Berufswunsch: Hausmann

Dass zweijährige Kinder noch mit Leidenschaft Hausarbeit verrichten, ist mir eigentlich nichts Neues. Aber dass man sich mit so viel Leidenschaft in die Sache stürzen kann wie das Prinzchen, das habe ich noch nie erlebt. Und ich bin ja eigentlich kein Neuling mehr auf dem Gebiet „Zusammenleben mit (fast) Zweijährigen“. Klar hat jedes unserer Kinder hin und wieder versucht, das eine oder andere Wäschestück aufzuhängen oder einen Teller vom Tisch zu räumen. Aber das Prinzchen will nicht alleine den Geschirrspüler ausräumen, nein, er will auch gleich alles Geschirr am richtigen Ort versorgen. Er gibt sich nicht alleine damit zufrieden, Wäsche aufzuhängen, er versucht auch gleich, die Kiste mit der gefalteten Wäsche die Treppe hochzuschleppen. Hat er sich mal wieder heimlich einen Stock tiefer zur Grossmama geschlichen, kommt er nicht eher wieder mit mir hoch, als er sämtliche Autos in die Kiste zurückgelegt hat und danach die Kiste am richtigen Ort versorgt hat. Wie der Junge mit dem Besen hantiert ist schon nahezu beängstigend und sein Verhalten zeigt mir ganz klar: Der Prinz hegt Ambitionen, der Beste Hausmann des Jahres 2035 zu werden.

Meinen potentiellen Schwiegertöchtern rate ich, ihre Bewerbungsunterlagen schon frühzeitig einzureichen. Bei der aktuellen Diskussion um die Frage, ob die Schweiz fünf Bundesrätinnen verkraften würde, oder ob dies nicht etwas zu viel der Weiblichkeit sei, kommen mir so langsam die Zweifel, ob die Emanzipation tatsächlich stattgefunden hat. Wenn mir die Statistik belegt, dass noch immer in acht von zehn Haushalten der Schweiz die Frau die Hauptverantwortung für den Haushalt trägt, dann sehe ich, dass der Mann mit Küchenschürze noch immer ein Exot ist. Und trotz meines grenzenlosen Optimismus beginne ich zu fürchten, dass die Welt in ferner Zukunft, wenn das Prinzchen seinen eigenen Haushalt haben wird, – so ich ihn denn jemals ziehen lasse – noch nicht viel anders aussehen wird.

Also mein Prinzchen, fleissig weiter haushalten, damit deine Chancen auf dem Heiratsmarkt nicht schwinden.

Wachstumsschmerzen

Da sitze ich und bemitleide mich selber, weil das Erste meiner fünf Kinder so langsam aber sicher gross wird. Sehnsüchtig denke ich zurück an die Zeiten, als er noch ganz winzig war. Ich lache über die Wutanfälle, mit denen er mich damals, als er etwa drei war, beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte, ich grabe alte Anekdoten aus und starre minutenlang auf das erste Ultraschallbild, das mein erster Beweis war, dass aus einer ganz gewöhnlichen Frau schon bald eine jener Mütter werden würde, die im Nachhinein alles rosaroter sehen, als es je war. Und jetzt wird es wohl nur noch ein paar Jährchen dauern, bis ich zum ersten Mal im Brustton der Überzeugung behaupten werde, meine Kinder hätten sich nie gestritten, sie seien immer ganz brav gewesen. Und irgendwann werde ich wohl meinen eigenen Blogposts über das alltägliche Familienchaos nicht mehr glauben….

Aber eigentlich wollte ich ja von etwas ganz anderem reden, nämlich davon, dass ich vor lauter Sentimentalität beinahe übersehen hätte, dass auch für Karlsson die Veränderungen nicht immer einfach sind. Mal wünscht er sich, noch etwas länger klein bleiben zu dürfen, zum Beispiel dann, wenn die Kleinen noch ein Stofftier mitnehmen dürfen, er aber nicht mehr. Dann wieder brüstet er sich stolz damit, dass er als Einziger seiner Geschwister bereits hin und wieder zwei Stunden ganz alleine zu Hause bleiben darf. Mal beneidet er die Kleinen, weil sie noch keine Hausaufgaben erledigen müssen, dann wieder schüttelt er verständnislos den Kopf, wenn der Zoowärter nicht begreifen will, weshalb im Sommer kein Schnee fällt.

