Mama Venditti träumt von einem geordneten Leben

Hach, wie wäre es doch nett, endlich ein wohlgeordnetes Leben zu führen. Nein, nein, nicht piekfein und blitzblank, aber so, dass man wüsste, welches Ding wo seinen Platz hat. Hier das Schreiben und alles, was dazu gehört, dort die Koch-, Garten-, Back- und Kinderbücher, ein grosses Regal für das, was man aus lauter Freude am Lesen liest, ein Schrankfach für die Stricksachen, den ganzen Bastelkram, den ich am liebsten aus dem Fenster schmeissen möchte, an einem einzigen Ort, Bilder, Farben und Fotoprojekte, an denen „Meiner“ arbeitet sauber verstaut und dann natürlich Ordner für all die Papiere, die übers Jahr ins Haus flattern und die alle wieder zur Hand sein sollten, wenn die Steuererklärung ansteht. Wenn das mal erledigt wäre, könnte man mal die Kleiderschränke ausmisten, den Estrich, den Keller, die Küchen- und Wandschränke. Und dann hätte jedes Ding seinen eigenen Platz, man müsste nie wieder suchen und natürlich würde nie wieder etwas herumliegen, weil es so einfach wäre, alles am richtigen Ort zu verstauen. Dann könnte man sich daran machen, den Alltag zu strukturieren: Schreibtage, Gartenzeit, Einmachsaison, Bürostunden, Siesta, Familienzeit, Zeit für mich, Zeit für dich und Zeit für Freunde, Virensaison, Katzenzeit, Lernstunden, Arbeitszeit – alles schön geordnet und sauber in den Kalender eingetragen. Und wenn dann wirklich alles aufgegleist wäre, könnte man vielleicht sogar einmal die Fenster putzen.

Davon träumt Mama Venditti manchmal, aber dann fällt ihr ein, dass sie eine Sache ganz schrecklich vermissen würde, wäre ihr Leben so überschaubar und aufgeräumt, nämlich die Spontaneität, die es ihr erlaubt, alles stehen und liegen zu lassen, wenn das Leben mit einer neuen Herausforderung lockt. Wobei es durchaus auch herausfordernd sein könnte, mit dem Bagger aufzufahren und den ganzen Mist, der im Haus herumliegt, in die Mulde zu befördern…

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Bitte, bitte, bitte!

„Nun hab dich doch nicht so“, schalt ich mich selbst, als ich zu einer Klage über die Kälte anheben wollte. „Schnee im März ist vollkommen normal, offiziell ist noch nicht mal Frühling, also finde dich damit ab, dass du noch ein paar Tage mit Strümpfen an den Füssen unterwegs sein wirst. Lieber jetzt Schnee als im Juli.“ Ja, so vernünftig kann ich sein, wenn ich mir meine Laune auf gar keinen Fall vom miesen Wetter vermiesen lassen will.

Dann aber, als heute nach einem sonnigen Vormittag schon wieder Schneeflocken fielen, donnerte mir die Zimmerdecke mit einem lauten Krachen auf den Kopf. „Aber ich wollte doch in den Garten gehen“, klagte ich wie ein verwöhntes Kind, das keine Zuckerwatte haben darf. „Die Kinder wären ums Haus gerannt und ich hätte derweilen das Tomatenbeet umgegraben. Immer hocken wir in dieser muffeligen Wohnung und fallen einander auf die Nerven. Wann kommt er endlich, dieser Frühling?“ 

Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Warum seid ihr nicht trotzdem raus gegangen? Das bisschen Schnee tut doch nichts zur Sache.“ Ha, ihr kennt das Prinzchen nicht! Nach drei Sekunden an der kalten Luft heult der, als hätte man ihn in Badehosen rausgeschickt und nicht dick eingemummt. Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat schaffen es gar nicht erst an die frische Luft, denn die haben nach dem langen Winter die Nase voll vom Schnee und bleiben deshalb lieber mit ihren Büchern auf dem Sofa sitzen. Da spare ich mir die Mühe, sie aus dem Haus zu locken. Raus aber musste ich – zumindest aus meinen vier Wänden – und so flüchtete ich mich eben in die Migros zum Wocheneinkauf. Na ja, nach allem, was in meinem Wagen landete, müsste ich es wohl eher Frustkauf nennen. 

