Das Kind ist (nicht) immer im Recht

Gewöhnlich stehe ich ja auf der Seite der Eltern, wenn es irgendwo in der Öffentlichkeit zu einem Konflikt ums Kind kommt. Gewöhnlich ist es ja auch so, dass irgend ein Miesepeter die Lebhaftigkeit eines kleinen Menschen nicht ertragen kann. Heute aber musste ich mich für einmal schwer zusammenreissen, um nicht Partei zu ergreifen für eine Dame, die sich über ein Kleinkind beschwerte und das kam so:

Karlsson, das Prinzchen und ich sassen in einem dieser verrufenen Fast Food-„Restaurants“. Ja, ich weiss, als linksgerichtete, umweltbewusste Mutter hätten meine Kinder und ich dort nichts zu suchen, doch da „Meiner“ und ich ziemlich felsenfest davon überzeugt sind, dass ein absolutes Verbot kontraproduktiv ist, gehen wir eben doch hin und wieder hin. Da sassen wir also und unterhielten uns darüber, warum eine Karriere im Fast Food-Bereich nicht sonderlich erstrebenswert ist, als am Tisch hinter uns ein Mann und eine Frau ziemlich laut wurden. Was sich da abspielte, sah auf den ersten Blick nach der typischen „mittelalterliche, alleinstehende Frau möchte ausgerechnet neben der Kinderecke ihre Ruhe geniessen und staucht deswegen ein armes, unschuldiges Kind zusammen“-Situation aus. Dann aber hörte ich genauer hin.

„Es kann doch nicht sein, dass Ihr Kind sich hinter mir aufs Fensterbrett setzt und mich unablässig gegen den Kopf tritt“, sagte die Frau aufgebracht, aber dennoch um Fassung bemüht. „Sie können froh sein, dass Sie eine Frau sind. Wären Sie ein Mann, würde ich Ihnen eine reinhauen“, fuhr der wütende Vater die Frau an und machte keinerlei Anstalten, sein Kind vom Fenstersims herunterzuholen. Noch einmal versuchte die Frau, dem Vater klarzumachen, dass es nicht sonderlich angenehm sei, pausenlos getreten zu werden, doch es half nichts, sie bekam nur weitere Beleidigungen an den Kopf geworfen. Es kehrte erst wieder Ruhe ein, als der kleine Junge freiwillig von der Frau abliess, vom Fenstersims herunterkletterte und zielstrebig auf ein Baby in der Trageschale zusteuerte.

Wir warten nicht ab, ob es zu einem weiteren Zusammenstoss kommen würde, sondern räumten unseren Abfallberg weg. „Der grosse Bruder des Jungen hat mich auf dem Spielplatz einfach so gehauen. Immer wieder. Da habe ich ihn eben auch gehauen“, sagte das Prinzchen im Hinausgehen. Zum Glück hörte dies der Vater der zwei kleinen Nervensägen nicht. Keine Frage, was das Prinzchen dann zu hören bekommen hätte und glaubt mir, dann hätte dieser Herr Papa mich zu hören bekommen, worauf ich wohl das Gleiche zu hören bekommen hätte wie die Frau, die sich einfach nicht von einem unschuldigen, kleinen Jungen treten lassen wollte.

Bei gewissen Eltern sind die Kinder immer im Recht, auch dann, wenn sie ganz eindeutig im Unrecht sind.

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Wie der Onkel, so der Neffe

Gewöhnlich sorgt Kater Leone dafür, dass ich völlig verkatert im Kindergarten ankomme, wenn ich das Prinzchen begleite. Auf Schritt und Tritt folgt er mir, ruft verzweifelt nach mir, wenn er mich aus den Augen verloren hat und weicht nur von meiner Seite, wenn ein grosses, gefährliches Kindergartenkind seine Hand nach ihm ausstreckt. Dann schlägt er sich ins Gebüsch und ich habe das Vergnügen, mit Flip Flops an den Füssen den steilen Abhang nach meinem Kater abzusuchen, währenddem das Prinzchen und sein bester Freund drohen, sie würden sich jetzt dann gleich ohne mich auf den Heimweg machen.

