Ich weiss ja schliesslich, wie man einkauft…

Zwischen Prinzchen abliefern und Prinzchen wieder abholen habe ich knappe fünfundvierzig Minuten Zeit. Gerade genug also, um schnell in die Migros zu rennen, das Nötigste einzukaufen, nach Hause zu hetzen, um das Zeug in den Kühlschrank zu legen und wieder loszufahren. Entsprechend gestresst bin ich, als es an der Kasse nicht vorwärts geht.

Die ältere Dame, die eigentlich bezahlen sollte, hat vergessen, die Kaki zu wägen. „Himmel, man weiss doch, dass man Kaki wägen muss“, grummle ich innerlich vor mich hin. „Und wenn man es nicht weiss, kann man ja lesen. Steht doch klar und deutlich, ob das Zeug pro Stück oder pro Kilo verkauft wird. Manche Leute sind einfach unfähig, richtig einzukaufen. Mir würde ein solcher Schnitzer ja nicht unterlaufen…“

Nach der älteren Dame kommt ein kleiner Junge dran. Das Geld, das ihm die Mama mitgegeben hat, steckt tief in seiner Hosentasche. Sehr tief. So tief, dass er erst einmal ganz viele andere Dinge hervorkramen muss, um an die Münzen ranzukommen. „Er hätte ja schon früher dran denken können, dass er bald dran ist“, schimpft es in mir drinnen. „Er hätte doch mehr als genug Zeit gehabt, sich um sein Geld zu kümmern, während die Kassierin auf die Kaki warten musste.“ Ja, so ungnädig kann ich über fremde kleine Jungs denken, wenn ich fürchte, mein eigener kleiner Junge müsse zu lange auf mich warten, weil andere nicht einmal einen kleinen Einkauf reibungslos über die Bühne bringen. 

Endlich bin ich an der Reihe. Die wenigen Artikel sind schnell gescannt. Schon will ich das Portemonnaie zücken, als die Kassierin fragt: „Was ist mit dem Blumenkohl? Haben Sie den nicht gewogen?“ 

Wie gut, dass keiner von denen, die hinter mir anstehen, meine Gedanken über die ältere Dame und den kleinen Jungen haben lesen können.

Ich hingegen kann mir ziemlich genau vorstellen, was sie über mich denken…

olive

Von älteren und jüngeren Linken

Damit er weiss, was er mit den Abstimmungscouverts anstellen soll, die in gut einem Jahr regelmässig für ihn im Briefkasten liegen werden, hat Karlsson momentan Staatskundeunterricht. Die Schüler sollen nicht nur informiert sein darüber, wie die Politik hierzulande funktioniert, sondern auch, welcher Partei sie nahe stehen. Deshalb hatten sie die Aufgabe, einen smartvote-Fragebogen auszufüllen. Ich war wohl ebenso gespannt auf das Resultat wie Karlsson. Eine Mutter will doch wissen, ob ihr Sohn der linken Gesinnung, die er bereits mit der Muttermilch eingeflösst bekommen hat, treu geblieben ist. 

Nun, treu geblieben ist er der politischen Überzeugung seiner Eltern schon. Auf den ersten Blick überrascht das Resultat dennoch: An zweiter Stelle von Karlssons Wahlempfehlung steht mit fast 75 Prozent Übereinstimmung die SP60+. Unser noch nicht ganz volljähriger Sohn tickt also fast genau gleich wie ein alternder Linker. Ganz so erstaunlich ist das Resultat aber nicht. Unser Ältester war ja schon immer etwas reif für sein Alter.

Und vielleicht muss er ja – trotz grundsätzlicher Übereinstimmung mit den politischen Ansichten seiner Erzeuger  – ein wenig Gegensteuer geben. Füllen nämlich die Eltern solche Fragebögen aus, bekommen sie meistens die Empfehlung, die Jungsozialisten zu wählen. 

kreide

Darum also…

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat ein phänomenales Gedächtnis. Dinge, die wir längst nur noch wissen, weil ich vor Jahren mal darüber gebloggt habe, sind bei ihm noch voll präsent. Ich brauche ihm nur ein Stichwort zu liefern und schon beginnt er zu erzählen. So zum Beispiel heute Morgen, als ich ganz nebenbei erwähne, er habe offenbar mal als Kindergärtner die Küche unter Wasser gesetzt. Für mich eine Episode unter vielen, an die ich keine konkrete Erinnerung mehr habe, für ihn aber eine Sache, die so gegenwärtig ist, als hätte sie sich gestern erst zugetragen. Und das Beste an allem: Er weiss noch, warum er es getan hat und so bekomme ich Jahre später endlich zumindest eine Antwort auf die vielen Fragen, die mir damals den Schlaf geraubt haben.

