Reisevorbereitungen

Nachdem das Prinzchen sich bereits vor einer Woche bei einer unsanften Landung auf dem Kiesplatz eine aufgeplatzte Oberlippe zuzog, schlug er sich heute beinahe ein paar Zähne aus, weil er seinem besten Freund zeigen wollte, wie er vom Regal, auf dem eine Spielzeugkiste steht, auf sein Bett springen kann. Oder wie er es könnte, wenn die doofe Spielzeugkiste nicht so wackelig wäre und dieses blöde Bett nicht so weit weg vom Regal stünde. Es dauerte eine ganze Weile, bis alle Blutspuren aufgewischt waren, Prinzchens Freund uns den genauen Unfallhergang geschildert hatte und die Dame von der Notaufnahme uns am Telefon versichert hatte, wir müssten nicht vorbeikommen, ein Zahnarztbesuch im Laufe der nächsten Tage würde reichen. Danach aber war es an der Zeit, einige ernste Worte an unsere Kinder zu richten. 

„Hört mal, solche Dinge liegen jetzt einfach nicht mehr drin“, sagten wir, als wir alle beim Abendessen versammelt waren. „Für die kommenden zwei Wochen herrscht absolutes Verletzungs- und Krankheitsverbot.“ Die jüngeren Kinder sahen uns mit grossen Augen an und fragten sich wohl, wie so etwas möglich sein sein soll. „Okay, wir springen höchstens noch vom Garagendach“, versprachen die Älteren. „Kommt nicht in Frage“,  sagte ich gestreng und „Meiner“ doppelte nach: „Wer springt und sich die Beine bricht, bekommt es mit mir zu tun. Wir blasen keine Ferien ab, bloss weil einer den Eindruck hat, er müsse vom Garagendach springen.“ „Aber ich habe mich doch nur vom Dach baumeln lassen und bin dann ganz sorgfältig gesprungen“, wehrte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Ich habe es nur ein einziges Mal getan. Dabei bricht man sich doch nichts“, versuchte Luise zu beschwichtigen, doch „Meiner“ und ich blieben hart. In den kommenden Wochen dulden wir weder Leichtfertigkeiten noch Knochenbrüche noch Spitalaufenthalte.

Wenn wir dann erst mal in Schweden angekommen sind, können wir wieder über solche Dinge reden, aber wir dulden es nicht, dass uns eines unserer Kinder wegen eines läppischen Adrenalinkicks dazu zwingt, die seit Langem herbeigesehnten Ferien abzublasen.

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Sogar noch viel altmodischer

Diesmal verstehen mich auch die Mütter nicht, die mich gewöhnlich bestens verstehen. Ich will nämlich nicht, dass Luise sich „Germany’s next Topmodel“ ansieht. Ja, ich weiss, das läuft jetzt gerade nicht, aber im Internet findet man bekanntlich alles und Luise bekommt meine Erlaubnis nicht, sich den Mist reinzuziehen. Vielleicht ausnahmsweise mal, wenn ich dabei bin und ihr erklären kann, warum sie sich die lebendigen Schaufensterpuppen nicht zum Vorbild nehmen soll, aber ansonsten bleibe ich vorerst hart und mit dieser Haltung stosse ich auf ziemlich viel Unverständnis.

Dann fange ich eben an zu erklären. Dass Luise gerade mal zehn Jahre alt ist und andere Dinge im Kopf haben sollte. Dass sie auch ohne Möchtegern-Model-Gezicke schon zickig genug ist und sie nicht noch weitere Anleitung dazu braucht. Dass sie nicht den Eindruck bekommen soll, dieser Frauen-Fleischmarkt sei eine tolle Sache. Und vor allem, dass die Mädchen in Luises Alter jetzt schon darum wetteifern, wer die Leichteste von allen ist und dass die Frage „Mama, findest du mich dick?“ für meinen Geschmack zu oft gestellt wird.

