Gestern Abend in der Sendung "Giacobbo/Müller" des Schweizr Fernsehens. Zu Gast sind der fünffache Vater Filippo Leutenegger und die vierfache Mutter Sandra Studer. Während man bei Leutenegger erst von seinen Kindern erfährt, nachdem man sich eingehend mit seiner politischen Einstellung befasst hat, lautet die erste Frage an Studer: "Sandra, wer betreut denn jetzt deine vier Kinder?".
Diese Frage könnte direkt von Silvia Blocher stammen. Und eigentlich ist sie auch komplett unnötig. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass ein Vater nie und nimmer seine Kinder verlassen würde. Wenn er dies (aus ganz und gar uneigennützigen Gründen, versteht sich) dennoch tun muss, sorgt er dafür, dass die Kinder von einer Rund-um-die Uhr- Nanny, im Volksmund auch Ehefrau genannt, bestens betreut sind. Wir Mütter kennen da weniger Skrupel. Verlassen wir (natürlich aus ganz und gar egoistischen Gründen) das Haus, ist es uns vollkommen egal, was mit den Kindern passiert. Gewöhnlich stellen wir ihnen einfach einen Fressnapf und etwas frisches Wasser hin, um danach unsere eigenen Bedürfnisse ausgiebig zu stillen. Meinen wir es ganz gut mit den Kleinen, schalten wir ihnen den Fernseher ein. Ist bei unserer Rückkehr die Wohnungseinrichtung zertrümmert, binden wir die Kleinen beim nächsten Mal eben an.
Leider ist es eine Tatsache, dass heute immer mehr Frauen so handeln. Und darum darf es nicht verwundern, wenn Dreijährige bereits rauchen, Fünfjährige Einbrüche auf dem Kerbholz haben und Siebenjährige mit Drogen dealen. Jugendgewalt, Jugendkriminalität, Rauschtrinken und wie die Schlagworte alle heissen, gehen voll und ganz auf das Konto egoistischer Mütter, oder nicht?
Also, sperren wir die Frauen doch endlich wieder ein. Dann ist die Welt wieder in Ordnung, Silvia Blocher wieder glücklich und die dummen Fragen an vierfache Mütter erübrigen sich ganz von selbst.
Das Schlimmste ist nämlich, dass Sandra Studer sich dazu verpflichtet fühlte, die dumme Frage wahrheitsgetreu zu beantworten.
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Muttertag
Früher hat man ja nur darüber gelacht. Dieser lächerliche Tag, an dem die kleineren Kinder ihren Müttern am Morgen das Frühstück ans Bett bringen und dabei eine riesige Sauerei anrichten, so dass die Mutter für den Rest des Tages mit Aufräumen beschäftigt ist. An dem die erwachsenen Kinder pflichtbewusst mit einem Heuchlerbesen bei Mama erscheinen, die stundenlang in der Küche geschwitzt hat, um für ihre Brut mal wieder ein anständiges Essen auf den Tisch zu zaubern. Und ausserdem ist alles bloss reiner Kommerz.
Diese Haltung hat sich etwas geändert und daran ist, wie an so Vielem, die Schwiegermutter Schuld. Ist es denn gerecht, dass man Jahr für Jahr eine Frau feiern muss, die vor mehr als dreissig Jahren ein Kind geboren hat und sich noch immer nicht damit abgefunden hat, dass man mit diesem einzigen Kind selber ein paar Kinder gezeugt hat und diese nun grosszuziehen versucht? Ein wenig Schuld trägt natürlich auch die Werbung. Denn wenn einem überall suggeriert wird, man hätte es verdient, einen Tag lang gefeiert zu werden, fällt einem ein, dass man in den letzten Jahren tatsächlich schon zwei oder drei Mal wegen der Kinder seine eigenen Interessen in den Hintergrund gestellt hat. Dass Papa dies ebenso oft getan hat, übersehen wir hier geflissentlich…
Dieses Jahr ist alles ein wenig anders. Angefangen hat es damit, dass die Spielgruppenleiterin in die Falle der allgemeinen Verunsicherung über das tatsächliche Datum des Muttertages 2008 getappt ist. So überreichte der Vierjährige sein erstes Muttertaggeschenk an einem ganz banalen Montag. Muttertagsgeschenk Nummer zwei wurde am Freitag abgegeben, als man mitten im herrlichsten Chaos von Mittagessenkochen und hungrige Kinder in Schach halten steckte. Die Tochter hatte schon seit zwei Wochen kein anderes Thema als das Muttertagsgeschenk mehr gekannt, und so war klar, dass sie nicht mehr länger warten konnte. Leider endete die Sache in Tränen, denn die Kindergärtnerin hatte nicht bemerkt, dass die sorgfältig bemalte Vase einen Sprung hatte und die Rose deshalb bald auf dem Trockenen stand.
