Was wollt ihr denn schon wieder?!

Geht das wirklich jetzt schon los? Da ist man seit man denken kann eine bekennende Nachteule und plötzlich verspürt man diesen unbändigen Drang, morgens früh aufzustehen. Und es ist nicht etwa so, dass man abends den guten Vorsatz fasst, um sich dann am Morgen doch wieder auf die andere Seite zu drehen und weiterzuträumen. Nein, man hüpft tatsächlich aus dem Bett und stürzt sich voller Tatendrang in den Tag. Setzt die senile Bettflucht wirklich schon jetzt ein?

Nun, vielleicht liegt es ja auch nur daran, dass morgens um sechs noch keiner wach ist und man ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Könnte, muss man sagen. Denn egal, wie leise man ist, irgend einer wacht bestimmt auf, um die Ruhe zu stören. Vielleicht das Prinzchen, das sich für einmal dazu entschieden hat, bereits um sechs zu frühstücken anstatt um halb acht. Oder Karlsson, der unbedingt mal in Ruhe über den Wahrheitsgehalt von Asterix-Abenteuern diskutieren möchte. Oder Luise, die momentan alles genau so machen muss wie Mama und deshalb nicht mehr länger schlafen kann. Oder der FeuerwehrRitterRömerPirat, der gemerkt hat, dass heute keine Spielgruppe ist und dass er sich deshalb für einmal beeilen muss, um möglichst viel aus dem Tag herauszuholen. Oder der Zoowärter, der Angst hat, etwas zu verpassen.

Heute aber blieb alles ruhig und schon fast hätte man glauben können, für einmal habe es geklappt mit dem Vorsprung. Himmlische Ruhe! Genau drei Minuten lang. Dann nämlich merkt „Meiner“, dass er wieder mal zu lange liegen geblieben ist und darum braucht er unbedingt jemanden, der ihm seinen Gurt in die Hose einfädelt, während er sich in die restlichen Kleider stürzt. Kann er das nicht selber tun? Sieht er nicht, dass ich am Nachdenken bin?

Nein sieht er nicht. Und dann hat er auch noch die Frechheit, sich zu beschweren, weil der Gurt auf Linkshänderart eingefädelt ist. Wart nur, „Meiner“! Wenn du das nächste Mal bei „Glanz und Gloria“ einpennst (Gibt es das überhaupt, Männer, die ihre Frau damit nerven, dass sie nach „Zehn vor Zehn“ unbedingt noch die Wiederholung von „Glanz und Gloria“ anschauen müssen um besser einschlafen zu können?) werde ich dich fragen, was du über die Abschaffung des Milchkontingents denkst. Und ich werde dich nicht eher schlafen lassen, bis dass du mir eine befriedigende Antwort geliefert hast.

Lass die Tussi raus!

Das war jetzt einfach wieder mal dran. Ein paar so richtig kitschige, geblümte Sommerschuhe mit einem Keilabsatz, der so hoch ist, dass einem fast schwindlig wird beim Gehen. Dazu erst noch überteuert und garantiert ungesund. So richtig unvernünftig eben.

Manchmal muss man beim Schuhkauf einfach zugreifen, wenn echter Kitsch zu haben ist. Auch wenn man schon beim Kauf weiss, dass man mit diesen Dingern hilflos in der Gegend herumstolpern wird und sich am Kinderwagen wird festhalten müssen, um nicht die Balance zu verlieren. Auch wenn „Meiner“ die Nase rümpft und findet, das sei jetzt doch etwas zu viel des Guten. Auch wenn man mit diesen Dingern an den Füssen garantiert nicht das Brombeerbet umgraben kann. Für solche Zwecke hat man ja noch Ballerinas.

Immerhin hat man ja jetzt neun Jahre lang bei jedem Schuhkauf Vernunft walten lassen, hat alles, was hochhackig und schreiend bunt war, links liegen gelassen und sich für die langweiligen Braunen entschieden. Aus Rücksicht auf den Rücken, das Kind im Bauch, den Zweijährigen, der einem garantiert entwischt, wenn man ihm hinterherstöckeln muss. Und in den letzten Wochen auch noch aus Rücksicht auf das Knie, doch wie sich dieses wieder erholt hat, erzähle ich ein andermal.

