Klischees

Die Reaktion ist unmissverständlich. Kaum hat man erwähnt, dass man ins Auge fasst, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins Berufsleben einzusteigen, runzelt sich die Stirn des Gegenübers, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Person schnappt hörbar nach Luft. Und dann kommt sie, die Frage: „Wie stellst du dir das vor? Du hast doch genug Kinder.“ Die Skepsis legt sich auch nicht, wenn man erklärt, dass der Papa sich gerne an zwei oder drei Tagen die Woche um die Kinder kümmern will, dass er die Möglichkeit hat, sein Pensum zu reduzieren. Wohlgesinnte meinen dann, wir seien mutig, andere sagen gar nichts mehr und runzeln noch einmal die Stirn.

Es sind nicht etwa die alten Leute, die so reagiern. Auch nicht Chefs, die ein Problem damit haben, dass Frauen wieder ins Berufsleben einsteigen wollen. Nein, es sind Gleichaltrige, Mütter von einem, zwei oder vielleicht drei Kindern. Frauen, die meistens selber berufstätig sind und deren Kinder von der Grossmama betreut werden, währenddem sie bei der Arbeit sind.
Das Problem ist also nicht, dass man berufstätig sein möchte. Das Problem ist, dass man auch als Mutter von vielen Kindern noch andere Wünsche hat, als Windeln zu wechseln und laufende Nasen zu putzen. Warum darf nur eine Mutter mit einem oder zwei Kindern offen sagen, dass sie sich als Vollzeitmutter nicht zu hundert Prozent ausgefüllt fühlt? Spielt es plötzlich eine Rolle, ob der Papa oder die Mama zu Hause ist, wenn mehr als zwei Kinder betreut werden müssen?
Die Botschaft ist deutlich: Wer sich bei der Kinderzahl im Bereich des Durchschnitts bewegt, darf noch sein eigenes Leben leben. Wer mehr Kinder hat, soll sich gefälligst ans Klischee halten und schön brav das Muttchen am Herd spielen.

Pause

Es könnte himmlisch sein. Eine ganze Stunde lang alleine mit dem „petit Prince“. Ein spannendes Buch oder die neuste Ausgabe des „Spiegels“. Ab und zu wirft man einen Blick auf das Schwimmbecken, um zu sehen, welche Fortschritte die beiden grössten Kinder im Schwimmkurs machen. Dann bewundert man ein paar Momente das Baby, bevor man sich wieder dem Buch zuwendet. Zu Hause mag mal wieder die Hölle los sein, doch dies braucht einen jetzt nicht im Geringsten zu kümmern.

Ja, es wäre himmlisch, wenn da nicht diese andere Mutter wäre. Eigentlich ist sie ja ganz nett. Doch seitdem sie herausgefunden hat, dass das Prinzchen das Jüngste von 5 Kindern ist, spürt sie Woche für Woche den Drang, mir zu huldigen. Wie sie mich doch bewundere für meinen Mut, 5 Kinder zu haben. Wie hübsch das Prinzchen doch sei und wie schön es sei, dass ich mir Woche für Woche so eine kleine Auszeit im Hallenbad gönnen könne. Ohne eine solche Auszeit könne man ja den harten Alltag mit so vielen Kindern gar nicht meistern, meint sie.
Recht hat sie. Auszeiten sind überlebenswichtig. Warum nur lässt sie mich  also die Zeit nicht so geniessen, wie ich es will: Ganz ohne Bewunderung und Huldigungen, allein mit meinem Prinzchen, meinem Buch und dem einen oder anderen stolzen Blick auf meine grossen Kinder?

Schlaflose Nächte

Ist das Kind mal auf der Welt, erwartet keiner, dass die Eltern ausgeschlafen sind. Auch wir selber haben eigentlich nicht damit gerechnet, dass wir in den nächsten Wochen zu viel Schlaf kommen würden. Was aber, wenn der Neugeborene nachts volle acht Stunden schläft und man dennoch am Morgen kaum die Augen offen bekommt? Darf man dann noch jammern? Wohl kaum.

