Wortwörtlich

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind heute auf einem Ausflug. Was dem Zoowärter natürlich fast das Herz zerreisst. Warum dürfen Schulkinder und Kindergartenkinder mit einem Rucksack voller guter, ungesunder Sachen losziehen, währenddem er, das Spielgruppenkind, mit der Mama und dem Prinzchen zu Hause bleiben muss? Dass die Mama auch für ihn Würstchen, Chips, Smarties und Kaugummi besorgt hat, ist kein Trost. Die Welt ist so unfair, wenn man drei ist.

Zum Glück gibt’s Au-Pairs, kann ich in einem solchen Moment nur sagen. Die können mit den lieben Kleinen einen Spaziergang machen und das Ganze als Ausflug deklarieren. Mit Chips, Äpfeln und Brötchen im Rucksack merkt der Zoowärter bestimmt nicht, dass wir ihm einen öden Spaziergang als Ausflug verkaufen, oder? Ich bin mir sicher, er hätte nichts gemerkt, hätte ich nicht diesen einen Satz gesagt: „So, nun ziehst du dir noch die Schuhe an und dann könnt ihr ausfliegen!“ Worauf der Zoowärter mich natürlich beim Wort nahm und wissen wollte: „Mama, wo ist denn das Flugzeug, mit dem wir fliegen werden?“

Ääähhm, tja, und jetzt erkläre man mal einem tieftraurigen Zoowärter, dass das mit dem Ausfliegen nicht wörtlich gemeint war und dass die Grossen ja auch nicht mit dem Flugzeug ausgeflogen seien. Man sollte meinen, beim vierten Kind hätte ich endlich gelernt, dass man mit Dreijährigen keine Wortspiele macht….

Was kann ich denn schon dafür?

Habt doch bitte endlich Erbarmen mit uns und lasst die Sommerferien beginnen! Nicht, dass ich ferienreifer wäre als gewöhnlich. Ich lechze immer gleich stark nach Erholung. Nicht dass ich mich danach sehne, fünf Wochen lang eine Horde unterbeschäftigter Kinder daran zu hindern, einander die Köpfe abzureissen. Aber so langsam habe ich die Nase voll davon, mich jeden Morgen anraunzen zu lassen, weil die Kinder nicht mehr aufstehen mögen. Als ob ich Schuld daran wäre, dass die Knöpfe jetzt einfach ausgelaugt sind vom langen Schuljahr. Als ob ich die Sommerzeit eingeführt hätte, die abends das Einschlafen erschwert. Als ob ich dafür gesorgt hätte, dass in den letzten Schulwochen noch alles rein muss: Sporttag, Schulreise, Elterngespräch, Jugendfest, verpassten Schulstoff aufarbeiten, Fussballturnier, Schülerkonzerte, Schnuppermorgen, Abschlussfeiern und was einem sonst noch in den Sinn kommen könnte, um auch noch den letzten weissen Fleck auf dem Kalender zu füllen.

Es ist einfach zum Heulen im Moment und das, bevor die Post-it-Tage offiziell begonnen haben. Und so kommt es, dass ich momentan mal wieder den Abfallkübel der Familie mache: „Mama, wo hast du meine Schuhe versteckt?“ „Mama, ich will jetzt einfach nicht zur Schule gehen, also lass mich schlafen.“ „Mama, warum hast du mir meine Lernzielkontrolle nicht in den Schulsack gelegt, nachdem du sie unterschrieben hast?“ „Mama, warum hast du keine ganz roten Äpfel gekauft?“ „Mama, wegen dir komme ich noch zu spät.“ Meine sonst so lieben und bescheidenen Kinderlein, die mich an gewöhnlichen Tagen vergöttern,  haben mich zum Sündenbock auserkoren und das alles nur, weil sie ihren Frust und ihre Übermüdung nicht an der Lehrerin auslassen können. Oder am Schulleiter. Oder am Bildungsdirektor.

