt werden wird.

„Wann wart ihr denn zum letzten Mal im Kino?“ – Wann war das nochmals? Als „Titanic“ lief? Oder nein, ich glaube, es war „When Harry met Sally“, oder vielleicht auch „Dirty Dancing“.

„Frau Venditti, haben Sie kurz Zeit für ein paar Fragen?“ – Habe ich nicht, also lassen Sie mich in Ruhe. Und überhaupt: Haben Sie noch nie gehört, dass man um zwölf Uhr mittags niemanden anruft? Haben Sie verstanden: N – I -E-M-A-N-D-E-N. Und schon gar nicht Frau Venditti. Die hat nämlich mittags um zwölf immer besonders viele Haare auf den Zähnen.

„Verlierst du eigentlich nie die Geduld?“ – Nein, ich verliere sie nie. Kann ich gar nicht, denn ich habe sie noch gar nicht gefunden. Und was man nicht hat, kann man auch nicht verlieren.

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Karriere

Das neue Schuljahr bringt neben neuen Lehrerinnen, neuen Stundenplänen und neuem Schulmaterial auch eine neue Rollenteilung mit sich, zumindest am Dienstag. Dieser Tag gehört ab sofort mir und meiner „Berufstätigkeit“, zumindest, wenn Luise nicht wegen eines unglücklichen Kopfsturzes frühzeitig aus der Schule nach Hause kommt. Am Vormittag sind die Kinder ausser Hauses, am Nachmittag schmeisst „Meiner“ den Laden und ich gehe meiner ach so wichtigen „Arbeit“ nach und tue so, als ob ich von all dem Trubel zu Hause nichts mitbekäme, obschon ich natürlich alles höre. Es liegt ja auch bloss eine Bürotür zwischen mir und meinem Alltag. Doch egal, wie laut das Gebrüll auf der anderen Seite der Tür auch sein mag, es geht mich nichts an. Soviel Ausblenden muss nach fast neun Jahren Mutterschaft einfach möglich sein.

Weil ich aber weiss, wie nervenaufreibend solche Nachmittage mit fünf Kindern sind und wie gut es tut, ausgiebig zu jammern, höre ich geduldig zu, als mir „Meiner“ abends ausführlich schildert, was ihn so alles auf die Palme gebracht hat. Er erzählt mir des Langen und Breiten von einem mühsamen Spaziergang mit drei widerspenstigen Venditti-Kindern. Insgeheim warte ich darauf, dass er endlich auf den Punkt kommt und mir erzählt, was daran soooooo schlimm war. Aber es kommt nur das Übliche: Der FeuerwehrRitterRömerPirat wollte um alles in der Welt den Kinderwagen schieben, was aber gehörig daneben ging, weshalb „Meiner“ nicht vom Fleck kam. Derweil rannte der Zoowärter auf die Kreuzung zu und liess sich durch keine väterliche Ermahnung bremsen. All das hat dazu geführt, dass der ganze Trupp zu spät nach Hause kam, weshalb das Abendessen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, die Küche im Chaos unterging und Karlsson nicht Geige üben konnte. Weitere Details sind mir entfallen, aber klar ist: Es war der ganz normale Wahnsinn, mit dem ich mich tagtäglich herumschlage. Deshalb konnte  ich nicht anders, als irgendwann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist denn nur mit „Meinem“ los? Der gute Mann hat schon mindestens so viele Windeln gewechselt wie ich, ist nachts wohl noch häufiger aufgestanden als ich, ist schon vier Tage alleine mit vier Kindern in die Ferien gefahren und hat sie jahrelang abends alleine zu Bett gebracht, währenddem ich mich darum bemühte, meinen Englischschülern das „s“ in der dritten Person Singular einzuprügeln. So einen Mann haut doch nichts mehr aus den Socken, nicht wahr? Leider doch wahr: Der ganz normale (Schul)alltag mit den Kindern ist eben noch eine Stufe anspruchsvoller als all das, was „Meiner“ bis anhin geleistet hat.

Bin ich nicht nett, dass ich „Meinem“ diesen Karriereschritt ermögliche?