Angefangen hatte es schon im Spital. Die Zimmernachbarin war komplett überfordert mit dem ersten Baby. Das Mädchen schrie stundenlang. Nun, es ist vollkommen legitim, mit dem ersten oder jedem weiteren Kind völlig überfordert zu sein. Und selbstverständlich darf ein Neugeborenes schreien, soviel es will. Darf aber eine Mutter sich weigern, Hilfe anzunehmen, wenn nebendran ein anderes Neugeborenes selig schlummert, während dessen Mutter sich schlaflos im Bett wälzt? Darf sie nicht, zumindest nicht, wenn die Hilfe nur einen Knopfdruck weit entfernt ist. So leicht wird sie als Mutter nie mehr Hilfe bekommen. 
Zu Hause wird alles besser, denkt man. Zu Hause hat man ja keine überforderten Zimmernachbarinnen mehr und auch keine Nachtschwestern, die morgens um drei wissen wollen, ob man noch etwas brauche. Zu Hause wird gar nichts besser. Während "le petit prince", wie unser Sohn von einer Afrikanischen Leidensgenossin aus dem Spital liebevoll genannt wurde, selig schläft, machen die anderen Kinder die Nacht zum Tag. Der Vierjährige will unbedingt zu Papa ins Bett, wo aber kein Platz mehr ist, weil dort jetzt eben auch "le petit prince" für einige Nächte logiert. Der Vierjährige zieht betrübt ab, heult sich verständlicherweise den ganzen Frust von der Seele und weckt damit den Zweitjüngsten. Dieser will eine Milch und prostestiert lautstark, als nicht alles genau so ist, wie es sein sollte. So geht es einige Zeit weiter, das Prinzchen schläft noch immer, die Eltern irgendwann auch wieder.
Das Prinzchen schläft aber so aussergewöhnlich lange , dass irgendwann beide Eltern wieder hellwach sind. Kann es denn tatsächlich sein, dass das Kind bereits nach einer Woche durchschläft? Geht nicht. Also liegen wir wach und warten darauf, dass das Prinzchen erwacht und trinken will.
Ohne schwarze Augenringe wären wir doch einfach nicht mehr glaubwürdig. 

Überrumpelt

"Und was machst du sonst noch? Wofür interessierst du dich?" Habe ich mich verhört? Oder will da tatsächlich jemand wissen, ob man neben Windeln, Elterngesprächen und Menuplänen noch ein Leben hat? Gewöhnlich hört man ja immer etwa die gleichen Fragen, wenn man jemanden kennenlernt:  "Das Wievielte ist es? Das Zweite oder das Dritte? Aha, das Fünfte. Ja, da hast du aber eine anspruchsvolle Aufgabe. Finde ich echt mutig. Und was arbeitet dein Mann?" 

Und jetzt will da plötzlich jemand mehr über einen wissen. Wie oft hat man sich ausgemalt, was man antworten würde, wenn man mal wieder als Mensch und nicht ausschliesslich als Mutter wahrgenommen wird. Wie hat man sich doch dagegen gesträubt, nur noch als Dummchen dazustehen, als Gebärmaschine, als Gratisarbeitskraft. Doch es ist so lange her, dass jemand mehr wissen wollte, dass man jetzt, wo man die Gelegenheit hätte etwas von sich zu erzählen, nur noch verdattert stammeln kann: "Tja, äääähm, da gibt es Vieles, was mich interessiert" und schnell das Thema wechselt. 

Wer seid Ihr, mein Herr?