Nun, so sinnlos der Schuhkauf auch gewesen sein mag, zumindest sind die Dinger pädagogisch wertvoll. Denn ist es nicht längst erwiesen, dass ein Mädchen mindestens einmal in seiner Kindheit die Gelegenheit haben muss, in Mamas Tussischuhen durch die Wohnung zu staksen? Und als verantwortungsbewusste Mutter lasse ich natürlich nicht zu, dass Luise diesen immens wichtigen Entwicklungsschritt verpasst.

Wie bitte? Ob ich in einer Midlife-Crisis stecke? Aber nicht doch. Ich lasse nur wieder mal die Tussi raus.

Komm lieber Mai…

Wissen die nichts besseres mit ihrer freien Zeit anzufangen? Müssen die alle am ersten Mai im Garten malochen, in der Erde wühlen, Setzlinge einpflanzen und den Rasen mähen? So denkst du, wenn du zwischen 5 und 34 Jahre alt bist. Erst neulich wollte mein fünfzehnjähriger Neffe von mir wissen, was die Erwachsenen so toll daran finden, sich den halben Sommer im Garten abzurackern. Ich wusste keine Antwort, denn ich war ja erst 34.

Dann plötzlich dauert es nur noch ein halbes Jahr bis zu deinem 35. Geburtstag und ganz unvermittelt findest du dich am ersten Mai mit der Rebschere im Garten wieder. Du schneidest die Brombeerranken ab, beginnst, die uralten, knorrigen Wurzeln aus der Erde zu buddeln und freust dich darauf, etwas Neues einzupflanzen. Du denkst nach über die ewig gleiche Hässlichkeit der Regenwürmer, findest einen alten Flaschenverschluss, und fragst dich, wer ihn wohl vor vielen Jahren, als du von 35 noch weit entfernt warst, dort liegengelassen hat. Du überlegst dir, ob die Schweinegrippe wohl wirklich so schlimm ist, wie alle befürchten, ob es einen Weg gibt, unliebsame Gemeinderäte abzuwählen, ob du das geblümte Toilettenpapier kaufen sollst oder das Weisse, was wohl aus deinen Kindern werden wird und ob du wiedermal Götterspeise zubereiten sollst.

Und plötzlich weisst du, warum sie alle nicht anders können, die, die 35 und älter sind. Sie wollen nachdenken. Und nachdenken kann man am Besten, wenn man in der Erde buddelt, mit Verbissenheit das Ende der Wurzel sucht und dann mit aller Kraft daran zerrt, die Wurzel  im hohen Bogen auf den Haufen wirft und weiterbuddelt. Würden alle graben, die Welt sähe anders aus.

Ach ja, und wer mich jetzt vor seinem geistigen Auge vor sich sieht, wie ich mit weissen Ballerinas und geblümter Bluse in der Erde herumwühle, liegt genau richtig. Gummistiefel und Faserpelzjacke gibt’s erst, wenn man 40 ist.

Das perfekte Timing

Gibt es einen besseren Moment, sich eine Magen-Darm-Grippe aufzulesen, als dann, wenn Mama ein lädiertes Knie hat? Natürlich nicht, und deshalb hat sich Linus mit der Schmusedecke, der übrigens seit einigen Tagen nicht mehr Linus mit der Schmusedecke, sondern Zoowärter heisst, weil er nur noch mit einer ganzen Ansammlung von Stofftieren, vom Waschbären bis zum Gummi-Waran herumläuft. Also eben, dieser Zoowärter hat sich sofort eine Magen-Darm-Grippe zugelegt, sobald er merkte, dass die Mama jetzt immer mit diesen sonderbaren Stöcken unterwegs ist. Denn gibt es etwas witzigeres, als zuzusehen, wie die Mama ins Schwitzen kommt, weil sie nicht schnell genug zur Stelle ist, wenn der Mageninhalt wieder hochkommt? 

