Heute

Natürlich habe ich mir fest vorgenommen, genau das zu tun, was die Mehrheit meiner Leserschaft ebenfalls für richtig angesehen hat, nämlich das Leben zu geniessen. Das hätte dann etwas so ausgesehen: Ein ausgedehnter Morgenspaziergang im Wald – ganz ohne Schreien -, dann mit Bus und Laptop in die Stadt, damit ich bei Kaffee und Sonnenschein ein wenig arbeiten könnte, Stöbern in der Buchhandlung, vielleicht zu Fuss nach Hause zurück, vielleicht auch mit dem Bus, ein heisses Bad, ein einfaches, feines Mittagessen, garniert mit ausgedehnter Zeitungslektüre, Mittagsschlaf und dann die Kinder abholen. Wäre doch nett gewesen, nicht wahr?

Nun, mein Schlafmanko war da anderer Meinung. „Du könntest dich ruhig mal um mich kümmern, wo schon mal alle aus dem Haus sind“, meckerte es schon bevor ich das Prinzchen in die Obhut der Kindergärtnerin übergeben hatte. Ziemlich verwundert schaute ich das Schlafmanko an. „Um dich habe ich mich doch bereits in Schweden ausgiebig gekümmert. Erinnerst du dich denn nicht mehr daran?“ Das Schlafmanko lachte höhnisch. „In Schweden? Ja, da hast du mir tatsächlich ein wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen, aber das ist eine halbe Ewigkeit her…“ „So lange nun auch wieder nicht“, unterbrach ich. „Eine halbe Ewigkeit, sage ich“, beharrte das Schlafmanko, „und darum gehört dieser Tag mir.“ „Er gehört mir“, widersprach ich heftig. Etwas zu heftig wohl, denn dem Schlafmanko traten die Tränen in die Augen. „Nie nimmst du dir Zeit für mich, dabei habe ich dir über all die Jahre die Treue gehalten. Nicht einen einzigen Tag bin ich von deiner Seite gewichen und jetzt, wo du endlich etwas Zeit für mich hättest, willst du mich links liegen lassen.“ Das Schlafmanko tat mir richtig Leid. „Okay, du bekommst eine Stunde“, sagte ich. „Zwei Stunden“, feilschte das Schlafmanko. „Neunzig Minuten“, beharrte ich. „Einverstanden“, sagte das Schlafmanko und da wir gerade zu Hause angekommen waren, legte ich mich noch vor dem Frühstück ins Bett. Das Schlafmanko deckte mich zu, sang mir ein Schlaflied und bald war ich im Land der Träume.

Was dann geschah, weiss ich nicht. Ich nehme an, das Schlafmanko zog mir eins mit dem Holzhammer über, vielleicht flösste es mir auch heimlich ein Schlafmittel ein. Auf alle Fälle verschlief ich nicht nur Frühstück und Znüni, sondern gleich noch das Mittagessen. Als ich aufwachte, blieben mir gerade noch neunzig Minuten, um das Leben zu geniessen. „Was hast du getan?“, keifte ich, als ich das Schlafmanko frech grinsend auf dem Sofa sitzend antraf. „Nichts habe ich getan“, antwortete das Schlafmanko mit Unschuldsmiene. „Was kann ich denn dafür, dass du den Wecker überhörst und einfach weiter pennst?“ Dagegen konnte ich natürlich nichts einwenden und so beschloss ich, mich einfach daran zu freuen, dass ich ganz ungestört hatte schlafen können. Und weil mir der zusätzliche Schlaf einen Haufen zusätzlicher Energie gab, konnte ich später, als die Kinder bereits wieder zu Hause waren, das tun, wozu mir nur ein einziger Leser geraten hatte: Diesen Saustall endlich wieder einmal ausmisten. 

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Wiedersehen

Meinem Jüngsten stricke ich derzeit eine Decke in allen Neontönen des Farbspektrums, weil er die grelle Wolle so unglaublich schön findet.

Einer meiner Söhne trägt seit dem heutigen Coiffeurbesuch einen Vokuhila. Na ja, immerhin nicht mit Stolz.