Oh ja, ich werde es ihr nicht ewig verbieten können und eines Tages, wenn sie das Ganze als lächerliches Getue abtun kann, werden wir zwei uns vermutlich vor dem Fernseher kringeln vor lauter Lachen. Diese Zeit aber ist noch nicht gekommen und darum bleibt die Sendung vorerst einmal verboten. Daran halte ich fest, auch wenn Luise das ganz und gar nicht toll findet und diesmal sogar gute Freundinnen ihre Köpfe über meine Ansichten schütteln.

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Du bist ja soooo altmodisch…

Aber natürlich war ich darauf vorbereitet, dass Karlsson uns bald einmal furchtbar altmodisch finden würde, bloss die Art und Weise, wie sich dies äussert, überrascht mich ziemlich. Neulich unterhielten wir uns über die angemessene Garderobe beim Konzertbesuch. „Also Jeans und Hemd geht gar nicht“, sagte Karlsson bestimmt. „Na ja, es kommt ein wenig auf den Anlass an. Wenn es nicht allzu formell ist, finde ich das nicht so schlimm“, antwortete ich. „Nein, Klassik und Jeans, das passt ganz und gar nicht“, insistierte Karlsson. „Ich finde…“, wollte ich einwenden, doch Karlsson unterbrach mich: „Mir ist schon klar, dass du das anders siehst, Mama. Zu deinen Zeiten wart ihr ja alle irgendwie verfilzte Hippies, die Lehrer wie die Schüler. Kein Anstand alle zusammen und die Lehrer kamen bestimmt immer bekifft zum Unterricht.“

Ich bemühte mich, meinem Sohn zu erklären, die Achtziger und Neunziger seien nie und nimmer so wild gewesen, wie er sich dies vorstellt, doch in seinen Augen bleiben wir wohl prinzipienlose Taugenichtse, die sich an keine Regeln halten wollen. Vollkommen altmodisch eben, denn der heutige Teenager weiss spätestens mit vierzehn, was sich gehört und wie hoch hinaus ihn seine Karriereleiter führen soll. Ich frage mich, ob die heutige Jugend überhaupt noch Zwischenjahre einschaltet, oder ob man so etwas inzwischen als vergeudete Zeit ansieht.

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Schon wieder…

Noch einmal so ein Anlass, bei dem ich erkennen musste, dass ich einfach nicht mehr ins Bild passe: Kindergartenbesuch mit dem Prinzchen, die meisten Mütter mit dem ersten Kind, eine oder zwei mit dem Zweiten und ich mit dem Fünften. Wäre ich mit dem dritten Kind hier, würde ich von den anderen Müttern wohl als wandelnder Kindergartenratgeber angesehen, so aber bin ich in den Augen der anderen die abgebrühte Mehrfachmama, die sich nicht mehr richtig um ihren Nachwuchs sorgen mag.

Es ist ja auch wirklich schlimm, was ich da von mir gebe. Die Mamas empören sich über den schlimmen Schulweg, ich teile zwar ihre Meinung, dass es durchaus ein paar gefährliche Stellen gibt, merke dann aber noch an, es sei doch erstaunlich, wie gut die meisten Kinder mit diesen Gefahren umzugehen wüssten und dass ein Kind je nach Entwicklungsstand mehr oder weniger Begleitung benötige. Mit entrüsteten Blicken gibt man mir zu verstehen, dass ich mit meiner Aussage ziemlich daneben liege. Naiv, wie ich bin, schweige ich nicht, sondern merke an, die Strasse, von der die Rede ist, sei schon länger ein Thema, man könne ja vielleicht bei der Gemeinde noch einmal nachhaken, ob inzwischen konkrete Sicherheitsmassnahmen geplant seien. Mist, schon wieder das Falsche gesagt. Nachhaken war nämlich populär, als unsere Ältesten in Prinzchens Alter waren, heute bevorzugt man Hilfe zur Selbsthilfe, was ich übrigens vollkommen okay finde. Als ob ich mich nicht schon genug in die Nesseln gesetzt hätte, bitte ich ein paar Minuten später meine Mitmütter darum, mich nicht weiter nach einem bestimmten Thema zu fragen, weil ich mich dazu momentan nicht äussern möchte.