Es hat lange gedauert, bis „Meinem“ und mir endlich gedämmert hat, dass dieses ständige Hin und Her zwischen der Sehnsucht nach der sich ihrem Ende zuneigenden Kindheit und der Vorfreude auf das Abenteuer des Grosswerdens unserem Ältesten ganz schön zusetzt. Wir, die wir das Grosswerden schon hinter uns haben, – was sich bei mir in der Vertikalen allerdings stark in Grenzen gehalten hat – haben vergessen, was es heisst, wenn die Leute plötzlich nicht mehr „ach, wie süüüüüssss!“ seufzen, wenn sie einen ansehen. Wir haben übersehen, dass die Veränderung, die vor allem mir nicht immer leicht fällt, für Karlsson noch viel einschneidender ist als für uns. Wir mussten uns erst wieder in Erinnerung rufen, wie schwierig es war, den Schritt vom Kleinkind zum Schulkind, vom Schulkind zum Teenager, vom Teenager zum Erwachsenen  zu machen, bevor uns bewusst wurde, dass unser Sohn nicht viel dafür kann, wenn er zurzeit launisch ist wie das Aprilwetter. Wenn er jede leise Ermahnung als Kritik an seiner Person empfindet, jeden Tadel als tiefe Beleidigung, wenn er ob all der Unsicherheiten so emotional wird, dass er inzwischen öfter die Tür knallt als seine Mama.

Nun denn, ich nehme an, ich werde meine Sentimentalitäten auf später aufschieben müssen, denn jetzt gilt es, unseren Grossen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.

Glucken-Test negativ!

Karlsson ist wieder da und ich bin erleichtert. Erleichtert, dass der Glucken-Test negativ ausgefallen ist. Nachdem ich nämlich letzten Sonntag beim Abschied ganz eindeutige Glucken-Symptome gezeigt hatte, beschloss ich, mich während Karlssons Abwesenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Bin ich tatsächlich eine Glucke, oder neige ich nur in Extremsituationen wie Abschied nehmen zu Gluckentum? Liege ich nachts stundenlang wach, weil ich mich um mein Kind sorge? Muss ich mich mit aller Macht davon abhalten, zum Telefon zu greifen? Gehe ich in der Gegend des Ferienhauses einkaufen, nur  damit ich, weil ich gerade „zufällig in der Gegend bin“ meinem Sohn einen ganz kurzen Kontrollbesuch abstatten kann? Nein, nichts dergleichen. Alles völlig normal, wie an anderen Tagen auch.

Klar, hin und wieder habe ich schon an meinen Ältesten gedacht, habe mich gefragt, ob es ihm wohl gut gehe. Aber als ich gestern Abend erfuhr, dass mein armer kleiner Karlsson im Lager krank geworden war, rief ich nicht wutentbrannt den Leiter an und entriss meinen Sohn augenblicklich den Klauen der Lagerleitung. Nein, ich war mir sicher, dass es nichts allzu Schlimmes sein konnte, denn sonst hätte man uns bestimmt angerufen. Mit dieser doch ziemlich abgeklärten Reaktion bin ich in den Augen gewisser Mütter wohl schon eher den Rabenmüttern zuzuordnen und ganz bestimmt nicht den Glucken. Aber ich kann alle beruhigen, die sich darum sorgen, ob meine Kinder auch genügend Liebe bekommen: Gegen Ende der Woche begann ich mich riesig auf das Wiedersehen mit Karlsson zu freuen und als er heute auf der Bühne stand, da konnte ich den Moment, in dem ich meinen Sohn in die Arme schliessen konnte, kaum mehr erwarten. Also keine Rabenmutter.