Und plötzlich ist er wieder drei…

Was bin ich doch naiv! Da glaube ich immer noch, ein Kind werde von Tag zu Tag selbständiger, von Woche zu Woche vernünftiger, von Monat zu Monat weiser. Und dann reibe ich mir verwundert die Augen, wenn der fast neunjährige Karlsson plötzlich wieder drei ist. Wenn er ein Gebrüll macht, weil Mama und Papa sich erfrecht haben, die Taralli aufzuessen. Wenn er die Türen knallt, bloss weil er seine Sandalen verlegt hat. Wenn er einen Tobsuchtanfall bekommt, weil er abends nach dem Zähneputzen keine Birne mehr essen darf. Fehlt nur noch, dass er sich in der Migros wütend auf dem Boden hin und her wälzt und wir befinden uns wieder mitten im finstersten Trotzalter, das wir doch schon längst überwunden geglaubt hatten. Zumindest bei Karlsson.

Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen. All das Gerede von regressiven Phasen und dergleichen ist uns bestens bekannt. Aber was im Erziehungsratgeber so einfach  klingt, – nicht zu viel Aufhebens machen darum, das Kind nicht lächerlich machen, Verständnis zeigen, – ist gar nicht immer so leicht. Die Ruhe bewahren, wenn Karlsson am Sonntagmorgen mit seinem Gebrüll die halbe Nachbarschaft weckt, weil er zwar Bus fahren will, nicht aber auf eigenen Füssen zur Bushaltestelle gelangen will? Aber natürlich zeigen wir Verständnis! Auch wenn die ersten verärgerten Nachbarn hinter dem Vorhang hervorlugen. Die Nerven nicht verlieren, weil ein Glas durch die Küche fliegt? Ist doch kein Problem, das Kind muss eben seinen Frust loswerden! Auch wenn dabei Leib und Leben der halben Familie gefährdet ist?

Es ist ja verständlich, dass ein Lehrerwechsel für Karlsson so wichtig ist wie für uns ein Stellenwechsel. Aber muss er denn gleich so wild werden? Immerhin schmeisst Mama auch nicht mit Gläsern, wenn sie sich in einer regressiven Phase befindet – zumindest nicht, wenn die Kinder dabei sind…

Was bin ich doch für ein toleranter Mensch…

Okay, vielleicht habe ich meinen Mund etwas voll genommen, als ich vor ein paar Tage an dieser Stelle forderte, wir Mütter sollten einander leben lassen, egal, ob wir nun vollzeitlich zu Hause sind oder ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen. Denn was schiesst mir als Erstes durch den Kopf, als mir heute eine Mutter mit leuchtenden Augen erzählt, wie erfüllend es doch sei, den lieben langen Tag mit den Kindern zu Hause zu sein? Was genau ich gedacht habe, behalte ich lieber für mich, denn es war nicht besonders nett, aber es ging so in Richtung: „Armes Muttchen…“. Ja, so tolerant bin ich, wenn  das Programm „Jeder muss selber wissen, was richtig ist für seine Familie“ wieder mal ausgestiegen ist. Immerhin verkneife ich mir die dummen Bemerkungen.

Überhaupt: Was hätte ich denn schon zu sagen? Dass ich eigentlich gar nicht Vollzeithausfrau wäre, wenn da nicht diese doofe Wirtschaftskrise wäre? Dass ich schon ganz interessante Projekte auf die Beine gestellt hätte, wenn ich mich besser verkaufen könnte? Dass „Meiner“ und ich eine sehr moderne Rollenteilung leben würden, wenn wir nicht durch ein paar Fehlentscheide in unserer sehr altmodischen Rollenteilung festgefahren wären? Vermutlich liegt es gerade an diesem „hätte, wäre, würde“, dass mich glückliche Vollzeithausfrauen zuweilen so auf die Palme bringen. Denn jede glückliche Vollzeithausfrau führt mir vor Augen, dass sie mit etwas zufrieden sein kann, was mich in tiefste Unzufriedenheit stürzt.