Heute Morgen blieb Leone zu Hause. Ich weiss nicht, ob er den Abmarsch verpasst hat, oder ob er gerade anderweitig beschäftigt war, auf alle Fälle gingen das Prinzchen und ich alleine los. Wir waren noch nicht weit, als hinter der Hecke ein Miauen ertönte. „Der Kater kommt also doch mit“, sagte ich zum Prinzchen, doch als ich mich umwandte, war da nicht der grosse, behäbige Leone, sondern der kleine, flinke Gottegris, der uns folgte. Gottegris ist der einzige von Henriettas Söhnen, der bei seiner Mama bleiben durfte – sein rotes Fell und der aparte weisse Streifen auf der Nase haben es mir vom ersten Moment an angetan -, doch seitdem sich seine Mama von ihm zu emanzipieren beginnt, kümmert sich Onkel Leone mehrheitlich um die weitere Erziehung des Kleinen. Sie kämpfen spielerisch, schleichen gemeinsam ums Wachtelgehege und liegen faul an der Sonne. Offenbar hat Leone seinem Neffen nun auch beigebracht, was zu tun ist, wenn die Menschenfrau mit dem jüngsten Menschenjungen morgens das Haus verlässt: Hinterher, auf der Mauer balancieren, immer schön brav beim Fussgängerstreifen über die Strasse und auf gar keinen Fall die Menschenfrau aus den Augen lassen. 

Gottegris hat seinen ersten Kindergartenmorgen bravurös gemeistert, ja, er stellte sich gar kurz bei beiden Kindergärtnerinnen vor und lehrte einen Kater der Fürchten, der mindestens doppelt so gross ist wie er. Gut, auf dem Heimweg musste ich den Kleinen kurz auf den Arm nehmen und über die Strasse tragen, weil er sich lieber noch länger im Garten des Pfarrhauses herumgetrieben hätte, aber ansonsten kann Onkel Leone stolz sein auf seinen gelehrigen Neffen. Ja, und auch ich lerne allmählich, nämlich, dass ich wohl nie mehr ohne Kater im Kindergarten aufkreuzen werde. 

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Worauf es im Leben eines Mädchens – Pardon, eines Girls – wirklich ankommt

Einige Fragen aus dem Freundschaftsbuch, das Luise heute zum Ausfüllen bekommen hat:

1. Was ist das Peinlichste, was dir je passiert ist?
Wer so naiv ist, hier eine ehrliche Antwort hinzuschreiben, kann sich sicher sein, beim nächsten Krach wegen genau dieser ehrlichen Antwort vor allen blossgestellt zu werden.

2. Wer ist dein heimlicher Schwarm?
Ein Freundschaftsbuch ist genau der Ort, wo man ein solches Geheimnis preisgeben sollte. So steigt die Chance auf eine öffentliche Abfuhr erheblich. Und davon träumt ja jedes Mädchen…

3. Hast du Angst im Dunkeln?
Wer hier mit Ja antwortet, wird sich bei jeder Übernachtungsparty zum Gespött der anderen machen.

4. Hast du schon mal jemanden aus der Klasse über dir angelächelt?
Wenn ja, dann sollte man ganz dringend einschreiten, denn man weiss ja, wie das geht: Heute ein Lächeln, morgen schwanger.

5. Schminkst du dich?
Natürlich, zehn- bis elfjährige Mädchen haben ja nichts anderes zu tun.

6. Hast du schon mal einen Jungen geküsst?
Nur einen? Wo denkst du hin? Ich bin doch schon zehn Jahre alt, da hat man gewisse Erfahrungen bereits hinter sich.

7. Wärst du gerne ein Superstar?
Was denn sonst? Doch nicht etwa Ärztin, Sozialarbeiterin, Chemieprofessorin oder sonst etwas Doofes.

8. Hast du schon mal gelogen?
Heute zum ersten Mal. Beim Beantworten dieser Fragen.

Damit auch jedes Mädchen weiss, was im Leben wirklich zählt, gibt es hinten die Möglichkeit, anzugeben…

…wie oft man schon beim Coiffeur war.

…wie viele Schmuckstücke man besitzt.

…wie viele verschiedene Farben Nagellack man besitzt.

…wie viele Lieder man auswendig mitsingen kann.