Aber auch ganz eindeutig keine Glucke. Denn wäre ich eine, dann wäre ich nach Karlssons ersten Sätzen bei der Begrüssung in Tränen ausgebrochen: „Ich will nicht nach Hause kommen“, meinte mein Ältester, kaum konnte er wieder reden, nachdem ich ihn an mich gedrückt hatte. „Und ich will mich sofort wieder für das Lager im nächsten Sommer anmelden.“ Eine Glucke wäre jetzt wohl am Boden zerstört, weil ihr Kind auch ohne sie zurecht kommt. Ich aber freue mich, dass mein Sohn die Zeit ohne uns genossen hat, dass er zwar einmal eine kurze Heimwehattacke hatte, sonst aber so glücklich war, dass er kaum mehr aufhören kann mit Erzählen.

Nachdem nun also der Glucken-Test ganz eindeutig negativ ausgefallen ist, gehe ich davon aus, dass ich einfach eine ganz normale Mutter bin.

Schöne Ferien, Karlsson!

Karlsson ist heute verreist. Alleine, ohne Mama, Papa und Geschwister, ohne David, den Stoffeisbären, oder zumindest fast ohne David, aber das ist eine andere Geschichte, eine ganz private, die unter Vendittis bleibt. Zum ersten Mal in den fast zehn Jahren seines Lebens ist Karlsson ohne uns, sind wir ohne Karlsson. Zum ersten Mal muss die Glucke in mir darauf verzichten, stets zu wissen, wo ihr Küken ist, was es gerade tut und ob es ihm gut geht. Zum ersten Mal darf die Freiheitsliebende in mir ein wenig aufatmen, sich ausmalen, wie die Sommer werden, wenn alle Kinder gross genug sind, ins Ferienlager zu fahren. Ich kann euch versichern: Diese zwei können sich ganz schön in die Haare geraten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, wie eben zum Beispiel heute. Das sieht dann etwa folgendermassen aus:

Glucke: „Karlsson, hast du auch ganz bestimmt alles eingepackt? Und bist du sicher, dass du alleine zurechtkommen wirst? Du wirst sehen, sechs Tage sind schnell vorbei und dann darfst du auch schon wieder nach Hause kommen….“

Die Freiheitsliebende unterbricht die Glucke: „Jetzt hab‘ dich doch nicht so! Der Junge kommt schon ein paar Tage ohne dich zurecht. Stell dir vor wie schön das wird: Einer weniger, der streitet, einer weniger, der den ganzen Tag für Radau sorgt. Und es dauert gar nicht mehr so lange, bis alle Kinder im Sommer ins Lager gehen können….“

Die Glucke, ziemlich schrill:Alle Kinder? Bist du wahnsinnig geworden. Es ist schlimm genug, dass Karlsson jetzt schon ohne uns verreist! Du weisst ja, was in einem solchen Ferienlager alles passieren kann.“

Die Freiheitsliebende, träumerisch: „Oh ja, ich erinnere mich…. Ganze Nächte durchquatschen, den Leitern Streiche spielen, vielleicht zum ersten Mal verliebt sein, … nun ja, dafür ist Karlsson vielleicht noch etwas zu jung, aber vielleicht eine Brieffreundschaft mit einem netten Mädchen, das gerne mit stillen, nachdenklichen Jungs befreundet ist,…. ach, war das schön, als man noch so jung und unbeschwert war!“

Die Glucke, zurechtweisend: „Wenn ich an Ferienlager denke, kommen mir eher andere Dinge in den Sinn. Bienenstiche zum Beispiel, oder verstauchte Fussgelenke, Heimweh, Tränen, weil man ausgeschlossen wird, schlechtes Essen, oder, schlimmer noch, zu wenig essen…. Ach ja, ich muss unbedingt gleich heute Abend noch ein Fresspaket für Karlsson zurechtmachen, damit ich es morgen früh auf die Post bringen kann…“