Ach ja, wenn wir schon beim Geständnis sind: Es treibt mich auch auf die Palme, wenn ein Mann sagt, die Küche sei das Reich seiner Frau, das Esszimmer Seines. Habe ich heute auch gehört. Aber  mit solch hoffnungslosen Fällen beschäftige ich mich lieber nicht zu lange, sonst geht meine christliche Nächstenliebe endgültig flöten…

Hört doch endlich auf damit!

So langsam geht mir das Ganze gehörig auf die Nerven. Immer dieses elende „Entweder – Oder“, dieses „Wer macht’s besser?“, dieses „Es gibt nur einen richtigen Weg und ich weiss, welcher das ist“. Es geht um die Frage der Steuererleichterung für Familien, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Ein wichtiger Entscheid, der aber ganz klar auch ungerecht ist gegenüber Eltern, die auf ein zweites Einkommen verzichten um ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Was macht man da? Sucht man nach gerechteren Lösungen? Versetzt man sich in die Haut des anderen, um zu verstehen, warum er dafür oder dagegen ist? Muss man überhaupt dafür oder dagegen sein, oder gibt es auch ein „Ja, aber vergesst die anderen nicht“?

Anstatt sich diesen Fragen zu stellen, tritt man lieber wieder die ewige Diskussion los, ob Mamas (die Rede ist noch immer nicht von den Papas) die besseren Mamas sind, wenn sie zu Hause bleiben oder ob sie „das Recht“ haben, auswärts zu arbeiten. Wieder müssen wir uns SVP-Frauen anhören, die erklären, dass sie selber es sich niiiiiiieeeee vorstellen könnten, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen, dass es aber selbstverständlich Familien gibt, die „das müssen“. Wobei der saure Gesichtsausdruck klar macht, dass „müssen“ nur gilt, wenn es finanziell nicht anders geht und nicht etwa, wenn Mama draufgeht, weil sie ausschliesslich zu Hause ist. Auf der anderen Seite reden dann die Karrierefrauen, die jede Frau als rückständiges Muttchen betrachten, wenn sie ihren beruflichen Erfolg in den Hintergrund stellt wegen der Kinder.

Ach hören wir doch endlich auf damit! Es ist doch klar: Wer sich für Kinder entscheidet, hat ein unendlich reiches Leben, bezahlt aber auch einen hohen finanziellen Preis dafür. Ob wir nun auf ein zweites Einkommen verzichten um die Kinder zu Hause zu betreuen, oder ob wir unser sauer verdientes Geld für die Kinderbetreuung ausgeben, am Ende des Monats stehen wir alle (oder zumindest die durchschnittlich Verdienenden) etwa gleich da: Das Konto ist leer, die Rechnungen türmen sich. Wir haben wieder einmal alles gegeben und wissen doch nie, ob es genug war und ob wir im nächsten Monat endlich einmal genug Geld auf der Seite haben werden um uns dieses wohlverdiente Candle-light Dinner inklusive Babysitter zu leisten.

Hören wir doch auf mit den ewigen Grabenkämpfen und sorgen wir dafür, dass sich die Bedingungen für alle Familien endlich verbessern. Ob die anderen nun die gleichen Entscheide getroffen haben wie wir oder nicht.

Die Glucke und ich

Nein, als die klassische Glucke würde ich mich nicht bezeichnen. Ich muss nicht jeden Schritt meiner Kinder überwachen, muss auch nicht rund um die Uhr mit ihnen zusammen sein und Händchen halten. Aber vor Tagen wie morgen wird mir jeweils klar, dass da irgendwo, tief in mir drinnen, doch eine Glucke schlummern muss.

Luise kommt in die Schule. Was dazu führt, dass ich schon Wochen vorher davon träume, wie ich flennend auf dem Pausenplatz stehe. Und ganz bestimmt werde ich das morgen auch tun, denn meine einzige Tochter ist endgültig kein Baby mehr. Auch kein Kleinkind. Jetzt will sogar schon fast kein Rosa mehr tragen. Schrecklich, nicht wahr? Da freut man sich jahrelang auf den Tag, an dem Luise lesen und schreiben kann und plötzlich taucht die Glucke auf, die einem leise ins Ohr flüstert, dass es nach dem ersten Schultag noch zwei, vielleicht drei Wochen geht, bis das Kind erwachsen ist und nichts mehr von Mama wissen will.