Ein sehr lieber Mensch aus meinem engeren Umfeld trug neulich eine jener schrecklichen Stone – oder Acid? – Washed Jeans, wie man sie in den Achtzigern trug. Am selben Tag ging vor mir eine Frau, die eine ähnliche Scheusslichkeit spazieren führte, diesmal in der etwas weiter geschnittenen Version mit breitem Gummizug oben und unten. Dazu pastellfarbene Stoffschuhe…

Meine Tochter findet diese abscheulichen, mit Nieten oder Fransen besetzten Stiefelchen nicht so hässlich, wie ich es von ihr erwarten würde.

Allmählich fürchte ich mich vor dem Tag, an dem meine Kinder dauergewellt, in Stretch Jeans und mit Fledermausärmel-Pulli vor mir stehen.

Kein Zweifel, auch unserer Generation bleibt es nicht erspart, mit ansehen zu müssen, wie die eigenen Kinder exakt die gleichen Geschmacksverirrungen durchmachen wie ihre Eltern.

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Übermorgen

Karlsson ist von Montag bis Freitag im Klassenlager, „Meiner“ und die anderen Kinder sind am Dienstag auf Sternwanderung, die Wetterprognose verheisst prächtiges Wetter und das stellt mich vor ein grosses Problem: Was mache ich an einem Tag, an dem von 8:10 Uhr bis 14:30 Uhr kein einziges Familienmitglied etwas von mir wollen kann? Man könnte ja so unglaublich viel anstellen an einem solchen Tag. Zum Beispiel vollkommen ungestört fast das ganze Wochenpensum abarbeiten. Pasta mit Mayonnaise essen und dabei die Zeitung lesen. In den Zug sitzen und ins Blaue fahren. Stundenlang schreiben. Schlafen. Jemandem helfen. Gärtnern… Die Auswahl ist überwältigend und genau dies ist es, was mich überfordert. Was, wenn ich mich für das Falsche entscheide und abends ernüchternd feststellen muss, dass ich die kostbaren Stunden vergeudet habe?  Es kann Ewigkeiten dauern, bis eine solche Gelegenheit wieder kommt und die Angst, alles zu vermasseln ist gross. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine geschätzten Leser zu fragen, was ich aus dem kommenden Dienstag machen soll. Ich bin gespannt auf das Abstimmungsergebnis; ob ich dann auch tun werde, was die Mehrheit meiner Leserschaft für richtig hält, wird man sehen. Vielleicht komme ich ja plötzlich auf die Idee…

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Heute investiert

75 Minuten und 110 Blumenzwiebeln in einen bunteren Frühling. 

6,5 Minuten in die botanische Erziehung des Prinzchens und seines besten Freundes. („Zuerst mit dem Ende des Kochlöffels ein Loch in die feuchte Erde graben…Nein, noch etwas tiefer…noch etwas tiefer…Halt! So tief nun auch wieder nicht…jetzt die Blumenzwiebel rein, zudecken und das nächste Loch graben. Nein, nicht hier, hier habe ich schon eine gesetzt….Ihr mögt nicht mehr? Die hier noch, dann seid ihr fertig. Bringt den Kochlöffel wieder nach oben, den brauche ich noch. Nein, das machst du. Ja, ich weiss, du hast Rückenschmerzen von der harten Arbeit, aber glaub mir, das habe ich auch und mein Rücken ist bedeutend älter als deiner….“)

125 Gedanken und drei Gesprächsminuten mit „Meinem“ in eine verbesserte Nutzung des Gewächshauses. 

18 Gedanken in die Optimierung der Melonengrösse. Nicht, dass ich es übertreiben möchte, aber ich habe das Gefühl, dass für eine ausgereifte Tigermelone auch etwas mehr als 5 Zentimeter Durchmesser drinliegen.

39.80 Fr. in ein Verbessertes Raumklima und damit unendlich viel in das Wohlbefinden unserer Gäste, die den Geruch unserer Katzen durchaus noch wahrnehmen, wenn sie die Wohnung betreten.

Eine mit Curry-Blumenkohl belegte Piadina in die Liebesbeziehung zwischen dem Zoowärter und dem genannten Gemüse.