Er habe doch eigentlich schwimmen wollen, erklärt er mir. Total enttäuscht sei er gewesen, weil sich die Küche nicht schneller mit Wasser gefüllt habe. Er habe sich so auf den Badespass gefreut und dann habe dieser blöde Wasserhahn nicht mehr hergegeben als ein spärliches Rinnsal. Tja, und dann sei er eben erwischt worden, bevor sich die Küche in ein anständiges Schwimmbecken habe verwandeln können…

Das also war es, was ihn damals antrieb. Natürlich hilft es mir nicht viel, diese Begründung heute zu bekommen, aber immerhin weiss ich jetzt, dass er sich jeweils durchaus seine Gedanken gemacht hat, wenn ich das Gefühl hatte, er handle ganz und gar kopflos. 

kaki

Da bin ich wieder

Mitte Oktober, …

… wenn Karlsson allmählich von der Sehnsucht nach der Schule gepackt wird und die verbleibenden Ferientage nur aushalten kann, indem wir gemeinsam himmlisches Essen (hausgemachte Ravioli, zum Beispiel) zubereiten,…

… wenn „Meiner“ hingegen jeden Morgen mit einem tiefen Seufzer der schönen Ferientage in der Toscana gedenkt und sich dann schweren Herzens aufmacht, um seine Schüler, die bereits wieder dürfen, was Karlsson so gerne möchte, zu unterrichten,… 

… wenn auch der FeuerwehrRitterRömerPirat sich schon wieder Morgen für Morgen aus dem Bett quälen muss, was sich aber im Vergleich zu früher fast schon wie ein Spaziergang anfühlt, da er seit dem Schulwechsel nur noch ein ganz gewöhnlicher Morgenmuffel und kein Schulverweigerer mehr ist,… 

… wenn Luise an den Tagen, an denen sie nicht bei „Meinem“ im Schulzimmer schnuppert, nicht vor dem Mittagessen aus dem warmen Bett gekrochen kommt und es dafür meist erst nach Mitternacht wieder aufsucht,…

… wenn der Zoowärter und das Prinzchen zu diversen Ferienpass-Veranstaltungen chauffiert werden müssen, was meinen Tag in viele kleine, unbrauchbare Häppchen teilt,…

… wenn ich denen, die schon wieder müssen, eine halbwegs geregelte Tagesstruktur bieten sollte, den anderen aber nicht zu viele Einschränkungen auferlegen sollte,…

… wenn ich selber auch zu denen gehöre, die bereits wieder müssen, weshalb es mir eigentlich ganz und gar nicht gelegen kommt, dass andere von mir unterhalten werden möchten,…

… und dann noch all die Dinge zu tun sind, die man halt so tun muss, nachdem man zwei Wochen in Italien dem süssen Nichtstun gefrönt hat, zwei Geburtstage zu planen sind und der Garten auf die kalte Jahreszeit vorbereitet werden möchte…

… sollte man eigentlich keine Blogpause beenden. Das hätte ich bereits wissen müssen, als ich die Pause angekündigt habe, denn ich weiss ja inzwischen, wie es Mitte Oktober bei uns so läuft. Da ich aber die vergangenen Wochen genutzt habe, um hier ein wenig auszumisten und neu zu gestalten, weiss ich wieder, dass ich a) zu einem deutlich ungeeigneteren Zeitpunkt mit dem Schreiben angefangen habe und b) mir während viel anstrengenderen Phasen immer wieder die Zeit genommen habe, weiterzumachen.

Wäre doch gelacht, wenn ich jetzt, wo mein Leben im Vergleich zu früher fast schon beschaulich ist, nicht in der Lage wäre, dem Schreiben wieder einen festen Platz in meinem Alltag einzuräumen. 