…wie viele Kleider im Schrank hängen. Pardon, das Verb hängen ist etwas zu schwierig, da steht „sind“.

…wie oft man schon geflogen ist.

…wie viele TV-Serien man gesehen hat.

…wie oft man seinen Lieblingsfilm gesehen hat.

…wie viel Geld man gespart hat.

…und ganz besonders wichtig: Wie oft man die Hausaufgaben vergessen und sich verschlafen hat.

Genau so kommt man weiter im Leben, da bin ich mir ganz sicher. Wie weit jedes Mädchen, das sich ins Buch eingetragen hat, kommen wird, lässt sich mithilfe einer Abstimmung ermitteln. Der einführende Text hat mich zutiefst beeindruckt:

„Jedes Girl in eurer Clique ist einzigartig – und ganz besonders. Ist doch klar, dass ihr alle mal berühmt werdet. Wer erobert als Topmodel die Laufstege dieser Welt – und wer rockt die Bühne als Popstar? Hier könnt ihr abstimmen und Sternchen verteilen. Votet die nächsten Stars.“

Etwas traurig darüber, dass Luise gar nicht zur besagten Clique gehört, sondern das Buch eher aus Zufall in die Hand gedrückt bekommen hat, lese ich, was Luise denn werden könnte, wäre sie auch so ein einzigartiges – und ganz besonderes – Girl:

Wer von euch wird ein Topmodel werden?
Wer von euch wird die grösste Modedesignerin?
Wer wird die Charts als Popstar stürmen?
Wer wird die nächste grosse TV-Moderatorin?
Wer von euch wird Filmstar?

Ich bin so dankbar, dass Luise dieses Freundschaftsbuch ausfüllen durfte, denn jetzt hört sie vielleicht endlich damit auf, ihre Hausaufgaben zu machen, sich um kleine Kinder und Tiere zu kümmern und Krankenschwester, Kindergärtnerin oder Hebamme werden zu wollen. Hat ja doch alles keine Zukunft…

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Die Gewissenhaftigkeit in Person

Nein, heute war nicht sein Tag. Zuerst wollten weder Mama noch Kindergärtnerin glauben, dass er es nicht schafft, schon wieder in die Turnhalle zu gehen. Später musste er feststellen, dass der Inhalt seiner Znünibox so gar nicht seinen Wünschen entsprach. Auf dem Heimweg rannte der beste Freund einfach so mit anderen Kindern davon. Da halfen weder Protestgeschrei, noch Schubsen und Zerren. Am Nachmittag fuhr Grossmama ohne ihn in die Migros und abends wollte Papa ihn dazu zwingen, mit allen anderen am Tisch zu essen. Diese letzte Ungerechtigkeit brachte das Fass zum überlaufen, ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als schluchzend auf dem Fussboden einzuschlafen. 

Gegen 23 Uhr wird er wieder wach, er schleppt sich in sein Bett, wo er versucht, den Schlaf wieder zu finden. Plötzlich dieser Gedanke: „Habe ich meine Zähne überhaupt schon geputzt?“ Er fragt seine Eltern. Papa behauptet, die Zähne seien sauber, Mama kann die Frage nicht beantworten, denn sie war mit dem grossen Bruder im Fechttraining. „Nein, Papa, heute Abend habe ich die Zähne nicht geputzt. Das war gestern“, insistiert er, als Papa sagt, er solle sich keine Gedanken machen. Also muss Mama die Zahnbürste ans Bett bringen, denn aufstehen mag er jetzt nicht mehr. Als er fertig geschrubbt hat, zeigt er wie immer sein blitzblankes Gebiss, auch wenn es dunkel ist im Zimmer. Er will wissen, ob seine Zähne jetzt sauber sind. „Sie sind sauber“, bestätigt die Mama und jetzt endlich kann er diesen elenden Tag hinter sich lassen und getrost wieder einschlafen. 

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Energievorrat

Vor einem Jahr…

…arbeitete ich viel mehr, als für mich und meine Familie gut war, immer wieder stand abends noch eine Sitzung auf dem Programm, am Wochenende lag ich regelmässig mit einem Magen-Darm-Käfer im Bett, Verschnaufpausen waren purer Luxus, ich fühlte mich beinahe schon verpflichtet dazu, bei allen möglichen Anlässen dabei zu sein, wenn mal nichts auf dem Programm stand, experimentierte ich in der Küche…

…und doch fand ich irgendwie die Zeit, Unmengen von Vorräten einzukochen, einzufrieren und zu dörren.