Die grösste Überraschung lieferte dieses Jahr ausgerechnet die Schwiegermutter. Währenddem wir uns noch krampfhaft am Überlegen waren, wie wir denn die mühsame Prozedur dieses Jahr über die Bühne bringen sollten, rief sie an und fragte, ob wir nicht einfach am Samstag zusammen in die Stadt gehen könnten, um ein wenig einzukaufen. Keine Heuchelei und keine überteuerte Restaurantrechung! Das müsste Tradition werden.
Gestern Abend dann haben wir in Vorfreude auf den ersten freien Muttertag seit Menschengedenken so richtig über die Stränge gehauen. Wir haben bei einer Tasse Tee bis nachts um 1 die x-te Fernsehausstrahlung von Notting Hill geschaut und danach noch ganz unvernünftig bis halb zwei geredet.
Das dritte noch zu erwartende Muttertagsgeschenk hatten wegen der wilden Nacht natürlich ganz vergessen. Es kam pünktlich um sieben, schön verpackt und mit einer rührenden Karte. Eines muss man ja anerkennen: Die Muttertagsbastelei hat gewaltige Fortschritte gemacht. Es gibt keine mit filziger Wolle verklebten Serviettenringe mehr wie zu unseren Zeiten. Die heutigen Geschenke haben Stil und man kann die Kinder ohne einen Hauch von Heuchelei für ihre Werke loben.
Müde ist Mama dennoch. Und während Papa weiterhin im Bett vor sich hinschnarcht, versucht Mama die Kinder noch eine Weile zu ignorieren, um mit diesen Sätzen fertig zu werden. Lange wird sich das Frühstück allerdings nicht mehr herauszögern lassen. Der Erste hat bereits einen Kakao bestellt.
Sisyphos
Sisyphos war in Wirklichkei eine Hausfrau, allenfalls auch ein Hausmann, falls es solche in der Antike schon gegeben hat. Ein typischer Tag im Leben des Sysiphus muss etwa so ausgesehen haben: Er stand am Morgen auf, räumte das schmutzige Geschirr vom Vorabend weg, holte aus dem Geschirrspüler das saubere Geschirr, um darin das Frühstück zu servieren, räumte das jetzt ebenfalls schmutzige Geschirr wieder in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in Kleider, die er am Vorabend gewaschen hatte, im besten Wissen, dass dieselben Kleider spätestens in fünf Stunden wieder in der Waschmaschine landen würden, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, faltete saubere Wäsche zusammen, räumte auf, wischte den Boden, holte sauberes Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte es nach dem Essen wieder zurück in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in frische Kleider, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, räumte auf, holte das saubere Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte das schmutzige Geschirr nach dem Essen wieder in den Geschirrspüler, putzte den Tisch, wischte den Boden, räumte auf, steckte die Kinder in frische Pijamas, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, steckte die schmutzigen Kleider in die Waschmaschine, hängte die nasse Wäsche auf und sank danach todmüde und im vollen Bewusstsein, den ganzen Tag nicht etwas gleistet zu haben, das Bestand haben würde, ins Bett.
Doch weil dies alles zu wenig glamourös klang, hat man aus Sisyphos einen König gemacht, der erst nach allen erdenklichen Patzern zu seinem sinnlosen Dasein verdammt wurde. Fragt sich nur, womit all die armen Hausfrauen- und männer die Götter erzürnt haben…
Wer darf die Geschichte erzählen?
Es ist ein umwerfendes Bild: Die neu eingesetzte Spanische Verteidigungsministerin, die hochschwanger die Ehrengarde abschreitet. Und was dahinter steckt, ist noch umwerfender: Da ist ein Chef, der in einer Schwangerschaft kein Hindernis sieht, der nicht davon ausgeht, dass eine Frau, die geboren hat, nicht mehr kompetent ist, der ihr ein Amt zutraut, ja sogar eines, dass normalerweise in Männerhand ist. Ein Chef, dem es egal ist, dass die Frau ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub beziehen wird.