Die Freiheitsliebende: „Du mit deiner Schwarzmalerei! Du hast doch den Menuplan gesehen. Karlsson wird das Essen dort lieben. Und das Haus ist auch perfekt, so sauber, er wird nicht mal Asthma kriegen dort, weil es eines der einzigen Lagerhäuser ist, die nicht völlig verstaubt sind. Und dann liegt das Haus ja auch so schön abseits….“

Die Glucke: „Ha, von wegen abgelegenes Haus! Hast du denn vergessen, dass Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat genau dort, vor diesem Lagerhaus einmal beinahe von einem Lastwagen überfahren worden wären? Was, wenn mit Karlsson das Gleiche passiert?“

Die Freiheitsliebende: „Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber du weisst auch, dass die Beiden damals noch winzig waren und keine Ahnung davon hatten, wie gefährlich so ein Lastwagen ist. Karlsson ist gross und vernünftig…“

Die Glucke: „Karlsson meint, er sei gross und vernünftig. Aber er ist doch noch so klein. So alleine und verloren in einem Lager. Der arme Junge….“
Die Glucke ist den Tränen nahe.

Die Freiheitsliebende: „Nun, so alleine ist er nun auch wieder nicht. Immerhin hat er seinen besten Freund dabei. Und die Schwester des besten Freundes ist auch dort. Und dann sonst noch ein paar Kinder, die er kennt. Und sein Gruppenleiter macht einen ganz guten Eindruck.“

Die Glucke: „Ja, aber der Gruppenleiter ist erst siebzehn. Wie soll der für meinen armen kleinen Jungen sorgen können? Der ist ja selber noch fast ein Kind. Was soll bloss aus meinem Kind werden? Ich glaube, ich hole ihn gleich wieder nach Hause. Der arme, arme Junge….“
Die Glucke bricht in Tränen aus.

Die Freiheitsliebende: „Du scheinst vergessen zu haben, dass der ‚arme arme Junge‘ sich freiwillig ins Lager angemeldet hat, dass er sich monatelang auf diese Woche gefreut hat, dass er die Zeit ohne dich geniessen wird….“

Die Glucke, heftig schluchzend: „Das…. i-i-i-h-h-h-st ja…. das Schli-h-i-h-i-mmste an der Sa-ha-ha-che, dass Karlsson …. ga-ha-ha-nz gu-hu-hu-hu-t ohne mi-hi-hi-ch zurechtkommen…. wird….“

Während die Glucke heulend auf dem Sofa liegenbleibt, geht die Freiheitsliebende frohgemut in die Küche, holt sich etwas zu Trinken und murmelt vor sich hin: „Das ist ja das Schöne, dass Karlsson ganz gut ohne mich zurechtkommen wird.“

Happy Birthday, FeuerwehrRitterRömerPirat!

Sechs Jahre ist es her, seitdem du in unser Leben geplatzt bist, zwei Wochen früher als eigentlich erwartet, an jenem wunderbaren Sommerabend, als alles nach Lindenblüten duftete. Sechs Jahre ist es her, seitdem dich die damals noch sehr kleine Luise mit einer zum Glück nicht allzu heftigen Ohrfeige im Kreise unserer Familie willkommen hiess. Sechs Jahre ist es her, seitdem du nachts jeweils aufgeschreckt bist, weil du den Lärm der Baumaschinen vermisstest, die dich in den ersten Monaten deines Lebens ständig begleiteten.

Hätten „Meiner“und ich unser Familienleben je minutiös geplant, man hätte sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für ein weiteres Kind aussuchen können: Die Wohung  mitten im Grossumbau, der am Ende acht Monate dauern sollte, das Konto meistens bereits am Ersten des Monats leer, die Mama seit einem Jahr arbeitslos und der Papa mitten in einer Weiterbildung, drei Kinder in Windeln. Kurz und knapp ausgedrückt: Stress pur.

