Das geht mich alles gar nichts an

Früher hatte ich immer gedacht, zu Hause zu arbeiten sei eine unglaublich mühsame Sache. Ich stellte mir vor, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, den Alltag hinter der geschlossenen Bürotür zu lassen und sich voll und ganz der Arbeit zu widmen, die da ansteht. Unmöglich ist dies auch heute noch, zumindest solange „Meiner“ nicht zu Hause ist. Schwingt aber „Meiner“ das Zepter, wird der Heimarbeitsplatz zum Besten, den man sich nur vorstellen kann.

Karsslon schreit mal wieder? Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat zanken sich um ein Bilderbuch? Der Zoowärter hat das Töpfchen neben dem WC ausgeleert? Das Prinzchen will nicht schlafen? Das, was mich sonst zum Wahnsinn treibt, lässt mich völlig kalt, wenn „Meiner“ Hausmann ist. Geht mich alles gar nichts an, ich muss die Probleme ja nicht lösen. Sollen die mal schauen, wie sie selber zurecht kommen. Ich kann dann morgen wieder Streit schlichten, herumliegende Socken in den Wäschekorb befördern, Telefonwerbung abwimmeln, Speisereste entsorgen, den Geschirrspüler ausräumen, Tränen trocknen, aufgeschlagene Knie verarzten, Bilderbücher erzählen. Würde ich ausser Hause arbeiten, müsste es ja auch ohne mich gehen, also geht es auch, wenn ich zwar  physisch anwesend, in Gedanken aber irgendwo bin. Und ich komme in den Genuss all der kleinen und grossen Dramen, ohne mich darüber aufregen zu müssen. Ja, zuweilen inspirieren sie mich gar in meiner Arbeit.

Ob ich bei all dem Chaos überhaupt arbeiten kann? Aber klar doch. Ausblenden zu können ist das Erste, was man als Mutter lernen muss, sonst dreht man früher oder später durch. Würde ich auswärts arbeiten, bekäme ich von all dem Trubel nichts mit. Ich würde also auch nicht so deutlich den Kontrast erleben zwischen dem  konzentrierten Arbeiten am Bürotisch und dem Hexenkessel, in dem ich mich normalerweise bewege.

Ist es nicht schön, wie ich mich jetzt mit ein paar überzeugenden Argumenten darüber hinweggetröstet habe, dass ich noch immer keine bezahlte Arbeit gefunden habe und wohl in naher Zukunft auch keine finden werde? Es sei denn, ich würde putzen gehen.  Aber ich kann ja nicht auswärts tun, was ich zu Hause um alles in der Welt meide.

Ach und überhaupt: Bei welchem Job wird man denn so umsorgt, wie hier? In regelmässigen Abständen kommt „Meiner“ ins Büro, fragt, ob ich etwas brauche und bringt mir das Gewünschte, egal ob Tee, Latte Macchiato oder eine Duftkerze. Ich glaube, an dieses Leben könnte ich mich gewöhnen, obschon ich zurzeit noch gratis arbeite…

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Werd‘ wieder erwachsen, Mama!

So langsam naht der Tag, an dem ich die letzte Packung „Bimbosan Bio-Milch“ für das Prinzchen kaufen werde. Noch vier Wochen und der Kleine wird ganz gewöhnliche Milch trinken dürfen, wird seinen ersten Geburtstag feiern und dann dauert es gar nicht mehr lange bis zum Stimmbruch. Dabei kommt es mir vor, als wäre es erst ein paar Wochen her gewesen, als ich mit Schrecken auf die zwei Linien auf dem Schwangerschaftstest gestarrt hatte und mich gefragt hatte, wie um alles in der Welt ich es schaffen sollte, ein weiteres Kind zu bekommen. Und jetzt kann ich schon zurückschauen und sagen: Ich habe es geschafft, trotz aller Erschöpfung, trotz aller Überforderung, trotz aller Angst. Ein weiterer wunderbarer Mensch bereichert unsere Familie, zeigt  jeden Tag deutlicher, wie einzigartig er ist, bringt mich zum Lachen und beweist mir, dass es das Grossartigste auf der Welt ist, ein kleines Wesen begleiten zu dürfen, und sei man noch so erschöpft.