Gibt es einen besseren Zeitpunkt zum Zahnen, als dann, wenn die Mama einem nicht herumtragen kann? „Natürlich nicht“, hat sich das Prinzchen gesagt, und darum ist er jetzt fleissig dabei, sich die Zähnchen wachsen zu lassen. Natürlich sieht man noch keinen Zahn, aber schreien, wenn man normalerweise friedlich im Bettchen liegen würde, ist zur Abwechslung gar nicht so schlecht.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mit Mamas Stöcken Gewehr zu spielen, als dann, wenn die Mama ohnehin gerade dabei ist, das Gleichgewicht zu verlieren? Nein, sagt sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und rast fröhlich mit den Stöcken durch die Wohnung. Die Mama, die auch sonst nicht die Schnellste ist, kommt ihm jetzt garantiert nicht nach.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mit drei Decken auf dem Fussboden zu campieren, als dann wenn die Mama ihre Füsse kaum heben kann, ohne vor lauter Schmerz laut aufzuheulen? Natürlich nicht und deshalb kuschelt sich Luise am frühen Morgen wohlig in ihre Decken und zwar vorzugsweise bei der Türschwelle. Einfach, um ein bisschen Spannung in den grauen Alltag zu bringen.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, der kleinen Schwester so richtig eins überzubraten, als dann, wenn die Mama nicht schnell genug ist, dazwischenzukommen? Nein, sagt sich Karlsson vom Dach und piesackt seine Schwester wo er nur kann. Die Mama könnte sich sonst noch langweilen, wo sie doch jetzt kaum mehr aus dem Haus kommt.

Vielleicht war es doch nicht die beste Idee, sich das Knie ausgerechnet jetzt zu verletzen…

Aprilscherz?

Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass die Hausärzte heute gestreikt haben. Der Couchepin ist ja wirklich unmöglich, oder, wie meine Tante schon vor Jahren festgestellt hat, „ein Büffel“. Aber hätten die Hausärzte nicht vorgängig mein rechtes Knie über ihren Aktionstag ins Bild setzen können? Mein Gehirn wusste ja davon, doch hätte mein rechtes Knie gewusst, dass heute kein Arzt zur Verfügung steht, hätte es bestimmt noch einen Tag länger damit gewartet, mir das Leben zu erschweren. Aber eben, mein rechtes Knie hat von Gesundheitspolitik keine Ahnung und deshalb verbrachte ich den Mittwochnachmittag nicht in der Badewanne oder beim Ostergeschenkeshopping, sondern auf der Notfallstation des Kantonsspitals.

Und ich kann nicht mal viel dafür. Ein falscher Schritt beim Kochen und zack! ist das Knie im Eimer. Es frage mich niemand, wie ich es mit diesen höllischen Schmerzen geschafft habe, mich vom Boden aufzurappeln, die Wähe in den Ofen zu schieben, das Prinzchen zu beruhigen, die grossen Jungs mit dem Auto in der Spielgruppe abzuholen und die kleinen Jungs in den dritten Stock zu hieven. Ich weiss es nämlich selber nicht. Irgendwann machte mich meine Mutter darauf aufmerksam, dass es ja noch Schmerzmittel gebe. Zum Glück verlieren Grossmütter nicht so schnell den Überblick wie Mütter…

Tja und dann begann die Suche nach medizinischer Versorgung. Und irgendwann blieb nur noch die Notfallstation, weil der diensthabende Arzt kein Röntgengerät hat. Nach endlosem Warten war der Fall dann klar: Krücken und vier Wochen ohne Sport, dann wird man weitersehen.

Fragt sich nur, wie ausgerechnet ich es vier Wochen ohne Sport aushalten soll. Immerhin absolviere ich, wie fast alle Mütter, täglich zwischen sieben Uhr früh und neun Uhr spät einen Halbmarathon.

Es liess sich nicht länger vermeiden

Was für andere Leute der Zahnarztbesuch ist, ist für mich der Besuch beim Coiffeur. Wochenlang, ja, monatelang schiebe ich den Termin vor mir her und erst dann, wenn „Meiner“ meines Anblicks vollkommen überdrüssig geworden ist, lasse ich es zu, dass er mich anmeldet. Ja, allein der Anruf ist für mich unerträglich. „Bei wem waren Sie das letzte Mal?“, will die Dame am Empfang dann nämlich jeweils wissen und ich gerate ins Stottern, weil ich nicht mehr weiss, ob die Coiffeuse Jolanda, Monika oder Manuela hiess. Dabei bin ich seit Ewigkeiten ihre Kundin. Sie hat mir bestimmt schon fünfmal die Haare geschnitten. Deshalb lasse ich „Meinen“ den Anruf tätigen, denn er kann guten Gewissens antworten, er habe keine  Ahnung, wer jeweils für meine Frisur zuständig sei. Dies hat zur Folge, dass jeweils der ganze Salon auf den Stockzähnen grinst, wenn ich zum Gemetzel antrete. Aber ich bringe es nicht übers Herz, den Salon zu wechseln, auch wenn mein Ruf schon längst ruiniert ist. Wo sonst komme ich gratis zur Rückenmassage auf diesem wunderbaren Massagesessel? Da nimmt man alles andere auf sich.