2 Stunden in das Anlegen eines Pfirsich-Wintervorrats. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an unseren Nachbarn, der seinen Pfirsich-Überfluss mit uns teilt. Ja, wir haben auch anständige Nachbarn, nicht nur solche, die immer gleich die Polizei rufen.

2 Kilo zukünftiger Essiggurken in das Glück meines Mannes. Und meiner Kinder, falls „Meiner“ etwas für sie übrig lässt.

Je einmal ausschlafen und einmal Mittagsschlaf in die Bekämpfung meiner Dauermüdigkeit.

30 Minuten in ein glücklicheres Leben unserer Wachteln.

Viel Arbeit, ein bisschen Shopping und noch mehr Abwechslung in die Verhinderung meiner üblichen samstäglichen Misere. 

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So geht das nicht, „Meiner“

Mein lieber „Meiner“

Glaub mir, ich schätze es ungemein, mit einem Mann verheiratet zu sein, der ohne grosse Komplikationen von heute auf morgen meine Rolle übernehmen könnte. Ich gebe unumwunden zu, dass du eindeutig begabter bist als ich, wenn es um die praktischen Seiten des Familienalltags geht. Ja, ich ertappe mich zuweilen dabei, wie ich mit dir prahle, wenn ich mit Frauen ins Gespräch komme, die ihr Leben mit einem Mann teilen, der nicht mal Spaghetti kochen kann. Oh ja, solche Männer gibt es noch immer, auch wenn wir beide das nicht für wahr halten möchten.
Jetzt, wo ich dir all diese lieben Dinge gesagt habe, möchte ich mit einer Bitte an dich herantreten. Nun ja, eigentlich ist es ein Befehl, aber da wir zwei einander nichts zu befehlen haben, tue ich eben so, als wäre es eine Bitte.

Also: Bitte, mein allerliebster „Meiner“, lass gefälligst im Zukunft deine Finger von Kinderarzt- und Coiffeurterminen. Ich kann ja verstehen, dass es dir nach deinem schlimmen Zeckenerlebnis wichtig ist, unsere Kinder gegen das FSME-Virus impfen zu lassen, ich sehe es dir sogar für einmal nach, dass dich meine Meinung zu dieser Impfung nicht im Geringsten interessiert hat. Aber kannst du mir bitte erklären, welcher Teufel dich geritten hat, als du – so ganz ohne Vorkenntnisse in Sachen Terminvereinbarung mit Kinderärzten – einen Termin für alle fünf Kinder vereinbart hast? Und dies an einem Donnerstagnachmittag, an dem jeder ein anderes Programm hat, so dass wir die Kinder gestaffelt hinkarren müssen. Dann notierst du dir auch noch eine falsche Zeit, so dass ich der Praxisassistentin peinlich berührt erklären muss, ich wüsste nicht, weshalb du mit den restlichen Kindern zu spät seist, aber ich müsse jetzt ganz dringend nach Hause gehen, da der Zoowärter seine Freundin und ihre kleine Schwester eingeladen hat. Und dann arrangierst du auch noch ohne mein Wissen, dass Zoowärters Gäste etwas später kommen. Du musstest das lange Gesicht unseres Sohnes ja nicht sehen, als die Mädchen nicht wie erwartet um vier bei uns aufkreuzten.

Okay, es kann ja mal etwas schief gehen. Ich habe auch nicht immer alles im Griff. Aber wie, um Himmels Willen, bist du auf die Idee gekommen, unsere vier Söhne auch noch zum Coiffeur anzumelden? Zwei heute, zwei morgen und morgen ausgerechnet denjenigen, der zuerst zur Schule und dann zum Standortgespräch mit der Therapeutin muss? Ja, ich weiss, die Coiffeuse ist schnell, aber ich bin es nicht, wenn ich im Feierabendverkehr in die Stadt fahren und dann rechtzeitig wieder zurück sein muss, weil abends noch Laternenumzug ist.

Nein, mein liebster „Meiner“, so geht das wirklich nicht, also lass mich das mit den Terminen in Zukunft wieder selber machen. Mag sein, dass die Kinder ihre Zeckenimpfung etwas später bekommen und ihre Haare etwas länger wachsen lassen müssen, ehe ich endlich zum Telefon greife, aber immerhin richte ich nicht solch ein heilloses Chaos an.