Jetzt, wo er grösser und eigenständiger wird, zeigt mir das Prinzchen aber auch, dass es langsam Zeit wird für Mama, den Windeln, den Schoppenflaschen und der Wundschutzsalbe zu entwachsen. Wie oft habe ich mir ausgemalt, wie das dann mal sein wird, so ganz ohne Kinderwagen, ohne weitere geplante Schwangerschaften, ohne ein kleines Wesen, das voll und ganz von mir abhängig ist? Wie oft habe ich von mehr Freiheit geträumt?

Und jetzt, wo dieses Ziel so langsam in Sichtweite kommt, wird mir mulmig. Kann ich das überhaupt noch? Kann ich mich noch frei unter Menschen bewegen, ohne den schützenden Kinderwagen vor mir? Weiss ich noch, welche Regeln in der Welt ohne Kinder gelten.

Okay, durch die Kinder habe ich auch ein ganz neues Selbstbewusstsein gewonnen, ich weiss, dass ich etwas schaffen kann, auch wenn ich zuweilen kaum mehr weiss, woher ich die Kraft nehmen soll. Ich habe auch herausgefunden, was ich von Leben will und was nicht. Doch in den vergangenen neun Jahren hat sich mein Leben pausenlos um Windeln, Schlafliedchen und Babyrasseln gedreht und ich habe vergessen, wie das Leben ohne ist.

Zum Glück wird mir das Prinzchen noch ein wenig Zeit lassen, bevor ich ganz ohne diese Dinge auskommen muss. Am besten wird es wohl sein, wenn ich mich von dem kleinen Kerlchen an die Hand nehmen und mich ganz langsam, Schritt für Schritt aus der Babywelt führen lasse.

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Mein Sohn, ein Bürgerlicher?

So langsam mache ich mir Sorgen um den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wie er am Aarauer Bachfischet dastand und die Verbindungsbrüder bewunderte, war beängstigend. Während Karlsson sich, wie er es von Mama und Papa gelernt hat, angewidert abwendet, bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat glänzende Augen, staunt über die polierten Stiefel, die Fackeln,  den Degen – oder ist es ein Säbel? -, die Gesänge, die so gar nicht zu Rest des stimmungsvollen Lichterumzugs passen wollen. Noch Tage später löchert er uns mit Fragen, was es denn mit diesen Studentenverbindungen auf sich habe.

Oder nehmen wir das Militär. Rollen, wie neulich, Panzer durch die Strassen, schwört Karlsson hoch und heilig, dass er nie Militärdienst leisten wird. Luise fleht ihre vier Brüder auf Knien an, dass sie allesamt den Dienst verweigern  und Zivildienst leisten werden, wenn sie erwachsen sind. Der FeuerwerRitterRömerPirat steht derweil stumm da und staunt und man hat den Eindruck, dass er innerlich die Jahre zählt, bis er endlich auch Panzer fahren darf. Das sind dann die Momente, in denen ich mich gedrängt fühle, ihm zu sagen, dass ich ihn auch dann über alles lieben werde, wenn er sich dereinst einmal für das Militär entscheidet.

Doch ein wenig graut mir ja schon vor dem Tag, an dem unser Dritter im Vollwichs vor uns stehen wird und sagen wird: „Mama, Papa, ich muss euch etwas gestehen. Ich bin jetzt Mitglied bei der FDP.“

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Undankbares Prinzchen

Wenn das die Frau Hutter gesehen hätte. Oder eine andere jener Frauen, die mit tiefster Überzeugung verkünden, die Mutter sei die wichtigste Bezugsperson eines Kindes und niemand könne besser zu einem Kind schauen. Das Prinzchen hat heute mal wieder das Gegenteil bewiesen und das kam so: Der Kleine lässt sich gerade die Eckzähne wachsen und weil Blaublütige besonders sensibel sind, hilft alles nichts, was bei anderen Kindern hilft: Kein Herumtragen und Trösten,  keine kühlen Schnitze von Bio-Zitronen, kein Zäpfchen. Das Baby leidet, brüllt die halbe Nacht und ist am Morgen mies gelaunt. Als ich ihn aus dem Bett hole, ist er noch immer untröstlich. Und wie das so ist bei Kindern: Natürlich ist mal wieder die Mama Schuld am ganzen Elend. Zumindest schliesse ich dies aus dem bösen Blick und dem heftigen Treten gegen meinen Bauch.