Hör mal, lieber Frühling, ich weiss ja, dass du noch gar nicht müsstest, aber wenn du nicht endlich kommst, könnte das sehr negative Auswirkungen auf unser Haushaltsbudget haben, also mach dich bitte auf die Socken.

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Zweisam

Man kann es in jedem Babyratgeber nachlesen: Kommt Nachwuchs, wird es schwieriger, Zeit zu zweit zu finden. Wer aber sagt dir, dass es später, wenn die Kinder grösser sind, eher noch etwas schwieriger wird? Hier ein paar Erschwernisse, vor denen kaum einer warnt und die der Beziehung ganz schön zusetzen können:

Hausaufgaben: In der Theorie werden sie erledigt, kaum hat das Kind einen Zvieri im Bauch. In der Praxis sitzt das Kind an gewissen Tagen durchaus bis neun Uhr abends hinter den Büchern – mal, weil auf dem Tagesprogramm noch andere Dinge standen, mal weil der Lehrer einen ganzen Berg Hausaufgaben aufgegeben hat, mal weil das Kind die Sache zu lange vor sich hergeschoben hat. Und nun versuch mal, Feierabend zu machen, solange nicht die allerletzte Aufgabe gelöst ist…

Sorgen: Grosse Kinder verdrängen ihre Alltagssorgen oft erfolgreich, solange der Tag noch in vollem Gang ist. Abends aber, wenn es ruhiger wird, sind die Sorgen wieder präsent und dann muss geredet werden. Weil du so dankbar bist, dass dein Teenager mit dir reden will, wirst du ihm das Gespräch ganz bestimmt nicht verweigern.

Müdigkeit: Du glaubst doch nicht etwa, nach der Babyphase lasse sich das wieder ins Lot bringen? Klar, irgendwann werden die durchwachten Nächte weniger und die körperliche Anstrengung lässt nach. Die Verantwortung für die Kinder aber bleibt, lastet vielleicht sogar schwerer als früher auf deinen Schultern, der Job fordert dich voll und ganz, früher oder später lässt die Gesundheit von Eltern und Schwiegereltern nach und du wirst voll gefordert. Weil du dich mit der Geburt deiner Kinder daran gewöhnt hast, deine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, wirst du damit vermutlich nicht ausgerechnet in dieser Phase aufhören. Weil du aber in der Zwischenzeit nicht jünger geworden bist, zehrt das Ganze an deinen Kräften und so geschieht es schnell, dass man den Abend dösend vor dem Fernseher verbringt, anstatt in trauter Zweisamkeit.

Babysitter: Gar nicht so einfach, für grössere Kinder einen Babysitter zu finden und zwar darum, weil die Kinder partout nicht einsehen wollen, weshalb ihr ihnen noch keinen sturmfreien Abend gönnen wollt.

Volles Programm: Früher warst vielleicht du der Chef, aber heute bestimmen Sportvereine, Jugendgruppen, Freunde und Freizeitveranstaltungen das Programm. So kommt es, dass du am Samstagabend um halb elf den Chauffeur machst, anstatt mit „Deinem“ bei Kerzenschein und einer guten Tasse Tee den Abend zu geniessen.

Will ich damit sagen, das Familienleben sei der Tod der Beziehung? Nein,auf gar keinen Fall, ich bin da ganz optimistisch. Aber es bleibt wohl eine Herausforderung, Zeiten zu finden, in denen man nur füreinander da ist. Vielleicht muss man in der Gestaltung noch ein wenig kreativer werden als man es als Eltern ohnehin schon sein muss, weil der Abend nicht mehr automatisch der Partnerschaft gehört. Dafür vielleicht der Samstagnachmittag, eine Mittagspause oder sonst ein Tag, an dem ausnahmsweise mal alle gleichzeitig Programm haben.

Na ja, dann sollte man natürlich noch schlau genug sein, diese neuen Gelegenheiten zu erkennen, aber da haben zumindest „Meiner“ und ich noch einiges zu lernen.

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Nie, ausser montags

Im Grunde genommen habe ich mir die Sache mit dem Selbstmitleid abgewöhnt. Verschiedene Umstände in den vergangenen Monaten haben mich erkennen lassen, dass ich schlicht keine Berechtigung dazu habe. Da gibt es einerseits zu viel Gutes in meinem Leben, zu viele offene Türen, zu viel Überfluss, andererseits zu viele Menschen, die von alldem, was mein Leben bereichert, nur träumen können. Klar, auch ich beisse mir an gewissen Dingen fast die Zähne aus, die finsteren Täler des Lebens sind mir nicht vollkommen fremd, doch im Grossen und Ganzen kann ich nur dankbar sein und darum steht es mir einfach nicht zu, mich selbst zu bemitleiden.