Warum nur ist dies noch immer die grosse Ausnahme? So gross, dass sämtliche Zeitungen das Bild auf der Frontseite bringen? So aussergewöhnlich, dass darüber Kommentare geschrieben werden müssen? Warum nur sieht die Realität für die meisten schwangeren Frauen noch immer anders aus, zumindest in der Schweiz und ganz sicher auch anderswo?
Dann noch eine andere Frage zu einem anderen Thema, das dennoch dasselbe ist: Warum hört man lieber Vätern zu statt Müttern? „Jetzt reden die Väter“ titelt der Beobachter, wenn es um Familie geht. Das Migros Magazin bringt anrührende Stories über allein erziehende Väter, Kolumnist Bänz Friedli darf Woche für Woche aus seinem Leben als Hausmann erzählen.
Man verstehe mich nicht falsch. Ich finde es grossartig, dass es heute für Männer selbstverständlich ist, Kinder zu wickeln, es interessiert mich, wie sie das Leben mit der Doppelbelastung Familie und Beruf erleben und ich liebe die Kolumnen von Bänz Friedli. Aber seien wir doch ehrlich: Hiesse der Bänz nicht Bänz, sondern Bernadette, kein Schwein würde sich für seine Texte interessieren. Wäre er eine Frau, würde man ihr vorwerfen, sie könne nichts als jammern, sie hätte mal eine Horizonterweiterung nötig, sie sei eine frustrierte Hausfrau, die nicht zu schätzen wisse, wie erfüllend es sei, für eine Familie zu sorgen. Aber weil der Bänz ein Mann ist, wird er von den Leserinnen verehrt, veröffentlicht er Bücher, darf er Lesungen abhalten und keiner fragt, wer denn während seiner Abwesenheit die Kinder betreue.
Familie ist plötzlich ein Thema und dies nicht nur, weil der Generationenvertrag ins Wanken kommt. Seitdem die Männer Fläschchen wärmen, Windeln wechesln, Brei kochen und laufende Nasen putzen ist es plötzlich ein Thema, ob man dabei immer so erfüllt ist, wie es die Werbung vorgaukelt. Plötzlich interessiert es alle, wie der Familienalltag aussieht. Wie der aussieht, hätten Frauen schon seit Jahrzehnten erzählen können. Sie hätten davon erzählen können, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird, wenn man vor lauter Überforderung nichts anderes mehr tun kann als schreien. Wie man sich fühlt, wenn man mit einer Magen-Darm-Grippe Mittagessen kochen muss. Wie sich die Erschöpfungsdepression schleichend ins Leben frisst. Sie häten auch erzählen können, was für ein unbeschreibliches Gefühl es ist, ein Wesen, dass während Monaten im Bauch herangewachsen ist, in den Armen zu halten. Dass es nichts Schöneres gibt, als von klebrigen Kinderhänden gestreichelt zu werden. Dass es manchmal erschütternd ist, zu erkennen, dass man diesen Menschen, die man über alles liebt, nie ganz gerecht werden kann.
All dies und noch viel mehr hätten sie erzählen können. Doch es interessierte keinen, denn es waren „Frauenthemen“. Es geht hier nicht darum, Männer gegen Frauen auszuspielen. Warum aber dürfen jetzt die Väter erzählen, während die Mütter noch immer nicht ernst genommen werden?
Kranke Mütter gibt es nicht
„Soll ich Sie krank schreiben?“, will die Ärztin wissen. Krank schreiben? Man lässt sich den Gedanken kurz durch den Kopf gehen. Ist doch kein Problem. Der hausinterne Kinderhort wird zwar von einer 72-jährigen betreut, die selber sieben Kinder grossgezogen hat. Doch sie hat bestimmt nichts dagegen einzuwenden, vier lebhafte Knirpse zu betreuen, bis Papa nach Hause kommt. Dann gäbe es noch das klitzekleine Problem mit der Wäsche und dem Putzen. Mal abklären, wer die Putzfrau bezahlen würde, wenn sie statt der üblichen zwei Stunden pro Woche plötzlich einen Full-Time-Job im Haushalt übernehmen würde. Das Kochen könnte ja der Pizzakurier übernehmen. Geht zwar ein bisschen ins Geld und ist auf Dauer ungesund, aber was soll’s? Dann wären da noch ein paar andere Kleinigkeiten zu regeln, wie zum Beispiel das Einkaufen, das Ausfüllen der Steuererklärung, das Chauffieren der Kinder, wenn sie mal nicht zu Fuss gehen können, das Betreuen der Hausaufgaben, etc. Aber das sind wirklich alles nur Kleinigkeiten. Irgend jemand wird sich ihrer schon annehmen.