Aber es kommt noch schlimmer. Morgen geht nämlich der FeuerwehrRitterRömerPirat zum ersten Mal in den Kindergarten. Eben noch habe ich ihm die Windeln gewechselt – und ach, was bin ich froh, dass ich das nicht mehr tun muss! – und schon muss ich schauen, wie ich die Zeit am Morgen ohne ihn totschlagen kann. Bisher hat er nämlich immer dafür gesorgt, dass mir keine Sekunde langweilig war. Weil er sonst das Bad unter Wasser setzte, Kacke in die Ecke schmierte oder schmutzige Windeln aus dem Dachfenster schmiss. Sorry, das war unappetitlich, aber es ist leider die ganze Wahrheit. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich aber an seinen freien Vormittagen auch immer wieder aufs Sofa gelockt, wo wir zusammen Bücher erzählt, Lieder gesungen und die Welt verbessert haben. Das alles dürfen jetzt die Kindergärtnerinnen mit ihm tun. Ich fürchte (und hoffe zugleich), dass die etwas schwierigere Seite meines dritten Kindes weiterhin mir überlassen bleibt.

Als wäre das alles nicht genug, um die Glucke in mir aufzuschrecken, kommt Karlsson morgen in die dritte Klasse. Erst gestern noch war ich selber in der dritten Klasse und jetzt ist schon mein Ältester soweit. Noch einmal die läppischen neun Jährchen, die ich jetzt schon Mutter bin und Karlsson ist volljährig. Grössere Füsse als ich hat er jetzt schon und übermorgen wächst er mir über den Kopf.

Was mich an dem Ganzen am meisten befremdet, ist, dass sich die Glucke im Bezug auf die Kleinsten vollkommen still hält. Das Prinzchen versucht, ohne fremde Hilfe zu stehen? Die Glucke schert sich einen Dreck darum. Er will keinen Brei mehr essen? Ist der Glucke doch völlig egal. Der Zoowärter kommt in die Spielgruppe? Beschimpft zum ersten Mal seinen Erzeuger als „domme Papa“? Die Glucke verschliesst die Augen ob der Tatsache, dass auch der Zweitjüngste von Tag zu Tag unabhängiger wird. Sie lässt es klaglos zu, dass Mama über jeden Fortschritt jubelt, dass sie sich über jedes Fetzchen wiedergewonnener Unabhängigkeit freut. Die Glucke wird sich erst dann wieder zu Wort melden, wenn auch die beiden Kleinen nicht mehr wirklich klein sind.

Das wird dann wohl der Tag sein, an dem ich zum ersten Mal erwähnen werde, dass ich ganz gerne ein Enkelkind hätte…

Verkatert

Nein, besonders vernünftig ist das nicht. Wo ich doch genau weiss, dass es am nächsten Montag wieder losgeht, müsste ich jetzt eigentlich mit dem Training beginnen. Morgens um Viertel vor sieben aus den Federn, fünf Minuten Körperpflege, drei Minuten Frühstück, vierzehn Stunden Haushalt und dann, pünktlich um Viertel nach zehn ins Bett. Damit ich am Montag auch wirklich fit bin für die Marathontage, die der Schulbeginn mit sich bringt.

Und was tue ich stattdessen? Ich schlage mir die Nächte mit Romanen um die Ohren, kämpfe mich so gegen zehn Uhr völlig verkatert aus dem Bett, vertrödle eine Ewigkeit beim Frühstück und lasse „Meinen“ den ganzen Haushalt schmeissen. Und mit so einer Kondition will ich in ein paar Tagen wieder Hochleistungsalltag betreiben? Würde mal bitte jemand ein ernstes Wort mit meinem Inneren Schweinehund reden und ihm sagen, dass er mich endlich zum Training antreiben soll? Solange ich noch Bücher zum Lesen habe, finde ich selber nämlich keine Zeit dazu.

