Im Gegensatz zu seinen Brüdern kann das Prinzchen wenig anfangen mit den fantastischen Gestalten, von denen man nicht so recht weiss, was ihre Erfinder intus hatten, als sie sie zum Leben auf Papier und Leinwand erweckten. Sein Götterhimmel ist bevölkert von Feuerwehrmännern, Bauarbeitern und alten Ägyptern. Seitdem das Prinzchen öfters mal von Käfern heimgesucht worden ist, hat er nun die Apotheker als neue Helden entdeckt. Seit Tagen schon haben wir kein Wohnzimmer mehr, sondern eine Apotheke, wer sich aufs Sofa setzt, wird zurechtgewiesen, weil er hinter dem Verkaufstresen nichts verloren hat. Huste ich, werde ich umgehend in Prinzchens Apotheke zitiert, für den Gebrauch des Fiebermessers knöpft mir unser Jüngster jedes Mal imaginäres Geld ab. Mal bekomme ich das Ding für einen Franken, beim nächsten Mal muss ich ganze 124’349 Franken hinblättern, wenn ich jemandem die Körpertemperatur messen will. Weil die Kundschaft den Weg zu Prinzchens Apotheke nicht von selbst findet, sucht er das ganze Haus nach potentiellen Kranken ab, denen er erklären kann, dass man Tabletten nur von Montag bis Freitag nehmen darf, nie aber samstags oder sonntags.Wer sich für einen Moment lang hinlegt, wird sofort für krank erklärt und bekommt ein Mittel aufgeschwatzt. Sogar der Zoowärter, der mit bodenständigen Dingen derzeit nur wenig anfangen kann und lieber in imaginären Sphären schwebt, wurde neulich zum Mitspielen verdonnert. Allerdings bat er den Herrn Apotheker um einen Zaubertrank, der ihm übermenschliche Kräfte verleiht. Ich glaube nicht, dass er ihn bekommen hat, dafür vielleicht eine Vitaminkapsel. Das ist nämlich das Einzige, was das Prinzchen seinen Kunden wirklich verkaufen darf, wenn auch nur einmal täglich.
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Wer ist hier der Vorstand?
„Welche Ausbildung hat der Haushaltsvorstand zuletzt abgeschlossen?“, wurde ich heute in einer Online-Umfrage gefragt. Der Haushaltsvorstand? Das variiert von Stunde zu Stunde.
Heute Nachmittag um halb vier hätte die Antwort gelautet, der Haushaltsvorstand habe noch nicht mal mit seiner Ausbildung begonnen und bringe es dennoch mit gezielt eingesetzten Trotzanfällen fertig, die ganze Familie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.
Eine halbe Stunde später hätte ich gesagt, der Haushaltsvorstand habe vier Beine, ein schön gemustertes Fell und gerade fünf hinreissende Kinder zur Welt gebracht, die jeder sehen will, weshalb man ständig gezwungen sei, die Zimmer halbwegs in Ordnung zu halten. Dieser Haushaltsvorstand hält es nämlich nicht für nötig, uns im Voraus bekannt zu geben, wann er Audienz hält.
Würde man mich gerade jetzt fragen, lautete die Antwort, die Stelle des Haushaltsvorstands sei vakant, weil gerade keiner von uns beiden, die wir noch wach sind, das geringste Bedürfnis verspürt, sich des Haushalts anzunehmen.
Morgen früh – zu früh für einen Samstagmorgen – würde ich vermutlich sagen, der Haushaltsvorstand habe lange, blonde Haare, eine durchdringende Stimme und sei gerade mal zehn Jahre alt. Dieser Haushaltsvorstand bestimmt im Alleingang, wann es Zeit ist für die Tagwache, egal, wie sehr man sich gegen diese diktatorische Herrschaftsform auflehnt.