Innert wenigen Minuten ist es mir gelungen, einen ziemlich schlechten Eindruck zu hinterlassen und das alles nur, weil es mir nach all den Stunden, die ich schon an solchen Anlässen verbracht habe, nicht mehr gelingen will, nett lächelnd allem beizupflichten, was in der Runde gesagt wird.

Und wo ich heute schon dabei war, meinen Ruf zu schädigen, habe ich abends auch noch fröhlich mit Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter im Schwimmbad herumgeblödelt und sie von Kopf bis Fuss nass gespritzt. Ein Blick auf all die trockenen Mamas am Beckenrand überzeugte mich davon, dass eine richtige Mama auch das nicht tut. Solche Dinge überlässt man den Papas…

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Mir dämmert etwas…

Jetzt ist es also soweit: Das letzte Kindergartentäschchen ist gekauft, morgen lernt das Prinzchen seine Kindergartenlehrerin kennen, bekommt Leuchtstreifen, Stundenplan und Klassenliste, in vier Tagen macht er seinen Schulabschluss, in drei Wochen steht er vor dem Traualtar und Ende Jahr halte ich sein erstes Kind im Arm. Irgendwie so wird das gehen, ich weiss es doch. Ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal.

Kaum hat dein Kind seinen Fuss über die Schwelle des Kindergartens gesetzt, fängt es an, in die Höhe zu schiessen, es bringt Wörter nach Hause, die es von dir nie zu hören bekäme, es verknallt sich unsterblich in die Kindergartentante, verbringt jede freie Minute mit seinen Freunden und du bist nur noch dazu da, Pausenbrote zu schmieren, kleine Wunden zu verarzten und Elternbriefe zu lesen. 

Okay, ich weiss, ich übertreibe mal wieder, aber nur ganz leicht, denn meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass die Jahre noch schneller verfliegen, wenn ein Kind erst mal dem Schulsystem in die Fänge geraten ist. Ich meine, es ist doch erst ein paar Wochen her, seitdem ich Karlsson zum Schnuppermorgen in den Kindergarten begleitet habe und morgen ist schon das Prinzchen dran. Ich könnte heulen.

Tue ich aber nicht, denn neulich habe ich mir vorzustellen versucht, wie ein Prinzchen-freier Vormittag aussehen könnte und mir dämmerte, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal die Wohnung putzen kann, ohne dass mir gleich wieder einer den Fussboden verdreckt.

Okay, ich geb’s zu, das ist es, was mir hätte dämmern müssen. In Wirklichkeit hat mir natürlich gedämmert, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal eine Kanne Tee aufgiessen und mich mit einem dicken Schmöker aufs Sofa schmeissen kann. Natürlich nur, um mich über Prinzchens Abwesenheit hinwegzutrösten…

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Ente in High Heels

Jetzt, wo der Sommer mit Wucht über uns hereingebrochen ist, werden wir Mamas und Papas dazu gezwungen, unsere Liegestühle und Gartenbeete hinter uns zu lassen, denn wir müssen unsere Kinder zum Bahnhof bringen, wenn es auf Schulreise geht, wir werden im Schulhaus erwartet, weil die Knöpfe zum ersten Mal Schulhausluft schnuppern dürfen, oder man bittet uns zum letzten Schülerkonzert der Saison. Weil „Meiner“ das ganze Programm jeweils mit seiner Klasse durchspielt, bleibt es meistens mir überlassen, die Familie Venditti bei solchen Gelegenheiten zu vertreten. Immer öfter fällt mir dabei auf, dass ich immer weniger ins Bild passe. Mir fehlt die Mama-Kluft, die in den vergangenen Jahren bei uns in der Provinz in Mode gekommen ist. 