Dabei hätten die Bildungsdirektoren eigentlich die Schelte verdient. Die bringen es nämlich tatsächlich fertig, dass „Meiner“, der im Aargau unterrichtet, eine Woche früher Schulferien hat als unsere Kinder, die im Kanton Solothurn zur Schule gehen. Ich fürchte, das wird eine sehr sehr schwierige letzte Schulwoche. Vielleicht frage ich mal den Bildungsdirektor, ob an den letzen Schultagen bei uns zu Hause das Wecken und Kinder-zur- Schule-schicken übernimmt.

Warum so negativ, meine lieben Kinder?

Luise hatte sechs Tage Zeit, um ein kleines Gedicht auswendig zu lernen. In dem Gedicht ging es darum, wie man mit Panik umgehen kann. Aber das Auswendiglernen allein löste so grosse Panik in dem armen Kind aus, dass sie sich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte. „Ich schaffe das niiiiiiiiieeeeeeee“, heulte sie und wälzte sich auf dem Fussboden. „Ich kann das einfach nicht.“ Irgendwie konnte ich das Kind dennoch dazu bringen, mir das Gedicht vorzutragen. Und siehe da: Sie konnte es! Aber was tat meine liebste kleine Luise? Klopfte sie sich selber auf die Schulter und verkündete stolz, dass sie es kann? Nein, sie heulte weiter, weil sie es „nicht gut genug kann und überhaupt viel zu dumm ist“.

Karlsson sass still und schüchtern neben mir am Tisch und hörte artig seiner Lehrerin zu, die ihn über allen grünen Klee lobte: Im Rechnen sei er supergut, in Sprache supermegagut. Sie sei stolz auf ihn. Karlsson nickte brav, als die Lehrerin zu ihm sagte, er solle das alles wortwörtlich seinem Papa erzählen. Auf dem Heimweg erzählte mir Karlsson, wie erleichtert er doch sei, dass er die Klasse nicht repetieren müsse, denn das wäre sehr schlimm gewesen für ihn. „Wie bitte, mein liebster Karlsson, du hast geglaubt, du müsstest die Klasse wiederholen? Hast du denn nicht gehört, wie die Lehrerin deine Leistungen gerühmt hat?“, fragte ich entrüstet.  Zu Hause angekommen, forderte ich meinen Ältesten auf, zu tun, was er der Lehrerin versprochen hatte: „Erzähl dem Papa mal, was die Lehrerin über dich gesagt hat“, sagte ich und platzte fast vor lauter Mutterstolz. „Die Lehrerin hat gesagt, ich soll lauter reden und schneller arbeiten.“

Warum bloss sind unsere Kinder so streng mit sich selber? Warum sehen sie immer nur ihr Unvermögen, nicht aber ihre Stärken?

Liegt es etwa daran:

Vorgestern verbrachten wir einen traumhaften Pfingstsonntag im Garten von Freunden. Ein paar Tage vor unserem Besuch hatte unser Gastgeber, ebenfalls ein Primarlehrer, bei „Meinem“ einen Unterrichtsbesuch abgestattet und als wir da so gemütlich im Garten sassen,  liess er „Meinen“ wissen, wie gut er seine Arbeit mache, wie gut er mit der Klasse umgehen könne, wie geeignet er für seinen Beruf sei. „Meiner“ suchte verzweifelt nach Einwänden, um das Kompliment entkräften zu können, aber er hatte keine Chance: Unser Gastgeber blieb beharrlich bei seiner Meinung, dass „Meiner“ ein guter Lehrer sei. Und ich beging noch den entsetzlichen Vertrauensbruch, unseren Freund in seiner Aussage zu bekräftigen. Stand „Meiner“ nach diesem Gespräch mit stolzgeschwellter Brust da und sonnte sich in seinem Ruhm? Aber nicht doch! Am Abend gerieten wir uns in die Haare, weil er behauptete, er habe auf der ganzen Linie versagt…

Vielleicht aber liegt es ja auch daran, dass unsere beiden Ältesten so wenig auf ihr eigenes Können geben:

Da präsentierte ich heute Abend einmal mehr das Projekt, das zurzeit einen grossen Teil meiner Energie in Anspruch nimmt. Diesmal durfte ich vor Eltern reden, die dankbarste Zuhörerschaft, wenn es um den Aufbau eines Familienzentrums inmitten einer Betreuungswüste geht. Entsprechend positiv waren die Reaktionen. Alle, bis auf eine. Und was erzählte ich „Meinem“, als ich nach Hause kam? „Die sind alle total begeistert. Ich glaube, ich mache eine gute Arbeit“? Oh nein, nicht doch! Ich jammerte ihm den Kopf voll, weil mich die eine negative Reaktion so sehr getroffen hat, dass ich am liebsten die ganze Sache hingeschmissen hätte.