Und dann kamst du, hast dich in unsere Arme gekuschelt, hast bei uns die Ruhe gesucht und uns dadurch immer wieder gezeigt, dass alles Hetzen nichts bringt und dass es jetzt einfach Zeit ist, innezuhalten. Mit deinen ersten Worten „ou, dööön!“ (Oh, schön!), hast du uns mitten im Bauchaos auf das Schöne hingewiesen, mit deinem herzlichen Lachen hast du dafür gesorgt, dass uns auch dann, als uns nicht ums Lachen war, die Freude am Leben nicht verging. Du warst dieses unglaubliche Geschenk, das uns trotz allen Durcheinanders nicht vergessen liess, was wirklich zählt im Leben.

Und ein Geschenk bist du noch heute. Keiner strahlt so wie du, wenn er glücklich ist, weil er seine Fussballausrüstung bekommen hat. Keiner freut sich wie du, wenn er mit Papa endlose Stunden im Kunsthaus verbringen darf. Keiner zwingt einen so zum Nachdenken wie du, wenn du eine tiefsinnige Frage stellst, wenn du eigentlich die Schuhe anziehen solltest, um rechtzeitig in den Kindergarten zu kommen. Keiner fordert einen so heraus wie du, wenn du nicht so willst wie wir und uns damit dazu bringst, neue Wege zu suchen, anstatt jedes Kind über den gleichen Kamm zu scheren. Keiner bringt mein Herz so zum Schmelzen wie du, wenn du einfach so, wenn ich es am wenigsten erwarten würde, zeigst, wie gern du mich hast.

Lieber FeuerwehrRitterRömerPirat, du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich deine Mama bin!

Mach‘ die Leine länger, Mama

Während ich mit einem Bein noch mitten im Babyalter stehe und mich noch immer mit halb-durchwachten Nächten abplage – heute Nacht war das Prinzchen ein Hahn, der fröhlich sein Kikeriki krächzte, bis „Meiner“ brummte, der Hahn solle jetzt doch endlich still sein -, tauchen am anderen Ende des Spektrums neue Fragen auf: Wie viel kann ich Karlsson schon zutrauen? Wann darf ich guten Gewissens ja sagen, wo muss er mit einem Nein leben können, weil er zwar schon fast zehn, aber lange noch nicht erwachsen ist? Während ich mich noch immer fühle wie eine Glucke, die stets darum bemüht ist, ihre Küken unter ihre Flügel zu sammeln, fängt Karlsson so langsam aber sicher an, sich einen erweiterten Radius zu wünschen. Nicht, dass sein Wunsch nach mehr Freiheit besonders ausgeprägt wäre – andere Kinder in seinem Alter sind da weitaus unternehmungslustiger -, aber doch so, dass ich so langsam aber sicher zu ahnen beginne, dass mein kleiner Karlsson ein grosser Karlsson werden will.

Ein grosser Karlsson,  der in drei Wochen zum ersten Mal ohne seine Eltern in ein Ferienlager fahren wird. Und sich unbändig auf diese Woche freut. Die einzige Sorge, die ihn dabei plagt, ist, ob er es eine Woche ohne seinen geliebten Eisbären David aushalten wird. Ob er ohne Mama und Papa auskommen wird, ist für ihn keine Frage. Er liebt es, hin und wieder ohne uns zu sein. Ich hingegen will mir lieber gar nicht ausmalen, wie sehr ich meinen Ältesten vermissen werde. Wie ich wohl hundertmal am Tag den Drang verspüren werde, die Leiter anzurufen, um nachzufragen, ob es meinem Sohn denn auch gut gehe. Wie ich mich zusammenreissen werde, um nicht zu heulen, wenn er eine ganze Woche lang nicht mit uns am Tisch sitzen wird. Ich meine, man muss sich das einmal vorstellen: Geschlagene sechs Tage zwanzig Kilometer vom Elternhaus entfernt, ohne anständiges Essen, in einem Bett, in dem schon hundert andere gelegen haben… Ach, Karlsson, musst du denn wirklich so schnell gross werden?