Allzu lange wird es aber nicht dauern, bis der Nächste das Szepter übernimmt. Mit seinen sechs Jahren weiss er schon sehr genau, was morgen auf dem Programm zu stehen hat und Wehe mir, sollte ich keine Lust verspüren, mich unter die Leute zu mischen. Dieser Haushaltsvorstand hat mir nämlich schon am Montag mitgeteilt, dass er am Samstag auf der Hüpfburg zu sein wünscht und er duldet keine faulen Ausreden.
Könnte aber auch sein, dass einer auf passiven Widerstand macht, sich ein Buch schnappt und dem oben genannten Haushaltsvorstand einen Strich durch die Rechnung macht, was natürlich unweigerlich zu Zoff führen wird, so dass nicht mehr klar sein wird, wer von den beiden jetzt wirklich das Sagen hat. Kampf der Haushaltsvorstände, sozusagen. Im schlimmsten Fall wird sich noch einer in die Sache einmischen, er wird verkünden, er hätte keine Lust auf Babykram, dafür sei er jetzt zu gross. Er wird sich ebenfalls ein Buch schnappen und erklären, wer nicht mitgehen wolle, solle sich ruhig ihm anschliessen, er werde schon für Ordnung und Disziplin sorgen zu Hause. Schon wäre die Familie in zwei Lager aufgeteilt und eine Einigung kaum mehr zu erreichen.
Um einen wüsten Kampf um den obersten Posten im Haushalt zu verhindern, werde ich die ganze Macht an mich reissen müssen – der Co-Haushaltsvorstand ist morgen abwesend – , ich werde mit Machtworten um mich schmeissen müssen, damit alle wieder wissen, wo es langgeht.
Weil es fast immer auf dieses Szenario hinausläuft und es im Fragebogen keinen Platz für Ausführungen hatte, habe ich in der Umfrage frech behauptet, der Haushaltsvorstand sei ich. Worauf ich gefragt wurde „Studieren Sie?“ Äh, nein, nicht mehr, ich führe gerade einen Feldversuch in Konfliktmanagement durch.
Das beste Mittel gegen Magen-Darm-Seuche
Sobald das Schlimmste durchgestanden ist – wir wollen hier nicht in die Details gehen -, ignoriert man die Seuche einfach. Solange man sich den Magen nicht mit fettigen Pommes Frites und Käseschnitten verdirbt, sollte das eigentlich ganz gut funktionieren. Dann empfiehlt sich ein Gang in den Garten. Ein paar Setzlinge eintopfen, ein bisschen pikieren, wenn nötig eine Runde giessen und schon fühlt man sich deutlich besser. Falls die Kraft reicht, kann man sich jetzt durchaus einem Stapel schmutziger Teller zuwenden, und sei es nur, um dem Ehepartner zu signalisieren, dass der gute Wille vorhanden ist. Vielleicht aber ist der Tellerstapel eine zu grosse Herausforderung für den entkräfteten Körper. Dann empfiehlt sich ein seichter Film, ein anspruchsloses Buch oder ein unerschrockener Gast, der die Käfer nicht scheut und sich bereit erklärt, mit dem Kranken ein Tässchen Tee zu trinken. Derart gestärkt sollte der Patient jetzt in der Lage sein, ein paar Büroarbeiten zu erledigen, die er seit Tagen oder Wochen vor sich herschiebt. Wobei dies allerdings die Gefahr eines Rückfalls birgt, zumindest, wenn die aufgeschobene Büroarbeit im Bezahlen von Rechnungen besteht. In diesem Fall heisst es dann eben, zurück ins Bett zu kriechen, die Decke über den Kopf zu ziehen und das ganze Elend auszuschlafen.
Zu viel verlangt
„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile?
Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren.
Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.