Rechne!

Vor rund fünfundzwanzig Jahren sass ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen in einem Schulzimmer irgendwo in der Schweiz und starrte verzweifelt auf folgende Sätze: „Fritzchen und Paul sind beste Freunde. Die beiden fahren jeden Tag mit dem Fahrrad in die Schule. Fritzchen fährt mit seinem Fahrrad 5 Kilometer in der Stunde, Paul fährt mit seinem Fahrrad 10 Kilometer in der Stunde. Fritzchen wohnt 1500 Meter von der Schule entfernt. Paul wohnt 3 Kilometer von der Schule entfernt. Wer ist schneller in der Schule und wie viele Butterbrote essen die beiden Knaben unterwegs? Rechne!“

Dieses letzte Wort „Rechne!“ war es, welches das Mädchen in Verzweiflung trieb. Hätte das Mädchen erklären müssen, weshalb Fritzchen böse ist auf Paul, dann wäre das keine Sache gewesen. Ist doch klar: Wenn einer so viel schneller Rad fahren kann, dann mag man den Kerl nicht leiden. Hätte das Mädchen herausfinden müssen, weshalb die beiden dennoch beste Freunde sind, es hätte erklärt, dass Paul eben so ein netter Kerl ist, der nie angibt, auch wenn er viel schneller Rad fahren kann. Und vielleicht hätte es auch gesagt, der Paul habe eben dem Fritzchen sein allerbestes Butterbrot abgegeben und deshalb sei Fritzchen, der so gerne isst und deshalb auch langsamer fährt, ein dankbarer Freund und Abnehmer der Butterbrote. All dies und noch viel mehr hätte das Mädchen aus diesen Sätzen gelesen, aber das interessierte keinen. Alles, was die Lehrerin wissen wollte, war, wer früher in der Schule ankommt. Und genau dies konnte das Mädchen beim besten Willen nicht herausfinden, denn es verschlang zwar Lesefutter in rauhen Mengen, doch kaum wurden dem Lesefutter Zahlen beigemengt, wurde die Sache für das Mädchen unbekömmlich, weil sich Wörter und Zahlen im Kopf derart verhedderten, dass das Mädchen am Ende nicht mehr wusste, ob Fritzchen überhaupt Radfahren konnte und ob Paul nicht vielleicht per Mondrakete in die Schule geflogen war.

So war das und all das hätte eine schlimme aber verdrängte Erinnerung bleiben können, hätte das Mädchen, als es schon längst kein Mädchen mehr war, nicht den irrsinnigen Entschluss gefasst, sich von zu Hause aus weiterzubilden. Aber das Mädchen ist nun mal naiv geblieben und so zerbricht es sich heute den Kopf über der folgenden Aufgabe: „Vergleichen Sie bitte die Wirtschaftlichkeit und die Rentabilität sowie den Materialbedarf pro Stück der beiden folgenden Verfahren 1 bzw. (2): Beim Verfahren 1 (2) werden von einer relativ hoch (weniger) automatisierten Anlage aus einer Menge von 5 Tonnen Einsatzmaterial genau 1000 (900) Produkte hergestellt, wobei die Produktion je Einheit exakt 0,5 (1,5) min dauert….“