Nie, ausser montags. Denn seitdem ich vor vier Monaten den Montag zu meinem heiligen Schreibtag erklärt habe, alles in die Wege geleitet habe, um die Kinder gut betreut zu wissen und dafür auch Geld bezahle, hat es nicht ein einziges Mal geklappt mit dem ungestörten Schwimmen im Schreibfluss. Anfangs war ich vielleicht noch selber Schuld, denn zu leicht liess ich mich ablenken durch Anrufe, angeblich dringende Mails und andere Kleinigkeiten. Seitdem sich aber die Tür fürs Schreiben und Veröffentlichen weit geöffnet hat, ist der Montag zu dem Tag geworden, dem ich die restlichen sechs Tage der Woche entgegenfiebere. Okay, ich schreibe natürlich nicht nur montags, aber dieser eine Tag, der mir Raum lässt, voll und ganz in die Welt der Worte einzutauchen, ist einzigartig.

Oder wäre einzigartig, wenn denn nicht dauernd irgend etwas dazwischen käme. Ich gehe hier nicht in die Details, denn darüber geklagt habe ich bereits ausgiebig in diversen Posts. Reden wir also nur von heute Morgen. Da hatte ich geglaubt, endlich die todsichere Methode gefunden zu haben, um meinen ungestörten Schreibmontag zu bekommen. Die Idee stammt zwar nicht von mir, ist aber dennoch grandios: In den Zug sitzen, eine möglichst weite Strecke ohne Umsteigen fahren, schreiben, die Landschaft betrachten, nachdenken, wieder schreiben, am Zielort ein kurzer, inspirierender Aufenthalt und wieder schreibend nach Hause fahren. „Das ist es“, jubelte ich, als man mich auf diesen Gedanken brachte und so plante ich für heute eine lange Zugfahrt ohne Umsteigen ins Tessin. Sieben Stunden ungestörte Schreibzeit und das ohne Fluchtmöglichkeit. Einfach genial.

Tja, und dann entschied sich das Prinzchen heute Morgen um sieben dazu, der SVP beizutreten. „Ich will nicht in die Krippe!“, brüllte er, „Ich will bei dir bleiben, ich will nicht, dass du weggehst!“ Alles Reden, Hätscheln, Drohen, Trösten und Bestechen half nichts, das Prinzchen tat weiterhin so, als sei die – gewöhnlich über alles geliebte – Krippe der schlimmste Ort auf diesem Planeten. Nach zwei Stunden heulen und zetern sah er aus wie eines der Staatskinder aus dem SVP-Extrablatt und ich wohl so gar nicht wie die kaltherzige Karrierefrau, die ihr Kind ins Kindergefängnis steckt, von der die SVP immer schwadroniert, sondern viel eher wie eine verzweifelte, überforderte Hippie-Tante, die ganz dringend einen Termin beim Guru braucht. Irgendwie schaffte ich es, meinen renitenten Sohn in der Krippe abzugeben, musste mich aber damit abfinden, dass heute nichts aus schreiben im Zug wird. Ich muss nämlich in Reichweite bleiben, falls das Prinzchen auch den Betreuerinnen die Ohren voll heult und früher abgeholt werden muss.

Da bleibt mir doch einfach nichts anderes übrig, als ein kurzes Bad im Selbstmitleid, ehe ich mich daran mache, in den Räumen, denen ich heute hatte entfliehen wollen, die Inspiration zusammenzukratzen, die sich irgendwo, zwischen schmutzigem Frühstücksgeschirr, vergessenen Schulaufgaben der Kinder und halbfertigen Strickarbeiten verborgen hat.

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Logorrhoe

„Nun sagt schon hallo“, musste ich die drei Grossen jeweils ermahnen. „Die Leute machen euch nichts, ihr dürft ihnen getrost ins Gesicht schauen, wenn ihr sie grüsst. Ihr könnt ihnen auch mal was erzählen, die glauben sonst noch, ihr wäret stumm. Keine Angst, ihr dürft zeigen, was ihr draufhabt. Nun kommt schon, ich muss doch nicht immer für euch antworten. Wenn wir alleine sind, seid ihr doch auch nicht so schüchtern…“ So ging das Jahr um Jahr um Jahr, beim Elterngespräch hiess es regelmässig, es wäre nett, etwas mehr von den Kindern zu hören und noch heute kommt es immer mal wieder vor, dass Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat erst dann auftauen, wenn die Gäste zum Aufbruch bereit sind.

