Schwärmerisches Geschwätz

Jetzt gehöre ich also auch schon zu den Menschen, die – kaum befinden sie sich mal wieder in den heiligen Hallen einer höheren Bildungsanstalt -, mit verklärtem Lächeln verkünden, eine schönere Zeit als die vier Jahre am Gymnasium gebe es nicht. So frei sei man da, so wissbegierig, so entspannt. Wenn ich könnte, würde ich die Zeit sofort zurückdrehen, behaupte ich, und natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, die eine oder andere Anekdote von damals zum Besten zu geben. Ach, was gäbe ich doch drum, noch einmal so unbeschwert und jung zu sein…

Und wie ich mich so schwärmen höre, wird mir bewusst, wie furchtbar alt ich mit meinem schwärmerischen Geschwätz wirken muss. So alt eben, wie Menschen wirken, die ihre Jugendjahre nur noch durch die rosarote Brille betrachten und so tun, als hätte ihnen der Kampf um eine anständige Mathenote damals  nicht ganz fürchterlich zugesetzt.

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Wasser predigen und Adventssäcklein füllen

Das ist wohl wiedermal typisch: Da schreibe ich mir tagsüber beim Versuch, uns Eltern in Sachen Weihnachtsgeschenke ein wenig Vernunft einzureden, beinahe die Finger wund und am Abend fülle ich Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein…. bis mir vor lauter Adventssäcklein der Schädel brummt. 

Damit ich mir beim Blick in den Spiegel noch in die Augen schauen kann, sage ich mir jetzt einfach, ich müsse eben die anderen Eltern davor warnen, so zu werden wie ich.

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Warum ich damit aufgehört habe,…

… mich wie ein kleines Kind auf schöne Dinge zu freuen:

Weil ich alt und pessimistisch geworden wäre? Nun, ich habe offen gestanden schon optimistischer die Zukunft geblickt, aber das hindert mich eigentlich nicht daran, das Schöne und Gute zu suchen.

Weil mein trübes Dasein mir so wenig Grund zur Freude böte? Nein, auch das nicht, denn bei allem Stress und Chaos bringt doch jeder Tag sein Erfreuliches mit sich. (Na ja, fast jeder Tag…)

Weil ich nun endlich vernünftig geworden wäre? Vernünftig? Ich doch nicht! Vernunft ist etwas für vernünftige Leute.

Nein, es ist ganz einfach so, dass sechzehn Jahre Mutterschaft mich gelehrt haben, wie schnell sich Vorfreude in tiefstes Selbstmitleid verwandelt, wenn ein Geippevirus, ein unzuverlässiger Babysitter oder ein geplatzter Blinddarm die schönsten Pläne über den Haufen werfen. Darum habe ich aufgehört, mich wie ein kleines Kind auf schöne Dinge zu freuen.

Dafür freue ich mich jetzt wie ein kleines Kind, wenn die schönen Dinge, auf die ich mich nicht zu freuen gewagt habe, zustande kommen.

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Wenn der töchterliche Ehrgeiz erwacht,…

… und gute Noten nicht nur dort gewünscht sind, wo ein Vendittti mit wenig Anstrengung auf einen grünen Zweig kommt, sondern auch dort, wo man erst einmal nur Bahnhof versteht, also zum Beispiel in Physik,…

… dann findest du dich als Mutter am Sonntagabend plötzlich nicht mehr hinter deiner Sonntagszeitung wieder, sondern am Esstisch, wo deine Tochter verzweifelt versucht, aus den Notizen schlau zu werden, die schon im Unterricht keinen Sinn ergeben haben.

Tja, und dann versuchst du eben, mit dem Wenigen, das du vor Jahren nicht begriffen hast, du aber heute halbwegs verständlich findest, ihr zu erklären, weshalb die Geschwindigkeit als zusammengesetzte physikalische Grösse bezeichnet wird und wie sie ausrechnen muss, wie weit ein Gepard in einer Stunde kommt. 