Spätestens hier hängt das Mädchen ab und liest so weiter: „Die produktive Zeit je Tag ist davon abhängig, wie viel Kaffee der Maschinenführer jeweils morgens um sechs in sich hineingeschüttet hat und davon, ob der Chef gut gelaunt ist, oder ob er mies drauf ist, weil ihm gestern seine Frau so furchtbar auf die Nerven gefallen ist und weil er eine viel zu hohe Steuerrechnung bekommen hat. Ach ja, und die Frau, die war übrigens gestern so unausstehlich, weil sie den ganzen Tag keine Zeit fand, sich die Zehennägel zu lackieren und das hätte sie ganz dringend tun müssen, weil sie sich ein Paar elegante Sandalen gekauft hat, die viel schöner sind als diejenigen der Nachbarin.  Aber die Frau hatte keine Zeit, sich die Zehennägel zu lackieren, weil ihr Chef ihr nicht erlaubte, früher nach Hause zu gehen. Der Chef ist nämlich ein unausstehlicher Tyrann und die Frau überlegt sich schon seit längerer Zeit, ob sie nicht endlich kündigen sollte. Aber damit ist ihr Mann nicht einverstanden und deshalb lag sie sich gestern Abend mit ihrem Mann in den Haaren….“

Kann mir bitte mal endlich einer erklären, weshalb ich rechnen soll, wo doch zwischen den knochentrockenen Zeilen so viele spannende Geschichten verbergen?

Zahlenphobie

Bis heute hat mir meine Weiterbildung eigentlich keine Probleme bereitet. Ich lebe mein turbulentes Leben wie gewohnt, balanciere zwischen Wocheneinkäufen, Kinder umarmen, Mittagessen kochen, Sitzungen, Krankenkassenbelegen einsenden, seichten Filmen, Geschichten erzählen, Konzepten verfassen, Bloggen, herumbrüllen, schreiben, Lieder singen, Sorgen anhören, Blumen giessen, mit Freundinnen quatschen, Saunabesuch mit „Meinem“, Schwimmkursen, dem Salat beim Wachsen zusehen und was mein Leben sonst noch an Schönem und Mühseligem zu bieten hat. Und zwischendurch, wenn alles mehr oder weniger ruhig ist, vertiefe ich mich in Lektüre mit so spannenden Titeln wie zum Beispiel  „Führung und Moderation“ oder „Grundlagen Prozessmanagement“ oder – mein Lieblingstitel, den ich immer wieder gerne zur Hand nehme, wenn mir nach herzerwärmender Lektüre ist – „Betriebswirtschaftliche Grundlagen“. Nicht gerade mein Ding, aber für das Projekt, das ich leiten soll, unabdingbar, wenn die Sache nicht scheitern soll. Und bisher habe ich mich eigentlich ganz tapfer geschlagen, habe gute Noten geschrieben und hin und wieder ganz nützliche Dinge gelernt.

Heute aber wagte ich mich an Buch Nummer 10 – ich lerne mithilfe eines Fernkurses – und plötzlich war da wieder diese Wand, Mathematik genannt. Ich öffnete das Buch auf einer beliebigen Seiten und was sprang mir ins Auge? Eine Wortschlange, die sich folgendermassen las: „Berechnung der statischen Amortisationszeit unter der Prämisse von Zinszahlungen in Höhe der kalkulatorischen Zinsen“. Allein das Wort „Berechnungen“ jagte mir kalte Schauer über den Rücken, in Kombination mit den restlichen Schimpfwörtern wurde mir beinahe schwarz vor den Augen. Da lernt man immer, man solle anständig reden und dann liefern die einem ein Lehrmittel voller Schimpfwörter und nennen die Sache Weiterbildung. Nun ja, dachte ich, vielleicht habe ich ja ausgerechnet die schlimmste Seite erwischt und blätterte weiter. Aber was ich da vorfand, stimmte mich nicht optimistisch: „Isoquante für X=5“, las ich da oder „Führen Sie eine Kalkulation der Stückkosten durch“, oder – schlimmer noch –  „Führen Sie ebenso eine Kapitalwertberechnung bei 10% durch“.