Auf das, was nun der Zoowärter und das Prinzchen bieten, war ich absolut nicht vorbereitet. Untersuchungen bei der Kinderärztin dauern dreimal so lange wie früher, weil die zwei alles erzählen müssen, was seit dem letzten Arztbesuch alles passiert ist. Fragen wollen sie selbstverständlich selber beantworten und so bestrafen sie mich immer mal wieder mit bösen Blicken, weil ich aus lauter Gewohnheit für die Kinder geantwortet habe. Neulich musste die Ärztin dem Zoowärter gar ins Wort fallen, damit sie mir endlich sagen konnte, was ich unbedingt noch wissen musste.

Vorbei sind auch die Zeiten, als erwachsene Gäste meine Gäste waren. Während Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich noch immer ziemlich unhöflich zurückhalten, bedenken Zoowärter und Prinzchen die Leute mit einem nicht enden wollenden Redeschwall. Alles, was nur halbwegs neu ist, muss gezeigt werden, jeder Film, der in den vergangenen sechs Monaten über den Bildschirm geflimmert ist, muss zusammengefasst und rezensiert werden und dann hat man ja auch noch ein paar Familienmitglieder, die man so schön durch den Kakao ziehen kann. Nett, wie unsere Gäste nun mal sind – etwas anderes kommt uns nicht ins Haus -, hören sie geduldig zu, fragen nach und lachen mit.

Ich bin natürlich stolz, dass es kleine Vendittis auch in einer weniger schüchternen Version gibt. Trotzdem suche ich inzwischen nach dem Pausenknopf, mit dem man den Zoowärter und das Prinzchen gelegentlich für fünf oder zehn Minuten zum Schweigen bringen kann, denn im Gegensatz zu unseren grösseren Kindern bin ich grundsätzlich gesprächsbereit. Vor allem dann, wenn ich Gäste eingeladen habe. 

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Wahrer Luxus

Frühbeet gekauft, Saatgut für Setzlinge angesät und dabei dem Schnurren der Katze zugehört.

Die ersten Sätze Schwedisch gelernt, im Café die Hausaufgaben erledigt und danach alles mit Prinzchen, Luise und „Meinem“ geübt.

Dem Zoowärter ein Stück Torte gekauft und mich selber an seinem Genuss sattgesehen.

Die Sonne gesehen und gespürt.

Ganz überraschend einen Rabatt bekommen.

Endlich wieder eine saubere Wohnung.

Nur noch ein halbkrankes Kind zu Hause. Das Sahnehäubchen obendrauf: Das halbkranke Kind erwachte zum ersten Mal seit Tagen wieder einmal mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Krokusse und Schneeglöckchen in rauhen Mengen gesehen und nur ganz wenige verblasste Primeln dazwischen.

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Hätte ich früher gewusst, was ich heute weiss…

… dann hätte ich auf ganz viel Babykram verzichtet und das Geld in eine anständige Babyhängematte investiert.

… dann hätte ich nie Spielsachen gekauft. Weil Kinder ohnehin nur mit Küchenutensilien spielen und weil Spielsachen ganz von selbst kommen, wenn Kinder da sind.

… dann hätte ich das elterliche Büro zu einem äusserst gefährlichen Ort erklärt, in dem jedes Kind in einen Regenwurm verwandelt wird, kaum hat es die Türklinke berührt.

… dann hätte ich nicht ein einziges Ehrenamt angenommen, solange noch nicht alle nachts durchschlafen.

…dann hätte ich einen einzigen grossen Schlafraum mit Matratzen ausgelegt und mir dadurch die fast allabendliche Matratzen-Schlepperei erspart, weil ja doch immer alle auf einem Haufen schlafen wollen.

…dann hätte ich mehr auf die Qualität als auf den Preis geachtet.

…dann hätte ich weniger Angst gehabt.