Das alles könnte ich problemlos verkraften. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich Krisen mit meinen Kindern durchstehe. Doch was dann folgt, lässt mich langsam an mir zweifeln: Kaum sieht das Prinzchen die Grossmama, strahlt er übers ganze Gesicht und will nichts wie weg von mir. Dummerweise muss er gleich nochmals zurück zu mir, was er mit einem herzzerreissenden Brüllen quittiert. Wie war das nochmals mit dem Fremdeln? Als dann auch noch die Tante auftaucht, zeigt das Prinzchen noch deutlicher, zu wem er gehören will. Er streckt die Ärmchen nach ihr aus, schmiegt sich an sie und lächelt selig. Das Gleiche nachher wieder bei der Grossmama. Und bei mir brüllt er weiterhin, als hätte ich ihn geschlagen.

Das also ist der Dank dafür, dass ich ihn neun Monate lang in meinem Bauch herumgetragen und unter Schmerzen geboren habe!

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Verräter!

Als ich „Meinem“ vorhin erklärt habe, wie gut es mir getan habe, endlich mal meinem Ärger über Frau Hutter Luft zu machen, schwieg er zuerst lange. Ich überlegte mir schon, ob er mir wohl nicht zugehört habe, als er kleinlaut gestand, dass er in dem Interview durchaus ein paar Aussagen gefunden habe, denen er zustimmen könne. Wie bitte? „Meiner“, ein durch und durch emanzipierter Mann, ein politisch so weit links stehender Mensch, dass es zuweilen sogar mir zu weit geht, findet nicht alles falsch, was aus dem Mund von Frau Hutter kommt?  Wie kann er nur? Und liebt er mich überhaupt noch?

Da gibt es nur Eines: „Meinen“ so schnell als möglich ins Kreuzverhör nehmen, herausfinden, wo genau er eine Übereinstimmung seines Gedankenguts mit dem  von Frau Hutter gefunden hat. Und dann Gegenargumente feuern: „Wenn Frau Hutters Mann doch so gerne Vollzeit-Hausmann werden möchte, warum steht  sie dann seinem Glück im Wege? Hä? Weil sie eine Egoistin ist, die lieber ihre Ideologie durchboxt, als herauszufinden, was für ihre Familie gut ist. Natürlich stimmt es wenn, Frau Hutter sagt, die biologische Uhr der Frau ticke, aber wer sagt das nicht? Doch das gibt ihr noch lange nicht das Recht, ihren  Mann vom Herd fern zu halten, wenn er so gerne dorthin möchte.“ Ich habe noch viel länger auf ihn eingeredet, aber ich muss ja nicht alle Welt von meiner Meinung überzeugen. Es genügt, dass ich „Meinen“ wieder auf den rechten Weg gebracht habe. Der häusliche Frieden ist wieder intakt, unsere Meinung über Frau Hutter wieder dieselbe.

Er liebt mich also doch noch!

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Ach, Frau Hutter…

Ach, Frau Hutter, wann lernen Sie endlich, den Mund nicht so voll zu nehmen! Schon bevor Ihr erstes Kind gezeugt war, haben Sie reichlich selbstbewusst in die Welt hinausposaunt, wie Frau Mutter zu sein habe. Während andere Frauen weiser werden, wenn sie ihr erstes Kind im Bauch haben, machen Sie fröhlich weiter. Mit Genuss weisen Sie auf Ihre Schwester hin, die heute mit Leib und Seele Mutter ist, obschon Sie dies nie erwartet hätten. „Seit sie Mutter ist, hat sich etwas geändert in ihrem Gedankengut“, sagen Sie und denken nicht daran, dass Ihnen das Gleiche passieren könnte, einfach in entgegengesetzter Richtung.