Wie man mir an einem Tag wie heute ein Lächeln aufs Gesicht zaubert
Sechs mal Magen-Darm-Grippe in verschiedenen Stadien von „Ich bin so krank, dass ich nicht mal Zwieback essen mag“ über „Ich bin nicht gesund genug, um zur Schule zu gehen, aber auch nicht krank genug um im Bett zu bleiben“ bis hin zu „Ich fühle mich genau gleich elend wie ihr, aber einer muss ja für Zwieback-Nachschub und saubere Bettwäsche sorgen“ und der einzige Gesunde muss arbeiten. Nicht gerade mein Lieblingstag, ehrlich gesagt. Umso wichtiger sind mir die kleinen Dinge, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern:
Luise, die mir erzählt, wie sie gestern in der Bäckerei im reinsten St.Galler-Dialekt ein Brot bestellt hat. Fragt mich nicht, woher sie St.Galler-Dialekt kann, vielleicht hat sie diese Halskrankheit im Blut.
Die alte Frau aus Sri Lanka, die sich mir nach dem Zwieback-Einkauf in den Weg stellt, um mir mit Händen, Füssen und ein paar Brocken Deutsch zu sagen, wie sehr ihr mein „Costume“ gefalle. Genau wie die Frauen aus Sri Lanka, findet sie, einzig das schöne Tuch fehle noch.
Kater Leone, der als Reaktion auf Henriettas Nachwuchs so anhänglich ist wie in seinen ersten Tagen. Nichts beruhigt so sehr wie ein Kater, der sich nach einem anstrengenden Tag auf deinen Rücken legt und dir ins Ohr schnurrt.
Der Gedanke, dass ich meinem alljährlichen Setzlings-Kaufrausch ein Schnippchen geschlagen habe und deswegen diesen Frühling seelenruhig an den Auslagen vorbeigehen kann. Wie ich das geschafft habe? Indem ich im Februar bereits dem Sämereien-Kaufrausch erlegen bin und deshalb zu Hause vor lauter Setzlingen den bewölkten Himmel nicht mehr sehen kann.
Das Prinzchen, der frühmorgens über Karlssons Teddy aus Kleinkindertagen sagt: „Gell, Karlsson, als Mama und Papa dir David gekauft haben, war er noch kein Schrott.“
Die Tatsache, dass meine Manuskripte das Stadium „Feinschliff“ erreicht haben.
Die Katzenbabies. Ich darf gar nicht anfangen damit, sonst wird’s kitschig hier.
Armer, kleiner Pjotr
Heute im Zug eine perfekte Mama mit zwei perfekten Kindern – Mädchen und Junge, ganz wie es sich gehört – in Begleitung der perfekten Oma, die noch so jung aussieht, dass man sie auch für die Tante der perfekten Kinder halten könnte. Alle sauber gekleidet, alle ruhig, alles perfekt organisiert, der Kinderwagen auch beim zweiten Kind noch wie neu. Weil es gerade Zeit dafür ist und nicht etwa, weil die Kinder Hunger hätten, gibt’s etwas zu Essen. Für das Mädchen zuerst Apfelschnitze und dann die Süssigkeiten, welche die Oma mitgebracht hat, für den Jungen, der wohl knapp ein Jahr alt ist, einen gesunden Riegel. Der Junge isst, wie es von einem Jungen in diesem Alter zu erwarten ist: Ab und zu fällt etwas zu Boden, manchmal schmiert er ein wenig. „Aber Pjotr“, weist die Mutter ihn zurecht „so musst du jetzt nicht anfangen. Iss gefälligst anständig.“
Wie oft habe ich mich in der Öffentlichkeit doch dafür geschämt, wenn unsere Kinder sich so gar nicht bilderbuchmässig aufführten. Wenn wir mal wieder nichts dabei hatten, um schokoladenverschmierte Finger sauber zu machen. Wenn die Kleider schon nach einer halben Stunde Zugfahrt nicht mehr sauber waren. Eines aber hat mir nie etwas ausgemacht: Wenn ein Einjähriger sich aufführte wie ein Einjähriger. Und darum tat mir heute der arme Pjotr, der in äusserlich so viel perfekteren Umständen gross wird als unsere Kinder, ganz fürchterlich leid.