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Wie Mama Venditti inzwischen einkauft

Crèmeschnitten:

„Okay, da wären mal sieben Vendittis, mit Prinzchens bestem Freund und Luises bester Freundin sind wir neun. Hmmm, ich glaube, ich nehme besser zehn Stück, man weiss ja nie, wer noch aufkreuzt.“ (Die zehnte Crèmeschnitte bekommt dann auch tatsächlich der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der während meiner Abwesenheit spontan aufgekreuzt und geblieben ist.) 

Obst:

„Wir brauchen mindestens acht Kilo. Das Kilo Mirabellen, die zwei Kilo Trauben, zwei Kilo Zwetschgen und die zwei Kilo Äpfel von vorgestern sind bereits aufgegessen. Ach ja, und ich muss noch Bananen kaufen. Prinzchens bester Freund liebt die Dinger und ich kann ihn nicht schon wieder enttäuschen, weil ich keine im Haus habe…“

Getreideriegel:

„Wenn ich die Schachtel à sechs Stück kaufe, reicht das zwar für unsere fünf Kinder und für Prinzchens besten Freund. Aber was mache ich, wenn einer von Zoowärters besten Freunden heute auch noch vorbeischaut? Doch halt, wenn der kommt, muss ich ohnehin eine andere Sorte kaufen. Ich glaube, er mag die mit den Marroni gar nicht. Ob er überhaupt Getreideriegel mag? Vielleicht kaufe ich doch besser etwas Salziges für ihn.“

Brot:

„Luise und das Prinzchen möchten sicher, dass ich einzelne Brötchen bringe. Aber wenn dann noch Luises Schulkameradinnen zum Lernen vorbeikommen, habe ich nicht genug für alle und das wäre unfair. Ich glaube, ich kaufe doch besser zwei ganze Brote. Oder vielleicht auch vier, dann reicht es vielleicht noch fürs Abendessen.“

Saft:

„Eigentlich wäre ein Karton Süssmost praktisch, aber Zoowärters Freunde versauen mir immer den Fussboden, wenn sie sich den Saft selber zapfen. Da nehme ich lieber Orangenjus.“

Abendessen:

„Ich glaube, heute Abend koche ich indisch. Ein Gemüsecurry, etwas mit Poulet und Gewürzreis. Ob Prinzchens bester Freund indische Küche mag? Vielleicht lasse ich die Gewürze im Reis besser weg. Ich möchte nicht, dass er hungrig nach Hause geht…“

Tiefkühlgipfeli im Sonderangebot:

„Ob ich die kaufen soll? Man weiss ja nie, wen unsere Kinder am Wochenende zum Übernachten einladen und dann wäre es nett, wenn wir den kleinen Gästen Gipfeli auftischen könnten.“

In meinen Augen ist das stetige Kommen und Gehen von vielen lieben Menschen etwas vom Schönsten am Leben in einer grossen Familie.

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Diese Glucke mal wieder…

Morgen steht bei Karlsson ein 5-Kilometer-Lauf auf dem Programm. Anfänglich trainierte er noch mir Begeisterung, doch mit der Zeit fiel es ihm etwas schwerer, sich aufzuraffen. Er rannte die Strecke noch ein paar Mal, aber nicht so oft, wie er es vorgehabt hatte. Heute Abend fand er dann aber doch, er müsste sich vielleicht ein letztes Mal auf die Socken machen, ehe es ernst gilt. Damit er es vor dem Eindunkeln nach Hause schafft, beschloss er, die Strecke mit dem Velo abzufahren. Tja, und dann begann es zu regnen, kaum war Karlsson zehn Minuten unterwegs. Augenblicke später schüttete es wie aus Kübeln, heftige Windstösse drückten unsere Balkontüre auf und dadurch wurde die Glucke aufgeschreckt.

