Wann genau ist man so tief gesunken, dass der Besuch eines Vertreters den sozialen Höhepunkt des Tages markiert? Der Zeitpunk ist rückblickend nicht mehr genau feststellbar, doch es muss irgendwann zwischen dem zweiten und dem dritten Kind passiert sein. Irgendwann, als die häuslichen Pflichten zunahmen, die Arbeitszeit ausser Hause abnahm und sich die täglichen Gespräche mit Erwachsenen auf das Abwimmeln von Telefonwerbung zu beschränken begannen. Da plötzlich begann man sich darauf zu freuen, wenn sich ein Vertreter ankündigte.
Natürlich, Vertreterbesuche spielen sich bei uns immer en Famille ab, sind also tatsächlich gesellschaftliche Anlässe. Man sitzt zusammen, trinkt Kaffee, die Kinder stellen die Wohung auf den Kopf und die Erwachsenen geraten in einen Kaufrausch. Während die Kinder noch ruhig sind, wird Bouillon bestellt, vielleicht auch eine Würzmischung. Je lauter es aber im Kinderzimmer wird, umso rasanter nähert sich der Vertreter dem harten Stoff: Beruhigender Melissenwein für die, die vor lauter Stress nicht mehr schlafen können, stärkendes Tonikum für jene, die sich vor lauter Verausgabung kaum mehr auf den Beinen halten können.
So schaukelt man sich gegenseitig hoch und schliesslich bestellt man Dinge, von denen man weiss, dass man sie nie gebrauchen wird. Und das Schlimmste daran ist, dass man den Tag kaum erwarten kann, bis die Ware geliefert wird.
Früher verschaffte es eine gewisse Befriedigung, schwerbeladen von einer Shoppingtour heimzukommen. Man freute sich darauf, die neuen Bücher aus der Tasche zu holen, die ersten Seiten darin zu lesen. Die Kleider noch einmal anzuprobieren, die in der Umkleidekabine noch der letzte Schrei waren, zu Hause aber nur noch lächerlich wirkten. Die sündhaft teure Schokolade, die man im letzten Moment noch gekauft hatte, um Kleingeld zu wechseln, auf der Zunge zergehen zu lassen und dabei an den traumhaften Teegenuss vom Nachmittag zu denken.
Heute ist es das höchste der Gefühle, eine brandneue Dose Bouillon, die der Postbote geliefert hat, in den Vorratsschrank zu stellen. Vielleicht sind es sogar zwei Dosen. Der Höhepunkt der Woche ist es, eine neue Joghurtsorte zu entdecken, bevor es dafür Bonuspunkte gibt. Und das ultimative Erfolgserlebnis: Zwischen Milch, Würstchen, Eiern, Kindershampoo und Energiesparlampen eine Zehnerpackung Einwegstrumpfhosen zu schmuggeln. Man stelle sich das einmal vor, eine Zehnerpackung ganz für sich alleine! Etwas, das man mit niemandem teilen muss. Kann es etwas Schöneres geben, als Einwegstrumpfhosen? Und sie gehen so schnell kaputt, dass man schon bald wieder Neue kaufen darf. Nur schade, dass man die Dinger nur in der kalten Hälfte des Jahres brauchen kann.

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