Spätestens jetzt war mir zum Heulen zumute. Da schlage ich mich mehr oder erfolgreich durchs Leben, jongliere Familie, Schreiben, Projekte, Haushalt und Freundschaften und habe dabei das Gefühl, das alles sei irgendwie machbar, wenn auch zuweilen ziemlich anstrengend. Und alles geht gut, solange ich nicht mit Zahlen zu tun bekomme. Doch unvermittelt, wenn alles gut läuft und ich es am wenigsten erwarte, steht sie wieder vor mir, diese für mich unbezwingbare Zahlenmauer. Früher habe ich darüber gespottet, dass der Mathelehrer mir einen Besuch beim Psychologen ans Herz legte, anstatt mir die Aufgabe zu erklären, worum ich ihn eigentlich gebeten hatte. Heute weiss ich, dass nicht mal ein Psychologe bei meiner Zahlenphobie helfen kann. Vor dieser Beschränktheit müsste selbst der beste Therapeut kapitulieren. Und so fürchte ich, dass mir das Lehrmittel mit dem grauenvollen Titel „Produktions- und Kostentheorie, Finanzierung“ noch ein paar schlaflose Nächte bereiten wird, bevor ich es erfolgreich abschliessen kann.

Ach ja, und was um Himmels Willen ist eine Isoquante? Tönt für mich nach  einem ganz übeln Geschwür.

Wie sehr liebst du mich, Mama?

Seit Tagen schon hörte ich von nichts anderem mehr als vom Besuchsmorgen an Schule und Kindergarten. „Mama, kommst du am Freitag?“, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat wissen. „Mama, zu wem gehst du zuerst? Zu mir? Versprichst du mir, dass du zuerst zu mir kommst? Bitte bitte bitte! Sonst werde ich wütend!“, liess mich Karlsson immer und immer wieder wissen. „Mama, bleibst du bei mir am längsten?“, säuselte Luise. Zwar sprach es keines der Kinder so aus, aber was sie wirklich von mir wissen wollten war dies: „Mama, liebst du mich mehr als die anderen? Oder zumindest ebenso sehr?“ Da mochte ich noch hundertmal erklären, dass es keine Rolle spiele, zu wem ich zuerst ginge, weil ich ohnehin alle drei unendlich liebe. Da mochte ich immer und immer wieder betonen, dass ich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein könne, da ich mich ja unmöglich dreiteilen könne, es sei denn, sie wollten die Mama loswerden.

Die kleinen Kinderköpfe wollten einfach nicht begreifen, dass es schon Liebesbeweis genug ist, wenn Mama an einem Freitagmorgen ihre angefangene Geschichte liegen lässt, sich so früh als möglich aus dem Haus begibt und von Schulzimmer zu Schulzimmer zieht, um mit eigenen Augen zu sehen, dass die Schule trotz aller hitzigen bildungspolitischen Debatten noch immer die Gleiche ist wie vor dreissig Jahren. Sie konnten einfach nicht verstehen, dass es nichts mit Bevorzugung zu tun hat, wenn ich zuerst bei Karlsson reinschaute, weil die Tür zum Werkraum gerade offen stand und dass ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht weniger liebe, bloss weil ich mir den Kindergartenbesuch bis zuletzt aufgespart habe, weil ich keine Lust hatte, am frühen Morgen beim Turnunterricht zuzuschauen. Es reicht doch eigentlich, dass ich bei jedem Kind exakt dreissig Minuten geblieben bin, dass ich den Lehrerinnen bewiesen habe, dass ich trotz meiner fünf Kinder Zeit finde für jedes Einzelne. Und ist es nicht der grösste Beweis für die Mutterliebe, dass Mama bei allen aufgehängten Kinderzeichnungen immer nach der Schönsten sucht, weil Mama felsenfest davon überzeugt ist, dass die eigenen Kinder am schönsten zeichnen?

Für dieses Jahr ist der Besuchsmorgen überstanden. Wie aber schaffe ich das in zwei Jahren, wenn auch der Zoowärter im Kindergarten ist? Und wie in vier Jahren, wenn ich an einem einzigen Morgen fünf Kinder besuchen soll? Vielleicht bilde ich mich bis dahin in Zeitmanagement weiter…

Konkurrenzkampf

Man sollte eigentlich davon ausgehen können, dass es zu Zeiten von GPS und Google Earth eine Lösung für das Problem gäbe. Doch noch immer grasen die Kinder einander gegenseitig das Revier ab, wenn sie von der Schule ausgesendet werden, um Spenden für wohltätige Organisationen einzutreiben. Bis anhin konnte mir das mehr oder weniger egal sein. Klar, es war zuweilen etwas entnervend, wenn an ein und demselben Tag drei oder vier Kindergruppen mit flehendem Blick vor unserer Haustüre standen und mir Schokoladentaler, Anstecknadeln und dergleichen zum Kauf anboten. Aber kinderliebend wie ich nun mal bin, habe ich klaglos allen etwas abgekauft.