Fossilien
Ganz klar, wir sind Fossilien. Ja, ich weiss, Leute die älter sind als ich, versuchen stets, mir die Sache auszureden, aber es hilft nichts. Zu gut kann ich mich daran erinnern, wie steinalt meine Eltern waren, als ich anfing, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und jetzt sind wir für unsere Kinder genau in diesem Alter, die Hinweise verdichten sich immer mehr.
Da standen wir neulich zusammen im Kindermuseum, meine Schwester, Luise und ich und betrachteten ein Paar schlichte, dunkelblaue Schnallenschuhe, wie wir sie als Mädchen jeweils trugen. Währenddem mir beim Anblick warm ums Herz wurde und meiner Schwester der gleiche Widerwille wie damals ins Gesicht geschrieben stand – wir hatten schon damals nicht den gleichen Geschmack in Sachen Kleidung -, sagte Luise kein Wort. Sie war wohl zu beschäftigt mit dem Gedanken, wie uralt ihre Mutter und ihre Tante sein müssen, wenn ihre Kinderschuhe es bereits in eine Museumsvitrine geschafft hatten.
Jetzt, wo allmählich die prägenden Figuren unserer Kindheit das Zeitliche segnen, will vor allem Karlsson von uns Zeitzeugen wissen, wie es damals wirklich war. Ob Maggie Thatcher tatsächlich stets Blau getragen habe, oder ob dies nur im Film so sei, fragte er heute. Wie hätte ich ihm eine für ihn verständliche Antwort geben sollen? Die Farbbilder in den Tageszeitungen liessen sich damals noch an einer Hand abzählen und Fernsehen hatten wir nicht. Und Maggie Thatcher kannte ich ohnehin nur aus den Karikaturen im Satiremagazin, die ich furchtbar lustig fand, obschon ich sie nicht verstand. Anstatt Karlssons Frage zu beantworten, fing ich an, im Schatz meiner Erinnerungen zu kramen. Ich wäre wohl vom Hundertsten ins Tausendste geraten, hätte nicht Karlsson bald einmal den gleichen glasigen Blick in den Augen gehabt, den ich immer hatte, wenn meine Eltern zu lange von einem „Früher“ erzählten, das für sie lebendige Erinnerung war, für mich jedoch nur ein halbwegs interessanter Stummfilm in Schwarzweiss.
Dank YouTube ist unser „Früher“ für unsere Kinder kein Stummfilm mehr, sondern ein ziemlich dilettantisch gedrehter Streifen in körnigen Farbbildern von Menschen mit lächerlichen Frisuren und schrecklichen Kleidern. Manchmal lachen sie sich halb krank darüber, manchmal haben sie auch nur ein müdes Schulterzucken dafür übrig, zum Beispiel, wenn ich zu erzählen beginne, welche Sensation es war, als 1985 der erste CD-Player im Wohnzimmer stand und mein Vater verkündete, dank dieser neuen Technologie gehörten Kratzer auf der Schallplatte der Vergangenheit an und umdrehen müsse man die Scheiben auch nicht mehr nach der Hälfte der Spielzeit. Natürlich langweilt diese Erzählung unsere Kinder, man muss ja auch so schrecklich viel erklären, damit sie überhaupt verstehen, wie die Geräte damals funktionierten.
Sie werden sich vermutlich auch langweilen, wenn ich ihnen morgen erzähle, wie traurig mich die Nachricht von Trudi Gersters Tod gestimmt hat, denn sie waren nicht dabei, als wir stundenlang bäuchlings vor dem gelben Kinderplattenspieler lagen und der unvergleichlichen Stimme lauschten, bis wir die Geschichten inklusive Kratzer auswendig kannten. Oh ja, unsere Kinder wissen, wer Trudi Gerster war, sie haben auch schon CDs von ihr gehört, aber wir Fossilien haben eine ganz andere Beziehung zu ihr, denn wir kannten die Märchenerzählerin in einer Zeit, als man noch nicht jederzeit Musik, Informationen und Unterhaltung – ob gewollt oder ungewollt – im Ohr hatte.
Kaum mehr vorstellbar, wie still es damals gewesen sein muss.