Karlsson scheint zu spüren, dass mir das Loslassen nicht so ganz leicht fällt. Und darum fängt er an, mich zu trainieren. Ob er noch im Schwimmbad bleiben dürfe, wenn der Schwimmunterricht vorbei sei, wollte er letzten Donnerstag aus heiterem Himmel wissen. Ich müsste bloss der Lehrerin einen Brief schreiben, dann sei die Sache geritzt. Wie bitte? Mein Sohn soll ohne mich im Schwimmbad bleiben? Was, wenn ausgerechnet an diesem Tag ein weisser Hai im Schwimmbecken auftaucht? Oder wenn eine Pferdebremse ihre Runden dreht? Oder wenn er gar am Ende noch ein Auge auf eine seiner bildhübschen Klassenkameradinnen wirft? Weiss denn mein armer kleiner Junge nicht, welche Gefahren da so lauern in einem öffentlichen Schwimmbad? Da kann Mama doch nur nein sagen, oder? Karlsson war da natürlich anderer Meinung, aber wie hätte ich denn reagieren sollen, wenn mein Kind von der Schule nach Hause kommt und so ganz ohne Vorwarnung von mir verlangt, dass ich ihn alleine unter ein Rudel von Wölfen gehen lasse?

Karlsson scheint aus der Situation gelernt zu haben: Diese Woche fragte er mich bereits zwei Tage im Voraus, ob er diesmal länger bleiben dürfe. Immerhin sei er letztes Mal fast der Einzige gewesen, der sofort hätte nach Hause gehen müssen. Nach reiflicher Überlegung gestattete ich ihm schliesslich schweren Herzens, dass er bis fünf bleiben dürfe, wenn sein bester Freund auch dürfe. Und natürlich schärfte ich ihm noch ein, dass ich ihn pünktlich zu Hause erwarten würde, weil sonst die Leine sofort wieder gekürzt würde. Karlsson versprach hoch und heilig, er werde um zwanzig nach fünf zu Hause sein. Und ward bis zwanzig vor sechs nicht mehr gesehen. Als ich gerade in Panik ausbrechen wollte – vorher hatte mich ein krankes Prinzchen davon abgehalten, zu bemerken, dass Karlsson schon längst hätte da sein sollen -, kam ein strahlender Karlsson angehumpelt. Er hätte Blasen an den Füssen gekriegt, entschuldigte er sich. Und weil seine Füsse so sehr geschmerzt hätten, habe er sich in der Apotheke verarzten lassen und von dort aus auch versucht, uns anzurufen, damit wir uns keine Sorgen machten, aber unser Telefon sei besetzt gewesen. Danach sei er weiter gehumpelt und weil die Schmerzen nur noch schlimmer geworden seien, habe er sich in der Drogerie noch einen weiteren Verband machen lassen. Und jetzt sei er wieder da, habe Hunger und wolle jetzt gleich etwas essen und zwar auf dem Sofa, weil sie ihm in der Apotheke gesagt hätten, er solle sich ein wenig hinlegen.

Und jetzt soll man mir mal sagen, wozu dieses Kind überhaupt noch eine Glucke braucht, wo es doch so gut auf sich selbst aufpassen kann. Ob mein Kind mir mit seinem mustergültigen Verhalten sagen möchte, ich sollte doch bitte ein klein wenig lockerer werden?

Gewonnen

Was ich heute Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr getan habe? Na, was wohl? Fussball geschaut habe ich. Was denn sonst? Und je länger das Spiel dauerte, umso nervöser wurde ich. Erfrechte sich eines der Kinder, sich so vor den Fernseher zu stellen, so dass ich nichts mehr sehen konnte, wurde ich laut. Kamen die Spanier dem Schweizerischen Tor zu nahe, zitterte ich.