Nieder mit dem Schweinehund!

Um sechs Uhr dreissig liegt er endlich röchelnd auf der Matte. Eine geschlagene halbe Stunde habe ich mit ihm kämpfen müssen, bis er endlich eingesehen hat, dass es ein Verbrechen ist, bei diesem Wetter im Bett zu liegen und die frühen Morgenstunden zu verschlafen. Als ich das Bett verlasse, würdige ich ihn keines Blickes mehr. Denn wenn ich ihn anschauen würde, das kleine Häufchen Elend, das eben noch so stark gewesen war, würde ich vielleicht vom Mitleid gepackt. Und schon hätte er mich wieder im Griff, der Innere Schweinehund.

Aber ich schaffe es. Zehn Minuten später bin ich im Wald, geniesse die Stille des Morgens, die Einsamkeit, den Anbruch eines neuen Tages, der jetzt noch nichts erahnen lässt von all den Turbulenzen, die das Leben mit fünf Kindern so mit sich bringt. Nie bin ich mir selber näher, als draussen, in der kühlen Luft des Waldes, wo nur das Zwitschern der Vögel meine Gedanken unterbricht. Nie sehe ich klarer, als wenn sich das Sonnenlicht einen Weg durch die Bäume bahnt. Nie fühle ich mich Gott näher, als mitten in der verschwenderischen Üppigkeit, die schon aus einem durchschnittlichen Stück Mischwald eine Kathedrale macht.

Ausgerechnet hier ertönt dieses Geräusch. Anfangs hoffe ich noch, es könnte ein Specht sein. Doch schon bald wird klar, dass kein Specht der Welt, und wäre er noch so durchgedreht, ein solches Geräusch von sich geben würde. Dieses metallische Klopfen, dieses kalte, kratzende Geräusch, das mich verfolgt und sämtliche meiner ach so tiefgründigen Gedanken, die hinter mir noch auf dem Waldweg liegen müssen, niedermetzelt, sie zerstückelt und zerfetzt zurücklässt. Endlich sehe ich, wer meine Stille stört: Eine Stockente. Nein, keines jener kleinen, liebenswerten Tierchen, die friedlich den Weg entlang watschlen. Eine Grosse, Zweibeinige, mit Trainingsanzug und Walking-Stöcken perfekt ausgerüstet.

In ihren Augen muss ich genauso fehl am Platz sein wie sie in meinen. Was soll das? Eine Mittdreissigerin, die frühmorgens im Wald unterwegs ist und dies ganz ohne Stöcke? Dabei wäre sie doch im besten Alter und schaden würde es ihr bestimmt nicht! So etwa wird die Stockente von mir denken, denke ich. Und weil ich so denke, fühle ich mich schon bald einmal verfolgt. Das Geräsuch wird immer schneller in meinen Ohren, also werde ich auch schneller, renne schon fast. Was will die von mir? Will sie mich etwa zum Stockententum bekehren?

Endlich lässt sie von mir ab, schlägt einen anderen Weg ein. Doch das metallische Klopfen ist noch lange zu hören. So lange, dass ich schliesslich einen Weg einschlage, den ich noch nie zuvor gegangen bin. Und plötzlich habe ich keine Ahnung mehr, wo ich bin. Also umkehren, zurückgehen. Dabei müsste ich schon längst zu Hause sein. Damit ich wenigstens noch ein paar meiner von der Stockente massakrierten Gedanken aufs Papier retten kann. Und zwar, bevor die Kinder wach sind und noch den letzten Rest davon niedertrampeln. Doch es nützt alles nichts. Zu Hause sind alle schon wach, der Tag und das Chaos bereits im vollen Gang.

Eines ist klar: Morgen muss der Schweinehund früher besiegt werden. Wenn dann noch der Schweinehund der Stockente seinen Sieg davon trägt, dürfte einem perfekten Start in den Tag nichts mehr im Wege stehen. Ich fürchte bloss, dass die Stockente mehr Erfahrung im Besiegen von Schweinehunden hat. Vielleicht bleibe ich morgen doch lieber liegen…