Schönes Wochenende, liebe Lehrer

An alle engagierten Lehrerinnen und Lehrer da draussen: 

Glaubt mir, ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie ihr euch am Ende einer ereignisreichen Schulwoche fühlt. Warum? Weil einer von euch mit mir sein Leben teilt und der ist jeweils ziemlich geschlaucht, wenn er ins Wochenende startet. Geschlaucht und selbstkritisch, denn weil er seine Sache gut machen will, sieht er oft nur, was er hätte besser machen können und nicht das, was alles bestens lief. Vielleicht geht es euch jeweils ganz ähnlich und darum möchte ich euch, bevor ich euch ein schönes Wochenende wünsche, kurz sagen, wie wichtig ihr seid.

Engagierte Lehrer können nämlich bewirken, dass einer*, der die Schule bis anhin als einen Ort erlebt hat, wo er nie genügen kann, jeden Tag fröhlich aus dem Haus geht und zufrieden wieder zurückkommt. Dass er mit leuchtenden Augen erzählt, was er alles gelernt hat und jeden, der ihm über den Weg läuft, mit den Scherzfragen unterhält, die er in der Schule gestellt bekommen hat. Dass er weiss, an wen er sich wenden kann, wenn ihm eine Schulkameradin andauernd auf der Nase herumtanzt und darum nicht mehr so gereizt sein muss, wenn es mal wieder zum Krach kommt. Dass er plötzlich Lust hat, sich mit einem Freund zum Lernen zu treffen und abends verkündet, er wolle im Bett noch ein wenig lesen. Dass er sich etwas zutraut und lernt, mit denen auszukommen, die er bis anhin gemieden hat. Dass er nicht mehr in Panik gerät, wenn er die Hausaufgaben vergessen hat, weil man ihm trotzdem noch mit Wohlwollen begegnet. Dass er die Schule plötzlich eine richtig tolle Sache findet und von seinen Lehrern redet, als wären sie Superhelden.

Was ihr auch seid, denn Menschen, die fähig sind, das Leben eines Kindes – und damit auch seiner Eltern – so viel schöner zu machen, sind die Grössten.

* Und zwar nicht derjenige, der die Schule gewechselt hat, sondern ein anderer. 

flowers

Wasabi & Tabasco

Mal wieder einer aus der Kategorie „Verstehe einer dieses Kind“:

Der kleine Prinz, der meine ganz und gar kindergerechte Erdnuss-Kokos-Nudelpfanne verschmäht,…

… seine Pasta vorzugsweise ohne Sauce, dafür mit Butter und Reibkäse zu sich nimmt,…

… bei jeder anständigen Gemüsesuppe die Nase rümpft,…

… weder mit Risotto gefüllte Peperoni noch einen deftigen Eintopf mit Bohnen und Wurst probieren mag und sogar fade Salzkartoffeln auf dem Teller links liegen lässt…

der Junge also, für dessen Geschmacksknospen selbst die einfachsten Gerichte irgendwie zu exotisch sind, erzählt mir heute voller Begeisterung, er habe neulich bei seinem besten Freund Wasabi-Erdnüsse mit Tabasco probiert, das habe umwerfend gut geschmeckt. Dann will er wissen, ob wir das auch mal haben könnten und ob wir vielleicht im Garten ganz viel Wasabi anpflanzen könnten.