Die Mama-Kluft setzt sich zusammen aus hautengem Tank-Top, vorzugsweise quergestreift oder mit grellem Aufdruck über der Brust, 3/4-Hose oder Leggings und Crocs. Das Haar wird zum streng nach hinten gezogenen Pferdeschwanz zusammengebunden, die Sonnenbrille ist so geschickt in den Haaransatz geschoben, dass sich erst auf den zweiten Blick zeigt, wie dringend nachgefärbt werden müsste. Diese Kluft tragen fast alle Mütter, ob sie nun spindeldürr, kugelrund oder hochschwanger sind und irgendwie sehen darin alle weniger hübsch aus, als sie es wären. 

Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich die Mama-Kluft kaum von dem Kleidungsstil anderer Frauen zwischen dreissig und fünfundvierzig, die mehr Wert auf Tragbarkeit als auf Stil legen. Woran aber erkennt man, dass die Crocs-Trägerin eine Mama ist? An den Tattoos, natürlich. Neben den üblichen Modesujets, die jeden Tätowierer, der etwas auf Individualität gibt, erschaudern lassen, haben sich die Mamas nämlich die Namen oder zumindest die Initialen ihrer Kinder stechen lassen. Das gehört inzwischen so selbstverständlich zum Auftritt einer Mutter, dass ich mich frage, ob man heutzutage bei der Anmeldung ins Spital angeben muss, ob man den Namen des Kindes schon im Gebärsaal tätowiert haben möchte, oder erst bei der Nachkontrolle sechs Wochen später. Die Scheusslichkeit der meisten Schriftzüge lässt darauf schliessen, dass die Mamas sich für das Stechen im Gebärsaal entscheiden, wo die überwältigenden Glücksgefühle über die Geburt des neuen Menschleins jeden guten Geschmack vergessen machen. So bleiben die Mamas ein Leben lang von der Geburt gezeichnet.

Ich muss gestehen, dass ich bis auf meinen stets grauer werdenden Haaransatz so gar nicht mithalten kann mit den anderen Mamas. Es beruhigt ungemein, dass auch noch eine Handvoll anderer Mütter nicht in dieses Bild passen will, denn ansonsten müsste ich mich fragen, ob eine ganze Müttergeneration vom Wege des halbwegs ansprechenden Stils abgekommen ist. 

Ich will damit übrigens keineswegs behaupten, ich käme stets wie aus dem Ei gepellt daher. Im Gegenteil, oft sehe ich aus, als wäre ich eben erst aus dem Bett gepurzelt. Doch offenbar besitze ich noch einen Hauch von Eitelkeit, der mir verbietet, meine Speckröllchen und Schwangerschaftsstreifen jedem zu zeigen, der mir über  den Weg läuft. Und was die Namen meiner Kinder angeht: Die muss ich mir nicht tätowieren lassen, denn jeder im Dorf weiss, dass die fünf zu mir gehören. Und überhaupt, ich mit Tattoo, das wäre etwa so wie, eine Ente in High Heels. Ich meine eine richtige Ente, nicht Daisy Duck…

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Überstanden

Angedeutet hatte er es schon öfters, seit heute aber ist es offiziell: „Meiner“ und ich sind unfair, haben ihn immer nur an der kurzen Leine gehalten, erlauben ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts, die jüngeren Geschwister hingegen dürfen alles, sie können tun und lassen, was sie wollen. Keine zehn Schritte darf er aus dem Haus machen, es ist ein Wunder, dass wir ihn überhaupt in die Schule gehen lassen. Unsere Behauptung, wir hätten ihn immer mal wieder dazu ermutigt, grössere Schritte zu wagen, ist eine fette Lüge. Er hätte ja schon gewollt, aber wir haben immer alles zu verhindern gewusst. Okay, er weiss auch nicht so recht, was er denn überhaupt hätte machen wollen, aber hätte er eine Idee gehabt, hätten wir ganz bestimmt nein gesagt. Wie immer, wenn er etwas will. Wenn aber die anderen fragen, sagen wir immer ja. Immer… Er schäumte vor lauter Wut und auch mir fiel es alles andere als leicht, die Fassung zu bewahren, vor allem, als er… Nein, das schreibe ich hier nicht, das ist privat und ich hätte es auch nicht geschätzt, wenn meine Mutter so etwas breitgeschlagen hätte.