Weshalb ich mir das angetan habe, wo ich mich doch gar nicht für Fussball interessiere? Na, warum wohl? Weil die Migros versprochen hat, dass es morgen zehn Prozent Rabatt gibt, wenn die Schweiz heute Spanien schlägt. Und weil ich als pflichtbewusste Hausfrau weiss, dass es nichts gratis gibt, musste ich mir eben die ganzen 90 Minuten inklusive Nachspielzeit ansehen. So kann mir morgen keine Kassierin kommen und behaupten, Spanien habe gewonnen, ich bekäme keinen Rabatt. Immerhin geht es um rund 35 Franken, die ich sparen kann. Und die fallen in der zweiten Monatshälfte ganz schön ins Gewicht. Deshalb bin ich für einmal überglücklich, dass die Schweizer heute ein Tor geschossen haben. Endlich sind diese Fussballer mal zu etwas nütze….

Gut, der schnöde Mammon war nicht der einzige Grund, weshalb ich mir das Spiel angeschaut habe. Meine beiden mittleren Söhne waren auch nicht ganz unschuldig daran. Während der Zoowärter verkündete, er wolle auch „Tschuttiballer“ werden, wenn er mal gross sei, erklärte mir der FeuerwehrRitterRömerPirat, mit welcher Taktik er dereinst die Spanier besiegen werde, wenn er für die Schweiz auf dem Rasen stehe. Und mutterliebend wie ich nun mal bin, habe ich meinem zukünftigen Fussballstar natürlich hoch und heilig versprochen, dass ich seine Spiele nicht bloss an der Glotze mitverfolgen werde. Da kann ich doch nur hoffen, dass unsere unsportlichen Gene dem Jungen einen Strich durch die Karriererechnung machen.

Wer sucht,….

…. der findet auch bei uns irgend etwas, aber leider meistens nicht das, wonach er gesucht hat. So tauchten zum Beispiel heute Morgen die Au-Pair-Unterlagen, die ich seit drei Tagen verzweifelt gesucht hatte wider auf ausserdem der Schlüsselbund von „Meinem“, den am Sonntag so ziemlich jedes Familienmitglied mal in der Hand gehabt hatte, so dass nicht mehr nachvollziehbar war, wer ihn zuletzt wo liegen gelassen hatte. Nun, seit heute früh wissen wir, wo der Kerl gesteckt hat: Auf dem Wickeltisch, unter einem Berg von Kleidern verborgen. Was mich darauf schliessen lässt, dass das Prinzchen zuletzt damit gespielt hat, denn er ist der Einzige, der auf dem Wickeltisch überhaupt noch etwas zu suchen – oder wohl eher liegenzulassen – hat. Man sieht also: Unsere Suchaktion war äusserst erfolgreich. Bloss half uns das nicht weiter, denn Karlsson brach trotzdem in Tränen aus, weil seine Streifen verschwunden blieben und er den Zorn der Lehrerin fürchtete.

Ich kann gar nicht verstehen, warum Karlsson immer so sehr in Panik gerät, wenn er etwas nicht finden kann. Für ihn ist jeder kleine Misstritt der Anfang des Weltuntergangs und er malt sich dann jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit ihm alles passieren könnte, bloss weil mal wieder etwas daneben gegangen ist. Dabei hat er doch stets eine Ausrede zur Hand: Er kann seinen kleinen Brüdern die Schuld geben am ganzen Schlamassel. Aber nein, Karlsson nimmt alle Schuld auf sich, macht sich Vorwürfe und zittert vor der Strafe, die dann meist gar nicht eintritt, weil er bei der Lehrerin einen grossen Stein im Brett hat. Also ich war ja ganz anders in dem Alter. Ich machte nie ein solches Geschrei. Musste ich auch gar nicht, denn aus lauter Angst, dass ich etwas falsch machen könnte und dass die Lehrerin mir deswegen böse sein könnte, war ich stets darauf bedacht, nur ja nichts zu vergessen, kein Blatt zu zerknittern, keine Papierschnipsel zu verlegen. Ich hatte ja auch keine jüngeren Geschwister, denen ich den Fehler in die Schuhe schieben konnte und so musste ich eben im Vornherein dafür sorgen, dass alles war, wie es sein sollte. Um stets den nötigen Druck zu haben, alles richtig zu machen, malte ich mir jeweils in den schwärzesten Farben aus, was mit mir passieren würde, wenn ich einen Fehler beginge. Das ist dann wohl der Grosse Unterschied zwischen Karlsson und mir: Ich zitterte vorher, er zittert nachher. Aber perfektionistische Angsthasen sind wir beide.