Das also war es, was ihm an meiner Küche nicht gepasst hat…

Sieht nach Aufatmen aus

  • Nach sechs Jahren Durststrecke begegnet uns endlich wieder das zufriedene, strahlende Kind, das er von Geburt an bis zur Einschulung war.
  • Innerhalb von vierzehn Tagen gerade mal ein kleiner Konflikt, der nicht annähernd an das herankommt, was in den letzten Jahren üblich geworden war.
  • Endlich hören wir wieder dieses herzhafte Lachen, das wir so vermisst haben.
  • Am Mittagstisch in der Schule hat er den Widerstand aufgegeben und zum ersten Mal in seinem Leben Tomaten probiert. (Was nicht heissen soll, dass er sie gemocht hat…)
  • Die Hilfsbereitschaft, die er schon immer in sich hatte, mag sich wieder zeigen. 
  • Wir bekommen die Elternbriefe zu sehen, bevor die darin angekündigten Anlässe ohne unsere Anwesenheit stattgefunden haben. 
  • Die Worte sprudeln wieder aus ihm heraus wie ein Wasserfall.
  • Um Hausaufgaben brauchen wir uns nicht zu sorgen. Falls er überhaupt welche hat, ist seine Motivation so gross, dass er sich aus eigenem Antrieb darum kümmert.
  • Er erzählt wieder von seinen Zukunftsträumen. 
  • Wir fühlen uns, als hätten wir alle seit vielen, vielen Jahren wieder einmal Ferien, obschon wir mitten im Berufs- und Schulalltag stecken. 

Das Schuljahr ist gerade mal zwei Wochen alt und doch könnte ich noch viele weitere Gründe aufzählen, weshalb der Schulwechsel für den FeuerwehrRitterRömerPiraten (und uns alle) wohl wirklich das Beste war. 

aubergine

Wenn Mama nicht mitspielt…

Wenn mir der Zoowärter mit leuchtenden Augen vorschlägt, unser Mama-Sohn-Ausflug, den er von seinem zehnten Geburtstag noch zugute hat, könnte nach Deutschland zur Games-Messe führen,…

Wenn das Leuchten in seinen Augen schlagartig erlischt, als ich ihm erkläre, das sei erstens zu weit weg, zweitens zu teuer und drittens ganz und gar nicht das, wozu ein solcher Mama-Sohn-Ausflug gedacht sei,…

Wenn schliesslich die Tränen fliessen, weil ich auch nicht dafür bin, dass er mit seinen Freunden fährt und sich das Ticket mit seinem Taschengeld kauft,…

Wenn er krampfhaft versucht, nicht laut loszuheulen, als ich ihm darlege, den Leuten, die Kinder mit fabelhaften Werbespots bombardieren, ginge es eigentlich nur darum, Geld zu verdienen,…

Wenn er mir lustlos aufzählt, was er gern macht und gut kann, damit ich ihm daraufhin eine Predigt über sein spannendes, abwechslungsreiches Leben abseits des Bildschirms halten kann,…

Wenn er sich widerwillig von mir dazu überreden lässt, an seinem nächsten freien Nachmittag einen Kuchen mit mir zu backen, weil solche echten Erlebnisse so viel toller sind als das mehr oder weniger sinnlose Drücken von Knöpfen,…

Wenn er nach unserem langen Gespräch mit hängendem Kopf in seinem Zimmer verschwindet, wo man ihn noch bis spät laut schluchzen hört,…

… dann wünsche ich mir einen Augenblick lang, wir hätten uns dazu entschieden, unsere Kinder irgendwo in der Abgeschiedenheit grosszuziehen, damit wir uns nicht immer mit dem Mist herumschlagen müssen, den andere an unsere Knöpfe herantragen. 

danse

Gnadenfrist

Da springen eine Mama und ein Papa nach langem Zögern endlich über ihren Schatten, melden ihr jüngstes Kind zum Fussballtraining an, obschon ihnen vor den endlosen Stunden am Spielfeldrand graut, überbringen dem Kind die frohe Botschaft – und was geschieht? Fällt ihnen der Kleine jubelnd um den Hals? Erzählt er jedem, der ihm über den Weg läuft, er dürfe jetzt endlich bei den Junioren mitmachen? Von wegen! Er zuckt nur müde mit den Schultern, läuft danach tagelang übel gelaunt durchs Haus und geht bei jeder Gelegenheit an die Decke. 

Ein paar Tage später kommt er plötzlich spätabends ins Wohnzimmer. Ob sich der Trainer schon gemeldet habe, will er wissen. Sieht ganz so aus, als wolle doch allmählich so etwas wie ungeduldige Vorfreude aufkommen. Aber nur bis zur nächsten Frage: „Muss ich denn unbedingt dorthin gehen?“, will der Junge wissen und die Eltern bringen vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zu. Natürlich müsse er nicht, antworten sie schliesslich, als sie die Sprache wieder gefunden haben und der Kleine zottelt zufrieden ab ins Bett. 