…dann hätte ich weniger auf andere Mütter und überhaupt nicht auf das Geschwätz der Besserwisser gehört. Und ich hätte dieser blöden Kuh, die Karlsson einmal, als er etwa drei war, mit einer Ohrfeige drohte, weil er sich die Seele aus dem Leib schrie… Ach nein, hätte ich nicht, denn ich hätte ja gar nicht auf ihr dummes Geschwätz gehört.

…dann hätte ich öfters mal Nein gesagt zu Menschen, die etwas von mir wollten, dafür öfters mal Ja zu den Kindern.

…dann hätte ich darauf geachtet, dass wir immer genügend Knetmasse im Haus haben, weil es einfach keine bessere Beschäftigung gibt.

…dann hätte ich alles, was mir wirklich wichtig ist, an einem kindersicheren Ort verstaut.

…dann wäre ich das eine Mal lieber früher zum Arzt gerannt, das andere Mal dafür überhaupt nicht.

…dann wäre ich viel ruhiger und gelassener gewesen, aber weil ich damals ja nicht wusste, was ich heute weiss, konnte ich gar nicht ruhiger und gelassener sein.

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Peinlich? Ich doch nicht!

Er will nicht, dass ich bis zum Feuerwehrmagazin komme, er verbietet es mir geradezu. Bis zur Bank darf ich ihn begleiten, aber dann soll ich verschwinden. „Ich will doch nicht, dass du mich vor all den anderen umarmst, mir Ratschläge mit auf den Weg gibst, am Ende gar noch heulst“, erklärte er, als ich wissen wollte, weshalb er mir so klare Grenzen setze. „Ich fahre ja nur für eine Woche ins Skilager und so, wie ich dich kenne, wirst du wieder sentimental.“ 

Ich, sentimental? Habe ich dem Jungen jemals den Eindruck vermittelt, ich könnte mich in Anwesenheit seiner Freunde und Schulkameraden wie eine überbehütende Glucke aufführen? Ich weiss doch auch, dass man Teenager nicht in aller Öffentlichkeit umarmt und küsst, es käme mir auch nicht im Traum in den Sinn, ihn mit einem lauten „Und vergiss nicht, ich hab‘ dich lieb!“ zu verabschieden, aber er bleibt dabei: Zum Feuerwehrmagazin, wo ihn der Bus abholt, geht er alleine. Gerade so, als ob er sich mit mir blamieren müsste.

Ob ich Karlsson gestehen soll, was ich über seine Abwesenheit denke? Soll ich ihm sagen, dass ich ganz froh bin, wenn er und Luise sich fünf Tage lang nicht sehen? Nach einer Woche, während der die zwei im Krankenbett lagen und sich etwa alle zehn Minuten in die Haare gerieten, kommt mir ein bisschen mehr Familienfrieden nämlich ganz gelegen. Was Karlsson wohl dazu sagen würde, wenn er das wüsste? Vermutlich würde er mich auf den Knien anflehen, ihn nicht nur bis zum Feuerwehrmagazin, sondern gar bis zur Bustüre zu begleiten. Vermisst werden will er nämlich unbedingt, egal, wie peinlich er mich findet.

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Neugierde

Es ist Jahre her, seitdem ich letztmals etwas Neues gelernt habe. Okay, da waren ein paar Weiterbildungen, die dienten aber lediglich dazu, bereits vorhandenes Wissen zu vertiefen, vielleicht auch zu erweitern. Es war nicht die Wissbegierde, die mich in diese Weiterbildungen trieb, sondern das Leben, das mich vor eine neue Herausforderung stellte, für die ich mir Rüstzeug besorgen wollte. Das alles war zwar ganz interessant, aber so richtig Neuland betreten habe ich damit nicht. 

Jetzt aber, wo die Kinder grösser sind und mir in den vergangenen Monaten zugleich einen Haufen Ballast abgenommen wurde, erwacht die Neugierde allmählich wieder; der Wunsch, Dinge zu lernen, von denen ich keinen Schimmer habe, ist wieder da. Schwedisch lernen, zum Beispiel. Zweiundzwanzig Jahre ist es her, seitdem ich zum letzten Mal eine Sprache gelernt habe und ich habe keine Ahnung, ob ich so etwas überhaupt noch hinkriege. Vielleicht werde ich ja eine dieser peinlichen Schülerinnen, die auch nach Jahren fleissigen Lernens nie mehr als ein paar verkorkste Sätze zustandebringen, aber ich will das jetzt einfach mal probieren, weil ich es schon lange tun wollte und endlich auch die passende Ausrede habe, es zu tun. Man kann ja nicht einfach nach Schweden reisen, ohne nur ein einziges Wort Schwedisch zu sprechen.