Es ist zu hoffen, dass Karlsson, der sich ebenfalls an den Erklärungsversuchen beteiligte, dabei aber für mehr Verwirrung sorgte, weil er irgend etwas von SI-Einheiten brabbelte und andauernd die Stirne runzelte, wenn die mütterlichen Ausführungen etwas anders formuliert waren als diejenigen seines Physiklehrers,

… der von Physik ähnlich wenig versteht wie seine Mutter, dessen rudimentäres Verständnis aber noch nicht verschüttet ist von ganz viel Leben, in dem die Theorie von v = s / t eine untergeordnete Rolle spielt, weil man ohnehin kaum zum Denken kommt bei diesem rasenden Alltagstempo, 

… und der es auch noch wagt, zu behaupten, er fände Physik eigentlich ganz spannend, er habe einfach noch nicht so ganz den Zugang dazu gefunden,…

… dass also dieser Karlsson begriffen hat, weshalb er im Physikunterricht gefälligst ganz gut aufpassen und viel lernen soll. Entgegen der landläufigen Meinung braucht man das Zeug eben doch irgendwann im Leben wieder. Nämlich dann, wenn man dem eigenen Nachwuchs –  der sich gerade fragt, wozu er das Zeug lernen soll, weil man das ja doch nie wieder im Leben braucht – zu guten Noten verhelfen sollte. 

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Bad Mommy’s Terrible Saturday

Wieder so ein Samstag.

„Meiner“ irgendwo unterwegs zum letzten Aufklärungskurs des Jahres.

Ein Haufen Arbeit, die nachzuholen wäre, weil ich es in der ersten Wochenhälfte mal wieder vorgezogen habe, mich mit einer Grippe zu vergnügen, anstatt mich meinem Job zu widmen.

Traurige Kinder, die es nicht fassen können, dass wegen eines kaputten Telefons und einer blöden E-Mail-Panne das Freizeitprogramm, auf das sie sich seit Wochen gefreut haben, ins Wasser fällt.

Ein zorniger Teenager, der in Rage gerät, weil „Meiner“ sich geweigert hat, die 120 Kilometer in die Ostschweiz zu Fuss zu gehen, wo er doch genau wusste, dass ich das Auto für Chauffeurdienste ins Nachbardorf gebraucht hätte. 

Zwei verstopfte Toiletten, für die ich keine Verantwortung übernehmen will, da inzwischen jeder, der in diesem Haus lebt, die fachgerechte Toilettenbenützung und -reinigung beherrschen sollte.

Ein Wäscheberg, der einfach nicht verschwinden will, so sehr ich ihn auch dränge, endlich aus meiner Waschküche abzuhauen. 

Eine Teigmaschine, die mir auf eine passiv-aggressive Weise zu verstehen gibt, dass ich zu viel von ihr verlange und dass sie nicht gewillt ist, mir in dem von mir gewünschten Umfang zu Diensten zu sein.

Zwei Heidelbeerbüsche und ein Johannisbeerstrauch, die vorwurfsvoll im Eingang stehen und darauf warten, endlich Boden unter ihre Wurzeln zu bekommen. 

Dieses nagende Gefühl, niemandem auch nur für fünf Sekunden den Rücken zukehren zu dürfen, weil bestimmt eine leere Flasche, eine vergessene Mandarinenschale, eine halbfertige Zeichnung, ein Schokoladenpapier oder sonst etwas Unwillkommenes herumliegt, wenn ich wieder hinschaue. 

Kurzum: Einer dieser Samstage, an dem ich auf jedem Bild mit finsterem Blick und einer dicken, schwarzen Wolke über dem Kopf zu sehen wäre, wenn mein Leben ein Comicbuch wäre. (Der Titel würde dann vermutlich „Bad Mommy’s Terrible Saturday“ oder so ähnlich lauten und auf dem Cover wäre eine Karikatur meiner selbst zu sehen, wie sie zähnefletschend und mit irrem Blick durch ihr Revier streift und ihren Nachwuchs das Fürchten lehrt.)

Eine einzige Sache vermag mich an einem solchen Tag aufzuheitern: Ein Mittagessen, bei dem einer – nachdem er mein angespanntes Schweigen gründlich satt hat – auf die Idee kommt, mich zu fragen, wie ich denn die aktuelle Weltlage beurteilen würde, was mir die Gelegenheit bietet, meine miese Laune für eine Weile in die Ecke zu stellen, um des Langen und Breiten darüber zu referieren, weshalb ich die aktuelle Situation der Medien als äusserst problematisch beurteile, warum mir die politische Lage in diversen Ländern schlimme Bauchschmerzen bereitet und was in meinen Augen getan werden müsste, damit jene, die sich noch nicht von der grossen Wut haben mitreissen lassen, verhindern könnten, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht. 