Jetzt aber zieht mein eigener Sohn mit seinem besten Freund von Haus zu Haus und bietet in Indien gefertigte Holzvögel zum Kauf an. Und da bekomme ich natürlich hautnah mit, wenn andere sich erfrechen, an unserer Haustüre zu klingeln, wo diese doch ganz eindeutig zu Karlssons Revier gehört. Und tatsächlich: Beim ersten Klingeln stehen nicht die beiden Jungs vor der Türe sondern zwei Mädchen aus ihrer Klasse. Obschon ich natürlich weiss, dass sie die Konkurrenz meines Sohnes sind, lasse ich Luise einen Vogel von ihnen abkaufen. Karlsson braucht das ja nicht zu erfahren…

Abends aber höre ich, wie Karlsson sich bei Luise beschwert, die beiden Mädchen und zwei weitere Jungen hätten ihnen die Geschäfte gehörig vermiest. An einem Ort seien sie gar weggeschickt worden. Karlsson ist bitter enttäuscht und dies, obschon schon fast alle Vögel aus seiner Schachtel verkauft sind – Karlssons Geschwister haben grosszügigerweise tief in ihre Sparschweinchen gegriffen, als ihr grosser Bruder ihnen die bunten Vögel unter die Nase hielt – und das Portemonnaie vor lauter Geld und Süssigkeiten beinahe platzt. Karlsson findet es einfach hundsgemein, dass seine Klassenkameraden den Ortsplan nicht richtig lesen können. Luise will ihren Bruder trösten und sagt: „Mama und ich haben von den Mädchen nur einen Vogel abgekauft, von dir aber gleich drei.“ Worauf Karlsson in ein Wutgeheul ausbricht, weil seine eigene geliebte Familie ihm auf derart perfide Art in den Rücken gefallen ist. So eine Gemeinheit hätte er von uns nie und nimmer erwartet.

Zum Glück war ich gerade im Badezimmer eingeschlossen, als Karlsson von unserem Verrat erfuhr, sonst wäre er mir bestimmt an die Gurgel gesprungen. Und glaubt mir, ich bin so lange im Bad geblieben, bis Karlssons Zorn verraucht war…

Luise, Mama und die Zahlen

Mama mag keine Zahlen. Hat sie noch nie gemocht. Zwar hat sie schon seit frühester Kindheit alles, was es zu zählen gab, beinahe zwanghaft gezählt. Aber sobald es darum ging, kleine Zahlen von grossen Zahlen abzuziehen oder grosse Zahlen durch kleine Zahlen zu teilen oder herauszufinden, was a plus b minus c gibt, sass Mama, die damals natürlich noch nicht Mama hiess, verzweifelt da und kämpfte mit den Aufgaben – und mit den Tränen. Gab es eine Prüfung zu schreiben, schrieb sie oben ihren Namen und das Datum hin und gab das Blatt leer ab. So leer wie das Blatt war auch ihr Kopf, zumindest, wenn es um Zahlen ging. Wenn es um historische Zusammenhänge, grammatikalische Strukturen, komplizierte Sätze und fremdsprachige Vokabeln ging, dann war ihr Kopf voll, aber bei den Zahlen war nichts als lauter Leere. Es gab Lehrer, die attestierten ihr Dummheit, andere empfahlen ihr einen Besuch beim Psychiater und Jahre später, als die Schule längst Vergangenheit war, erfuhr sie, dass man die „Dummheit“ auch Dyskalkulie hätte nennen können, aber dafür war es jetzt zu spät. Die Matur hatte sie ja trotzdem geschafft, weil sie nicht nur unterdurchschnittliche Begabungen hatte, sondern auch überdurchschnittliche. Und beides zusammen ergab ein mehr oder weniger durchschnittliches Resultat.