Begegnungen mit Menschen, die man nicht regelmässig sieht, sind in diesen Tagen einfach nur peinlich. Da gehst du ahnungslos einkaufen, siehst ein bekanntes Gesicht und schon steckst du mitten im Schlamassel. Dein Gehirn versucht, die Checkliste durchzuarbeiten. a) Kenne ich die Person persönlich, oder habe ich sie neulich in der Zeitung gesehen? b) Wenn ich sie persönlich kenne, ist es jemand, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und ich kann davon ausgehen, dass die Person nicht mehr kennt? Oder ist es jemand, den ich erst vor ein paar Wochen zum letzten Mal getroffen habe? c) Von wo kenne ich die Person überhaupt? In welche Schublade muss ich sie stecken? d) Wie um Himmels Willen heisst die Person?

Gewöhnlich liefert das Gehirn die Antworten innert Sekundenbruchteilen. Aber was ist schon gewöhnlich, wenn man am Ende der fünften Schwangerschaft steht? Deshalb laufen solche unverhofften Begegnungen etwa folgendermassen ab.
Fremde: „Hallo Tamar!“
Mist, die Person kennt meinen Namen. Also müsste ich ihren auch kennen. Aber ich habe keinen blassen Schimmer. Es bleibt also nur Eines: Flucht nach vorn.
Ich: „Äh, hallo. Hör mal, es ist mir furchtbar peinlich. Ich weiss, dass ich dich kennen sollte, aber ich habe keine Ahnung, woher und wie du heisst. Passiert mir in letzter Zeit öfters.“
Fremde: „Kein Problem. Ich bin die Mirjam (Namen geändert), die Mama von Vanessa. Wir kennen uns vom Turnen.“
Turnen? Stimmt, das habe ich mal geleitet. Ist schon eine Ewigkeit her, also genauer gesagt, drei Monate. Wer kann  da noch an alles im Kopf beahlten?
Ich: „Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Die kleine Vanessa, natürlich!“
Fremde: „Sag mal, du bist nicht zufällig schwanger. Dann vergisst man doch alles, oder?“
Schwanger? Natürlich, doch das kannst du ja nicht wissen. Ich bin ja auch erst im neunten Monat und gleich platzt mir die Fruchtblase. Doch das sieht man mir ja nicht an.
Der Rest des Gesprächs verläuft normal und man kann bloss hoffen, dass man es nicht vergessen hat, bis man der Person das nächste Mal über den Weg läuft. „Wochenbettdemenz“ hat neulich jemand diesen Zustand genannt. Ein schönes Wort, oder? Zu dumm nur, dass das Wochenbett noch gar nicht angefangen hat. Erfahrungsgemäss wird die Sache nur noch schlimmer in der Stillzeit. Das kann ja heiter werden. Wer wisen will, wie die Zukunft aussieht, lese nach bei „Asterix – Der Kampf der Häuptlinge“.
„Wer seid Ihr, mein Herr? Und wer ist dieser Miraculix, von dem Ihr dauernd redet?“

Grrrrrrrrrrrrrrr

"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?

Die Krankenkassen unterstützen diese Ungerechtigkeit noch. Da nützt kein Arztzeugnis, kein ausführlicher Bericht. Erst wenn die Mutter zusammengebrochen ist, wird bezahlt. Man sei nicht zuständig für sozial belastende Situationen, heisst es so schön. Und die Mutter darf sich weiter den Rücken ruinieren, bis er dereinst so kaputt sein wird, dass er die Krankenkasse einiges mehr kosten wird, als die paar Wochen Haushalthilfe. 

Nun, für Gerechtigkeit in diesen Belangen ist es wohl etwas zu früh. Da müssen erst noch ein paar Brangelina-Babies her, bevor sich die Gesellschaft wieder daran gewöhnt, dass Mutterschaft ein Knochenjob sein kann. Bis dahin soll sich bloss niemand wundern, dass die realen Mütter wenig gemeinsam haben mit den strahlenden Frauen in der Werbung. 

Freizeit

Was tut man eigentlich, wenn man plötzlich drei freie Tage zur Verfügung hat? Was hat man getan, als Freizeit noch etwas völlig Alltägliches war? Kann man so etwas Banales wie freie Zeit zu geniessen überhaupt verlernen?