Dann hat mich noch dieser Drang gepackt, mir einen grünen Daumen wachsen zu lassen. Ja, ich weiss, den sollte man eigentlich bei der Geburt geliefert bekommen, aber vielleicht gibt es da doch auch ein paar Dinge, die jemand, der mit ganz gewöhnlichen Daumen zur Welt gekommen ist, lernen kann. Man könnte zum Beispiel etwas über Nützlinge und Schädlinge lernen, oder über die Vorzüge von Wintersalat oder sonst irgend etwas. Dinge eben, die einen etwas näher an die Natur und etwas weiter weg von den Lebensmittelkonzernen bringen. Nein, nicht noch ein Kurs, aber immerhin ein wenig Recherche, ein wenig Versuch und Irrtum, ein wenig Nachfragen bei Leuten, die mehr von der Sache verstehen.

Ach ja, und dann wäre da noch der Wunsch, endlich einmal dabei zuzusehen, wie sich die Blätter an den Bäumen entfalten. Schon seit Jahren träume ich davon, aber wenn ich meinen Terminkalender – und denjenigen der Kinder – anschaue, denke ich, dass ich damit vielleicht noch ein wenig warten sollte. Zumindest bis zu Prinzchens Konfirmation, vielleicht auch bis zur Pensionierung.

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Wiedereinstieg

Gewisse Dinge verlernt man nie. Das weiss jeder, der schon mal in einen alten Job zurückgekehrt ist. Anfangs ist man vielleicht noch etwas eingerostet, aber spätestens nach ein paar Wochen ist man zurück in der alten Routine. Das ist bei mir genau gleich.

Die Sache mit der Arbeitskleidung, zum Beispiel, hatte ich sofort wieder im Griff. In meinem alten Job prüfte jeden Morgen sorgfältig, ob auch wirklich alles passt, seit einiger Zeit aber halte ich mich wieder streng an den Dresscode meines jetzigen Berufs: Irgendwann zwischen Frühstück und Mittagessen werfe ich mir etwas über, was mir gerade in die Finger kommt und erst wenn ich dann zufällig im Laufe des Tages meinem Spiegelbild begegne, fällt mir auf, dass Hose, Oberteil, Jacke und Schuhe zueinander passen wie Himbeersorbet, Gorgonzola, Lebertran und Wasabi.

Auch meine Beziehung zur Zimmerdecke ist wieder so angespannt wie eh und je. Zu Beginn der Woche kann ich noch so tun, als wäre sie nicht hier, spätestens am Mittwoch aber lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Am Donnerstag fühle ich mich schon ziemlich unterdrückt, am Freitagnachmittag kracht sie mir mit Getöse auf den Kopf. 

Natürlich hat auch die Überlebenslektüre rasch wieder Einzug in meinen Berufsalltag gehalten. Nicht zu anspruchsvoll darf sie sein, denn man muss der Geschichte auch folgen können, währenddem man das Lösen der Hausaufgaben überwacht. Ein bisschen Spannung muss sie bieten, damit man den Drang verspürt, zwischen zwei eintönigen Arbeiten eine Lesepause einzulegen, allzu viel darf es aber auch nicht sein, denn sonst wird man ans Buch gefesselt und vergisst, das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. 

Ist also mein Wiedereinstieg gelungen? Zum Teil ja, in gewissen Bereichen aber kämpfe ich noch ziemlich mit dem rasanten Tempo meines Jobs. So komme ich zwar mit dem Abtragen des Wäscheberges ganz gut klar, das Wachstum des Geschirrberges unterschätze ich allerdings noch immer. Zudem muss es mir wieder in Fleisch und Blut übergehen, Arbeiten dann zu erledigen, wenn sie anstehen und nicht zuzuwarten, bis es peinlich wird, dass es noch nicht getan ist. Eine schlechte Gewohnheit aus der Zeit, als weder ich noch „Meiner“ so richtig Zeit hatten, uns um die Dinge zu kümmern. Will ich aber beweisen, dass ich im Job noch etwas tauge, muss ich dies ganz schnell wieder in den Griff bekommen, sonst wird das nichts aus der Karriere als Superhausfrau.

Die Frage ist bloss, ob ich überhaupt genügend ambitioniert bin.

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