Luise mag ebenfalls keine Zahlen. Vielleicht mag sie die Zahlen noch weniger als Mama sie gemocht hatte. Luise will nicht zählen, schon gar nicht will sie eins und eins zusammenzählen. Sie will auch keine Zahlenhäuser bauen und  keine Zahlemauern. Doch weil Luise all dies trotzdem tun muss, kommt es regelmässig zum lautstarken Krach, wenn die Lehrerin will, dass Luise zu Hause rechnet. Zwar bemüht sich Mama nach Kräften, die schlechten Erfahrungen mit den Zahlen nicht an die Tochter weiterzugeben, aber kaum sieht sie das aufgeschlagene Zahlenbuch vor sich, schrumpft Mama auf die Grösse von Luise und auf einmal sitzen da zwei quengelnde kleine Mädchen am Tisch, die nicht rechnen wollen. Die kleine Luise tobt, weil ihr Kopf nicht erfassen kann, was er erfassen müsste; die kleine Mama tobt, weil sie in ihrem Kopf keine Erklärungen findet, mit denen sie der Tochter das Unverständliche verständlicher machen könnte. Und so werden die beiden immer nervöser, immer ungeduldiger, immer lauter. Bis der Papa die Szene betritt, das Heft in die Hand nimmt und die Sache so erklärt, dass nicht nur Luise den Knopf auftut, sondern auch Mama. Vielleicht lernt auf diese Weise nicht nur Luise die Zahlen lieben.

Wobei: Der Papa, der damals noch nicht Papa hiess, hat in Mama, die damals noch nicht Mama hiess, die Liebe zu den Zahlen schon im Gymnasium zu wecken versucht. Während die Liebe zu den Zahlen ausblieb, wurde die Liebe zum zukünftigen Papa umso grösser. Und so lernte Mama wenigstens, dass eins und eins unter gewissen Bedingungen fünf Kinder gibt.

Liebe Schulleitung

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich Ihnen diesen Brief schreibe. Ich tue dies nämlich nicht aus freien Stücken.Im Gegenteil: Ich werde geradezu gezwungen dazu. Jeden Morgen um sieben Uhr und zwar von meiner fast siebenjährigen Tochter Luise: „Diese blöde Schulleitung! Schreib denen einen Brief und sag ihnen, dass ich nicht so früh aufstehen will.“ Und so schreibe ich Ihnen eben diesen Brief, mit der Bitte, die Kritik meiner Tochter zur Kenntnis zu nehmen. Aber zur Kenntnis nehmen reicht, machen Sie bitte nicht mehr daraus.

Leiten Sie diesen Brief zum Beispiel auf keinen Fall an die SVP weiter. Die würden ihn bloss als eine Aufforderung ansehen, dafür zu kämpfen, dass die Schule wieder wird wie Anno dazumal. Sie würden sich sofort dafür stark machen, dass die Mütter wieder schön brav zu Hause bleiben müssen, damit sie den einen Sprössling um sieben, den nächsten um acht, die anderen um neun in die Schule schicken können; damit sie den ersten Sprössling um zehn wieder in Empfang nehmen können, den Zweiten um halb elf und die anderen beiden um Viertel vor zwölf. Die SVP würde ein Bild von unserer morgenmuffeligen Tochter schiessen und es an alle Plakatwände pappen mit dem Spruch: „Ich will nicht so früh aufstehen! Nieder mit den Blockzeiten“. Oder so ähnlich.

Aber genau hier liegt der Haken: Luises Meinung ist nicht repräsentativ, nicht einmal in unserer Familie. Das Kind machte schon als Zweijährige die Nacht zum Tag und verpennte danach den ganzen Morgen. Wenn sie dies aus irgend einem Grund nicht tun konnte, dann war sie morgenmuffelig. Und so ist sie geblieben und deshalb hegt sie einen Groll gegen Sie, liebe Schulleitung. Die Sache ist also vollkommen subjektiv. Alle anderen Kinder in unserer Familie sind sehr zufrieden mit den fixen Schulzeiten von acht bis zwölf, insbesondere das Prinzchen und der Zoowärter, die froh sind, wenigstens am Morgen Ruhe vor den grossen Geschwistern zu haben. Also, liebe Schulleitung, nehmen Sie sich Luises Kritik bitte nicht  allzu sehr zu Herzen.