Bin ich dann im Salon, folgt das nächste Problem. Die Lektüre. Seitdem ich einmal eine Coiffeuse völlig aus dem Konzept brachte, weil ich die „Weltwoche“ verlangte, – das war natürlich lange bevor die „Weltwoche“ zum Parteiblatt der SVP verkommen war, – fürchte ich nichts so sehr wie die Frage: „Darf ich Ihnen etwas zum Lesen bringen?“. Normalerweise rette ich mich aus der misslichen Lage, indem ich selber etwas zum Lesen mitbringe. Doch heute hatte das Prinzchen einen solchen Hunger, dass ich keine Zeit hatte, mir eine Lektüre zu schnappen, bevor ich das Haus verliess. Der „Spiegel“ blieb zu Hause und ich sass bald darauf mit „Die Frau im Spiegel“ vor dem Spiegel.

Ja und schaut man sie sich dann mal wieder genauer an, die Frau im Spiegel, sieht man plötzlich, dass sie ein Doppekinn bekommen hat, dass ihre Schultern zu breit sind, dass sie einen Mitesser am Kinn hat. Und dann findet man sie, auch wenn man sich nicht als eitel bezeichnen würde, einen der hässlichsten Menschen auf diesem Erdboden. Da liest man doch lieber die „Frau im Spiegel“, um zu erfahren, welche Eskapaden sich Heidi Becker, Boris Williams, Robbie Klum und wie sie alle heissen, vor einem Jahr geleistet haben.

Und dann steht sie vor mir, Jolanda, Monika oder Manuela. Freundlich wie immer, doch jedes Mal ein wenig mitleidiger. Ich sehe es in ihren Augen: Es zerreisst ihr fast das Herz, mein Haar so leiden zu sehen, doch tapfer nimmt sie sich der Aufgabe ein weiteres Mal an. Schlägt mir vor, ein paar Strähnchen mehr zu färben als letztes Mal, wieder mal einen neuen Schnitt auszuprobieren, ein paar Stufen zu schneiden. Und weil Jolanda, Monika oder Manuela so nett ist, lasse ich sie gewähren, werde zum völlig willenlosen Geschöpf, das sich am Ende der Tortur sogar ein komplett überteuertes Pflegeprodukt aufschwatzen lässt, obschon ich „Meinem“ versprochen habe, dass ich darauf nie mehr hereinfallen werde. Zumindest habe ich laut und deutlich Nein gesagt, als man mir ein „Handparaffin“ anbot. Nachdem ich letztes Mal völlig verdattert Ja gestammelt hatte, weil ich keine Ahnung hatte, worum es ging, bin ich diesmal ein wenig gescheiter und lasse es nicht mehr zu, dass man meine Hände in heisses Wachs taucht.

Irgendwann ist es dann überstanden. Der Haarschnitt, den Jolanda, Monika oder Manuela mir verpasst hat, verschont mich für die nächsten zehn Monate vor weiteren Qualen. Offenbar mache ich aber trotz meiner Abneigung Fortschritte: Jolanda, Monika oder Manuela hat mich heute zum ersten Mal geduzt. Ein untrügliches Zeigen, dass sie mich trotz meiner Schwächen als ihre persönliche Stammkundin akzeptiert. Vielleicht komme ich schon in sechs Monaten wieder. Aber nicht ohne meine eigene Lektüre.

Auszeit

Weggeschickt hat er uns, mich und den Prinzen. Eine schlaflose Nacht, ein paar Tränen und schon wird man weggeschickt. Ab, ins Ländli! Nichteingeweihte, also Nicht-Evangelikale, werden jetzt fragen, was das Ländli sei. Evangelikale werden wissend nicken und sagen: “Wurde aber auch Zeit, dass die mal ins Ländli geht!”