So schnell, wie der grosse Zorn aufgezogen war, war er auch wieder verflogen. Bald konnten wir wieder ganz vernünftig miteinander reden und inzwischen bin ich froh, dass wir endlich unsere erste halbwegs heftige pubertätsbedingte Auseinandersetzung hatten, denn je länger sie ausbleibt, umso mehr fürchtet man sich vor ihr. Mir kommt es vor, als hätten sich die Auseinandersetzungen in der Trotzphase nach einem ganz ähnlichen Muster abgespielt, wenn auch damals mit weniger direkten Angriffen auf „Meinen“ und mich. Die Trotzphase haben wir auch irgendwie überstanden, also werden wir auch das mit den Teenagerjahren irgendwie packen. Auch wenn er uns natürlich in ein paar Jahren – teilweise zu Recht – vorwerfen wird, mit den kleinen Geschwistern seien wir viel weniger streng gewesen als mit ihm.

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Schwärmerisch

Da stehe ich also vor meinen üppig wuchernden Erbsen und breche die erste reife Schote ab, öffne sie und zeige den Inhalt dem Prinzchen. „Sind da wirklich so viele drin?“, fragt er staunend und probiert zum ersten Mal in seinem Leben eine erntefrische Erbse. Unbeschreiblich, diese Frische, diese Süsse, dieser Genuss. Weil das Prinzchen glaubt, nach einer einzigen kleinen Erbse müsse man gleich zur Zahnbürste greifen, setze ich meinen Gartenrundgang alleine fort. Die Tomatenpflanzen, die wegen der Kälte eben noch klein und mickrig waren, haben sich nach wenigen Sonnenstunden prächtig entwickelt, die Krautstiele, welche der Regen beinahe ertränkt hätte, werden in wenigen Tagen gross genug sein, um in der Pfanne zu landen, die Tigermelone wuchert nach allen Seiten, die Kamillenblüten sind so gross und aromatisch wie noch nie, den Salatköpfen kann man beim Wachsen beinahe zuschauen. 

Unfassbar, was aus den winzigen Samen, die ich im Februar in die Erde gedrückt habe, geworden ist. Und dies trotz Kälte, heftigem Wind, Mangel an Sonnenlicht und viel menschlichem Gejammer. Eine unglaubliche Vielfalt, die aus nicht viel mehr besteht als aus Wasser und Licht und alles, was ich dazu beitragen kann, ist regelmässiges Giessen, ein erbarmungsloser Kampf gegen die Nacktschnecken und ab und zu ein wenig Brennessel-Gülle.

Es gelingt mir nicht, mein Staunen in Worte zu fassen, mein genüssliches Schmatzen, wenn ich in eine süsse, sonnenwarme Erdbeere beisse, muss reichen. Ja, ich weiss, ich bin heute ziemlich schwärmerisch, aber was erwartet ihr von einer, die sich inzwischen dabei ertappt, wie sie mit ihren Randen redet?

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„Starke Frau“

Ihr seid äusserst freigiebig mit der Vergabe des Ordens. Ob eine Frau nun neben den Kindern eine steile Karriere hinlegt, ob sie wegen eines Schicksalsschlags ihre Kinder alleine grosszieht, ob sie ehrenamtlich mehr bewegt, als ihr euch vorstellen könnt, ob sie mehr Kinder hat als der Durchschnitt, ob sie mit ihrer Familie unter widrigsten Umständen geflüchtet ist und nun von der Hand in den Mund lebt, ob sie trotz schwerer gesundheitlicher Probleme nicht aufgibt, oder ob sie mutig ihren ganz eigenen Weg geht, ihr habt das Label stets griffbereit: Starke Frau.