Dieses Jahr…

…bin ich vormittags fast immer alleine zu Hause, mein Arbeitspensum beträgt noch gut die Hälfte,  die Arbeitszeiten kann ich voll und ganz nach meiner Familie richten, nur selten zwingt mich ein Käfer ins Bett, ein Tag ohne Mittagsschlaf ist die grosse Ausnahme, Termine am Abend gibt es kaum mehr, die meisten Anlässe finden ohne mich statt…

…und doch besteht mein Wintervorrat derzeit gerade mal aus vier Portionen Pelati und fünf Portionen Mais. Seit Tagen schon warten die Holunderbeeren im Kühlschrank darauf, endlich zu Sirup zu werden, die Randen haben die Hoffnung auf eine Karriere als Borscht schon fast aufgegeben und die zukünftigen Essiggurken, die ich gestern auf dem Markt gekauft habe, werfen mir bereits vorwurfsvolle Blicke zu. 

Ich glaube, ich muss mal im Vorratsschrank wühlen. Vielleicht finde ich dort noch das eine oder andere Glas Energie von letztem Jahr.

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Was sich am Ende eines Tages in meiner Handtasche findet

Gewöhnlich habe ich ja keine Ahnung, wer zu welchem Zeitpunkt was in meine Handtasche stopft, ich weiss nur, dass sich im Laufe der Zeit jeweils das halbe Familienleben darin ansammelt. Irgendwann, wenn mir die Tasche zu schwer wird – oder wenn ich beim Wühlen auf verfaultes Obst stosse – kippe ich den ganzen Inhalt aus und staune nicht schlecht, was  ich alles mit mir schleppe. Da heute mal wieder eine neue Handtasche fällig war, konnte ich für einmal sehr genau mitverfolgen, was an einem einzigen Tag zusammenkommt. 

Als ich mein neues Prachtstück voller Stolz aus dem Laden trug, befand sich darin einzig mein Portemonnaie und die Kaufquittung. Draussen auf dem Trottoir stopfte ich noch mein Handy und den Schlüsselbund in die dafür vorgesehenen Fächer. „Dabei bleibt es“, sagte ich zu mir selbst, schnappte mir meinen Einkaufskorb und machte mich auf die Suche nach meiner Familie. Doch der Einkaufskorb war schwer, weil ich am Wochenmarkt in einen Gurken-, Käse-, Pilz- und Honigwein-Kaufrausch geraten war. Also musste der Honigwein in meine Handtasche wandern, zusammen mit einer Flasche Schokoladen-Rosen-Topping, der ich auch nicht hatte widerstehen können. „Dabei bleibt es jetzt aber wirklich“, sagte ich zu mir selbst, doch wenig später traf ich endlich „Meinen“ und die Kinder an. Und so kam es, dass ich heute Abend die folgenden Dinge in meiner Handtasche fand:

  • Die leere Ice-Tea-Flasche von Prinzchens bestem Freund
  • Prinzchens halbleere Ice-Tea-Flasche
  • Eine Feder, die ich vom Prinzchen geschenkt bekommen habe
  • Ein Papiertaschentuch, das die Mutter von Prinzchens bestem Freund verloren hatte und das Luise mir zur sicheren Verwahrung übergab
  • Luises linker Flip-Flop
  • Den grünen Stützverband, den Luise an ihrem rechten Fuss nicht mehr tragen mochte
  • Karlssons Schuheinlagen, die er bei mir deponierte, weil der Orthopäde ja gesagt hatte, zum Eingewöhnen sollten die Dinger nicht länger als eine Stunde getragen werden und was kann Karlsson denn dafür, dass wir noch nicht zu Hause waren, als die Stunde um war?
  • Ein gebrauchtes Taschentuch unbekannter Herkunft
  • Ein leerer Glacé-Becher, der, wenn ich mich nicht irre, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten gehörte

„Das geht ja noch“, werden jetzt einige sagen, aber seht euch doch mal an, was auch noch in der Tasche gelandet wäre, hätte ich nicht lauthals protestiert:

  • Das obere Ende einer Gurke, welches der Zoowärter nicht essen mochte
  • Das untere Ende derselben Gurke
  • Eine von Luise angebissene Gurke
  • Das Papier von Zoowärters Vanille-Cornet
  • Die Abstimmungsbroschüre, die mir ein Arzt gerne in die Hand gedrückt hätte, was ich aber nicht zuliess, weil nur die Aargauer über die Sache abstimmen, nicht aber wir Solothurner
  • Der Möbelkatalog mit einem 10%-Gutschein auf alle Möbel, den mir eine junge Frau überreichen wollte 
  • Karlssons Einkäufe aus dem Zweifranken-Shop: Ein Leimstift, eine Tube Schuhcreme, eine Dose Schuhcreme, zwei Vorhangleisten und eine Hundeleine
  • Die Verpackung der Hundeleine
  • Luises „Hanni & Nanni“-Buch
  • Diverse Quittungen
  • Die Feder, die das Prinzchen „Meinem“ schenkte

Doch ich will mich nicht beklagen, ich kann froh und dankbar sein, dass ich die Tasche heute Abend überhaupt finden konnte, um alles auszumisten. Luise hat mir nämlich mindestens zwanzig mal gesagt, wie schön sie das Stück findet und dass sie keineswegs abgeneigt wäre, es dereinst von mir zu erben. Inzwischen kenne ich Luise gut genug, um zu wissen, was das im Klartext bedeutet: Wenn sie das nächste Mal die Psychologin spielt, wird sie sich die Tasche schnappen, zusammen mit meinen Lieblingsschuhen und meinem einzigen noch brauchbaren Lippenstift, sie wird im ganzen Haus ihre Therapiesitzungen abhalten und dann, wenn sie alle therapiert hat, wird die Tasche in irgend einer Ecke landen, wo ich sie Tage später nach verzweifelter Suche wieder finden werde.

Nein, ich will mir nicht ausmalen, was ich dann alles darin finden werde…

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Zähflüssig

An gewissen Tagen ist es, als hätte jemand über Nacht deine Wohnung mit Honig übergossen und zwar mit dieser billigen, zähflüssigen Sorte, die so unglaublich gut haftet, zuerst am Glas, dann am Löffel und schliesslich überall, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat. An solchen Tagen kommt es dir so vor, als würde die ganze Familie knöcheltief in diesem Honig waten und du hast die mühsame Pflicht, jedem Familienmitglied dabei zu helfen, in dieser klebrigen Masse einen Fuss vor den anderen zu bekommen.

„Trink jetzt deinen Kakao, FeuerwehrRitterRömerPirat. Ja, die Tasse steht zwei Zentimeter neben deiner rechten Hand, eine kleine Bewegung nur und du kannst den Griff fassen. Ja, gut so und jetzt führst du die Tasse zu deinen Lippen. Und jetzt schlucken. Nein, jetzt die Tasse nicht wieder hinstellen, noch ein Schluck und noch einen. So ist gut. Und jetzt erhebst du deinen Hintern vom Hocker, gehst ins Badezimmer und wäschst dir dein Gesicht. Jawohl, dazu nimmt man einen feuchten Waschlappen und mit dem fummelt man dann im Gesicht herum. Und wo du schon mal im Bad bist, empfiehlt es sich, gleich zur Zahnbürste zu greifen. Die Zahnbürste ist dieses Ding mit dem langen Stiel und den Borsten, mit dem man an den Zähnen herum schrubbt. Gut…“

„Weisst du, ‚Meiner‘, ich habe mir überlegt, wir könnten Karlsson stets Znünigeld für eine Woche geben, das er sich dann selber einteilen muss, wenn er sein Znüni unbedingt kaufen will. Ja, ein fixer Betrag und wenn er das Geld zu schnell aufgebraucht hat, muss er eben seine eigenen Brote schmieren. Damit er lernt, das Geld einzuteilen, ja und damit er lernt, dass es billiger ist, den Znüni von zu Hause mitzunehmen. Für den Znünikisok in der Schule, genau den meine ich.  Nein, nicht viel Geld, einfach ein paar Franken, die er selber verwaltet. Genau, und wenn er kein Geld mehr hat, dann muss er eben selber schauen. Ja, so meine ich das. Selbstverständlich können wir heute Abend in Ruhe darüber reden…“