Natürlich stehe ich eine halbe Stunde später schon wieder mit meiner schwarzen Wolke über dem Kopf am Spültrog, aber immerhin kann ich mir jetzt einreden, ich hätte heute ein ganz kleines bisschen zum Weltfrieden beigetragen. 

Falls die Knöpfe mir mein pazifistisches Gequatsche noch abnehmen, nachdem ich einmal mehr bewiesen habe, wie laut und unfreundlich ich an einem Tag wie heute werden kann… 

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Geburtstags-Absurditäten

Wenn die lebenslange Raucherin, die sich sogar in schlimmen Krankheitszeiten geweigert hat, den Tabakkonsum zu reduzieren, ihrem Enkel zum sechzehnten Geburtstag eine Glückwunschkarte, die ihr die Lungenliga zum Spendensammeln ins Haus geschickt hat, zukommen lässt. 

Wenn die Vegetarierin, die ihrem Sohn jedes Jahr Leberpastete und andere Schweinereien zubereiten musste, überall herumerzählt, er habe sich jetzt gemässigt, sie werde nie wieder Leber anrühren müssen, am Vorabend des Geburtstags trotzdem wieder mit spitzen Fingern Innereien in die Küchenmaschine schmeisst.

Wenn zwei Kinder hungrig vom Tisch gehen, weil sich unter all den Leckereien, die sich der grosse Bruder gewünscht hat, nichts findet, was sie mögen. Nein, nicht einmal Nudeln ohne Sauce und Käse, denn es gibt Kinder die zwar Teigwaren mögen, aber keine Nudeln. (Fragt nicht bitte nicht, was der Unterschied zwischen Teigwaren und Nudeln sein soll…)

Wenn der Jüngste, der so dünn ist, dass man seine Rippen zählen kann, dreissig Minuten nach dem üppigen Geburtstagsmahl, hinter einem vierstöckigen Sandwich sitzt und verkündet, er müsse jetzt Zvieri essen, sonst werde er kläglich verhungern. 

Wenn die Mutter, die den ganzen Tag in der Küche steht, um die kulinarischen Wünsche ihres Sohne zu erfüllen, irgendwann auf die Frau zu schimpfen beginnt, die den Jungen dermassen verwöhnt hat.

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Jugend und Kultur

Da klagen sie immer, Jugendliche würden sich nicht für Kultur interessieren. Anstatt sich in gepflegtem Rahmen eine Symphonie anzuhören, würden die sich lieber bekifft irgendwo an einem Open Air-Festival im Schlamm wälzen. Man könne sich noch so sehr um sie bemühen, mit klassischer Musik liessen sie sich einfach nicht hinter dem Ofen hervor locken.

Wenn dann aber ein Jugendlicher nichts lieber tut, als Symphonien, Oratorien, Variationen, Sonaten und dergleichen zu lauschen und du möchtest für ihn in einem der grösseren Konzerthäuser dieses Landes Karten reservieren, weil er nicht weiss, was er sich zum Sechzehnten wünschen soll, dann heisst es: „Natürlich bieten wir Studentenvergünstigungen an, aber reservieren? Das können Sie gleich vergessen. Wenn einer, der noch grün hinter den Ohren ist, wirklich glaubt, er sei in der Lage, Bachs Weihnachtsoratorium zu geniessen, soll er das gefälligst beweisen, indem er sein Ticket an der Abendkasse holt. Wird ja wohl kaum ausverkauft sein. Wer will denn schon Bach  hören?“

Nun gut, ganz genau so haben sie es natürlich nicht gesagt, aber die Botschaft war klar: Sitzplätze für junge Musikliebhaber gibt es in diesem Haus nur, wenn sich nicht genügend Gutbetuchte finden lassen, um die Reihen zu füllen.

(Ach ja, einem Jugendlichen würde es selbstverständlich auch nichts ausmachen, mehr als eine Stunde Reisezeit in Kauf zu nehmen, nur um an der Abendkasse zu erfahren, Bach sei nun wieder Erwarten doch ausverkauft. Die haben ja ohnehin zu viel Zeit, die Jungen und das Bahnbillett wird denen ja auch fast gratis hinterher geschmissen…)

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Das habe ich jetzt davon…

Was, um Himmels Willen hat mich diesmal wieder geritten? Ganz banale, fantasielose Adventskalender hätten sie gewollt. Lego, Playmobil und dergleichen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als in den Laden zu marschieren, ins Regal zu greifen und an der Kasse das Portemonnaie zu zücken.

