Warum überhaupt bloggen?

Da läuft man während sieben Jahren durch die Welt, stellt unterwegs eins, zwei, drei, vier Kinder auf die Welt, versucht, immer dranzubleiben, die Augen offen zu halten, sich zu allem eine Meinung zu bilden und keine jener Mütter zu werden, die über nichts anderes mehr reden können als über Windelpreise, Babys erstes Fürzchen und die böse Spielgruppenleiterin, die einfach nicht sehen will, was für ein Genie man da auf die Welt gestellt hat. Man gibt sich alle Mühe, den Verstand nicht zu verlieren. Auch an den Tagen nicht, an denen der Älteste morgens um sieben eine Scheibe einschlägt, weil er partout kein Schokoladenjoghurt essen will, die Vierjährige und der Dreijährige zusammen mit dem Nachbarsjungen ausreissen und erst nach dem Überqueren der Hauptstrasse in der Hauptverkehrszeit aufgegriffen werden können, und sich der Jüngste in eine milchspeiende Fontäne verwandelt, kaum ist der Boden endlich fertig geputzt.
Was tut man, um den Verstand nicht zu verlieren? Man schreibt. Am besten immer und überall. Denn beim Schreiben sieht man schwarz auf weiss, ob man noch bei Sinnen ist, oder ob man sie nun doch überschritten hat, diese haarfeine Linie zwischen dem ganz normalen Wahnsinn des Familienalltags und dem nicht mehr ganz normalen Wahnsinn der durchgeknallten Mutter, die irgendwann mit irrem Blick auf der Couch des Psychiaters landet und wirres Zeug brabbelt.
Ja, das Schreiben würde helfen. Doch schreiben ohne Publikum, auch wenn es ein imaginäres ist, ist sinnlos. So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.
Dieser Zustand dauert so lange, bis sich jemand der armen Mutter annimmt, ihr einen Blog einrichtet, ihr sagt, wie das alles geht, denn darum hat sie sich in den letzten Jahren nicht kümmern können. Ja, jetzt könnte sie schreiben, wenn da nicht plötzlich diese Schreibblockade wäre. Denn inzwischen hat sich die Mutter so daran gewöhnt, dass ihr ohnehin niemand zuhört, es sei denn, sie erzähle eine Gutenachtgeschichte. Sie hat erlebt, dass Frauen nur als einigermassen intelligente Wesen betrachtet werden, solange sie noch keine Mütter sind. Danach zählen keine Titel mehr, keine beruflichen Erfahrungen, keine herausragenden Fähigkeiten. Es zählt nur noch, ob die Mama ihren Nachwuchs so im Griff hat, dass er nicht stört. Ob sie weiss, wie man aus einem langweiligen Butterbrot eine vollwertige, kindergerechte Mahlzeit mit Smiley-Gesicht zaubert. Ob sie es schafft, ihre Böden immer so blitzblank geputzt zu haben, dass die Nachbarskinder nicht mit schmutzigen Hosen nach Hause kommen.
Nun denn, Schreibblockade hin oder her, es muss geschrieben werden. Und wenn es niemand liest? Auch egal. Hauptsache, die Mutter verliert nicht den Verstand.

2 Gedanken zu “Warum überhaupt bloggen?

  1. Hallo Tamar
    Das faengt ja wirklich gut an. Ich glaube Du hast die Idee eines Blog schon 100% begriffen. Ich freue mich schon riesig auf die Fortsetzung.
    Tobi

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