„Da fallen Tropfen vom Himmel, sehr viele Tropfen“, stellte sie mit Entsetzen fest. „Und diese Tropfen werden meinen armen, kleinen Karlsson treffen, der sich unten am Fluss abstrampelt.“ Mit sorgenvollem Blick schaute die Glucke aus dem Fenster. „Es dunkelt ja bereits“, bemerkte sie beunruhigt. „Was, wenn mein armer, kleiner Karlsson Angst bekommt? Oder wenn er hinfällt, weil ihm der Wind zu stark ins Gesicht bläst? Er hat bestimmt wieder sein Handy zu Hause gelassen…“

An diesem Punkt fiel ich der Glucke ins Wort. „Nun hör mal auf mit deinem Gejammer“, sagte ich streng. „In Karlssons Alter fuhr ich Tag für Tag mit dem Velo zur Schule und zwar bei jedem Wetter, sogar bei Schnee und Eis. Ja, manchmal wurde ich klitschnass, ein paar Mal stürzte ich und oft war es schon längst dunkel, als ich mich auf den Heimweg machte, aber hat es mir etwa geschadet?“

Die Glucke zeigte sich unbeeindruckt. „Du mit fast dreizehn oder Karlsson mit fast dreizehn, das ist nicht das Gleiche“, wandte sie ein. „Er ist viel unerfahrener als du es damals warst und überhaupt hat man sich zu deinen Zeiten einen Dreck um die Sicherheit der Kinder geschert. Ihr musstet euch ja nicht mal angurten im Auto…“ In diesem Moment fegte wieder ein heftiger Windstoss über das Haus hinweg und die Glucke rannte beinahe panisch ins Wohnzimmer. „Du musst Karlsson suchen gehen“, befahl sie „Meinem“, der mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und Luise über den Hausaufgaben brütete. „Warum denn?“, fragte „Meiner“ erstaunt. „Na, weil er draussen unterwegs ist bei diesem Sauwetter. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um ihn und du kennst die Strecke besser als ich“, erklärte die Glucke. „Meiner“ versprach ihr, er werde sich gleich auf den Weg machen.

Ich zog mich derweilen mit dem Prinzchen ins Zimmer zurück, um Schlaflieder zu singen. Mitten im dritten Lied kam die Glucke hereingeplatzt. „Er ist ihn noch immer nicht suchen gegangen“, schimpfte sie. „Sag ihm, er soll Karlsson suchen gehen. Jetzt gleich!“ „Das kannst du ihm doch selber sagen. Hörst du denn nicht, dass ich am Singen bin?“, gab ich zurück. „Wie kannst du nur singen, währenddem der arme, kleine Karlsson schluchzend und halb erfroren im Regen draussen ist?“, schrie sie und rannte wieder ins Wohnzimmer, um „Meinem“ Beine zu machen. „Ach ja, Karlsson… Hatte ich bereits wieder vergessen, aber ich geh ja schon…“, brummte „Meiner“ nur, was die Glucke dazu veranlasste, sehr verärgerte Geräusche von sich zu geben. 

„Meiner“ ging also in den Regen hinaus, ich sang weiter mit dem Prinzchen und die Glucke tigerte ungeduldig durch die Wohnung. Endlich ging im Treppenhaus das Licht an und wenige Augenblicke später stand ein ganz und gar durchnässter und leicht verwunderter Karlsson im Wohnzimmer. „Ich bin doch bloss meine fünf Kilometer gefahren. Was hast du denn?“, fragte er mich erstaunt. „Ich? Ich habe gar nichts“, sagte ich. „Das war mal wieder diese Glucke… “ Karlsson wollte schon aus dem Zimmer gehen, als ich ihm hinterher rief: „Die Sauna ist aufgeheizt. Geh dich doch kurz aufwärmen, ehe du die Hausaufgaben machst.“ „Ja, geh in die Sauna“, pflichtete mir die Glucke bei, „sonst erkältest du dich am Ende noch…“