Nun gut, nach längerem Überlegen muss man zugeben dass es zu viele Hindernisse gibt. „Ich bin vierfache Mutter. Da geht das wohl nicht so einfach“, antwortet man schweren Herzens der Ärztin. „Ach so, ich dachte, Sie seien berufstätig.“ Damit ist das Thema abgehakt. Mütter schreibt man nicht krank. Die finden immer wieder einen Weg, auf die Beine zu kommen, auch wenn die Batterien schon längst leer sind.
Wieder nicht geschafft…
Nur einmal möchte man so sein wie die anderen. Die Muffins perfekt, keines, bei dem die Glasur heruntertropft, keines, das deformiert ist. Die letzten Vorbereitungen laufen glatt. Es braucht kein Antreiben, kein Ermahnen, schon gar kein Anschreien, damit die Kinder sich bereit machen. Sie sind alle sauber angezogen, Gesichter gewaschen. Alle rechtzeitig bereit, für den grossen Auftritt. Dann pünktlich raus aus dem Haus und ohne Hetze auf in den Kindergarten zur Geburtstagsfeier, auf die sich die Tochter seit Wochen schon freut.
Stattdessen das Gleiche wie immer: Der eine weiss nicht, was er zum Znüni will, der andere weigert sich, sich anzuziehen, die Haare der Tochter sind verklebt und lassen sich kaum kämmen, die Muffins kleben auf dem Blech, der Jüngste ist krank und brüllt, wenn man ihn aus dem Bett holt. Knapp zehn Minuten vor Kindergartenbeginn sind endlich alle auf der Strasse. Die Muffins rutschen gefährlich auf dem Tablett, während man verzweifelt versucht, gleichzeitig den Kinderwagen zu schieben, das Tablett zu balancieren, den Kleinen zur Eile anzutreiben und die Begeisterung des Geburtstagskindes zu teilen. Nach zehn Minuten, die einem vorkommen wie eine halbe Stunde, kommt man nassgeschwitzt und mit den Nerven am Ende im Kindergarten an.
Wieder hat man es nicht geschafft, dem Kind einen Moment der ungetrübten Freude zu bieten. Wieder stand der Stress im Weg, das Unvorhersehbare, die eigene Beschränktheit. Wie schaffen das bloss die anderen Mütter? Schaffen sie es überhaupt?
Zumindest die Kindergärtnerin sieht keinen Unterschied: „Das ist mal wieder perfekt. Wie immer bei dir“, ist ihre Reaktion, als sie die Muffins entgegennimmt. Perfekt? Das sind doch die anderen. Oder sieht in den Augen der anderen alles ein wenig anders aus?
Wann genau ist man so tief gesunken, dass der Besuch eines Vertreters den sozialen Höhepunkt des Tages markiert? Der Zeitpunk ist rückblickend nicht mehr genau feststellbar, doch es muss irgendwann zwischen dem zweiten und dem dritten Kind passiert sein. Irgendwann, als die häuslichen Pflichten zunahmen, die Arbeitszeit ausser Hause abnahm und sich die täglichen Gespräche mit Erwachsenen auf das Abwimmeln von Telefonwerbung zu beschränken begannen. Da plötzlich begann man sich darauf zu freuen, wenn sich ein Vertreter ankündigte.
Natürlich, Vertreterbesuche spielen sich bei uns immer en Famille ab, sind also tatsächlich gesellschaftliche Anlässe. Man sitzt zusammen, trinkt Kaffee, die Kinder stellen die Wohung auf den Kopf und die Erwachsenen geraten in einen Kaufrausch. Während die Kinder noch ruhig sind, wird Bouillon bestellt, vielleicht auch eine Würzmischung. Je lauter es aber im Kinderzimmer wird, umso rasanter nähert sich der Vertreter dem harten Stoff: Beruhigender Melissenwein für die, die vor lauter Stress nicht mehr schlafen können, stärkendes Tonikum für jene, die sich vor lauter Verausgabung kaum mehr auf den Beinen halten können.
So schaukelt man sich gegenseitig hoch und schliesslich bestellt man Dinge, von denen man weiss, dass man sie nie gebrauchen wird. Und das Schlimmste daran ist, dass man den Tag kaum erwarten kann, bis die Ware geliefert wird.