So, aber jetzt muss ich los. Die Papierstreifen sind wieder aufgetaucht, als ich nach der Kabelrolle suchte, um die Pumpe des Schwimmbeckens in Betrieb zu nehmen. Wenn ich jetzt ganz schnell zur Schule renne, dann schaffe ich es noch, Karlsson die Streifen in der grossen Pause in die Hand zu drücken und dann können wir vielleicht noch verhindern, dass die Lehrerin schimpft….

Kopfball

Fussball ist nicht gerade Karlssons allerliebste Freizeitbeschäftigung. Im Gegenteil: Bis vor einigen Monaten hat er um jeden Ball einen weiten Bogen gemacht. Deshalb waren wir auch sehr erstaunt, dass der Junge sich freiwillig zum Schülerturnier angemeldet hat und bis heute früh waren wir nicht sicher, ob er auch tatsächlich auf dem Rasen stehen würde, wenn es ernst gilt. Kam er doch mehr als einmal völlig frustriert vom Training nach Hause. Erstaunlicherweise liess er es sich dennoch nicht nehmen, schon im Morgengrauen ins Elternschlafzimmer zu schleichen, um uns zur Eile anzutreiben, weil das erste Spiel doch „schon in zwei Stunden“ beginnen würde.

Trotz viel zu kurzer Nacht liessen es „Meiner“ und ich es uns nicht nehmen, abwechslungsweise die Spiele unseres Ältesten durch unsere Anwesenheit zu würdigen. Man weiss ja nie, ob Karlsson je wieder Lust haben wird, einem Ball nachzurennen, da er weder väterlicher- noch mütterlicherseits Fusballergene vererbt bekommen hat. Nun ja, als ich noch sehr sehr jung war, habe ich mich hin und wieder an Grümpelturnieren beteiligt, aber bloss, weil es mir so viel Spass machte, wenn die Jungs aufheulten vor Schmerz, weil ich konsequent gegen ihre Schienbeine trat, wenn ich eigentlich den Ball hätte treffen sollen.

Nun, Karlsson trat niemanden gegen die Schienbeine, aber er trat auch nicht gegen den Ball. Sobald dieser nämlich in seine Nähe kam, suchte er das Weite und so schaffte er es, an einem Fussballturnier dabei zu sein, ohne Fussball zu spielen. Aber er war glücklich dabei und darum waren wir es auch. Am Ende hatte ich aber dennoch eine Frage: „Karlsson, weshalb weichst du denn eigentlich dem Ball immer aus?“, wollte ich wissen. „Weil ich Kopfbälle machen muss, wenn der Ball zu mir kommt“, antwortete er mir. Als ich wissen wollte, ob er denn Angst vor Kopfbällen habe, meinte er ganz ernsthaft: „Nein, natürlich nicht. Aber bei jedem Kopfball geht eine Gehirnzelle kaputt und ich will doch mein Gehirn nicht kaputt machen.“

Kluges Kerlchen. Er weiss, dass es sich nicht lohnt, sich wegen eines doofen Balls das Gehirn zerstören zu lassen. Wobei zwei oder drei Kopfbälle seinem Gehirn ganz bestimmt nicht geschadet hätte. Er hat ja nicht bloss zwei oder drei Gehirnzellen….

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.