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Nächtliche Ungerechtigkeit

Okay, ich weiss, dass ich mich allmählich an die Launenhaftigkeit (vor)pubertierender Kinder gewöhnen muss, aber das war nun doch etwas viel: Da schlafe ich tief und fest den gerechten Schlaf der übermüdeten Mutter, die sich unbedingt noch einen Film reinziehen musste, nachdem alle Kinder im Bett waren. Irgendwann, mitten in der Nacht,  kommt das Prinzchen mitsamt Bär und Decke in unser Bett gekrochen, was ich knapp zur Kenntnis nehme, ehe ich wieder in tiefen Schlaf versinke. Wenig später erscheint eine sehr aufgebrachte Luise an unserem Bett. Die Worte, die sie mir an den Kopf schleudert, ergeben nicht viel Sinn, aber mir ist sofort klar, dass ich mal wieder eine abscheuliche Ungerechtigkeit zugelassen habe. Wenn ich meine Tochter richtig verstehe, habe ich irgendwann, in grauer Vorzeit, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erlaubt, was ich ihr jetzt, mitten in der Nacht, vollkommen grundlos verwehre. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht zusammenreimen, auf welche Begebenheit sie sich bezieht, ich weiss auch nicht so recht, was sie von mir erwartet, doch dem Frieden zuliebe – und um nicht richtig wach werden zu müssen – biete ich meiner zornigen Tochter meinen Platz im Bett an und ziehe mich aufs Sofa zurück. Offenbar ist damit die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, denn Luises Gezeter hört schlagartig auf und bald schlafen wieder alle friedlich.

Alle? Nein, nicht ganz. Das Prinzchen hat sofort bemerkt, dass das falsche weibliche Familienmitglied an seiner Seite liegt und so dauert es nicht lange, bis er ins Wohnzimmer tappst. Na ja, immerhin verzichtet er dabei auf lautstarkes Gemotze…

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Beziehungskiste

Es hätte so etwas wie ein Abschiedsbesuch werden sollen. Vor einiger Zeit schon habe ich mich innerlich vom blau-gelben Möbelhaus zu lösen begonnen, fuhr nur noch hin, wenn es unbedingt sein musste und setzte mich vertieft mit kritischen Artikeln auseinander. Es fiel mir nicht leicht, mich von dem Geschäft zu distanzieren, das mich von frühester Kindheit, über schwierige Teenagerjahre zur ersten Wohnung bis hin zu den Kleinkinderjahren unserer Kinder begleitet hatte. Doch eine zunehmend konsumkritische Haltung, einige enttäuschende Beziehungen zu Möbelstücken, die mehr versprachen, als sie halten konnten und der wachsende Wunsch nach Möbeln, die eine Geschichte haben, trieben mich vermehrt in die Arme der Brockenstuben. Daran änderte auch unsere Schwedenreise nichts, obschon es im Möbelhaus auch ein paar Lebensmittel zu kaufen gibt, die ich seit unserer Rückkehr schmerzlich vermisse.

„Ein letzter Besuch muss sein“, sagte ich gestern, als mir bewusst wurde, dass unsere Küchenschränke ein rundum erneuertes Innenleben benötigen, wenn ich je so etwas wie Ordnung herstellen will. Ich weiss, man bekommt solche Dinge auch andernorts, aber „Meiner“ hat gerade eine Weiterbildung zu bezahlen und da liegt das blau-gelbe Möbelhaus am ehesten im Bereich des Bezahlbaren. 

Also fuhr ich heute Morgen mit meinem sehr schwedisch aussehenden  Prinzchen – die Michel aus Lönneberga-Verkleidung ist zu seiner zweiten Haut geworden – und einer langen Einkaufsliste los und das war eindeutig ein Fehler. Die Blau-Gelben haben nämlich ganz offensichtlich gespürt, dass ich mich von ihnen zu entfremden begann und mir scheint, dass sie so ziemlich alle Register gezogen haben, um mich zurückzugewinnen: Fröhlichere Farben, fantasievollere Muster, eine Rückbesinnung auf die småländischen Wurzeln, etwas weniger „Made in China“, Zusammenarbeit mit meinem bevorzugten Vegi-Restaurant, ein paar bestechende Aufbewahrungsideen und eine Lehrlingsarbeit, die ich am liebsten nachmachen würde, wäre ich handwerklich nicht vollkommen unbegabt.