Ein solcher Wandel lässt einer zu Schuldbewusstsein neigenden Mama natürlich keine Ruhe. Am Ende will der Sohn nur deshalb nicht mehr, weil er den Widerwillen der Eltern spürt. Also setzt sie sich an sein Bett, um mehr zu erfahren. Hat er Angst vor dem Training? Haben ihn die grossen Geschwister bearbeitet? Will er nicht, weil Mama und Papa nicht wirklich wollen? Nein, nichts von alldem. Er denke halt einfach, es mache viel mehr Spass, mit den Freunden in der Freizeit dem Ball nachzurennen. Und der grosse Pelé habe ja später auch alles vergessen müssen, was er im Training gelernt habe, um ein Star zu werden, das habe er im Film gesehen. (Jawohl, die Fussballbegeisterung ist so gross, dass man sich solche Filme antut…) Darum wolle er jetzt einfach nicht mehr. Und wie er das sagt, ist er zum ersten Mal seit Tagen wieder zufrieden und gelöst. 

Weil die Mama weiss, dass solche Szenen Jahre später oft ganz anders erzählt werden, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben und sie keine Lust hat, in dieser Erzählung als die Böse dargestellt zu werden, die den Traum von der Fussballkarriere im Keim erstickt hat, rät sie dem Sohn, noch einmal darüber zu schlafen. Die Anspannung kehrt zurück, also macht die Mama, die noch immer keine Lust hat, später die Böse zu sein, einen weiteren Vorschlag: Jetzt absagen und in einem Jahr, wenn er dann trotzdem will, noch einmal mit dem Verein Kontakt aufnehmen. Der Vorschlag wirkt, der Junge schlägt vor Erleichterung Purzelbäume auf dem Bett.

Wären die Mama und der Papa nicht zu müde, würden sie am liebsten auch Purzelbäume schlagen. Die Gefahr, dass sie eines Tages gelangweilt am Rande des Spielfelds stehen müssen, ist zwar noch nicht gebannt, aber immerhin haben sie eine Gnadenfrist bekommen.

Und einen endlich wieder zufriedenen Sohn. 

ball

 

Wächst sich das denn nie aus?

Pokémon, immer nur Pokémon. Sage ich: „Schau mal, wie herzig dieser Hamster aussieht“, antwortet er: „Ja, der ist wirklich herzig, aber schau mal dieses Pokémon, das ist noch viel herziger.“ Erfährt er, dass nach den Sommerferien sein Taschengeld erhöht wird, rechnet er sogleich aus, wie viel schneller er dann seine Kartensammlung erweitern kann. Reden wir darüber, dass er sich in der Schule wirklich mehr Mühe geben sollte, erklärt er, sei doch schon schlau genug, er kenne fast alle Pokémon-Namen auswendig. Und wenn das Prinzchen dem Ball hinterher rennt, findet er, ein Pokéball wäre doch viel besser als ein Fussball. „Mein lieber Zoowärter, es gibt wirklich wichtigere Dinge in diesem Leben als diese doofen Pokémon. Können wir endlich wiedermal über etwas anderes reden?“, sage ich manchmal, wenn ich die Schnauze voll habe von diesen doofen Monstern, die meinem Kind das Taschengeld aus dem Portemonnaie ziehen. 

Manchmal hängt mir das Ganze so sehr zum Hals heraus, dass ich schreien könnte. Wie froh bin ich dann, wenn mich „Meiner“ dazu überredet, trotz Müdigkeit abends noch etwas trinken zu gehen.

Doch welche Gesprächsfetzen wehen da vom Nebentisch zu uns herüber?

„War es denn ein legendäres Pokémon oder nicht?“ „Nein, wenn es ein Legendäres gewesen wäre, dann hätte er es natürlich eingefangen, aber es war ein ganz Gewöhnliches.“

Und ich habe allen Ernstes gedacht, diese Seuche wachse sich irgend wann aus, aber leider muss ich erkennen, dass sie bei manchen Leuten anhält, bis der Kellner nicht mal mehr einen Ausweis sehen will, wenn sie Hochprozentiges bestellen. 

gurke