Das Ländli, für die, die es nicht wissen, gehört zur Schwesterngemeinschaft Ländli. Das angeschlossene Kur- und Ferienhaus am Aegerisee ist der Ort wo evangelikale Christen sich zurückziehen, wenn ihnen das Leben zu viel wird.

Schon seit Monaten waren sie mir in den Ohren gelegen, die Nachbarin, die Ärztin und natürlich “Meiner”. “Geh endlich ins Ländli”, sagten sie, wenn mir mal wieder alles zu viel wurde. Aber ich wollte nicht. Warum kann ich nicht so recht begründen. Zwar war die Ländlischwester, die ich als Kind kannte, einer der liebsten Menschen auf dieser Erde. Dennoch konnte ich mich nicht mit der Idee anfreunden, mich an einem Ort zu erholen, wo andere hinfahren um gemeinsam zu fasten. Seitdem ich um jedes Stück Schokolade und jede ununterbrochene Nacht kämpfen muss, habe ich ein etwas gespanntes Verhältnis zur Askese entwickelt.

Dies alles ist “Meinem” egal und deshalb hat er mich eben zu meinem Glück gezwungen. Knappe 24 Stunden gab er mir, um mich auf das Abenteuer vorzubereiten. Und dann, vor zwei Tagen, sind das Prinzchen und ich abgereist, nach unzähligen Tränen von Luise, einem flüchtigen Kuss von Karlsson, einem schiefen Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten und einem Tobsuchtanfall von Linus mit der Schmusedecke, der halbnackt und mit Gummistiefeln ausgerüstet, auch mitwollte. Und dann, nach zwei Stunden Bahnfahrt und viermal Umsteigen standen wir da, in Oberägeri Station, beladen mit einem Koffer und unzähligen Vorurteilen. Aber wo ist jetzt das Ländli? Man sollte meinen, das Mekka der Erholungssuchenden sei gross angeschrieben, doch nichts da. Vermutlich geht man davon aus, dass jeder Evangelikale bei der Geburt einen Ländli-Radar mitgeliefert bekommt, doch bei mir ist der aus unerklärlichen Gründen vergessen gegangen. Nun, irgendwann kam ich auf die glorreiche Idee, der Buslinie zu folgen und dann waren wir da.

Und dann verstand ich, warum mich alle hier haben wollten. Allein schon die Seesicht und die verschneiten Landschaft wären die Reise Wert gewesen. Vollends eingenommen hat mich dann aber der Bücherladen im Foyer. Ein Ort, der mit einem Bücherladen ausgerüstet ist, kommt dem Paradies so nahe, wie es auf dieser Erde nur möglich ist. Gutes Essen, ein Wellnessbereich und unglaublich freundliche Menschen sind da nur noch das Sahnehäubchen. Währenddem sich ein Vorurteil nach dem anderen in Luft auflöste, begann ich langsam, mich zu entspannen. Ich weiss, es tönt kitschig, aber ich habe mich noch selten an einem Ort so wohl gefühlt.

Da blieb eigentlich nur noch ein Problem: Wie sollte ich hier zur Ruhe kommen? Als mit Abstand jüngster Gast war das Prinzchen eine derart begehrte Persönlichkeit, dass ich kaum zwei Schritte tun konnte, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Die Schuldigen sind gefunden

Die Frage, wer die Wirtschaft in die Krise geritten habe, wird seit Monaten heftig diskutiert. Die meisten Menschen geben gierigen Bankern die Schuld. Doch das ist eine ganz gemeine, völlig haltlose Unterstellung. Seit vorgestern weiss ich mit Bestimmtheit, wer die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Wir waren es, die Mütter.

