Die Reaktion ist unmissverständlich. Kaum hat man erwähnt, dass man ins Auge fasst, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins Berufsleben einzusteigen, runzelt sich die Stirn des Gegenübers, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Person schnappt hörbar nach Luft. Und dann kommt sie, die Frage: „Wie stellst du dir das vor? Du hast doch genug Kinder.“ Die Skepsis legt sich auch nicht, wenn man erklärt, dass der Papa sich gerne an zwei oder drei Tagen die Woche um die Kinder kümmern will, dass er die Möglichkeit hat, sein Pensum zu reduzieren. Wohlgesinnte meinen dann, wir seien mutig, andere sagen gar nichts mehr und runzeln noch einmal die Stirn.
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Pause
Es könnte himmlisch sein. Eine ganze Stunde lang alleine mit dem „petit Prince“. Ein spannendes Buch oder die neuste Ausgabe des „Spiegels“. Ab und zu wirft man einen Blick auf das Schwimmbecken, um zu sehen, welche Fortschritte die beiden grössten Kinder im Schwimmkurs machen. Dann bewundert man ein paar Momente das Baby, bevor man sich wieder dem Buch zuwendet. Zu Hause mag mal wieder die Hölle los sein, doch dies braucht einen jetzt nicht im Geringsten zu kümmern.
Schlaflose Nächte
Ist das Kind mal auf der Welt, erwartet keiner, dass die Eltern ausgeschlafen sind. Auch wir selber haben eigentlich nicht damit gerechnet, dass wir in den nächsten Wochen zu viel Schlaf kommen würden. Was aber, wenn der Neugeborene nachts volle acht Stunden schläft und man dennoch am Morgen kaum die Augen offen bekommt? Darf man dann noch jammern? Wohl kaum.
Überrumpelt
"Und was machst du sonst noch? Wofür interessierst du dich?" Habe ich mich verhört? Oder will da tatsächlich jemand wissen, ob man neben Windeln, Elterngesprächen und Menuplänen noch ein Leben hat? Gewöhnlich hört man ja immer etwa die gleichen Fragen, wenn man jemanden kennenlernt: "Das Wievielte ist es? Das Zweite oder das Dritte? Aha, das Fünfte. Ja, da hast du aber eine anspruchsvolle Aufgabe. Finde ich echt mutig. Und was arbeitet dein Mann?"
Wer seid Ihr, mein Herr?
Begegnungen mit Menschen, die man nicht regelmässig sieht, sind in diesen Tagen einfach nur peinlich. Da gehst du ahnungslos einkaufen, siehst ein bekanntes Gesicht und schon steckst du mitten im Schlamassel. Dein Gehirn versucht, die Checkliste durchzuarbeiten. a) Kenne ich die Person persönlich, oder habe ich sie neulich in der Zeitung gesehen? b) Wenn ich sie persönlich kenne, ist es jemand, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und ich kann davon ausgehen, dass die Person nicht mehr kennt? Oder ist es jemand, den ich erst vor ein paar Wochen zum letzten Mal getroffen habe? c) Von wo kenne ich die Person überhaupt? In welche Schublade muss ich sie stecken? d) Wie um Himmels Willen heisst die Person?
Grrrrrrrrrrrrrrr
"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?
Freizeit
Was tut man eigentlich, wenn man plötzlich drei freie Tage zur Verfügung hat? Was hat man getan, als Freizeit noch etwas völlig Alltägliches war? Kann man so etwas Banales wie freie Zeit zu geniessen überhaupt verlernen?
Jawohl. Man kann. Man begleitet die Familie zum Bahnhof, hilft beim Einsteigen in den Zug und weg sind sie. Drei von vier Kindern vergiessen nicht einmal Tränen. Selber muss man sich zurückhalten, um nicht schon auf dem Bahnsteig loszuheulen. Auf dem Heimweg fasst man den mutigen Entschluss, die nächsten drei Tage nicht mit Heimweh nach Mann und Kindern zu versauen.
Und dann? Was macht man mit der Zeit, wenn man sie plötzlich zur Verfügung hat? Nun ja, es gäbe genug zu tun im Haus. Wäsche falten, bügeln, aufräumen, Kleider sortieren, die Küche gründlich putzen. Aber das alles hat wenig mit Erholung zu tun. Und erholen sollte man sich ja. Muss man sogar. Die Ärztin hat's befohlen.
Doch wie erholt man sich am besten? So dass man am Ende der drei Tage nicht den Eindruck hat, man hätte mehr aus der Zeit herausholen sollen. Schlafen? Lesen? Essen? Shoppen? Sich mit Leuten treffen, für die man sonst wenig Zeit hat? Schwimmen? Oder vielleicht doch besser aufräumen, damit man nachher, wenn der Alltag wieder losgeht, weniger Stress hat?
Nun, es wird nicht möglich sein, all die in den letzten acht Jahren verpasste Erholung innert drei Tagen nachzuholen. Doch wenn man sich in der Abenddämmerung in aller Ruhe Gedanken über das Leben machen kann, ist dies immerhin schon mal ein Anfang.
Zurück auf Feld 53!
Manchmal ist das Leben eben doch wie ein Brettspiel. Da glaubt man, man komme vorwärts und plötzlich landet man auf einem Feld, das einem ganz weit zurück schickt. „Zurück auf Feld 53!“, wird einem da zum Beispiel befohlen. Und auf Feld 53 wird man dann aufgefordert: „Du bekommst noch ein Kind. Kauf dir einen Geschwisterwagen und bezahle dafür einen beliebigen Betrag zwischen 10 und 1000 Franken.“
Der ganz normale Wahnsinn
In der Höhle des Drachens
Tage, an denen man sich schon am frühen Morgen zum ersten Mal in einen Drachen verwandelt, sind nicht die besten. Aber hat man denn eine Wahl, wenn die kinderlose Arbeitskollegin des Mannes um zehn nach sieben anruft um zu fragen, ob er über Mittag auch ins Schwimmbad komme? Bleibt einem da als Ehefrau und Mutter etwas anderes, als die liebe Frau zu bitten, nicht mehr so früh anzurufen, weil die Kleinen noch schlafen? Nachdem man aufgehängt hat, fühlt man sich natürlich ganz mies, denn die gute Frau weiss ja gar nicht, was sie falsch gemacht hat. Sie hat doch nur eine harmlose Frage gestellt. Meint sie. In Wirklichkeit hat sie bereits morgens um sieben drei gravierende Fehler begangen, die den Tag der Mutter in gefährliche Bahnen lenken können. Um das bessere Verständnis zwischen Kinderlosen und Kinderreichen zu fördern, sei hier kurz darauf hingewiesen, was an diesem Anruf in den Augen der Mutter so schlimm war.