Wenn ich bitten darf
Meine lieben Kinderlein
Wenn ich mich spätabends ins Bett legen möchte, habe ich keine Lust, zuerst ein halbes hartgekochtes Ei von der Matratze zu klauben. Ich schätze es auch nicht sonderlich, morgens in das Eigelb zu treten, das es nicht bis auf die Matratze geschafft hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn jemand von euch eine nicht ganz verschlossene Eisteeflasche in meiner Handtasche aus Filz verstaut, ohne mir etwas davon zu sagen. Wisst ihr denn nicht, wie eklig es sich anfühlt, in einer feuchten Filztasche wühlen zu müssen. Und wühlen muss ich, denn bei all dem Kram, den ihr sonst noch in meine Tasche schmuggelt, ist es relativ schwierig, den Autoschlüssel auf Anhieb zu finden. A propos Autoschlüssel: Der gehört in meine Tasche und zwar immer, nicht mal auf den Küchentisch, mal in die Badewanne und mal in den Briefkasten. Können wir das hier ein für alle mal so festhalten?
Dann wäre da noch die Sache mit dem Lippenstift. Ja, ich weiss, ihr denkt, ich würde den ohnehin nie brauchen und es stimmt ja auch, meistens liegt er nur herum. Aber auch in meinem Leben gibt es Gelegenheiten, bei denen es ohne Lippenstift fast nicht geht und darum möchte ich euch bitten, ihn in Zukunft nicht mehr für Graffitis an den Zimmerwänden zu missbrauchen. Zumal es nicht ganz einfach ist, Lippenstiftspuren von der Tapete zu entfernen, ohne gleich die ganze Tapete abzureissen. Wo wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Würde es euch etwas ausmachen, meine Kleider in Zukunft nicht mehr in die Verkleidungskiste zu entführen? Und wenn das zuviel verlangt ist, könntet ihr zumindest darauf achten, beim Verkleiden keine Schokoladenflecken auf den zarten Stöffchen zu hinterlassen?
Ich glaube, das mit den Küchengegenständen brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, ihr glaubt es mir ja doch nicht. Darf ich euch aber zumindest bitten, in Zukunft die Finger von meinem Lieblingsschneebesen zu lassen? Ich teile dafür alles andere, inklusive Spritzbeutel-Tüllen, mit euch. Auch mit Shampoos und Duschgels will ich nicht kleinlich sein; was ich eigentlich für mich kaufe, dürft ihr selbstverständlich ebenfalls nehmen. Es wäre einfach nett, ihr würdet jeweils einen ganz kleinen Rest für mich aufbewahren, denn wenn ich mir die Haare mit gewöhnlicher Seife waschen muss, weil alle anderen Flaschen leer sind, sehe ich aus wie eine Vogelscheuche und das passt euch dann ja auch wieder nicht.
Mir ist klar, meine lieben Kinderlein, dass euch diese Bitten ziemlich viel Selbstbeherrschung abverlangen, aber versucht es doch einmal so zu sehen: Ich lege euch auch kein nasses Teekraut aufs Kopfkissen, ich vergreife mich weder an euren Legos noch an eurer Knetmasse und meines Wissens habt ihr mich auch noch nie dabei erwischt, wie ich unter euren Betten ein Picknick abgehalten habe, ohne danach aufzuräumen, ja, ich leihe mir nicht mal eure Kleider aus, wenn sich in meinem Schrank nichts mehr findet.
Ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Aber der Papa hat neulich mein Sylvanian Families-Eichhörnchen in den Tiefkühler gelegt.“ „Und aus meinem Lieblingshemd hat er Putzlappen gerissen.“ „Mir hat er die ganze Papierflieger-Sammlung ins Altpapier geschmissen.“ Mag sein, dass der Papa all dies gemacht hat, ich aber habe damit nichts zu tun. Also legt das hartgekochte Ei beim nächsten Mal gefälligst auf seine Seite des Bettes, wenn ihr es unbedingt in unserem Zimmer liegenlassen müsst.