Als wäre das alles nicht genug, mussten diese Angestellten, die gewöhnlich ziemlich schroff und distanziert sind, ein Riesentamtam um mein herziges kleines Prinzchen machen, das sie alle zum Anbeissen fanden. Wissen die denn nicht, dass es in der Schweiz streng verboten ist, fast fünfjährige Jungen süss zu finden? Spätestens im Alter von drei Jahren wechseln die  Jungen hierzulande in die Kategorie „unausstehliche Rotznase, der man nicht über den Weg trauen kann“, aber das kümmerte die Damen einen Dreck, sie bezirzten das Prinzchen, als wäre er gerade mal ein halbes Jahr alt. 

Ja, und jetzt bin ich voll im Clinch: Bleibe ich bei meinem Entschluss, diese Beziehung zu beenden? Lasse ich die ganze Sache auf Sparflamme köcheln, in der Hoffnung, dass das blau-gelbe Möbelhaus eines Tages zu einem Fair-Trade-Unternehmen erster Güte wird? Oder lasse ich mich durch die neue Farbenvielfalt zu einer neuen Liebesbeziehung verführen, wohl wissend, dass ich diese nie mehr mit reinem Gewissen werde geniessen können, weil ich bereits zu viel hinterfragt habe?

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Arbeits-Wellness-Haushaltsmorgen

Nein, ich habe es bei Weitem noch nicht im Griff, wie es sich geschickt mit neu gewonnener Freiheit, Heimarbeit und Haushalt jonglieren lässt. Heute ein Versuch, den ich wohl nicht zum letzten Mal unternommen habe:

Vor dem Frühstück ein kurzer Spaziergang zum Kindergarten, ein Abstecher zur Bäckerei und dann ein Blitz-Frühstück mit Karlsson, der erst um neun Schule hat. Danach eine erfrischende Runde ums Haus – Wachtelkäfig abdecken weil Regen droht, Nacktschnecken-Versalzen und Altpapier vor dem Gartentor aufstapeln – und dann ein Gang in den Keller, um die Sauna einzuschalten. Währenddem der Saunaofen sich aufheizt, skizziere ich oben eine kleine Artikelserie, schreibe einleitende Sätze und verlinke, was sich bereits verlinken lässt. Nach vierzig Minuten Arbeit ist die Sauna heiss, ich geniesse die Ruhe und mache mir Gedanken über den Inhalt der einzelnen Artikel. Dies erfordert ein Eintauchen in eine längst vergangene Zeit, als ich heulend mit einem Stillkind auf dem Sofa sass, Staubfusseln anstarrte und dachte, so würde es bis an mein Lebensende bleiben. Nach fünfzehn Minuten ist genug geschwitzt und die einzelnen Texte haben in meinem Kopf Form angenommen. Wieder oben schreibe ich weiter, bis es Zeit wird, das Mittagessen in den Ofen zu schieben. Eine Schrecksekunde lang glaube ich, der Gusseisentopf, der noch von meiner Grossmutter stammt, die ich nie gekannt habe, hätte ein Loch, aber es stellt sich heraus, dass nur das billige Litermass, mit dem ich Wasser eingefüllt habe, eine undichte Stelle hat. Als Bohnen, Kartoffeln und Speck im Ofen sind, gönne ich mir einen weiteren Saunagang, diesmal mit dem „Spiegel“. Nicht, weil ich sonderlich Lust auf Lektüre bei schummrigem Licht und ohne Brille hätte, sondern einfach, weil mir in unserer eigenen Sauna keiner verbieten kann, Zeitschriften zu lesen. Zum Schluss noch eine kurze Dusche und hinaus ins Regenwetter, um das Prinzchen abzuholen – für einmal ganz ohne Kater.

Rückblickend würde ich meinen Jonglierversuch als durchaus gelungen bezeichnen, auch wenn ich mir ein wenig vorkomme wie dieser hier:

Unknown  

Und hier noch der Text, der aus seinem Mund käme, hätte ich das richtige Bild gefunden: „Nun, ich hab‘ die erste Hälfte der ersten Platte fertig. Ich verschnauf‘ ein wenig, dann feg‘ ich die zweite Hälfte der ersten…Ich verschnauf‘ ein wenig, dann kommt die erste Hälfte der zweiten…ich versch…“
Im Detail nachzulesen bei „Asterix und der Arvernerschild“.