Oh ja, ich weiss, ihr meint es als Kompliment. Ihr wollt damit ausdrücken, dass ihr nie in der Lage wäret, das zu tun, was die andere tut. Ihr glaubt, ihr würdet damit einer Frau die Anerkennung geben, die sie in euren Augen verdient hat. In Wirklichkeit aber drängt ihr diese Frau in eine sehr einsame Ecke. Ihr attestiert einem ganz gewöhnlichen Menschen Superkräfte und ignoriert damit die Tatsache, dass auch „starke Frauen“ Momente der Verzweiflung kennen. Gut, vielleicht ist es nicht der abgebrochene Fingernagel, der ihnen die Tränen in die Augen treibt, sondern die Erkenntnis, nicht allen berechtigten Ansprüchen gerecht werden zu können. Vielleicht hält die Frau tatsächlich länger durch, als ihr es euch selber zutrauen würdet, aber ihr glaubt doch nicht etwa, die Frau, die ihr aufs Podest gehoben habt, empfinde weniger Schmerz als ihr, wenn mal einfach alles zuviel wird? Glaubt ihr denn wirklich, sie würde nie verzweifelt schluchzen, nie die Hoffnung schwinden sehen?

Nun gibt es natürlich vereinzelt Frauen, die ihre dunklen Stunden sehr gut zu verbergen wissen. Die meisten „starken Frauen“ aber, die ich kenne, betonen immer und immer wieder, dass sie sich keinesfalls sonderlich stark fühlen. Viele von ihnen weisen wiederholt auf ihre Grenzen hin, manche suchen verzweifelt nach Gelegenheiten, auch mal jemandem das Herz ausschütten zu dürfen. Wie aber soll das gehen, wenn der Satz „Du hast ja immer alles im Griff“ schon fällt, ehe die „starke Frau“ zu erzählen begonnen hat?

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Ende der Kleinkindphase

Nach langer Zeit habe ich endlich wieder die Geduld, an einem Buch dranzubleiben, bei dem ich Abschnitte mehrmals durchlesen muss, weil so viel drin steht. Kein Buch, das man sich so nebenbei, zwischen Hausaufgaben und kochen reinziehen kann, weil es so seicht ist, sondern ein Buch, das mich in Gedanken begleitet, wenn ich den Geschirrspüler ausräume oder im Garten Nacktschnecken zertrete. Ein Buch, über das ich gerne mit jemandem diskutieren möchte, aber ausser mir interessiert sich wohl keiner für das Thema. 

Ich freue mich wieder darüber, wenn ich bei einer Umfrage nach meiner Meinung gefragt werde und lege nicht mehr entnervt auf, weil im Hintergrund drei Kinder im Chor brüllen. Bevor nun alle Meinungsforschungsinstitute zum Telefon greifen, um mich anzurufen, möchte ich betonen, dass ich mich nur über Umfragen freue, bei denen ich nach meinen politischen Ansichten gefragt werde. Ist doch immer ein Genuss, wenn man über alles wettern kann, was einen in den vergangenen Monaten bei der Zeitungslektüre genervt hat. 

Wenn wir aus dem Haus gehen, sobald alle anderen weg sind, schaffen es das Prinzchen und ich, zu Fuss einkaufen zu gehen, unterwegs mit ziemlich vielen Leuten zu reden und doch noch rechtzeitig das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. Eben noch hätten wir dafür mindestens einen Tag gebraucht, doch seitdem das Prinzchen nicht mehr jeden Regenwurm begrüssen und jede Mauer besteigen muss, überholen wir locker jede Weinbergschnecke, der wir unterwegs begegnen. 

Schneit jemand spontan bei uns herein, kann ich fast immer sagen: „Kaffee oder Tee? Ich habe Zeit.“ Und fast immer meine ich es ehrlich, denn seitdem ich von zu Hause aus arbeite, kommt es mir nicht so sehr darauf an, ob ich mittags am Computer sitze oder um Mitternacht. Hauptsache, ich schaffe mein Tagespensum. 

Ich backe wieder Brot, mache wieder Joghurt und es macht mir wieder Spass, am Sonntagnachmittag Stunden in der Küche zu verbringen, um Falafel selber zu machen. 

Sieht ganz danach aus, als normalisiere sich das Leben mit dem Ende der Kleinkindphase wieder. Oder habe ich endlich gelernt, meinen Alltag unseren Lebensumständen anzupassen?

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