Und noch eine Bitte, und zwar eine flehentliche: Kommen Sie ja nicht auf die Idee, die Blockzeiten je wieder abzuschaffen, bloss, weil Luise nicht glücklich ist damit. Nicht nur, solange ich noch Schulkinder habe, sondern überhaupt gar nie mehr. Auch die Eltern kommender Generationen werden Ihnen unendlich dankbar sein dafür. Ja, ich wage zu behaupten, dass sogar Luise  dereinst einmal froh sein wird, wenn sie nicht die Sklavin des Stundenplans ihrer Kinder sein wird. Falls sie es bis dahin morgens aus den Federn schafft und die Frühschicht nicht dem Papa ihrer Kinder überlässt. Auch wenn sie das heute noch nicht begreifen will und mich jeden Morgen bedrängt, Ihnen endlich diesen Brief zu schreiben.

Was ich somit erledigt hätte.

Versuch 2346

Vielleicht ist es auch schon Versuch 5418 oder erst Versuch 1979. So genau weiss ich es nicht mehr. Irgendwann habe ich nämlich das Zählen aufgegeben. Das Problem aber ist geblieben: Meine Kinder gehen nicht aus dem Haus, ohne einen Streit vom Zaun zu reissen, ohne sich hundertsiebenmal ermahnen zu lassen, sie müssten jetzt endlich gehen, ohne mir schon morgens um acht den letzten meiner nicht gerade in Massen vorhandenen Nerven auszureissen. Was haben wir schon alles versucht, damit es besser wird?

Smileypläne, zum Beispiel. Für einen Morgen ohne Krach gab’s einen Smiley-Sticker. Für zehn Smileys gab’s eine kleine Belohnung, für zwanzig eine etwas Grössere. Das Ganze hat genau bis zum zwanzigsten Smiley hingehauen, dann ging das Theater wieder los. Dann probierten wir es eine Weile lang damit, dass „Meiner“, bevor er um sechs Uhr aus dem Haus hetzte, den Kindern ein schönes Frühstück bereitstellte, Tee kochte und eine Kerze anzündete. War nicht wirklich die zündende Idee, auch wenn die Kinder anfangs noch begeistert waren von den liebevoll angerichteten Apfelschnitzen. Dann probierte ich es mit klassischer Musik, weil ich dachte, wenn Kühe sich dabei leichter melken liessen, würden sich Kinder damit vielleicht leichter aus dem Haus manövrieren lassen. Dann kam der Versuch mit dem Erzählen von Geschichten, dann derjenige mit meiner Mutter, die jeden Tag helfen kam, dann der Versuch mit dem „in den Hammer laufen lassen, wenn sie zu spät zur Schule kommen“ und dann platzte mir der Kragen und von da an fielen mir nur noch Herumbrüllen und Türen knallen ein.

Das kann es ja auch nicht sein, dachte ich und bestellte, nach dem letzten Eklat, eine überteuerte „Morgenmuffel-Uhr“, auf Französisch viel weniger euphemistisch „Montre pour ceux qui se lèvent de mauvaise humeur“ genannt. Diese Uhr lässt sich so einstellen, dass immer dann, wenn man mit etwas fertig sein sollte, ein Signal ertönt: 30 Minuten fürs Frühstück – Gong- 5 Minuten fürs Zähneputzen – Gong- 15 Minuten fürs Waschen, Anziehen und Kämmen – Gong – fünf Minuten um Schuhe und Jacke anzuziehen – Gong – und raus mit der Bande! Klingt gut, nicht wahr?

Bleibt zu hoffen, dass dass Ding seinen Preis Wert ist. Und dass der grösste Morgenmuffel im Hause Venditti damit endlich die Probleme in Griff kriegt…..