Jawohl. Man kann. Man begleitet die Familie zum Bahnhof, hilft beim Einsteigen in den Zug und weg sind sie. Drei von vier Kindern vergiessen nicht einmal Tränen. Selber muss man sich zurückhalten, um nicht schon auf dem Bahnsteig loszuheulen. Auf dem Heimweg fasst man den mutigen Entschluss, die nächsten drei Tage nicht mit Heimweh nach Mann und Kindern zu versauen. 

Und dann? Was macht man mit der Zeit, wenn man sie plötzlich zur Verfügung hat? Nun ja, es gäbe genug zu tun im Haus. Wäsche falten, bügeln, aufräumen, Kleider sortieren, die Küche gründlich putzen. Aber das alles hat wenig mit Erholung zu tun. Und erholen sollte man sich ja. Muss man sogar. Die Ärztin hat's befohlen.

Doch wie erholt man sich am besten? So dass man am Ende der drei Tage nicht den Eindruck hat, man hätte mehr aus der Zeit herausholen sollen. Schlafen? Lesen? Essen? Shoppen? Sich mit Leuten treffen, für die man sonst wenig Zeit hat? Schwimmen? Oder vielleicht doch besser aufräumen, damit man nachher, wenn der Alltag wieder losgeht, weniger Stress hat?

Nun, es wird nicht möglich sein, all die in den letzten acht Jahren verpasste Erholung innert drei Tagen nachzuholen. Doch wenn man sich in der Abenddämmerung in aller Ruhe Gedanken über das Leben machen kann, ist dies immerhin schon mal ein Anfang.

Zurück auf Feld 53!

Manchmal ist das Leben eben doch wie ein Brettspiel. Da glaubt man, man komme vorwärts und plötzlich landet man auf einem Feld, das einem ganz weit zurück schickt. „Zurück auf Feld 53!“, wird einem da zum Beispiel befohlen. Und auf Feld 53 wird man dann aufgefordert: „Du bekommst noch ein Kind. Kauf dir einen Geschwisterwagen und bezahle dafür einen beliebigen Betrag zwischen 10 und 1000 Franken.“

Tja, der Geschwisterwagen. Den hatte man in einem Anflug von Übermut verschenkt. Und als die Freunde anboten, das Ding auf E-Bay zu versteigern, war man sogleich einverstanden. Kein Problem, das Ding brauchen wir nie mehr.
Und jetzt ist man also wieder auf der Suche nach einem Geschwisterwagen. Während man selber auf der Stelle tritt, hat sich wenigstens die Welt weiterentwickelt. Im Gegensatz zum letzten Mal gibt es jetzt all die tollen Auktionen und man bekommt die Gefährte zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises. Nun, eigentlich müsste es heissen „bekäme man“, denn nun hat uns schon zum zweiten Mal jemand wenige Sekunden vor Auktionsende den heiss begehrten Wagen weggeschnappt. Tagelang interessiert sich keiner für das Ding und dann, wenn man die Auktion schon für gewonnen hält, schlägt irgendeiner zu, bezahlt den Sofort-Kaufen-Preis und weg ist der Wagen.

Das passiert uns sonst bei keiner Auktion. Was beweist, dass Eltern einander nichts gönnen. Da sitzt bestimmt irgend eine gelangweilte Tussi den ganzen Tag vor dem Computer und wartet darauf, bis sie einer überbeschäftigten Mutter den Wagen wegschnappen kann. Wahrscheinlich braucht sie den Wagen nicht einmal, aber es macht nun mal so viel Spass, anderen die Freude zu verderben. In drei Monaten wird der Wagen wieder in einer Auktion zu haben sein, denn inzwischen hat die Tussi gemerkt, dass die Übelkeit, die sie für die Morgenübelkeit der zweiten Schwangerschaft gehalten hatte, bloss eine Lebensmittelvergiftung war. Es bleibt nichts anderes übrig: Das nächste Mal arbeiten wir auch wieder mit dem Sofort-Kaufen-Preis.