Es ist nämlich nicht nur so, dass Frauen, die ganz auf die Karriere fixiert waren, plötzlich in ihrer Rolle als Mutter völlig aufgehen. Das Umgekehrte passiert ebenso häufig: Frauen, die geglaubt hatten, ihre Erfüllung in der Mutterschaft zu finden, gleiten in eine Depression ab, weil die Realität so ganz anders ist als ihre Träume. Wie Frau als Mutter fühlt, handelt, denkt, weiss sie erst, wenn sie Mutter ist. Erst dann wird sie wissen, wie für sie und ihr Kind das Leben am besten funktioniert. Und je lauter eine Frau ihre Meinung herausposaunt hat, umso schmerzhafter ist es für sie, sich und anderen  eingestehen zu müssen, dass die Dinge anders sind, als sie erwartet hatte. Man könnte auch sagen, je hochmütiger das Geschwätz, umso tiefer der Fall.

Deshalb ein Rat von einer Mutter, die mehrmals ihre Meinung hat ändern müssen, auch wenn sie den Mund nicht halb so voll genommen hat wie Sie: Halten Sie endlich die Klappe! Bringen Sie Ihr Kind auf die Welt und schauen Sie dann, ob Sie tatsächlich nie wieder den Drang haben, Politik zu machen (was ich von Herzen hoffe), ob Fremdbetreuung wirklich nur schlechte Seiten hat, ob das Hausfrauendasein ebenso erfüllend ist wie die Mutterschaft, ob Mütter tatsächlich besser geeignet sind für diesen Job als Väter. Und dann, wenn Sie weiser geworden sind, dürfen Sie von mir aus wieder reden. Aber bitte nicht vorher!

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Hausfrauenträume

Das Bild von der selbstreinigenden Toilette, das neulich bei „10 vor 10“ gezeigt wurde,  will mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Okay, selbstreinigende Toilettenkabinen gibt es schon länger, aber früher hat mich das ziemlich kalt gelassen. Jetzt aber weckt diese Einrichtung bis anhin unbekannte Sehnsüchte. Wäre es nicht schön, denke ich, wenn man den ganzen Haushalt so einrichten könnte? Mal schnell aufräumen, alle Türen schliessen, das Ganze reinigt sich von selbst und ich könnte mich Wichtigerem widmen. Wäre doch grossartig, nicht wahr? Obschon ich mir nicht sicher bin, ob bei uns alles sauber würde. Die Leimlache, mit der heute der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihr Kunstwerk auf dem Küchenboden befestigt haben, müsste ich wohl immer noch selber wegputzen.

Übrigens ist mir der oben genannte „10 vor 10“-Bericht aus einem weiteren Grund in Erinnerung geblieben: Wie da mit ernsten Mienen von „Wildpinklern“ und Leuten, „die auswärts pinkeln“ geredet wurde, ist einfach unvergesslich. Zwei wunderbare Ausdücke, die ich unbedingt in mein Vokabular aufnehmen muss! Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat wiedermal zu faul sein wird, das nächstgelegene WC aufzusuchen, werde ich ihn ermahnen können: „Mein lieber Sohn, weisst du denn nicht, dass Wildpinkeln in der Schweiz strengstens verboten ist?“

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Wer ist hier der Chef?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht wiedermal eine Ewigkeit, bis er sein Mittagessen aufgegessen hat. Als wir alle bereit wären fürs Dessert, fragt er zum ersten Mal nach einem Nachschlag und da er für einmal am Essen nichts auszusetzen hat, ist davon auszugehen, dass er noch einen zweiten, ja vielleicht sogar einen dritten Nachschlag verlangen wird. Luise hält es derweilen fast nicht mehr aus auf ihrem Stuhl, sucht nach Ausreden, weshalb sie jetzt auf keinen Fall mehr länger am Tisch sitzen bleiben kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich besseres zu tun hätte, als dem FeuerwehrRitterRömrPiraten dabei zuzusehen, wie er sich genüsslich aber in einer unbeschreiblichen Langsamkeit Knödel und Zwetschgenkompott in den Mund schiebt.