Aber natürlich war da wieder die leise Stimme in mir, die aufbegehrte. „Du willst sie doch nicht etwa mit diesem ganzen Kram abspeisen?“, flüsterte sie mir zu. „Deine Kinder sind zauberhafte Individuen, sie haben mehr verdient als einen lieblos in einer anonymen Fabrik zusammengestellten Adventskalender.“

Also begann ich, auf die Knöpfe einzureden.“Was wollt ihr mit diesem Mist?“, fragte ich. „Wäre es nicht viel aufregender, wenn ich für jeden von euch etwas Schönes zusammenstelle? Etwas, das ihr euch wirklich wünscht und nicht etwas, was die grossen Firmen euch aufschwatzen wollen?“ 

Natürlich ist es viel aufregender. Ich darf mir jetzt tagelang den Kopf zerbrechen, wie ich einen Chemiekasten so aufteile, dass das arme Prinzchen nicht drei Tage hintereinander eine langweilige Pipette aus seinem Kalender zaubert. Oder wie ich dem Zoowärter von Anfang an verständlich mache, dass es sich bei seinem Inhalt um ein Kartenspiel handelt, damit er nicht auf die Idee kommt, das Zeug auf der schulischen Pokémon-Börse zu verhökern, ehe er das ganze Set beisammen hat. Oder wie ich den Zauberkasten des FeuerwehrRitterRömerPiraten aufteilen muss, damit unser Sohn schon am dritten Tag mit den ersten Tricks loslegen kann. Oder wie ich… Aber halt, ich darf nicht mehr verraten, denn Karlsson und Luise lesen hier gelegentlich mit. Ihr könnt euch ja denken, dass es auch bei ihren Kalendern die eine oder andere Klippe zu umschiffen gibt. 

Na ja, immerhin brauche ich mir keine Gedanken zu machen, ob der Lego-Kalender, den dieses Jahr alle Kinder haben wollen, bereits ausverkauft ist…

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Weise Einsicht

Zwei junge Kätzchen sind heute bei uns eingezogen und wie zu erwarten war, sind die fünf jungen Vendittis hin und weg von den Tierchen. Der Zoowärter, meint, nachdem er sich eingehend mit den beiden Neuankömmlingenn bekannt gemacht hat: „Ich glaube, echte Katzen mit Fell sind noch viel schöner als Katzen in Katzenvideos.“ 

Ich werde ihn an diese Weise Einsicht erinnern, wenn er wieder mal glaubt, seine wertvolle Kindheit vor dem Bildschirm vergeuden zu müssen.

Die haben vielleicht Wünsche…

Geburtstagskinder haben mich schon immer dazu bringen können, Dinge zu tun, die ich sonst für niemanden auf der Welt tun würde. Für Karlsson habe ich mit Todesverachtung Leber durch den Fleischwolf gedreht und Sülze zubereitet, Luise hat mich dazu gebracht ihr Barbies zu schenken und mit ihr die wildesten Bahnen des Europa Parks zu testen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten konnte ich den innigen Wunsch, die hausgemachten Knöpfli mit Ketchup zu verspeisen, nicht verwehren und der Zoowärter brachte mich dazu, dem Disney-Konzern sehr viel mehr Geld in den Hintern zu schieben, als mir lieb gewesen wäre. Einzig das Prinzchen sah während der ersten sieben Jahre keinen Grund, mich dazu zu zwingen, über meinen Schatten zu springen. Höchste Zeit also, dass auch er einen Liebesbeweis von mir fordert, der mich Überwindung kostet. Nächsten Mittwoch ist es soweit: Ich soll ihn und seine Geburtstagsgäste ins Fussballmuseum begleiten.

Ich weiss nicht, was ich schlimmer finde: Die Tatsache, dass ich mich einen ganzen Nachmittag lang mit Bällen, Fussballern und Pokalen befassen muss oder der Gedanke, dass die FIFA jetzt auch noch von uns Geld bekommt. 

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