Zwei Dinge bleiben noch anzumerken, um Missverständnissen vorzubeugen:
1. Dieser Eintrag ist nicht gegen Familien gerichtet, die ein Kind haben, nicht gegen solche, die ein Zweites bekommen, nicht gegen Mütter, die vor lauter Übelkeit kaum mehr den Tag überstehen. Er richtet sich gegen überhaupt niemanden,  als einzig und allein gegen blöde Tussis, die uns immer wieder die Kinderwagen vor der Nase wegschnappen.
2. Dieser Eintrag ist erst recht kein Aufruf, uns mit nicht mehr gebrauchten Babysachen einzudecken. Wo immer der Irrtum herkommt, kinderreiche Familien seien dankbare Abnehmer für nicht mehr gebrauchte Babybettchen, Kleidchen und nervige Lärmspielsachen, er bleibt ein Irrtum. Ausserdem soll unser letztes Kind in einem richtig coolen Wagen ausfahren dürfen. Denn wenn wir schon nochmals Nachwuchs bekommen, soll das Kind, genau wie die anderen vier, sich als etwas ganz Besonderes fühlen dürfen.

Der ganz normale Wahnsinn

Was für ein Start in den Tag! Der Älteste hat Schulreise, muss auf den Bahnhof begleitet werden. Die Zweitälteste muss die Klassenfotos bezahlen. Deshalb muss ein Umweg zum Bancomaten eingeplant werden. Die Vorbereitungen müssen leise vonstatten gehen, damit die Kleinen nicht erwachen. Sonst muss man noch mit dem ganzen Trupp durchs Dorf ziehen.
Anfangs läuft alles glatt. Das Frühstück ist serviert, die Kleider liegen bereit. Wir reden über das gestrige Fussballspiel, erörtern die Frage, warum Pinguine und Eisbären nicht am selben Ort leben und diskutieren, ob heisser Tee oder kaltes Wasser besser ist an heissen Tagen. Dazwischen die üblichen Anweisungen: „Esst endlich auf!“, „Ihr müsst euch beeilen!“, „Macht jetzt endlich vorwärts!“. Und dann um zwanzig nach sieben plötzlich dies: „Mama, es ist gar nicht so einfach, dich zum Lachen zu bringen.“, bemerkt der Siebenjährige trocken. Zack, der hat gesessen! Wer braucht da noch einen Psychiater, wenn einem die Psychoanalyse gratis zum Frühstück geliefert wird?
Es bleibt nicht viel Zeit, über das Gesagte nachzudenken, denn plötzlich, als fast alles bereit ist, steht der Zweitjüngste da. Was nun? Normalerweise braucht er eine Ewigkeit, um morgens in die Gänge zu kommen. Zum Glück hat ihm Papa gestern neue Hosen gekauft. Damit lässt er sich bestechen und innert fünf Miunuten ist er angezogen und steht mit einem Apfel in der Hand bereit.
Also dann, ab zum Bahnhof. Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, beginnt der Jüngste zu weinen. Nun, vielleicht kann man ihn ja im Pijama mitnehmen. Doch nichts da. Der Kleine liegt bis auf eine pralle Windel nackt im Bett. Und die Windel ist nicht etwa eine Gewöhnliche, sondern eine Prinzessinnenwindel, bonbonrosa und mit einem Schneewittchen-Aufdruck. So kann der Kleine unmöglich mitkommen. Sonst melden die uns noch beim Sozialamt. Kinderreiche Familien sind ja ohnehin schon suspekt und wenn sie ihre Söhne in nassen Prinzessinnenwindeln herumlaufen lassen, deutet dies eindeutig auf Vernachlässigung hin.
Man hat also keine Wahl. Schnell wird der Kleine in saubere Kleider gezwängt und, ebenfalls mit einem Apfel in der Hand, in den Kinderwagen gesetzt.  Nachdem alle zur rechten Zeit am rechten Ort abgeliefert sind, wäre man eigentlich reif für den Feierabend. Doch dafür ist es um morgens halb neun vielleicht  noch etwas früh.