„Ob es sinnvoll wäre, die Essenszeit auf eine halbe Stunde zu beschränken? Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann ja dann alleine fertig essen.“, schiesst es mir durch den Kopf. Es kann ja nicht sein, dass die ganze Familie immer auf einen warten muss, der sich alle Zeit der Welt lässt. „Muss mal herausfinden, was Erziehungsexperten zu dieser Frage meinen“, denke ich. Und bin sogleich schockiert. Was habe ich da gedacht? Ich will einen Experten zu Rate ziehen, um herauszufinden, ob ich meinem Sohn sagen darf, ab jetzt könne er alleine fertig essen, wenn alle anderen bereits ausgegessen hätten und nur noch auf ihn warteten! Bin ich denn nicht Expertin genug, um zu bestimmen, welche Abmachungen zu unserer Familie passen? Kenne ich meine Kinder nicht gut genug, um zu wissen, was ihnen gut tut und was ihnen schadet? Und überhaupt: Ich drohe ja dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht an, er müsse ab jetzt alleine in der dunklen Speisekammer ausessen!

Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele „Experten“ auch bei mir in die Erziehung dreinreden, wie viele „Fachleute“, die weder mich noch meine Kinder kennen, meine Entscheidungen beeinflussen. Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Experten hätte; manchmal hilft einem ein Ratschlag wirklich weiter, wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Doch eigentlich ist es beängstigend, wie viele Eltern sich das Erziehen nicht mehr zutrauen, nicht mehr daran glauben, dass sie es instinktiv richtig machen werden, dass auch Fehler dazugehören, die meistens gar nicht so schlimm sind. Es sei denn, man erhebe die Fehler zum einzig richtigen Erziehungsstil, nur damit man nicht zugeben muss, dass man falsch lag. Heute glaubt jeder, eine Super Nanny zu  brauchen, die ihm auf die Finger schaut. Ohne die Erlaubnis des Erziehungsratgeber traut sich keiner mehr, seinem Kind laut und deutlich nein zu sagen, wenn es die Finger im WC baden will und wenn nicht ein Experte das O.K. gegeben hat, wagt man es nicht einmal mehr, dem Baby die Fingernägel zu schneiden, wenn sie zu lang sind.

Und ich bin keinen Deut besser! Was habe ich damals gelacht, als mir die Hebamme nach der Geburt des Prinzchens eingeschärft hatte: „Es ist ihr Kind. Sie bestimmen, was gut ist für ihn und was nicht.“  Ich hielt mich allen Ernstes für unabhängig und erfahren genug um zu wissen, dass mir bei meinen Kindern keiner dreinredet, es sei denn, ich gebe ihm das Recht dazu. Und jetzt ertappe ich mich beim Gedanken, ob ich bestimmen darf, wie lange meine Familie am Tisch sitzen muss. Und wenn ich die Zeit hätte, weiter darüber nachzudenken, würde mir bestimmt noch öfters auffallen, dass nicht ich, sondern irgend ein „Experte“ bestimmt hat, was gut ist für meine Kinder.

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Arme kleine Gäste

Verwöhnt hat er sie, alle zusammen. Hat mit ihnen gebastelt, gemalt, schöne Zvieriteller gestaltet, Witze gemacht und gesungen. Und dann, als sämtliche Freundinnen und Freunde unserer Kinder wussten, dass es bei Vendittis donnerstags am schönsten ist, weil dann der lustige Papa zu Hause ist, hat „Meiner“ seinen Stundenplan geändert. Jetzt ist er am Dienstagnachmittag zu Hause, wenn es keiner weiss und folglich auch keine Kinder Schlange stehen, um bei uns zu spielen.

Unsere Donnerstagsgäste werden dann jeweils herb enttäuscht. Die bärbeissige Mama ist zu Hause, dieser Drachen, der immer zuerst die Küche aufräumen will, bevor er mit den Kindern spielt, der immer dann nein sagt, wenn die Dinge so richtig lustig werden, der sagt, der Kühlschrank sei leer, es gebe bloss Darvida zum Zvieri, und zwar ohne Butter und Salz, weil das Prinzchen gerade gefüttert werden müsse. Einige versuchen, dennoch ein wenig Spass zu haben, fragen schüchtern, ob sie vielleicht ausnahmsweise auch mal mit mir malen dürften. Oder vielleicht einen Kuchen backen.