Von wegen „grüner Daumen“
Früher habe ich das Märchen vom grünen Daumen auch noch geglaubt, ja, ich habe es gar weitererzählt. Als unwiderlegbaren Beweis für seine Existenz führte ich die Jericho-Rose an, die unter meiner Aufsicht zu schimmeln begann. Klagten andere über ihren farblosen Daumen, nickte ich verständnisvoll und tröstete, mir ginge es genau gleich. Heute nicke ich nicht mehr, ich spreche auch keinen Trost mehr aus, ich denke nur noch „bla, bla, bla“.
Es ist nämlich so: Den Pflanzen ist es vollkommen egal, ob der Daumen grün ist oder nicht, solange sie deine volle Hingabe haben, gedeihen sie prächtig. Wasser, wenn ihnen danach steht, weder zuviel noch zu wenig, Sonne, aber bitte auch davon nicht zuviel, den richtigen Boden, nur die Tierchen, die ihnen nicht schaden und dann dulden sie noch nicht mal jeden beliebigen pflanzlichen Nachbarn. Da reicht irgend so ein magischer grüner Daumen nicht aus, ohne leidenschaftliche Liebe zu den kleinen, rätselhaften Wundern wird nichts aus der Sache. Liebe und ziemlich viel Einsatz, Tag für Tag, damit ihnen die Schädlinge nicht zu nahe treten, das Wetter nicht die Laune verdirbt und die unerwünschten Nachbarn ihnen nicht den Lebensraum streitig machen.
Nachdem ich nun über Jahre geübt habe, kleinen, anspruchsvollen Wesen meine ganze Liebe und Hingabe zu schenken, damit sie gedeihen können, ist es plötzlich gar nicht mehr so schwierig, mit den zarten Pflänzchen ähnlich umzugehen. Darum gedeihen sie wohl auch, obschon ich noch immer keinen grünen Daumen habe.
Wir können auch so
Nach den Kapriolen der vergangenen Monate hatte ich es selber nicht mehr für möglich gehalten, aber „Meiner“ und ich bringen es tatsächlich fertig, einen unbeschwerten Tag zu zweit nicht nur im Kalender einzutragen, sondern auch durchzuziehen. Alle Lehrkräfte gesund, Kinder komplett käferfrei, Prinzchen für einmal ohne sein sonst übliches montägliches „Staatskinder“-Gehabe -„Ich will nicht in die Krippe, ich will bei dir bleiben Mama!!!“ -, die Gutscheine für die Wellness-Oase noch längst nicht abgelaufen und diesmal sogar ohne hektische Suchaktion auffindbar, keine Anrufer, die einen mit einem ganz dringenden Anliegen zu einer spontanen Hilfsaktion zwingen, das Auto fahrtüchtig und mit halb vollem Tank. Weder unsere hochschwangere Katze, die kaum mehr von meiner Seite weicht, noch die Programmänderung, zu der „Meiner“ mich in letzter Minute überredete, konnten uns daran hindern, in schönster Eintracht morgens vor halb neun das Familienleben für ein paar Stunden hinter uns zu lassen.
Es gab viel zu geniessen in diesen Stunden – ein Frühstück, das so süss und ungesund war, dass unsere Kinder nie davon erfahren dürfen, eine ziemlich menschenleere Saunalandschaft voller Überraschungen, vollkommen ungestörte Gespräche im Wechsel mit himmlischer Stille, ein Mittagessen, nach dem andere unseren Dreck wegräumen mussten. Was mich an diesem rundum gelungenen Tag zu zweit am meisten freut: Egal, wie sehr wir uns im Familienalltag zuweilen auf die Nerven fallen und egal, wie oft wir in der Hektik aneinander vorbeireden und zuweilen auch -leben, wenn wir mal Zeit haben, dann sind „Meiner“ und ich sofort wieder siebzehn. Dann quatschen wir, schmieden Pläne, grinsen über Menschen, die einfach nur peinlich sind und freuen uns daran, dass wir einander haben.