Früher verschaffte es eine gewisse Befriedigung, schwerbeladen von einer Shoppingtour heimzukommen. Man freute sich darauf, die neuen Bücher aus der Tasche zu holen, die ersten Seiten darin zu lesen. Die Kleider noch einmal anzuprobieren, die in der Umkleidekabine noch der letzte Schrei waren, zu Hause aber nur noch lächerlich wirkten. Die sündhaft teure Schokolade, die man im letzten Moment noch gekauft hatte, um Kleingeld zu wechseln, auf der Zunge zergehen zu lassen und dabei an den traumhaften Teegenuss vom Nachmittag zu denken.
Heute ist es das höchste der Gefühle, eine brandneue Dose Bouillon, die der Postbote geliefert hat, in den Vorratsschrank zu stellen. Vielleicht sind es sogar zwei Dosen. Der Höhepunkt der Woche ist es, eine neue Joghurtsorte zu entdecken, bevor es dafür Bonuspunkte gibt. Und das ultimative Erfolgserlebnis: Zwischen Milch, Würstchen, Eiern, Kindershampoo und Energiesparlampen eine Zehnerpackung Einwegstrumpfhosen zu schmuggeln. Man stelle sich das einmal vor, eine Zehnerpackung ganz für sich alleine! Etwas, das man mit niemandem teilen muss. Kann es etwas Schöneres geben, als Einwegstrumpfhosen? Und sie gehen so schnell kaputt, dass man schon bald wieder Neue kaufen darf. Nur schade, dass man die Dinger nur in der kalten Hälfte des Jahres brauchen kann.
Warum überhaupt bloggen?
Da läuft man während sieben Jahren durch die Welt, stellt unterwegs eins, zwei, drei, vier Kinder auf die Welt, versucht, immer dranzubleiben, die Augen offen zu halten, sich zu allem eine Meinung zu bilden und keine jener Mütter zu werden, die über nichts anderes mehr reden können als über Windelpreise, Babys erstes Fürzchen und die böse Spielgruppenleiterin, die einfach nicht sehen will, was für ein Genie man da auf die Welt gestellt hat. Man gibt sich alle Mühe, den Verstand nicht zu verlieren. Auch an den Tagen nicht, an denen der Älteste morgens um sieben eine Scheibe einschlägt, weil er partout kein Schokoladenjoghurt essen will, die Vierjährige und der Dreijährige zusammen mit dem Nachbarsjungen ausreissen und erst nach dem Überqueren der Hauptstrasse in der Hauptverkehrszeit aufgegriffen werden können, und sich der Jüngste in eine milchspeiende Fontäne verwandelt, kaum ist der Boden endlich fertig geputzt.
Was tut man, um den Verstand nicht zu verlieren? Man schreibt. Am besten immer und überall. Denn beim Schreiben sieht man schwarz auf weiss, ob man noch bei Sinnen ist, oder ob man sie nun doch überschritten hat, diese haarfeine Linie zwischen dem ganz normalen Wahnsinn des Familienalltags und dem nicht mehr ganz normalen Wahnsinn der durchgeknallten Mutter, die irgendwann mit irrem Blick auf der Couch des Psychiaters landet und wirres Zeug brabbelt.
Ja, das Schreiben würde helfen. Doch schreiben ohne Publikum, auch wenn es ein imaginäres ist, ist sinnlos. So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.
Dieser Zustand dauert so lange, bis sich jemand der armen Mutter annimmt, ihr einen Blog einrichtet, ihr sagt, wie das alles geht, denn darum hat sie sich in den letzten Jahren nicht kümmern können. Ja, jetzt könnte sie schreiben, wenn da nicht plötzlich diese Schreibblockade wäre. Denn inzwischen hat sich die Mutter so daran gewöhnt, dass ihr ohnehin niemand zuhört, es sei denn, sie erzähle eine Gutenachtgeschichte. Sie hat erlebt, dass Frauen nur als einigermassen intelligente Wesen betrachtet werden, solange sie noch keine Mütter sind. Danach zählen keine Titel mehr, keine beruflichen Erfahrungen, keine herausragenden Fähigkeiten. Es zählt nur noch, ob die Mama ihren Nachwuchs so im Griff hat, dass er nicht stört. Ob sie weiss, wie man aus einem langweiligen Butterbrot eine vollwertige, kindergerechte Mahlzeit mit Smiley-Gesicht zaubert. Ob sie es schafft, ihre Böden immer so blitzblank geputzt zu haben, dass die Nachbarskinder nicht mit schmutzigen Hosen nach Hause kommen.
Nun denn, Schreibblockade hin oder her, es muss geschrieben werden. Und wenn es niemand liest? Auch egal. Hauptsache, die Mutter verliert nicht den Verstand.