Meistens bin ich weise genug, nein zu sagen. Denn mit mir machen solche Sachen einfach keinen Spass, ich bin viel zu ungeduldig. Ich lulle die Kinder dann jeweils mit einer Geschichte ein, erzähle mir den Mund fusselig, bis sie vergessen haben, dass sie eigentlich hätten malen wollen und mit glänzenden Augen an meinen Lippen hängen und noch mehr Geschichten hören wollen. Manchmal aber meine ich, mir selber etwas beweisen zu müssen und den Gästen zu zeigen, dass meine Kindern nicht eine ganz so böse Mama haben, die immer nein sagt. Dann nehme ich die Teigschüssel hervor, oder die Bastelscheren oder, wenn ich ganz viele Nerven zu haben glaube, sogar die Acrylfarben.

Solche Nachmittage enden stets mit den gleichen Desaster: Die Wohnung versinkt im Chaos, ich sage noch hundertmal öfter nein als an gewöhnlichen Tagen und die Gäste sind froh, wenn sie wieder nach Hause gehen können. Wird Zeit, dass ich die Welt mal wissen lasse, dass der lustige Papa jetzt dienstags zu Hause ist und nicht mehr donnerstags.

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Eine Frage des Standpunktes

Was ist eigentlich eine Grossfamilie? Dies ist eine Frage, die mich seit Längerem beschäftigt und die für mich deshalb besonders wichtig ist, weil ich mir eigentlich gar nicht so sicher bin, ob ich dieses Blog als „Grossfamiliengroove“ verkaufen darf. Nun ja, bei uns groovt es tüchtig, aber macht uns das zur Grossfamilie? Ich habe nämlich immer das Gefühl, wir hätten gar nicht so furchtbar viele Kinder. Andere haben mehr. Okay, noch viel häufiger sind die anderen, die weniger haben. Doch für mich sind es dennoch nicht  besonders viele Kinder, bin ich doch selber die Jüngste von Sieben. Grossfamilie beginnt folglich für mich erst ab acht Kindern. Alles andere liegt unter der Norm, die mich von Geburt an geprägt hat.

Dennoch werde auch ich furchtbar nervös, wenn ich von Familien lese, die neun, zehn oder gar elf Kinder haben. Wie schaffen die es, sich die Namen ihrer Kinder überhaupt noch zu merken?, frage ich mich. Umgekehrt werden solche Grossfamilieneltern wohl ziemlich ärgerlich, dass ich es wage, unsere Handvoll Kinder als Grossfamilie zu bezeichnen. „Was wissen diese Anfänger schon vom Leben in einer Grossfamilie?“, werden sie fragen und sie haben ja gar nicht so unrecht. Ich weiss ja wirklich nicht, wie es ist und wenn ich meine schwachen Nerven anschaue, will ich es auch gar nicht herausfinden.

In den Augen von gewissen Extremisten aber, die fordern, dass man die Kinderzahl auf zwei pro Paar beschränken soll, erscheint unsere Familie als riesig. Und wie wir an anderer Stelle bereits erörtert haben, leidet bekanntlich die „Kinderqualität“, wenn man nicht sorgsam darauf achtet, nur die edelsten Exemplare heranzuzüchten. Da handeln Leute wie „Meiner“ und ich, die sich ohne grosse Gen-Checks frischfröhlich vermehrt haben, schon fast fahrlässig. Für gewisse Kreise sind wir also nicht bloss eindeutig zu den Grossfamilien zu zählen, sondern gleichzeitig auch zu den Auswüchsen, die unserer Gesellschaft schaden.

Es ist also, wie fast immer, eine Frage des Standpunktes, ob man sich nun als Grossfamilie bezeichnen darf/muss oder nicht. Deshalb behalte ich frech den Titel meines Blogs bei. Auch wenn ich mich an Tagen, an denen ich eine volle Stunde alleine und ungestört durchs Dorf spazieren kann, frage, ob ich denn tatsächlich Kinder habe, oder ob ich mir alles bloss eingebildet habe.

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