„Klar kannst du eine Tasse Tee haben, Zoowärter, aber zieh dich doch in der Zwischenzeit schon mal an. Ja, die Hose, die du gestern bekommen hast. Jawohl, auch eine Unterhose und ein T-Shirt. Das findest du im Schrank, genau….Dein Tee ist fertig, Zoowärter. Aber warum bist du noch nicht angezogen? Hier ist deine Unterhose. Vielleicht musst du zuerst die von gestern ausziehen. Gut, und jetzt die Hose. Nein, die Unterhose von gestern bitte in den Wäschekorb, nicht auf den Fussboden…So, jetzt musst du aber wirklich gehen. Wie, dein Tee? Die Tasse steht seit zwanzig Minuten auf dem Tisch und du sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch, aber trinken müsstest du schon noch selber. Nein, der Tee ist jetzt nicht mehr heiss… Und jetzt die Schuhe. Ja, die Sandalen, die Sonne scheint…“

„Ja, Luise, dein neues T-Shirt gefällt mir sehr gut und ja, die Katzen sind wirklich unheimlich lieb und herzig, ja, du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet, ja, deine neue Hose ist auch toll, ja, ich kann dich kämmen, aber du solltest dir heute unbedingt die Haare waschen, ja, du darfst dir meine Schuhe ausleihen, ja, irgendwann darfst du dir einen zweiten Ohrring stechen lassen, nein, ich weiss noch nicht wann, nein, heute ganz bestimmt nicht, du brauchst jetzt nicht zu motzen, ich hab gesagt, wir machen das, aber ich weiss noch nicht wann, nein, ich habe dein Matheblatt nicht gesehen, nein, ich kann nichts dafür, dass du so viele Hausaufgaben machen musstest, nein ich habe auch dein Englischblatt nicht gesehen…Du willst doch nicht etwa sagen, dass du jetzt noch zwanzig Aufgaben lösen musst, die du gestern Abend hättest lösen müssen?“

„Du kannst den Computer selber einschalten Karlsson. Ja, der Drucker sollte genügend Tinte haben. Selbstverständlich hast du dein Titelblatt schön gestaltet. Kannst du bitte das Papier selber suchen, ich muss jetzt…Doch, gestern ging der Drucker noch. Nein, ich weiss nicht, welcher Trottel wieder diese Abdeckung weggenommen hat. Geht noch immer nicht? Dann mailst du das Titelblatt halt an die Lehrerin. Das möchte sie nicht? Aber wenn unser Drucker streikt…Okay, ich komme gleich, muss nur noch…Ja, Karlsson, ich habe gesagt, ich komme gleich, einen Augenblick bitte. Kannst du das hier mal halten, ich versuche den Drucker zu kippen. Gut, jetzt sollte es klappen. Ist wirklich schön geworden, dein Titelblatt, aber jetzt musst du dich beeilen. Nein, ich weiss auch nicht, wo dein zweiter Hallenschuh ist…“

Ein Wunder, dass du keinem sagen musst, wie das mit dem Atmen funktioniert: „Einfach immer schön ein und aus, nicht zu schnell und nicht zu langsam, ja, der Brustkorb hebt und senkt sich, schön….“

Wenn dann endlich alle bereit sind und du denkst, das Schwierigste sei überstanden, dann setzt sich dein Erstklässler auf die Treppe und heult, weil er nicht zur Schule gehen will, weil es dort so laaaaaaaangweilig ist. Und du weisst, dass die Morgenroutine zumindest beim Zoowärter mit dem Beginn dieser Krise nur noch zähflüssiger sein wird…