In der Höhle des Drachens

Tage, an denen man sich schon am frühen Morgen zum ersten Mal in einen Drachen verwandelt, sind nicht die besten. Aber hat man denn eine Wahl, wenn die kinderlose Arbeitskollegin des Mannes um zehn nach sieben anruft um zu fragen, ob er über Mittag auch ins Schwimmbad komme? Bleibt einem da als Ehefrau und Mutter etwas anderes, als die liebe Frau zu bitten, nicht mehr so früh anzurufen, weil die Kleinen noch schlafen? Nachdem man aufgehängt hat, fühlt man sich natürlich ganz mies, denn die gute Frau weiss ja gar nicht, was sie falsch gemacht hat. Sie hat doch nur eine harmlose Frage gestellt. Meint sie. In Wirklichkeit hat sie bereits morgens um sieben drei gravierende Fehler begangen, die den Tag der Mutter in gefährliche Bahnen lenken können. Um das bessere Verständnis zwischen Kinderlosen und Kinderreichen zu fördern, sei hier kurz darauf hingewiesen, was an diesem Anruf in den Augen der Mutter so schlimm war.

Erstens: Es gibt tatsächlich Kleinkinder, die morgens um sieben noch schlafen. Auch wenn die Mehrzahl der Eltern immer wieder jammert, die Kleinen seien bereits um fünf Uhr wach, so gibt es doch auch Kinder, die gerne bis acht oder neun Uhr schlafen. Manche sogar bis zehn. Und, man lese und staune, die Mütter sind gar nicht so unglücklich darüber, besonders dann, wenn sie noch grössere Kinder haben, um die sie sich kümmern müssen.
Dies führt uns zum zweiten Punkt. Morgens um sieben ist bei den meisten Familien mit schulpflichtigen Kindern die Hölle los. Der Morgenmuffel (bei uns in weiblicher Form vertreten, doch was ist die weibliche Form von Morgenmuffel?) will nicht wach werden und lässt sich nicht aus dem Bett bewegen. In der Küche schreit einer nach Kakao und selber möchte man eigentlich auch noch gerne etwas zwischen die Zähne bekommen. Wenn endlich alle satt sind, kommt das nächste Problem: Das Anziehen. Der eine möchte lieber Bilderbücher anschauen, während die andere allen Ernstes lange Hosen und Pullover aus dem Schrank zieht, weil sie fürchtet, bei 32 Grad Hitze zu erfrieren. So geht das eine Stunde lang weiter. Dass man in diesem Chaos keine Kleinkider brauchen kann, die gewickelt werden müssen, dürfte jedem einleuchten.
Kommen wir zum dritten und wichtigsten Punkt. Liebe Kinderlose, erinnert nie, aber auch gar nie, eine schwangere Mutter von vier Kindern am Morgen eines Hitzetages daran, dass ihr Mann in der Mittagspause ins Schwimmbad gehen könnte. Dass er in diesem Schwimmbad nicht bloss am Rand des Planschbeckens sitzen müsste, sondern dass er echte Chancen hätte, ins Wasser zu springen und sich abzukühlen. Dass er im Schatten liegen könnte und ein Buch lesen könnte. Mit solchen Bildern vor Augen muss die Mutter einfach zum Drachen werden, ob sie es will oder nicht.
Gott sei Dank hasst der liebe Mann nichts so sehr wie Schwimmbäder. Ansonsten hätte der harmlose Anruf zu einer ernsthaften Ehekrise geführt. Und dies war garantiert nicht die Absicht der Arbeitskollegin.