Warum ausgerechnet ich das weiss? Nun, ich hatte das Glück, einem Experten vor die Füsse zu laufen, der mir ungefragt darlegte, was in der Welt schief läuft. Schuld an der Krise seien wir Frauen, um genau zu sein wir Mütter. Würden wir nicht so bald als möglich unseren Kindern davonlaufen, um zu arbeiten, hätten wir die Krise nicht. So einfach ist das. 
Und warum laufen wir Müttern unseren Kindern davon? Auch dafür gibt der Experte eine ganz einfache Erklärung: Arbeiten wir Frauen im Büro, dann machen alle Männer ein Riesentheater um uns, bringen uns den Schmus und geben uns das Gefühl, wichtig zu sein. Sind wir dann zu Hause mit unseren Kindern, schenkt man uns keine Beachtung mehr. Darum wollen wir so schnell als möglich wieder ins Büro zurück. Und schwupps, da haben wir sie, die globale Wirtschaftskrise.
Sie finden diese Erkenntnis nicht revolutionär? Nun, ich auch nicht. Werden wir Mütter doch schon seit geraumer Zeit für alles verantwortlich gemacht, was schief läuft auf dieser Welt. Deshalb tragen wir Mütter den Vorwurf auch mit mehr Gelassenheit als die Banker. Eine Anschuldigung mehr fällt nun wirklich nicht mehr ins Gewicht. 

Wer hat Angst vor einem Wiener Würstchen?

So ein blöder Deal. Ein Wiener Würstchen gegen drei Tage Ferien, allein mit dem Prinzchen. Ich und meine grosse Klappe! Warum nur habe ich in einer schwachen Minute behauptet, für ein paar Tage Ferien würde ich sogar eine Bratwurst essen. Eine Bratwurst zu essen ist so ziemlich das Übelste für eine überzeugte Vegetarierin. Also fangen wir mal mit einem Wiener Würstchen an.

Sollte eigentlich keine Sache sein. Immerhin habe ich schon öfters mal eines jener scheusslichen Vegi-Würstchen heruntergewürgt, um beim Hot-Dog-Essen nicht als Aussenseiterin dazustehen. Aber das hier ist etwas ganz anderes. Wie können unsere Kinder solche Dinger nur in sich hineinstopfen? Allein der Geruch haut einen fast vom Stuhl. Und da soll man reinbeissen können? Vor meinem inneren Auge erscheint das arme Schwein, das für diese Wurst hat leiden müssen. Oder war es eine Kuh? Ein Pferd? Egal, ich bringe es einfach nicht fertig, in das Ding zu beissen.
Langsam bekommen die Kinder Mitleid mit mir, die Tochter als Erste. Sie fangen an, Ausflüchte für mich zu suchen, damit ich den Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Aber versprochen ist versprochen. Die Wurst muss in meinen Magen. Doch erst, als der Älteste den Küchentimer stellt und mir noch genau fünf Minuten Zeit gibt, schaffe ich es, das scheussliche Ding Stück für Stück ohne zu kauen mit viel Wasser herunterzuwürgen. Ich müsse ja ziemlich verzweifelt sein, dass ich mir sowas antue, mein "Meiner" trocken. Der hat gut reden. Immerhin hat er die Kinder immer und immer wieder an diesen doofen Deal erinnert. Zehn Sekunden bevor der Timer piepst ist das Ding endlich geschluckt, die Familie applaudiert und noch jetzt, drei Stunden später, plagt mich der scheussliche Wurstgeschmack. Die drei Ferientage habe ich mir redlich verdient.

Fragt sich bloss, welche Angst grösser war, die vor der Wurst oder die vor drei Tagen Alleinsein…

Vorsätze

Nein, gute Vorsätze gibts dieses Jahr nicht. Wo doch schon der Testvorsatz komplett in die Hose gegangen ist. Dabei war er doch ganz einfach: Jeden Tag während der Weihnachtsferien einen Spaziergang machen, die kalte Luft geniessen, ein wenig nachdenken und dem Prinzchen den Wald zeigen, auch wenn er noch gar nichts davon sieht. Manchmal könnte man ja auch die grossen Kinder mitnehmen. Das wäre doch eine gute Gelegehneit für tiefsinnige Gespräche. Sollte eigentlich machbar sein, oder?

Ein einziges Mal haben wir es geschafft, abends, bevor die Kinder ins Bett mussten. So richtig romantisch war es, mit Kerzen und Liedersingen im Wald. Doch das war's dann schon. Der nächste Ausflug an die frische Luft wurde mit einem heftigen Milchstau bestraft. Nichts da mit Waldspaziergängen, Bettruhe war angesagt. Und jetzt traue ich mich nicht mehr vor die Haustür, warte auf den Frühling und habe allen Vorsätzen abgeschworen. Frohes Neues Jahr?