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Elternabend mit Kater

Bereits wenn ich auf dem Anmeldezettel angebe, „Meiner“ und ich würden wenn möglich beide zum Elternabend erscheinen, weiss ich genau, dass es auch dieses Jahr nicht klappen wird. „Meiner“ wird garantiert nicht mitkommen können, denn einer von uns beiden muss die jüngeren Kinder zu Bett bringen, den älteren Kindern bei den Hausaufgaben helfen und die Küche aufräumen. Da „Meiner“ schon den ganzen Tag im Schulzimmer verbracht hat und ich ganz froh bin, unser Irrenhaus abends zu verlassen, um zwei Stunden in einem anderen Irrenhaus zu verbringen, bin gewöhnlich ich diejenige, die zum Elternabend geht. Und gewöhnlich bin ich die Einzige, die ohne männliche Begleitung erscheint, denn bei solchen Anlässen zeigen sich sogar jene Väter, die gerade mal knapp den Namen des Kindes kennen, für das sie Alimente bezahlen. Dann sieht es so aus, als würde sich „Meiner“ einen Dreck um die schulischen Belange unserer Kinder scheren, dabei ist er es, der sich mit Engelsgeduld – manchmal auch mit viel Gezeter – darum kümmert, dass unsere Kinder rechnen und rechtschreiben lernen. Ich hingegen, die ich mich bloss um Alltagskram wie Pausenbrote, fiese Schulkameraden und vergessene Turnsachen kümmere, sitze brav auf dem Stühlchen und notiere mir alles, was den zu Hause gebliebenen Pädagogen interessieren könnte. 

Es ist geradezu peinlich, wie peinlich mir solche vermeintlichen „Der Vater meiner Kinder interessiert sich einen Dreck für die Schule“-Auftritte sind. Kater Leone muss genau dies gespürt haben, denn als ich mich heute Abend auf den Weg zum Kindergarten machte, folgte er mir und wich nicht mehr von meiner Seite. Nichts konnte ihn davon abhalten, mit mir zu kommen, weder der Raser, der in der 30-er Zone viel zu schnell unterwegs war, noch die Ambulanz, die den armen Kater mit ihrer Sirene gehörig erschreckte. Einen Augenblick nur zögerte er, als ich das Kindergartengebäude betrat, doch dann folgte er mir auch dorthin, die Treppe hoch bis zur Zimmertüre. Dort aber verliess ihn plötzlich der Mut. Passte ihm der Geruch nicht, hatte es zu viele fremde Menschen, oder wollte er vielleicht nicht in aller Öffentlichkeit mit diesem kleinen Lausebengel namens Prinzchen in Verbindung gebracht werden? Was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag, Leone machte auf der Schwelle Kehrt und ich musste alleine ins Zimmer gehen. Dabei hätte ich in der Vorstellungsrunde doch so gerne gesagt: „Ich bin Prinzchens Mama und das hier ist mein Kater, der einen nicht unerheblichen Beitrag zu meiner Entspannung leistet, wenn der gewöhnlich so liebe kleine Junge mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will.“

Nun, ich habe den Elternabend auch ohne Leones Hilfe überstanden, doch als er mich draussen vor dem Kindergarten erwartete, wurde mir ganz warm ums Herz. Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg und wäre es mir nicht allzu peinlich gewesen, dann hätte ich der treuen Seele davon erzählt, wie zufrieden ich mit Prinzchens Kindergärtnerin bin. Ich habe dann eben „Meinem“ vorgeschwärmt. Von der Kindergärtnerin, die so unkompliziert und humorvoll ist. Und von dem Kater, der es auf sich genommen hat, mich zum Elternabend zu begleiten.

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Wenn der Kopf allmählich wieder erwacht,…

…dann stehe ich leicht verwundert vor meinem Bücherregal und frage mich, ob ich denn in den vergangenen sechs oder sieben Jahren nur Mist gelesen habe. Zum Glück finden sich zwischen den seichten Schinken auch noch ein paar echte Perlen, die ich mir voller Begeisterung gekauft habe, die mir während der Kleinkinderjahre dann aber zu anspruchsvoll waren, weshalb sie halbgelesen im Regal landeten. An anständigem Lesestoff sollte es mir in den kommenden Monaten also nicht mangeln.

…dann dürfen Filme plötzlich wieder politisch sein, dramatisch oder von mir aus auch aufregend. Einzig auf das Happy Ending bestehe ich weiterhin.

…dann antworte ich nicht mehr auf jede zweite Kinderfrage mit „Das kann ich dir im Moment nicht sagen. Ich habe es mal gewusst, aber es will mir einfach nicht mehr einfallen. Müssen wir mal im Internet nachlesen…“

…dann fällt mir auf, dass ich noch eine ganze Menge wissen und lernen möchte und zwar nicht bloss, wie man kleinen Kätzchen beibringt, nicht auf den Tisch zu springen, sondern vielleicht wieder einmal etwas ganz Komplexes, etwas, wovon ich noch nicht viel verstehe, was mich aber schon immer interessiert hat.

…dann finde ich gewisse Gespräche, die ich nun schon seit Jahren mit fremden Müttern führe, nur noch ganz schrecklich öde.

…dann möchte ich meine Tage wieder halbwegs strukturiert verbringen und mich nicht stets von „Mama, ich will Kakao und zwar jetzt sofort“ und dergleichen herumhetzen lassen. Aber natürlich nur so viel Struktur, dass immer noch genug Freiheit bleibt für „Komm doch gleich jetzt zum Kaffee, ich habe Zeit“ oder „Du willst noch ein weiteres Kapitel ‚Karlsson‘ hören? Aber gerne“.

…dann sehe ich, dass viele Dinge, die mir in den vergangenen Jahre als Berge erschienen sind, eigentlich bloss Maulwurfshügel sind, die sich relativ leicht beseitigen lassen, wenn nicht stets etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

…dann erkenne ich, wenn ich ganz lange in den Spiegel schaue, wieder Spuren der Frau, die ich war, ehe ich Mutter wurde. Nein, ich möchte nicht zurück, um nichts in der Welt. Aber es freut mich doch, dass diejenige, die da mal war, nicht vollends verschwunden ist. Im Gegenteil: Mir scheint, sie würde ganz gerne hin und wieder zu einem Tässchen Tee kommen, um an alte Zeiten anzuknüpfen. Wir zwei, das muss man wissen, haben damals nämlich stets Tee getrunken, was man sich nur leisten kann, wenn man nicht ganz dringend Koffein braucht, um weitermachen zu können.

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Laufen lernen

Keine Angst, das wird schon gut gehen. Auf dem Hinweg hast du ja noch die kleine, leicht feuchte Hand, an der du dich festklammern kannst. Und der Heimweg? Kein Problem, einfach immer schön einen Fuss vor den anderen setzen. Nein, nicht so schnell, du darfst dir getrost Zeit lassen. Ja, es gibt tausend Dinge zu erledigen, aber nichts, das nicht auch noch zwei oder drei Minuten länger warten könnte. 

Nein, nicht zurückschauen, da ist niemand, auf den du warten musst. Schau einfach nur geradeaus, oder vielleicht nach links, zu diesem stolzen Kater, der gemütlich über die Wiese spaziert. Ja, geh ruhig zu ihm, streichle ihn, da ist kein kleines Kind, das du daran hindern müsstest, kopflos über die Strasse zu rennen. Willst du nicht noch schnell einen Blick in den Garten dort drüben werfen? Die haben wunderschönen Federkohl angepflanzt. 

Ist dir eigentlich schon aufgefallen, wie hilflos du deine Hände ins Leere baumeln lässt? Allmählich solltest du dich daran gewöhnen, dass sie nichts mehr haben, an dem sie sich festhalten können. Den Kinderwagengriff hast du dir auch abgewöhnen können, also wirst du auch das noch hinkriegen. Findest du es nicht unglaublich befreiend, nichts mit dir schleppen zu müssen, keinen Teddy, keine Einkaufstasche, ja, nicht mal deine Handtasche? Wie? Du weisst nicht, wohin mit deinen leeren Händen? Na, warum streichst du nicht mit den Fingern über diese Mauer hier? Das hast du seit Ewigkeiten nicht mehr getan.

Ja, jetzt machst du es richtig gut, nicht zu schnell, nicht zu langsam und schön aufrecht. Toll, wie du deinen Blick wandern lässt. Wenn du jetzt noch die Sache mit deinen Händen….Nein, halt! Lass dich von diesem Babygeschrei nicht ablenken, es geht dich nichts an. Oh sieh mal, jetzt bist du dann gleich zu Hause. Das hast du ja schon ganz gut hingekriegt. Nur noch ein paar Mal üben und dann schaffst du es ganz ohne Prinzchens Hilfe.

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